aber den Eindringling erkennend , faßte sie sich sofort , und nun hörte man sie in dem atemlosen Schweigen mit Strenge sagen : » Was verlangst Du den Schutz dieses Heiligtums , in das Du ohne Recht eingedrungen bist , Yung Lu ? Weißt Du nicht , daß kein Beamter aus der Provinz in die Hauptstadt kommen darf ohne kaiserlichen Befehl ? « » Ich weiß es , Gnadenreiche , und bitte um spätere Strafe , « antwortete der Kniende , » aber ich konnte nicht warten , ich bringe zu wichtige Kunde . « Die Kaiserin neigte sich bei diesen Worten vom Throne herab , Li lien ying war näher herangetreten . Der Kniende sprach indessen weiter , leise und hastig . Man hörte nur Murmeln . Aber Tschun sah , wie die Kaiserin plötzlich erbleichte . Und dann trat Li lien ying vor und rief mit sardonischem Lächeln und lauter Stimme : » Kaiserlicher Befehl : Theater wird heute nicht mehr gespielt ! « Und so stark war die Macht uralter Tradition , daß trotz der Erregung , die alle ergriffen hatte , bei dem Wort » kaiserlicher Befehl « sämtliche Anwesende ganz automatisch auf die Knie sanken und den Boden mit der Stirn berührten . Die Kaiserin aber hatte sich erhoben . Und so , hoch über den anderen auf der obersten Thronstufe stehend , schien sie zu etwas Ungeheuerlichem emporzuwachsen , zur unerbittlichen Furie grausamer Rache , der all die gebeugten Nacken ein Piedestal bildeten , aus zitterndem , ihr willenlos untertanem Menschenfleisch . Doch schon wurden die Glasfenster zugeschoben , die Loge von Bühne trennten . Tschun konnte nichts mehr von dem sehen , was im Zuschauerraum nun vor sich gehen mochte . Von hastenden Menschen wurde er selbst fortgeschoben , weitergedrängt zwischen all den grinsenden Pappungeheuern . Die Schauspieler redeten wirr durcheinander mit dünnen , zitternden Stimmen , gestikulierten in ihren phantastischen Trachten , rissen sich die schreckenerregenden Masken ab und sahen nun erst recht erschreckend aus in ihrer bleichen Furcht . Denn sie alle , die sie ja Palastwächter waren und zur Kaiserin gehörten , fühlten sich plötzlich bedroht . Das unerhörte Eindringen Yung Lus , seine unheilkündenden Worte , das nie dagewesene Abbrechen der von der Kaiserin über alles geliebten Theatervorstellung - all das konnte ja nur etwas Entsetzliches bedeuten - irgendeine unheimliche Gefahr mußte in unmittelbarem Anzug sein - war vielleicht schon da . Aber was war sie ? Wo war sie ? Und wie konnte man sich retten ? Die kostbaren Gewänder flogen zu Boden , die schwachen Theaterwaffen wurden verächtlich beiseite geworfen . Alle zu gleicher Zeit wollten sie hinaus und fliehen , die geängstigten Menschen , ohne doch deutlich zu wissen , wovor , noch wohin . Und auch Tschun , der bloß dunkel fühlte , daß irgendwo irgendetwas Schauriges vorgehen mußte , hatte nur das eine Verlangen , fort , fort aus diesen Unheilsräumen ! Unter all den grausig grotesken Ungetümen mit ihren wilden Verzerrungen wähnte er sich in die chinesische Hölle des Tempels versetzt , und überall sah er plötzlich riesige schwarze Brummfliegen , aber kein Wedel vermochte sie zu scheuchen , sie kamen näher , näher ! Das Entsetzen kroch Tschun am Rücken entlang , riesengroß . Er mußte plötzlich schreien . Und schon antworteten ihm andere Schreie , als hätten sie nur auf ihn gewartet . Die Panik hatte sie alle ergriffen - diese sonst zu unerschütterlicher Bildhaftigkeit erstarrten Menschen . Und nun liefen sie alle durch den dämmernden Garten dem Ausgangstor zu . Die Palastwächter voran zeigten den Weg . Jetzt waren die großen Hornlaternen angezündet und blutrot grinsten ihre riesigen Glückszeichen auf den leuchtenden Kugeln . Gespenstisch stand die bleiche Marmorbalustrade gegen das dunkle Wasser , blassen Gesichtern Verstorbener gleich hoben sich die Lotosblüten aus der finsteren Tiefe . Nach der Schwüle des Theaters gewannen die Geängsteten hier im Freien etwas Ruhe und Ueberlegung wieder . Tschun und Mahan , die bei der Vorstellung getrennt gewesen , hatten sich jetzt wiedergefunden . Unter dem Eindruck , daß die ganze äußere Welt ja noch genau so geblieben war , wie sie sie vor wenigen Stunden verlassen , legte sich auch etwas die innere Erregung . Das Rennen wurde allmählich zum Gehen . So kamen sie zu den drei von blutroten Mauern umgebenen Höfen . Die waren gefüllt mit Menschen , wie auch die Wartehäuser an den Seiten . An den äußersten Toren aber , durch das einer der Palastwächter die aus den Dörfern stammenden Knaben entlassen wollte , tönte ihnen der Ruf der Türhüter entgegen : » Die Tore sind verschlossen . Der Befehl erging : Niemand darf vor morgen früh den Sommerpalast verlassen . « Und nun erst erkannte Tschun im flackernden Schein großer Laternen , die an Stäben aufgestellt waren , daß die Gäste des Theaterspiels da noch warteten , umgeben von einer Unzahl eigener Bediensteter . All diese Menschen sahen gespannt und erwartungsvoll aus . Wenn sie einen Augenblick in das unstete Licht der Laternen traten , sah man die glatten pergamentenen Antlitze der Jüngeren , die runzligen Schildkrötengesichter der Alten . In den Bambusbauern , an den Zweigen der alten Zedern , flatterten die Vögel , erschreckt ob des ungewohnten Lichtes . Manchmal kreischten sie laut auf . Die Knaben kauerten sich nieder auf den Stufen eines der Wartehäuschen . Durch die offenen Türen hörte man von drinnen abgerissene Worte heraustönen . Und auch durch die Höfe ging ein erwartungsvolles Murmeln . Dann nach ein paar Stunden erscholl Lärm von jenseits der hohen blutroten Umfassungsmauer . Das eilige Heranfahren von Karren . Die Rufe von Sänftenträgern . Die Türhüter öffneten sofort eilfertig ein Tor . So waren es also nicht Feinde , die da nahten ? Nein , Helfer , herbeigerufene Bundesgenossen mußten es sein ! - Ein Aufatmen ging durch die ängstlich Harrenden : es gab also in den Tiefen des nächtlichen Sommerpalastes einen starken , unbeugsamen Willen , der den Kampf aufgenommen hatte und dessen Ruf noch als unbestreitbarer Befehl in der Außenwelt galt ! Eine Reihe von Palastwächtern hatte sich plötzlich zum Empfang der Ankommenden am Tor eingefunden . Nun traten diese in den Hof . Mandschufürsten waren es , hohe Würdenträger , unter ihnen auch all jene Beamten , die der Kaiser in den letzten Tagen abgesetzt hatte , und : der gesamte Große Rat . Und allen voran die drei Vertrauensmänner der Kaiserin , Yü Lu , Wang wen schao und der furchtbare Kang yi . Von den Eunuchen geleitet , schritten sie eilig durch die Höfe , tauschten hie und da im Vorübergehen ein leises Wort mit den Harrenden , verschwanden dann im Dunkel der Gärten , wo unter dem hohen Dache der großen Audienzhalle der zur Tat gewordene Wille wachte . Und nun ging wieder ein Raunen und Flüstern durch die Höfe , aber nicht mehr ganz so verzagt klangen jetzt die Stimmen . » Sie werden sie bitten , die Regierung wieder zu übernehmen - sie muß es tun - es kann ja so nicht weitergehen - wir wären alle verloren - der Herr der zehntausend Jahre ist ja krank - von klein auf gewesen - er ist behext . « Tschun hörte es alles undeutlich , die Worte kamen aus der Dunkelheit , von den Lippen huschender , alsobald zerfließender Schatten . Die alten Zedern rauschten im Nachtwind . Ein Vogel krächzte . Es war alles schaurig , unheilvoll . Er rückte dicht an Mahan . So fürchteten sie sich wenigstens zusammen . - Tschun würde nie , nie mehr schlafen können . Er wollte gar nie mehr schlafen . Im Traum würden sie ja doppelt furchtbar wiederkehren ... die Ungeheuer ... die Brummfliegen ... die böse ... böse Habichtsnase ... Dann mußte er aber doch geschlafen haben . Schwer und bleiern , denn als er die Augen wieder öffnete , wußte er zuerst gar nicht , wo er war . Lange hatte er geschlafen . Es war schon ganz heller Tag . Aus den Wartehäusern traten die Menschen , die es sich da für die Nacht irgendwie bequem gemacht hatten . Ihre Gesichter sahen grünlich und überwacht aus in dem Morgensonnenschein . - An dem Ausgangstor standen Palastwächter . Tschun bemerkte , daß auch ältere , zu den höheren Rangstufen gehörende , darunter waren . Sie schienen mit gespannten Gesichtern auf etwas zu warten . Und nun hörte man wieder von jenseits der Umfassungsmauer eilige Schritte , laute Rufe , Pferdegetrappel . Das Tor ward aufgerissen . Eine Sänfte kam hereingeschwungen . Schweißgebadet stellten die Träger sie im Hofe nieder . Die Arme sanken ihnen schlaff herab . Sie mußten in höchster Eile mit ihrer Bürde gelaufen sein . Die Palastwächter , die wartend dagestanden , öffneten die Tuchtür der Sänfte . Und nun sah man ihr Li lien ying , den Allmächtigen , entsteigen . So hatte er also nicht die Nacht im Sommerpalast verbracht ? Dann mußte er gestern , gleich nach dem plötzlichen Abbruch der Theatervorstellung , davongeeilt sein , denn später hatte das Tor ja niemand mehr entlassen . Wo war er gewesen ? Und von welchem Geschäft kam er jetzt so eilig zurück ? Auf den Gesichtern all der da zufällig Zurückgehaltenen standen diese Fragen . Die Palastwächter dagegen schienen genau zu wissen , was das alles zu bedeuten habe . Sie stäubten ihren gefürchteten Chef diensteifrig ab und blickten dabei mit verstohlener Frage zu ihm auf . Er nickte nur mit bösem , höhnischem Lächeln und murmelte leise : » Es ist geschehen . « Da lief über all diese wächsernen Gesichter , die noch vor wenig Stunden in bleicher Furcht gezittert , ein grausam triumphierendes Grinsen . Mit dem Ausdruck von einem , der befohlener Arbeit wohlgelungene Ausführung melden darf , schritt dann Li lien ying davon , in der Richtung der kaiserlichen Privatgemächer , wo jene harrte , die , selbst unsichtbar , die Fäden so vieler Puppen in dieser Nacht gezogen hatte . Aber das Bewußtsein , einer großen Gefahr entronnen zu sein , machte die Untergebenen Li lien yings geschwätzig . Als Sieger traten sie jetzt auf , so wenig sie selbst dazu getan . Tschun vernahm einzelne ihrer Worte , reihte sie an anderes , das er schon wußte , machte sich ein Bild von dem , was geschehen . - Begann auch zu ahnen , daß noch manch weiteres geschehen würde , denn überall wurden jetzt eilige Vorbereitungen getroffen , und es hieß , daß die Kaiserin sofort nach Peking übersiedeln werde . Sie würde keine milde Siegerin sein ! - Und dann endlich kam der Befehl , daß alle bisher Zurückgehaltenen den Sommerpalast nunmehr verlassen dürften . So öffneten sich denn die Tore wieder vor denen , die zu belustigendem Scheinspiel gekommen und so unheimliche Wirklichkeit gesehen . Als Tschun am späten Nachmittag im Tempel der unendlichen Stille wieder eintraf , wartete die Taitai schon ungeduldig . Der Ta-jen , dem sie Tschuns seltsamen Ausflug nicht vorher mitgeteilt hatte , war sehr ungehalten geworden , als er inzwischen davon erfahren . An Tschuns langes Ausbleiben hatte er allerhand düstere Voraussagungen geknüpft : » Er sei sicher als vermeintlicher Spion einer fremden Gesandtschaft im Sommerpalast verhaftet worden . Das könne für den Ta-jen die fatalsten Folgen haben . Daran aber sei allein die Taitai durch ihre Neugierde und Unüberlegtheit schuld . « So lief die Taitai denn nun , sobald sie Tschun erblickt hatte , in den Hof zurück , wo der Ta-jen und die anderen Herren saßen , und rief strahlend : » Er ist wieder da ! er ist ganz lebendig . « Nun sollte Tschun erzählen , aber das einzige , was er anfänglich stammeln konnte , war : » O Ta-jen ! helft dem armen Kaiser ! er sitzt gefangen auf einer kleinen Insel in der verbotenen Stadt ! und er wollte doch Christ werden ! und europäische Kleider tragen ! Helft ihm , sonst wird ihn die Kaiserin sicher noch umbringen lassen . « Allmählich erfuhren die Herren von Tschun alles , was er gesehen und gehört , und begannen nun ihrerseits zu kombinieren . Und dazwischen flehte Tschun nochmals : » O helft dem Kaiser , rettet ihn ! « » Was für einen Unsinn redet da der Knabe , « sagte der Ta-jen und setzte würdevoll hinzu : » Was da auch geschehen mag , das sind interne chinesische Angelegenheiten , in die uns keinerlei Einmischung zusteht - aber beobachten müssen wir sie und darüber berichten . « Und da diese Aufgabe der Diplomatie bei der augenblicklichen Lage offenbar in Peking leichter als im entlegenen Tempel zu erfüllen sein würde , so ward beschlossen , gleich am nächsten Tage aus dem Tempel der unendlichen Stille in die Stadt der tausend Düfte zurückzukehren . In Peking erfuhren sie dann allmählich , was sich in Wirklichkeit zugetragen , und wovon Tschun nur einzelne Bilder gesehen . Die ganze Stadt war voll von allerhand unheimlichen Nachrichten . Mandschus , Chinesen , all die Fremden , die aus den Tempeln und vom Seebad Peitaho zurückgeeilt waren , - niemand sprach von etwas anderem , als was geschehen , und was doch niemand ganz genau wußte . Die wildesten , sich widersprechendsten Gerüchte tauchten plötzlich auf , zerfielen ebenso rasch , wurden von neuen ersetzt . Und zum erstenmal tauchte auch vorübergehend unter den Fremden die Besorgnis auf , ob inmitten all dieser Strömungen und rätselreichen Vorgänge die Sicherheit der Ausländer gewahrt bleiben würde . Am besten schien mal wieder der alte weißbärtige Bischof des Petang über alles unterrichtet zu sein . Eigentlich hatte er ja manches sogar vorausgesagt . - Er kam denn auch gleich zum Ta-jen und erzählte ihm : » Unmittelbar nach seiner Rückkehr von seinem letzten Besuch bei der Kaiserin im Sommerpalast und noch ganz erregt von dem Auftritt , den er dort mit ihr gehabt , hatte der Kaiser zweierlei getan . Anstatt Kang yu wei gefangennehmen zu lassen , wie die göttliche Mutter es befohlen , hatte er ihm geschrieben , warum er sich noch nicht auf seinen neugegründeten Posten eines Inspirators der Zeitungen nach Schanghai begeben habe . Und Kang yu wei , die versteckte Warnung dieses Ediktes wohl verstehend , war noch zur selben Stunde aus Peking geflohen . - Nachdem aber der Kaiser also auf alle Fälle für des Freundes Sicherheit gesorgt , ließ er Yüan schi kai zu sich rufen und frug ihn , in der spukhaft dämmernden Audienzhalle und zum letztenmal auf dem Drachenthrone sitzend , ob er , sein Kaiser , in allem auf ihn rechnen könne ? Yüan schi kai hatte geantwortet , der Kaiser könne über ihn verfügen , als ob er sein Hund sei . Darauf hatte ihm der Kaiser befohlen , nach Tientsin zu fahren , Yung Lu dort umgehend hinrichten zu lassen und dann mit dessen Truppen nach Peking zu kommen , um die Kaiserin Tzü Hsi gefangenzunehmen . Yüan schi kai ging scheinbar auf alles ein und reiste umgehend nach Tientsin . Dort aber begab er sich zu Yung Lu , der sein geschworener Blutsbruder war , und enthüllte ihm den ganzen Anschlag . Dies war der Anlaß zu Yung Lus unerwartetem Erscheinen im Sommerpalast gewesen . Er kam in alter Treue Tzü Hsi zu warnen , und sie , die in der Gefahr nie versagte , sondern stets sprungbereit aufschnellte , hatte , rasch entschlossen , Kwang Hsüs Stadtpalast noch in der Nacht von Li lien yings Leuten umstellen und die ihm ergebenen Wächter entfernen lassen . Am Frühmorgen des nächsten Tages war der ahnungslose Kaiser , dem die Reformatoren die Rolle eines Peters des Großen zugedacht , von den triumphierenden Anhängern der Kaiserin gefangengenommen worden . In dem zum Stadtpalast gehörenden Parke , auf einer kleinen Insel , die man Ozeanterrasse nannte , saß er nun eingekerkert . Tzü Hsi aber , von dem nachts in den Sommerpalast berufenen Großen Rat und den Mandschufürsten bestürmt , das Reich zu retten , indem sie die Regentschaft wieder übernähme , hatte , scheinbar widerwillig , ihrem Drängen nachgegeben . Mit dem grimmen Humor , der sie kennzeichnete , hatte sie sofort ein Edikt im Namen des Kaisers erscheinen lassen , worin dieser ihr seine grenzenlose Genugtuung darüber aussprach , daß sie endlich seine oft vorgebrachte Bitte erfülle und ihm die allzuschwere Bürde der Regierung wieder abnähme . « Nachdem die geistliche Macht der weltlichen also von ihrem Wissen gespendet , empfand der Ta-jen das Bedürfnis , nun auch seinerseits dem Bischof etwas Neues mitteilen zu können . So erzählte er ihm , daß er einen jungen Boy habe , und zwar einen einstmaligen Schüler der Petang-Mission , der jene Entscheidungsnacht im Sommerpalast verbracht habe . Darauf begehrte der Bischof Tschun zu sprechen und ließ sich über alles , was er gesehen hatte , genau berichten . Als Tschun dann alle Fragen beantwortet hatte , faßte er sich ein Herz und sagte : » Ach , hochwürdiger Herr Bischof , ich hörte die Eunuchen im Palast erzählen , Kang yu wei habe im geheimen zum Christentum gehalten , und der Kaiser sei auch schon beinah dem lieben Gott gewonnen gewesen . Wenn Ihr ihn jetzt befreitet , würde er sich sicher bekehren , und dann gäbe es nie mehr Christenverfolgungen in China . Es wäre doch gar zu traurig , wenn das alles durch die Kaiserin vereitelt würde . Könnt Ihr denn gar nichts für ihn tun ? « Der Bischof zuckte die Achseln : » Ich fürchte , das ist unmöglich , « sagte er , » so herrlich es gewesen wäre , wenn die Hoffnung , einen christlichen Kaiser Chinas zu erleben , die schon die Jesuitenpatres im siebzehnten Jahrhundert hegten , sich jetzt erfüllt hätte . Aber « , setzte er dann nachdenklich hinzu , » wer weiß , welche himmlische Fügung doch in all dem liegen mag : dieser Kang yu wei soll nämlich sehr unter dem Einfluß der amerikanischen protestantischen Missionare gestanden haben . « Daran hatte Tschun freilich nicht gedacht . Es fiel ihm immer etwas schwer , zu behalten , daß es gar so verschiedenerlei Christentum gibt . - Tschun hatte den Kaiser nie gesehen , aber der Herr der zehntausend Jahre tat ihm schrecklich leid . Er konnte sich jetzt ja besser als manch anderer vorstellen , wie es einem ergehen mochte , der Tzü Hsis Zorn erregt und sich in ihrer Macht befand ! - Der Vetter Sin schen , der sich nach den jüngsten Ereignissen mehr noch als sonst seiner Verbindungen zum Haus des Obereunuchen rühmte , erzählte : » Gleich nach ihrer Uebersiedlung nach Peking hat die göttliche Mutter den gefangenen Kaiser in der Ozeanterrasse besucht . Nur Li lien ying war dabei . Da hat sie ihm seinen ganzen Verrat vorgehalten . « » Der war aber auch abscheulich ! « rief der alte Lin te i. » Mit seiner Verschwörung gegen die göttliche Mutter hat der Kaiser das höchste Gebot des weisen Konfuzius , die kindliche Ehrerbietung , schwer verletzt . « » Tzü Hsi hat ihm denn auch gesagt , daß er dafür nun immer da eingesperrt bleiben solle , « erzählte Sin schen weiter , » und sie würde ihn so streng hüten lassen , daß jedes seiner Worte ihr hinterbracht werden würde . « » Hat denn niemand gewagt , für ihn einzutreten ? « frug Tschun . » Ja , « antwortete Sin schen , » Chen fai , die Perl-Konkubine , die der Kaiser immer allen anderen vorgezogen hat , soll Tzü Hsi entgegengetreten sein und ihr gesagt haben , Kwang Hsü sei doch der rechtmäßige Herrscher . « » Die göttliche Mutter steht doch immer über ihm , dem Neffen und Adoptivsohn , « warf Lin te i wieder ein . » Na , die Perl-Konkubine ist ja damit auch schlecht genug angekommen , « fuhr Sin schen fort , » Tzü Hsi hat sie sofort in einen anderen Palast verbannt . Jetzt darf nur noch die junge Kaiserin zum Kaiser und die hält ganz zu Tzü Hsi . « » Und was ist aus all seinen vielen Dienern geworden ? « frug Tschun . Sin schen lachte . » Oh , die sind längst umgebracht . Jetzt hüten ihn Li lien yings Leute und Yung Lus Soldaten . Aber « , sagte er dann mit geheimnisvollem Zwinkern der kleinen Augen , » wer weiß , ob sie lange zu hüten haben werden . Ich würde nicht gar zu viel auf die Lebensdauer des Herrn der zehntausend Jahre wetten . « Ja , es gab da viele Leben , auf die nicht hoch zu wetten war ! Eine Anzahl der bekanntesten Reformer , meist Südchinesen , die den Kaiser umgeben und beraten hatten , waren , ehe sie , wie der glücklichere Kang yu wei , Zeit zur Flucht gefunden , in Peking verhaftet worden . Gegen sie schwebte die Untersuchung . Inzwischen hatte das älteste Blatt der Welt , die » Pekinger Zeitung « , viel zu tun . Diese Greisin mußte , wie es sonst nur das Los der Jungen , unüberlegt Vorlauten ist , all das widerrufen , was sie während der vorhergehenden Monate verkündet hatte . Alle Entlassenen wurden wieder mit Ehren eingesetzt , aufgehobene Privilegien von neuem bestätigt . Dagegen mußten die mannigfachen Neuschöpfungen , kaum geboren , schon wieder untergehen . Und alle diese , von Tzü Hsi verfaßten und mit viel Zitaten aus den Klassikern versehenen Edikte ließ sie im Namen des Kaisers erscheinen . Er erklärte darin , von schlimmen Elementen betrogen worden zu sein , die , seinen väterlichen Wunsch , des Volkes Wohl zu heben , mißbrauchend , ihm unter dem Deckmantel weiser Reformen revolutionäre Maßregeln suggeriert hätten . Auch unter das Todesurteil , womit , wie vorauszusehen gewesen , der Prozeß gegen die gefangenen Hauptführer der Reform schloß , setzte Tzü Hsi den Namen des eingekerkerten Kaisers . Durch Enthauptung oder Erdrosselung sollten sie sterben . Lin te i und Sin schen sagten , diese Todesarten seien eine Konzession , die Tzü Hsi den immer weichlicher werdenden neuen Anschauungen mache . Und Tschun glaubte es gern , daß die Göttliche lieber den » langsamen Tod « verhängt hätte , denn bei den Reformern waren ja viele gegen sie persönlich gerichtete Anklageschriften gefunden worden , auch solche mit Randbemerkungen von des Kaisers Hand . - Tzü Hsi ließ diese gegen ihre geheiligte Person gerichteten Anschläge vorsorglich im Volke verbreiten , wobei sie auch des Kaisers nicht schonte , um so gegen all diese Frevler an der Pietät Stimmung zu machen . Sie tat dies um so eifriger , als aus dem Süden des Reiches Stimmen zugunsten der Reformer laut zu werden begannen . Es galt also , sie rasch aus dieser Welt verschwinden zu lassen . Der Platz , wo die Hinrichtungen stattfinden sollten , lag in der Chinesenstadt , am Eingang des Gemüsemarktes . Mit den anderen Boys , die das Schauspiel nicht missen wollten , lief auch Tschun dorthin . Die Läden längs der Straßen mit ihren reich geschnitzten , vergoldeten und bemalten Fassaden , hatten , wie immer bei feierlichen Gelegenheiten , geschlossen werden müssen . Aber auf den flachen Dächern , zwischen den hochaufragenden Aushängeschildern , mit ihren riesigen bunten Schriftzügen , hockten dicht gedrängt eine Menge Zuschauer . Blau gekleidet , mit den gelben Gesichtern und den roten Quasten auf den breiten Hüten , sahen sie da oben am Rande der Dächer wie Reihen seltsamer Vögel aus . Und dieselbe blaue Menge staute sich auch unten auf den Fußsteigen . Aber hier sah man die Gesichter deutlich , gewahrte die Augen , die , im Gegensatz zu gewohnter stierer Stumpfheit , bisweilen zwischen den schmalen Liderschlitzen böse aufblitzten , erkannte die Vorfreude an dem kommenden Grausigen . Der Mittelweg der mit Unrat gefüllten Straßen , in deren tiefen Löchern namenlose Flüssigkeiten unter irisierender Fettschicht standen , wurde von spalierbildenden Mandschubannerleuten freigehalten . Zwischen unzähligen grellen Fahnen standen sie . Absonderliche Gestalten , die als Uniform armselige bunte Jacken über ihre alltägliche , noch zerfetztere Kleidung gezogen hatten . Bogenschützen , nicht kriegstüchtiger wie die Theaterscharen , unter denen Tschun mitgewirkt ; Flintenträger , die zu zweien die unförmige , in blaue Baumwollappen gewickelte Waffe auf den Schultern schleppten und gelegentlich den Fächer oder das Pfeifchen aus dem Gürtel zogen . Zwischendurch ritten Militärmandarine niederer Grade auf mageren Pferdchen . Höhere Befehlshaber kamen in blau bezogenen Maultierkarren angefahren ; vornehmste Würdenträger wurden mit Ehrerbietung heischendem Geschrei der Vorreiter in Sänften zum Richtplatz getragen . Auf dem Platze waren zwei offene Verschläge aus Mattenflechtwerk errichtet . In dem einen saßen im Halbkreis die Beamten , die der Urteilsvollstreckung beiwohnen sollten . An ihrer Spitze ein Mandarin des Ministeriums der Strafen , mit rotem Knopfe . In dem anderen harrten die Verurteilten , von Wachen umgeben . Diese Soldaten waren nicht unfreundlich gegen ihre Gefangenen , sondern schienen eher geneigt , ihnen die letzten Augenblicke , soweit erlaubt , zu erleichtern . Tschun sah , wie sie ihnen zu rauchen anboten . Die Gefangenen zeigten sich völlig ruhig , beinah gleichgültig , als stände ihnen nichts Sonderliches bevor . Es war ein ganz junger darunter , und Tschun hörte die Umstehenden sagen , das sei ein Bruder Kang yu weis , der nun statt seiner hingerichtet werden sollte . Niemand schien etwas Staunenswertes daran zu finden . Ein Literat in der Menge erzählte zum Ueberfluß : Kang yu wei habe die Ermordung der Kaiserin angestrebt , und es sei altes geheiligtes Gesetz , daß Familien , in denen ein Königsmörder vorkäme , ausgerottet werden sollten . Tschun hörte es mit Grauen und er dachte bestimmt , noch im letzten Augenblick müsse ein Wunder geschehen , eine irdische oder göttliche Macht erscheinen , die das Schreckliche hinderte . In der Mitte des freien Platzes war ein Altar errichtet . Auf dem lagen die Schwerter des Scharfrichters , Stricke und die Winden zum Erdrosseln . Neben dem Altar hatte man aus einigen Ziegeln einen kleinen Herd erbaut , auf dem in einem großen Kessel Wasser heiß gehalten wurde , um die Schwerter drin zu wärmen . Die Gehilfen des Scharfrichters kauerten herum , und Tschun hörte sie über die verschiedenen Schwerter reden . Sie trugen alle Namen und sollten jedes seine besondere Wesensart haben . Alle hatten sie schon viel Arbeit getan . Endlich kam der Ueberbringer des Todesediktes . Die Gefangenen wurden auf den Platz geführt , um die Verlesung mit anzuhören und , dem Brauch gemäß , zu bestätigen , daß die Strafe gerecht sei . Doch von diesen Verurteilten tat das keiner ! Sie wendeten sich an das gaffende Volk und einer von ihnen erklärte , mit ruhiger , weithin vernehmlicher Stimme : » Mögen wir immerhin getötet werden , wir sterben für ein gute Sache . Und wir wissen , daß für einen von uns , der heute fällt , bald Tausende erstehen werden , die dieselben Ziele wollen und sie trotz allem schließlich erreichen werden . Ihnen wird es beschieden sein , die Sonne wieder an ihrem rechtmäßigen Platz und den usurpatorischen Komet vernichtet zu sehen . « Doch die Mandarine traten dazwischen , um weitere Ansprachen zu verhindern . Die Verurteilten konnten sich nur noch gegenseitig förmlich voreinander verbeugen , wobei der eine feierlich sagte : » Wir werden uns binnen kurzem bei den gelben Quellen wiedertreffen , « und der andere ebenso antwortete : » Der Tod ist nur eine Heimkehr . « Schon stand der Scharfrichter bereit . Es war ein breiter , schwerer Mann , der den Mantel abgeworfen und eine blutbefleckte Lederschürze vorgebunden hatte . Er trug den präokkupierten Ausdruck eines Menschen , der entschlossen ist , schwere Arbeit möglichst gut zu verrichten . Die Schwerter wurden ihm gebracht , prüfend wählte er eines . - Nun ward der erste Verurteilte angeführt und mußte niederknien . Ein Strick wurde ihm um den Hals geschlungen und daran zog ihm einer der Gehilfen den Kopf weit vor . Das erhobene Schwert sauste nieder . Aber im selben Augenblick ertönten laute Schreie , und wie große indigofarbene Wellen durchbrachen die Volksmengen das Soldatenspalier und fluteten auf den Platz . - Nun werden sie sie doch noch retten ! dachte Tschun frohlockend . - Aber er täuschte sich . Was er für elementare Empörung gehalten , war nur ein plötzlicher Ausbruch wildester Neugier gewesen . Nicht hindern , nicht retten wollten die Tausende , - nur besser sehen ! In all den unzähligen Augenpaaren stand nichts wie die Gier nach dem Schauspiel , das zugleich grausigste Wirklichkeit war . - Mühsam schoben die Soldaten die Vordrängenden zurück . Und das Geschäft ging weiter . Im schnellsten Tempo . Schon lag der zweite Kopf am Boden . Der lange Zopf hing daran wie eine schwarze Schlange , die das sickernde Blut schlürfen möchte . Dann folgten die Erdrosselungen . In fliegender Eile wurden die Schlingen um die Hälse der Knienden geworfen und durch rasendstes Drehen der Winden zugezogen . Die gelben Gesichter wurden plötzlich dunkelviolettrot , die Augen quollen glotzend aus den Höhlen . Es war vorüber . - - - Da lagen die Männer , die all das gewollt , was ihnen die Europäer seit Jahrzehnten gepredigt hatten . Sie waren dafür gestorben . Keine Hand hatte sich um sie gerührt . Tschun konnte es nicht begreifen , daß die Fremden das zugelassen hatten . Aber warum hatten sie nicht eingegriffen ? Wollten sie etwa gar nicht das Beste Chinas , wie sie doch immer zu tun vorgaben ? Tschun mochte ihnen das nicht zutrauen , obgleich sein erster , unbedingter Glaube an die Fremden und ihre Weisheit freilich schon manche Erschütterung erfahren hatte . - Nein , eigentlich weise waren sie nicht . Und in diesem Mangel an Weisheit , diesem Nichtwissen von den inneren Zusammenhängen zwischen den geschehenen Dingen und ihren künftigen Folgen , lag vielleicht hier , wie so manches