» Red nit so ! « sagte Runotter unwillig . » Mir ist das kein lustig Ding . « » Aber mir ! Eines Bauren Soldmann ? Ist was Neues ! Freilich , die Bauren führen allweil Krieg , eines Sauren Kriegsmann sein , ist gefährlich . Könnt sein , da geht ' s mir flink an das kitzlige Zäpfl . Aber wissen möcht ich , wie das ist , wieder einmal was Neues haben . « Lustig klatschte Malimmes die Hand auf seinen Schenkel . » Einmal im Clevischen , da hat mich auch ein Gusto gekitzelt . Hab gemeint : Um des Wissens wegen muß man alles verkosten . Da hätten sie mich schier gehenkt . Ein Blitz hat einschlagen müssen , daß ich vom Baum wieder ledig worden bin . « Der Richtmann sagte hart : » Laß dein narrisches Reden sein , das ich nit versteh . Tust mich foppen ? Oder ist es dein Ernst ? « » Die Hand her ! So schlag ich ein ! « Die beiden Fäuste umklammerten sich . Malimmes lachte , Runotter blieb ernst , doch die steinerne Härte seines Gesichtes milderte sich . » Was verlangst ? « » Ich schätz dich nit minder ein als wie die Nüremberger : doppelt Gewand , für Sommer und Winter , Wehr und Eisen nach Not , Trank und Speis nach Landsbrauch , im Frieden Stub und Bett , bei Krieg einen Polster im Zelt , zwanzig Pfund Pfennig als Doppelsold , viermal im Jahr ein frummes Weibl und nach jeder gewonnenen Schlacht das Raubrecht . « Im Gesicht des Richtmanns zeigte sich ein leiser Zug von Heiterkeit . » Sollst alles haben . Bloß die frummen Weiblein , die mußt dir selber suchen - « » Eins weiß ich mir schon , nit weit von deiner Burg . « » - und meine Schlachten verlier ich . Da wirst kein Raubrecht haben . « » Ist auch nit schlecht . Fasten und arm sein können , ist eines Kriegsmanns beste Kunst . « » Gilt ' s , Malimmes ? « » Topp ! « » Topp ! « Runotter wollte gleich zu seinem Gaul . Aber Malimmes faßte ihn am Gürtel . » Halt , Herr , jetzt muß ich Treu schwören ! « » Geh , Mensch , laß die Fasnachtspossen ! « » Das muß sein ! « sagte Malimmes ernst . Er stellte die Beine breit , legte die Linke auf seinen hageren Brustkasten , hob die Rechte mit gespreizten Fingern und sagte , wie ein Frommer sein Gebet spricht : » Meinem Herren tu ich den Eid , Will ihn schützen und ehren allzeit In Fried und Gefecht . Treu deinem Recht , Bin ich dein Knecht , Mit Herz , Haut , Fleisch , Blut und Sinn Hast mich , wie ich bin . Und tät ich nit , wie du befohlen , Soll mich der Teufel holen ! « Freundlich sagte der Richtmann : » Bist noch allweil der gleiche Narrenschüppel , der du als Bub , gewesen . « Er wollte gehen . » Halt , Herr ! Jetzt muß ich das Knie beugen . « » Geh , laß doch ! So was mag ich nit . « » Herr , das muß sein ! « » Sag doch nit allweil Herr zu mir ! Ich bin keiner . « » Der meinig bist ! « Malimmes beugte auf höfische Weise das Knie . » Meinem Herren zur schuldigen Ehr ! « Als er aufstand , streckte er dem Runotter die Hand hin . Es war etwas Warmes und Schönes in der Art , wie er sagte : » Sei mir ein guter Herr , so bin ich ein guter Knecht , bei Tag und Nacht , in Glück und Elend . « » Auf mich ist Verlaß , Malimmes ! « » Auf mich nit minder ! « Der Soldknecht lachte . » Also , morgen mit der Sonne steh ich ein bei dir . Mit wem hast Fehd ? Heut vor Nacht , da schleif ich noch meinen Bidenhänder . Da können wir morgen gleich losschlagen . « Fast ein bißchen schmunzelnd machte der Richtmann eine abwehrende Bewegung mit der Hand . » Da wirst dich nit tummeln brauchen . « Wie brennendes Blut lag der rote Schimmer des Abends über allen Dingen der Erde . Als Runotter schon gehen wollte , sah er zum Haus hinüber und sagte leis : » Von mir aus hast Urlaub bis zum Winter . Deiner Mutter könnt ' s unrecht sein , daß du gehst . « Jede Spur von Heiterkeit erlosch in den Augen des Malimmes . » Die hat nit gemerkt , daß ich kommen bin . Wird nit merken , daß ich geh . Sieben Täg lang bin ich gelaufen in einem Saus von Nüremberg bis zum Taubensee . Allweil ein Freud vor mir . Jetzt bin ich da . Wo ist die Freud ? « Er sah dem andern in die Augen . » Runotter ! Wie von Nüremberg zum Taubensee , so ist der Weg von der Wiegen bis zur Grub . « Seine Brust hob sich . » Auf morgen ! Ich komm . Und hast nit Kriegsmannsarbeit für mich , so laß mich die Säu hüten . Sind liebe Viecher . « Herzlich sagte der Richtmann : » Bei mir sollst es gut haben ! Du und ich , paß auf , das gibt zwei feste Kameraden . « Sie gingen voneinander , Runotter zu seinem Gaul , Malimmes hinüber zum Haus . Neben der Mutter blieb er stehen und strich ihr mit zärtlicher Hand über den weißen Scheitel . Sie schob seine Tatze fort . » Steht am Zäunl . Und geht nit herein zu mir ! « Malimmes blieb noch immer bei ihr stehen und wartete . Dann streckte er die langen Glieder und trat ins Haus . Durch den glühenden Abend trabte der Schimmel gegen das enge Waldtal hinauf . Den Weg zum Hängmoos kannte er gut . Im Walde fing es schon zu dunkeln an . Der Schimmel fand sich zurecht , ohne daß sein Reiter ihn lenken mußte . Es war im Richtmann eine Ruhe , über die er sich selber wunderte . Aber war denn nicht die angedrohte Pfändung eine Narretei geworden , jetzt , seit er wußte , daß der gewächsnete Rechtsbrief in der Truhe des Seppi Ruechsam lag ? Oder kam diese Ruhe aus seiner Vaterfreude ? Weil er seine Kinder sehen sollte ? Oder war diese Ruhe in seinem Herzen seit dem Handschlag des Malimmes ? Wird das Leben ein besser Ding in der Stunde , in der man einen Menschen findet , aus dessen heiteren Augen die Treue redet ? Im steilen Walde stieg Runotter ab , damit dem Schimmel das Klettern leichter würde . Als die beiden das dunkle Almfeld erreichten , nahm der Richtmann dem Gaul das Zaumstricklein und den Gurt herunter und ließ ihn laufen . Der Schimmel wälzte sich gleich in der nächsten Schlammwanne des Bruchbodens . » Guck , wie gescheit ! Der zieht ein warmes Jäckl an , daß er sich nit verkühlt . « Raschen Ganges schritt Runotter über die Alm hinauf . Es war schon finster . In der Höhe und im stahlblauen Osten glänzten die großen Sterne . Gegen den Westen lag noch ein schwefelgelber Streif des versinkenden Lichts über dem Lattengebirge . Warm , wie aus einem Backofen , strich die Nachtluft über das Gehänge herunter . In den Sümpfen des Bruchbodens sangen mit viel hundert Stimmen die Frösche . Diese Stimmen , von denen eine wie die andre klang , schwammen zu einem gleichmäßig flutenden Rhythmus ineinander . Ein endloses Lied mit einem einzigen Wort : » Wogwogwogwogwog ... « Fast klang es , als hätte die Erde irgendwo - in der Nähe oder fern ? - eine verborgene Kehle , durch die eine geheimnisvolle Stimme der Tiefe heraufsang . Dazu noch , weit in der Finsternis draußen , das Rauschen eines Baches . Und hier und dort , ganz leise , tönte zuweilen eine Almschelle . Die Rinder ruhten schon . Doch plötzlich kam etwas heftig Rasselndes durch die Dunkelheit heran , sehr schnell , dumpf schnaubend , eine finstere Tiergestalt mit plumpem Kopf : ein vierjähriges Öchslein , das seinen Heimherrn gewittert hatte . Sah wie ein Schreck der Finsternis aus - und war tierische Zärtlichkeit . Der Atem des Rindes ging dem Richtmann heiß und wohlriechend gegen die Wange , gegen die Hand . » Dunnerli , bist du ' s ? « Ruhig ging das Öchslein neben dem Bauer her bis auf einen Steinwurf vor der Hütte , aus deren Tür ein matter Rotschein herausgloste . Im Dunkel eine leise , froh erschrockene Stimme : » Vater ? « » Wohl , Kindl ! « Jula , die neben der Tür auf der Hüttenbank gesessen , gab dem Vater die Hand . » Wird der Bub sich freuen ! « Ihre Knabenstimme war wie ein linder Flötenton in der Nacht . » Wo ist er ? « » Schlafen tut er schon . Der wird Augen machen , wenn du ihn weckst . « Runotter schwieg . Nach einer Weile schüttelte er den Kopf . » Soll er lieber schlafen . Der Schlaf ist das best . Da ist der Mensch dem Himmel näher und weit von der Welt . « Die Hirtin nickte . » Ist schon wahr . Besser , der Jakob schlaft . Das tut ihm gut . Heut schon gar . Er muß sich ein lützel geärgert haben . « Sie meinte den Auftritt mit Marimpfel ; aber davon mochte sie dem Vater nichts erzählen . » Du weißt , nach einem Ärger tut er sich allweil mit dem Schnaufen hart . Zum Abend ist ' s wieder besser gewesen . Gut , daß er schlaft . « » Freilich , ja ! « Runotter tat einen schweren Atemzug . » Daß du noch nit zur Ruh bist ? « » Zum Abend sitz ich allweil so und schau hinaus . Und die Frösch , die mag ich leiden . « Runotter streifte die Schuh von den Füßen . Lautlos , mit nackten Sohlen , trat er in den Käser und ging zum Heukreister hin , der in der Ecke war . Von der Kohlenglut des Herdes strahlte ein rotes Zwielicht aus . Und unter diesem roten Schimmer lag in der breiten , mit Heu gefüllten Schlaftruhe ein Häuflein mühsam atmenden Lebens . Eine graue Wolldecke verhüllte den winzig zusammengehuschelten , bresthaften Körper . Das schwarze Haar hing wuschelig in die bleiche Stirn ; in den Runzeln des schmalen Gesichtes war ein ruheloses Zucken . Und dennoch gab der Schlaf diesem häßlichen Bild einen Hauch von wohligem Frieden . Runotter streckte die Hand nach der wollenen Decke , ohne sie anzurühren . Und wie jedesmal , wenn er seinen Buben mit geschlossenen Augen sah , so jagte dem Richtmann auch jetzt eine Reihe von Bildern durch das Gehirn . Er sah sein junges Weib aus dem Tal des Windbaches heimkommen , an der Hand das verstörte Dirnlein , das in einem erwürgten Schreikrampf immer schlucken mußte ; alles Weiße am Gewand des jungen Weibes hatte rote Flecken wie von Blut ; aber die kamen nur von den zerdrückten Erdbeeren ; doch am Hals und auf der kalkbleichen Wange hatte sie eine leichte Ritzwunde . Er sah sein Weib auf der Bank in der Stube sitzen , sah , wie sie zitterte an Händen und Knien , wie sie immer das Gesicht hin und her drehte , immer ihres Mannes Augen vermied und stumm blieb auf alle Fragen . Immer stumm , solang der Tag noch ein Bröslein Licht hatte . Und erst in der Nacht , als sie im Dunkel der Kammer an ihres Mannes Hals geklammert hing , da kam ihr die Sprache . Er sah sich im Münster zu Berchtesgaden hinter einer Säule stehen , das Messer im Ärmel verborgen ; er sah die Stiftsherren beim Rauschen der Orgel zu ihren Chorstühlen kommen , alle , alle - und nur ein einziger kam nicht und blieb verschwunden : Hartneid Aschacher . Er sah einen grauen Wintermorgen und sah , wie ihm die schweigende Hebfrau auf seine ausgestreckten Hände hin ein verdrehtes , widersinnig verschobenes Menschenkind legte , das die Augen nicht auftat , immer das schmerzhafte Mündchen öffnete und doch nicht lallen wollte . Er sah - Da legte er langsam den Arm über seine Augen . Lautlos trat er hinaus in die Nacht . Nun saßen Vater und Tochter auf dem schmalen Bänklein , Schulter an Schulter , immer schweigend . Dann fing Runotter ruhig zu reden an und erzählte von dem Stellmann , den er für Jakob gefunden . Wieder schwiegen die zwei . Und immer leiser wurde das Lied der Frösche , immer weiter schien es fortzurücken , immer ferner in die Nacht hinauszuschwimmen . Es wurde zuletzt wie eine feine Stimme , die zärtlich herausflüsterte aus dem Dunkel : Komm , komm , komm , komm - » Das hör ich gern ! « sagte Jula . Nun erzählte Runotter von der Arbeit im Hof daheim . » Aber arg still ist ' s im Haus . Tät mir recht sein , wenn der erste Reif schon da war und du kämst mit dem Jakob wieder heim ! Beieinand sein ist allweil das best . Aber jetzt muß ich fort , muß noch ein paar Weg machen in der Nacht . « Er war aufgestanden und hatte Jula schon die Hand gereicht . Und nun erst sprach er von dem anderen , von der Narretei dieser Pfändung . Die Hirtin erschrak . Und in der Sorge um ihre Tiere , die sie liebhatte , sprach sie zornige Worte . Der Vater schob die Füße in die Schuhe . » Komm , geh ein lützel weiter vom Käser weg . Der Bub soll mich nit sehen , wenn er aufwacht . Der braucht ' s nit wissen . « Die beiden gingen langsam in die Nacht hinaus , Runotter mit Zaum und Gurt über dem Arm . Als der Vater stehenblieb , sagte Jula in Zorn : » Das ist doch unrecht , Vater ! « » Mehr Unverstand und ein lützel Irrtum , der sich weisen wird . Ich glaub eh , sie lassen ' s gut sein . Aber kommen die Pfändleut ; so mußt dich nit aufregen . Ich schick dir morgen in der Früh den Heiner herauf . Tat selber kommen , wenn ich nit bei der Gnotschaft sein müßt . Und zum Paß dahinten , gegen den Hallturm , leg ich einen Buben als Lugaus . Merkt er die Pfändleut , so muß er heimspringen und unter der Alben drei Juchzer tun , daß du weißt , sie kommen . Da geh mit dem Jakob vom Käser weg , weit weg , bleib in den Stauden hocken und tu dich nit kümmern um die ganze Sach . Der Heiner macht schon alles . « » Vater , das ist hart , daß du mich wegschicken tust von meiner Herd ! « » Bloß wegen dem Buben , weißt ! In drei , vier Tag ist alles wieder gut . Leicht morgen zum Abend schon . Über den Bruchboden bringen die Pfändleut so viel schwere Küh nit hinüber . Da müssen sie durch die Ramsau . Und beim Seppi Ruechsam steht die Gnotschaft mit unserm Recht . Kann sein , ich bring die Küh vor Nacht wieder her . Geht ' s anders , so tu ich Botschaft schicken . Da bleibt der Heiner zum Ochsenhüten , und du mit dem Buben kommst heim . « Jula konnte nicht reden . Runotter tat auf den Fingern einen Pfiff . Ein Pochen wie von zwei schweren Hämmern ließ sich hören , und der Schimmel kam aus der Nacht herausgaloppiert . Der Richtmann fühlte an den Gaul . » So ? Hast du dein warmes Jäckl schon wieder abgebeutelt ? « Er gürtete und zäumte den Schimmel . Da sagte Jula : » Daß die Leut so schlecht sein können ! « » Wie ' s half geht ! « » Muß das allweil so sein ? Und ist das allweil so gewesen ? « » Ein Sträßl zum Besseren gibt ' s überall , und gewesen ist ' s auch nit allweil so . Meines Vaters Vater hat als junger Bursch noch leben dürfen in der , seligen Heinrichszeit . « Beklommen fragte die Hirtin : » Was für eine Zeit ist das gewesen ? « » Bald hundert Jahr ist ' s her , da hat im Land ein guter Fürst regiert , Herr Heinrich von Inzing . Von dem hat meines Vaters Vater als altes Mannderl oft erzählt , und wenn er geredet hat von ihm , sind die Leut herumgesessen , mäuserlstill , und jedem ist ein Glanz in den Augen gewesen . « » Da hätt ich leben mögen ! « sagte Jula leis . » Ja , Kind , selbigsmal , sagen die alten Leut , da wär das Gadener Land wie ein Paradeis gewesen . Und nit der Herrgott hat ' s gemacht . Ein Mensch ! Da glaub ich dran : Ein starker und guter Mensch macht tausend glückselige Leut und greift dem Elend der Welt ins Karrenrad . « Runotter sprang auf den Gaul . » Der Schimmel hat die besseren Augen . Da geht ' s flinker . Gut Nachts Kindl ! Und morgen tust so , wie ich ' s haben will . Gelt ? « Er faßte die Hand , die Jula ihm hinaufbot . » Gestern noch die beste Ruh , und heut so eine Sorg ! Möcht nur wissen , wer die Narretei da aufgerührt hat . Der Marimpfel kann ' s nit gewesen sein . Der ist doch heut schon mit der Ladung kommen . « Runotter spürte an Julas Hand eine Bewegung . » Was hast ? « Sie schüttelte den Kopf . Und schweigend stand sie in der Dunkelheit . » Jetzt muß ich aber davon ! Gut Nacht ! Und tu am Käser die Tür fest riegeln . « Jula blieb stehen . Den Vater sah sie schon nimmer . Nur auf dem Rasen hörte sie noch vier Hämmer leise pochen . Manchmal klang ' s wie Eisen gegen einen Stein ; und winzige Funken sprühten auf . Langsam drehte Jula das Gesicht gegen den Bruchboden hinüber , aus dessen matter Wasserhelle die kleinen Moosbüschel wie struwelige Koboldköpfe herauslugten . Die Stille der Nacht . Auch die Frösche schliefen und sangen nimmer . Da klang in weiter Ferne ein Murren wie vom Donner eines nahenden Gewitters . Doch die Höhe war wolkenlos , die Sterne glänzten ruhig und schön . Herr Peter Pienzenauer war mit dem Rehbock heimgekommen ins Stift . Und da hatten die Chorherren noch einmal die neue Kammerbüchse im Hirschgraben gelöst , um den Pulverblitz in der Nacht zu sehen . 5 Schon zeitig am Morgen fingen die Herren wieder zu schießen an . Siegwart von Hundswieben , Gesicht und Hände wie von Ruß geschwärzt , glich einem Betrunkenen in seiner Freude an diesem Gedonner und Rauchgewoge , das über die Firste des Stiftes emporwirbelte , als wäre die klösterliche Stätte verwandelt in eine kriegerische Brandstatt . Der Übermut des jungen Hundswieben steckte die andern Domizellaren , sogar die älterem Chorherren an . Nicht minder lustig waren die neugierigen Leute , die sich auf der Straße um die Mauer des Hirschgrabens drängten und das Zugucken nicht satt bekamen . Ein paar Furchte same rannten freilich erschrocken davon , als der junge Hundswieben Belagerung spielen wollte und die mit einer kinderkopfgroßen Steinkugel geladene Kammerbüchse gegen die Straßenmauer richtete . Ein banger Schrei der vielen Menschen , ein Rückwärtsweichen und Auseinanderfluten . Dann läutete die Annasusanne - wie Hundswieben sein bedenkliches Spielzeug getauft hatte - ein Pulverblitz , ein Krach , eine kreisende Rauchwolke , ein Gekoller von Steinbrocken , und mitten in dem alten grauen Gemäuer konnte man plötzlich ein rundes Auge des blauen Himmels gewahren . Wie durch ein Wunder war der gefährliche Scherz ohne böse Folgen abgelaufen . Und als die Leute das merkten , fingen sie gleich wieder vergnügt zu schwatzen an . Ein Kreischen wie beim Schembartlaufen erhob sich , als Hundswieben und die andern Domizellaren die Bresche unter fröhlichem Kriegsgeschrei erstürmten , in den Schwärm des Volkes eindrangen und zwei junge hübsche Mädchen haschten , die sie als Siegesbeute mit sich herunterrissen in den Graben . Die eine , die immer lachen mußte und dennoch Zetermordio schrie , wurde rittlings auf das heiße Büchsenrohr gesetzt . Dabei lud man die Annasusanne wieder . Auf der Straße gab ' s ein johlendes Gebrüll , als die langgestielte Rohrbürste so hurtig ein und aus fuhr . Ganz närrisch lachten die Leute , als die Herren den Pulverdampf eines blinden Schusses dem andern Mädel unter das aufgehobene Röcklein fahren ließen . Dem entsetzten Opfer dieses Scherzes pfurrten die dicken Rauchfäden aus Hemdärmeln und Kittelschlitz heraus . Ein paar von den Leuten gingen freilich mit zornrotem Gesicht davon . Immer gibt es Dummköpfe , die keinen Spaß verstehen . Wenigstens war der junge Hundswieben dieser Meinung . Neben dem Scherz und Übermut der Herren schien in dieser knallenden Pulverstunde auch eine ernste Sache zu spielen . Lampert Someiner tauchte mit verstörtem Gesicht aus dem Hof des Stiftes heraus . Er lief , daß ihm die Menschen auf der Straße verwundert nachsahen . In den Flur des elterlichen Hauses stürmend , schrie er den Namen des Stallknechtes . Und weil sich der Knecht nicht sehen ließ , sprang Lampert selbst in den Stall und sattelte in Hast den Moorle . Für einen Ritt war Lampert nicht gekleidet . Er kam von einer Reverenzvisite bei seinem fürstlichen Herrn und trug ein kostbares Hofkleid , mit einem zierlichen Dolch am Gürtel . Von seiner Mardermütze hing rückwärts eine goldfarbene Seidenschärpe herunter und schwang sich unter dem linken Arme bis zur Brust . Mit diesem feinen Kleide stapfte Lampert aufgeregt im Dünger des Stalles umher . Er fluchte , als der Pongauer beim Zäumen nicht gleich die Zähne auseinandertat . Schon im Hofe schwang sich Lampert auf den Gaul hinauf und ließ ihn über das Holzpflaster des Flures hinauspoltern auf die Straße . Die Tür der Amtsstube wurde aufgerissen , und Herr Someiner erschien , mit dem Gänsefähnlein hinter dem Ohr . » Was soll denn das , Bub ? Was willst du ? « Lampert war schon draußen im Licht , und nur der lange , buschige Schweif des Moorle wehte dem Amtmann noch eine unverständliche Antwort zu . Jagende Schritte , ein stammelnder Laut . Und aus dem dunklen Treppenschachte fuhr die weiße Frau Marianne heraus . » Ruppert ! Das ist doch der Bub gewesen ? « » Mir scheint - « Die beiden rannten auf die Straße hinaus . Dem Amtmann stieg das Blut zu Kopf , und ein deutliches Unbehagen redete aus seinen verdutzten Augen . Frau Marianne rief mit schriller Stimme : » Lampert ! Lampert ! « Aber der Reiter , der den Moorle trotz des löcherigen Pflasters zum Jagen zwang , verschwand schon um die Wende der Marktgasse . » Lampert ! « klang noch ein drittes . Mal der schrille , angstvolle Ruf . Ein Gewirr von Stimmen quoll vom Hirschgraben her . Die fleißige Annasusanne brüllte wieder , und während das Echo des Schusses über die in Sonne flimmernden Berge hinrollte , grub sich in das Herz der Frau Marianne eine bange Muttersorge , von der sie durch fünfzehn Monate nimmer erlöst werden sollte . Auf den Moorle , der an den letzten Häusern von Berchtesgaden schon vorbei war , hatte das Gebrüll der Kammerbüchse wie ein Peitschenschlag gewirkt . Der Rappe hämmerte mit den Hufen , daß eine wehende Staubwolke um ihn herum war . Roß und Reiter wurden grau . Nur die wehende Schärpe behielt noch ihre Farbe und war hinter dem Reiter vom Luftzug des jagenden Rittes zu einem Halbreif ausgebogen , wie der goldene Henkel hinter einem silbernen Krug . Dann schlug auf der hochliegenden Straße der Wind um und wehte den aufgewirbelten Staub vor dem jagenden Rosse her . Lampert , ganz eingehüllt in dieses dampfende Grau , sah nimmer auf zehn Schotte weit . Ein Hornruf , den er plötzlich hörte , verriet ihm , wie weit er in der Stunde dieses hetzenden Rittes schon gekommen : bis zum Burgstall am Gwöhr , einem Innenwerke der Befestigungen , mit denen der Hallturm die Berchtesgadnische Grenze gegen Reichenhall und das Landshutische Bayern schützte . Den Pongauer parierend , schüttelte Lampen den Staub vom Gesicht und streifte ihn von den Augenlidern . Und als die graue Wolke davondampfte , stieg aus ihrem Schleier ein wundervolles Bild heraus . Keine Burg . Nur eine Mauthalle , ein kleiner Turm und ein schlechtes Haus hinter grob geschichtetem Gemäuer . Aber die Sonne vergoldete das alles , und hinter dem leuchtenden Schlößlein glänzte der Sammet hundertjähriger Wälder und die träumende Ferne der ins Blau gehobenen Berge . Ein paar Söldner , deren Waffen in der Sonne blitzten , guckten aus den Scharten des Turmes herunter und erkannten den jungen Someiner . Er schrie hinauf : » Sind acht von den unseren da vorbeigekommen ? « » Wohl , Herr , die sind über den Saurüssel aufgestiegen , ein Stündl mag ' s her sein . « » Die muß ich einholen ! « Noch eine kleine Strecke ging der Ritt auf der Straße hin . Nun klomm der Rappe über das steile Gehäng einer Wiesenschlucht hinunter und drüben wieder hinauf , er keuchte , immer steiler ging es bergan , auf groben Wegen , durch Bachschluchten und dichten Hochwald . Auf einer ebenen Höhe mußte Lambert den Gaul rasten lassen . Und der Reiter , dessen Blicke immer suchten , sah hoch drohen über dem Bergwald die acht Pfändleute auf steiler Windbruchfläche hinaufklettern gegen den Hängmooser Paß , zwei , die ihre Rosse führten , zwei unberittene Spießknechte und vier Troßbuben . Lampert tat einen Schrei , der ihm die Stimme zerriß . Die acht da droben hörten nicht , der Lärm ihres Marsches über das dürre Astwerk erstickte jeden Laut der Tiefe . Sie stiegen höher und hoher . Jetzt kamen sie zu dem grasigen Paßweg . Die beiden Reiter konnten wieder aufsitzen , und so zogen die acht in den von Sonnenlichtern durchfunkelten Wald hinein . Marimpfel , der die Wege seiner Heimat kannte , ritt voraus . Plötzlich verhielt er den Gaul , hob sich im Sattel und spähte in den Wald . Rannte da nicht ein Bauernbub ? » Halt ! « brüllte Marimpfel . Doch der Bub hetzte durch den Wald hinunter gegen die Hängmooser Schlucht und suchte Wege , wo kein Reiter ihm folgen konnte . Jetzt sah er einen grünen Fleck der Alm . Wie ein blinkender Erzwürfel lag die Hütte in der Mittagssonne . Taumelnd klammerte sich der Bub an einen Baum und schickte einen gellenden Schrei zur Hütte hinauf - und wieder einen - wieder einen . Dann rannte er in die Schlucht hinunter , dem Taubenseer Karrenweg entgegen . Von den Gratwänden kam ein vielfaches Echo der gellenden Schreie . Es klang , als säßen rings um die Alm herum die Hüterbuben dutzendweise , und als kreischte jeder von ihnen einen Jauchzer in die schöne , friedliche Sonne . Jula stand vor der Hütte . Noch immer war sie des Glaubens gewesen : Die Pfändleute kommen nicht , das ist Unrecht , und das dürfen sie nicht tun ! Nun hörte sie den Buben schreien . Und wie Trauer war es in ihrem Blick , als sie hinunterspähte gegen den Wald und dann hinübersah zu dem von Sonne glitzernden Sumpfgewässer und zu der kleinen , grünschopfigen Insel , von der sie einen Sattel auf sicheren Boden getragen hatte . » Komm « , sagte sie zum Jungknecht Heiner , den ihr der Vater am Morgen heraufgeschickt hatte , » wir treiben die Küh zum Käser her , daß sich das Unrecht nimmer plagen muß . « Sie zog die Schuhe an und knüpfte mit zitternden Händen die Riemen . Heiner fluchte und schalt . In seinem Zorn wider die Herren schlug er mit dem Stecken auch auf die Kühe los . » Tu nit so grob ! Das Vieh kann nit dafür , daß die Menschenleut nit anders sind . « Jetzt waren die siebzehn Kühe bei der Hütte und brüllten , weil sie die wunderliche Sache nicht verstanden . Heiner mußte springen , wehren und treiben , um die Tiere beisammen zu halten . Den Bruder hatte Jula schon früh am Vormittag hinübergeschickt zur Leite , auf der die zwiesömmerigen Kalben weideten . Zwischen der Leite und dem Käser lag ein Waldstreif von Erlen , Birken und hohen Krüppelföhren . Wer hinter diesen Stauden saß , konnte nimmer sehen , was bei der Hütte geschah . Drum war ' s ein guter Platz für den Jakob . Und sein totes Ohr , das noch nie einen Laut der Liebe vernommen hatte , konnte auch nicht die Stimmen des Unrechts hören , das da geschehen sollte . In der Hütte schlang Jula einen Riemen um die kleine Kupferschüssel , die neben dem Herdfeuer stand und das Mahl für den Bruder enthielt . Brot und Löffel gab sie in die Schürze , die sie am Bund ihres Rockes aufsteckte . Mit dem Eisenzagel schob sie auf dem Herd die halbverbrannten Scheite auseinander , die noch ein bißchen flackerten , und bedeckte die glühenden Strünke mit Asche . Solang es den Herren nicht gefiel , durfte von Stund an auf diesem siegelwidrigen Herde kein Feuer mehr brennen . Jula trat in die Sonne