, der Vollkommenheit näher rückt , - und sein Begehren , ein Kind lieben zu dürfen , war so stark , daß er oftmals glaubte , ohne diese Liebe nicht leben zu können . Und gerade über dieses Begehren hatte er strenges Gericht gehalten - und sein Urteil selbst gesprochen . Die Erkenntnis , die ihm Vernunft und Gewissen mit unbarmherziger Nüchternheit diktierten , sprach zu ihm , - daß er selbst verzichten müßte , die ewige Substanz des Lebens weiter zu bauen . Er durfte nicht aus dem Schoß eines geliebten Weibes einen Menschen erwachsen lassen , der die Lasten seiner eigenen , beladenen Körperlichkeit mitbekam ; er war streng und unerbittlich in diesem Punkt . Sollte er in edles Ackerland kümmerlichen Samen streuen ? Gerade er träumte - zart , heiß und in gebändigter Begier , - von einer jener heilen , arttüchtigen Frauen , die ihr Geschlecht stolz verpflanzen , und in seinen einsamen Träumen sank er vor dieser unbekannten Gestalt , als vor dem hochgelobten Bildnis der Anbetung , in die Knie . Er träumte , - ohne zu begehren . Es wäre ihm auch ein müßiges Begehren erschienen ; denn würde je ein Weib , das er lieben könnte - ihn lieben ? Aber er verehrte . Er erglühte in Ehrfurcht , wenn ihm ein Weib » bestimmt zur Hochzucht « , wie er es nannte , begegnete ; und er erkannte solche Art scharf und schnell . Wunderbar war die kurze Zeit gewesen , die er hier im Nebenzimmer verbracht hatte , während diese Frauenstimme , voll und dunkel , wie gedämpfter Glockenklang , zu ihm geklungen war . Und was sie sprach , - es schien ihm wie die Weisheit der Fruchtbaren , der auf Erhaltung Bedachten . Ihr starkes Herz hatte er hören dürfen , und , wie die grünen Pflanzenblätter der Sonne zuwachsen , sich ihr zubiegen und -dehnen , so hatte er heile Instinkte dem Lichte arterhaltender Vernunft sich zuwenden sehen , jener tiefsten Vernunft der Natur , die , ohne zweckhaft zu sein , mit unberechenbarem Drang den Weg der Erhaltung der tauglichen Arten sucht , Sonne , Regen und Wind zu ihnen dringen läßt und , in geheimnisvoller Chemie , das Böse und das Gute tief im Kelch dieser Wesen verarbeitet , zu keinem andern » Zweck « , als um neue Nahrung , neues Wachstum für sie daraus zu gewinnen . Eine tiefere Logik als die durch Ideenreihen zu beweisende , ein unbewußtes , aber instinktstarkes Vertrauen in den logischen Sinn des eigenen Seins , war ihm aus diesen Frauenworten gekommen , - und so unvollkommen der Teil des Gesprochenen gewesen , den er belauschen durfte , so vollkommen klar war ihm der Zusammenhang dessen , was er hörte , mit dem , was ihm seine Schwester berichtet hatte , und ließ ihn die scharf umrissenen Linien eines Schicksals und einer Persönlichkeit erkennen . Die Geschwister blieben nicht mehr lange . Evas Gatte wurde zum Abend zuhause erwartet , und keiner von den dreien empfand den Wunsch , ihr Beisammensein in seiner Gegenwart fortzusetzen . So schieden sie . Schweigend gingen die Beiden durch die Anlagen des Villenviertels , das in tiefer Abendstille , die nur selten vom Rollen eines vereinzelten Wagens unterbrochen wurde , dalag . Ihr Sinn war erfüllt von dem Bilde der Frau , der sie heute nahe gekommen waren , um , vielleicht für immer , von ihr zu scheiden . Und Stanislaus schien es , als ob diese Frau ihre große Prüfung schon bestanden hätte , und als ob ihr das ausgleichende Schicksal nun die Erfüllung schulde - die Erfüllung ihrer persönlichen , noch verdeckten Bestimmung . Denn mußte nicht solcher Art , wie dieser , Verstärkung werden ? Hatte sie nicht die verschleierte Versuchung mit ahnendem Auge erkannt und überwunden ? War sie nicht , indem sie , unanfechtbar von triebhaftem Drang , und nüchtern bedacht , äußerlich in der Falle einer mißlichen Situation verblieb , an der wahren Falle vorbeigegangen , - jener , die ihrer letzten zweckhaften Bestimmung vielleicht gesetzt war ? Und diese Bestimmung , sie konnte bei ihr , wie bei jedem andern , der da auf dem Weltplan seine Rolle bekam , keine von außen gesetzte sein , - es war nichts , als die letzte , unerbittlich logische Folge der Wirkung der gestalteten Substanz , gemäß jener Gesetze , die ihr jeweilig eigneten . Tief in solche Gedanken verloren , ging Stanislaus wortlos neben der Schwester des Weges ; und ihr Herz war ähnlich erfüllt wie das seine und sandte stumme Fragen in das Dunkel , das über jener Frau - wie über ihnen selbst lag . Drittes Kapitel Berlin Motto : » Freiheit ist eine kräftigere Herzstärkung als Tokayer . « Schopenhauer . Immer , wenn Olga nach Berlin gekommen war , so war ihr , wenn der Bahnzug die äußersten westlichen Vororte durcheilte , freier zumute geworden . Mit fröhlichen Augen hatte sie aus dem Fenster des Coupés die Villenkolonien , die zur Weltstadt gehören , begrüßt , und auch diesmal war dieses bekannte Wohlgefühl in ihr aufgestiegen , als die Perrontafel mit der Aufschrift » Groß-Lichterfelde « mit Eilzugsgeschwindigkeit am Coupéfenster vorüberraste und sie im funkelnden Vormittagslicht jener sonnigen Oktobertage , an denen das Berliner Klima so reich ist , draußen die Villen , die Gärten , die freien Felder des Vorortes und die dunkle Linie des Grunewaldes vorüberfliegen sah . » Wechsle den Ort und du wechselst das Glück « , hatte Cousin Diamant getoastet . Und wahrhaftig , sie konnte es brauchen . Gespannt , gequält , oft voll mühsam unterdrückter Ungeduld , so war ihr in letzter Zeit immer öfter zumute gewesen . Und sie hatte oft das Gefühl gehabt , als müsse sie irgend etwas zerschlagen , etwas , das sie von ihrem Schicksal fern hielt , das ihr verwehrte , sich frei den Dingen zuzuwenden mit dem Willen , das Gute in ihnen aufzufinden . Und sie wußte nicht , was es war . Der Gedanke , ihre gebundenen Willensgeister in eine Stätte zu verpflanzen , wo sie sich freier tummeln , wo sie in irgendeiner Weise ihrer Wirkung zuwachsen konnten , war immer stärker in ihr geworden . So hatte sie sich für Berlin entschlossen . Eigentlich programmlos kam sie in die Weltstadt , die ihr wie ein wunderbar weites Asyl für die » Obdachlosen « erschien , - für die , die nicht in irgendeiner Tradition wurzelten , die keinem geliebten Boden verpflichtet waren , die keine andere Nationalität verkörperten , als die des Weltbürgers deutscher Sprache und nichts wollten , als sich tummeln und ihre Kräfte regen . Bedrängt von Verwandtenfürsorge , beengt von schematischen Konventionen , begrenzt und beobachtet , mißtrauisch belächelt , zu Verformungen gezwungen , die sie belästigten , - so hatte sie in Wien gelebt , und darum hatte die Luft dieser als so anmutig und gemütlich geltenden Stadt sie bedrückt ; und immer hatte sie gedacht : da draußen im Reiche , in dieser großen Hauptstadt , da sind die Wege weiter . Da finden sich Wäge- und Prägestätten für Willenskräfte , und da kann man besser - untergehen , weniger begafft , wenn es zum Bestehen nicht reicht . Mit derselben Gleichgültigkeit , mit der diese weite Stadt deinen Untergang duldet , läßt sie dir auch alle ihre Wege offen , die zu deinem Ziele führen . Rühre dich , werde oder vergehe , so spricht diese Stadt . Nicht wie jene andere , die sie verlassen hatte , die da sprach : - friste dich ... Es war ihr geglückt , für einige österreichische Blätter zu zeitweiliger Berichterstattung über die deutsche Frauenbewegung , wenn auch auf unverbindliche Art , aufgefordert zu werden . Sie sollte Versammlungen und Kongresse besuchen und darüber referieren . So unverbindlich dieses Engagement auch war , - es war doch ein kleiner Verbindungsweg , der aus der Isolierung hinüberleitete in die Fülle des Zusammenklangs sozialer Kräfte und sie gerade hineinführte in die Sphäre , mit der sie sich durch Strömungen bedeutender Art verbunden fühlte . So war ihr Programm dieses : äußerlich die Wege zu suchen , die für diese Bewegung die wichtigsten Bahnen bedeuteten , genaue Kennerschaft auf diesem Gebiet zu erwerben und so , neben äußerer Tätigkeit , mehr und mehr auch zu innerer Deutlichkeit über ihre eigene Stellung zu diesem Phänomen zu gelangen , über die Gründe ihrer Auflehnung gegen so manches Dogma jener neuen Anschauung , welche mit der Frau als einem selbstverantwortlichen und selbsttätigen Wesen rechnete , und über ihre Ahnungen , die sie manchmal mehr beunruhigten , als befreiten . Der Schwerpunkt der ganzen Frage schien ihr nicht im Brotkampf zu liegen , - wenn auch dieser Kampf unvermeidlich war . Es schien ihr vielmehr , als bedürfte es einer sozialen Gestaltung , die vor allem mit dem Muttertum rechnete , - freilich noch in einem anderen Sinn , als dies bisher geschehen war , wonach die hohe , wirtschaftliche Belastung des Mannes vorausgesetzt und damit die Frau zur Unfreien und Werbenden gemacht wurde . Der Kern der ganzen Frage lag für sie in dem noch ungelösten Problem einer Vereinigung des der Frau , insbesondere der Mutter , notwendigen Schutzes mit der ihr ebenso notwendigen Freiheit der Selbstbestimmung . In dieser Synthese sah sie die wichtigste Aufgabe der Bewegung . Zag lagen diese Gedanken in ihr , warteten auf das entscheidend Gestaltende , das ihnen Wachstum und Deutlichkeit bringen sollte . Und dann war noch manches in ihr , das sie selbst betraf , so manche Unruhe , von der sie sich hier frei machen wollte , mit all der Kraft , mit der sie das Schicksal bedacht hatte . Da war die Angst vor der Armut , die sie sich selbst kaum eingestand , die Angst vor irgendeinem obskuren Schicksal , das den Willen kleinlich in eine Ecke drückte . Da war die Sehnsucht , irgend einmal festen Grund unter die Füße zu bekommen , irgendeinen Platz im Leben deutlich zu besetzen , irgendwo Zugehörigkeit zu erwerben , Besitzrechte , Pflichten . Sonderbar erschien es ihr manchmal , daß sie mit ihrem persönlichen Schicksal so vollkommen in der Luft hing , daß es sich ihr noch in keiner Weise geoffenbart hatte . Ihre äußere Existenz lastete auf den Schultern eines Greises ; aber sie trug nicht die finstere Sicherheit des Bruders in sich , die düstere Überzeugung - zu erben . Sie war länger zu Hause geblieben als er und teilte seinen Optimismus über die Lage des Vaters nicht . Auch die für ihre Großjährigkeit versicherte Summe , deren Zinsen ihr der Vater auszahlte , hatte er ihr nicht ausgeliefert ; sie wagte nicht , danach zu fragen , aber sie fürchtete , daß auch dieser kleine Betrag in seinem Geschäft angelegt war . Sie wußte , daß der alte Mann weniger und weniger seinen Besitz mit der starken Hand zusammenzuhalten vermochte , die notwendig war , ihn vor Räubern zu schützen . Und so war immer die Bangigkeit in ihr , vielleicht auch das Wenige zu verlieren , das sie bis jetzt hatte , ohne irgendwie zur Selbsterhaltung gerüstet zu sein , - in die typische Elendsituation der » allgemein gebildeten « Frau gestürzt zu werden , die dann eine Stelle sucht , als Gesellschafterin » oder « Erzieherin » oder « Kontoristin » oder « Reisebegleiterin , die bettelnd vor den Wohnungen der Stabilen , Gesicherten steht , um ihnen irgendwelche sehr ersetzbare und wenig notwendige Dienste zu leisten . Lähmende Furcht überkam sie , wenn sie an solche Möglichkeiten dachte . Ach , - nur so viel erringen mit freier Arbeit , um in einem Stübchen bescheidenster Art sich täglich einmal satt zu essen , - aber frei bleiben , reinlich für sich , ohne auf das Sklavenbrot in fremden Familien angewiesen zu sein oder in der Tretmühle eines Geschäftshauses verbraucht zu werden . Neben dieser Angst vor der Armut überwallte sie so manches Mal ein heißer Gram über ihr erdrücktes Frauenschicksal , dieses eisige Nichts , das ihre Wünsche schwer umschloß , daß sie hart und starr eingekapselt blieben , wie feste , grüne , unerschlossene Knospen , denen kein Sonnenstrahl dazu verhilft , sich zu öffnen und zu blühen . Manchmal tauchten ihr Zusammenhänge auf , die ihr plötzlich die Gründe dieser seltsamen Lage deutlich erscheinen ließen und die merkwürdig mit jenen Ahnungen zusammentrafen , die ihr , unabhängig von ihrem persönlichen Erleben , die tiefsten Motive der Frauenbewegung erhellten . Aber sie fürchtete sich , über ihr persönliches Schicksal zu grübeln . Noch war sie stark genug , diese dunkeläugigen , düster umwallten Fragen fortzudrängen , wenn sie sich , wie Phantome , an sie herandrängten . Noch war sie stark genug , zu sagen : rege dich , rühre die Hände , greife nach dem Nächsten , wenn diese Dämonen dich bedrängen . Und sie schob sie immer wieder von sich , mit starker Hand , in der der Wille noch wirkte . Eine Menge peinlicher Beschwerden erwarteten sie bei den ersten Versuchen ihrer Niederlassung . Mit ihren knappen Mitteln konnte sie nur schwer ein besseres Mietszimmer finden , und in der Berliner » möblierten Wirtin « lernte sie eine Spezies kennen , die sie bald fürchtete . Da wurde jeder Handgriff , jede Kanne heißen Wassers , jede abgespülte Teetasse separat auf Rechnung gesetzt . Dann mußte sie Tag für Tag ausgehen und in den Restaurationen nach billigen Menus suchen , die noch immer für sie viel zu teuer waren . Auch Stanislaus hatte erst nach längerem Aufenthalt in Berlin eine Stube gefunden , deren Wirtin ihm ein genießbares Essen zu einem erschwinglichen Preise bot . Bei dieser Frau konnte Olga nicht mehr unterkommen , auch liebte sie die Gegend nicht , das weite Straßenmeer von Charlottenburg mit seinen langen und breiten Straßenzügen und den riesigen Plätzen , bei deren Überquerung man müde wurde . Viel besser gefiel es ihr in den westlichen Villenvororten , und sie beschloß , so bald als möglich in eines jener landhausartigen Mietshäuser zu ziehen , die mit ihren einfachen Fassaden und der raumgebenden , offenen Bauweise , welche zwischen Haus und Haus Gartenflächen legt , so anziehend wirkten . Freilich war sie , wenn sie da hinauszog , dem Tiergarten entrückt , in dessen Nähe sie vorderhand wohnte . Alle ihre Wege » nach der Stadt « wie sie , nach Wiener Art , immer noch die Hauptstraßen Berlins nannte , nahm sie zu Fuß durch den Tiergarten , und dieser große , wunderbare Park , der da mitten im Herzen der Weltstadt wie eine grüne Zuflucht liegt , entzückte sie , wie niemals eine Wiener Parkanlage . Sie liebte diesen reichen , wechselvollen Baumbestand , diese gebogenen Fußwege , diese zahlreichen Wasserflächen , die die Luft so zart , so durchsichtig und frisch erhielten , ja , sie liebte vor allem diese Luft , dieses Klima von Berlin und besonders die Atmosphäre des Tiergartens . Und daß er so mitten drin in der Stadt lag , schien ihr das Schönste . Denn was hat man von einem Park , dachte sie , zu dem man erst eine lange Reise unternehmen muß . Trotz ihres Alleinseins in ihren ersten Berliner Wochen fühlte sie sich doch nicht einsam . Auch den Bruder , der mit der Fertigstellung seines Buches beschäftigt war , sah sie nur selten . Sie hatten verabredet , daß sie vorderhand voneinander nicht mehr Notiz nehmen wollten , als gute Bekannte , die zufällig in derselben Stadt sind , daß keiner dem anderen durch seine Anwesenheit Verpflichtungen auferlegen sollte . Und er hatte ihr erklärt , daß es mit der Zeit hier in Berlin ein ganz anderes Ding sei , als in Wien . Die Menschen verteidigten hier ihre Zeit viel schärfer . Durch die großen Entfernungen sei die Zeit hier ein kostbares Gut , auf das man sehr gut achten müsse , damit es einem nicht unter den Fingern zerränne . Die Leute , die hier arbeiten wollten , hatte er gesagt , die säßen nicht täglich nachmittags im Kaffeehaus und machten einander nicht wöchentlich ein paarmal Besuche . » Mitten im Gewimmel verkapselt sich jeder , der etwas leisten will , in eine viel dichtere Einsamkeit , als du es von Wien aus gewohnt bist . « - Und in diesen ersten Wochen dachte sie manchmal an den pathetischen Pankratius , wie er mit seinem tiefen Baß weintrunken verkündet hatte : » Der moderne Prophet geht in die Wüste der Weltstadt . « Und so lernte sie es , allein zu sein und auch Mußestunden allein zu genießen . Neugierig durchstreifte sie manchmal die Straßen und immer hatte sie das fröhliche Gefühl : allein , allein , - keine Seele erwartet dich , niemand kritisiert deine Kleidung , findet dich zu wenig modern kostümiert , zu wenig » adrett « , zu bequem . Du hast hier keine überflüssige , zeit- und geldraubende steeple-chase eines konventionellen Geschmackes mitzumachen , kannst hier umherlaufen , wie du bist und als was du bist . Und sie summte so manches Mal , mitten im Getriebe der Straße , ein altes Couplet vor sich hin , daß sie draußen , in Grinzing , von Volkssängern gehört hatte : » Und sollte auch mein Hemd Durch tausend Löcher schimmern , So hat sich doch kein Mensch , - kein Mensch darum zu kümmern . Und sollte ich dereinst Auch in der Hölle wimmern , So hat sich doch kein Mensch , - kein Mensch darum zu kümmern . « - - - Wenn sie ordentlich gebummelt und sich ganz berauscht hatte an diesem Gefühl der Geborgenheit , das ihr die Fremde der Weltstadt gab , dann landete sie gern im » Erfrischungsraum « eines großen Warenhauses , vergönnte sich da Kaffee und Kuchen und setzte sich dann ins Lesezimmer des Hauses . Eine Menge Zeitungen standen da zur Verfügung . Am liebsten saß sie am Fenster , - an einem jener hohen Fenster , die von außen wie ohne Brüstung scheinen , durchgehend aus Spiegelscheiben bestehen , über alle Stockwerke hinweg nur durch die Zwischendecken getrennt sind und wie Schaufenster wirken . Dort saß sie , hoch oben im dritten Stock , bequem in einen großen Klubfauteuil gedrückt , und blickte hinunter , in die jetzt schon zeitig beleuchtete Straße , in der das Leben auseinanderfloß und sich doch wieder verknüpfte , mit scheinbar nie stillstehender Hast und doch ohne Gedränge , doch geordnet , als wäre hier alles auf Geleise geleitet , auf denen es seiner Bestimmung und seinem Ziele zurollte . Diese große , elegante Korsostraße des Westens gefiel ihr gut , wie sie , von modernen Mietspalästen flankiert , breite Trottoire bot , - Bürgersteige hieß es hier , - neben denen blanke Asphaltstriche liefen , auf denen sich der Wagenverkehr mit gedämpftem Geräusch abwickelte , die wieder von je einem Geleise für die elektrische Bahn begrenzt waren ; und ganz in ihrer Mitte wurde die Straße zur Doppelallee , die auf der einen Hälfte ein breiter Fußpfad , auf der andern ein Reitweg war . Ein Ziergitter , von Weinranken und roten Geranien umschlungen , wie man sie hier auch im Herbst noch als hängende Riesenbuketts auf den Balkonen sah , zog sich , in geschmeidiger Linie , zwischen den Bäumen . Tunnelartige Höhlen , aus denen die Hoch- und Untergrundbahn , die streckenweise unter der Erde blieb , aus der Tiefe heraufkam , durchbohrten das Niveau der Straße . Wie herausgeschleudert aus der Versenkung schoß sie auf ihre Brücke hoch in die Luft , während ihr eine andere entgegenkam , von der Höhe heruntersauste und unter dem Pflaster verschwand . Von Stanislaus kam eine gute Nachricht . Sein Buch war vollendet , und er bat die Schwester , jetzt über ihn zu verfügen . Er hatte sie , solange er in diese Arbeit versponnen war , auf sich selbst verwiesen . Nun war das Werk vollbracht , er war erleichtert und lobte im Stillen ihre brave Zurückhaltung . Er bat sie nun , ihn bald aufzusuchen . Sie war froh , sich ihm anschließen zu dürfen , und froh vor allen Dingen , zu hören , daß die große Arbeit vollendet war . Stans Stübchen trug nicht mehr so sehr den Stempel des Provisorischen . Man sah , daß er hier schon längere Zeit wohnte . Eine große Büste Schopenhauers und jenes Bildnis des schon mit Wahnsinn geschlagenen Nietzsche , mit dem erschütternden , gebrochenen Blick , nahmen dem Zimmer seinen Charakter als möbliertes Wechselquartier . Neben dem Nietzsche hing freilich ein gewöhnlicher Druck , der » Die Jagd nach dem Glück « darstellte . » Warum hast du das dagelassen ? « fragte Olga . Stan lächelte . » Ich habe eine Vorliebe für primitive Genrebilder , die , in populärem Geschmack , typische Vorstellungen veranschaulichen . « So standen sie beide vor dem Bild und besahen es gedankenvoll . » Es hätte wohl auch Überritten heißen können « , meinte Olga . Das Roß , daß das Glück trug und mit wehender Mähne und irrsinnigen Augen dahinraste , ließ Menschenleiber hinter sich und unter sich liegen , und mit den Hufen seiner Vorderbeine berührte es fast den stolzen Körper einer Frau , die niedergestreckt , aber noch mit begierig erhobenem Arm , auf dem Boden lag . Stanislaus führte sie zu seinem Schreibtisch , einem bequemen Möbel , das einen beträchtlichen Teil des kleinen Zimmers in Anspruch nahm , und zeigte ihr freudig die ordentlich aufgeräumte Platte . » Da war bis vor wenigen Tagen ein Wirrwarr von Papieren und Büchern , an denen nicht gerührt werden durfte . Aber jetzt habe ich endlich - buchstäblich - tabula rasa gemacht . Heute habe ich geräumt « , sagte er , » und den Tisch abgestäubt . Das ist die Ernte « , und er wies auf einen großen , sauber aufgeschichteten Manuskriptstoß , eine Maschinenabschrift seines Werkes . » Und hier « , er deutete auf einen zusammengescharrten Haufen beschriebener und durchgerissener Zettel , » ist der Abfall . Weißt du , was eine der - reinsten Freuden des Schriftstellers ist ? Das Zerreißen und Wegwerfen dieser Zettel . Es ist , wie wenn man ein Gerüst einreißen darf , weil endlich der Bau fertig ist . Das hier « , - er deutete auf den Papierkorb , - » ist mein bester Freund . « Und er nahm den großen Stoß zerrissener Zettel und stopfte ihn , mit vergnügtem Lächeln , seinem Freunde in den Schlund . » Ich habe die gute Idee gehabt , « erzählte er , » mich auch in letzter Zeit von meinem Herrn im Grunewald , zu dem ich sonst fast täglich gehe , um ihm vorzulesen , zu beurlauben . Und in den vierzehn Tagen , die er mir als Pause bewilligt hat , konnte ich meinen Gedanken freie Audienz geben , - eine feine Sache das . « » Hast du denn schon einen Verlag für das Buch ? « fragte Olga . » Ich habe beinahe abgeschlossen « , erwiderte er . Sie setzten sich auf das ripsbezogene , grüne Familiensofa , hinter den runden Tisch , und er erzählte von den Verlagsverbindungen , die er angeknüpft hatte . Ein polemisch-essayistisches Buch , wie das seine , war kein so beliebter Verlagsartikel wie ein guter Roman . Und nun dieses Buch , das alle Torheiten , alle Verirrungen der Moderne registrierte , - und das doch an ihre Zukunft glaubte , aus dem neben einer Kritik , die die Stoffe fast mit chemischer Präzision auseinander löste , doch eine große Liebe sprach , eine Liebe zu diesen Ringenden , die an ihrer Übergangsmission litten , - dieses Buch hatte es nicht leicht . Nun wußte er es in den Händen eines vornehmen Verlages und sollte eine für seine Verhältnisse ansehnliche Summe als à Conto-Zahlung für die erste Auflage vorausbekommen . Diese klingende Anerkennung trug auch dazu bei , den sonst so stillen Menschen in fröhliche Laune zu bringen . Sie sprachen von den verschiedenen materiellen Aussichten der Schriftsteller . Stanislaus meinte : » Da kann man schön saubere Kategorien machen . Es gibt Schriftsteller , die enorm verdienen . Dann gibt es solche , - die verdienen , dann solche , die etwas verdienen - und zu denen gehöre ich - dann kommt eine Kategorie von denen , die wenig verdienen . « » Das ist also die letzte Schicht « , meinte Olga . » O nein , « entgegnete Stanislaus , » jetzt kommt Abschnitt zwei : da sind erstens die , die nichts verdienen , aber auch nichts bezahlen . Dann zweitens die , die viel bezahlen dafür , daß ihre Werke gedruckt werden , und drittens endlich jene , die , trotzdem sie bezahlen möchten , dennoch abgewiesen werden . « » Das ist ja eine prachtvolle Einteilung . Aber wie willst du alle diese Leute nach ihrer inneren Bedeutung kategorisieren ? « » Wenn wir jetzt öfters ausgehen , mal abends ins Café , wo ich Bekannte treffe , da wirst du sie alle finden , - solche , die etwas zu sagen haben , was die anderen angeht , was vielleicht die Zukunft angeht , andere , die nur dem Tag geben , was des Tages ist , und wieder andere , die sich überhaupt nicht mitteilen , die nur für sich schreiben , unbekümmert um alles , was in der Zeit kämpfend aneinander klirrt , die nichts brauchen von dieser Zeit , von ihr nicht belehrt werden , ihr nichts zu geben haben und im Stübchen Blatt um Blatt füllen , mit Eingebungen , für welche sie selbst nicht das Interesse der Zeit anwerben , zumindest nicht nach einigen erfolglosen Versuchen . « » Und du ? « » Ich ? Ich sehe mit sehr viel Interesse auf das Bild um uns , wie es sich durcheinanderschiebt , verdichtet , ergänzt , auflöst oder erneut . Und ich habe Beziehungen zu diesem bewegten Bilde . « Er bereitete den Tee , holte Tassen aus der Kommode , Olga deckte den Tisch , und so saßen sie , wie gute Freunde und echte Lebenskameraden , die es wohl miteinander meinen , ihre Pläne voreinander entwickeln , zusammen . » Übrigens habe ich bei dem Verlag einen Menschen kennen gelernt , der mich sehr interessiert und mit dem ich nun öfters zusammenkommen werde . Er hat hier Brot gefunden , - es ging ihm früher schlecht , - sehr schlecht . « Sein Gesicht verdüsterte sich . » Trotzdem wir eigentlich auf zwei ganz verschiedenen Lagern stehen , hat er sich sehr an mich angeschlossen . Seit ich mit dem Buch fertig bin , kommt er fast täglich abends , mich zum Spazierengehen abzuholen . « » Und ist dir das recht ? « » Nun , ich kann viel allein sein ; ich brauche die tägliche Aussprache weniger , als dieser Mann . « » Und warum braucht er sie ? « Stanislaus lachte . » Wenn du ihn erst kennen wirst , wirst du das nicht mehr fragen . « Und er berichtete ihr , was er von Werner Hoffmann wußte . Trotz der kurzen Bekanntschaft hatte der ihm nicht nur seine äußeren Lebensschicksale erzählt , sondern ihm , mit leidenschaftlicher Eindringlichkeit , in die Konflikte seiner Seele Einblick gegeben . Ein besonderer Kampf war es , der seine Kräfte vor allem beanspruchte . Eine scharf ausgeprägte Doppelseitigkeit der Instinkte erschwerte ihm die planvolle Gestaltung seiner Gaben und den Ausbau seines Lebens . Er , der jede Beschränkung des Einzelichs , zum Wohl der Gesamtheit , abwies , der am liebsten sagte : » was habe ich mit der Gesellschaft zu tun « , hätte persönlich jene Einrichtungen , die sich aus sozialisierenden Strebungen ergeben , am nötigsten gebraucht . Stipendien und volkstümliche Sanatorien hatten ihm wiederholt weiter geholfen , wenn er , wundgeschlagen , im Getümmel zusammengesunken war . Aber er erkannte nicht die Zusammenhänge gesellschaftlicher Vorkehrungen mit den Prinzipien der Behütung der Persönlichkeit . Er nannte sich einen Ichlichen , der » sein Sach ' auf nichts gestellt « habe , - ohne zu wissen , wie sehr er selbst auf dem Boden stand , der allen gehörte . In sozialer Reformarbeit sah er nur eine Verflachung des Daseins , ohne die Ahnung , daß die Gesellschaft diese Organisationen erschuf , - um dem Einzelnen Luft zu machen . Widerspruchsvoll , wie in allem , hielt er sich für einen » Einsamen « - und entbehrte doch schwerer als sonst jemand , wenn er auch nur einige Zeit lang ohne den Anschluß an ähnliche blieb . Zweiseitig war er auch in seinen Begierden . Ein fast fanatischer Trieb führte ihn zeitweilig zu scharfer Selbstzucht und Buße , - » zur Übung wider sich « , wie er es nannte , - zur Askese ; er züchtigte sich dann mit diesem Trieb , wie der Mönch , mit der siebenfachen Knute . Dann wieder stieg die Verachtung vor solchem » Unterliegen « in ihm auf , und nur der » Herr « schien ihm der Berechtigte dieser Erde , - nur der , der kaltblütig den Genuß als sein Erbe kassierte . So lockte ihn die Verführung von ihren beiden entferntesten Polen , ließ ihn unendliche Strecken immer wieder neu durchmessen und narrte ihn mit zwiespältigen Süchten . - In diesem Sinn hatte er auch das Weib erlebt : bald suchte er den » Dämon « , der durch Wollust vernichten und erlösen sollte , - bald sah er sein Ideal in der » Witwe « im Sinne des Tertullian , - » durch Glauben schön , durch Armut ausgesteuert , durch Alter besiegelt , « - weise , streng und » fromm « im unerbittlichen Lebensernst . So schwankte er zwischen den Idealen von äußerster Freiheit und strengster