Man rief nach Wasser , Fräulein Bork brachte Riechsalz . Was war geschehen ? Eine Ohnmacht . Lolo hatte mit Hans Grill getanzt und war ganz still umgesunken . Als sie wieder ein wenig schwankend , sehr weiß im Gesichte , dastand , auf ihren Vater und Hilmar gestützt , organisierte die Generalin eilig den Rückzug , Lolo , von den beiden Herren geführt , voran , die anderen folgten , man nahm sich kaum Zeit , ein Abschiedswort an den Geheimrat zu richten , und die Baronin Buttlär konnte es nicht lassen , halblaut vor sich hin zu schelten : » Ich habe mir gleich gedacht , daß nichts Gutes dabei herauskommt . Wenn ein alter Herr sich amüsieren will , so laß er doch wo anders hingehen ; wozu sind meine Kinder dazu nötig . « » Fatal , « sagte der Geheimrat , als er mit Hans und Doralice allein war , » nun , es wird nichts zu bedeuten haben . Hübsch sah es übrigens aus , wie die Kleine da so weiß im Mondschein lag . Nerven . Eine Familienverlobung ist immer etwas Gewaltsames . Ein streng behütetes Mädchen , das nicht einmal einen Roman lesen darf , wird eines schönen Tages einem Leutnant ausgeliefert . Studiere die Liebe , heißt es . Ja , das richtet aber in der Seele solch einer kleinen Familiencolombine zuweilen merkwürdige Verwirrungen an . Na , gleichviel , c ' est la vie . Ich danke Ihnen , meine Herrschaften , daß Sie gekommen sind , Sie waren die Königin des Festes , gnädige Frau , natürlich . « Er küßte Doralicens Hand und man trennte sich . Auf dem Heimwege sprach Hans heiter und eifrig auf die schweigsame Doralice ein . Er freute sich , daß sie sich unterhalten hatte ; denn sie hatte sich unterhalten , das hatte er wohl gesehen . » Schön , schön . Teufel , hatten die Herren um sie her Mondscheinaugen gemacht , alle , vom Familienvater bis zum Gymnasiasten . O bitte , bitte . « Sie blieben einen Augenblick stehen , um auf das mondbeschienene Meer hinauszublicken . Hans öffnete seinen Mund , atmete tief . » Weite einatmen « , meinte er , » dort unter den Bäumen war es ein wenig eng , auch die Leute dort ein wenig eng , nicht ? « Zu Hause ging Hans in sein Zimmer . Doralice hörte ihn hin und her gehen , den Kasten aufschließen , Stiefel werfen . Sie saß in ihrem Sessel und starrte in das Licht , lebte in Gedanken mechanisch das eben Erlebte weiter , die Glieder ein wenig matt von der Bewegung , der Luft und all den Männeraugen , die sie begehrend angesehen hatten . Endlich kam Hans heraus , in seinen Mantel gehüllt , den Filzhut auf dem Kopfe , die hohen Stiefel an den Füßen . » Ich fahre noch mit Wardein auf den Fischfang hinaus « , sagte er , » für dich ist das nichts , du bist zu müde . « Er küßte Doralice auf die Stirn . » Gute Nacht . « » Gute Nacht , Hans . « Doch als er schon an der Tür war , sagte Doralice : » Du , Hans ! « Er wandte sich um : » Was gibt es ? « » Du , Hans , bist du eigentlich böse ? « » Nein , warum ? « erwiderte er . Dann kam er wieder an den Tisch heran . Im Schein der Lampe sah Doralice , daß er errötete . » Nein , ich bin nicht böse . Warum sollte ich böse sein ? Vielleicht weil die da sich möglicherweise in dich verlieben ? Das ist ihr Recht . Das ist erklärlich . Aber das kann doch an uns nicht heran . « Und er klopfte mit den Knöcheln seiner Hand auf den Tisch . » Nein , das wirst du nicht erleben , daß ich knurrend um dich herumgehe . Mir würde vor mir selber ekeln . Wenn du mein bist , weil ich jedem , der mir nahekommt , die Zähne zeige oder weil ein anderer mir nicht beizeiten die Zähne gezeigt hat , dann bist du überhaupt nicht mein - und ich will eine Frau , die mich liebt und nicht eine Beute - und - ich denke , wir gehorchen reineren Gesetzen - und - es ist auch gar nichts geschehen , warum sollte ich böse sein ? « Doralice zog die Augenbrauen empor , sie machte , wie Hans Grill es nannte , ihr Damengesicht und sagte leichthin : » Oh , dann ist es gut , ich wollte nur wissen , gute Nacht also , Hans . « » Gute Nacht « , erwiderte er und ging hinaus , stark mit den schweren Stiefeln auftretend . Doralice schaute noch immer in das Licht . Also , er war doch böse , dachte sie , sonst wäre er nicht so beredt gewesen . Und es war gut so , es beruhigte sie . Wenn man geliebt wird , will man festgehalten , will man bewacht werden . Diese reinen Gesetze , was ist das ? Wahrscheinlich wieder diese ewige Freiheit , von der Hans zu sprechen liebte . Jetzt wollte sie schlafen gehen , wollte in der Dunkelheit noch ein wenig von all dem träumen , was der heutige Abend in ihr aufgeregt hatte . Das war vielleicht etwas wie ein Verrat an Hans , aber warum ließ er sie mit ihren Träumen allein ? Zehntes Kapitel Knospelius stand im Strandwächterhäuschen am Fenster , ein Opernglas vor den Augen , und schaute auf den Strand hinab . Er liebte es zu beobachten , wie dort auf dem gelben Sande die bunten Figürchen hin- und hergingen , sich suchten , sich trafen , beieinander standen , sich wieder trennten . » Wo die Skorpionen gehen und die Feldteufel sich begegnen « , zitierte er den Propheten . Der Himmel hing voller Wolken , die das Morgenlicht dämpften und versilberten . Das graue Meer schillerte wie die Brust eines Täuberichs . Mitten in dem farbigen Wasser stand Ninis schmale rote Gestalt und die Baronin Buttlär ging am Strande auf und ab und beobachtete das Bad ihrer Tochter . » Ei , ei ! « dachte Knospelius , » da erscheint ja die Generalin im weißen Piquékleide , wie ein Schiff , das alle Segel aufgezogen hat , neben ihr die gute Bork , eine bescheidene , nichtssagende Schaluppe . Wedig , der Schlingel , treibt sich natürlich an der Wardeinschen Tür herum und wartet . Aber auch der Baron steht dort einsam herum und stochert im Sande , sollte er auch warten ? Ah , das Brautpaar Arm in Arm . Die kleine Lolo noch etwas bleich , der Bräutigam sehr lebhaft , zu liebenswürdig , hat vielleicht ein schlechtes Gewissen wegen gestern . So , nun begegnen sie der Generalin . Man bleibt stehen , man spricht . Endlich , da ist unsre Doralice , sehr fein im Matrosenkostüm blau und weiß , den englischen Roman in der Hand . Natürlich , der Baron ist schon bei ihr . Wie kühl sie nickt . Wie grade und wohlerzogen sie dasteht , jede Linie höfliche Abweisung . Wie sie langsam weiter geht und ihn stehen läßt . Teufel ! aber das ist stark . Der Leutnant läßt den Arm seiner Braut fahren und schießt auf Doralice zu , wie der Hecht auf die Angel . An Hemmungen leidet dieser junge Mann nicht . Wo ist denn der Maler ? Dort steht er ja unten bei den Booten und spricht mit Stibbe . Warum ist er nicht auf seinem Posten ? Der dumme Kerl will den Grandseigneur in der Liebe spielen . « Jetzt aber litt es Knospelius nicht mehr an seinem Fenster ; er mußte hinunter , mußte mittun . Hinter ihm stand Klaus und hielt schon Hut und Stock . Als der Geheimrat seinen Hut nahm , schaute er zu Klaus ' ernstem Gesicht hinauf und sagte : » Sie denken wohl , die da unten sind alles Sünder . « » Wir sind alle Sünder , wenn Exzellenz gestatten « , erwiderte Klaus , ohne die Miene zu verziehen . » Aber da sind doch Unterschiede « , warf Knospelius ein . Klaus zuckte kaum merklich mit den Schultern : » Die einen fürchten sich nicht davor Sünder zu sein und wir anderen fürchten uns davor . « » So , so , ich verstehe « , versetzte der Geheimrat und ging zum Strande hinab . Unten machte er sich eifrig an das Begrüßen der Anwesenden , ging zu der Gruppe der Generalin , fragte , wie man geschlafen hatte , nannte Lolo » unsere tragische Kolombine « , wandte sich dann zu Hilmar und Doralice , die noch beieinander standen , rieb sich die Hände , tat , als sei er der Hausherr des Meeres und habe seine Gäste zu begrüßen . Er winkte Hans Grill zu , der langsam heranschlenderte . » Guten Morgen , Meister , was ? heute nacht auf Fischfang und jetzt wieder bei den Booten , das heißt ja im Schweiße seines Angesichts leben . « Ja , Hans Grill wollte hinausrudern , er lachte : » Das Meer hat mich jetzt , wenn ich nicht was mit ihm zu tun habe , werde ich unruhig . So was wie Säuferdurst . Fährst du mit , Doralice ? « Nein , Doralice wollte nicht mitfahren , das Meer war ihr heute zu grau , sie wollte zu den Birken hinaufgehen und im Heidekraut liegen . » Aha , « meinte Knospelius , » ich verstehe , graues Meer ist für Ihre Seele heute sozusagen nicht die richtige Toilette . Nehmen Sie mich mit , Meister , meine Seele paßt zu jedem Meer . « Aus den anderen Gruppen wurde nach Hilmar gerufen , Nini hatte ihr Bad beendet und man wollte nach Hause gehen . Aber Lolo winkte ihm zu . » Bleibe nur , du willst segeln , auf Wiedersehen . « Etwas unschlüssig blieb Hilmar zurück , schaute der abziehenden Familie nach , sah , wie Doralice die Düne hinaufstieg zu den Birken und wie Hans und der Geheimrat zu den Booten hinabgingen . Nachdenklich nahm er Kieselsteine auf und begann sie über die Wellen springen zu lassen . Sein Gesicht hatte wieder den eigensinnig entschlossenen Ausdruck , der ihm eine finstere Schönheit gab . Plötzlich wandte er sich um und ging schnell mit leichtem wiegendem Schritt die Düne hinan , mit jenem lustigen , unternehmungsvollen Schritt , den wohl der kleine Hilmar gehabt haben mochte , wenn er der Kinderstube entronnen in der Sommerdämmerung zu der Dorfstraße hinabflüchtete . Er schlug den graden Weg zum Birkenwäldchen ein . Er fand Doralice im Heidekraute sitzend , den Rücken gegen den Stamm einer Birke gelehnt , das Buch lag aufgeschlagen auf ihrem Schoß , sie schaute nicht hinein , sondern bog den Kopf zurück und blinzelte mit halbgeschlossenen Augen zu den Wipfeln der Birken hinauf , das Gesicht ruhig wie das Gesicht eines Menschen , der einem Schlummerliede lauscht und darauf wartet , daß der Schlaf komme . Und rings um sie her klang das unablässige und eifrige Schrillen der Feldgrillen . Hilmar räusperte sich leise . Doralice schaute auf . Sie war nicht besonders überrascht , sie zog nur leicht die Augenbrauen empor und sagte : » Oh , Sie sind es . Sind Sie mir hierher nachgekommen ? Sie wollten ja segeln . « Hilmar war etwas befangen . » Ja , - hm , ich bin Ihnen hierher nachgekommen . Sie gestatten doch , « und er setzte sich auf einen Baumstumpf Doralice gegenüber . » Mit dem Segeln war es nichts . Da Sie nicht auf dem Meere waren , schien das Meer mir so sinnlos . « » Ah , « sagte Doralice , die wieder in ihre ruhevolle Stellung zurückgesunken war . » Mir sagte einmal ein junger Attaché , er halte es für unhöflich , einen Augenblick mit einer jungen Frau allein zu sein , ohne ihr eine Liebeserklärung zu machen . « Hilmar errötete . » Unsinn , « meinte er . » Mir ist gewiß nicht höflich zumute , aber gleichviel , ich kam herauf , weil ich glaubte , daß Sie sich langweilen würden . « » Ja , warum glaubten Sie , daß ich mich langweilen würde ? « fragte Doralice . » Nun , weil « , sagte Hilmar , » weil ich sah , daß Sie nur dieses Buch da mit hatten und ich annahm , daß an diesem schwülen , etwas traurigen Tage das Schicksal der Miß mit den zu rosa Wangen und zu goldenen Haaren , die sich einen ganzen Band darüber kränkt , daß sie sich in einem Park von einem Herrn hat küssen lassen , Sie auch traurig stimmen würde . « Doralice lächelte matt . » Sollen wir nicht eine Zigarette rauchen ? « schlug Hilmar vor . Ja , Doralice nahm eine Zigarette an , ließ sich Feuer geben und dann rauchten beide und schwiegen und hörten dem Schrillen der Feldgrillen zu . Endlich bemerkte Doralice : » Sie wollten mich ja unterhalten ? « » Ja , ach ja « , erwiderte Hilmar zögernd , als ließe er sich nur ungern im ruhigen Betrachten der hellen Gestalt vor sich stören . » Aber es gibt Lebenslagen , die so wohltuend sind , daß man sie mit Sprechen nur verdirbt . So hätte ich es als Knabe für eine Entweihung gehalten zu sprechen , während ich einen Kirschkuchen aß . « Doralice lächelte nicht darüber . Eine seltsame Erregung machte plötzlich ihre Augen klar und bog die schmalen roten Linien ihrer Lippen und ihre Stimme wurde tiefer und zitterte ein wenig , als sie sagte : » Es ist wohl auch , weil es für Sie nicht leicht ist , mit mir zu sprechen . Wovon sollen Sie sprechen ? Hinter mir sind alle Fäden abgerissen . Da können Sie nur entweder vom Wetter sprechen , oder mir eine Liebeserklärung machen . « Hilmar schlug sich mit der flachen Hand auf das Knie : » Ich sagte es gleich , an solch einem verdächtig grauen Tage allein im Heidekraut zu liegen tut nicht gut . Zu sagen ? Eine Welt habe ich Ihnen zu sagen , die unerhörtesten Dinge . Da brauchen wir nicht davon zu sprechen , wie es der Baronin Marowitz geht und welche Liaison die Gräfin Patky jetzt hat , aber , wenn Sie wollen , können wir auch davon sprechen . « Doralice schien ihm nicht recht zuzuhören , sie blickte an ihm vorüber , lauschte ihrem eigenen quälenden Gedanken . » Und , « begann Sie , » was sagen sie dort von mir - die anderen . « » Nichts ! « rief Hilmar ungeduldig . » Was sollen sie sagen ? Sie sprechen nicht mehr davon . « » Sie sprechen nicht mehr davon « , wiederholte Doralice . » Ich bin also wie eine , die gestorben ist und die vergessen wird . « » Wie man das macht , Sie zu vergessen « , höhnte Hilmar . Doralice sann einen Augenblick vor sich hin , bleich und kummervoll , dann fragte sie leise : » Kennen Sie den Friedhof am Meer ? « Nein , Hilmar kannte ihn nicht , er interessierte sich nicht besonders für Friedhöfe . » Der Geheimrat hat ihn mir gezeigt « , fuhr Doralice fort , » ein Friedhof , von dem das Meer große Stücke fortspült . Die Särge und die Toten ragen aus dem Sande heraus . Der Geheimrat sagt , in Sturmnächten holt das Meer die Särge ab . Die stillen Herren gehen auf die Reise , sagte er . « » Das kleine Ungeheuer « , rief Hilmar , » warum zeigte er Ihnen das ? Er will , daß Sie sich fürchten . « » Vor dem Totsein würde ich mich sonst nicht fürchten « , meinte Doralice , » man braucht ja vielleicht nicht da zu sein . Nur daß das Totsein so furchtbar nach Alleinsein klingt , und - ich kann nicht allein sein . « Sie saß da , ein wenig aufgerichtet , die eine Hand in das Heidekraut gestützt , ihr Gesicht war ernst , obgleich die Lippen jetzt lächelten ; ein unendlich einsames , frierendes Lächeln und die Augen füllten sich mit Tränen . » Sie weinen « , stieß Hilmar hervor . Eine plötzliche Ergriffenheit würgte ihn wie ein Schmerz : » Sie dürfen nicht allein sein . « Er glitt von seinem Sitz in das Gras nieder , lag ausgestreckt da , wie einer am Bachrande sich ausstreckt , um zu trinken , und drückte seine Lippen auf Doralicens Hand , die im Heidekraut ruhte . Einen Augenblick blieb diese Hand unbeweglich , dann wurde sie fortgezogen , eine leichte Röte stieg in Doralicens Gesicht und ihre Stimme war wieder wach und lebensvoll , als sie sagte : » Was tun Sie da , stehen Sie doch auf . Ich bin ja gar nicht allein . « Hilmar richtete sich auf , er kniete jetzt im Heidekraute , jede Linie seines Gesichts und seines Körpers schien gespannt von übergroßer Erregung . » Sie und allein sein . Jeder Augenblick , den Sie allein sind , ist eine furchtbare Verschwendung für einen - für einen von uns anderen . Das weiß ich jetzt . Aber das Leben ist ja reich an solch wahnsinniger Verschwendung . Was ist denn unser Leben anders , als ein beständig dummes Versäumen der ganz kostbaren Augenblicke . « Doralice hörte ihm zu , sie hörte ihm wohlwollend zu , die Leidenschaft seiner Worte erwärmte sie angenehm . Dann sagte sie in einem mütterlichen Tone : » Stehen Sie auf , gehen Sie nach Hause . Ich muß auch gehen ; Hans erwartet mich . « Hilmar gehorchte . Er stand einen Augenblick unschlüssig da , etwas arbeitete und kämpfte in ihm , dann wandte er sich kurz um und lief den Abhang hinab . Doralice lächelte , als sie ihm nachschaute . Sie erhob sich , fuhr sich mit der Hand über die Augen und trat den Heimweg an , jetzt wieder ruhig und getröstet . Hans wartete schon ungeduldig auf Doralice . Mit großen Schritten ging er um den gedeckten Mittagstisch herum und schalt leise vor sich hin ... » Ich komme zu spät , bist du böse ? « sagte sie , als sie eintrat . Er lächelte gutmütig : » Ja , ich war sehr böse , aber jetzt , wo du da bist , hat das keinen Sinn mehr . Agnes ! die Suppe . Ich habe einen Hunger , komm , setzen wir uns . « Agnes brachte die Suppe , sehr ernst , denn sie hatte Doralicens Zuspätkommen nicht verziehen . Sie füllte die Teller und stellte sich dann wie jeden Tag neben dem Tische auf , um aufmerksam zuzusehen , wie Hans aß . » Nun also « , begann Hans gut gelaunt die Unterhaltung , » wie war deine Einsamkeit oben im Heidekraute ? « » Hübsch war es dort « , antwortete Doralice , » der Baron Hamm kam vorüber und plauderte einen Augenblick . « - » Ah ! « Hans schien ganz von seiner Suppe hingenommen . » Was sagte er denn ? « » O nichts ! « meinte Doralice , sie könnte ja erzählen , was sich dort droben zugetragen , dachte sie , aber wozu , Hans würde doch nur sagen , das reiche nicht an sie heran , und würde von reineren Gesetzen und von Freiheit sprechen . Hans lehnte sich in seinen Stuhl zurück und begann : » Ja , das verstehen diese Leute , zu sprechen und nichts zu sagen . Das ist mir auch gestern aufgefallen . Einmal ein guter Witz , eine gute Bemerkung , aber meist nur Füllnis , wie bei jungen Taubenbraten , wenig Fleisch und viel Farce . « » Ja , belehrend sind sie natürlich nicht « , bemerkte Doralice ein wenig gereizt . » Nein , das verlange ich auch nicht « , sagte Hans beruhigend . » Ich greife die Leute übrigens nicht an . In ihrer Art sind sie gewiß nette , kluge Leute , man muß sich vielleicht an ihre Art gewöhnen . « Doralice erwiderte nichts ; es ärgerte sie , daß er plötzlich den Abgeklärten und Gerechten spielte . Warum schalt er nicht drauf los wie früher ? Agnes nahm die Teller und ging hinaus , um das Brathuhn zu holen . » Muß Agnes hier stehen und bewachen , wie du ißt ? « fragte Doralice . » Stört dich das ? « sagte Hans . » Ich müßte vielleicht sagen , daß sie es läßt , aber ich fürchte , es ist die größte Freude ihres Lebens , mich essen zu sehen . « - » O dann « , meinte Doralice und nachdenklich fügte sie hinzu : » Mich liebt sie nicht , sie sieht nie hin , wie ich esse . « Hans lachte : » Die arme Agnes braucht eben ihre ganze Liebesfähigkeit für mich auf , aber sie wird doch fest zu dir halten , wie zu allem , was mir gehört . Sie ist wie ein Hund , dem der Stock seines Herrn auch nicht sympathisch ist und der ihn doch bewacht und verteidigt . « » Es ist nicht besonders angenehm , dein Stock zu sein « , bemerkte Doralice . Dann kam Agnes zurück und brachte das Huhn . Die Unterhaltung geriet ins Stocken . Doralice fragte nach der Bootfahrt und was der Geheimrat gesagt hatte . » Der Geheimrat sprach von mir « , erwiderte Hans . » Er sagte mir , wie ich bin . « » Wie bist du denn ? « Doralice schaute neugierig auf . » Es scheint , ich bin sehr gut « , berichtete Hans , » aber wie alle sehr guten Menschen lebe ich von Mißverständnissen . « » Ach was , der Knirps « , meinte Doralice ungeduldig . Als dann beim Kaffee Hans sich eine Zigarette anzündete , wurde er schläfrig . Er reckte sich , gähnte diskret , die Nacht auf dem Meere lag ihm doch noch in den Knochen . Endlich stand er auf . Es sei doch das beste , er lege sich noch ein wenig nieder , meinte er . Doralice rückte ihren Sessel an das geöffnete Fenster . Draußen hatte es zu regnen begonnen , ein feiner , dichter Regen , der einen bleifarbenen Vorhang vor das Fenster zog . Das Zimmer füllte sich mit einem grauen nüchternen Lichte . Agnes räumte das Geschirr ab , stapfte ab und zu , schlug die Türen , dann war auch sie fort . Doralice bewegte ihren Kopf langsam auf der Rücklehne des Stuhles hin und her , wie es ihre Gewohnheit war , wenn sie sich einsam fühlte . Gewiß , dieser Regen , dieses graue Licht im engen Zimmer , dieses Mittagessen bewacht von Agnes ' freudlosen Blicken , diese ganz aussichtslose Alltäglichkeit , all das war traurig und Doralice wußte , daß sie auch gleich traurig werden würde , noch aber fühlte sie sich von alledem seltsam losgelöst . Es war eine Traurigkeit und Alltäglichkeit , die nicht zu ihr gehörten , die an ihr vorübergingen . Sie kam sich vor wie ein Reisender , der auf irgendeiner kleinen verschollenen Station liegen bleibt und nun in dem häßlichen Stationszimmer sitzt und sich für eine Weile von der Melancholie eines Lebens eingefangen sieht , das nicht zu ihm gehört . Denn der Zug würde kommen und die kleine Station mit ihrer grauen Langeweile würde hinter ihm versinken und vergessen werden . Und doch , was sollte kommen ! In Doralice klangen die Worte wieder , die sie heute morgen gehört : » Jeder Augenblick , den Sie allein sind , ist für einen von uns anderen eine wahnsinnige Verschwendung « . Hans fürchtete sich vor dieser Verschwendung nicht , er fürchtete nicht , etwas zu versäumen , er ging schlafen . Wie sicher er ihrer war ! Wie sicher , daß er ein ganzes Leben vor sich hatte , um mit ihr zusammen zu sein , ein ganzes Leben . Ein ganzes Leben ! klang es eintönig in ihr wider nach dem Takte des Regens , der da draußen mit seinem flachen Plätschern eifrig in die große , schicksalsvolle Stimme des Meeres hineinplauderte . Wie er dort oben vor ihr gekniet hatte . Wie hatte er doch von seinem Reiten gesagt ? » Man denkt nur eins , man will nur eins , so stark , daß man sich wundert , daß das Ziel einem nicht entgegenkommt . « Es war doch ein seltsam starkes Leben , wenn man fühlte , wie ein fremdes Begehren und Wollen wild an einem zog . Das hatte sie auch bei Hans dort auf dem Schlosse empfunden , damals , als er noch nicht abgeklärt war , als er über sie kam wie ein Sturm und wie ein unwahrscheinliches , köstliches Wagnis . Und jetzt war wieder so etwas nahe . Aber nein , das konnte sie nicht wollen , sie würde sich sehr wundern , wenn sie so wäre , daß sie das wollen konnte . Jetzt plötzlich quälte sie das Alleinsein , der graue Tag mit seiner Ereignislosigkeit und die fremden Möglichkeiten , die sie in sich empfand . Etwas tun , dachte sie , und dann sprang sie auf , sie wußte schon , was sie zu tun hatte . Sie ging in ihr Schlafzimmer hinüber , wo die großen Koffer standen , die Graf Köhne ihr nachgesandt hatte . Sie öffnete einen derselben , ein schwüler Jasminduft strömte ihr entgegen , das war das Parfüm gewesen , das der Graf Köhne an ihr geliebt hatte . » Je mehr ich in Jahren vorrücke « , pflegte er zu sagen , » um so mehr gehe ich in meiner Vorliebe für Düfte in den Jahreszeiten zurück . Jetzt bin ich beim Frühsommer angelangt . « Da lagen nun all die Kleider , an die Doralice seit einem Jahre nicht mehr gedacht hatte . Sie blätterte nachdenklich in ihnen , strich mit der Hand über den Sammt , den Krepp , die Seide , und diese Berührung erregte so etwas wie ein festliches Gefühl in ihr . Da war das blaue Kleid , das sie so geliebt hatte . Sie nahm es heraus , weiche pfauenblaue Seide , eine alte Stickerei als Brusteinsatz , grünliche und rötliche Goldfäden auf rahmfarbenem Grunde . Doralice breitete es auf einem Stuhle aus , betrachtete es , dann begann sie langsam sich auszukleiden , legte das Kleid , das sie trug , ab und legte das pfauenblaue an . Jetzt war sie fertig , stand da in dem grauen Lichte und das sanfte Schimmern der Seide , des Goldes an ihr gab ihr eine angenehme Erregung . Sie ging wieder in das Wohnzimmer hinüber , setzte sich auf ihren Sessel und wartete auf Hans . Das mußte auch auf ihn wirken , das mußte auch ihm etwas von früheren Tagen zurückgeben . Sie wartete lange , Hans nahm es gründlich mit seiner Nachmittagsruhe und es begann bereits zu dämmern , als Doralice hörte , daß er sich im Schlafzimmer regte . Endlich kam er . Er machte einige Schritte und fragte : » Warum duftet es hier so süß ? so schwül nach Schlössern ? « Als er sie dann anschaute , meinte er : » Oh ! Du hast dich schön gemacht . Dieses Kleid kenne ich . « Das klang ein wenig trocken und Doralice wurde befangen . Sie entschuldigte sich : » Es war hier so grau und häßlich und da zog ich es an , ich dachte , es würde dir auch gefallen . « Hans setzte sich auf einen Stuhl , zerrte an seinem Bart und schaute an Doralice vorüber zum Fenster hinaus . » O gewiß , sehr schön , sehr schön « , sagte er zerstreut . » Nur , sag ' mal , willst du die Erinnerungen , von denen dieses Kleid voll ist ? « » Ich will überhaupt keine Erinnerungen « , erwiderte Doralice und das Weinen war ihr nahe . Hans sann noch vor sich hin : » Ja , ja « , murmelte er , » dir war es hier grau und häßlich und du wolltest etwas Schönes haben , natürlich , ich verstehe . Schön , schön . « Beide schwiegen nun eine Weile und Doralice empfand , daß das bißchen Festlichkeit , welche das Kleid ihr gegeben hatte , fort war . Hans erhob sich und ging nervös im Zimmer auf und ab , dann blieb er stehen und fragte : » Wirst du das Kleid anbehalten ? « » Ich kann es ja wieder ausziehen « , erwiderte Doralice kleinlaut . » Ja , « fuhr Hans fort , » es ist nämlich hier in diesem Zimmer etwas fremd . Ich habe das Gefühl , als ob ein Modell bei mir wäre . « » Ein Modell « , wiederholte Doralice gekränkt . » Nein , nein , nicht ein Modell « , beruhigte Hans sie , » es war dumm , daß ich das sagte . Höre , ich werde es dir erklären . Es war in München , ich wohnte im vierten Stock , in einem sehr häßlichen Zimmer natürlich . Da verliebe ich mich beim Kunsthändler in eine französische Glasschale , ein hübsches Ding wie aus rosa und grünem Eis , für mich viel zu teuer . Gut . Aber ich bin verliebt und als