liegengeblieben und hätte nicht geantwortet . Und der Schrecken , als sie endlich entdeckten , daß ich ohne Besinnung sei und dalag wie ein Stück in allen den Tüchern , rein wie ein Stück . Die Zeit ging unberechenbar schnell , und auf einmal war es schon wieder so weit , daß der Prediger Dr. Jespersen geladen werden mußte . Das war dann für alle Teile ein mühsames und langwieriges Frühstück . Gewohnt an die sehr fromme Nachbarschaft , die sich jedesmal ganz auflöste um seinetwillen , war er bei uns durchaus nicht an seinem Platz ; er lag sozusagen auf dem Land und schnappte . Die Kiemenatmung , die er an sich ausgebildet hatte , ging beschwerlich vor sich , es bildeten sich Blasen , und das Ganze war nicht ohne Gefahr . Gesprächsstoff war , wenn man genau sein will , überhaupt keiner da ; es wurden Reste veräußert zu unglaublichen Preisen , es war eine Liquidation aller Bestände . Dr. Jespersen mußte sich bei uns darauf beschränken , eine Art von Privatmann zu sein ; das gerade aber war er nie gewesen . Er war , soweit er denken konnte , im Seelenfach angestellt . Die Seele war eine öffentliche Institution für ihn , die er vertrat , und er brachte es zuwege , niemals außer Dienst zu sein , selbst nicht im Umgang mit seiner Frau , » seiner bescheidenen , treuen , durch Kindergebären seligwerdenden Rebekka « , wie Lavater sich in einem anderen Fall ausdrückte . 2 ( Was übrigens meinen Vater betraf , so war seine Haltung Gott gegenüber vollkommen korrekt und von tadelloser Höflichkeit . In der Kirche schien es mir manchmal , als wäre er geradezu Jägermeister bei Gott , wenn er dastand und abwartete und sich verneigte . Maman dagegen erschien es fast verletzend , daß jemand zu Gott in einem höflichen Verhältnis stehen konnte . Wäre sie in eine Religion mit deutlichen und ausführlichen Gebräuchen geraten , es wäre eine Seligkeit für sie gewesen , stundenlang zu knien und sich hinzuwerfen und sich recht mit dem großen Kreuz zu gebärden vor der Brust und um die Schultern herum . Sie lehrte mich nicht eigentlich beten , aber es war ihr eine Beruhigung , daß ich gerne kniete und die Hände bald gekrümmt und bald aufrecht faltete , wie es mir gerade ausdrucksvoller schien . Ziemlich in Ruhe gelassen , machte ich frühzeitig eine Reihe von Entwickelungen durch , die ich erst viel später in einer Zeit der Verzweiflung auf Gott bezog , und zwar mit solcher Heftigkeit , daß er sich bildete und zersprang , fast in demselben Augenblick . Es ist klar , daß ich ganz von vorn anfangen mußte hernach . Und bei diesem Anfang meinte ich manchmal , Maman nötig zu haben , obwohl es ja natürlich richtiger war , ihn allein durchzumachen . Und da war sie ja auch schon lange tot . ) Dr. Jespersen gegenüber konnte Maman beinah ausgelassen sein . Sie ließ sich in Gespräche mit ihm ein , die er ernst nahm , und wenn er dann sich reden hörte , meinte sie , das genüge , und vergaß ihn plötzlich , als wäre er schon fort . » Wie kann er nur « , sagte sie manchmal von ihm , » herumfahren und hineingehen zu den Leuten , wenn sie gerade sterben . « Er kam auch zu ihr bei dieser Gelegenheit , aber sie hat ihn sicher nicht mehr gesehen . Ihre Sinne gingen ein , einer nach dem andern , zuerst das Gesicht . Es war im Herbst , man sollte schon in die Stadt ziehen , aber da erkrankte sie gerade , oder vielmehr , sie fing gleich an zu sterben , langsam und trostlos abzusterben an der ganzen Oberfläche . Die Ärzte kamen , und an einem bestimmten Tag waren sie alle zusammen da und beherrschten das ganze Haus . Es war ein paar Stunden lang , als gehörte es nun dem Geheimrat und seinen Assistenten und als hätten wir nichts mehr zu sagen . Aber gleich danach verloren sie alles Interesse , kamen nur noch einzeln , wie aus purer Höflichkeit , um eine Zigarre anzunehmen und ein Glas Portwein . Und Maman starb indessen . Man wartete nur noch auf Mamans einzigen Bruder , den Grafen Christian Brahe , der , wie man sich noch erinnern wird , eine Zeitlang in türkischen Diensten gestanden hatte , wo er , wie es immer hieß , sehr ausgezeichnet worden war . Er kam eines Morgens an in Begleitung eines fremdartigen Dieners , und es überraschte mich , zu sehen , daß er größer war als Vater und scheinbar auch älter . Die beiden Herren wechselten sofort einige Worte , die sich , wie ich vermutete , auf Maman bezogen . Es entstand eine Pause . Dann sagte mein Vater : » Sie ist sehr entstellt . « Ich begriff diesen Ausdruck nicht , aber es fröstelte mich , da ich ihn hörte . Ich hatte den Eindruck , als ob auch mein Vater sich hätte überwinden müssen , ehe er ihn aussprach . Aber es war wohl vor allem sein Stolz , der litt , indem er dies zugab . Mehrere Jahre später erst hörte ich wieder von dem Grafen Christian reden . Es war auf Urnekloster , und Mathilde Brahe war es , die mit Vorliebe von ihm sprach . Ich bin indessen sicher , daß sie die einzelnen Episoden ziemlich eigenmächtig ausgestaltete , denn das Leben meines Onkels , von dem immer nur Gerüchte in die Öffentlichkeit und selbst in die Familie drangen , Gerüchte , die er nie widerlegte , war geradezu grenzenlos auslegbar . Urnekloster ist jetzt in seinem Besitz . Aber niemand weiß , ob er es bewohnt . Vielleicht reist er immer noch , wie es seine Gewohnheit war ; vielleicht ist die Nachricht seines Todes aus irgendeinem äußersten Erdteil unterwegs , von der Hand des fremden Dieners geschrieben in schlechtem Englisch oder in irgendeiner unbekannten Sprache . Vielleicht auch giebt dieser Mensch kein Zeichen von sich , wenn er eines Tages allein zurückbleibt . Vielleicht sind sie beide längst verschwunden und stehen nur noch auf der Schiffsliste eines verschollenen Schiffes unter Namen , die nicht die ihren waren . Freilich , wenn damals auf Urnekloster ein Wagen einfuhr , so erwartete ich immer , ihn eintreten zu sehen , und mein Herz klopfte auf eine besondere Art. Mathilde Brahe behauptete : so käme er , das wäre so seine Eigenheit , plötzlich da zu sein , wenn man es am wenigsten für möglich hielte . Er kam nie , aber meine Einbildungskraft beschäftigte sich wochenlang mit ihm , ich hatte das Gefühl , als wären wir einander eine Beziehung schuldig , und ich hätte gern etwas Wirkliches von ihm gewußt . Als indessen bald darauf mein Interesse umschlug und infolge gewisser Begebenheiten ganz auf Christine Brahe überging , bemühte ich mich eigentümlicherweise nicht , etwas von ihren Lebensumständen zu erfahren . Dagegen beunruhigte mich der Gedanke , ob ihr Bildnis wohl in der Galerie vorhanden sei . Und der Wunsch , das festzustellen , nahm so einseitig und quälend zu , daß ich mehrere Nächte nicht schlief , bis , ganz unvermutet , diejenige da war , in der ich , weiß Gott , aufstand und hinaufging mit meinem Licht , das sich zu fürchten schien . Was mich angeht , so dachte ich nicht an Furcht . Ich dachte überhaupt nicht ; ich ging . Die hohen Türen gaben so spielend nach vor mir und über mir , die Zimmer , durch die ich kam , hielten sich ruhig . Und endlich merkte ich an der Tiefe , die mich anwehte , daß ich in die Galerie getreten sei . Ich fühlte auf der rechten Seite die Fenster mit der Nacht , und links mußten die Bilder sein . Ich hob mein Licht so hoch ich konnte . Ja : da waren die Bilder . Erst nahm ich mit vor , nur nach den Frauen zu sehen , aber dann erkannte ich eines und ein anderes , das ähnlich in Ulsgaard hing , und wenn ich sie so von unten beschien , so rührten sie sich und wollten ans Licht , und es schien mir herzlos , das nicht wenigstens abzuwarten . Da war immer wieder Christian der Vierte mit der schön geflochtenen Cadenette neben der breiten , langsam gewölbten Wange . Da waren vermutlich seine Frauen , von denen ich nur Kirstine Munk kannte ; und plötzlich sah mich Frau Ellen Marsvin an , argwöhnisch in ihrer Witwentracht und mit derselben Perlenschnur auf der Krempe des hohen Huts . Da waren König Christians Kinder : immer wieder frische aus neuen Frauen , die » unvergleichliche « Eleonore auf einem weißen Paßgänger in ihrer glänzendsten Zeit , vor der Heimsuchung . Die Gyldenlöves : Hans Ulrik , von dem die Frauen in Spanien meinten , daß er sich das Antlitz male , so voller Blut war er , und Ulrik Christian , den man nicht wieder vergaß . Und beinah alle Ulfelds . Und dieser da , mit dem einen schwarzübermalten Auge , konnte wohl Henrik Holck sein , der mit dreiunddreißig Jahren Reichsgraf war und Feldmarschall , und das kam so : ihm träumte auf dem Wege zu Jungfrau Hilleborg Krafse , es würde ihm statt der Braut ein bloßes Schwert gegeben : und er nahm sichs zu Herzen und kehrte um und begann sein kurzes , verwegenes Leben , das mit der Pest endete . Die kannte ich alle . Auch die Gesandten vom Kongreß zu Nimwegen hatten wir auf Ulsgaard , die einander ein wenig glichen , weil sie alle auf einmal gemalt worden waren , jeder mit der schmalen , gestutzten Bartbraue über dem sinnlichen , fast schauenden Munde . Daß ich Herzog Ulrich erkannte , ist selbstverständlich , und Otte Brahe und Claus Daa und Sten Rosensparre , den Letzten seines Geschlechts ; denn von ihnen allen hatte ich Bilder im Saal zu Ulsgaard gesehen , oder ich hatte in alten Mappen Kupferstiche gefunden , die sie darstellten . Aber dann waren viele da , die ich nie gesehen hatte ; wenige Frauen , aber es waren Kinder da . Mein Arm war längst müde geworden und zitterte , aber ich hob doch immer wieder das Licht , um die Kinder zu sehen . Ich begriff sie , diese kleinen Mädchen , die einen Vogel auf der Hand trugen und ihn vergaßen . Manchmal saß ein kleiner Hund bei ihnen unten , ein Ball lag da , und auf dem Tisch nebenan gab es Früchte und Blumen ; und dahinter an der Säule hing , klein und vorläufig , das Wappen der Grubbe oder der Bille oder der Rosenkrantz . So viel hatte man um sie zusammengetragen , als ob eine Menge gutzumachen wäre . Sie aber standen einfach in ihren Kleidern und warteten ; man sah , daß sie warteten . Und da mußte ich wieder an die Frauen denken und an Christine Brahe , und ob ich sie erkennen würde . Ich wollte rasch bis ganz ans Ende laufen und von dort zurückgehen und suchen , aber da stieß ich an etwas . Ich drehte mich so jäh herum , daß der kleine Erik zurücksprang und flüsterte : » Gieb acht mit deinem Licht . « » Du bist da ? « sagte ich atemlos , und ich war nicht im klaren , ob das gut sei oder ganz und gar schlimm . Er lachte nur , und ich wußte nicht , was weiter . Mein Licht flackerte , und ich konnte den Ausdruck seines Gesichts nicht recht erkennen . Es war doch wohl schlimm , daß er da war . Aber da sagte er , indem er näher kam : » Ihr Bild ist nicht da , wir suchen es immer noch oben . « Mit seiner halben Stimme und dem einen beweglichen Auge wies er irgendwie hinauf . Und ich begriff , daß er den Boden meinte . Aber auf einmal kam mir ein merkwürdiger Gedanke . » Wir ? « fragte ich , » ist sie denn oben ? « » Ja « , nickte er und stand dicht neben mir . » Sie sucht selber mit ? « » Ja , wir suchen . « » Man hat es also fortgestellt , das Bild ? « » Ja , denk nur « , sagte er empört . Aber ich begriff nicht recht , was sie damit wollte . » Sie will sich sehen « , flüsterte er ganz nah . » Ja so « , machte ich , als ob ich verstünde . Da blies er mir das Licht aus . Ich sah , wie er sich vorstreckte , ins Helle hinein , mit ganz hochgezogenen Augenbrauen . Dann wars dunkel . Ich trat unwillkürlich zurück . » Was machst du denn ? « rief ich unterdrückt und war ganz trocken im Halse . Er sprang mir nach und hängte sich an meinen Arm und kicherte . » Was denn ? « fuhr ich ihn an und wollte ihn abschütteln , aber er hing fest . Ich konnte es nicht hindern , daß er den Arm um meinen Hals legte . » Soll ich es sagen ? « zischte er , und ein wenig Speichel spritzte mir ans Ohr . » Ja , ja , schnell . « Ich wußte nicht , was ich redete . Er umarmte mich nun völlig und streckte sich dabei . » Ich hab ihr einen Spiegel gebracht « , sagte er und kicherte wieder . » Einen Spiegel ? « » Ja , weil doch das Bild nicht da ist . « » Nein , nein « , machte ich . Er zog mich auf einmal etwas weiter nach dem Fenster hin und kniff mich so scharf in den Oberarm , daß ich schrie . » Sie ist nicht drin « , blies er mir ins Ohr . Ich stieß ihn unwillkürlich von mir weg , etwas knackte an ihm , mir war , als hätte ich ihn zerbrochen . » Geh , geh « , und jetzt mußte ich selber lachen , » nicht drin , wieso denn nicht drin ? « » Du bist dumm « , gab er böse zurück und flüsterte nicht mehr . Seine Stimme war umgeschlagen , als begänne er nun ein neues , noch ungebrauchtes Stück . » Man ist entweder drin « , diktierte er altklug und strenge , » dann ist man nicht hier ; oder wenn man hier ist , kann man nicht drin sein . « » Natürlich « , antwortete ich schnell , ohne nachzudenken . Ich hatte Angst , er könnte sonst fortgehen und mich allein lassen . Ich griff sogar nach ihm . » Wollen wir Freunde sein ? « schlug ich vor . Er ließ sich bitten . » Mir ists gleich « , sagte er keck . Ich versuchte unsere Freundschaft zu beginnen , aber ich wagte nicht , ihn zu umarmen . » Lieber Erik « , brachte ich nur heraus und rührte ihn irgendwo ein bißchen an . Ich war auf einmal sehr müde . Ich sah mich um ; ich verstand nicht mehr , wie ich hierher gekommen war und daß ich mich nicht gefürchtet hatte . Ich wußte nicht recht , wo die Fenster waren und wo die Bilder . Und als wir gingen , mußte er mich führen . » Sie tun dir nichts « , versicherte er großmütig und kicherte wieder . Lieber , lieber Erik ; vielleicht bist du doch mein einziger Freund gewesen . Denn ich habe nie einen gehabt . Es ist schade , daß du auf Freundschaft nichts gabst . Ich hätte dir manches erzählen mögen . Vielleicht hätten wir uns vertragen . Man kann nicht wissen . Ich erinnere mich , daß damals dein Bild gemalt wurde . Der Großvater hatte jemanden kommen lassen , der dich malte . Jeden Morgen eine Stunde . Ich kann mich nicht besinnen , wie der Maler aussah , sein Name ist mir entfallen , obwohl Mathilde Brahe ihn jeden Augenblick wiederholte . Ob er dich gesehen hat , wie ich dich seh ? Du trugst einen Anzug von heliotropfarbenem Samt . Mathilde Brahe schwärmte für diesen Anzug . Aber das ist nun gleichgültig . Nur ob er dich gesehen hat , möchte ich wissen . Nehmen wir an , daß es ein wirklicher Maler war . Nehmen wir an , daß er nicht daran dachte , daß du sterben könntest , ehe er fertig würde ; daß er die Sache gar nicht sentimental ansah ; daß er einfach arbeitete . Daß die Ungleichheit deiner beiden braunen Augen ihn entzückte ; daß er keinen Moment sich schämte für das unbewegliche ; daß er den Takt hatte , nichts hinzuzulegen auf den Tisch zu deiner Hand , die sich vielleicht ein wenig stützte - . Nehmen wir sonst noch alles Nötige an und lassen es gelten : so ist ein Bild da , dein Bild , in der Galerie auf Urnekloster das letzte . ( Und wenn man geht , und man hat sie alle gesehen , so ist da noch ein Knabe . Einen Augenblick : wer ist das ? Ein Brahe . Siehst du den silbernen Pfahl im schwarzen Feld und die Pfauenfedern ? Da steht auch der Name : Erik Brahe . War das nicht ein Erik Brahe , der hingerichtet worden ist ? Natürlich , das ist bekannt genug . Aber um den kann es sich nicht handeln . Dieser Knabe ist als Knabe gestorben , gleichviel wann . Kannst du das nicht sehen ? ) Wenn Besuch da war und Erik wurde gerufen , so versicherte das Fräulein Mathilde Brahe jedesmal , es sei geradezu unglaublich , wie sehr er der alten Gräfin Brahe gliche , meiner Großmutter . Sie soll eine sehr große Dame gewesen sein . Ich habe sie nicht gekannt . Dagegen erinnere ich mich sehr gut an die Mutter meines Vaters , die eigentliche Herrin auf Ulsgaard . Das war sie wohl immer geblieben , wie sehr sie es auch Maman übelnahm , daß sie als des Jägermeisters Frau ins Haus gekommen war . Seither tat sie beständig , als zöge sie sich zurück , und schickte die Dienstleute mit jeder Kleinigkeit weiter zu Maman hinein , während sie in wichtigen Angelegenheiten ruhig entschied und verfügte , ohne irgend jemandem Rechenschaft abzulegen . Maman , glaube ich , wünschte es gar nicht anders . Sie war so wenig gemacht , ein großes Haus zu übersehen , ihr fehlte völlig die Einteilung der Dinge in nebensächliche und wichtige . Alles , wovon man ihr sprach , schien ihr immer das Ganze zu sein , und sie vergaß darüber das andere , das doch auch noch da war . Sie beklagte sich nie über ihre Schwiegermutter . Und bei wem hätte sie sich auch beklagen sollen ? Vater war ein äußerst respektvoller Sohn , und Großvater hatte wenig zu sagen . Frau Margarete Brigge war immer schon , soweit ich denken kann , eine hochgewachsene , unzugängliche Greisin . Ich kann mir nicht anders vorstellen , als daß sie viel älter gewesen sei , als der Kammerherr . Sie lebte mitten unter uns ihr Leben , ohne auf jemanden Rücksicht zu nehmen . Sie war auf keinen von uns angewiesen und hatte immer eine Art Gesellschafterin , eine alternde Komtesse Oxe , um sich , die sie sich durch irgendeine Wohltat unbegrenzt verpflichtet hatte . Dies mußte eine einzelne Ausnahme gewesen sein , denn wohltun war sonst nicht ihre Art. Sie liebte keine Kinder , und Tiere durften nicht in ihre Nähe . Ich weiß nicht , ob sie sonst etwas liebte . Es wurde erzählt , daß sie als ganz junges Mädchen dem schönen Felix Lichnowski verlobt gewesen sei , der dann in Frankfurt so grausam ums Leben kam . Und in der Tat war nach ihrem Tode ein Bildnis des Fürsten da , das , wenn ich nicht irre , an die Familie zurückgegeben worden ist . Vielleicht , denke ich mir jetzt , versäumte sie über diesem eingezogenen ländlichen Leben , das das Leben auf Ulsgaard von Jahr zu Jahr mehr geworden war , ein anderes , glänzendes : ihr natürliches . Es ist schwer zu sagen , ob sie es betrauerte . Vielleicht verachtete sie es dafür , daß es nicht gekommen war , daß es die Gelegenheit verfehlt hatte , mit Geschick und Talent gelebt worden zu sein . Sie hatte alles dies so weit in sich hineingenommen und hatte darüber Schalen angesetzt , viele , spröde , ein wenig metallisch glänzende Schalen , deren jeweilig oberste sich neu und kühl ausnahm . Bisweilen freilich verriet sie sich doch durch eine naive Ungeduld , nicht genügend beachtet zu sein ; zu meiner Zeit konnte sie sich dann bei Tische plötzlich verschlucken auf irgendeine deutliche und komplizierte Art , die ihr die Teilnahme aller sicherte und sie , für einen Augenblick wenigstens , so sensationell und spannend erscheinen ließ , wie sie es im Großen hätte sein mögen . Indessen vermute ich , daß mein Vater der einzige war , der diese viel zu häufigen Zufälle ernst nahm . Er sah ihr , höflich vornübergeneigt , zu , man konnte merken , wie er ihr in Gedanken seine eigene , ordentliche Luftröhre gleichsam anbot und ganz zur Verfügung stellte . Der Kammerherr hatte natürlich gleichfalls zu essen aufgehört ; er nahm einen kleinen Schluck Wein und enthielt sich jeder Meinung . Er hatte bei Tische ein einziges Mal die seinige seiner Gemahlin gegenüber aufrechterhalten . Das war lange her ; aber die Geschichte wurde doch noch boshaft und heimlich weitergegeben ; es gab fast überall jemanden , der sie noch nicht gehört hatte . Es hieß , daß die Kammerherrin zu einer gewissen Zeit sich sehr über Weinflecke ereifern konnte , die durch Ungeschicklichkeit ins Tischzeug gerieten ; daß ein solcher Fleck , bei welchem Anlaß er auch passieren mochte , von ihr bemerkt und unter dem heftigsten Tadel sozusagen bloßgestellt wurde . Dazu wäre es auch einmal gekommen , als man mehrere und namhafte Gäste hatte . Ein paar unschuldige Flecke , die sie übertrieb , wurden der Gegenstand ihrer höhnischen Anschuldigungen , und wie sehr der Großvater sich auch bemühte , sie durch kleine Zeichen und scherzhafte Zurufe zu ermahnen , so wäre sie doch eigensinnig bei ihren Vorwürfen geblieben , die sie dann allerdings mitten im Satze stehen lassen mußte . Es geschah nämlich etwas nie Dagewesenes und völlig Unbegreifliches . Der Kammerherr hatte sich den Rotwein geben lassen , der gerade herumgereicht worden war , und war nun in aller Aufmerksamkeit dabei , sein Glas selber zu füllen . Nur daß er , wunderbarerweise , einzugießen nicht aufhörte , als es längst voll war , sondern unter zunehmender Stille langsam und vorsichtig weitergoß , bis Maman , die nie an sich halten konnte , auflachte und damit die ganze Angelegenheit nach dem Lachen hin in Ordnung brachte . Denn nun stimmten alle erleichtert ein , und der Kammerherr sah auf und reichte dem Diener die Flasche . Später gewann eine andere Eigenheit die Oberhand bei meiner Großmutter . Sie konnte es nicht ertragen , daß jemand im Hause erkrankte . Einmal , als die Köchin sich verletzt hatte und sie sah sie zufällig mit der eingebundenen Hand , behauptete sie , das Jodoform im ganzen Hause zu riechen , und war schwer zu überzeugen , daß man die Person daraufhin nicht entlassen könne . Sie wollte nicht an das Kranksein erinnert werden . Hatte jemand die Unvorsichtigkeit , vor ihr irgendein kleines Unbehagen zu äußern , so war das nichts anderes als eine persönliche Kränkung für sie , und sie trug sie ihm lange nach . In jenem Herbst , als Maman starb , schloß sich die Kammerherrin mit Sophie Oxe ganz in ihren Zimmern ein und brach allen Verkehr mit uns ab . Nicht einmal ihr Sohn wurde angenommen . Es ist ja wahr , dieses Sterben fiel recht unpassend . Die Zimmer waren kalt , die Öfen rauchten , und die Mäuse waren ins Haus gedrungen ; man war nirgends sicher vor ihnen . Aber das allein war es nicht , Frau Margarete Brigge war empört , daß Maman starb ; daß da eine Sache auf der Tagesordnung stand , von der zu sprechen sie ablehnte ; daß die junge Frau sich den Vortritt anmaßte vor ihr , die einmal zu sterben gedachte zu einem durchaus noch nicht festgesetzten Termin . Denn daran , daß sie würde sterben müssen , dachte sie oft . Aber sie wollte nicht gedrängt sein . Sie würde sterben , gewiß , wann es ihr gefiel , und dann konnten sie ja alle ruhig sterben , hinterher , wenn sie es so eilig hatten . Mamans Tod verzieh sie uns niemals ganz . Sie alterte übrigens rasch während des folgenden Winters . Im Gehen war sie immer noch hoch , aber im Sessel sank sie zusammen , und ihr Gehör wurde schwieriger . Man konnte sitzen und sie groß ansehen , stundenlang , sie fühlte es nicht . Sie war irgendwo drinnen ; sie kam nur noch selten und nur für Augenblicke in ihre Sinne , die leer waren , die sie nicht mehr bewohnte . Dann sagte sie etwas zu der Komtesse , die ihr die Mantille richtete , und nahm mit den großen , frisch gewaschenen Händen ihr Kleid an sich , als wäre Wasser vergossen oder als wären wir nicht ganz reinlich . Sie starb gegen den Frühling zu , in der Stadt , eines Nachts . Sophie Oxe , deren Tür offenstand , hatte nichts gehört . Da man sie am Morgen fand , war sie kalt wie Glas . Gleich darauf begann des Kammerherrn große und schreckliche Krankheit . Es war , als hätte er ihr Ende abgewartet , um so rücksichtslos sterben zu können , wie er mußte . Es war in dem Jahr nach Mamans Tode , daß ich Abelone zuerst bemerkte . Abelone war immer da . Das tat ihr großen Eintrag . Und dann war Abelone unsympathisch , das hatte ich ganz früher einmal bei irgendeinem Anlaß festgestellt , und es war nie zu einer ernstlichen Durchsicht dieser Meinung gekommen . Zu fragen , was es mit Abelone für eine Bewandtnis habe , das wäre mir bis dahin beinah lächerlich erschienen . Abelone war da , und man nutzte sie ab , wie man eben konnte . Aber auf einmal fragte ich mich : Warum ist Abelone da ? Jeder bei uns hatte einen bestimmten Sinn da zu sein , wenn er auch keineswegs immer so augenscheinlich war , wie zum Beispiel die Anwendung des Fräuleins Oxe . Aber weshalb war Abelone da ? Eine Zeitlang war davon die Rede gewesen , daß sie sich zerstreuen solle . Aber das geriet in Vergessenheit . Niemand trug etwas zu Abelonens Zerstreuung bei . Es machte durchaus nicht den Eindruck , daß sie sich zerstreue . Übrigens hatte Abelone ein Gutes : sie sang . Das heißt , es gab Zeiten , wo sie sang . Es war eine starke , unbeirrbare Musik in ihr . Wenn es wahr ist , daß die Engel männlich sind , so kann man wohl sagen , daß etwas Männliches in ihrer Stimme war : eine strahlende , himmlische Männlichkeit . Ich , der ich schon als Kind der Musik gegenüber so mißtrauisch war ( nicht , weil sie mich stärker als alles forthob aus mir , sondern , weil ich gemerkt hatte , daß sie mich nicht wieder dort ablegte , wo sie mich gefunden hatte , sondern tiefer , irgendwo ganz ins Unfertige hinein ) , ich ertrug diese Musik , auf der man aufrecht aufwärtssteigen konnte , höher und höher , bis man meinte , dies müßte ungefähr schon der Himmel sein seit einer Weile . Ich ahnte nicht , daß Abelone mir noch andere Himmel öffnen sollte . Zunächst bestand unsere Beziehung darin , daß sie mir von Mamans Mädchenzeit erzählte . Sie hielt viel darauf , mich zu überzeugen , wie mutig und jung Maman gewesen wäre . Es gab damals niemanden nach ihrer Versicherung , der sich im Tanzen oder im Reiten mit ihr messen konnte . » Sie war die Kühnste und unermüdlich , und dann heiratete sie auf einmal « , sagte Abelone , immer noch erstaunt nach so vielen Jahren . » Es kam so unerwartet , niemand konnte es recht begreifen . « Ich interessierte mich dafür , weshalb Abelone nicht geheiratet hatte . Sie kam mir alt vor verhältnismäßig , und daß sie es noch könnte , daran dachte ich nicht . » Es war niemand da « , antwortete sie einfach und wurde richtig schön dabei . Ist Abelone schön ? fragte ich mich überrascht . Dann kam ich fort von Hause , auf die Adels-Akademie , und es begann eine widerliche und arge Zeit . Aber wenn ich dort zu Sorö , abseits von den andern , im Fenster stand , und sie ließen mich ein wenig in Ruh , so sah ich hinaus in die Bäume , und in solchen Augenblicken und nachts wuchs in mir die Sicherheit , daß Abelone schön sei . Und ich fing an , ihr alle jene Briefe zu schreiben , lange und kurze , viele heimliche Briefe , darin ich von Ulsgaard zu handeln meinte und davon , daß ich unglücklich sei . Aber es werden doch wohl , so wie ich es jetzt sehe , Liebesbriefe gewesen sein . Denn schließlich kamen die Ferien , die erst gar nicht kommen wollten , und da war es wie auf Verabredung , daß wir uns