dieselben , die mir Beate mit Kreuzen bezeichnet hatte . Ei du tückischer Schrepfeisen , du also hast mir das Geld gestohlen und hast die Leiter ans Fenster gesetzt , um auf falsche Fährte zu leiten , und Pomponius war dein Spießgesell . Nachdem ihr mich bestohlen , habet ihr mich obendrein zu eurem Sklaven gemacht , zum Werkzeug eurer Betrügerei . Und schämtet euch nicht , mich mit denselben Goldstücken zu besolden , die ihr mir abgenommen . Pfui ! Ich war versucht , das Geld von mir zu werfen ; doch weil es ja auch ein Andenken an meine Lieben war , so nähte ich die Dukaten wieder ins Wams , während des Oheims Gulden mir zur Zehrung dienen sollten . Nachmittags trat ich aus dem Walde , und da lag im Sonnenschein unter mir , an die weinbepflanzten Hänge geschmiegt , von starken Mauern umgeben , die Residenz von Böheim . Das Gewimmel der Bürgerhäuser nebst Kirchen und Palästen stieg am jenseitigen Berg hinan , den eine ausgedehnte Burg krönte . Rechts tat sich das Moldautal mit dem blinkenden Strome auf . Der Lärm von Handwerkern und Hähnekrähen scholl aus dem Tale herauf , indessen ich mit Wohlgefallen diese bildschöne Stadt betrachtete . Nachdem ich gerastet und mir den Staub abgeklopft hatte , begab ich mich hinunter , Prag zu beschauen und eine Herberge zu suchen . In einer engen Gasse sah ich über einer Hauspforte drei güldene Äpfel benebst der Inschrift : » Gasthaus zur Äpfelkammer « . Sogleich kam mir in den Sinn , was ich von Schrepfeisen über die schöne Wirtstochter vernommen . Daß ich meiner Neugier nachgab und hier einkehrte , war das natürliche Emporsprießen jenes Samens , den schlechter Umgang in mein Herz gestreut hatte . Die Gaststube war dunkel und verräuchert und erweiterte sich hinter dem großen Ofen zu einem stattlichen Gewölbe . Ich war der einzige Gast . Als ich Ranzen , Hut und Mantel abgelegt und an einem runden Tische Platz genommen hatte , erschien eine zierliche Jungfer . » Ein Quart ? « fragte sie etwas von oben herab . Als ich bejaht hatte , brachte sie mir den Wein und machte Miene , wieder zu gehen . Bei der Tür aber kehrte sie um und ging , ein Liedel trällernd , an mir vorbei zum hintern Gewölbe . Blieb dorten gar nicht lange , kehrte zurück , setzte sich an einen Nebentisch , tat einen Blick durchs Fenster und seufzete , als habe sie Langeweile . Durstig hatte ich mein Quart ausgetrunken , und sogleich trat die Jungfer zu mir : » Wünscht der Herr noch ein Quart ? « - » Noch eins , auch Brot und Fleisch . « - » Gut G ' selchtes ? « - » Wenn sich die Jungfer bemühen mag . « Als sie das gewünschte vor mich hingestellt hatte , blieb sie an meinen Tisch gelehnt stehen und betrachtete mich freundlich . » Ist der Herr etwan ein Studiosus ? « - » Noch nicht , Jungfer , doch möcht ich ein Medikus werden . Einstweilen will ich mich zu einem tüchtigen Heilkundigen und Apotheker in die Lehre tun . « » Und weiß Er schon einen solchen Lehrmeister ? « fragte sie . - » Habe da ein Empfehlungsbriefel an Herrn Doktorem Waldhäuserum « . - » So , so , an den Waldhäuser ? « meinte sie geringschätzig . Und ich : » Kennt Sie den Waldhäuser ? « - » Freilich , freilich , wie soll ich den Lumpenkurierer nicht kennen ? Pöh , den ! « - » Lumpenkurierer ? Warum heißet Sie ihn also ? « Kühl antwortete die Jungfer : » Das ist so ein Volkstitul . Der Lumpenkurierer ist halt ein Medikus für arme Leut , so kein Geld haben , einen angesehenen Arzt zu zahlen . « - » Also ist Herr Waldhäuserus kein angesehener Arzt ? « - » Ah bah , « entgegnete die Jungfer ; » der Waldhäuser ist , seit ich gedenken kann , ein Lapp und kommt nimmer auf den grünen Zweig . Warum will Er sich auch ausgesucht zum Waldhäuser tun ? Sollte meinen , es gäbe für Ihn doch angesehenere Lehrmeister . Zum Exempel den Medikus und Apotheker Schmirsel , so hier gleich um die Ecke auf dem Ring wohnt . An dem stattlichen Haus kann Er gleich sehen , wie einträglich dieses Gelahrten Kunst . Der Schmirsel ist oft bei uns zu Gaste , und so der Herr bis zum Abend ausharret , kann Er die Bekanntschaft des Herrn Schmirsel machen . « Ich schwieg und ließ mir diese Auskunft durch den Kopf gehen . Dann meinte ich : » Bis zum Abend sind noch etliche Stunden , und ich kann doch nicht die ganze Zeit hier sitzen bleiben . « - » Ei warum denn nicht ? « antwortete die Jungfer und sah mich durch halbgeschlossene Augenlider schalkhaft an . Gleich werden ja auch ein paar Studiosen kommen , wie gewöhnlich nach Schluß ihrer Collegia . So mancher Fuchs hat von der Susanne vernommen und möchte sie beäugeln . Da spricht Er denn mit seinesgleichen auf Latein , was ich nicht verstehen soll . Manches Mal hör ich sie sprechen : formosa puella und pulcherrima . Kann der Herr mir wohl sagen , was diese Worte bedeuten ? « Und Susanne machte ein Gesicht wie ein neugierig Kind . Ich schlug die Augen nieder , als ich zur Antwort gab : » Die Worte heißen : ein wohlgestaltet , sehr sauber Mägdelein . « Hell wie Silberglocken lachte die Jungfer und deutete mit dem Finger auf sich , indem sie strahlenden Auges fragte : » Und das soll ich sein ? « - » Wer denn sonsten ? « - » Ei , könnt ich doch den Herren Studiosis in ihrem Latein die rechte Antwort geben ! Will mich der Herr eine solche Antwort lehren ? Ich bitte ! Wie spricht denn der Lateiner , wenn er sagen will : So ziemlich ? « - » So ziemlich ist auf Lateinisch sic satis geheißen . « Da wiederholte die Jungfer mehrere Male » sic satis « sprang vergnügt auf und tänzelte in der Stube umher : » Sic satis , sic satis ! Nun wartet , ihr grünen Lateiner ! Die Mäuler sollt ihr aufsperren , und der Herr mag des Zeuge sein . Obacht ! gleich werden Studiosen kommen . « Und zur Tür herein traten zween junge Burschen , bestellten Wein und beäugelten die Jungfer . Dabei raunte der eine dem andern zu : » Estne pulcherrima puella ? « Mit boshaftem Triumphieren neigte sich Susanne und sagte dem lateinischen Lobredner ins Gesicht : » Sic satis ! « Die beiden Studenten schauten einander mit einfältigem Staunen an , und einer sagte : » Blitz und Kartaunen ! Sie verstehet Latein ! « Da Susanne kichernd wegging und sich nicht weiter sehen ließ , die Studenten folglich ihre Niederlage empfanden , legten sie die Zeche auf den Tisch und schoben ab . Gleich darauf kehrte Susanne zurück und lachte aus vollem Halse : » Denen hab ich ' s gegeben ! Die werden nun von der gelahrten Wirtstochter erzählen . Dem Herrn dank ich auch schön für Seine lateinische Lectio . Zur Vergeltung hab ich Ihm ja meinen Rat gegeben , zum Schmirsel zu gehen . Hat Er sich die Sache überlegt ? « » Ach Jungfer Susanne , « entgegnete ich , » Sie weiß zu überreden , und wiewohl noch nicht entschlossen , zum Schmirsel zu gehen , schwanke ich wie jener berühmte Esel zwischen zwei gleich großen Heubündeln . « - » Sie sind nicht gleich groß « , eiferte Susanne : » Der Schmirsel ist ein ganz großes , Herr Waldhäuser nur eine Handvoll . So Er aber aus Seinem Zaudern nicht herauskommt , will ich Ihm ein Mittel an die Hand geben , das zur Entscheidung führt und auch unterhaltsam ist . Losen wollen wir , ob Er zum Schmirsel oder zum Waldhäuser geht . « Kleinlaut erwiderte ich : » Um den Zufall entscheiden zu lassen , ist mir die Sache doch zu ernst . « - » Zufall ? « rief Susanne . » Hätte nicht gedacht , daß Er solch ein schlechter Christ ! Wenn ohne Gottes Willen kein Härlein von unserem Haupte fällt , so werden auch Würfel und Los von seiner Hand gelenkt . Drum hat manch großer Mann das Los als ein Gottesurtel betrachtet . Erst dieser Tage hab ich die Geschichte eines berühmten Feldherrn von Venetia vernommen , Franziskus Sforza geheißen . War eines Winzers Sohn , gewohnt , mit dem Karst zu hacken . Wie er einmal in großer Sommerhitze mit seinem Karst mürrisch im Weinberg arbeitet , und etliche neugeworbene Soldaten singend ihres Weges ziehen , bekommt er Lust zum Krieg , ist jedoch im Zweifel , ob er beim Karst bleiben oder den Degen wählen solle . Wohlan , spricht er unter einem Nußbaume ; ich will eine Probe nehmen und meinen Karst in diesen Wipfel werfen . Bleibt er droben , so ziehe ich in den Krieg , fällt er wieder herunter , so soll mir ' s ein Zeichen sein , daß ich elendiger Tropf noch länger hacken soll . Hiermit wirft er den Karst in den Wipfel , und als derselbige droben bleibt , lässet er ihn hängen und ziehet der Soldateska nach . Anfänglich ein Gemeiner , ward er bald Rottmeister , Feldweibel und Offizier und schließlich ein ruhmreicher General . Ei junger Herr , tu Er ' s dem Italiener nach und entscheide durch Losen . Ich will Ihm helfen . Da schau , die Handvoll Münzen , die ich blindlings aus meiner Handtasche gerafft habe . Nun Obacht ! Ich zähle die Münzen auf den Tisch , und die letzte Münze soll entscheiden , ob Er zum Schmirsel oder zum Waldhäuser gehet . Ist Ihm das recht ? « Dabei blickten mich ihre Augen holdselig an , und sie rasselte mit den Münzen , die sie hohl zwischen den Händen hielt . » Wohlan , « entgegnete ich , » aber ich weiß noch nicht , auf welche Weise die letzte Münze bestimmen soll , zu wem ich gehe . « - » Ganz recht « , erwiderte die Jungfer und legte das Münzenhäuflein auf den Tisch . » Zunächst hat Er zu bestimmen , ob der Schmirsel Hund oder Has sein soll . « - » Hund soll er sein , « erwiderte ich , neugierig , wo , hinaus das wolle . » Gut ! « sagte Susanne , » der Schmirsel ist Hund ; dann ist der Waldhäuser Has , und nun zählen wir die Münzen auf . Dabei sage ich jedesmal : Hund gewinnt , oder : Has verliert ; die letzte Münze entscheidet . « Sodann zählte die Jungfer die Münzen langsam auf , indem sie fortgesetzt sagte : » Hund gewinnt , Has verliert , Hund gewinnt , Has verliert . « Wie nur noch drei Münzen übrig waren , starrte ich in Spannung auf diese Hantierung , so mein Gottesurtel sein sollte , und Susanne sprach : » Hund gewinnt , Has verliert , Hund gewinnt ! Und dabei bleibt ' s ! Also hat Schmirsel gewonnen . « Ich mag ein sorgenvoll Gesicht geschnitten haben , denn die Jungfer meinte : » Das mundet Ihm wohl nicht ? Oder gläubet Er etwan , ich habe falsch abgezählt ? Wohlan , wir können ja noch einmal losen . Mag Er selber das neue Häuflein bestimmen und nochmals frei wählen , ob Schmirsel Hund oder Has sein soll . « Erleichterten Herzens griff ich etliche Münzen , es waren sieben , reichte sie der Jungfer und sagte : » Diesmal soll Schmirsel der Hase sein . « Die Jungfer kicherte und zählte die Münzen auf : » Has gewinnt , Hund verliert , Has gewinnt , Hund verliert , Has gewinnt , Hund verliert , Has gewinnt ! Also hat wieder der Schmirsel gewonnen , denn der ist ja diesmal der Has . « Ich kraute mir hinterm Ohr , verdrossen ; indessen sie mich auslachte . » Darf ich noch bringen ? « fragte Susanne und war mit Lust um mich beflissen . Vertraulich setzte sie sich zu mir , und dreister gemacht , betrachtete ich ihre wohlgebildeten Hände mit den feinen Spitzenmanschetten . Warf auch auf das Antlitz manch verstohlenen Blick , und dann klopfte mein Herz in süßer Unrast . Frisch wie eine Rose blühete Susanne . Unter dem übermütigen Näslein prangten Kirschenlippen . Verlegen war ich , wenn ihr Blick auf mir ruhte und neugierig an mir herumzutasten schien , um meine Art zu erforschen . Auch mit Fragen verfolgte die Jungfer dies Ziel , und vom Wein gesprächig , hatte ich bald meine Lebensgeschichte berichtet . Als ich erwähnte , daß ich Alchymie treibe , horchte sie auf : » Ei , da wär Er ja der rechte Famulus für den Schmirsel und käme wie gerufen . Ist doch dieser Medikus erst dieser Tage zu einem hohen Herrn berufen worden , so an Hüftweh leidet und viel Gold geben will , so ihn einer heilt . Wenn hernach der Schmirsel kommt , will ich Ihn , Herr Johannes , ihm präsentieren . Sei Er mir aber gescheit , falls Er beim Schmirsel eintreten darf . Nur nicht Sein Medikament verraten ! Das muß Geheimnis bleiben , sonsten wird Ihm kein Vorteil davon . Der Schmirsel muß es jedesmal bezahlen , und seh Er zu , daß Er diesem Chymisten manches von seinen Künsten ablauschet . Schwätzet man doch , der Schmirsel verstehe sich aufs Goldmachen . « War ich bisher noch nicht mit ganzer Seele entschlossen , den Schmirsel zu wählen , so entschied diese Mitteilung , indem sie meine abergläubische Hoffnung anreizte , den verheißenen Goldschatz zu gewinnen . Da es Abend worden , traten neue Gäste in die Stube . Susanne bekam zu tun , und es tat mir leid , daß sie gleichgültig an mir vorüberging , als sei die frühere Vertraulichkeit weggeblasen . Da trat ein hagerer Herr ein , steifen Schrittes , hochnasig und gespreizt , stutzerhaft gekleidet und von einem beklemmenden Wohlgeruch . » Grüß Gott , Herr Schmirsel « , sagte Susanne knixend . Ich horchte auf und betrachtete den Schmirsel . Sein dürres , faltenreiches Angesicht verriet , daß er die Fünfzig weit überschritten habe . Sein schwarzes Haar , das , wie ich später erfuhr , künstlich gefärbt war , glänzte von Fett wie ein gestriegelter Rappe . Um den Hals trug er einen breiten Spitzenkragen . Wams und Hose waren aus schwarzem Sammet . Auf den Ärmeln war ein ganzer Kram von gelbseidenen Bändchen aufgeheftet . Die roten Strümpfe gaben den Beinen etwas Storchenhaftes , auf den Schuhen prangten künstliche Rosen . Der Degen ragte hinten aus dem Rocke , so stolz , daß fünf Dutzend Sperlinge Platz darauf gehabt hätten . Den blauen Mantel und Hut , dessen Krempe auf französische Art von einer Agraffe hochgehalten wurde , hing er an einen Wandhaken , stellte seinen Stock , der einen großen silbernen Knopf hatte , in die Ecke und trat mit Schritten wie ein Tanzmeister , die Fußspitzen fein auswärts , zur Jungfer , verbeugte sich mit Politesse und führte ihre Hand , die sie ihm lächelnd darreichte , an schmatzende Lippen . Diese Lippen waren fortwährend beflissen , noble Manieren zur Schau zu tragen ; der Odem zog sie bald nach innen , bald blies er sie wieder spitzig auf , als gelte es , feinen Wein zu kosten . Die Augenbrauen hochmütig emporgezogen , nahm er am großen Tisch in der Ecke Platz . Wie Susanne Wein gebracht hatte , setzte sie sich zu Schmirsel , und die beiden pflagen des Gespräches mit gedämpfter Stimme , ohne daß ich mehr als einzelne Worte erhaschte . Jetzo kam mir die Jungfer für wie ein schnurrend Schmeichelkätzchen , das sich den Pelz streicheln lässet und zuweilen schalkhaft die Krallen unter den Sammetpfötchen reckt . Auf einmal hielt Schmirsel das Brillenglas vor seine Augen und forschte zu mir herüber . Dann kam Susanne herbei und lud mich zu Schmirsel . Sie nannte ihm meinen Namen , indessen ich mich neigte . Schmirsel bot mir einen Stuhl und sprach mit gedämpfter Stimme : » Vernehme da mancherlei Gutes von Ihm , junger Gesell , zum Exempel , daß Er sich auf Medicamenta verstehet . Erzähl Er doch einmal , mit allen Umständen , wie Er in Schlesingen das lahme Kindlein kuriert hat . Das Mittel ist mir zwar bekannt , doch möcht ich wissen , ob Er die rechte Bereitung getroffen hat . In diesem Falle wär ich nicht abgeneigt , Ihn als Lehrling in mein Haus aufzunehmen . « Ich war unschlüssig , was zu antworten , da ich an Susannens Rat dachte , mein Mittel ja nicht preiszugeben . Zum Überflusse trat mir die Jungfer auf den Fuß , und nun sprach ich : » Geehrter Herr Medikus ! So glücklich ich mich preisen würde , falls mich der berühmte Herr in die Lehre nähme , muß ich doch das Geheimnis meiner Medicamenta hüten . Sie sind ja mein einziger Schatz , aus dem ich mein Leben fristen und erquicken möchte . Wofern aber der Herr sich damit begnügt , daß ich Ihm das Mittel wider lahme Glieder bereite und zum Verkauf an seine Patienten anheimstelle , und wofern der Herr Medikus mich rechtens dafür besoldet , will ich lieber bei Ihm eintreten als beim Herrn Waldhäuser , an den ich einen Empfehlungsbrief habe . « Schmirsel warf mir einen harten Blick zu und erwiderte kühl : » So so , zum Waldhäuser will Er ? Mag Er sehen , ob ihm der Lumpenkurierer seinen Schatz geheimer Medikamente bezahlt . « Ich schwieg , und auch Schmirsel wollte erst nicht mehr die Lippen voneinander bringen , warf aber schließlich mit scheinbarer Gleichgültigkeit hin : » Welchen Preis will Er denn für sein Mittel haben ? Vorausgesetzt , daß es wirklich hilft und etwas Neues ist ! « Listig gab ich zur Antwort : » Erst muß ich wissen , ob der Patient mehr oder minder wohlhabend ist , alsdann werde ich mein Medikament jedesmal zu einem angemessenen Preise verkaufen . « Überrascht sah mir Schmirsel ins Auge , lachte dann säuerlich und reichte mir die Hand . » Ich will ' s mit Ihm versuchen ! Abgemacht ! Geh Er nun sogleich in mein Haus , um die Ecke links am Ringe gelegen , und installier Er sich . « Drauf ließ der Medikus Feder , Tinte und Papier bringen und schrieb ein Briefel an seine Haushälterin . Ich zahlte meine Zeche und neigte mich sowohl vor meinem neuen Herrn als vor der Jungfer , die mir Glück wünschte . So brachte mich verliebte Torheit auf jene Bahn , wo Susanne und Schmirsel , Rausch und Habgier herrschten . Was ich bei meinem Lehrmeister trieb , gewährte keinen anderen Lohn als Geld und Geld . Schmirsel , der mit meinem geheimen Mittel einen hohen Herrn kuriert hatte , verlangte immer häufiger danach , und immer kunstvoller machte ich aus Antimonium mein Medikament zurecht , vermengte es mit wohlriechenden Kräutern , fürgebend , diese Kräuter seien das Heilkräftige , damit nämlich Schmirsel nicht hinter das Geheimnis komme . Auch mengte ich das Antimon mit eingemachten Zitronen , Zimt und Rosenzucker zusammen . Solche Apothekerwaren wurden von Schmirsel nicht bloß für seine eignen Patienten verwendet , sondern sogar in den Handel gebracht , wo sie unter dem Namen » Schmirsels Morsellen « und » Gicht-Pillulen « berühmt wurden . Für mich wie für ihn fiel genung Geldes ab . Doch weil ich mich von Susannens eitlem Herzen leiten ließ , verwandte ich meine Einnahme auf Tand , kaufte Kleider à la mode , rauchte Tobak aus einer holländischen Pfeife und war jeden Abend in der Äpfelkammer zu finden , wo ich trinkend , auch spielend mein Geld vertat und einen Umgang hatte , den ich besser gemieden hätte . Um Susannen zu gefallen , stund ich vor dem Spiegel , kämmte mein langes Flachshaar und drehte das sprossende Bärtlein . Mit den stutzerhaften Kleidern und neuen Gewohnheiten hatte ich einen andern Menschen angezogen . Vergessen und verschollen lag das Tüchtige hinter mir , so mir in früheren Jahren , fürnehmlich durch meines Vaters Wort und Beispiel , zugekommen war . Meine Verliebtheit ließ nicht locker und ward ein rechter Plagegeist , der alle Ruhe und Besonnenheit störte . Susanne bewegte mich , wie der Puppenspieler am Drahte seine Puppe . In einem fort trieb sie mich , für meinen Wohlstand zu sorgen . Leichtgläubig erwartete sie , jene Prophezeiung der Zigeunerin werde sich erfüllen . Zwar dachte sie an keinen Schatz , der aus verwunschenen Schlössern gehoben wird , hoffte indessen , meine alchymistischen Versuche würden eines Tages gelingen . Ich hatte diesen Glauben genährt , zu nächtlicher Stunde von Goldmachergeschichten schwätzend . Der berüchtigte Chymikus Sebaldus Schwertzer war verstorben , und wie nun seine Hauseinrichtung zu Geld gemacht werden sollte , bestätigte sich das Verslein : » Goldmacher lassen ihren Erben Zerbrochne Gläser nur und Scherben . « Aus dem Plunder des Nachlasses gelangten alchymistische Scharteken für geringe Zahlung an mich . In einer las ich das Rezept einer Tinktur , die geringes Metall zu Golde wandle . An den Rand freilich hatte der Verstorbene eigenhändig geschrieben : » Werde nicht gierig ; denn obwohl mir die Goldbereitung gelungen , hat sie Unheil über Unheil gebracht . « Ich ließ mich nicht warnen und suchte den beschriebenen Prozeß zustande zu bringen . Etliche Kräutlein , die das Rezept angibt , verschaffte ich mir , verbrannte sie und tat die Asche mit Essig und Eisenfeilspänen zusammen in ein Glas , das wohl versehentlich nicht ausgespült war . Es begab sich aber gleich hinterher , daß ich auf Geheiß meines Herrn Schmirsel eine Reise tat , die mich einen Monat fernhielt . Wie ich nun in meine Stube zurückkehre , kommt mir ein köstlicher Geruch entgegen , als seien Ambra und Moschus in jenem Glase , und an der Oberfläche der Mischung schwimmt ein rosenfarben Öl gleich der beschriebenen Tinktur . Ich experimentiere damit , wie es die Anweisung vorschreibt . Tue ein halb Lot Silberkalk in einen Tiegel , tunke Baumwolle in mein Öl und lege sie zum Silberkalk . Nachdem im heißen Ofen der Silberkalk mit dem Öl sich verbunden hat , scheide ich den Kalk heraus und traue meinen Augen nicht , dieweilen ich ein Quäntlein allerschönsten Goldes behalte . Schier närrisch vor Freude gehe ich daran , mit meinem Öl eine größere Masse Silbers zu tingieren . Da mir aber der Rausch in Kopf und Hand gedrungen ist , so schütte ich aus Versehen mein Öl ins Feuer , daß es alsobald mit starkem Dufte verfliegt . Vergebens hab ich mich seitdem abgemüht , die kostbare Tinktur von neuem zu destillieren . Es bildete sich kein rosenfarben Öl . Hiezu mußte wohl jene Flüssigkeit notwendig sein , von der ein Rest in dem ungespülten Glas geblieben war . Vergebens grübelte ich , was das für eine Flüssigkeit gewesen . Den Narrheiten , die ich beging , fügte ich eine besonders unheilvolle hinzu , indem ich Susannen von meinem Erfolge berichtete und das Quäntlein Gold , eingeschlossen in ein silbern Herzlein , ihr zum Angebinde gab . Dabei hatte ich nicht mit der weibischen Geschwätzigkeit und Prahlsucht gerechnet . Wider mein Geheiß sprach Susanne etlichen bevorzugten Gästen davon , mir sei die Goldbereitung gelungen , wobei der sichtbare Beweis herumgereicht ward . Von Schmirsel zur Rede gestellt , gab ich ausweichenden Bescheid , jedoch so , daß ich den Glauben an meine Kunst nur verstärkte . Wochenlang plagte mich Schmirsel mit Fragen , auch mit Spionieren auf meinem Zimmer , wo ich meine heimlichen Experimente machte . Bei Tag und selbst bei Nacht war mir die Ruhe verleidet , und sooft ich die Äpfelkammer besuchte , fühlte ich mich von Susannen zu neuer Goldmacherei angestachelt . Zum Überfluß erschien unter den Gästen des Wirtshauses ein Mensch , so peinliche Erinnerungen , auch düstere Ahnungen künftigen Unheils wachrief ; nämlich der Doktor Giacomini . Greise zwar an Haar und Bart , war er derselbe geblieben an Habgier und Tücke . Versteckt suchte er mich nach meiner Goldmacherei auszuforschen , trug freilich eine kalte und harte Abweisung davon , worauf er mich einen Prahlhansen schalt . Unerwartet , wie ich in die Äpfelkammer gelangt war , kam ich auch wieder heraus , so daß ich mit Staunen jene labyrinthischen Verschlingungen und launischen Abweichungen betrachte auf denen das Schicksal den Menschen führt . Der letzte Abend , den ich im gewohnten Wirtshause verlebte , war von verdrossenen Grübeleien erfüllt . An einem Ecktische saß ich zu später Stunde einsam , die Wange auf die Hand gestützt , und starrte auf das Spiel der Schatten , die ein Schwarm lebhafter Gäste im Scheine der Tischlaterne an meine Wand warf . Zuweilen unterschied ich im Schattengewirr eine Hand , ein verzerrt Haupt und erhobene Becher , derweilen Geschwätz und Lachen , Johlen , Gläserklirren und Würfelklappern sich vermischten . Die Luft war schwer und schwül , erfüllt vom Rauche jenes Tobakkrautes , das Mode zu werden begann und aus niederländischen Tonpfeifen qualmte . Trübsinn drückte mich nieder , heimliche Reue nagte am Herzen . Auf einmal war es mir , als täte mich mein Vater vorwurfsvoll anschauen , traurig sprechend : » Junge , Junge , du hier ? « - Verstört richtete ich mich auf und sah umher . Da war das Gesicht verschwunden , und zu mir trat ein Studiosus , so in der Äpfelkammer verkehrte und mit mir Brüderschaft getrunken hatte , wir hießen ihn mit seinem Spitznamen das Roß . » Warum so einsam , Johannes ? « lallte er . » Willst du nicht an unserm Tische mit uns knöcheln ? Magst nicht ? Nun , so laß uns beide mitsammen um die Zeche spielen . Soll ich für dich zahlen , oder willst du für mich zahlen , he ? Das laß uns jetzo durch Hund und Hase entscheiden . « In die Tasche griff das Roß und klimperte mit einer Handvoll Münzen , legte sie auf den Tisch und setzte sich neben mich . Ich stutzte , denn » Hund und Hase « war ja jene Art zu losen , durch die Susanne entschieden hatte , ob ich zum Schmirsel oder zum Waldhäuser gehen solle . Ein Weilchen ohne Neigung , des Rosses Vorschlag anzunehmen , ging ich schließlich darauf ein und erklärte , ich wolle der Hund sein . Hierauf zählte der Studiosus die Geldstücke auf , indem er sagte : » Hund verliert , Hase gewinnt , Hund verliert , Hase gewinnt . « Natürlich kam bei solchem Abzählen heraus , daß ich jeden Falles die Zeche bezahlen mußte . Doch brachte dieser Verlust mir den Gewinn , daß meine finstere Torheit auf einmal von einem Lichtstrahl erhellt ward . Ich erkannte , wie das Spiel » Hund und Hase « nichts war als possenhafter Betrug , einen unbesonnenen Menschen zu übertölpeln . Und solch einen unsauberen Kniff hatte Susanne für ein Gottesurtel ausgegeben , ohne sich ein Gewissen daraus zu machen , daß ihre Leichtfertigkeit über mein Geschick entscheide , da ich doch ähnlich wie Herkules am Scheidewege gestanden . Susanne kam mir auf einmal gänzlich anders für , als sie bisher erschienen . Es war , als sei eine schöne Blume welk und blaß worden , oder als stelle sich heraus , daß eines Angesichtes prangende Farben nichts sind als heuchelnde Malerei . Außerstande , der Jungfer freundlich ins Gesicht zu schauen , begab ich mich heim und fand stundenlang keinen Schlaf vor Enttäuschung und Gram . Andern Tages wollte ich Susannen zur Rede stellen , wie sie es habe übers Herz bringen können , ein Spiel mit meinem Leben zu treiben , ohne wenigstens hinterher einzugestehen , daß sie sich vom Mutwillen habe fortreißen lassen . Um unter vier Augen mit ihr zu reden , ging ich bereits am Nachmittag in die Äpfelkammer . Ohne besondere Absicht nahm ich diesmal in dem hinten gelegenen Gewölbe Platz . Gleich darauf hörte ich jemand in die Gaststube eintreten , es war Schmirsel , der seinen gewohnten Platz einnahm . Hinter ihm kam die Jungfer , setzte sich zu ihm und begann zu reden , ohne zu wissen , daß ich zuhöre . » Ei , welch ein schön Balsambüchslein ! « Hierauf er : » Es ist nicht schön , als bis die Jungfer es in Ihren schönen Händen hält . Sie behalte es , und mein Herze dazu . « - » Ich werde Ihn nicht in solchen Schaden bringen . « - » Schaden ? Mitnichten ! Ich bin Ihr Leibeigener , und ist es gleich , ob meine Sachen bei mir oder bei Ihr in Verwahrung liegen . « - » Das ist gar edel von Ihm gedacht ; doch ich bitte , nehm Er das Balsambüchslein lieber zurück , es ist ja von Golde . Was würden die Leute sprechen ! « » Mögen sie sprechen , was sie wollen , uns beiden kann davon nicht Übles geschehen . Was aber die Köstlichkeit des Balsambüchsgens betrifft , so ist die lange nicht groß genung ; meine holde Jungfer wäre gar eines Büchsgens von Demant wert . « » Er ist ein Schmeichler , aber ein lieber . Um Ihn nicht zu kränken , will ich sein Angebinde nehmen und mit meinem allerschönsten Dank nicht zurückhalten . « - » O süßes Kind , wenn das Gold dieses Büchsgens wird blaß werden , nicht eher werde ich aufhören , Ihr aufzuwarten . « Um die Ecke spähend , sah