gute Freunde geworden in der letzten Zeit , dein Leo und ich . Gestern Abend erst sind wir wieder im Kaffeehaus zusammen gewesen , und er war wirklich sehr herablassend zu mir . Ich glaube , mir verzeiht er sogar meine Abstammung . Im übrigen hab ich dir noch gar nicht erzählt , daß auch Therese heute bei Ehrenbergs oben war . « Und er berichtete von dem Erscheinen des jungen Mädchens im Salon Ehrenberg und von dem Eindruck , den sie auf Demeter gemacht hatte . Anna lächelte vergnügt dazu . Später , während sie wieder in einer stilleren Straße Arm in Arm spazierten , begann Georg von neuem : » Jetzt weiß ich aber noch immer nicht , wer die große Liebe gewesen ist . « Anna schwieg und sah vor sich hin . » Nun , Anna ! Du hast mir ja versprochen , nicht wahr ? « Ohne ihn anzusehen , erwiderte sie : » Wenn du nur ahntest , wie sonderbar mir heute die Geschichte vorkommt . « » Warum sonderbar ? « » Weil der , nach dem du fragst , eigentlich ein alter Mann gewesen ist . « » Fünfunddreißig « , scherzte Georg , » nicht wahr ? « Sie schüttelte ernsthaft den Kopf . » Er war achtundfünfzig oder sechzig . « » Und du ? « fragte Georg langsam . » Im Sommer waren es zwei Jahre . Einundzwanzig war ich damals . « Georg blieb plötzlich stehen . » Nun weiß ich es , dein Gesangslehrer war es . Nicht wahr ? « Anna antwortete nicht . » Also wirklich « , sagte Georg , ohne sich eigentlich zu wundern , denn es war ihm nicht unbekannt , daß sich in den berühmten Meister , trotz seiner grauen Haare , alle Schülerinnen verliebten . » Und den « , fragte Georg , » hast du am meisten geliebt von allen Menschen , die dir begegnet sind ? « » Seltsam , nicht wahr ? Aber es ist doch so ... « » Hat er es gewußt ? « » Ich glaub schon . « Sie waren auf einen ausgeweiteten Platz gekommen mit einer kleinen Gartenanlage , die nur spärlich beleuchtet war . Hinten erhob sich rötlich schimmernd eine Kirche . Dorthin , als zög es sie an einen stillern Ort , wandelten sie unter dunkeln , leise schwankenden Ästen . » Und was ist denn eigentlich zwischen euch vorgefallen , wenn man fragen darf ? « Anna schwieg , und Georg hielt in diesem Augenblick alles für möglich . Selbst , daß Anna die Geliebte jenes Menschen gewesen wäre . Aber innerhalb des Unbehagens , das er bei diesem Gedanken empfand , regte sich leise und kaum bewußt der Wunsch in ihm , seine Befürchtung bestätigt zu hören . Denn wie leicht und verantwortungslos ließ dies Abenteuer sich an , wenn Anna schon einem andern gehört hatte , eh sie die Seine wurde . » Ich will dir die ganze Geschichte erzählen « , sagte Anna endlich . » Sie ist wirklich nicht so schrecklich . « » Also ? « fragte Georg , seltsam gespannt . » Einmal nach der Stunde « , begann Anna zögernd , » hat er mir galant in die Jacke hineingeholfen . Und plötzlich hat er mich an sich gezogen und mich umarmt und geküßt . « » Und du ... ? « » Ich ... ich war ganz berauscht . « » Berauscht ... « » Ja , es war etwas Unbeschreibliches . Er hat mich auf die Stirn geküßt und auf den Mund und aufs Haar ... und dann hat er meine Hand genommen und hat allerlei Worte gemurmelt , die ich gar nicht recht gehört hab ... « » Und ... « » Und dann ... dann waren Stimmen daneben ... er hat meine Hand losgelassen ... und es war aus . « » Aus ? « » Ja , aus . Selbstverständlich war es aus . « » Gar so selbstverständlich find ich das eigentlich nicht . Du hast ihn doch wiedergesehen . « » Freilich , ich hab ja weiter bei ihm gelernt . « » Und ... ? « » Ich sag dir doch , es war aus ... vollkommen , als wär überhaupt nie was gewesen . « Georg wunderte sich , daß er sich beruhigt fühlte . » Und er hat nie wieder den Versuch gemacht ? « fragte er . » Nie wieder . Es wäre auch lächerlich gewesen . Und da er sehr klug war , hat er das selbst ganz gut gewußt . Vorher , es ist ja wahr , hatt ich ihn sehr geliebt . Aber nach diesem Vorfall war er nichts andres mehr für mich , als mein alter Lehrer . Gewissermaßen sogar älter , als er in Wirklichkeit war . Ich weiß nicht , ob du das so ganz verstehen kannst . Es war , als ob er den ganzen Rest seiner Jugend verschwendet hätte in jenem Augenblick . « » Ich verstehe es ganz gut « , sagte Georg . Er glaubte ihr und liebte sie mehr als früher . Sie traten in die Kirche . Es war fast dunkel in dem weiten Raum . Nur vor einem Seitenaltar brannten trübe Kerzen , und drüben , hinter einer kleinen Heiligenstatue , schimmerte ein armes Licht . Ein breiter Strom von Weihrauchduft floß zwischen Wölbung und Steinfliesen hin . Der Meßner ging umher und klapperte leise mit den Schlüsseln . In den Bänken rückwärts , regungslos , dämmerten Gestalten . Langsam schritt Georg mit Anna vorwärts und fühlte sich wie ein junger Gatte auf Reisen , der mit seiner jungen Frau eine Kirche besichtigt . Er sagte es Anna . Sie nickte nur . » Es wär aber noch viel schöner « , flüsterte Georg , während sie eng aneinander geschmiegt vor der Kanzel standen , » wenn man wirklich miteinander irgendwo in der Fremde wäre ... « Sie sah ihn an , wie beglückt und doch wie fragend ; und er erschrak über seine eigenen Worte . Wenn Anna sie als ernsthafte Aufforderung oder gar als eine Art von Werbung aufgefaßt hätte ? War er nicht verpflichtet sie aufzuklären , daß sie nicht so gemeint waren ? ... Ein Gespräch fiel ihm ein , von neulich , als sie an einem windig-regnerischen Tag unter dem Schirm eingehängt über die Linie hinaus gegen Schönbrunn spaziert waren . Er hatte ihr den Vorschlag gemacht , mit ihm in die Stadt zu fahren und in irgend einem abgeschiedenen Gasthauszimmer mit ihm zu nachtmahlen ; sie mit jener Frostigkeit , in der ihr ganzes Wesen manchmal erstarrte , hatte darauf erwidert : » für solche Sachen bin ich nicht . « Er hatte nicht weiter in sie gedrungen . Doch eine Viertelstunde später , allerdings im Lauf einer Unterhaltung über Georgs Lebensführung , aber vieldeutig lächelnd hatte sie die Worte zu ihm gesprochen : » Du hast keine Initiative , Georg . « Und in diesem Augenblick war ihm plötzlich gewesen , als täten sich Untiefen ihrer Seele auf , niemals vermutete und gefährliche , vor denen es gut war , sich in acht zu nehmen . Daran mußte er jetzt wieder denken . Was mochte in ihr denn vorgehen ? ... Was wünschte sie und worauf war sie gefaßt ? ... Und was wünschte , was ahnte er selbst ? Das Leben war ja so unberechenbar . War es nicht sehr gut möglich , daß er wirklich einmal mir ihr draußen in der Welt herumreisen , eine Zeit des Glücks mit ihr durchleben ... und endlich von ihr scheiden würde , wie er von mancher andern geschieden war ? Doch wenn er an das Ende dachte , das jedenfalls kommen mußte , ob es nun der Tod bringen mochte oder das Leben selbst , so fühlte er es wie ein gelindes Weh im Herzen ... Noch immer schwieg sie . Fand sie wieder , daß es ihm an Initiative fehlte ? ... Oder dachte sie vielleicht : Es wird mir ja doch gelingen , ich werde seine Frau sein ... ? Da fühlte er ihre Hand ganz leise über die seine streichen , mit einer ihm wie neuen , sehr wohltuenden Zärtlichkeit . » Du , Georg « , sagte sie . » Was denn ? « fragte er . » Wenn ich fromm wäre « , erwiderte sie , » möcht ich jetzt um was beten . « » Um was ? « fragte Georg beinahe ängstlich . » Daß was aus dir wird , Georg . Was sehr Bedeutendes ! Ein wirklicher , ein großer Künstler . « Unwillkürlich blickte er zu Boden , wie in Beschämung , daß ihre Gedanken um soviel reinere Wege gegangen waren als die seinen . Ein Bettler hielt den dicken , grünen Vorhang offen , Georg gab dem Mann ein Geldstück ; sie waren im Freien . Straßenlichter glänzten auf , Geräusche von Wagen und Rolläden waren nah , Georg fühlte , wie ein feiner Schleier zerriß , den der Kirchendämmer um ihn und sie gewoben hatte , und in befreitem Ton schlug er eine kleine Spazierfahrt vor . Anna war gern einverstanden . In einem offenen Fiaker , dessen Dach sie über sich aufspannen ließen , fuhren sie die Straße hinab , ließen sich um den Ring führen , ohne viel von Gebäuden und Gärten zu sehen , sprachen kein Wort und schmiegten sich enger aneinander . Sie fühlten jeder die eigne und des andern Ungeduld und wußten , daß es kein Zurück mehr gab . In der Nähe von Annas Wohnung sagte Georg : » Wie schade , daß du schon nach Hause mußt . « Sie zuckte die Achseln und lächelte sonderbar . Die Untiefen , dachte Georg wieder , aber ohne Angst , heiter beinahe . Eh der Wagen an der Ecke hielt , verabredeten sie ein Rendezvous für den nächsten Vormittag , im Schwarzenberggarten , dann stiegen sie aus . Anna eilte nach Hause , und Georg bummelte langsam gegen die Stadt zu . Er überlegte , ob er ins Kaffeehaus gehen sollte . Er hatte keine rechte Lust dazu . Bermann blieb heute wohl bei Ehrenbergs zum Souper , auf Leo Golowskis Kommen war nur selten zu rechnen ; und die andern jungen Leute , meist jüdische Literaten , die Georg in der letzten Zeit flüchtig kennen gelernt hatte , lockten ihn nicht eben an , wenn er auch manche von ihnen nicht uninteressant gefunden hatte . Im ganzen fand er den Ton der jungen Leute untereinander bald zu intim , bald zu fremd , bald zu witzelnd , bald zu pathetisch ; keiner schien sich dem andern , kaum einer sich selbst mit Unbefangenheit zu geben . Heinrich hatte übrigens neulich erklärt , er wollte mit dem ganzen Kreis nichts mehr zu tun haben , der ihm seit seinen Erfolgen durchaus gehässig gesinnt sei . Georg hielt es allerdings für möglich , daß Heinrich in seiner eiteln und hypochondrischen Art Feindseligkeiten und Verfolgungen auch dort witterte , wo vielleicht nur Gleichgültigkeit oder Antipathie vorhanden waren . Er für seinen Teil wußte , daß es weniger Freundschaft war , die ihn zu dem jungen Schriftsteller hinzog , als Neugier , einen seltsamen Menschen näher kennen zu lernen ; vielleicht auch das Interesse , in eine Welt hineinzuschauen , die ihm bisher ziemlich fremd geblieben war . Denn während er selbst nach wie vor sich ziemlich zurückhaltend verhalten und insbesondere über seine Beziehungen zu Frauen jede Andeutung vermieden , hatte ihm Heinrich nicht nur von der fernen Geliebten erzählt , für die er Qualen der Eifersucht zu leiden behauptete , sondern auch von einer hübschen , blonden Person , mit der er in der letzten Zeit seine Abende zu verbringen pflegte , um sich zu betäuben , wie er mit Selbstironie hinzufügte ; nicht nur von seinen Wiener Studenten- und Journalistenjahren , die noch nicht weit zurücklagen , sondern auch von der Kinder- und Knabenzeit in der kleinen böhmischen Provinzstadt , wo er vor dreißig Jahren zur Welt gekommen war . Sonderbar und zuweilen fast peinlich erschien Georg der wie aus Zärtlichkeit und Widerwillen , aus Gefühlen von Anhänglichkeit und von Losgerissensein gemischte Ton , in dem Heinrich von den Seinen , insbesondere von dem kranken Vater sprach , der in jener kleinen Stadt Advokat , und eine Zeitlang Reichsratsabgeordneter gewesen war . Ja , er schien sogar ein wenig stolz darauf zu sein , daß er als Zwanzigjähriger schon dem allzu Vertrauensseligen sein Schicksal vorausgesagt hatte , genau so wie es sich später erfüllen sollte : nach einer kurzen Epoche der Beliebtheit und des Erfolgs hatte das Anwachsen der antisemitischen Bewegung ihn aus der deutsch-liberalen Partei gedrängt , die meisten Freunde hatten ihn verlassen und verraten , und ein verbummeltet Kouleurstudent , der in den Versammlungen die Tschechen und Juden als die gefährlichsten Feinde deutscher Zucht und Sitte hinstellte , daheim seine Frau prügelte und seinen Mägden Kinder machte , war sein Nachfolger im Vertrauen der Wähler und im Parlament geworden . Heinrich , dem die Phrasen des Vaters von Deutschtum , Freiheit , Fortschritt in all ihrer Ehrlichkeit immer gegen den Strich gegangen waren , hatte dem Niedergang des alternden Mannes anfangs wie mit Schadenfreude zugesehen ; allmählich erst , als der einst gesuchte Anwalt auch seine Klienten zu verlieren begann , und die materiellen Verhältnisse der Familie sich von Tag zu Tag verschlechterten , stellte bei dem Sohne sich ein verspätetes Mitleid ein . Er hatte seine juristischen Studien früh genug aufgegeben und mußte den Seinen durch journalistische Tagesarbeit zu Hilfe kommen . Seine ersten künstlerischen Erfolge fanden in dem verdüsterten Hause der Heimat kein Echo mehr . Dem Vater nahte unter schweren Zeichen der Wahnsinn , und der Mutter , für die gleichsam Staat und Vaterland zu existieren aufgehört hatten , als ihr Mann nicht wieder ins Parlament gewählt wurde , versank nun , da dieser in geistige Nacht fiel , die ganze Welt . Die einzige Schwester Heinrichs , einst ein blühendes und tüchtiges Geschöpf , war nach einer unglücklichen Leidenschaft für eine Art von Provinz-Don Juan in Schwermut verfallen , und krankhaft eigensinnig gab sie dem Bruder , mit dem sie sich in der Jugend vortrefflich verstanden hatte , die Schuld an dem Unglück des elterlichen Hauses . Auch von andern Verwandten erzählte Heinrich , deren er aus früherer Zeit sich erinnerte , und ein teils lächerlicher , teils rührender Zug fromm beschränkter alter Juden und Jüdinnen schwebte an Georg vorüber , wie Gestalten einer andern Welt . Er mußte es am Ende begreifen , daß Heinrich durch keinerlei Heimweh nach jener kleinen , von kläglichem Parteihader zerrissenen Stadt , in die dumpfe Enge des zugrunde gehenden Elternhauses sich zurückgerufen fühlte , und sah ein , daß Heinrichs Egoismus ihm zugleich Rettung und Befreiung bedeutete . Vom Turm der Michaelerkirche schlug es neun , als Georg vor dem Kaffeehaus stand . An einem Fenster , das der Vorhang nicht verhüllte , sah er den Kritiker Rapp sitzen , einen Stoß von Zeitungen vor sich auf dem Tisch . Eben hatte er den Zwicker von der Nase genommen , putzte ihn , und so sah das blasse , sonst so hämisch-kluge Gesicht , mir den stumpfen Augen wie tot aus . Ihm gegenüber , mit ins Leere gehenden Gesten , saß der Dichter Gleißner , im Glanze seiner falschen Eleganz , mir einer ungeheuern , schwarzen Krawatte , darin ein roter Stein funkelte . Als Georg , ohne ihre Stimmen zu hören , nur die Lippen der beiden sich bewegen und ihre Blicke hin- und hergehen sah , faßte er es kaum , wie sie es ertragen konnten in dieser Wolke von Haß sich eine Viertelstunde lang gegenüber zu sitzen . Er fühlte mit einemmal , daß dies die Atmosphäre war , in der das Leben dieses ganzen Kreises sich abspielte , und durch die nur manchmal erlösende Blitze von Geist und von Selbsterkenntnis zuckten . Was hatte er mit diesen Leuten zu tun ? Eine Art von Grauen erfaßte ihn , er wandte sich ab und entschloß sich , statt ins Kaffeehaus zu gehen , endlich wieder einmal den Klub aufzusuchen , dessen Räume er seit Monaten nicht betreten hatte . Es waren nur wenige Schritte bis dahin . Bald stieg Georg die breite Marmortreppe hinauf , begab sich in den kleinen Speisesaal mit den lichtgrünen Vorhängen und wurde von Ralph Skelton , dem Attaché der englischen Botschaft , und Doktor von Breitner , die in einer Ecke beim Souper saßen , als ein lang Vermißter mit gedämpfter Herzlichkeit begrüßt . Man sprach von dem Turnier , das bevorstand , von dem Bankett , das zu Ehren der ausländischen Fechtmeister veranstaltet werden sollte ; plauderte über die neue Operette am Wiedner Theater , in der Fräulein Lovan als Bajadere beinahe nackt aufgetreten war , und über das Duell des Fabrikanten Heidenfeld mit dem Leutnant Novotny , in dem der beleidigte Ehemann gefallen war . Nach dem Essen spielte Georg mit Skelton eine Partie Billard und gewann . Er fühlte sich immer behaglicher und nahm sich vor , von nun an wieder öfters diese luftigen und hübsch ausgestatteten Räume zu besuchen , in denen angenehme , gut angezogene junge Leute verkehrten , mit denen man sich in guter und leichter Weise unterhalten konnte . Felician erschien , erzählte seinem Bruder , daß es bei Ehrenbergs noch ganz amüsant geworden war und brachte ihm Grüße von Frau Marianne . Breitner , eine seiner berühmten Riesenzigarren im Mund , gesellte sich zu den Brüdern und sprach davon , daß im Speisesaal nächstens die Bilder einiger verdienter Klubmitglieder aufgehängt werden sollten , vor allem das des jungen Labinski , der im vorigen Jahr durch Selbstmord geendet hatte . Und Georg mußte an Grace denken , an das seltsam glühend-kalte Gespräch mit ihr auf dem Friedhof im schmelzenden Februarschnee und an jene wundervolle Nacht , auf dem mondbeglänzten Deck des Dampfers , der sie beide von Palermo nach Neapel gebracht hatte . Er wußte kaum , nach welcher Frau er sich am meisten sehnte in diesem Augenblick : nach Marianne , der Verlassenen , nach Grace , der Entschwundenen , oder nach dem anmutigen jungen Geschöpf , mit dem er vor ein paar Stunden in einer dämmrigen Kirche herumspaziert war , wie Hochzeitsreisende in einer fremden Stadt , und das den Himmel hatte anflehen wollen , daß ein großer Künstler aus ihm würde . In der Erinnerung daran verspürte er eine gelinde Rührung . War es nicht beinahe , als läge ihr mehr an seiner künstlerischen Zukunft als ihm selbst ? ... Nein , ... nicht mehr . Sie hatte ja doch nur ausgesprochen , was immer tief im Grunde seiner Seele schlummerte . Er vergaß nur sozusagen manchmal , daß er ein Künstler war . Aber das mußte anders werden . So viel war begonnen und vorbereitet . Nur etwas Fleiß , und es konnte am Erfolg nicht fehlen . Und im nächsten Jahr ging es hinaus in die Welt . Eine Kapellmeisterstelle war bald gefunden , und mit einem kräftigen Sprung stand man mitten in einem Beruf , der Geld und Ehren brachte . Neue Menschen lernte er kennen , ein anderer Himmel glänzte über ihm , und geheimnisvoll wie aus fernem Nebel , streckten unbekannte weiße Arme sich nach ihm aus . Und während die jungen Leute neben ihm sehr ernsthaft die Chancen der Kämpfer bei dem bevorstehenden Turnier erwogen , träumte Georg in seiner Ecke weiter von einer Zukunft voll Arbeit , Ruhm und Liebe . Zur gleichen Stunde lag Anna in ihrem dunkeln Zimmer , ohne zu schlafen , die weit offenen Augen zur Decke gerichtet ; zum erstenmal in ihrem Leben mit dem untrüglichen Gefühl , daß es einen Menschen auf der Welt gab , der aus ihr machen konnte , was ihm beliebte ; mit dem festen Entschluß , alle Seligkeit und alles Leid hinzunehmen , das ihr bevorstehen mochte ; und mit einer leisen Hoffnung , schöner , als alle , die ihr je erschienen waren , auf ein beständiges und ruhevolles Glück . Drittes Kapitel Georg und Heinrich saßen von ihren Rädern ab . Die letzten Villen lagen hinter ihnen , und die breite Straße , allmählich ansteigend , führte in den Wald . Das Laub hing noch ziemlich dicht an den Bäumen , aber jeder leise Windhauch nahm Blätter mit und ließ sie langsam herabsinken . Herbstglanz lag über den gelbrötlichen Hügeln . Die Straße stieg höher an , an einem stattlichen Wirtshausgarten vorbei , zu dem steinerne Stufen hinaufführten . Nur wenige Leute saßen im Freien , die meisten in der Glasveranda , als trauten sie nicht ganz der Wärme dieses schmeichlerischen Spätoktobertags , durch den doch immer wieder eine gefährliche Kühle geweht kam . Georg dachte mit ödem Erinnern des Winterabends , an dem er und Frau Marianne als einzige Gäste hier eingekehrt waren . Gelangweilt war er an ihrer Seite gesessen , hatte ungeduldig ihr plätscherndes Gerede über das Konzert von gestern angehört , in dem Fräulein Bellini seine Lieder gesungen ; und als er auf der Rückfahrt wegen Mariannens Ängstlichkeit schon in einer Vorstadtstraße aus dem Wagen steigen mußte , hatte er wie erlöst aufgeatmet . Ein ähnliches Gefühl der Befreitheit kam freilich beinahe jedesmal über ihn , wenn er , auch nach schönerem Zusammensein , von einer Geliebten Abschied nahm . Selbst als er Anna an ihrem Haustor verlassen hatte , vor drei Tagen , nach dem ersten Abend vollkommenen Glücks , war er sich , früher als jeder anderen Regung , der Freude bewußt geworden , wieder allein zu sein . Und gleich darauf , ehe noch das Gefühl des Danks und die Ahnung einer wirklichen Zusammengehörigkeit mit diesem sanften , sein ganzes Wesen mit so viel Innigkeit umschließenden Geschöpf in seiner Seele emporzudringen vermochte , flog durch sie ein sehnsuchtsvoller Traum von Fahrten über ein schimmerndes Meer , von Küsten , die sich verführerisch nähern , von Spaziergängen an Ufern , die am nächsten Tage wieder verschwinden , von blauen Fernen , Ungebundenheit und Alleinsein . Am andern Morgen , da den Erwachenden der Duft des vergangenen Abends erinnerungs- und verheißungsschwer umfloß , wurde die Reise natürlich aufgeschoben , bis zu einer spätern , vielleicht nicht gar so fernen , doch gelegeneren Zeit . Denn daß auch dieses Abenteuer , so ernst und hold es begonnen , zu einem Ende bestimmt war , wußte Georg selbst in dieser Stunde , nur ohne jeden Schauer . Anna hatte sich ihm gegeben , ohne mit einem Wort , einem Blick , einer Gebärde anzudeuten , daß nun für sie gewissermaßen ein neues Kapitel ihres Lebens anfing . Und so mußte von ihr , das fühlte Georg tief , auch der Abschied ohne Düsterkeit und Schwere sein : ein Händedruck , ein Lächeln und ein stilles » es war schön « . Und leichter noch war ihm zumute geworden , als sie ihm bei der nächsten Begegnung mit einfach innigem Gruß entgegenkam , ohne die befangenen Töne anschmiegender Wehmut , oder erfüllten Schicksals , wie er sie in den Worten mancher andern beben gehört hatte , die zu einem solchen Morgen nicht zum erstenmal erwacht war . Eine mattgezogene Berglinie erschien in der Ferne und verschwand wieder , als die Straße durch dichtern Waldstand in die Höhe führte . Laub- und Nadelholz wuchsen friedlich nebeneinander , und durch die stillere Farbe der Tannen schimmerte das herbstlich gefärbte Blätterwerk von Buchen und Birken . Wanderer zeigten sich , einige mit Rucksack , Bergstock und Nagelschuhen wie zu bedeutenden Gebirgstouren ausgerüstet ; zuweilen , in beglückter Schnelle , sausten Radfahrer die Straße hinab . Heinrich erzählte seinem Gefährten von einer Radfahrt , die er anfangs September unternommen hatte , den Rhein entlang . » Ist es nicht sonderbar « , sagte Georg , » so viel bin ich schon in der Welt herumgekommen , und die Gegend , wo meine Ahnen zu Hause waren , kenn ich noch gar nicht . « » Wirklich ? « fragte Heinrich . » Und es regt sich gar nicht in Ihnen , wenn Sie das Wort Rhein aussprechen hören ? « Georg lächelte . » Es sind immerhin bald hundert Jahre , daß meine Urgroßeltern aus Biebrich fortgezogen sind . « » Warum lächeln Sie , Georg ? Daß meine Ahnen aus Palästina fortgewandert sind , ist noch viel länger her , und doch fordern manche , sonst ganz logische Leute , daß mein Herz in Heimweh nach diesem Lande bebe . « Georg schüttelte ärgerlich den Kopf . » Was kümmern Sie sich immerfort um diese Leute . Es wird wirklich schon zur fixen Idee bei Ihnen . « » Ach Sie glauben , ich denke an die Antisemiten ? Durchaus nicht . Denen nehm ichs auch weiter nicht übel , manchmal wenigstens . Aber fragen Sie nur einmal unsern Freund Leo , wie er über diese Angelegenheit denkt . « » Ach so , den meinen Sie . Na , der faßt doch das nicht so wörtlich auf , sondern gewissermaßen symbolisch oder politisch « , setzte er unsicher hinzu . Heinrich nickte . » Diese beiden Begriffe liegen vielleicht hart nebeneinander in Köpfen solcher Art. « Er versank für eine Weile in Nachdenken , schob sein Rad in leichten , ungeduldigen Stößen vorwärts und war gleich wieder um ein paar Schritte voraus . Dann begann er wieder von seiner Septemberreise zu sprechen . Beinahe mit Ergriffenheit dachte er an sie zurück . Alleinsein , Fremde , Bewegung , war es nicht ein dreifaches Glück , das er genossen ? » Was für ein Gefühl von innerer Freiheit mich damals durchfloß « , sagte er , » kann ich Ihnen kaum beschreiben . Kennen Sie diese Stimmungen , in denen alle Erinnerungen , ferne und nahe , sozusagen ihre Lebensschwere verlieren ; alle Menschen , mit denen man sonst irgendwie verbunden ist , durch Schmerzen , Sorgen , Zärtlichkeit , einen nur mehr wie Schatten umschweben , oder richtiger gesagt , wie Gestalten , die man selbst erfunden hat ? Und die erfundenen Gestalten , die stellen sich natürlich auch ein und sind mindestens geradso lebendig wie die Menschen , an die man sich eben als an wirkliche erinnert . Da entwickeln sich dann die allerseltsamsten Beziehungen zwischen den wirklichen und den erfundenen Figuren . Ich könnte Ihnen von einer Unterhaltung berichten , die zwischen meinem verstorbenen Großonkel , der Rabbiner war , und dem Herzog Heliodor stattgefunden hat , wissen Sie , mit dem , der sich in meinem Opernstoff herumtreibt , eine Unterhaltung so amüsant , so tiefsinnig , wie im allgemeinen weder das Leben noch Operntexte zu sein pflegen ... Ja , wundervoll sind solche Reisen ! Und so geht es durch Städte , die man niemals gesehen hat und vielleicht nie wieder sehen wird , an lauter unbekannten Gesichtern vorüber , die gleich wieder für alle Ewigkeit verschwinden ... und dann saust man weiter auf heller Straße zwischen Strom und Weingeländen . Wahrhaft reinigend sind solche Stimmungen . Schade , daß sie einem so selten geschenkt sind ! « Georg empfand stets eine gewisse Verlegenheit , wenn Heinrich pathetisch wurde . » Jetzt könnte man vielleicht wieder fahren « , sagte er , und sie schwangen sich auf die Räder . Ein schmaler , ziemlich holpriger Seitenweg zwischen Wiese und Wald führte sie bald zu einem unerbaulich kahlen , zweistöckigen Haus , das sich durch ein mürrisch braunes Schild als Wirtshaus zu erkennen gab . Auf der Wiese , die durch die Straße vom Haus geschieden war , stand eine große Menge von Tischen , manche mit einstmals weiß gewesenen , andre mit geblümten Tüchern bedeckt . Hart an der Straße , an einigen zusammengerückten Tischen , saßen zehn oder zwölf junge Leute , Mitglieder eines Radfahrklubs . Mehrere hatten ihre Röcke abgelegt , andre trugen sie flott übergehängt ; auf den himmelblauen , gelb eingefaßten Sweaters prangten Embleme in erhabener roter und grüner Stickerei . Mächtig , aber nicht sehr rein tönte ein Chorlied zum Himmel auf : » Der Gott , der Eisen wachsen ließ , der wollte keine Knechte . « Heinrich überflog die Gesellschaft mit einem raschen Blick , kniff die Augen zusammen und sagte zu Georg , mit zusammengepreßten Zähnen und heftig betont : » Ich weiß nicht , ob diese Jünglinge bieder , treu und mutig sind , wofür sie sich jedenfalls halten ; daß sie aber nach Wolle und Schweiß duften , ist gewiß , und daher wäre ich dafür , daß wir in angemessener Entfernung von ihnen Platz nehmen . « Was will er eigentlich , dachte Georg bei sich . Wäre es ihm sympathischer , wenn hier eine Gesellschaft von polnischen Juden säße und Psalmen sänge ? Beide schoben ihre Räder zu einem entferntem Tische hin und ließen sich nieder . Ein Kellner erschien , in schwarzem , von Fett- und Gemüseflecken übersäten Frack , fegte mit einer schmutzigen Serviette heftig über den Tisch , nahm die Bestellungen entgegen und verschwand . » Ist es nicht jämmerlich « , sagte Heinrich , » daß in der nächsten Umgebung von Wien beinahe überall so verwahrloste Wirtshäuser stehen ? Es macht einen geradezu trübsinnig . « Georg fand diese übertriebene Wehmut nicht angebracht . » Ach Gott , auf dem Land « , meinte er , » man nimmt es eben mit . Es gehört fast dazu . « Heinrich ließ diese Auffassung nicht gelten , begann den Plan zur Gründung von sieben Hotels an den Wienerwaldgrenzen zu entwickeln und berechnete eben , daß man dazu höchstens drei bis vier Millionen benötige , als plötzlich Leo Golowski dastand . Er war im Zivilanzug , der , wie oft bei ihm , eines etwas bizarren Elements nicht entbehrte . Heute trug er zu einem hellgrauen Sacco eine blaue Samtweste und eine gelbliche Seidenkrawatte in glattem Stahlring