beklagte sich Frau Daumer , doch er antwortete ihr : » Sie sind kein Frauenzimmer , Sie sind eine Mutter . « Auch ereignete es sich einst , daß er bei einem Paradezug von Seiltänzern einem zu Pferd sitzenden Mädchen , dessen bunter Putz und Reitkunst seine Aufmerksamkeit erweckt hatte , ein paar Straßen weit folgte ; darüber ärgerte er sich nachher gewaltig , und er meinte , nun sei ihm doch auch einmal geschehen , was bei andern , wie er höre , zuweilen der Fall sei , er sei einem Weibe nachgelaufen . Er sagte , daß er zum Nachtessen wieder zu Hause sein werde , aber Anna erwiderte , das sei wohl zu spät , ihr Bruder habe davon gesprochen , daß er den Abend mit Caspar bei der Magistratsrätin Behold verbringen wollte ; die Rätin habe schon einige Male darum gebeten , sie sei eine einflußreiche Person , und wenn Daumer sich nicht eine Feindin an ihr machen wolle , müsse er der Einladung folgen . » Der Herr Präsident geht vor « , sagte Caspar verdrossen und ging . Es war mildes Wetter , der Schnee war längst verschwunden , weiße Wolken zogen über die spitzgiebligen Dächer hin . Als Caspar in das Zimmer trat , das der Präsident bewohnte , saß dieser am Schreibtisch und blickte mit zurückgelehntem Körper düster sinnend ins Leere . Erst nach einer Weile wandte er sich zu Caspar und redete ihn , aus seinem dunkeln Nachdenken heraus , ohne Begrüßung an . » Ich kehre morgen nach Ansbach zurück , Caspar , wie Sie ja wissen , « begann er und verdeckte die Augen mit der Hand ; » Sie werden mich einige Wochen , ja vielleicht monatelang nicht sehen . Ich möchte hie und da von Ihnen Nachricht haben , von Ihnen selbst , will Sie aber nicht auffordern , mir regelmäßig zu schreiben , damit Ihnen nicht eine ungern erfüllte Pflicht daraus erwachse . Nun dachte ich mir , Ihnen eine Gelegenheit zur Mitteilung zu geben , beider Sie mehr auf sich selbst als an andre gewiesen sind . Sie sollen nicht zur Rechenschaft befohlen sein , aber was Sie einem Freund oder sagen wir Ihrer Mutter vertrauen würden , das sollen Sie hier bewahren . « Damit reichte er Caspar ein in blauen Pappendeckel gebundenes Schreibheft . Caspar ergriff es mechanisch und las auf einem weißen herzförmigen Schildchen : Tagebuch - Stundenbuch für Caspar Hauser . Er schlug es auf und gewahrte , auf der ersten Seite eingeklebt , das Bild Feuerbachs und darunter , von der Hand des Präsidenten geschrieben , die Worte : Wer die Stunde liebt , der liebt Gott ; der Lasterhafte entflieht sich selbst . Caspar schaute den Präsidenten mit großen Augen ängstlich an Er wiederholte für sich im stillen , mit sichtbarer Bewegung der Lippen , die geschriebenen Worte und dann , was der Präsident zu ihm gesagt ; alles verfloß im Nebel und , des feierlichen Tones halber , in eine Ahnung von Gefahr . Es pochte an der Tür , und auf das Herein des Präsidenten brachte ein Eilbote einen Brief . Kaum hatte Feuerbach , ohne das Schreiben zu öffnen , einen Blick auf das Siegel geworfen , als er die Handglocke läutete und dem eintretenden Diener den Befehl gab , es solle sogleich angespannt werden . » Ich muß noch diesen Abend reisen « , sagte er zu Caspar . In unbestimmtem Lauschen und Warten blieb Caspar stehen . Der Postillon im Hof knallte mit der Peitsche . Ein Hauch der Ferne umwehte Caspar , er spürte plötzlich etwas von der Größe der Welt , und die Wolken am Himmel schienen Arme herunterzustrecken , um ihn emporzuheben . Als ihm der Präsident die Hand zum Abschied reichte , bat er schmeichelnd , mit verlangendem Lächeln : » Möcht auch mitfahren . « » Wie , Caspar ! « rief der Präsident in gespielter Überraschung , und plötzlich wieder das frühere Du der Anrede wählend , » willst du denn fort von den Nürnbergern ? Hast du denn vergessen , was du deinem gütigen Pflegevater schuldig bist ? Was würde Herr Daumer sagen , wenn du ihn so undankbar verließest ? und viele andere wackere Männer , die sich deiner angenommen haben ? Es erstaunt mich , Caspar . Bist du denn nicht gern hier ? « Caspar schwieg und senkte die Augen . Hier ist immer dasselbe , dachte er . Er sehnte sich fort ; er dachte , einmal könne man fortgehen , man könnte in der Nacht das Tor öffnen und könnte gehen , ohne den Weg zu wissen . Vielleicht käme dann einer , um zu fragen : wohin , Caspar ? Und er führte ihn zu einem Schloß , vor dem viel Volks versammelt ist ; drinnen ruft eine Stimme Caspars Namen , die Leute machen Platz , und viele Arme deuten auf das Tor , dem er zuschreitet . » Sprich ! « mahnte der Präsident barsch . » Sie sind alle gut mit mir « , flüsterte Caspar mit zuckenden Lippen . » Nun also ! « » Es ist nur - « » Was ? Was ist - ? Heraus mit der Sprache ! « Caspar schlug langsam die Augen auf , machte mit dem Arm eine weite Geste , als wolle er den ganzen Erdkreis in das Wort einbeziehen und sagte : » Die Mutter . « Feuerbach wandte sich weg , ging zum Fenster und blieb schweigend stehen . Eine Viertelstunde später schritt Caspar durch die engen Gassen beim Rathaus und kam alsbald auf den menschenverlassenen Egydienplatz . Es war schon dunkel geworden , vor der Kirche brannte eine Öllaterne , und während er nach links abbog wo das niedere Buschwerk einer Gartenanlage den Platz gegen die Laufergasse schloß , gewahrte er einen ruhig stehenden Mann , der gebeugten Kopfes nach ihm hersah . Caspar ging ein wenig langsamer , plötzlich sah er , daß der Mann den Arm erhob und mit dem Finger winkte . Caspars Herz klopfte laut . Irgend etwas zwang ihn , der stummen Aufforderung des Unbekannten zu folgen . Der Mann fuhr fort , mit dem Finger zu winken , und wie hingezogen trat Caspar ein paar Schritte auf ihn zu . Da ging der Mann tiefer in das Gehölz , hörte aber nicht auf zu winken . Caspar konnte sein Gesicht nicht sehen , das unter dem weit in die Stirn gedrückten Hut versteckt war . Er folgte dem Menschen , obwohl alle Fibern seines Leibes widerstrebten , mit Grauen fühlte er sich Schritt um Schritt gezogen , seine Augen waren aufgerissen , Staunen und Schrecken lagen in seinem Gesicht , und die Hände hielt er . mit gespreizten Fingern von sich gestreckt . Schon war er dem Unbekannten so nahe , daß er dessen gelbe Zähne zwischen den Lippen schimmern sah , und wer weiß , was geschehen wäre , wenn sich nicht in diesem Augenblick auf der andern Seite des Gebüsches ein Trupp betrunkener junger Leute hätte hören lassen ; der fremde Mann stieß einen gurrenden Laut aus , bückte sich rasch und war unter dem Schutz des Laubwerks im Nu verschwunden . Auch Caspar kehrte um und rannte gegen die Kirche ; er lief geradeswegs mitten in die Schar der Lärmmacher hinein , die ihn aufzuhalten suchten , und so vermischte sich ein Schrecken mit dem andern . Nur mit Mühe riß er sich los , einige folgten ihm schreiend , er verdoppelte seine Eile , der Hut fiel ihm vom Kopf , er ließ ihn liegen , rannte , so schnell er konnte , durch die Judengasse und weiter und ging erst wieder langsamer , als er sich auf der Brücke zur Insel Schütt befand . Daumer war schon unruhig geworden und wartete vor dem Haustor . Betroffen hörte er Caspars hastigen und unklaren Bericht an , und nach einiger Überlegung meinte er , er glaube nicht recht an das Abenteuer ; » da hat dir wohl deine allweil erregte Phantasie einen törichten Streich gespielt « , sagte er ungewöhnlich streng . » Nein , es ist wirklich wahr « , beteuerte Caspar . Dann klagte er , daß er den Hut verloren habe , und schließlich zeigte er , auf einmal ganz heiter geworden , das Heft , das ihm der Präsident geschenkt und das er während der ganzen Zeit krampfhaft in der Hand festgehalten hatte . Zerstreut besah es Daumer . » Hat dir Anna nicht gesagt , daß wir zur Magistratsrätin gehen ? « fragte er mißgelaunt . » Es ist höchste Zeit ; mach flink und zieh dir den Sonntagsrock an . « Caspar schaute ihn mit schrägem Blick von unten an und ging zögernd ins Haus . Daumer , der schon im Gesellschaftskleid war , wandelte zweimal bis zum Pegnitzufer und wieder zurück ; eine halbe Stunde verfloß , und Caspars langes Ausbleiben machte ihn endlich ungeduldig . Er eilte die Stiege hinan und betrat Caspars Zimmer , wo eine Kerze brannte . Zu seinem Ärger nahm er wahr , daß Caspar angekleidet auf dem Bette lag und schlief Er rüttelte ihn an der Schulter , ließ aber plötzlich ab , durchmaß ein paarmal das Zimmer , ohne seines Mißmuts Herr zu werden , dann stieß er zornig hervor : » Ach was , soll die Neugier der guten Leute um ihren Schmaus betrogen werden ! « Durch den finstern Flur schritt er ins Gemach der Schwester , die vor dem Klavier saß und spielte . Er legte ihr den Fall vor und Anna gab ihm ohne weiteres recht , daß er Caspar zu Hause lasse . » Dann muß jemand zur Rätin und unser Ausbleiben entschuldigen « , sagte Daumer in einem Ton , als ob das Versäumnis sonst schlecht ausgelegt werden könne und er Unannehmlichkeiten zu befürchten habe . Anna erwiderte , die Magd sei nicht da , und nach einigem Besinnen erklärte sie sich bereit , den Gang selbst zu tun . Als sie fort war , setzte sich Daumer zu den Büchern , rückte die Lampe zurecht und las . Doch er hatte ein schlechtes Gewissen und fuhr bei jedem Laut zusammen . Nach einer geraumen Weile hörte er Schritte ; Anna trat hinter seinen Stuhl und sagte hastig , die Magistratsrätin sei mitgekommen , um Caspar zu holen . Daumer sprang auf ; » das heiße ich den Spaß zu weit getrieben « , murmelte er entrüstet . Anna legte ihm die Hand auf den Mund , denn schon stand die Rätin in der Türe ; reich geschmückt , im Seidenmantel , ein kostbares Spitzentuch um den Kopf . Sie war eine nicht mehr ganz junge , aber sehr stattliche Frau ungewöhnlich groß gewachsen , mit ungewöhnlich kleinem Kopf . In ihrem Betragen vermischte sich das Modisch-Französische und das Nürnbergerisch-Provinzliche auf eine nicht immer ganz einwandfreie Weise , und wo jenes zur Geltung kommen sollte , guckte dieses wie der Zipfel eines schlechtverborgenen Armeleutgewands unter einer brokatenen Tunika hervor . Sie rauschte auf Daumer zu , majestätisch wie eine schaumige Woge , und der gute Mann , niedergeschmettert von so viel Glanz , vergaß seinen Groll und führte die dargereichte Hand der Dame an seine Lippen . » Muß ich selbst Sie an Ihr Versprechen erinnern ? « rief sie mit einer sonoren , kräftigen Stimme . » Was solls bedeuten , Professor ? Was ist vorgefallen ? Weshalb die Absage ? Sie sehen , ich verlasse meine Gäste , um ein Wort einzulösen , das Ihnen zu brechen so leicht wird . Keine Ausflucht , lieber Daumer , Caspar muß mit , wo ist er ? « » Er schläft « , erwiderte Daumer zaghaft . » Nom de Dieu ! Er schläft ! Daß dich das Mäusle beißt ! So wird man ihn halt wecken . Marsch , marsch , voran ! « Daumer hatte nicht den Mut , zu widersprechen , dies zupackende Gebaren beraubte ihn der gegenständlichen Gründe . Er nahm die Lampe und schritt voraus . Anna , die zurückblieb , räusperte sich empört , dies beirrte aber Frau Behold keineswegs , als Antwort zuckte sie nur verächtlich die Achseln . Daumer stand so versonnen an Caspars Lager , daß er die Lampe wegzustellen vergaß . In der Tat mochte es schwerlich etwas Schöneres zu sehen geben als den Engelsfrieden und die rosenhafte Heiterkeit , die auf dem Gesicht des Schläfers leuchteten . Frau Behold schlug unwillkürlich die Hände zusammen , und darin lag Wahrheit und Gefühl . » Bestehen Sie noch darauf , ihn zu wecken ? « fragte Daumer richterlich . » Der Schlaf ist heilig . Die seligen Geister werden fliehen , sobald unsre Hand ihn berührt . « Frau Behold klappte die Lider auf und zu , als wolle sie das bißchen Rührung davonjagen , wie man Fliegen mit einem Wedel vertreibt . » Schön gesagt « , spottete sie , und ihre Stimme surrte wie das Rädchen einer Spindel . » Aber ich bestehe auf meinem Schein . Ich will dem Buben was dafür schenken , und was die seligen Geister betrifft , die kommen wieder , zum Schlafen gibts Nächte genug . « Während Daumer den Schlafenden bei den Schultern emporhob und durch zärtliches Zureden mehr sich selbst als Caspar zu beschwichtigen schien , zeigte sich in dem kleinen Gesicht der Frau Behold eine wunderliche Erregung . Sie blinzelte mit den Augen , ihre Unterlippe wurde schlaff und entblößte eine schmale , feste Zahnreihe wie bei einem Nagetier . » Pauvre diable « , murmelte sie , » armes Herzle « , und erfaßte Caspars Hand . Davon erwachte Caspar völlig , befreite die Hand mit einem Ruck und schüttelte sich . Sein trunken-müder Blick fragte , was man mit ihm vorhabe , Daumer erklärte es , schenkte Wasser in ein Glas und gab es ihm zu trinken , nahm den Sonntagsrock , der schon bereitlag , und hielt ihn zum Anziehen hin . Caspar heftete den verdunkelten Blick auf Frau Behold und sagte trotzig : » Ich will nicht zu der Frau . « » Wie , Caspar ? « rief Daumer erstaunt und verletzt . Zum erstenmal vernahm er dies » ich will nicht « , zum erstenmal stand Caspars Wille gegen ihn auf Caspar war selber erschrocken , sein Blick war schon wieder gefügig , als Daumer mit ernsthaftem Ton fortfuhr : » Ich aber will es . Ich will auch , daß du die Dame um Verzeihung bittest . Es geht nicht an , daß du eine Laune über dich Herr werden läßt . Wenn wir uns der Rücksichten gegen die Menschen entbinden würden , stünden wir alle so hilflos da wie du am ersten Tag . « Mit niedergeschlagenen Augen tat Caspar , was ihm befohlen worden . Frau Behold nahm den ganzen Auftritt nicht schwer . Sie tätschelte Caspars Wange und fand den Professor Daumer ziemlich komisch . Eine halbe Stunde später waren sie in den festlich erleuchteten Zimmern der Rätin . Caspar , von Menschen umdrängt , mußte die gewöhnliche Flut der Fragen über sich ergehen lassen . Frau Behold wich nicht von seiner Seite , sie lachte , beinahe zu allem , was er sagte , und er wurde allmählich verwirrt und unruhig , empfand Angst vor den Worten ; es schien ihm gefährlich , zu sprechen , es war , als ob alle Worte zwiefach vorhanden wären , einmal offenbar , das andre Mal verhüllt , und so wie die Worte hatten auch die Menschen etwas Zwiefaches , und unwillkürlich suchten seine Blicke in ein und derselben Person die zweite , die lauernd hinterherging und verführerisch mit dem Finger winkte . Es war ihm unverständlich , was sie von ihm wollten , ihre Kleidung , ihre Gebärden , ihr Nicken , ihr Lächeln , ihr Beisammensein , alles war ihm unverständlich , und auch er selbst , er selbst fing an , sich unverständlich zu werden . Indessen verlebte Daumer eine böse Stunde . Frau Behold , die stolz darauf war , ihr Haus zum Sammelort vornehmer Fremden zu machen , hatte heute einen Herrn zu Gast , der , wie man sich erzählte , unter falschem Namen reiste , da er in wichtiger diplomatischer Mission nach einer Residenz im Osten des Landes unterwegs sei . Man raunte sich auch zu , daß der hohe Fremde großes Interesse an dem Findling Hauser nehme und daß er vielen einflußreichen Personen gegenüber sich abfällig und tadelnd über die unsinnigen Gerüchte geäußert habe , die Caspars Herkunft zum Gegenstand hatten . Und man muß gestehen , daß die einflußreichen Personen sich dem Gewicht einer solchen Meinung nicht verschlossen , aber das Treiben des vornehmen Herrn gab auch Anlaß zu mancherlei Verdacht , und der Redakteur Pfisterle , Querulant wie immer , behauptete sogar , der diplomatische Herr sei nach seiner Ansicht nichts andres als ein verkappter Spion . Wie dem auch war , von all diesen Neuigkeiten hatte Daumer in seiner Weltverlorenheit nichts erfahren . Der Fremde gesellte sich nach kurzer Weile zu ihm , und sie kamen ins Gespräch , wobei es jener leicht anzustellen wußte , daß sie sich von den übrigen Gästen absonderten . Daumer , eingeschüchtert durch die Manieren , die delikate Zwanglosigkeit des hohen Herrn , dessen Rockbrust voller Orden hing , wußte zuerst kaum etwas zu sagen , antwortete bloß wie ein Schüler mit nein und ja . Allmählich gab er sich freier und erzählte seinem Zuhörer vieles von Caspar , kam auf dessen furchtsames Wesen zu sprechen und schilderte wie zur Erläuterung das Benehmen des Jünglings , als er heute abend , vor einem eingebildeten , ohne Zweifel eingebildeten , Verfolger flüchtend nach Hause gekommen war . Der Fremde hörte aufmerksam zu . » Vielleicht hat er sich aber gar nicht getäuscht , « entgegnete er vorsichtigen Tons , » es mag sich da mancherlei in der Verborgenheit abspielen . Meines Wissens haben ja auch Sie , lieber Professor , vor längerer Zeit eine Art von Warnung erhalten . Sie dürfen sich daher nicht wundern , wenn aus gewissen Drohungen Ernst wird . « Daumer stutzte , doch der Fremde fuhr mit liebenswürdiger Offenheit , scheinbar harmlos plaudernd , fort : » Sie sollten sich an den Gedanken gewöhnen , daß da Mächte im Spiel sind , die vor nichts zurückschrecken , um ihre Maßregeln mit Nachdruck durchzuführen . Das unruhige Gemunkel wird vielleicht als störend empfunden , vielleicht hat man etwas auf dem Kerbholz und möchte die Öffentlichkeit vermeiden . Vorläufig mag es der Gewalt , die da im Hintergrund ist , darum zu tun sein , die Dinge möglichst in Verborgenheit abzumachen , aber sie könnte wohl auch offenes Spiel treiben , sie könnte der Polizei und den Gerichten mit Gemütsruhe die Hände binden . Einstweilen begnügt man sich aber , die Fäden hinter den Kulissen zu ziehen . « Von neuem stutzte Daumer ; die Worte seines Gegenüber schienen einen genauen Bezug zu haben ; doch der Fremde ließ ihm keine Zeit zu überlegen , er fuhr mit heller Stimme , fast vertraulichen Tones fort : » Ich glaube vor allem , daß man die Verbreitung all des hirnlosen Geschwätzes durch das bequeme und naheliegende Mittel der Druckschrift fürchtet und ahnden wird . Man demaskiert sich dort oben ungern , noch weniger will man von andern demaskiert werden , man liebt es nicht auf den Markt zu treten , noch seine privaten Angelegenheiten da ausgeboten zu sehen ; das ist begreiflich . Der Staatsbürger hat Freiheiten genug ; in seinem Bereich mag er sich tummeln , nach oben soll er sich gebunden finden . « Was war das ? Daumer meinte zu verstehen , worauf es hinauswollte ; er beschloß , dem dunkeln Befehl zu gehorchen ; war doch dem Zwang schon seine eigne Freiwilligkeit zuvorgekommen . » Ich möchte mir eine Frage erlauben , verehrter Professor , « begann der Fremde wieder ; » sind Sie wirklich überzeugt , daß der hergelaufene Knabe , an dem ich auf meine Art , ich will es nicht leugnen , ein gewisses äußeres Interesse nehme , die ununterbrochene Aufmerksamkeit ernsthafter Männer verdient und rechtfertigt ? Lohnt es sich denn , die ganze Welt mit seiner zweifelhaften Sache zu beschäftigen ? Was bleibt für die großen Angelegenheiten der Nation , der Wissenschaft , der Kunst , der Religion , des Lebens überhaupt , wenn ein Mann wie Sie die besten Geisteskräfte an ein empfindsames Naturspiel verschwendet ? Man rühmt die außergewöhnlichen Gaben des Findlings . Ich bemühe mich umsonst , solche Gaben zu entdecken ; ich bin kühn genug , zu behaupten , daß ich damit nur an Ihre eigne Ungewißheit rühre . Lassen wir noch ein wenig Zeit vergehen , und wir werden über diesen Punkt eine betrübende Sicherheit gewinnen . Innerhalb der menschlichen Gesellschaft gibt es Hunderttausende von Wesen , die , mit ebenso großen oder noch größeren Eigenschaften geboren , dennoch einem ungleich elenderen Los verfallen sind . Die wahrhafte Tugend müßte sich auch für sie entflammen , denn in der Idee darf dem Erbarmen mit der menschlichen Not keine Grenze gesetzt sein . Aber wo endete der Mann der sein Herz nach allen Seiten hin zerrisse und in Fetzen austeilte ? Er stünde leer da an dem Tage , wo ein würdiger Gegenstand ein würdiges Opfer von ihm forderte . Denken Sie sich von Caspars Lebensalter ein Dutzend Jahre hinweg , und das vermeintliche Wunder ist enthüllt bis auf den Grund und hat Ihnen nichts mehr zu geben als die beschämende Selbstverständlichkeit einer natürlichen Tatsache . Bestenfalls bleibt ein Kuriosum , mit welchem man ein Tischgespräch würzen kann . Ein Kuriosum und das bißchen Geheimnis , das allen unreifen Köpfen so aufregend dünkt . « Widerspruch und Abwehr malten sich in Daumers Zügen ; sein umherschweifender Blick suchte nach Caspar , aber alles , was er zu sagen wußte , war : » Nicht durch Worte kann die Seele für sich zeugen . « Der Fremde lächelte bitter . » Die Seele ! die Seele ! « erwiderte er spöttisch . » Sie kann nicht durch Worte zeugen , denn sie ist nur ein Wort wie jedes andre . Das Auge schaut , der Finger spürt , jedes Härchen lebt auf eigne Weise , das Blut durchspritzt die Adern , jeder Sinn macht den Raum lebendig , den Tod fühlbar , was ziert ihr euch da und wollt ein Besonderes haben und sprecht von Seele , als sei die Seele wie ein Schmuckstück , das eine eitle Frau im Kästchen verschließt und gelegentlich an ihren Busen steckt , um beim Ball damit zu glänzen ! Jeder ist im allgemeinen ausgeteilt , und sein Zuschuß von Kräften ist kein Privileg , sondern nur eine Hoffnung . Oder dürfte der Adler die Seele für sich in Beschlag nehmen , weil er besser zu fliegen vermag als die Gans ? Die Seele ! Ihr Herren beleidigt den Schöpfer damit , ob ihr sie leugnet oder ob ihr Bücher schreibt , um sie zu beweisen . « Es entstand ein Schweigen . Er spricht wie ein Satan , dachte Daumer , und als er sich anschickte zu antworten , kam ihm der Fremde mit höflicher Eindringlichkeit zuvor . » Ich weiß , Sie lieben Caspar , « sagte er mit veränderter Stimme , ernst und herzlich , » Sie lieben ihn brüderlich , und nicht Mitleid nährt diesen Trieb , sondern die schöne Begierde , die stets den Gott in der Brust des andern sucht und nur im Ebenbild sich selbst erkennen will . Aber Sie möchten eine Ausrede haben für Ihre Liebe , das ist es . Muß ich Ihnen sagen , daß es keine tieferen Wunden gibt als die Enttäuschungen aus solchem Zwiespalt ? Ich rate Ihnen , fliehen Sie den Anblick und die Gesellschaft dessen , der Ihnen nichts mehr zu bieten hat als Enttäuschung . « » Also sind wir denn zu schwach , dem Erlebnis gegenüber so zu bleiben , wie wir zu sein glaubten , indem wir es ersehnten ! « rief Daumer verzweifelt . Der Fremde verzog sein faltigaltes Gesicht zu einer Grimasse des Bedauerns . Eine leichte Gebärde verriet , daß das Gespräch für ihn erschöpft sei , und sie mischten sich wieder unter die übrigen Gäste . Daumer , völlig aus der Fassung gebracht , wünschte nichts weiter , als den lärmenden Kreis zu verlassen . Er suchte Caspar und bemerkte ihn , blaß und schweigsam , mitten unter schillernden Roben und grauen und braunen Fräcken ; Frau Behold saß auf einem niedrigen Schemel fast zu seinen Füßen , und ihr Gesicht sah hart und düster aus . Der Abschied war umständlich . Als sie auf den vereinsamten Gassen schweigend ein Stück Wegs zurückgelegt hatten , schlang Daumer den Arm um Caspars Schulter und sagte : » Ach , Caspar , Caspar ! « Es klang wie eine Beschwörung . Caspar , den es nach Belehrung dürstete und dessen Herz zum Überfließen voll von Fragen war , seufzte auf und lächelte seinem Lehrer in wiedererwachtem Vertrauen zu . Sei es nun , daß Blick und Lächeln Daumer an einer Stelle seines Innern trafen , wo er sich unsicher und schuldig fühlte , sei es , daß die Nacht , die Einsamkeit , die quälenden Zweifel , das wunderliche Gespräch , das er eben geführt , seinen Geist zu übertriebener Inbrunst entzündeten , er blieb stehen , umarmte Caspar noch fester und rief mit emporgewandten Augen : » Mensch , o Mensch ! « Das Wort ging Caspar durch Mark und Bein . Ihm war , als eröffne sich ihm auf einmal , was dies zu bedeuten habe : Mensch ! Er sah ein Geschöpf , tief unten verstrickt und angekettet , von tief unten hinaufschauend , fremd sich selbst , fremd dem andern , dem es das Wort Mensch zuschrie und der ihm nichts antworten konnte als eben diesen inhaltsvollen Ruf : Mensch . Sein Ohr hielt den Klang fest , der durch die Ergriffenheit Daumers etwas Weihevolles für ihn bekommen hatte . Am andern Morgen nahm er sein Tagebuch zur Hand , und die erste Eintragung , die er darin machte , waren die drei Worte : Mensch , o Mensch , für jeden andern natürlich eine sinnlose Hieroglyphe , für ihn aber ein deutungsvoller Hinweis , ein entschleiertes Geheimnis beinahe , ein Wahl- und Zauberspruch zur Abwendung von Gefahren . Es entsprach seinem kindischen Wesen , daß er von derselben Stunde ab das Tagebuch als eine Art von Heiligtum betrachtete , welches nur in Zeiten der Andacht und Sammlung zugänglich war , und in einer jener sehnsüchtigen und angstvoll traurigen Stimmungen , die ihn häufig befielen , faßte er den sonderbaren und folgenschweren Entschluß , daß kein andrer Mensch außer seiner Mutter jemals Einblick in dieses Heft erlangen , jemals lesen sollte , was er darin aufschreiben würde . Solche Vorsätze starrsinnig zu halten , dazu war er durchaus imstande . Als wenige Tage nachher die Prinzessinnen von Kurland in Daumers Haus kamen , die mit Feuerbach befreundet waren und große Teilnahme für Caspar hegten , kam zufälligerweise die Rede auf das Geschenk , das der Präsident seinem Schützling gemacht , und da Daumer erzählte , es befände sich in dem Büchlein ein sehr gutes Stahlstichporträt des Präsidenten , wünschten die Damen das Heft gern zu sehen . Zu aller Erstaunen weigerte sich Caspar , es zu zeigen . Daumer warf ihm erschrocken seine Unhöflichkeit vor , aber er blieb hartnäckig . Die Damen bestanden nicht weiter darauf , ja sie lenkten sogar die Unterhaltung taktvoll in eine andre Richtung , aber als sie fortgegangen waren , nahm Daumer den Jüngling ins Gebet und fragte ihn nach dem Grund seiner Weigerung . Caspar schwieg . » Und würdest du auch mir , wenn ich es verlangte , das Heftchen vorenthalten ? « fragte Daumer . Caspar sah ihn groß an und antwortete treuherzig : » Sie werden es gewiß nicht verlangen , bitte schön ! « Daumer war sehr betroffen und entfernte sich still . Gegen Abend kam Herr von Tucher , bat Daumer um eine Unterredung unter vier Augen , und als sie allein waren , sagte er ohne weitere Einleitung : » Ich muß Sie leider davon in Kenntnis setzen , daß ich unsern Caspar zweimal beim Lügen ertappt habe . « Daumer schlug stumm die Hände zusammen . Das fehlte nur noch , dachte er . Beim Lügen ! Zweimal beim Lügen ertappt ! Ei du gütiger Himmel , wie war das zugegangen ? Die Sache verhielt sich so : Am Sonntag sei er mit dem Bürgermeister in Caspars Zimmer getreten , erzählte Herr von Tucher , und habe den Jüngling ersucht , ihn in seine Wohnung zu begleiten . Da habe Caspar , der bei den Büchern gesessen , erwidert , er dürfe nicht , Daumer habe ihm verboten , das Haus zu verlassen . Dem Bürgermeister sei das gleich bedenklich erschienen , besonders da ihn Caspar kaum anzusehen gewagt ; er habe sich unauffällig bei Daumer erkundigt , wie dieser sich wohl erinnern werde , und seinen Verdacht bestätigt gefunden . Am andern Tag seien beide , Herr Binder und Herr von Tucher , während Daumer vom Hause fortgewesen , zu Caspar gekommen und hätten ihm seine Unwahrheit vorgehalten . Unter Erglühen und Erblassen habe er sein Vergehen zugestanden , habe aber , wie ein gescheuchter Hase in die Enge getrieben und den ersten besten Ausweg ergreifend , albernerweise eine Geschichte erfunden von einer Dame , die bei ihm gewesen und die ihm ein Geschenk versprochen , weshalb er auf sie gewartet habe . » Auf unser mehr bestürztes als strenges Zureden bekannte er sich auch dieser Unwahrheit schuldig « , fuhr Herr von Tucher mit unerschütterlichem Ernst fort . » Er gab zu , daß er nur in Ruhe habe studieren wollen und daß ihm kein