Seite eines zweispännigen Wagens wieder , des nämlichen Wagens , den sie gestern in Schönthal gesehen hatten , aber ein Diener saß neben dem Kutscher und eine schöne Dame im Wagen : die Reiterin aus dem Bilde , das Gerold beim Narrenstudenten gesehen hatte . » Mama ! « jubelte Gesima . Der Diener hob erst Gesima herunter , dann die beiden Buben . » Kommt « , mahnte die Dame freundlich , nachdem Gesima neben ihr Platz genommen , » sonst werden wir alle miteinander naß , es donnert schon . « Und Gesima winkte einladend . Da stiegen sie munter ein , der Wagenschlag tat sich zu , und fort ging es im Saus , sanft talabwärts zwischen Landhäusern , Gärten und Kapellen , einer großmächtigen Stadt mit glitzernden Türmen und Zinnen entgegen . Schon waren sie unten in der Talmulde angelangt und erblickten das Stadttor , da - sehe ich recht ? ist es ein Traum ? - kam seitwärts vom Felde her eine Schwadron Dragoner geritten ! nein , wahrhaftig , leibhafte Dragoner ! eine ganze Schwadron ! farbenleuchtend , helmfunkelnd ! und siehe dort auf einem Parallelwege eine zweite ! und hinter ihnen im fahlen Gewittersonnenschein noch andere Reiterhaufen , ein unermeßlicher paradiesischer Reichtum ! Auf ein Fingerzeichen der Dame hielt der Wagen still , am Rande der Straße , und die ganze märchenhafte Kavalleriemasse ( - » ein Regiment ! « erläuterte Gerold ) begann , auf die Landstraße schwenkend , an ihnen vorüberzurauschen . Die Rosse rieben sich aneinander , daß die Säbelscheiden klirrten , die helmgeschmückten Dragonerköpfe , je nach dem Tanz der Hufe , juckten auf und nieder , und hie und da versuchte - o Wonne ! - ein widerspenstiges Pferd sich zu bäumen und auszuschlagen . » Ein Oberst ! « jauchzte Gerold . - Doch was ist das ? wie darf sie das wagen ? Gesima winkte , weiß Gott , die Unverschämte , dem Oberst mit dem Taschentuch ! Der Oberst aber , statt sich darüber zu erzürnen , machte ein freundliches Gesicht und kam in kurzem Galopp gegen den Wagen gesprengt . » Papa ! Papa ! « rief Gesima . » Mein Mann « , erklärte die Dame . Da schauten die Kadetten einander mit großen Augen an - » Gesima hat einen Oberst zum Vater ! « - und betrachteten das Mädchen mit scheuen Blicken , wie ein überirdisches Wesen . » Seid ihr alle drei wohl und gesund ? « fragte der Oberst in herzlichem Tone . Dann ritt er vorüber . Gleich darauf erscholl ein fröhlicher Trompetermarsch , und mit klingendem Spiel fuhr der Wagen in stolzem Zuge , Dragoner vorn , Dragoner hinten , durchs Stadttor . In einer stillen Seitenstraße , vor einem ernsten grauen Palaste wurde angehalten , Gesima mit ihrer Mama verschwanden in der Tür , die Kadetten wurden von zwei schwarzbefrackten Dienern eine breite teppichbelegte Treppe hinaufgeleitet , an einem majestätischen indigoblauen Vorhang vorüber , hinter welchem man erwartete , Wallenstein hervortreten zu sehen , in ein feierliches Gastzimmer . Dort wurden sie weiblichen Dienstboten überantwortet . Ein Bad nach dem langen Marsch auf der heißen , staubigen Landstraße würde ihnen gewiß wohltun , meinte die eine von ihnen , die Frau Landammann wäre der nämlichen Ansicht . Also wurden sie in eine marmorne Badestube geführt und , nachdem ihnen die Brause , der warme und der kalte Kran erklärt , die Seife und jedem sein Handtuch gezeigt worden war , allein gelassen . » Eine fatale Geschichte « , meinte Gerold , wie sie im dampfenden Wasserbecken lagen , » denn nicht zu leugnen , wir sind mit Gesima ein bißchen grob umgesprungen . « » Nicht unsere Schuld « , trotzte Hansli , » warum hat man uns verschwiegen , daß sie eines Obersten Kind ist ? « » Ja , was ist er nun überhaupt eigentlich , ihr Papa , Oberst oder Landammann ? « fragte Gerold . » Eine dumme Frage « , antwortete Hansli , » er kann ja Landammann und Oberst zugleich sein . - Wenn es nur mit einer Strafpredigt abgeht , und ihr Papa uns nicht bei der Lehrerversammlung verklagt ! « Doch Gerold glaubte weder an eine Lehrerversammlung noch an eine Strafpredigt . » Nach meiner Meinung gibt es Großmut mit Verzeihung , das Schlimmste von allem , denn dann müssen wir uns fürchterlich schämen . « Als sie wieder im Gastzimmer erschienen , wurden sie von der Frau Landammann mit herzlicher Miene empfangen . » Ich danke euch « , sagte sie , indem sie jedem die Hand reichte , » für den liebenswürdigen Schutz , den ihr gutartigerweise einem wildfremden Mädchen habt angedeihen lassen . « Traurig blickte Gerold zu Boden und schüttelte den Kopf . » O nein , Frau Landammann , Gesima hat gelogen ; wir sind nicht gutartig und liebenswürdig gewesen , grob und bös sind wir gewesen . « Da streichelte sie ihm freundlich die Wangen . » Wir sind sämtlich keine fehlerlosen Engel , Gesima auch nicht . - Beiläufig eine nebensächliche Frage , sie enthält keinen Vorwurf und entspringt nicht dem Mißtrauen : Wo bist du die zwei Stunden lang allein gewesen , Gerold , während Hansli und Gesima im Althäusli zu Mittag aßen ? « » Im Wald mit dem Narrenstudenten . « » Das ist nicht gerade die empfehlenswerteste Gesellschaft , was du freilich nicht wissen konntest . Nun , wir wollen froh sein , daß alles so gut abgelaufen ist und daß ihr alle drei gesund und wohlbehalten da seid ; es war eine etwas abenteuerliche Reise . Ich glaube , ihr werdet mit Gesima noch große Freunde werden . Und mit dem Kadettenball , Gerold , bleibt es , wie du mit Gesima abgemacht hast , ich genehmige euer Versprechen von Herzen . Jetzt aber kommt essen , Gesima kommt später , sie kleidet sich um . « Obschon es noch nicht einmal völlig Abend war , wurde es auf einmal so dunkel , daß man eigentlich Licht hätte anzünden müssen ; man sah kaum , was man aß . Plötzlich krachte ein steinharter Donnerschlag , der sie alle miteinander von den Sesseln aufjagte , und damit ging ein prachtmäßiges Gewitter los , mit ununterbrochenen Donnersalven aus allen Himmelsgegenden , begleitet von einem sündflutlichen Platzregen , der aus unerschöpflichen Wasserpaketchen die Dächer dampfend überschüttete . Mitunter fegte ein Blitz , statt schräg von oben , waagrecht durch die Gasse , ähnlich dem Fintenstreiche eines weißglühenden Riesendegens ; dann überpurzelten sich aus den aufgeschlitzten Wolkenbäuchen die Regenströme mit verdoppelter Wucht , obgleich man schon vorher geglaubt hatte , jetzt heiße es tutti fortissimo . Ob dieser kräftigen Tafelmusik wurde den Kadetten , welche anfänglich ein wenig schüchtern getan hatten , so heimelig zumute , daß sie auftauten , herzhaft zulangten und dem Pudding tüchtig die Meinung sagten . » Warum sollten wir nicht die gesunde Luft hereinlassen ? « rief der Oberst , als der Donner fernwärts abgrollte und der Platzregen gleichmäßiger und senkrechter niederfiel . Da stellten sich die Buben ans offene Fenster , streckten die Köpfe hinaus , daß ihnen die Tropfen auf die Nase spritzten , und sangen aus Leibeskräften : » Guter Mond , du gehst so stille « . Sie möchten doch lieber das Lied vom guten Kameraden singen , lachte der Oberst , da sie doch auf der Reise so treu zusammengehalten hätten . Das taten sie . Dann kam die Frau Landammann und fragte , ob sie vielleicht das Lied Heimat , Heimat über alles wüßten , das höre sie so gerne . Hansli zuckte verächtlich die Achseln : » Das haben wir schon in der zweiten Klasse gehabt . « Hierauf sangen sie ihr das Lied . » Bitte noch einmal , falls ihr nicht etwa zu müde seid . « Und als sie es wiederholt hatten , mochte sies zum drittenmal hören . Dabei hielt sie aber das Taschentuch vor die Augen und seufzte , so daß Gerold sich wunderte , warum jemand ein Lied , das ihn doch traurig mache , öfter hören wollte . » Was ist das eigentlich , Heimat ? « fragte er . Der Oberst antwortete : » Wenn man einmal weit , weit weg ist . « Diese Antwort verblüffte ihn , er hatte gedacht , eher das Gegenteil . Unterdessen hatte sich der Regen erschöpft , und an mehreren Stellen guckte das frischpolierte Himmelsblau zwischen dem schmutzigen Gewölk hernieder . » Das bedeutet Glück « , sagte der Oberst , » und wenn ihr Geduld haben könnt - könnt ihr Geduld haben ? « » Ja « - » so gibt es eine Überraschung . « Dann rückte er zwei Stühle vor den Kamin , Front gegen den Feuerherd . » Setzt euch . Guckt nur fest in den Kamin - aber daß ihr euch ja nicht umdreht ! ! - bis ich klingle . « Hiermit verzog er sich mit seiner Frau ins Nebenzimmer , die Tür anlehnend . Die Buben aber guckten aus Leibeskräften in den Kamin . » Was meinst du ? « flüsterte Hansli , » was gibt es wohl für eine Überraschung ? am Ende eine böse ? « » Warum nicht gar , es gibt überhaupt keine bösen Überraschungen . « » Sie schreiben beide etwas im Nebenzimmer , der Oberst und seine Frau , ich habe es durch die Türspalte gesehen . Ich habe doch Angst . « Da wurde die Tür geschlossen . Nun starrten sie gewissenhafter in den Herd und enthielten sich überflüssiger Gedanken . Während dessen kam ein Sonnenstrahl zu ihnen zu Gast , der Stahlreif des Kohlenfängers begann zu glänzen , der goldene Spiegelrahmen zu leuchten , der Gabelschweif des ausgestopften Auerhahns erhielt einen blaugrünen Pfauenschweif gemalt , und die Kristallflasche daneben sprühte Kronen und Diamanten . Unvermutet schellte die erlösende Klingel . Und wie sie aufsprangen , stand der Oberst mit seiner Frau hinter ihnen . » Hier habe ich einen Brief geschrieben « , sagte er , » lest die Aufschrift . « Sie lasen : An Herrn Hauptmann Guggenbühler in Aarmünsterburg . » Und ich auch einen « , ergänzte die Frau Oberst . Sie lasen : An Frau Hauptmann Guggenbühler in Aarmünsterburg . » Und dieses kleine Briefchen hat Gesima gekritzelt . « Sie lasen : An Herrn und Frau Hauptmann Guggenbühler in Aarmünsterburg . - » Was darinsteht « , lächelte der Oberst geheimnisvoll , » wird euch die Regimentstochter verraten . « Und mit dem Finger winkend , führte er sie , auf den Zehen schreitend , ins Gastzimmer , dessen Balkontür flügelweit offenstand . » Kadettenbataillon Aarmünsterburg , vorwärts marsch ! « rief er mit schallender Kommandostimme und schob sie auf den Altan . Wer stand auf dem Altan ? Gesima ! Als Regimentstochter verkleidet , auf der Stirn ein impertinentes Mützchen mit einer Hahnenfeder , um den Hals , zum Zeichen ihrer militärischen Heldeneigenschaft , ein Miniaturfäßchen aus Schokolade an goldenen Zuckerbäckerfäden . Auf einer Art Estrade stand sie , gerade unter dem Regenbogen , als wollte sie ihn als Springseil benützen ; und in der rechten Hand hielt sie einen ziselierten Degen , den sie so weit als möglich von sich wegstreckte , wie wenn sie befürchtete , er könnte losgehen . Kaum betraten die Brüder den Altan , so gab sie sich durch Stirnrunzeln ein tyrannisches Ansehen und kommandierte , während sie mit dem Degen eigensinnig auf das Geländer klopfte , in die Straße hinunter : » Adjutant Oskar Wildstrubel ! Sapperment , wo bleibt denn der Faulpelz von Adjutant ? « Da klirrten Sporen , der Adjutant von heute nachmittag schnellte vor den Balkon , salutierte mit dem Säbel und fragte : » Zu Befehl ! was beliebt Ihrer Exzellenz der Regimentstochter ? « Gesima sägte mit ihrem Degen bedrohlich über das Geländer und schnauzte mit erboster Majorsstimme : » Alle Bomben und Granaten von Sevilla , aufgepaßt , Oskar ! Wir Anita Maria Septuagesima , die Regimentstochter , im Namen unseres Vaters , des Landammann Oberst Weißenstein in Bischofshardt , wollen hiemit und befehlen , daß der Kanonier Gerold Guggenbühler von Aarmünsterburg , desgleichen der Infanterist Hansli Guggenbühler mit nichten übermorgen in der Schule zum Appell einrücken , sapperlot , sintemalen dieselben die ganze folgende Woche bis Samstag abend anhiero in Ferien bleiben werden , sappermost , damit wir uns lustig machen , Donnerwetter ! « Und mit dem Worte Donnerwetter pflanzte sie den Degen energisch in einen Geranientopf . » Soll pünktlich geschehen , Euer Exzellenz « , antwortete Oskar , salutierte abermals und verschwand . Gesima aber stieg von der Estrade herab und begab sich , an Hansli vorbei , der freudebesessen auf- und niedertanzte wie ein tollgewordener Gummiball und die hinzugeschenkten Ferientage an den Fingern abzählte , zu Gerold hinüber , hielt in bescheidener Haltung vor ihm still und fragte ihn mit den Augen , ob er jetzt mit ihr zufrieden und gänzlich versöhnt sei . Gerold , mit dem Rücken ans Geländer gelehnt , zog ein finsteres Denkergesicht , musterte das heroische Maidlein vom Kopf bis zu den Füßen , und wieder von den Füßen bis zum Kopf , dann verkündete er mit der lautesten Stimme , die er aufbrachte , freudig und überzeugt : » Es tut mir leid « .