Fuchs oder ein Reh . Nicht gerade ehrgeizig das ! Aber Hinterhalte legen , das liegt uns allen im Blut , und da die Gelegenheit sonst immer seltener wird - - Unsere Urväter waren ja doch alle gewiegte Fallensteller , nicht wahr ? « Er ließ seine Zähne zwischen dem Bart in einem breiten Lachen blitzen . Werner lachte höflich mit . » Ja - ja ! Vielleicht . « Sie trennten sich mit einem Händedruck . Zu Hause fand Werner einen Brief vom Baron Werland vor . Werland machte ihm Vorwürfe wegen seines langen Ausbleibens . » Ein Beichtvater « , hieß es in dem Brief , » hat nicht das Recht , selbst das Beichtkind im Stich zu lassen , das ihm die langweiligsten Geschichten beichtet . Also kommen Sie . « Werner wunderte sich , als hätte er es anders erwartet , Dumala ganz so zu finden , wie er es immer gesehen hatte - die tiefe Dämmerung in dem Zimmer , das diskrete , faltige Gesicht des alten Jakob , das Kammzimmer mit der grünen Lampe . Werland , in die rote Decke gewickelt , saß am Kamin , und die Augen schauten flackernd aus den tiefen Höhlen . » Nun , Seelsorger « , rief er , » Sie entkommen mir nicht ! Setzen Sie sich , setzen Sie sich . Nur keine Entschuldigung . Machen Sie , als ob Sie gestern hier gewesen wären . « Karola saß auf ihrem Stühlchen und rieb das Bein ihres Gatten . Sie nickte Werner zu , als hätte sie ihn wirklich eben erst gesehen , und es begann eine ziemlich träge Unterhaltung , wie unter Leuten , die sich zu häufig sehen und sich wenig Neues mitzuteilen haben . Werland schloß zuweilen die Augen , verfiel in leichten Schlaf , ans dem er dann auffuhr , um etwas zu sagen . » Wie steht es mit der Seelsorge , Pastor ? « » Oh - danke , es geht « , erwiderte Werner . » So ! Ein merkwürdiges Geschäft « , meinte Werland . » Muß schwer sein , die Buchführung , die Bilanz - soundso viel Seelen plus - so viel minus . « Werner lachte . » Ja , das ist schwer bei einem Kapital , das noch zirkuliert . Die große Bank dort oben wird ' s dann schon - - « » Unser altes Thema « , unterbrach ihn Werland . » Aber ich denke nicht mehr darüber nach . Man wird sehen . « Er schloß wieder die Augen . Karola war schweigsam , rieb Werlands Bein und schaute in das Feuer . Werner betrachtete dieses Gesicht . Er suchte darin nach etwas Neuem , etwas Fremdem , etwas , das verriet . Allein die Züge hatten wie immer ihre klare Reinheit , die Augen ihr verträumtes , geheimnisvolles Licht . Nichts war verändert , nichts war von der Karola da , die sich dort in der Waldlichtung in den Sonnenschein emporheben ließ . Das beunruhigte Werner , er wollte etwas finden , was diese Frau ihm fremd und verächtlich machte , und nun schaute er in das Gesicht , das ihn mit törichten , knabenhaft weichen Gefühlen erfüllte . » Die Galgenbrücke hat Rast einreißen lassen « , sagte Werland . » Ja , es war Zeit « , erwiderte Werner zerstreut . » Eine Gelegenheit weniger , sich aus der Welt zu befördern « , meinte Werland , » aber Sie haben wohl keine Selbstmörder unter Ihren Gemeindekindern , was ? « » Nein , Gott sei Dank . « » Die Leute hier « , fuhr Werland fort , » sind wie die kleinen Leute , die selten ins Theater kommen . Wenn sie mal ihren Platz bezahlt haben , dann bleiben sie bis zu Ende , wenn auch ein Stümper das Stück geschrieben hat und sie nur gähnen und sich ärgern müssen . Wir alle machen es wohl so . « » Das ist doch wohlerzogen « , wandte Werner ein . » Sich langweilen können , ist doch gute Erziehung . « » Da haben Sie wieder recht , Pastor « , gab Werland zu . » Das sieht man an unserer guten Gesellschaft . Was wir an Langeweile ertragen können , ist ungeheuer , und nur durch jahrhundertlange Erziehung zur Langeweile möglich . Ist es nicht so , Kind ? « wandte er sich an Karola und strich ihr mit der Hand über den Scheitel . » O ja , das können wir ! « sagte sie , und ihr Gesicht wurde einen Augenblick von dem hübschen , durchtriebenen Lachen erhellt . Pichwit kam zum Tee , war schweigsam und hochmütig wie sonst . Als Karola sich erhob und in das Nebenzimmer ging , um Jakob eine Bestellung zu machen , folgte Werner ihr mit den Blicken , und da - da fand er es , das Fremde , das Neue . Aufrecht und gleichmäßig , mit ganz wenig Bewegungen , pflegte sie sonst zu gehen . Heute wiegte sie leicht den Oberkörper , ließ die Arme lose herabhängen in einer welchen , müden Bewegung , die sorglos , fast leichtsinnig aussah . Das war es ! Das erinnerte an den Körper , der sich auf der Waldlichtung an Rasts Brust schmiegte . Werner wandte den Kopf ab . Es war ihm unerträglich , das zu sehen . Da fiel sein Blick auf Pichwit . Mit den hellbraunen , feuchten Augen war auch er Karola gefolgt . Sein bitterer , zu kleiner Mund drückte die Lippen so fest zusammen , daß sie weiß wurden . Auch ihn schmerzte das . Als Pichwit gute Nacht sagte , streckte Karola ihm die Hand hin . Pichwit nahm sie , ein wenig erstaunt , und küßte sie . » Mein treuer , kleiner Page « , sagte Karola . Pichwit errötete . In seinem Gesicht zuckte es , als wollte er weinen . Er wandte sich schnell ab und ging hinaus . Während Werland schlief , sagte Karola : » Pastor , nicht wahr , Sie kommen öfter , er braucht Sie . « » Gewiß , Frau Baronin « , erwiderte Werner förmlich , » aber solange er Sie hat , wen braucht er da ! « » Doch - er braucht Sie « , wiederholte Karola . » Sie haben so viel starkes Leben , das muß er haben , er verbraucht viel - « » Wer ? « » Der , bei dem das Leben zu - zu versiegen anfängt . « » Ja , « sagte Werner , um etwas darauf zu erwidern , » unser Leben wird uns für die anderen gegeben . « Karola schaute auf , zuckte kaum merklich mit den Achseln . » Eine merkwürdige Welt « , sprach sie vor sich hin , » die , die leben können , sollen das Leben denen geben , die nicht leben können . « Werner antwortete nicht darauf . Diese Worte klangen ihm hart , und er sah unerträglich deutlich Rasts Gesicht vor sich , wie er in einem höflichen Lächeln seine weißen Zähne zeigte . » Für den will sie leben « , dachte er . All das machte ihn elend . Er erhob sich , er wollte fort . Karola begleitete ihn wie sonst auf den Flur hinaus . » Nicht wahr , Sie kommen « , sagte sie , und dann streichelte sie , mit einer seltsam kindlichen Bewegung , seinen Rockärmel . » Sie sind gut . « Werner ärgerte es , daß diese einfache Bewegung ihn so tief rührte . » Oh , die hat es leicht mit uns ! « dachte er ingrimmig . Am Vormittage saß Werner an seinem Schreibtisch , und vor ihm stand Kathe , die Knechtstochter , und weinte bitterlich . Werner hatte seine strenge Pastorenmiene aufgesetzt . Immer das alte Lied ! So lange wird den Jungen nachgelaufen , bis das Unglück da ist , und dann kommen die Tränen und der Jammer . Was , der Simon war der Vater ? Und vom Heiraten spricht er nicht ? Na , mit dem würde man schon sprechen ! Aber die Mädchen hatten wirklich keine Aufführung . Es geschah ihnen schon recht , wenn sie ins Unglück kamen , solch eine liederliche Gesellschaft ! Kathe schluchzte : » Ach , Herr Pastor , das kommt mal so . Man hält sich , solange man kann . Es war beim Grummetmähen . Er mähte und ich harkte . Und der Abend war so warm . « » Ein bißchen Grummetharken und ein warmer Abend « , schalt Werner , » das ist genug , damit ihr den Kopf verliert . « » Ja ! « klagte Kathe . » Sünde ist ' s. Aber wer denkt denn gleich an so ' n Unglück . Es kommt einem auf , man weiß nicht wie . « » Na ja , ich spreche schon mit dem Simon « , schloß Werner die Unterhaltung . » Das Weinen und jammern hilft nichts . Geh jetzt . Die Sache kommt schon in Ordnung . « Kathe ging . Werner sann . Ja ! Das Leben setzt unverhältnismäßig hohe Preise auf einen kleinen , guten Augenblick . Ein warmer Abend , man umfaßt sich , man wirft sich auf das frischgemähte Grummet , und dann Tränen und trübe , häßliche Sachen . Die Tür wurde heftig aufgerissen , und Karl Pichwit stürzte in das Zimmer . Er blieb an der Tür atemlos stehen . » Herr Pichwit « , sagte Werner , » wie sehen Sie aus ? Sind Sie ohne Mantel herübergekommen ? « Pichwit stand noch immer regungslos da , die Lippen blau vor Kälte . Die Augen sahen seltsam abwesend und wie erstaunt aufgerissen vor sich hin . » Ja , Herr Pastor « , sagte er leise . » So kommen Sie doch an den Ofen , Mann « , rief Werner , » setzen Sie sich . « Gehorsam ging Pichwit an den Ofen und setzte sich . Werner wartete . Er wagte nicht zu fragen . Endlich sagte Pichwit leise und weinerlich : » Sie ist fort - mit ihm - ganz fort . « - Er schaute hilflos und ratlos zu Werner auf . Dieser wandte sich ab , ging an das Fenster und schaute auf den Hof hinaus . Ihn fror , er wunderte sich , er hatte es nicht gewußt , daß wir innerlich so frieren können . Da hörte er hinter sich einen Ton , ein Schluchzen . Er wandte sich um . Pichwit hatte beide Arme auf den Tisch und den Kopf auf die Arme gestützt und gab sich rückhaltlos einem leidenschaftlichen , kinderhaften Weinen hin . Werner ging zu ihm und strich mit der Hand sanft über Pichwits Haar . Er sagte nichts , er störte ihn nicht . Der hatte es gut ! Wer auch so die Arme auf den Tisch und den Kopf auf die Arme werfen könnte und sinnlos darauflosweinen ! Er setzte sich und schaute dem weinenden Pichwit zu . Dieser hob endlich seinen Kopf . Das tränenüberströmte Gesicht lächelte aus Gewohnheit sein hochmütiges Lächeln . » Ins Ausland sind sie , hat Damkewitz dem Jakob gesagt . Bei Nacht muß er sie abgeholt haben « , berichtete er . » Um neun Uhr kam ein Brief von der Station . Ich weiß nicht , was darin stand . « » Und er ? « fragte Werner . » Der Baron ? « sagte Pichwit . » Er trank seinen Tee wie sonst , als ich ihn sah und tat so , als läse er die Zeitung . Dann saß er auf seinem Stuhl und hielt die Augen geschlossen . Ich glaube nicht , daß er schlief Aber ich - ich hab ' es gewußt . « » Sie ? « » Ja - ich . Es war an einem der letzten Abende . Er schlief , sie rieb ihm das Bein . Da sagte sie zu mir - so - leise , wissen Sie : Pichwit , wenn ich einmal nicht hier sitze , dann müssen Sie meinen Platz einnehmen . Sehen Sie , Herr Pastor , da wußte ich alles , alles ; was konnte ich tun ? Ganz leise hatte sie das zu mir gesagt , als ob sie mir ein Geheimnis anvertrauen wollte . Ich war seit einigen Nächten auch nicht mehr draußen im Park . Wozu ? Ich glaube auch , es wäre ihr nicht recht , daß man unten steht und zu dem Turm hinaufsieht . Aber Sie , Herr Pastor , ich glaubte fest , Sie würden etwas tun . « » Was kann ich tun « , antwortete Werner , » wem können wir denn sein Schicksal aus der Hand nehmen . « » Ja , vielleicht ist das so « , gab Pichwit zu . » Aber ich hab ' so fest auf Sie gehofft . Jetzt ist es aus . Ich bleibe natürlich in Dumala , sie hat mir ja einen Auftrag gegeben . Auf Sie , lieber Herr Pichwit , kann ich mich verlassen , sagte sie einmal . O ja ! auf mich kann sie sich verlassen . Ja , nun werd ' ich gehen . Zum Frühstück muß ich da sein . « » Gehen Sie , Herr Pichwit « , sagte Werner . » Ich geb ' Ihnen meinen Pelz , und schweigen Sie . « Als Werner zum Mittagessen kam , war die Nachricht von Karolas Flucht schon zu Lene gedrungen . Die Baronin Huhn war am Pastorat angefahren , nur , um die Neuigkeit mitzuteilen und vielleicht welche zu hören . Lene ereiferte sich sehr über den Fall . Sie war entrüstet . Etwas Ähnliches hätte sie dieser Frau schon zugetraut , aber das war unerhört . Den todkranken Mann zu verlassen , um mit diesem Rast durchzugehen ! Werner schob seinen Teller fort und stand vom Tische auf . » Willst du nicht essen ? « fragte Lene . » Nein , « antwortete er , » nicht mehr essen und nicht mehr hören . « Damit ging er hinaus . Als Lene ihm in das Wohnzimmer nachkam , hatte sie rote Backen und den eigensinnig kampflustigen Ausdruck , der anzeigte , daß sie entschlossen war , heute ihren kleinen Streit zu haben . Sie fuhr ein wenig unwirsch im Zimmer hin und her , blieb dann vor Werner stehen und begann sehr schnell und beredt zu sprechen : » Du nimmst das übel , was ich sagte . Verzeihen ist christlich , das weiß ich auch . Aber deshalb darf man eine solche Frau nicht entschuldigen . Das ist nicht zu entschuldigen . Natürlich bin ich entrüstet . Jede anständige Frau muß in solchen Fällen entrüstet sein . Ich würde mich vor dir und mir selbst schämen , wenn ich nicht entrüstet wäre . Man hat doch auch seine Standesehre , und solch eine Frau bringt den Stand der christlichen Ehefrau in Verruf , und deshalb kann ich sagen , ich verachte diese Frau , und wenn ich auch nur eine kleine Pastorsfrau bin und sie die große Baronin von Dumala ist . « Außer Atem hielt sie inne und sah ihren Mann an , erwartete mutig einen Zornesausbruch , ein donnerndes » Lene ! « Er schwieg aber , und als er sprach , klang es sanft und müde : » Ach , Kind ! Was wissen wir , was verstehen wir von dem , was in anderen vorgeht ! Wie können wir urteilen ! Du und ich , wir leben nah beieinander . Was wissen wir voneinander ? Was können wir füreinander tun ? Wie die Pakete im Güterwagen , so stehen die Menschen nebeneinander . Ein jeder gut verpackt und versiegelt , mit einer Adresse . Was drin ist , weiß keines von dem anderen . Man reist eine Strecke zusammen , das ist alles , was wir wissen . « Lene erschrak . Er sah bleich aus , und ein Zug wirklichen Leidens malte sich auf seinem Gesichte . Er tat ihr leid . Sie ging zu ihm , legte die Hand auf seine Schulter . » Bist du krank , Erwin ? « fragte sie . » Ich ? Nein . Warum ? « » Du hast zu Mittag nichts gegessen . « Sie dachte nach . Jetzt hatte sie es . » Hör ' , Erwin , ob ich dir nicht einen ganz starken , ganz süßen Grog mache ? « Werner lächelte . » Ja , Lene , mach ' mir einen ganz starken , ganz süßen Grog . Das ist wenigstens noch etwas , das einer für den anderen tun kann ! « Werner hatte einigemal in Dumala nachgefragt , jedoch den Bescheid erhalten , der Baron sei leidend und empfange nicht . » Ein böser Anfall « , sagte Doktor Braun . » Na , kein Wunder . Ich hätte selbst davon einen Anfall bekommen können . « Eines Nachmittags schickte Werland in das Pastorat hinüber und ließ den Pastor bitten , doch zu ihm zu kommen . Werner fand den Baron auf seinem gewohnten Platz am Kaminfeuer , wohl frisiert und parfümiert . Er rief dem Pastor sein gewöhnliches » Ach - unser Seelsorger ! « entgegen . Auf dem niedrigen Stühlchen zu seinen Füßen saß Pichwit und rieb ihm sein schmerzendes Bein . » Ja , « sagte Werland , » das macht Pichwit ganz gut . Er hat eine leichte Hand . Dichter haben immer leichte Hände . « Man sprach vom Frost , der nun endlich gekommen war und gleich mit großer Schärfe einsetzte . So lange Eiszapfen am Dach hatte man lange nicht gesehen . Der Baron erzählte von Eiszapfen früherer Jahre . Die Rehe mußten fleißig gefüttert werden . Die Hasen machten verzweifelte Anstrengungen , um an die Spitzen der jungen Bäume zu gelangen . Zuweilen hörte man , wie draußen vom Dach ein Eiszapfen fiel und auf dem Boden zersplitterte . Als würde ein großes Glas zerschlagen , klang es . Werland schreckte zusammen . » Kaput « , sagte er . » Was hat er sich auch bemüht , so lang zu werden . Zu dumm ! « » Pichwit , « sagte er dann , » gehen Sie , schauen Sie nach dem Barometer . Ich rufe Sie . « Pichwit ging hinaus . » Guter Junge « , bemerkte Werland , ihm nachschauend . » Ich glaubte , er litte an der sauren Liebe , aber wie es scheint , wird er milder . Ich wollte Ihnen sagen , Pastor , ich habe Nachricht erhalten , gleichviel wie . - Sie sind in Florenz . Gut ! Da hab ' ich nun einen Brief geschrieben . Ich will ihn nicht von hier aus auf die Post geben und ihn auch nicht selbst adressieren . Hier ist er . Adressieren Sie ihn und geben Sie ihn auf die Post . « » Gewiß , gern « , sagte Werner und nahm den Brief entgegen . » Ich kann Ihnen auch sagen « , fuhr Werland fort , » was in dem Brief steht . Sie werden sich vielleicht darüber wundern . Ich schreibe ihr : Du kannst Jeden Augenblick zurückkommen . Nichts ist geändert , auch das Testament nicht . Was ? Das haben Sie nicht erwartet ? Das ist neu ? « Werland sah den Pastor triumphierend an . » So macht man die Sache sonst nicht . Aber sehen Sie , ich fühle mich von den Regeln der anderen entbunden , der anderen mit den Beinen . Ich bin ein Mensch ohne Beine , meine Beine zählen nicht , ein Menschenstümpfchen , warum soll ich mich an die Vorschriften der ganzen Menschen halten ? Ich habe meinen eigenen Komment . Ich will , daß sie wieder da sitzt . Und sie wird kommen . Rast ist ein fuseliger Schnaps . Die Weiber kriegen von ihm schnell einen Rausch und schnell Katzenjammer . Sie wird kommen . « Werland hielt inne , schaute in das Feuer , schaute scharf und angestrengt hinein , als betrachte er dort ein Bild . » Sie kommt « , sprach er vor sich hin . » Sie kommt herein . Nichts von Verzeih ' mir ! - Ich verzeih ' dir ! Nichts Dramatisches . - Guten Tag , Kind . Gute Fahrt gehabt ? Keine taktlosen Gespräche . Und sie sitzt hier wieder , reibt nur das Bein , gießt den Tee ein , geht hier herum , wie früher . Und sie wird kommen . Also den Brief . « Werner verbeugte sich stumm . Von nun an war nie mehr von Karola die Rede . Werner ging oft nach Dumala hinüber . Die drei Männer saßen beisammen . Werland schlief viel , oder man sprach von dem Frost und den Rehen . Pichwit rieb das Bein des Barons . Oder man hörte schweigend zu , wie die Mäuse hinter dem Getäfel arbeiteten . Nur wenn draußen ein Ton erwachte , schlug Werland die Augen auf und horchte . Und Pichwit hielt im Reiben inne und horchte . » Fährt da einer ? « fragte Werland . » Nein , nein , es ist nichts « , sagte Werner . Die schläfrige Stille sank wieder über das Gemach . Zuweilen stand Werner oder Pichwit auf , machte einige Schritte , um die vom Sitzen steif gewordenen Beine zu strecken , ging an das Fenster , schaute hinaus , schaute die lange Pappelallee hinab . Die Pappeln standen wie große , weiße Kristallpyramiden im hellen Mondlicht . » Was sehen Sie da ? « fragte Werland . » Oh - nichts , ich sehe nichts « , war die Antwort . » Eine Erkältung « , sagte Doktor Braun , » die Lunge ein wenig affiziert . Nicht schlimm vielleicht . Aber das Fieber . Wenn das Herz das nur mitmachen will . Gehen Sie mal hin , Pastor , sehen Sie sich nach ihm um . Pichwit pflegt ihn wie eine Gattin , sag ' ich ihnen ; na , aber immerhin eine melancholische Gattin . « Baron Werland war krank . Werner fand ihn in dem großen Bette fast verschwindend unter der Fülle all der Kissen . Die flackernden , blauen Augen schienen das einzig Lebendige , böse und erregt lauerten sie aus all dem Weiß heraus . » Pastor « , sagte er , als Werner sich an sein Bett setzte , » ich bin wütend . Dieser Husten , eine ganz unsinnige Beschäftigung . Sie werden natürlich sagen , auch der Husten ist eine weise Einrichtung , der Schleim muß aus den Lungen gebracht werden . Gut ! Aber wozu ist Schleim in den Lungen ? Das nennen Sie Vorsehung . Ich kann nur nicht denken , daß , wenn ich Schöpfer wäre , ich mir die Zeit damit vertreiben würde , mir solche merkwürdige Kombinationen auszudenken , wie diese . « » Wir sollen daran vielleicht Geduld lernen « , meinte Werner . Werland lachte ärgerlich . » Na , und wenn ich sie glücklich gelernt habe , diese Geduld ! Wenn ich eine Art Heiliger geworden , was dann ? Als Knabe hatte ich eine Klavierlehrerin , Fräulein Mier , eine gute , alte Person . Die ließ mich das ganze Jahr hindurch Stücke üben als Überraschung zum Geburtstag der Eltern . Na , und wenn dann die Geburtstage kamen , war von den Stücken keine Rede mehr . Kein Mensch wollte sie hören . So ist ' s auch mit Ihren Tugendübungen . Man übt - übt - für wen ? « Er hustete , lehnte den Kopf in die Kissen zurück und schloß die Augen . » Pastor « , sagte er mühsam , » schreiben Sie ihr - ich glaube , sie wird kommen - schreiben Sie ihr , daß ich warte - . « » Ja - gewiß , ich will schreiben « , versprach Werner . Werland lag eine Weile mit geschlossenen Augen still da . Plötzlich begann er zu sprechen , und zwar so , als setzte er eine Unterhaltung fort . » Und dann , sehen Sie , das ist auch ein Argument gegen Ihre Unsterblichkeit . Wenn die so ' ne große Sache ist , und Sie sagen doch - das Leben nach dem Tode , das ist die Hauptsache - , na , da müßte man doch , wenn man ihr näherrückt , so was wie ' n Gefühl haben - nun kommt ' s , etwas steht bevor . Vor einem Duell , vor einem Rendezvous - vor meiner Trauung , ja , am Abend vor einer Jagd hab ' ich das gehabt . Jetzt - nichts davon . Die Lampe ist heruntergeschroben , immer tiefer - dann dunkel . Alles das sieht mehr nach Ende als nach Anfang aus . « Er sprach schnell und geläufig , wie Fiebernde es tun . » Ja ! « schloß er mit einem Seufzer . » Ich will nichts behaupten , besonders aufgelegt für eine Ewigkeit fühl ' ich mich jetzt nicht . « » Oh , die « , sagte Werner , » die gießt dann schon ganz anders leuchtkräftiges Öl in die Lampe . « » Mag sein « , meinte Werland . Als die Dämmerung anbrach , wurde der Kranke unruhig und verlangte , in das Kaminzimmer gebracht zu werden . Er wollte in seinem Sessel sitzen , ganz wie sonst . Pichwit mußte ihm das Bein reiben . » So - so « - sagte er , » nur keine Neuerungen . « Allein , er fand keine rechte Ruhe . » Pichwit « , sagte er mehreremal , » gehn Sie an das Fenster , schauen Sie die Allee hinab . Man kann nie wissen , wer so ' ne Allee heraufkommen kann . Nun ? « » Ich sehe nichts « , meldete Pichwit . » Sie sehen auch nie was « , brummte Werland ärgerlich . So saßen sie wieder und warteten , aber es war nicht nur der Schlitten , der die Allee heraufkommen sollte , auf den sie warteten , was anderes noch war es , dem sie ernst und gespannt entgegensahen . » Der Doktor wollte kommen « , sagte der Baron . » Ja , um zehn Uhr « , erwiderte Pichwit . » Ein guter Mensch , der Doktor « , fuhr Werland fort , » aber er weiß wohl ebensoviel von dem , was auf dein Monde passiert - , wie von dem , was in meinem Körper vorgeht . Na , gleichviel ! « Dann lachte er kräftig und herzlich . » Ich denke an die lieben Verwandten . Der Chef der Familie , der Staatssekretär , seine Tochter , die Gräfin mit den vielen Kindern und dem wenigen Gelde , und die dicke Tante Sophie mit den Zwillingen und die anderen , die werden Augen machen , wenn sie das Testament lesen . Ich seh ' den Vetter Exzellenz , wie seine Nase weiß wird von traditioneller Moral . Hi-hi ! So ' n Stündchen Leben nach dem Tode könnte man sich wünschen , nur , um das anzusehen . « Er konnte sich lange nicht darüber beruhigen , er fing wieder von neuem darüber zu lachen an . Als Jakob den Tee brachte , sah Werland ihn streng an und sagte : » Jakob , du hast mich heute nicht frisiert . « » Nein , Herr Baron « , erwiderte Jakob , » wir haben uns heute nicht frisiert . Der Herr Baron waren müde , da dachte ich - - « Der Baron schüttelte mißbilligend den Kopf : » Ich lieb ' es nicht , wenn Diener denken . Mir fehlt etwas , wenn ich nicht frisiert bin - etwas an Haltung . Also , holen wir ' s nach . Es könnte ja auch noch jemand kommen , schon für die Herren hier ist es eine Unhöflichkeit , wenn ich so dasitze . « » Sie sollten heute eine Ausnahme machen « , redete Werner ihm zu , » es ermüdet Sie - und schließlich - « Aber Werland unterbrach ihn : » Lieber Pastor , manche haben den Tag über ein Gefühl der inneren Unordnung , wenn sie am Morgen nicht ihre Andacht abgehalten haben . So hör ' ich . Ich hab ' ein Gefühl innerer Unordnung , wenn ich nicht frisiert bin . Das ist individuell . Also Jakob , vorwärts . Die Herren werden entschuldigen , wenn wir ' s hier vor ihnen vornehmen . « Jakob brachte einen Spiegel und stellte ihn vor den Kranken hin , auf jeder Seite wurde eine Kerze angezündet , und Jakob begann ihn zu frisieren , wusch den Kopf mit Haarwasser und bog mit der Brennschere vorsichtig die Löckchen ein . Aufmerksam schaute Werland in den Spiegel , folgte dem Vorgang , studierte das gespenstisch-bleiche Gesicht , das ihm aus dem Glase entgegensah . Keiner sprach ein Wort . Plötzlich lehnte der Baron sich in den Stuhl zurück und atmete kurz und schnell : » Ich weiß - nicht - « , brachte er mit Anstrengung heraus , » mir ist so - ich seh ' im Spiegel nichts mehr . « Dann sank er ganz in sich zusammen . » Er stirbt « , sagte Werner , der sich über ihn beugte . » Seine Exzellenz lassen den Herrn Pastor bitten , zum Diner herüberzukommen , es sei manches zu besprechen « , meldete Jakob im Pastorat . » Die Exzellenz ? « fragte Werner . » Ja , die Exzellenz ist da « , berichtete Jakob , » und der Herr Graf und die Frau Gräfin mit den Kindern , und