Blume im gelben Spiegelfelde sogar jetzt noch öfter die Ehre an , einmal mit Sammetschuhen geärgert darüberhinzugehen und ringsum weder den Sklaven » Tisch « , noch den willigen Sekretär oder den Diener Schreibtisch groß zu achten . Das war so Dienervolk . Das stand da oben in der Wohnung des Geheimrats wie unten im Hause in der Wohnung des Herrn Ipsilon und wo nicht noch alles ! Und allenthalben hatte man da an den Wänden auch Bilder und Stiche angebracht , ohne groß zu achten , welche Seelen hier ihr Lied gesungen , oder aus welchem Grunde man da und dort in Ecken und Winkeln Einladungen zum Sitzen in Holz und Kissen hingepflanzt . Das war Dienervolk , Tische und Stühle , Bilder und Schränke , was man aus Herkommen und Notdurft zusammengedungen auf Markt und Gassen , und was man schlecht und recht eine bürgerliche Wohnung nannte . Dann hatte Einhart auch eine Wohnung gesehen , die ihn seltsam genug dünkte . Als er zum ersten Male bei Professor Soukoup eingetreten . Tische und Stühle darin waren alle aus feinen Hölzern , funkelnagelneu , alles feine Prunkstücke , ein jedes wie ein Muster einer feinen Idee , die sich darin ausprägte , ganz rein und in einfachsten Linien , wie Professor Soukoup ausdrücklich erklärt hatte . Es saß sich wirklich sehr bequem auf den großen Stühlen . Keinerlei fremde Zierrate . Die Ornamente der Teppiche mit denen der Gardinen eingestimmt . Wenn das eine Zimmer einen blau empfing , sah man weiter in gelbe Räume . Allenthalben klangen die Farben der Wände mit den großen Dunkelornamenten der Vorhänge und Möbelflächen zusammen . Es war wie ein extraarrangiertes Orchester , das jedem , der hereinkam , sofort ein Lied oder einen Siegesgesang oder ein sanftes Adagio aufspielen konnte , wozu dann der Dirigent viele Male auf den Eintretenden die Augen richtete und zu sagen schien : » Nun , ist das nicht eine feine Musik ? wohne ich nicht unter reinen Harmonien ? « Einhart wußte es gar nicht , daß man solche Orchester allenthalben jetzt in reichen Häusern spielen ließ . Daß , wenn der reiche Herr Ysop sich von den Wandflächen und Teppichen und aus Möbel und Gefäß so eine stumme Musik von einem Künstler ersinnen ließ , auch die Möbelstücke und Bowlen und Teller des Herrn Ypsilanti nicht ganz tonlos bleiben durften . Daß man eigentlich jetzt sozusagen in allen vermögenden Hausern denselben Musikanten begegnete . Aber Fräulein Resedas Wohnung , der begegnete man nirgends . Man kann ohne weiteres sagen , daß Einhart einfach vergaß , daß Fräulein Reseda einen Buckel hatte , sofort , als er eingetreten . Daß Fräulein Reseda einen Kropf hatte , der aus der Mantille heraussah . Er sah nur noch das lange , hagere , feine Gesicht mit der Nase , die ihm nicht mehr lang , nur sehr ausdrucksvoll sanft auf alles zu weisen schien , was die schönen Dunkelaugen sprachen . Gewiß war die Haut von Fräulein Reseda welk . Aber das Gesicht hatte einen Rahmen schwarzer , voller Scheitel unter dem Chenillenetz , und das schlichte , fromme Kleid , das sie trug , erinnerte ihn an ein altes Stammbuchblatt , das Frau Selle einmal früher , als sie in alten Sachen kramte , von der Großmutter gefunden und sogleich zerrissen hatte , weil sie damals gemeint , das wären auch solche Dummheiten gewesen , die man früher betrieben . Nun , zu allernächst muß von der Wohnung geredet werden . Daß sie im vierten Stock lag , hatte der Seele der Wohnung gar nichts anzuhaben vermocht . Um so wunderbarer kam es jedem vor , der aus dem dunklen Bodenraum hineintrat . Man hätte hier gedacht , nicht einmal niederen Dienern , stumm und devot und unzugehörig , geschweige gut bezahlten Stadtmusikanten zu begegnen , nur etwa müdem , abgenutzten Gesindel , wie es in Einharts Stube dürftig zusammengelesen . Und nun sah man es gleich , daß darin nur wirkliche , stille , liebe , alte Vertraute zusammenstanden , wirklich Vertraute , mit langen , tiefen Schicksalen . Allein die eine Wand gegen die beiden Fenster war schon rein wie ein Altar der Liebe , so däuchte es Einhart , wie er eintrat . Da stand ein bauchiger Schub mit goldnen Griffen und einer Decke von Mutterhänden mit Blumen durchwirkt , bunte , farbighelle Sterne , einer anders als alle , und in stillen Stunden , wenn Fräulein Reseda in der Dämmerung noch ohne Licht saß , begannen diese Blumensterne sich zu einem Bilde voll liebenden Lebens zu ergänzen , erwachten auch die Hände mit der dünnen Haut und den blauen Adern - und den großen Nadeln und die Augen voll Bläue und die ganze , liebe , haubenumrahmte Muttergestalt neu . Und Fräulein Reseda konnte allein aus dieser Decke eine ganze , lange Geschichte voll beseligender Erinnerung , wie die Biene aus einer Blume Honig ziehen . Und auf der bunten Blumendecke stand eine Uhr , das seltsamste Stück , aus schwarzem Holze , mit einem großen Auge von Zifferblatt mitten wie eine Sonne in einem Tempelgiebel , der von Säulen getragen war . Und der Perpendikel schwang dazwischen und pendelte auch noch in einem prismatischen Spiegel , daß er zur rechten und linken Seite immer sich auch noch einmal entgegenkam . Das alles wäre nur fesselnd gewesen . Auch , daß diese Uhr sauber mit Goldblumen besetzt war und überhaupt ebenso gut in einem Schloß auf einem marmornen Kamin wie in dieser stillen Heimstätte einer frommen Menschenfreundin hätte ihr Stundenlied pendeln und pinken können . Wenn nicht auch hier noch außerdem eine alte Schicksalsmelodie daneben geklungen . » Diese Uhr gefällt Ihnen ? « hatte Fräulein Reseda gleich , auf den erstaunten Einhart blickend , gesagt . » Ja , das ist nämlich ein kleines Wunder . Soll ich Ihnen die Geschichte erzählen ? « » Erzählen Sie gleich , « hatte Einhart nur neugierig erwidert . » Mein guter Vater hätte alles in der Welt , nur dieses Stück nicht hergegeben , « sagte da Fräulein Reseda . » Was daran wahr ist , weiß ich nicht . Dergleichen Sagen gibt es ja wohl manche in alten Familien . Sie sind nur ein Phantasiespiel der Liebe um unser Herkommen , um unsere Vergangenheit sozusagen , « erklärte sie . » Aber es ging die Sage , daß ein Elf meiner Urmutter , die eine alte Adelsherrin auf einem Herrschaftssitz war , diese Uhr , eine Kette und einen Becher zutrug . « Und nun hatte sie ausführlich alles erzählen müssen , was Einhart unsäglich berückend schien , und ohne Farbentafel ein eitel vorüberwehendes , beglückendes Traumbild . » Erzählen Sie mir alles , « hatte er sie mit verzehrtem Blicke angesehen mit seinen Glutaugen und mit einem Lächeln tiefster Erregung , gar nicht einfältig , obwohl in ganz innigversunkener Hingabe , wie sie ihm in dieser ganzen Akademiezeit nie aus Seele und Auge aufgeblitzt . Denn hier auf einmal begannen sich Sehnsuchten zu stillen . Hier duftete etwas gar nicht nur wie Reseda . Hier schien wirklich von lange her ein einsames Glücksland . » Also einen Becher und diese Uhr und eine Kette brachte der Elf ? « Einhart war ganz im Wunder . » Meine Urgroßmutter hatte nämlich gerade einen Knaben geboren und lag im schweren Himmelbett im Schlosse in den Wochen , « erzählte Fräulein Reseda . » Innig verpflegt , brachte sie ihre Zeit in Halbträumen zu . Und manchmal , wenn sie die Augen auftat , schien in dem Dämmerraum eine kleine , feine Flamme von einem Öllämpchen her , das auf einem Ecktische stand . « » Und in einer Nacht hatte sie eine Erscheinung . Ein kleiner , bärtiger , wetterfester Kerl , der kaum zum Bett aufragte , steht gegen den Schein . Zuerst hatte sie ihn für einen Kleiderzipfel gehalten , der vom Bettstuhl ragte . Dann erkennt sie ihn , weil er ganz dienstwillig sein Zipfelhütchen lupfte und sie flüsternd anspricht : Du birgst ein Kind hier im Schutz . Und das ist gut . Aber mein Weib hat auch ein Kindlein geboren und sie kann es nicht schützen vor deinem Öle , sagte der kleine Mann ganz voll Kummer . Hätten wir hier nicht rasten gemußt , weil zu gleicher Zeit wie deine auch meines Weibes Stunde kam , wir wären nicht hier . Oh , Herrin , sieh nur hin ! Deine Öllampe sickert Tropfen um Tropfen durch die Tischspalte , und die Tropfen fallen gerade auf mein Weib und Kind . Gebiete doch , daß man die Lampe auf einen anderen Platz stelle . « » Am Morgen dachte meine Urmutter hin und her über den Traum . - Aber der Traum wiederholte sich die folgenden Nächte . Und endlich nach dem dritten Male befahl die bleiche Wöchnerin , die Öllampe auf einen andern Platz zu tragen . « » Und was geschah ? « fragte Einhart eifrig , dem der feine Mund im graubleichen Gesicht offen blieb , daß man seine gelben Zähne sah . » Ja , nun raten Sie einmal ! « sagte Fräulein Reseda drollig gewichtig . » Um aller Welt Wunder willen , wer kann solche Entzückungen aus der Luft greifen ? « gab Einhart ganz ernst zurück und schwieg . Da lud ihn Fräulein Reseda vor einen gläsernen Schrank , der von vier Mohren gehalten dastand , und öffnete lange nicht , weil sie selber ins Träumen geraten , nur lächelte . So daß nun beide von dem kleinen Öllämpchen träumten , und wie Tropfen um Tropfen auf das winzige Elfenbett niederfiel als wie der Schlag der Stunde . » Oh die Sache löste sich wunderbar , « rief dann Fräulein Reseda . » Denn in der vierten Nacht erschien das Männlein wieder und sagte , indem er einige schwere Dinge heranschleppte : Ihr habt mein Prinzeßlein gerettet . Mein Weib ist schwach und bleich noch wie Ihr , aber sie sieht mit leisem Lachen auf das Kind . Die Tropfen fallen nicht mehr , sie zu bekümmern . Habt Dank und nehmt , was ich Euch bringe ! Solange Euch die Uhr schlägt , wird Euer Haus eine glückliche Wohnstätte sein ! Solange Ihr aus dem Becher trinkt , werdet Ihr süße Träume haben ! Solange die Kette am Halse der Schloßfrau blinkt , werdet Ihr in Menschenliebe wandeln ! « Fräulein Reseda öffnete jetzt und zeigte Einhart alles , den Becher aus einem Stück Bergkristall , die feine Kette aus grünen Steinen , die sie gleich unter ihrem Halskräuschen hervorzog . » Man muß seine wahren Güter heimlich tragen , weil sie mehr wert sein müssen , als nur zu prunken , « sagte sie neckisch , als sie sie vom Halse abzog und ihm hinhielt . Nun , weiß Gott , Einhart war das alles , daß ihm die Augen weiter wurden . Die Geschichte hatte Fräulein Reseda nur so anspruchslos hinerzählt . So kam und ging es aber an allen Enden , vor Bildern seltsamer Ahnfrauen und vor Tischen und Schüben . Aus jeder Ecke ragte eine Geschichte , eine Fülle von Ereignissen , wovon in dem Glasschrank voller kleiner Spielgeschmeide schon allein an die Tausende saßen . Nicht etwa aufbewahrt , damit es andere hören oder sehen sollten . Ganz und gar nur zur Liebe für die Eine , wie überhaupt die ganze , feine , duftige Wohnstätte des einen , einsamen Fräulein Reseda . Sogar an den Fenstern besah Einhart lange Zeit versunken weiße , schattende Lichtbilder aus einer alten Zeit , wie Schäferspiele holde Dinge . Und Einhart achtete gar nicht , daß er vor dem Nähtisch des Fräulein Reseda versunken saß , vor den drolligen Gesichtern der elfenbeinernen Stopfkugeln im bunten Nähkorbe und den Nußknackern , die Nadelhalter darstellten . Alles hier atmete und hauchte feinen Sinn und liebes Leben . Er wußte gar nicht , daß er tatsächlich neugierig wie ein Dieb herumschlich und dann ohne Erlaubnis den Nähschub aufgetan , um tausenderlei Ringwerk , feine , bunte Kinderkettchen auch , lustiges Schnitzwerk und metallnes Knöpfelzeug , und dem Auge insgesamt so recht lüsterne Dinge auszukramen . Alles das gehörte zu Fräulein Resedas ganzem Leben . Und es däuchte ihm , daß er jetzt Fräulein Reseda gut kannte . Und es däuchte ihm auch , als ob er schon einmal im Traume auch vor diesem Nähtisch gesessen , mit den bunten Blinkeflittern gespielt , die Lichtbilder gegen die abendgeröteten Fenster in Vision gesehen , den ganzen , vielgestaltigen , winzigen Nippkram des Glasschrankes angestaunt , den feinen , spitzen , fremden , kühlen Ton der Tempeluhr hätte pinken hören , fast wohl gar in einer andern Welt . Und wie dann Fräulein Reseda , als Einhart noch immer versunken gesessen in allerlei Traumspielereien , gar ihr ein wenig gläsern klingendes Klavier geöffnet und weich anschlagend fromme Töne voll fremden Wohlklangs hineinschlang in die Stille , war Einhart zum ersten Male ganz und gar in einem neuen Wunder . 11 Wie Einhart nun einmal war , Sinn und Leben begann eine andere Richtung zu nehmen , seitdem er den steinkristallenen Zauberbecher und die Tempeluhr in Fräulein Resedas Wohnung angestaunt , und seitdem er wußte , daß das grüne Steinkettlein heimlich unter dem weißen Spitzenkräuschen an Fräulein Resedas Halse verborgen blinkte . Seit der Zeit wußte er eigentlich gar nicht , daß ihn etwas wie eine Akademie noch mit tausend Forderungen drückte , und daß es in der Stadt ein Haus gab , wo die sieben Sachen der Kunst des Jahres aufgestapelt bunt herumhingen . Er führte jetzt ein richtiges Müßiggängerleben . Wenn Grottfuß kam , fand er meistens Einhart noch schlafen . Die kleine Lampe war heruntergebrannt . Malutensilien und Skizzen lagen seit Wochen schon umhergestreut . Gewöhnlich lag auch das Buch , worin Einhart gelesen , auf der Diele , weil er es beim Einschlafen hatte fallen lassen , und seine dünnen Decken hingen aus dem Bett heraus . Einhart schlief in dieser Zeit sehr unruhig , weil er die seltsamsten Träume hatte . Nie im Leben hatte man sich um sein » Seelenheil « bekümmert . Dieses Wort gefiel ihm außermaßen . Gerade so empfand er jetzt die Seele und Art von Fräulein Reseda . Gerade so empfand er es , als wenn er von irgendeinem Zwange ein Lebenlang umsponnen , plötzlich genesen wäre . Er begriff es gar nicht . Er hielt sich nur fest , mit allen Sinnen und Wünschen ganz versunken . Sobald Grottfuß ihn geweckt hatte , begann er zu erzählen . Er hatte gewöhnlich den Abend mit Fräulein Reseda zusammen zugebracht . Oft war sie mit ihm vor der Stadt gewesen , irgendwo im Grünen , irgendwo auf einer weiten Wiese wieder unter hohen Eichen , die mächtig im Abendsonnengold umflossen geragt . Sie hatte einen Strauß Frühlingsblumen in Händen gehabt , und er war neben ihr gegangen , ganz beglückt im Sinnen und Staunen , aber nicht nur so im Allerweltswesen der Dinge , gar nicht - - fest umschlossen von den feinen Gefühlen dieser kleinen , vornehmen Person , die in jedem Worte etwas herzutrug von lange her gesammelt und gesichtet , und die jeder Blume sogar mit ihrem Namen eine kleine , süße Sage umband wie eine weiße , durchbrochene Halskrause . Tatsächlich saß Einhart den ganzen Tag womöglich jetzt drüben bei Fräulein Reseda , die natürlich einen ganz anderen Namen hatte , obwohl der süße Duft immer um sie schwebte , und auch ihre ganze Wohnung immer nach Blumen roch . Grottfuß ging einmal mit Einhart hinüber . Fräulein Reseda hatte es gewünscht , Einharts Freund kennen zu lernen . Aber Grottfuß war sehr ernüchtert . Schon weil er eine junge , blonde Sängerin zufällig kennen gelernt hatte , in die er verliebt war . Er nannte es mit Rücksicht auf dieses junge , blonde , verliebte Ding von Elevin , die an einer Musikschule studierte , und die er nun seinerseits besuchte , so oft er konnte , im Grunde lächerlich , mit dieser alten , buckligen , moralischen Person sich abzugeben . Hauptsächlich aber , weil sich Grottfuß bei Fräulein Reseda ganz aus dem steifen , theoretischen Gleichgewicht gebracht sah . Aber Einhart war um so lieber bei Fräulein Reseda . Sie hatte ihm zum ersten Male allerle , Ideen entschleiert . Sie besaß eine Fülle Bücher . Er las alles nur Erdenkliche . Man kann sagen , Dinge , die er nie gehört , Philosophen und Dichter und Kunstbücher und Kunstlehren aus alter Zeit . Immer so , daß er gar nicht zu sagen wußte , was er alles gelesen , so versunken in die Dinge war er gewesen . Er hatte eine umständliche Art und Weise , zu lesen . Er mußte sich alles genau ansehen , wie wenn hinter jedem Worte ein Gleichnis stünde , und das Wort nur ein Wink wäre , anzusehen , was irgendwo wirklich war . Nicht immer fand er es gleich aus , wo und was ? So sah er die wunderbarsten Sachen und merkte gar nicht das Leben um sich , und kam aus der Lektüre , wie man aus Träumen erwacht , die dann entschwinden und vielleicht einmal von ferne wiederkommen . Und in allem war er jetzt vertraulich mit Fräulein Reseda . Sie kümmerte sich um ihn wie eine Mutter . Auch die Jünglinge lernte er kennen , die Fräulein Reseda aus dem Seminar zu sich lud , sehr eingeschüchterte Jungen , ein wenig zurückgeblieben in ihrem Fortkommen in der Schule , wie ehedem Einhart selber . Aber gar keine Träumer . Die sich bei Fräulein Reseda nur satt aßen . Die sie auch allerlei abhörte . Es war Einhart allmählich ganz aufgegangen , daß das Kettchen an ihrem Halse es wahr gemacht , daß das alte Fräulein wirklich in Menschenliebe wandelte . Die kleine , alte Dame fühlte sich am Tische unter den Burschen wie eine gute Mutter und gab unter Lachen nicht nur gute , gesunde , reichliche Kost , auch ihre guten , feinen , sinnigen Worte banden manche Gefühle zusammen im Geiste jedes , daß er nun , ohne recht zu wissen , sicherer vorwärts lief . Aber Einhart fand die gedrillte Devotion sich ein wenig zuwider . Er wußte mit diesen Jünglingen nichts Rechtes zu machen . Daß er , wenn er genug gegessen und getrunken hatte , zumeist aus dem Lächeln nicht herauskam , sobald die Seminaristen fade Späße von den Lehrern zu erzählen und ein wenig einfältig zu werden begannen . Er gestand es Fräulein Reseda auch ruhig ein , daß er mit diesen Menschen ohne Träume nichts anfangen könnte . Fräulein Reseda nannte ihn dann hochmütig , sagte , man müßte die Menschen nehmen , wie sie Gott geschaffen , daß ein jeder eine unsterbliche Seele hätte , daß die Seelen vor Gott alle gleich wären und manches freundliche Wort ausgleichender Gerechtigkeit . Worüber Einhart , indes er sich schon etwa in Sakuntala versenkte , nur nebenbei einmal hell auflachte , unter verzeihendem Zulachen von Fräulein Reseda , die den Seminaristen nichts dergleichen zugelassen , aber Einhart all das eigene , selbständige und freie Wesen nachsah . So war es einige Monate hingegangen . Einhart hatte Akademie und Malen einfach in der ganzen Zeit vergessen , hatte sozusagen sich an Hab und Gut von Fräulein Reseda , an Seele und Sinn und alle die Ideen und Schätze und Bücher von Fräulein Reseda angesogen , als er erfuhr , daß seine Mutter ernstlich daheim erkrankt wäre und er kommen sollte . 12 Im Hause von Herrn Selle ging man auf Zehen . Die Kranke war so erregbar und schmerzempfindlich , daß die leiseste Erschütterung sie aus Wachträumen weckte und jammern machte . Geheimrat Selle sah aus wie Kreide so fahl . Die großen Mädchen waren bleich und überwacht , weil sie halbe Nächte , auch wer nicht an der Reihe war , halbausgezogen aufsaßen , mit den Händen oft stillgestellt beim Knöpfen oder Nesteln , oder in sonstigen , achtlosen Hantierungen , wenn sie dem Stöhnen im Krankenzimmer lauschten . Rosa ging kindlich zart um , sehr gütig , sehr tätig . Nur Emma war garnicht still zu machen mit ihren dringlichen Fragen , weil sie immerwährend die Angst fühlte , und bei jedem , der da war , eine Zuflucht oder einen Trost suchte . Frau Selle war unerwartet erkrankt . Man hatte es zuerst , als die empfindlichen Darmschmerzen kamen , nicht recht beachtet . Bis schlimmere Symptome sichtbar geworden . Dann hatte man als letztes Mittel einen operativen Eingriff noch gewagt . Einhart war am Nachmittag angekommen . Niemand aus der Familie erschien in der Bahnhofshalle , ihn abzuholen . Obgleich es zum ersten Male war , daß er die Heimat nach Jahren wiedersah . Er lief gleich auf den Bahnhofsplatz , wo einige ihm bekannte , zerschläterte Droschken mit eingedeckten , müden Pferden harrten . Als er sich allenthalben hier wieder umsah , ging es in Einhart hin , wie wenn wahrlich Lieder klängen . Nun kam es wieder , was er vergessen . Er ging ganz heiteren , erhobenen Hauptes . Der Eindruck der alten Heimat , die ihm jetzt neu wirklich schien , daß er wie einen einstigen Einhart um alle Ecken mit Knabentollheiten in der pfiffigen Seele antreiben und heranstieben sah , war so stark , daß er ganz sonst vergaß , daß keine Schwester ihm auf seinem Wege entgegenkam . Und daß keine Menschenseele ihn hier mehr kannte . Der weiße Schnauzbart des Klassenlehrers leuchtete ihm entgegen , als er um die Ecke bei der Promenade einbog . Einhart , plötzlich erschreckt , hatte seinen Hut ehrerbietig aufgehoben und glitt vom Bürgersteige unversehens herab . Aber der Klassenlehrer grüßte gleichgültig . Er sah sich nicht weiter um . Und Einhart trieb , die Augen wie immer , wenn ihn Erstaunliches lockte , ganz weit und unerwecklich aufgemacht , vorwärts , um die Promenaden rund herum , ohne noch einstweilen an zu Hause zu denken . Kein Wunder . Einhart hatte im Leben nie Krankheit gefühlt . Er hatte höchstens eine dicke Backe bei Rosa oder Mutter drollig angesehen und das vermummende , weiße Battisttuch darüber . Oder so unbestimmt gehört , daß Vater an Gichtschmerzen litte . Nichts wie wirkliche Krankheit war ihm bisher achtsam vorgekommen . Nun gar der Tod ! Einmal im Bilde ging er von ferne an ihm vorüber . Er sah jetzt nur die alte , graue Stadtmauer wieder , die alten Bastionen , den gelben Strom , Dom und Kirchen , die er früher nicht einmal bis zum Kapitäl der Torsäulen oder dem Giebelfelde sich angesehen , daß er jetzt erstaunt war , wie schattig und hoch das alles schon damals mußte gewesen sein . Er schritt auch der Brücke entgegen , dort , wo er seinen Tornister manch liebes Mal heimlich geborgen , und an den Lieblingsplätzen seiner jungenhaften , verträumten Spiele . Bis zu Geheimrat Selles war er noch garnicht durchgedrungen . Aber dann stand Einhart doch in der bekannten , engen Straße davor , vor dem alten , gelben Hause , und hatte plötzlich wie eine Schwäche im Blute rinnen . Als wenn er die Treppen mühsam nur ersteigen könnte . Garnicht etwa ein Gefühl von Ahnung , daß ihn da etwas Furchtbares anfassen würde . Garnicht eine Vorbedeutung von erschrecklichen Dingen . Nur als wenn dieses ganze , große , dreistöckige Haus hart durchsetzt wäre von der steifen , strengen Vatergestalt , an der er nun wie gelähmt aufstieg . Denn das war es , daß er jetzt fühlte , dem Herrn Geheimrat Selle bald gegenüberzustehen , und weil er recht eigentlich plötzlich hart empfand , daß er jetzt noch weniger etwas gelten könnte wie je . Nicht vom Gendarm wie ehedem , von einem heimlichen Einsiedler geführt , wurde hier Einer heimgebracht , der erwachsen war . Zur Besinnung und zur Sehnsucht nach sich und seinem Werte war er durchgedrungen . Nicht so zur Wegeerkennung , wie ein anderer , als ein richtiger Traumgänger aus ihm je hervorgehen sollte ? Einhart war mit solchen Empfindungen die zwei Stiegen langsam emporgeklettert und war in einer Erregung , die ihm fast den Atem nahm . Daß er noch immer nicht zu klingeln wagte und lange stand . Da merkte er , daß an der Tür sich ein Schild befand , worauf Herr Selle mit eigner , großer Handschrift das Klingeln durchaus verbat . Das machte ihn entschlossen , daß er klopfte . Johanna kam , versorgt , ganz leise . Katharina auch , die schön und groß geworden . Alle bleich und ganz leise , ihn nebenher küssend , und ihn wie tröstend gleich . Und Emma kam , die völlig verstört aussah und verängstigt . Die ganz vergaß , guten Tag zu sagen . Die ihn gleich flehentlich bat , daß Mutter nicht sterben sollte ! Und Rosa zuletzt , sorgend , gütig und schön in ihrer Tatkraft , nur einen Schluchzer plötzlich herausweinend , dann wieder sanft die leise fließenden Tränen nicht achtend , als sie klar zu Einhart redete : » Mutter ist so unendlich schwach , « sagte sie . » Wärst Du doch einen Tag früher gekommen ! « » Ach mein Gott im Himmel ! « sagte sie und klagte sie . » Sie hat sich gesehnt nach dir ! Nun wird es zu spät sein ! Nun wird es zu spät sein ! « begann sie jetzt zu weinen . Einhart sah das Leid und die grauen Mienen . Aber daß es zu spät wäre ? » Was ist zu spät ? « sagte er verzehrt , als Herr Selle selber kam , um Einhart stumm die Hand zu reichen . Einhart nahm Vaters Hand und küßte sie inbrünstig . » Vater ? Um Gotteswillen ? Was ist zu spät ? Was ist zu spät ? « sagte er in Leidenschaft und lief , was er nur konnte hin , wo die Mutter im Bette lag . Aber da richtete sich Einhart auf , als wenn er ein Raubtier zum Sprunge wäre , lang machte er sich . Denn es lag da eine weiße Gestalt . Es lag da etwas in den Kissen , was er nicht mehr kannte . Ärzte standen daneben , ganz unbeweglich . Die lebten . Aber die weiße , fremde Gestalt war wie eine Marmorgestalt , steinern . Die Mutter konnte es unmöglich sein ? Einhart schlich ganz nahe . Er streckte auch gleich seine Arme nach dem Bette aus . Er bebte bis zu den Füßen . Die Tränen sprangen aus seinen Augen heraus . Während Vater und die vier Schwestern ihn halten wollten . Weil er zum ersten Male im Leben jetzt einen furchtbaren Schrei plötzlich ausstieß , flehend nach der bleichen , entfremdeten Muttergestalt die Arme reckend in zerreißender Sehnsucht - und ebenso plötzlich auch schon in Ohnmacht hingesunken war . Der Tod hatte im Raume gestanden . Einhart hatte den Tod noch nicht mit Augen gesehen . Drittes Buch 1 Oben im Gebirge wehte der Südwind über Felsen und Knieholz nieder ins Tal , und der Himmel war wie eine helle , blaue Glocke , rein in seinem Glanze . In den Talgeländen , die sich bis zum Waldgürtel erstreckten , lagen Kirche und Haus und Hütte in friedsamer Stille , und es schwammen Krähenscharen von der letzten Wiesenfläche oben auf und zogen mit Gekreisch ferner und ferner . Man hatte Grummet eingebracht in mächtigen Hocken . Vater Sender , der alte Bauer , und seine große Tochter , waren beide vielemale Schritt um Schritt gegangen , so breit und hoch war die Last , die sie immer neu auf den Rücken genommen , und der einsame Feldweg bis zum Gehöft an der Lehne lag voll Heu , weil der Windstoß mit unsichtbaren Händen den Tragelasten Büschel entriß und sie hinwarf und umtrieb und verwehte . Vater Sender war ein gebeugter Mann . Sein Rücken hatte das Leben lang Lasten getragen , Schritt um Schritt , aber ohne zu wanken , auch wenn es Zentnerlasten gewesen . Sein Gesicht war lang und glatt rasiert , daß man nur die großen Furchen sah , die Sorge und Sinnen eingegraben . Sein Grauauge sanft und innerlich , und sein großer Schädel blank , wenn er die vergilbte Mütze einmal in die große Schwielenhand nahm , um sich den Schweiß mit der andern Hand zu wischen . Vater Sender war ein Träumer , so in seiner Weise . Als er heute mit seiner großen Tochter zusammen , die Ella hieß , sich am Grashange unter dem Wildrosenbusch sorglich niedergelassen , um seine Brotstücke mühsam hinunterzukauen , während Ellas junger Mund hineinbiß wie eine Schlange , die gleich ganze Bissen einfach glatt hinunterschlingt , hatte ihn bald eine tiefe Müdigkeit ergriffen , daß der alte Blankschädel , mit den weißen Haarfransen unregelmäßig im Nacken , in dem Schattengemuster des Rosenbusches hingestreckt wundersam friedlich lange dagelegen , wie ein Toter , still und ergeben . Und wie er dann von neuem sich erhoben , um mit leichtem Geseufz und sehr für sich , wie immer , mit Ella zusammen zu rechen , und Schritt um Schritt mit seiner markigen Kummergestalt die Gurten für die neuen Hocken auszubreiten , da mußte er es Ella doch erzählen , daß er wieder die liebe , heilige Jungfrau gesehen , leibhaftiger als je im Leben . Des alten Sender Augen waren groß und grau und demütig und schüchtern , wie die eines Knaben , der von der ersten Liebe einen Glanz verbirgt , wenn er davon redete . Diese Träume gehörten zu ihm und beseligten ihn manchmal . » Gesehen - so wie ich dich sehe - Tochter , « sagte der alte Mann . » Und wie gesehen , « sagte er nach langer Weile sinnend . » Früher habe ich die heilige Jungfrau manchmal mit Augen gesehen .