Aufgegebene zurückdenken . Aber wenn er aus sich den Sieg erringt , so wird er im Opfer selbst seinen Lohn finden . Sorge du nur , daß Beppo uns von allem unterrichtet , was er von Marietta erfährt , denn da sie im Vertrauen von der - ihrer Dame ist , so wird sie es wissen , wenn ein entscheidender Schritt geschieht . « Der Prinz war indessen mehrere Stunden umhergeirrt , einem qualvollen Zwiespalt in sich zur Beute . Er war entschlossen , alles Weltliche für Giulia hinzuwerfen und zu wagen , und hierzu trieb ihn nicht nur die entfachte Leidenschaft , sondern es schien ihm auch , als fordere es die Ehre von ihm , dieser Frau , die sich ihm vertrauend in die Arme warf , Wort zu halten und nicht weniger großmütig zu sein als sie , die doch auch jede weltliche Rücksicht hingab um der Liebe willen . Aber nun , so nah vor einer endlichen Entscheidung , die seiner ganzen Jugend eine veränderte Richtung geben müßte , die sogar seine Zukunft ernstlich gefährden könnte , trat alles , was sich schon früher Giulias Anziehungskraft in ihm widersetzt hatte , mit verdoppelter Stärke hervor ; und er fühlte sich hin- und hergetrieben von gleichstarken Gewalten , die , welcher auch der Sieg gehören mochte , ihm zugleich eine schmerzliche Niederlage und lange , tiefe Reue zu hinterlassen drohten . Zunächst machte ihm auch der Gedanke an seine Begleiter Angst und Sorge . Es fiel ihm erst jetzt ein , welche schwere Verantwortung sie treffen würde , wenn er entflohen sei , und welcher Schmerz es für den alten Lehrer sein würde , den geliebten Zögling so gegen die von ihm gepflegten Grundsätze handeln zu sehen , obgleich Waldemar es sich durchaus nicht eingestand , daß Tadelnswertes in seinem Vorhaben sei . » Es sind nur andere als unsere Begriffe im Norden ; es ist das allmächtige Recht der Liebe , das im Süden herrscht wie das allmächtige Recht der Sonne , « sagte er zu sich selbst ; » es ist die schöne Freiheit der Natur , anstatt des uns im Norden künstlich auferlegten Gesetzes pflichtgemäßer Beschränkung , so sagt Giulia , und hat sie nicht recht ? Haben nicht die schönsten Blütezeiten der Menschheit dieses Vorrecht der freien Natur gerechtfertigt , Griechenland , Rom , ja auch die Renaissance ? Lähmt nicht das traurige Entsagen die freudige schöpferische Kraft in uns , die uns erst zu ganzen Menschen macht ? « Aber trotz dieser und ähnlicher Sophismen beruhigte sich sein Gemüt nicht , und jemehr er sich seinem Hotel näherte , desto langsamer wurde sein Schritt , wie um den peinlichen Moment des Zusammentreffens mit den Begleitern hinauszuschieben . Endlich aber mußte es doch sein , und er traf sie sichtlich beunruhigt über sein langes Ausbleiben . » Hätte ich es nur geahnt , daß Sie einen so frühen Ausgang beabsichtigten , Prinz , ich wäre ja mit tausend Freuden bereit und zu Ihrem Befehl gewesen , « sagte Raden . » Ich wollte Sie Morpheus ' Armen nicht entreißen , lieber Raden ; ich weiß , Sie lieben diesen Freund , namentlich morgens , « versetzte der Prinz und versuchte sich durch Scherz ein möglichst unbefangenes Äußeres zu geben . Des Professors Antlitz aber heiterte sich nicht auf , sondern nachdem er sich hatte versichern lassen , daß der Prinz sich wieder ganz wohl fühle und erfrischt durch Luft und Gehen , hub er an : » Aber ich habe Ihnen leider eine betrübende Mitteilung zu machen ; ich bekam heute früh Briefe aus der Heimat und erfuhr , daß Ihre durchlauchtige Mutter erkrankt ist . « » Meine Mutter ? Doch nicht bedenklich ? « rief Waldemar voll Schreck , indem nun die ganze verhaltene Aufregung sich ohne Zwang auf seinem Gesicht malte . » Leider scheint es ziemlich ernst zu sein , « fuhr der Professor fort ; » der Hofmarschall , der mir schreibt , meldet mir sogar , daß man möglicherweise Ihre schleunige Rückkehr wünschen könne . « » Mein Gott , mein Gott , wär ' s möglich ! Meine Mutter - und jetzt von hier gehen ! « rief Waldemar aus und erschrak über die letzten ihm in der Angst entschlüpften Worte , da sich ihm augenblicklich Giulias Plan und sein ihr gegebenes Wort vor die Seele stellte . Er schritt im Zimmer auf und ab , unfähig , sich zu fassen . Raden und der Professor hatten einen raschen Blick miteinander gewechselt ; die Nachricht von der Erkrankung der Mutter war zwar wahr , aber die Vorbereitung auf eine mögliche Zurückberufung war infolge eines Briefes Holbergs an den Vater Waldemars erfolgt . Der Professor , der regelmäßig seine Berichte über den Verlauf der Reise und alles , was den Prinzen betraf , einschicken mußte , hatte es nach reiflicher Überlegung und mit Zustimmung Radens doch für seine Pflicht gehalten , den alten Fürsten auf die Leidenschaft des Sohnes für eine hochgestellte verheiratete Frau aufmerksam zu machen , deren wachsende Stärke den Augen der beiden Herren nicht entgehen könne und gegen die bereits ihr Einfluß ohnmächtig sei . Diese Verhandlung blieb natürlich Geheimnis zwischen dem Fürsten , Holberg und Raden , und deshalb erwähnte der Professor nicht , daß es ein Schreiben des Fürsten selbst sei , das er empfangen habe und worin ihm dieser auftrug , den Sohn auf eine möglichst schnelle Rückkehr in der schonendsten Weise vorzubereiten . Nach einer kleinen Pause , während Waldemar völlig fassungslos im Zimmer auf und ab ging und endlich am Fenster stehen blieb , den Rücken nach seinen Gefährten gewandt , hub der Professor wieder an : » Beunruhigen Sie sich nicht zu sehr , lieber Prinz ; hoffen wir das beste ; jedenfalls ist vorläufig nichts zu tun , als die nächsten Nachrichten abzuwarten und daher alle Ausflüge , zu denen allerdings jetzt die Zeit gewesen wäre , bis auf weiteres zu verschieben . Nachrichten werden sehr bald kommen , ich habe auch bereits geschrieben und gebeten , daß man umgehend wieder schreibt . « » Ja , ich will auch gleich schreiben , « versetzte Waldemar hastig und eilte in sein Zimmer , wie erleichtert , durch irgendeine bestimmte Handlung der Qual der Gedanken zu entgehen , die auf ihn einstürmten . » Es ist eine radikale Kur , aber sie wird helfen , « sagte Raden , als er mit Holberg allein war ; » es ist wirklich , glaube ich , höchste Zeit , denn ich will Ihnen noch etwas neues sagen , lieber Professor . Ich glaube , es geht da ein geheimer Briefwechsel vor sich ; denken Sie nur , vorhin trete ich aus dem Lesezimmer unten auf den etwas dunklen Korridor hinaus und sehe in einer Ecke , hinter der Tür , die in den Hof führt , den Kammerdiener im Gespräch mit jemand , den ich nicht sehen konnte , weil ihn die Tür verbarg . Aus Scherz , denkend , ich ertappe ihn da auf einem verliebten Zwiegespräch mit einer der hübschen Zofen im Hotel , gehe ich leise hinter ihn und sage : Sie , Friedrich , was machen Sie denn hier ? Er fährt zusammen , als hätte man ihn auf einem Diebstahl ertappt , steckt eilig einen Brief , den er in der Hand hielt , in die Tasche und sprach verlegen : Ah , Herr Baron , ich sprach da nur ein wenig mit dem Burschen , um mich in der italienischen Sprache zu üben . Ich sah nun , daß es allerdings ein echt italienischer , schwarzäugiger Bursch war , mit dem er sprach , aber die auffallende Verlegenheit Friedrichs und das rasche Verbergen des Briefes waren mir etwas verdächtig , ebenso wie die abgelegene Ecke , in der die Verhandlung geführt wurde ; auch schien mir , was ich rasch mit einem Blick bemerkte , der Brief zu zierlich und fein zu sein , um ihn an Friedrich gerichtet zu glauben . Ich ging natürlich weg , um keinen Argwohn zu zeigen , und sagte nur lachend : Wählen Sie sich doch einen helleren Ort zu Ihren Studien . « » Das wäre allerdings schlimm , wenn es schon so weit gekommen wäre , daß Waldemar sich herabläßt , mit dem Diener solche Dinge zu betreiben , « sagte Holberg und schüttelte traurig den Kopf . » Ich kann ' s nicht glauben . « » Ach , lieber Holberg , wohin bringt eine solche Sirene mit solchen Augen nicht ein junges , zum erstenmal entflammtes Herz ! « versetzte Raden seufzend . » Für mich sind es tempi passati , aber begreifen tue ich alles bei einer Frau wie Giulia . « Wirklich hatte auch der Prinz kaum sein Zimmer betreten , als der Diener erschien und mit geheimnisvoller Miene wieder einen Brief überreichte , sich natürlich wohl hütend , etwas von dem Zusammentreffen mit Raden zu erwähnen , da es ihn hätte darum bringen können , Mitwisser eines Geheimnisses zu sein , worauf er doch sehr stolz war . Waldemar fühlte sich stets innerlich gedemütigt , wenn er die Briefe aus der Hand des Dieners nehmen mußte , in der Aufregung aber , in der er sich jetzt befand , war es ihm peinlicher denn je , und er empfand es fast unmutig , daß Giulia schon wieder schrieb , ihn schon wieder den Vermutungen einer Bedientenseele aussetzte , nachdem sie doch vor wenigen Stunden zusammen gesprochen hatten . Rasch riß er das duftende Kuvert auf ; der Brief enthielt folgendes : » Geliebter meiner Seele , die Entscheidung naht schneller , als ich dachte , und deshalb muß ich gleich schreiben , obwohl ich noch umfangen bin vom Zauber Deiner Gegenwart . Ich weiß nicht , ob der Herzog doch Verdacht geschöpft hatte wegen meines Morgenausgangs , aber kaum war ich zurück , so trat er bei mir ein mit jenem Ausdruck eisiger Ruhe , den er annimmt , wenn er besonders aufgeregt ist und einen unwiderruflichen Vorsatz gefaßt hat . Ich kenne diesen Ausdruck , und sobald ich ihn sehe , regt sich in mir schon der Geist des Widerspruchs , denn ich will mich keiner despotischen Gewalt unterwerfen . Jetzt erklärte er mir , er finde mich seit einiger Zeit so aufgeregt , schlecht aussehend , befürchte eine Krankheit und habe deshalb aus zärtlicher Fürsorge beschlossen , mich auf einige Zeit nach Sizilien zu meiner Schwester zu führen , die bei Palermo auf einer herrlichen Villa mit einer zahlreichen Familie wohnt . Das werde mir gut tun , sagte er , die Luftveränderung und der Familienkreis . Ich erwiderte , ich bedürfe das nicht , ich fühle mich vollkommen wohl und ich wünsche zu bleiben . Nein , sagte er , es sei schon alles vorbereitet , er habe bereits an meine Schwester geschrieben und uns angemeldet , den Dienern schon alle Befehle gegeben , er lasse mir den folgenden Tag , um meine Anordnungen zu machen , um Marietta packen zu lassen , und übermorgen früh würden wir abreisen ; unwiderruflich , setzte er hinzu , mit einem Blick , der zaghaftere Naturen als mich mit Schrecken erfüllen müßte ; er sei verantwortlich für mein leibliches und geistiges Wohl , und für gewisse moralische Krankheiten gebe es kein sichereres Mittel als Entfernung , Wechsel der Szenerie und der Umgebung . Mit milderem Ton sagte er dann noch , mein Bestes sei seine teuerste Sorge und ihm ebenso teuer wie seine Ehre . Mit diesem sehr betonten Wort , dessen versteckte Bedeutung nicht zu verkennen war , verließ er mich . Ich schwieg stolz und verächtlich . Sein Entschluß ist unwiderruflich , der meine auch ; der Krieg ist zwischen uns erklärt , wir wollen sehen , wer Sieger bleibt . Jetzt hoffe ich auf Dich , Geliebter , Du hältst mir Wort . Übermorgen früh will mich der Herzog fortführen , morgen abend entfliehen wir . Du führst mich in irgendeinen glückseligen Schlupfwinkel , wo wir die Welt vergessen im überschwenglichen Glück . Ich bereite alles hier vor ; morgen abend ist das große Fest bei den Colonna . Der Herzog hat fest versprochen , dort zu sein . Im letzten Augenblick erkläre ich wegen starken Kopfwehs nicht mitzukönnen , da ich am andern Morgen reisen solle , denn ich bin scheinbar in seinen Plan ergeben . Du mußt auch dort sein , damit Deine Abwesenheit keinen Verdacht erregt . Unbemerkt verschwindest Du von dort und lenkst mit einem Wagen in die kleine dunkle Seitengasse neben meinem Palast , um Mitternacht , wenn die Dienerschaft zum größten Teil schon schläft . Dort finde ich Dich . Der Herzog wird mich schlafend wähnen , wenn er zurückkommt , und mein Zimmer nicht mehr betreten , und wenn er mich am Morgen sucht , sind wir weit . Wegen Deiner Begleiter haben wir ja schon alles besprochen und so bleibt nichts übrig , als uns dem Schutze des Gottes zu empfehlen , der Liebende zusammenführt und beschützt , denn legitim ist nur die Liebe , und was sie tut , ist wohlgetan . Ich bin voll frohen Mutes , es wird gelingen , und mein Herz eilt schon auf Flügeln der Hoffnung der Seligkeit entgegen , Dein zu sein auf ewig . Giulia . « Waldemar ließ das Blatt fallen , sank in einen Sessel und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen . Was in seinem Herzen vorging , grenzte an Verzweiflung und war gewiß weit von dem , was die Herzogin nach Empfang ihres Briefes von ihm erwarten durfte , denn sie ahnte nicht , daß nur in ihrer Gegenwart ihre Zauber allmächtig waren , daß aber fern von ihr alles , was gegen sie stritt , hervortrat , nun noch vermehrt durch die Nachricht von der Erkrankung der Mutter . Endlich ging ihm eine Möglichkeit auf , alles zu vereinen , denn der Herzogin sein Wort nicht zu halten , schien ihm unmöglich . Um mit raschem Entschluß sein Gemüt zu beruhigen und die zum Handeln nötige Kraft zu gewinnen , schrieb er einen Brief an Holberg , den er zurücklassen wollte , der seine Flucht erklären und dessen und Radens Verfahren bestimmen sollte . Er wollte mit Giulia in einen kleinen Ort im Venetianischen , nahe der Grenze , flüchten und dort der Nachrichten aus der Heimat harren ; die beiden Herren sollten ebenfalls gleich von Rom aufbrechen , hier die Nachricht verbreiten , der Prinz habe eilig in die Heimat zurückgemußt , und voraneilen , um die Eltern auf das Geschehene vorzubereiten und milde zu stimmen . Er beschwor den Lehrer , ihm nicht zu zürnen , berief sich auf die Allgewalt der Liebe und schilderte die Leiden der Ehe Giulias und ihre unbesiegbare Liebe zu ihm mit so glühenden Farben , daß er hoffte , des Professors Herz dadurch zu rühren , ja , er fügte hinzu , daß er bereit sei , um Giulias willen seinen Ansprüchen auf den Thron zu entsagen , wenn sie sich nicht mit dieser Liebe vereinen ließen . Er schrieb lange Zeit an diesem Brief und fühlte sich danach etwas ruhiger , wie es immer zu gehen pflegt , wenn in verwickelten Lagen endlich ein Entschluß gefaßt ist . Er dachte dann nur daran , die nötigen Vorbereitungen im geheimen zu treffen , wobei allerdings der Diener wieder der Vertraute sein mußte , und dann zwang er sich , mit seinen Begleitern so unbefangen als möglich den Rest des Tages hinzubringen , die seine ernste Stimmung diesmal in vollem Vertrauen für eine Folge der Nachrichten aus der Heimat nahmen . So kam der Tag der Entscheidung . Waldemar hatte alle Vorbereitungen mit Hilfe des Dieners getroffen und begab sich am Abend anscheinend ruhig , aber innerlich in tiefer Erregung , mit den Begleitern zu dem Fest der Fürstin Colonna . Die herrlichen Räume des Palastes waren von einem Lichtmeer erhellt , und durch die Fenstertüren des letzten großen , zweiundachtzig Meter langen Saales , zu denen man einige Stufen hinaufsteigt , sah man in den von bunten Lampen magisch erleuchteten Garten , wohin man auf Brücken , die über die Straße gehen , gelangt . Die ganze vornehme , elegante , gebildete Gesellschaft Roms bewegte sich in den glänzenden Gemächern und bildete mit ihnen einen Anblick von solcher Pracht und Schönheit , daß jedes unbefangene Gemüt sich daran hätte erfreuen müssen . Aber Waldemar hatte in seiner Aufregung keinen Sinn für die poetische Pracht des Festes ; seine Augen suchten unruhig nach der einen , deren Schicksal sich in dieser Nacht noch mit dem seinen in folgenschwerem Bund vereinen sollte , denn er besorgte , daß sie ihren Plan , vom Fest fernzubleiben , nicht habe ausführen können . Mit einer nicht zu sagenden Mischung von Widerwillen , innerem Vorwurf und voll Beschämung sah er sich daher plötzlich dem Herzog gegenüber , der mit einem an ihm ganz ungewöhnlichen Lächeln auf ihn zukam und ihn auf das höflichste begrüßte . » Es freut mich , Hoheit , Sie hier zu finden , « sagte der Herzog ; » so kann ich mich hier von Ihnen verabschieden ; wir reisen morgen nach Sizilien ; Donna Giulia bedarf der Erholung , wir gehen zu ihrer Schwester für einige Zeit . « » Die Herzogin ist hier heute abend ? « brachte der Prinz mühsam hervor , nicht fähig , dem Sturm in seinem Innern zu gebieten . Um die Lippen des Herzogs spielte ein ironisches Zucken , doch versetzte er mit völliger Ruhe : » Nein , sie wurde durch heftiges Kopfweh verhindert , zu kommen , und wird es sehr bedauern , Ihnen , Prinz , nicht Lebewohl gesagt zu haben ; ich hoffe aber , wir finden Sie bei unserer Rückkehr noch hier . « In dem Augenblick trat der Kardinal auf die beiden zu und nachdem er den Prinzen begrüßt hatte , sagte er , zum Herzog gewendet : » Aber , lieber Herzog , wo ist Donna Giulia ? Trotz aller Lichter hier scheint es dunkel , wenn die Sterne ihrer Augen fehlen . « » Giulia hat recht ; sie sagt immer , daß Eminenz ein Dichter sind , « versetzte der Herzog lächelnd ; » sie war leidend heute abend und da wir morgen früh reisen , wollte sie sich ausruhen . « Es entstand eine Bewegung unter den Gästen , und aller Augen richteten sich nach der Estrade im Grunde des Saales , von der aus man in den Garten gelangt und auf der eben eine zarte Erscheinung in weißem Gewand allein hervortrat . » Ah , sieh da , unsere Improvisatrice ! « rief der Kardinal ; » es kann ja kein Fest mehr in Rom sein , wo das holde Geschöpf fehlt . Man trägt sie förmlich auf den Händen . Ich sehe es noch kommen , daß wir sie auf dem Kapitol werden krönen müssen wie Corilla Olympica im vorigen Jahrhundert , obgleich sie zu mädchenhaft zart und schüchtern für öffentliche Ehren ist . « » Ich will ihr heute ein Thema geben , « sagte der Herzog ; » man gibt ihr immer nur so weichliche Gefühlssachen : heute soll sie mal zeigen , ob sie größere tragische Themen zu behandeln versteht . « Raden kam eben , um den Prinzen von seiten der Hausherrin auf den Ehrenplatz in der vordersten Reihe zu holen ; den beiden anderen Herren wurden gleichfalls dort Ehrenplätze angewiesen . Waldemar konnte nicht umhin , rasch zu Rosa hinzutreten und sie zu begrüßen . Sie erwiderte den Gruß nur mit einer Neigung des Hauptes . » Sind Sie krank , liebe Freundin ? Sie sind so bleich ! « sagte er besorgt . Sie sah in der Tat geisterhaft bleich aus . » Nein , « sagte sie leise , » ich bin nicht krank , aber - « dabei erhob sie den gesenkten Blick zu ihm und dieser Blick traf ihn wie ein brennender Schmerz im Herzen . Doch sie konnte nichts hinzufügen , denn der Herzog trat auf sie zu und sagte , sich vor ihr verneigend : » Sie erlauben mir , Madamigella , Ihnen heute das Thema zu geben ; unsere gütige Wirtin hat mich autorisiert , es zu tun . « Rosa verneigte sich stumm . » Ich gebe Ihnen als Thema : die Erinnyen . Diese , die Ihnen nie werden nahen können , werden uns durch die Allmacht Ihrer Phantasie hier erscheinen und alle schuldbewußten Herzen in Schrecken versetzen . « » Ah , Sie werden es hoffentlich nicht zu grauenvoll machen , holde Muse , « sagte die Fürstin Colonna , die eben herzutrat , lächelnd ; » wenn auch keine schuldbewußten Herzen hier sind , wie ich hoffe , so möchten die unheimlichen Gäste doch den Scherz und die Freude vertreiben , die nach meinem Wunsch hier herrschen sollen . Herzog , Herzog , warum wollen Sie uns so erschrecken ? Möchten Sie nicht noch wechseln und ein lieblicheres Thema wählen ? « » Nein , ich bestehe darauf , « versetzte der Herzog , » ich möchte das Talent der Dichterin gerade in dieser Probe sehen . Sie nehmen mein Thema an , Madamigella ? « fragte er Rosa . » Ja , ich bin bereit , « erwiderte diese , und ihre sonst so sanften Augen hatten einen dunklen Glanz ; » ich bitte um einen Augenblick Nachdenken . « Die Fürstin lud die Herren ein , zu ihren Sitzen zurückzukehren , und Rosa stand einige Augenblicke in sich versunken ; dann richtete sie sich empor ; noch tieferer Ernst wie gewöhnlich lag auf ihrem Angesicht . » Sie sieht aus wie der Erzengel Michael , der kommt , Gericht zu halten , es fehlt ihr nur das Schwert , « flüsterte Raden dem Prinzen zu , hinter dessen Stuhl er stand ; er hatte die Aufgabe des Herzogs gehört . Rosa begann : Die Erinnyen . Immer noch schreiten Zur Nachtzeit Jene Dunkelen Über die Erde , Die ein ehernes Fatum An die Taten sterblicher Menschen Mit rächender Vollmacht gebunden . Aber nicht Schlangenhaar schüttelnd , Furchtbares Grausen erregend , Wie sie des Muttermörders Blutige Spur einst verfolgten , Nahen sie mehr . Traurig gesenkten Hauptes , In graue Schleier gehüllt , Gleitet lautlos ihr Fuß Über die nächtige Welt . Während droben im Äther In heiterer Klarheit Ewige Sterne Freundlich schimmernd glänzen Gleich den seligen Göttern Unbekümmert Um das tränenvolle Leid der Erdgebornen . Auch die Menschen , Die müden , Hören die Wandelnden nicht ; Nur im Schlaf scheint es ihnen Wie ein klagendes Rauschen , Als wenn der Nachtwind Durch Pinienzweige hindurchfährt . Aber dem Wissenden , Der in den Nächten Einsamen Grames Mit Geistern verkehren gelernt hat , Ihm ertönen deutlich vernehmbar Die klagenden Weisen , Die jene singen ; Mischen sich traurig Mit Seufzern der Wehmut , Die aus dem Herzen Selber ihm dringen : » Wehe , « so singen sie , » Weh den Betörten , Die götterentfremdet In dem Vergänglichen Ängstlich sich mühn , Von der wahrhaftigen Ewigen Liebe Tollkühn sich wenden , Um im Taumel der Sinne , Oder in weichlichen , Unklaren Träumen Schatten zu haschen . Wehe dem Dasein , Wo die heimlichen Tränen Verwundeter Neigung Ungesehn fließen ; Wo heilige Opfer Vergeblich sich bringen Und wo am Kreuze , Nicht nur auf Golgatha , Großmüt ' ge Herzen Langsam verbluten ; Wo an eherner Kette Tat und Folge sich halten Und aus schuldigem Tun Schuldige Frucht sich erzeugt . Wehe , wehe der Welt ! Götter starben Vergeblich für sie , Ohnmächtig , sie zu erlösen ; Tempel , von der Begeistrung erschaffen , Stürzten in Trümmer ; Über zerstörte Ideale Schritt die Zeit Achtlos hinweg . Rettung gibt ' s nimmer , Denn der furchtbare Gott , Der sich hier kund gibt , Knüpft an seine Erscheinung Ewig die Schuld . Wir aber , wir müssen es Traurig vollenden , Und die Qual , die das Herz nagt , Ist unser Werk . « Sie sangen ' s ! Fern und ferner Verhallte das Lied , Verschwebten die Schatten . Doch oben glänzten Immer noch Sterne In heiterer Klarheit . Mir aber rannen Vom Auge die Tränen Endlosen Erbarmens , Wenn auch der , dem über der Menge Göttern ähnlich zu thronen bestimmt ward Und statt vergänglichem Kranz Erhabner Taten Strahlenkrone zu tragen - Wenn auch der , unterliegend irdischer Schwäche , Euch , den dunkelen rächenden Schwestern Schuldig verfiel . Die Gesellschaft war unheimlich berührt von dem düstern Gesang , und der Beifall , den man der Dichterin spendete , war mehr ein Tribut für den Ruhm , den sie sich bereits erworben , als eine Bewunderung des eben Gehörten , und kühler denn sonst . » Sehr gut , sehr gut , « sagte der Herzog und schritt auf Rosa zu , ihr seine Anerkennung auszusprechen . Diese aber war so geisterhaft bleich geworden , daß Raden erschrocken rief : » Mein Gott , das arme Kind wird ohnmächtig werden ! « und vorwärtssprang , um sie zu stützen . Auch die Fürstin Colonna war aufgesprungen und eilte auf die Estrade , aber allen zuvor erschien Waldemar neben Rosa und indem er zu den übrigen sagte : » Ich bin überzeugt , sie muß in die frische Luft hinaus , da wird sie sich erholen ! « wendete er sich zu der Colonna und fügte hinzu : » Sie erlauben , Fürstin . « Er bot Rosa den Arm , den diese annahm , und führte sie über die Brücke in den gegenüberliegenden , von bunten Lampen magisch erleuchteten Garten . » Sie fühlen sich besser in der frischen Nachtluft , Rosa , nicht wahr ? « sagte er . » Ich muß Sie sprechen , « fuhr er fort , » Sie haben nichts dagegen , daß wir uns in einen der dunkleren Gänge des Gartens begeben , wo wir ungestört reden können ? « » Nein , auch ich wünschte Sie zu sprechen , « sagte sie leise und ihr Arm bebte auf dem seinigen . In einem wenig erleuchteten Laubgang hinter einem Lorbeergebüsch fand sich eine Steinbank , die , ganz im Dunkel , die darauf Sitzenden den Blicken der Vorübergehenden entzog . Dicht daneben rauschte ein Brunnen in ein marmornes Becken , dessen Rand von Veilchen eingefaßt war , die einen bezaubernden Duft in die Nacht hinaussandten . » Hier lassen Sie uns niedersitzen , Rosa , « sagte der Prinz ; » doch Sie sind leicht gekleidet und drinnen war es warm , wird Ihnen die Kühle nicht schaden ? « » Nein , nein , sie tut mir gut , « erwiderte sie , obgleich ein leichter Schauder durch den dünnen Stoff des Kleides ihre Gestalt überflog ; sie ließ sich auf der Steinbank nieder und Waldemar setzte sich neben sie und langsam , mit einer Stimme , in der eine leidenschaftliche Erregung zitterte , sagte er : » Rosa , Sie sind mir wert ; Sie müssen es wissen , ich achte Sie hoch und an Ihrer Meinung ist mir gelegen . Ich müßte lügen , wenn ich leugnen wollte , daß ich in Ihren letzten Improvisationen eine Anspielung auf mich fühlte , freilich nur mir verständlich , aber mir auch deutlich genug . Diesen Abend waren Sie sogar drohend , Sie weissagten Reue und sahen mich dem Arm der Rachegöttinnen verfallen . Wie kommen Sie zu diesen Befürchtungen ? Was meinen Sie damit ? Ich verlange Offenheit , wenn ich mich nicht gekränkt fühlen soll . « Statt der Antwort legte Rosa etwas in seine Hand , das er nicht gleich unterschied , aber bei dem schwachen Schimmer , der von den Lampen durch das Gebüsch drang , erkannte er , daß es ein verwelkter Veilchenstrauß war . Erstaunt betrachtete er diesen einen Moment lang , ohne zu wissen , was das bedeute ; dann aber blitzte es in seinem Geist auf und betroffen sagte er : » Gott , wär ' s möglich ? Jene Beterin in der Morgenfrühe in San Giovanni e Paolo - Rosa , Sie ? « Er konnte nicht vollenden . » War ich , « sagte sie leise . » Und Sie erkannten mich ? « fragte er angstvoll . » Sie und die - die Sie dort trafen , « fuhr sie leise fort ; » ich weiß alles , weiß , daß Sie am Rande eines Abgrundes stehen , daß Sie zum Verräter an Ihren Idealen werden wollen , daß Sie , anstatt Ihrem Volke vorzuleuchten als ein Beispiel hoher männlicher Tugend , ihm den Weg zeigen zum freien Spiel der Willkür und der Leidenschaft , die , über alles Gesetz und jede Schranke hinwegschreitend , nur tut , was ihr gefällt . « » Rosa , « fuhr er auf , » Mädchen , wie können Sie so sprechen ? Was wissen Sie von der Welt , was von der Macht der Gefühle , die ebenso heilig sind , ja vielleicht heiliger als die geschriebenen Gesetze einer verderbten Gesellschaft ! « » So dachten Sie früher nicht , « fiel sie ihm ins Wort und obwohl sie leiser sprach , wurde ihre Stimme immer fester ; » hier ist nicht die Rede von eitler , konventioneller Regel , nach der gewöhnliche Menschen handeln ; hier ist die Rede von einem Ideal , dem ein hoher , ein auserwählter Mensch nachstrebt , und das war für Sie : makellos , vorwurfsfrei auf einen Thron zu steigen und der Menschheit ein Vorbild reinster Größe zu sein , ein Held , nicht auf blutigen Schlachtfeldern , sondern im Kampf mit den Dämonen , die in der eigenen Brust den Halbgott zu zerstören trachten , der zu sein Sie berufen waren . Sie mußten siegen ! Sie retteten sich und auch - jene andere !