, von allem Erdenstaube reinen Engels berührt , und solche Momente lassen nur dann die Spur der Engelshand zurück , wenn sie durch keine Störung unterbrochen werden . Er schien von einem Gefühle hierfür geleitet zu werden , indem er aus dem Zimmer hinaus in das Freie trat . » Bitte , stören wir ihn nicht ! « bat seine Tochter . » Ich möchte , daß dieses Erlebnis in dem friedlichen Tone ausklinge , in welchem das - - - « Sie sprach den Satz nicht aus , sah mir halb verlegen , halb erwartungsvoll in das Gesicht und fragte dann : » Sie haben wohl Vieles oder gar Alles gehört , was an unserm Tisch gesprochen worden ist ? « » Das Meiste , « gab ich aufrichtig zu . » Auch die Strophe , welche ich gefunden habe ? « » Auch diese . « » Nun wohl : So wie diese möchte der heutige Tag für Vater ausklingen ! Sie wissen nicht , warum ich mich nicht scheue , Ihnen das zu sagen , und ich weiß es auch nicht . Es ist Etwas in mir , was Sie schon früher gesehen hat . Bitte , lächeln Sie nicht ! Ich bin keine Phantastin ; aber es ist mir , als ob ich Sie schon irgendwann und irgendwo getroffen und da so recht in vollem Vertrauen mit Ihnen gesprochen hätte . Nehmen Sie dies offene Wort aber ja als eine Seltenheit von mir , als , wenn Sie es nicht abweisen , eine kleine Vergeltung für das , was Sie heut für uns gewagt und getan haben ! « Da kam ihr Vater wieder herein und machte die Bemerkung , daß es ihre Pflicht und nun wohl auch an der Zeit sei , sich nach dem Befinden des verwundeten Chinesen zu erkundigen . Dann lud er mich ein , das Abendessen nicht so allein , wie in Kairo , sondern an seinem Tische einzunehmen , und ich sagte zu . Als ich mich dann unten im Speisesaale einstellte , waren die Chinesen nicht da ; sie speisten in ihrem Zimmer . Es sprach sich durch die Bedienung von Tisch zu Tisch herum , daß mit der Tramway ein Leutnant mit Soldaten aus Kairo angekommen sei , um die fremden Mekkapilger noch am Abend von hier fortzubringen . Das war jedenfalls die Folge davon , daß der Schech el Beled von el Kafr einen Boten in die Stadt geschickt hatte . Die eigentliche Ursache dieser Maßregel schien man noch nicht zu kennen , und wir hatten keinen Grund , gegen Andere von ihr zu sprechen . Waller verhielt sich überhaupt sehr schweigsam , und das Gespräch wurde nur von Mary und mir in der Weise wach erhalten , daß es nicht ganz zum Einschlafen kam . Doch als ich erwähnte , daß Monsieur Fu und Monsieur Tsi zu mir kommen würden , bat er mich , ihn , wenn sie bei mir seien , zu benachrichtigen , ob auch er sich einstellen könne , ohne uns zu stören . Als wir nach dem Essen in den Flur kamen , saß der erwähnte Leutnant da . Man machte sich an ihn , um Näheres zu erfahren , doch sagte er weiter nichts , als daß er die Pilger heut hinein nach Bulak zu bringen habe , worauf sie dann morgen früh per Bahn nach Wasta abgeschoben würden . Das war mir lieb , zu hören , weil nun die Tour nach Sakkara unternommen werden konnte , ohne daß Waller eine Fortsetzung der heutigen Fährlichkeit zu befürchten hatte . Was meinen Besuch betraf , so sollte er nicht im kleinen , dumpfen Zimmer sitzen . Ich ließ einen Tisch mit Stühlen hinaus vor die Tür bringen , um die Genugtuung zu haben , ihnen das Beste zu bieten , was Gizeh demjenigen Besucher bieten kann , welcher das geistige Auge und die seelische Empfänglichkeit dafür besitzt : den von den anderen Gästen nicht gestörten Anblick der Pyramiden beim Mondesschein . Als die beiden Erwarteten kamen , führte ich sie hinaus , und sie waren herzlich gern damit einverstanden . Der Mond war eben erschienen , und die ernste , schwere Poesie des ägyptischen Altertums stand aus den Gräbern auf , um bleich , doch nächtlich schön von den Riesenbauten vergangener Jahrtausende auf uns , die winzigen Gäste der Gegenwart , herabzuschauen . Die Chinesen hatten wohl nur einen kurzen Höflichkeitsbesuch beabsichtigt , aber der Eindruck , dem sie sich nicht entziehen konnten , war so gewaltig und so fesselnd , daß sie garnicht daran dachten , diesen besten Platz , den das Menahouse-Hotel besitzt , so bald wieder zu verlassen . Und mir wurde außerdem die Freude , daß sie , als ich ihnen den Wunsch des Amerikaners mitteilte , mir die Erlaubnis gaben , nicht nur ihn , sondern auch seine Tochter zum Kommen aufzufordern . Dann saßen wir wohl bis über Mitternacht beisammen , China , die Vereinigten Staaten und Deutschland , oder Asien , Amerika und Europa , in Eintracht und Frieden auf afrikanischem Boden , von allem Guten , Edlen , Schönen und Erhabenen sprechend , aber nicht vom Unterschiede der Religionen , von den Gegensätzen der Volksinteressen und von dem Vortrittsrechte besonderer Nationalitäten . Es war ein Abend , den ich nie vergessen werde , und als wir uns trennten , taten wir es in dem Bewußtsein , daß alle Menschen so zusammengehören , wie wir in diesen unvergleichlichen Stunden sowohl äußerlich wie auch innerlich vereint gewesen waren . Dem Amerikaner drückte ich ganz besonders warm die Hand . Er war so rücksichtsvoll , so mild , so weich gewesen und nicht ein einziges Mal in seinen schnarrenden Ton gefallen . » Es klingt so aus , wie ich es wünschte , « flüsterte mir seine Tochter zu . » Ich segne die , die heut durch diese Steine so gewaltig und doch so lieb , so wunderbar zu uns gesprochen haben . Jawohl , es ist gewiß und sicher so : Der Tote ist nur dann und darum tot , wenn und auch weil er Niemand hat , zu dem er sprechen kann ! « Am anderen Morgen waren die Pilger fort , und der Ritt nach Sakkara wurde ein ganz anderer , als ich ihn geplant hatte . Wir Fünf schlossen uns zusammen ; ein Dolmetscher wurde nicht mehr gebraucht , und mein Sejjid Omar war ganz stolz darauf , der Einzige zu sein , der uns bediente . So wurde es auch nach unserer Rücklehr nach Kairo gehalten . Wir machten alle Ausflüge gemeinsam , bis ich mich als der Erste gezwungen sah , zu scheiden . Meine Vorbereitungen waren getroffen ; es zog mich nilaufwärts , dem Sudan zu . Als ich den festen Entschluß kundgab , übermorgen abzureisen , machte Fu den Vorschlag , den letzten Abend wieder bei den Pyramiden zuzubringen , und wir Andern stimmten alle bei . Das Hotel war nicht sehr besetzt , und so bekamen wir leicht dieselben Zimmer , welche wir bei unserer vorigen Anwesenheit gehabt hatten . Das Abendbrot nahmen wir auf der hohen Düne vor meiner Wohnung ein . Der Mond schien dieses Mal nicht ; aber das magische Licht der Sterne zeigte uns die Flächen und Konturen der Pyramiden in jener Schärfe , in welcher grad das irdisch Große vom Himmel abzustechen pflegt , und ließ sie also in einer ganz andern , ernsteren Sprache zu uns reden , als diejenige war , in welcher sie jüngst zu uns gepredigt hatten . Es war keineswegs meine Absicht , in die Geheimnisse der beiden ebenso hochgebildeten wie liebenswürdigen Chinesen einzudringen , aber eine Aeußerung Fu ' s gab mir Veranlassung , anzunehmen , daß er Diplomat sei . Und Tsi sprach , wenigstens zu uns , ganz aufrichtig davon , daß er längere Zeit erst in Berlin und dann auch in Paris studiert habe , um die Anschauung des Westens mit derjenigen des Ostens vergleichen und über das Verhältnis beider zu einander zu einem klaren Resultate kommen zu können . Er hatte sich besonders , wie auch daheim , mit der Heilkunde beschäftigt ; sein Lieblingsfach aber war Psychologie . Wie kam es wohl , daß Waller , seit er mit uns verkehrte , sein Lieblingsthema fast gar nicht mehr berührte ? Er schien vollständig vergessen zu haben , daß es Heidentempel gebe , welche zu zerstören seien . Lag der Grund hiervon nur in ihm allein oder auch in uns ? Fu und Tsi waren Personen , in deren Gegenwart es sich ganz von selbst verbot , gehässig zu sprechen . Es fiel von Seite des Amerikaners nichts Peinliches mehr vor . Mary war rührend glücklich hierüber . Und als wir am Schlusse dieses friedlich schönen Abends Abschied von einander nahmen , taten wir es alle mit dem Wunsche , uns irgendwann und irgendwo einmal wieder treffen zu dürfen . Es soll aber Menschen geben , bei denen der Wunsch der Vater der Erfüllung ist ! - - - Zweites Kapitel Civilisatoren Mein Sejjid Omar hatte sich bewährt . Er ließ zwar jede Tür , durch welche er ging , mit absoluter Sicherheit offenstehen , war aber ehrlich , wahrheitsliebend , treu , scharfsinnig , zuverlässig und - was ich gar nicht hatte vermuten können - zu Alledem ein wahres Sprachgenie . Im Sudan , in Arabien und so lange wir durch Gegenden gekommen waren , in denen arabisch gesprochen wird , hatte ich von dieser seiner Begabung freilich nichts bemerkt ; ja , ich war sogar in Beziehung auf seine spätere Brauchbarkeit bedenklich geworden , weil er nur seine heimische Mundart für richtig hielt und bei jedem anderen Dialekte mit einer wegwerfenden Handbewegung zu sagen pflegte : » Die halten das für echtes Arabisch ! Die können ja gar nicht arabisch sprechen ! Das wahre hhchchhh ! und das wirkliche hhkghhh ! bringt keiner von ihnen fertig ! Nur wer in Kairo geboren ist , kann reden ; eine andere , richtige Sprache gibt es überhaupt gar nicht ! « Aber als dann nach ausgedehnten monatelangen Wanderungen jenseits von Bagdad , an der indischen Grenze , das englische Sprachgebiet begann , schien bei ihm , so was man sagt , der Knoten zu reißen . Schon in Kuratschi , wo wir einige Tage ruhten , wunderte ich mich darüber , daß er sich fast gar nicht um mich bekümmerte . Er ließ sich nur für Augenblicke sehen , und als ich ihn darüber zur Rede stellte , erklärte er mir : » Sihdi , ich habe vorgestern , gestern und heute mit englischen Matrosen zusammengesteckt und mir ihre ganze Sprache aufgeschrieben . Ich muß doch nun englisch reden können , sonst kannst du mich ja nicht mehr brauchen . Ich habe sogar in der Nacht studiert ; es ist ganz leicht ; nur das hhsssshhh und das thhhsssshhh bringe ich noch nicht heraus , denn die Engländer können eben auch noch nicht richtig reden . Hier hast du ihre Sprache ! « Er zog ein Paket von mehr als zwanzig vollgeschriebenen Papierbogen aus dem Kaftan und gab es mir . Es enthielt englische Worte und Redensarten mit der arabischen Uebersetzung , natürlich in arabischer Schrift geschrieben , für mein Auge ein wahrer Gallimatthias , in dem ich mich nicht zurechtfinden konnte . Da ich aber dem guten Omar ansah , daß er ein anerkennendes Wort erwartete , so sagte ich : » Du bist da sehr fleißig gewesen . Kannst du denn diese englischen Worte alle aussprechen ? « Er nickte . » Und du kennst auch ihren Sinn ? « Er nickte wieder , wobei sein Gesicht vor innerer und äußerer Zufriedenheit förmlich glänzte . » Wenn dies der Fall ist , so bist du ja ein ganz tüchtiger Kerl ! « Da rief er aus : » Probiere mich , Sihdi ! Darf ich dir sagen , wie du das zu machen hast ? « » Ja . Nun , also ! « » Du bist ein englischer Laden , in welchem Cigarren verkauft werden . Ich bin der englische Sejjid Omar aus Livverbuhl und kaufe für meinen deutschen Sihdi Cigarren ein , weil er nicht englisch reden kann . Bist du einverstanden , und soll ich das so machen ? « » Ja , gut ! Ich bin der englische Cigarrenladen , und du bist aus Liverpool . Es kann losgehen ! « Da ging er hinaus , machte die Tür hinter sich zu und klopfte an . » Come in ! « antwortete ich . Er trat ein , nahm seinen Tarbusch höflich ab und wollte sprechen ; ich aber kam ihm zuvor : » Mach die Tür zu , ehe du sprichst ! Ein Engländer läßt keine Tür offen stehen ! « Er war sofort Herr der Situation , zog die Tür zu und sagte : » Ei bekk juh parrrrd ' n , Mister Miehlord owww Tabbakk änd Smooking-Sihgärr ! Ei wischsch dhho pörrrtschähß Sihgärr ! Giww Sihgärr ! Lahrtsch bikk Sihgärr , long Sihgärr , thick Sihgärr , gudd Sihgärr , fein ännd tschihhhhp Sihgärr ! Wott häww ei dhho peehh , Mister Miehlord owww inglischhh Smooking-Männ ? « Man denke sich meinen ernsten , gravitätischen Sejjid Omar , und man denke sich dazu , daß , während er diese Rede wie aus einem halb verstopften Wursttrichter hervorquellen ließ , sein Gesicht genau die Züge der unerlaubten Orthographie annahm , deren ich mich in diesen Zeilen bediene ! Ich konnte nicht anders , ich mußte laut lachen , mehr über sein Gesicht als über seine Worte . Das entzückte ihn . Er sagte : » Sihdi , ich sehe , wie sehr du dich freust . Ich habe in diesen drei Tagen und zwei Nächten die ganze englische Sprache auswendig gelernt . Ob du diese Sprache auch verstehst , das ist nun ganz egal . Ich werde für dich reden ! « Das war so seine selbstbewußte , selbstvertrauende Weise . Mir machte die Sache in der ersten Zeit Spaß ; aber je länger , desto mehr erstaunte ich . Er machte Fortschritte , die ich nicht für möglich gehalten hätte . Wo er eines Engländers habhaft werden konnte , der nicht allzu hoch über ihm stand , den hielt er fest , um sprachlich von ihm zu profitieren , und als ich ihm seine Bitte erfüllte , möglichst nur englisch mit ihm zu sprechen , fand ich täglich Gelegenheit , sein unvergleichliches Wortgedächtnis zu bewundern . Nebenbei merkte er sich jedes Wort jeder anderen Sprache , welches ihm vor die Ohren kam . Er saß stundenlang an einer Stelle still , immerfort die Lippen bewegend und sich unausgesetzt übend , um das , was er sich einmal angeeignet hatte , ja nicht wieder zu vergessen . Wenn ich an Hauptorten mit Europäern zusammentraf und in deren Sprache mit ihnen verkehrte , so machte er sich sicher in unsere Nähe , um einige Worte aufzufangen und mich dann über die Bedeutung derselben auszufragen . Und was er so erfuhr , vergaß er nie . Ganz eigenartig war seine Geschicklichkeit , seinen immer wachsenden Sprachschatz in Anwendung zu bringen . Es geschah das ohne jedes Gesetz und jede Regel , aber in einer Weise , welche mich oft heimlich staunen ließ . Mit Etymologie und Syntax freilich durfte ich ihm nicht kommen . Wenn ich von der Abstammung eines Wortes oder von den Teilen eines Satzes sprach , wehrte er mit beiden Händen ab und sagte : » Ich esse nicht zwei Datteln auf einmal , sondern eine nach der anderen . So spreche ich auch nicht zwei Worte auf einmal , sondern eines nach dem anderen . So ist es bei uns in der arabischen Sprache , außer welcher es keine richtige gibt , und also darfst du nicht von mir verlangen , daß ich bei einem Worte gleich an mehrere andere denken soll . Sie kommen alle ganz von selbst , und du brauchst keine Angst zu haben , daß ich eines vergesse ! « Seine Liebe zu mir war der Grund , daß für ihn meine Muttersprache gleich nach der seinigen rangierte , und so war seine Freude groß , als ich ihm für einen mir geleisteten Extradienst die belohnende Mitteilung machte , daß ich ihn von jetzt an täglich eine Stunde in der deutschen Sprache unterrichten würde . Die Folge zeigte , daß ich mir keinen besseren Schüler wünschen konnte . Er gab sich die größte Mühe , nach seiner Rückkehr mit den deutschen Touristen deutsch sprechen zu können . Freilich ging er auch hier in einer so regellosen Weise mit den Redeteilen um , daß Wort-und Satzbildungen zum Vorschein kamen , welche um so lächerlicher waren , je größere Wichtigkeit er der ernsten Würde gab , mit welcher sie ausgesprochen wurden . Seine in Kairo , ehe ich ihn engagierte , in Beziehung auf die Religion ausgesprochenen Wünsche hatte ich respektiert . Ich sprach kein Wort vom Christentum zu ihm , und wenn er einmal , was ja unvermeidlich war , eine sich auf seinen Islam beziehende Bemerkung machte , so ging ich schweigend über sie hinweg . Dies kam in seinen Augen einer Mißachtung seiner Religion gleich und wurde von ihm nach und nach immer mehr als eine Strafe empfunden , welche er verständigerweise als eine unausbleibliche Folge seiner damaligen Bitte zu betrachten schien . Es war mir oft , als ob er in dieser Hinsicht etwas auf dem Herzen habe , und er setzte auch zuweilen an , es mir zu sagen , kam aber nicht dazu , weil ihm solche Gelegenheiten von mir aus guten Gründen stets kurz abgebrochen wurden . Das Zusammenleben mit mir hatte bei ihm die unausbleiblichen Wirkungen hervorgebracht , denn es war ganz selbstverständlich , daß gewisse Anschauungen von mir auf ihn übergehen mußten . Ich ließ das geschehen , ohne ihn darauf aufmerksam zu machen . Es kam immer mehr vor , daß er eines der vorgeschriebenen Gebete ausfallen ließ , weil ihn etwas hinderte , was er früher auf keinen Fall als Hindernis betrachtet hätte . Er unterließ es , die Vorzüge seines Glaubens in der ehemaligen Weise zu betonen , und die Masbacha14 , welche er früher in müßiger Zeit stets in den Händen gehabt hatte , war jetzt nur sehr selten noch zu sehen . Ich nahm diese Zeichen nicht etwa als Beweise vermindeter Frömmigkeit ; o nein ; das Herz Omars war noch ganz dasselbe wie vorher ; aber er hatte zwischen innerlich und äußerlich unterscheiden gelernt und dabei eingesehen , auf welcher von diesen beiden Seiten man die wahre , echte Religiosität zu suchen hat . - - Wir kamen jetzt per Dampfer von Bombay und waren froh , den Gefahren dieser von der Pest vollständig verseuchten Stadt glücklich entgangen zu sein . Kap Komorin war dubliert , und wir flogen auf einer wunderbaren See dem herrlichen Ceylon zu . Ich bin gern bereit , bei einer Personifikation der Meere zu einer Schönheitskonkurrenz den ersten Preis dem Roten Meere zuzuerkennen , denn ich habe es , so oft ich es durchfuhr , so schön wie kein anderes gefunden , doch heut wurde von dem glänzendsten Tag des Orientes die Vermählung der arabisch-persischen See mit dem indischen Ozean gefeiert , und der Himmel hatte seine sanftesten Lüfte gesandt und sein reinstes , strahlendstes Licht über diese friedliche Vereinigung ausgegossen . Blau und wonnig , wie das aus dem Herzen gestiegene Glück in einem selig lächelnden Menschenauge , so sah uns jede , die Wangen unsers Dampfers küssende Woge an , um nach diesem Kusse an die Brust der See zurückzusinken . Ein aus regelmäßigen Maschen bestehendes Brautgewand bildend , zogen diamantene Fäden sich , so weit der Blick nur reichen konnte , über die schwellenden Wasser , welche wie von den leisen Atemzügen eines friedlich Schlafenden sich hoben und sich wieder senkten . Der Morgen war schon angebrochen , und nun ging auch die Sonne auf , nicht langsam , wie hinter Bergen empor , nicht mit Nebeln und irdischen Dünsten kämpfend , sondern plötzlich , mit einem Male , wie einer der Engel des Lichtes , welcher die Tür des Himmels öffnet und in voller , majestätischer Gestalt hervortritt , um der Schöpfung seines Herrn und Meisters den göttlichen Segen zu erteilen . Und da floß er herbei , dieser Segen vom ewig jung bleibenden Osten her , eine unendliche , überwältigende Fülle des Lichtes , eine unerschöpfliche Flut von Strahlen , dem Tage als Erhörung des Gebets der Nacht gesandt ! Vom Sonnenpunkt am Horizont beginnend und nach Nord und Süd immer breiter werdend , war für uns eine aus flüssigen Brillanten gegossene , funkelnde Bahn gezeichnet , auf deren Mitte wir der Spenderin dieser Pracht und Herrlichkeit gerad entgegenfuhren . Hatten wir die Erde verlassen , und war Ceylon jene oft besungene und doch so vergeblich ersehnte » Insel der Seligen « für uns ? Wie habe ich dich lieb , so unendlich lieb , du See , du Meer , du Ozean ! Du ziehst in deine Tiefen , damit ich frei von ihm werde , was an mir schwer und irdisch ist , und trägst mich nach der anderen Welt , nach jenem aus dem Gottvertrauen emporragenden Ufer , wo zwischen den Bergen des Glaubens der Weg empor nach meiner Heimat steigt ! Man bezeichne solche Gefühle ja nicht als überschwänglich ! Wer die See nicht kennt , der ahnt nicht , wie mächtig sie auf jeden Menschen wirkt , der seiner Seele noch nicht verboten hat , mit ihr zu sprechen . Und wer da meint , während einer kurzen Fahrt nach Kopenhagen oder Helgoland das Meer kennen gelernt zu haben , der irrt sich sehr . Ich kenne Seekapitäne , welche den Atlantischen nach ihrem eigenen Ausdrucke » wie ihr Waschbecken kannten « und mit voller Wonne für ihn schwärmten , dann aber bei ihrer ersten Fahrt von Suez nach China oder Australien begeistert eingestanden , daß der bisher geliebte » alte Heringsteich « im Vergleich mit jenen südlichen Meeren eben nur als Heringsteich bezeichnet werden könne . Die Wassermasse an sich tut es freilich nicht . Es ist der Süd ; es ist der Ost , und es ist die Nähe des Aequators . Auch wirken noch andere Ursachen , denen auf die Spur zu kommen , man sich wohl vergeblich bemühen würde . Aber sie kommt ; sie ist da , diese Wirkung , und ich bin so glücklich darüber , daß es mir wiederholt beschieden gewesen ist , mich ihr von ganzem Herzen hingeben zu können . Ich war nach dem Vorderdeck gegangen , wo die Passagiere dritter Klasse logierten , und hatte mich an das Spriet gelehnt , um den Anblick dieses einzig schönen Sonnenaufganges voll genießen zu können . Als er dann vorüber war und ich mich umdrehte , um nach meinem Deck zurückzukehren , sah ich , daß Sejjid Omar unweit von mir an der Regeling stand und auch bewundernd ostwärts schaute . Als er bemerkte , daß es mich nun nicht mehr störe , erkundigte er sich , wann wir in Colombo ankommen würden . Als ich ihm die Auskunft erteilt hatte , sagte er : » Das sind alles Dummköpfe oder Lügner ! Ich fragte gestern Abend den Kapitän , und er sagte , um zehn Uhr . Dann fragte ich den ersten Offizier , und er sagte , um zwölf Uhr . Hierauf fragte ich den zweiten Offizier , und er sagte , um elf Uhr . Du aber , Sihdi , hast gesagt , halb zehn Uhr , und das ist richtig ! Es ist aber immer so und wird auch so bleiben : du weißt Alles richtig , und Andere Leute wissen Alles falsch ; manchmal wissen sie es auch gar nicht ! « Der gute Omar hatte nämlich die Eigenheit , mich für allwissend zu halten . Das kam daher , daß ich niemals etwas zu ihm sagte , wofür ich nicht einstehen konnte . Sein Vertrauen zu meinem Worte war geradezu rührend . Er stand jeden Augenblick bereit , auf mich zu schwören . Seine eigene Wahrheitsliebe hatte mich verpflichtet , gegen ihn , selbst im Scherz , auch nur wahr zu sein . Das stach freilich so sehr gegen die orientalische Weise ab , daß er mich verehrte , wie wohl noch Niemand von ihm verehrt worden war . Ich bemerkte oft , wenn ich mich plötzlich nach ihm umdrehte , daß sein stiller Blick mit Liebe auf mir geruht hatte ; er fühlte sich dann ertappt und errötete wie ein kleines Mädchen . Andere Herren sagten mir aufrichtig , daß sie mich um die Anhänglichkeit dieses Dieners beneideten . Auf diesem Wege erfuhr ich auch , wie er mich gegen Andere zu nennen pflegte : » Unser Herr ! « Waren wir auf einem Schiffe , so war ich in seinem Auge der vornehmste Herr an Bord , und er nannte mich selbst gegen den Kapitän nicht anders als » unser Herr « . Im Hotel mußte es sich der Wirt gefallen lassen , daß Omar nicht ihn , sondern mich als » unsern Herrn « bezeichnete . Und selbst wenn ich Gast des Vizekönigs von Indien gewesen wäre , so hätte dieser hören müssen , daß ich » unser Herr « sei , nicht aber er . So kam es , daß ich überall , wohin wir kamen , sehr bald von aller Welt , natürlich hinter meinem Rücken und in scherzhafter Weise als » unser Herr « angegeben , verkündigt und erläutert wurde . Ich hatte ihm zwar zu verstehen gegeben , daß ich nur sein , nicht aber auch der Herr aller anderen Leute sei , doch vergeblich ; er blieb bei seiner Verehrung und also auch bei » unserm Herrn « . Und wie er keinem Andern als nur mir vertraute , so stand es auch jetzt ganz unerschütterlich bei ihm fest , daß wir trotz der Aussagen des Kapitäns und seiner beiden Offiziere und trotz aller ihrer nautischen Berechnungen halb zehn Uhr in Colombo eintreffen würden , und zwar allein nur deshalb , weil ich es gesagt hatte . Er sah mich forschend an , um zu ergründen , ob er weitersprechen dürfe , und da ich nicht abmahnend dreinschaute , fuhr er fort : » Sihdi , ist Ceylon die große , schöne Insel , welche arabisch Quelb esch Schark15 genannt wird ? « » Ja . Sie ist sehr schön , und du wirst viele Orte von ihr kennen lernen . « » Was für Menschen wohnen da ? « » Singhalesen , Tamilen , eingewanderte Araber , Malayen und Mischlinge . Die Leute , welche hier auf diesem Deck sitzen , sind meist Singhalesen . « Er schnippste abwehrend mit den Fingern und sagte : » Ich habe sie beobachtet . Sie sind ja Abadet el Assnam16 , die man nicht berühren darf , wenn man sich nicht verunreinigen will . Es wird mir keiner zu nahe kommen , und tut er es , so wehre ich ihn mit dem Stocke von mir ab ! « Da legte ich ihm die Hand wie damals auf die Schulter , sah ihn ernst an und warnte : » Du bist Sejjid Omar , aber noch immer nicht ein guter Mensch . Wer kein guter Mensch ist , der kann auch kein guter Moslem sein . Wir sind alle Brüder . Wohnt der Glaubensirrtum etwa im Körper ? Wie kann dich die Berührung des Leibes , der mit dem Glauben gar nichts zu tun hat , verunreinigen ? ! « Ich drehte mich um und ging . Ich mußte zwischen den Singhalesen hindurch . Es saßen da mehrere Familien beisammen , liebe , freundliche , saubere Menschen , die Väter , die Mütter und die Kinder . Ein kleiner , fast splitternackter Junge war dabei , dunkeläugig , bausbäckig , vollbäuchig , mit quatscheligen Händen und Füßen . Ich hob ihn zu mir empor , küßte ihn auf die Stirn , setzte ihn wieder hin , drückte ihm ein kleines Silberstück in die Miniaturpatschen und ging . » O Sahib ! Sahib is good ! Sahib have thank ! « rief es hinter mir her . Diese Leute sprechen immer einige Brocken englisch . Nach Omar sah ich mich nicht um . Er hatte seine Lehre und seine Strafe weg ! Es war für mich gar nicht schwer gewesen , zu bestimmen , wann wir ankommen würden . Man weiß ja ganz genau , wieviel Seemeilen zu machen sind , und man erfährt , so oft man will , wieviel das Schiff zurückgelegt hat und wieviel Knoten es in der Stunde macht . Aber gewöhnlichen Fragern steht ein Offizier natürlich nicht gern Rede . Er sagt irgend eine Zahl , und damit ist es gut . Das dunkle , satte Grün der Südwestküste Ceylons tauchte vor uns auf . Wir machten eine Schwenkung . Zur linken Hand erschien die Mutwal-Spitze , rechts der Damm ; Masten und hohe Dampferessen ragten auf - - da kam Sejjid Omar gelaufen , hielt mir die Uhr hin , welche ich ihm als Unterstützung seiner Pünktlichkeit geschenkt hatte , und rief : » Sihdi , du hast wieder Recht : Es fehlen sogar noch vier Minuten an halb zehn ! Wirst du als Gast bei Jemand wohnen oder im Hotel ? « » Grand Oriental-Hotel . Zwei Minuten vom Landeplatz . Nenne meinen Namen nicht ! « Mehr brauchte ich nicht zu sagen . Er war gewohnt , Alles ganz allein und auf das Beste zu besorgen . Ich hatte nur auszusteigen und nach dem Hotel zu gehen , was der Kürze des Weges wegen erlaubt war . Sonst aber wird ein Europäer , der in Colombo zu Fuß geht , Jeden , mit dem er verkehrt , blamieren . Es gab ,