, ihren Beichtgroschen , wie es Sitte war seit undenklichen Zeiten , und niemand nahm daran einen Anstoß , und erhielten einen Spruch auf ihren Lebensweg ; Hansen aber sah der Pastor mit einem frohen Lächeln an , dann nahm er seine Hand , legte ihm die Rechte aufs Haupt und sprach : » Halte , was du hast . « Das war in einer kleinen Sakristei , die getünchte Wände hatte , und stand da ein Tisch aus gestrichenem Holz , und darauf lag Bibel und Gesangbuch , davor das Kruzifix und ein Strauß Herbstblumen in einer blauen Glasvase ; das Fenster war geöffnet , und von draußen kam das Murmeln der gehenden Menschen und herbstlicher Sonnenschein , der in Tropfen durch das Laub eines Baumes fiel . Wie Hans in die Kirche zurückkam , wartete da eine Taufgesellschaft , und war die Mutter früher Dienstmädchen bei der Herrschaft gewesen , die einen Waldwärter geheiratet , und hatten das erste Kind . Die Frau saß in einem Kirchenstuhl , mit verlegenem und glücklichem Gesicht , und rosig und lächelnd und hielt das Kindchen auf einem Kissen im Arm und schaukelte es , damit es nicht schreien solle , das Kind aber wollte gar nicht schreien , sondern sah erstaunt nach dem großen Hängeleuchter , der mitten in der Kirche von der blauen , goldgesternten Wölbung herabhing . Der Vater stand aufrecht daneben in straffer Haltung , als ein früherer Soldat , und trug einen Bart rund ums Gesicht , in dem Oberlippe und Kinn ausrasiert waren , so daß nur der Kranz blieb ; und auch er blickte glücklich und stolz auf das Kind , doch suchte er unbeteiligt auszusehen und wollte seine Gefühle verbergen , als unpassend für einen gräflichen Beamten . Die beiden Großeltern sollten Pate stehen , denn die Eltern mochten keine Patengeschenke von Fremden betteln . Die saßen gleichfalls , und ließ der Großvater seine Uhr an der härenen Kette baumeln , und wunderte sich , daß das Kind gar nicht auf die Merkwürdigkeit achten wollte , indessen die Großmutter zur Seite geschäftig in allerhand Linnenzeug kramte . Wie der Pastor in die Kirche zurücktrat , erhoben sich die Sitzenden und traten alle zum Taufbecken . Die Mutter sah den alten Pastor an , der auch sie einst getauft , dann eingesegnet und endlich getraut hatte , und wurde noch röter , und ihr frisches Gesicht strahlte und wollte gewiß sagen , daß er das Kind bewundern solle , wie groß es war und verständig , aber sie besann sich noch zu rechter Zeit , daß das unpassend gewesen wäre , und in ihrer Verlegenheit schoß ihr eine ganz feurige Welle über das Gesicht , und machte einen Knicks vor dem geistlichen Herrn , wie es ihr früher beigebracht war , wenn sie auf dem Schlosse etwas der Herrschaft zu übergeben hatte , und reichte ihm das Kind . Der alte Mann lächelte freundlich , nahm es ihr ab , faßte ihm die Bäckchen und gab es der Großmutter , indem er der ganz verwirrt gewordenen Mutter zunickte . Indem goß der Kantor das Wasser in das Taufbecken und prüfte mit dem Finger die Wärme ; dann fand die Taufhandlung statt , bei der das Kind sich artig und ruhig hielt , dank der unermüdlichen Bewegungen der Großmutter , denn nur wie es die dreimalige Benetzung verspürte , schien es erstaunt und schlug die Augen über sich , und der Großvater , welcher der Stolzeste schien , rühmte es durch ein leises Wort dem Vater ; am Ende kniete die Mutter nieder , und der Pfarrer erteilte ihr den Segen . Karl erwartete Hansen , denn er hatte ihm Wichtiges zu sagen und wollte seine Seele erleichtern durch Erzählen . Schon seit etlicher Zeit hatten sich die beiden entfernt , unmerklich und ohne sichtbaren Grund , wie sich zwei Baumstämme trennen , die , im Meer treibend , einander gefunden hatten und zusammen dahinschwammen , eine lange Weile . Wenn sie sich trafen , hatten sie sich nichts zu sagen , trotzdem doch sonst der Jugend das Herz leicht überfließt von dem vielen Neuen , das durch Auge und Ohr hereinkommt und gebildet wird durch den schöpferischen Verstand , und deshalb sprachen sie Gespräche wieder , die sie vorzeiten geführt , wiederholten Worte , die damals lebten und nun tot waren , und wunderte sich im stillen ein jeder , wie wenig er zu sagen wußte . Aber heute war in Karl eine alte Liebe erwacht , und sein Herz sehnte sich nach einem teilnehmenden Gesellen . So feinfühlig sind wir , ohne daß wir es ahnen , daß das Fremde , das in uns gekommen , auf beiden Seiten wirkend , uns trennt ; erst als seine Reue die Schuld hinauswarf , waren sie wieder zusammen wie vorher . Karl erzählte aber von Johanna und seiner Liebe zu ihr , und wie er sich bisher nicht frei machen konnte , trotzdem er sich selbst verachten müsse , und er sehe klar , daß er immer niedriger und schlechter werde durch seine Zuneigung ; heute aber habe er einen festen Entschluß gefaßt , daß er sich befreien wolle aus seiner Untertanschaft . Nicht so sprach er , wie hier mit abgezogenen Worten geschrieben ist , sondern er redete als ein Halbwüchsling ; und ein Mensch , der nicht weiß , welche Bedeutung die Handlungen des Menschen haben , hätte seine Erzählung für kindisch gehalten und sein ganzes Erlebnis . Aber das ist eine oberflächliche Meinung , die durch die äußere Gestaltung , welche einer Handlung Alter und Bildung und sonstige formgebende Dinge anziehen , sich bewegen läßt in ihrem Urteil , und einen sittlichen Kampf belächelt , weil er in dem siegfriedhaften Wesen eines unerfahrenen Gemütes vor sich geht und um Dinge , die einem Erwachsenen unbedeutend erscheinen ; da doch solche Vorgänge wichtiger sind , weil sie auf die weitere Bildung des Charakters einwirken , wie scheinbar bedeutsame Ereignisse in späteren Jahren . Es kann ja kein Mensch trösten , denn es gibt keinen Trost , außer den einen , den jeder schon weiß , daß wir Vergangenes nicht ändern können ; aber in der bloßen Erzählung war ein Trost für Karl ; denn indem er alles genau seinem Freunde schilderte , wußte er , daß er ein Zeichen von sich gab dessen , daß er nicht wieder zurückkehren würde zu dem , was zu verlassen er sich vorgenommen . So gelangte er ans Ende seiner Geschichte frohen Mutes , und auch Hans war fröhlich , und beide freuten sich einer neuen Freundschaft , die ihnen leuchtete wie ein Ährenfeld nach einem erquickenden Sommerregen , wenn die Sonne sich in tausend frischen Tropfen spiegelt und die Erde einen nahrhaften Geruch ausströmt , denn die Gedanken junger Leute laufen noch mit eiligen Kinderfüßen , und besonders laufen sie eilig vom Trüben zum Trostreichen . Aber wer zu urteilen wüßte über Menschen und Schicksale , ahnen könnte aus ihrem Wesen , der hätte gesehen , daß Karl wohl guten Willen hatte und einer guten Leitung folgte ; aber in seinem Innern war doch Zuchtlosigkeit und Schwäche , und auf irgendeine Weise mußte Schwäche einmal sein Schicksal entscheiden . Jetzt war es so , daß einmal und für einen flüchtigen Augenblick und unverstanden aus den grauenhaften Tiefen , die wir ja alle haben , in ihm der Gedanke auftauchte : er möchte Hansen töten ; das war ein nichtiger Gedanke , wie uns tausende durch den Kopf gehen , ohne Folgen und selbst ohne Möglichkeiten von Folgen ; es war nur ein leises Lebenszeichen des Bösen in ihm , das sich des Vertrauens schämte und Haß empfand gegen den Mitwisser der Schwäche . Die beiden waren im Walde gegangen durch raschelndes Buchenlaub ; wie sie zurückkehrten und zwischen den Bäumen hervortraten , standen sie oberhalb des Dörfchens , das sich lang das Tal in die Höhe dehnte ; die Kirchenglocke läutete zur Beerdigung , und auf dem Kirchhofe predigte der Pastor vor einem offenen Grabe , an dem die Leidtragenden standen . Der Verstorbene war ein recht unglücklicher Mensch gewesen ; denn schon seine Eltern hatten im Armenhause gelebt und als leichtfertiges und träges Volk , und wie er noch ein ganz kleines Kind war , hatte ihn die Mutter einmal im Zorn auf die Erde geworfen , davon er sich die Hüfte verrenkt , und war ihm das Bein verdorrt , so daß er sich nur mit mähseligem Humpeln weiterschleppen konnte ; hierdurch erhielt er den Namen Hinkeding . Wie er etwa sieben Jahre alt sein mochte , starben seine beiden Eltern , und die Gemeinde gab ihn dem Abdecker in Kost , der außerhalb des Dorfes lebte ; bei dem hatte er es noch übler wie bei den rohen Eltern , denn er erhielt nur schlechte Nahrung und geringe Pflege und mußte trotz seines Gebrechens und seiner Jugend doch viel arbeiten , das er zwar willig tat . Die böse Dorfjugend beschimpfte ihn um diese Arbeit noch weiter und nannte ihn Wasenmeister , und mochte sich darum kein andres Kind mit ihm abgeben , auch hätten die Eltern es denen verboten , wenn sie es getan hätten . So wuchs Hinkeding roh und tückisch heran , nur mit dem alten Wasenmeister und seiner bösen Frau hatte er zu sprechen , die in schlechtem Rufe standen , außer ihrem ordentlichen Geschäft , daß sie allerhand Zauberei und Aberglauben treiben sollten . Beim Konfirmandenunterricht mußte er allein auf einer Bank sitzen , denn der damalige Pfarrer war zu schwach und unverständig , um dem Unwesen zu steuern , und nach den Stunden fielen oft die andern über ihn her und schlugen ihn , wiewohl er sich wehrte mit allen Mitteln , indem er trat und kratzte , und einmal zog er selbst ein Messer . Niemals durfte er auf den Tanzboden kommen , und auch die geringsten Mädchen wendeten sich von ihm mit Verachtung , denn selbst einer Gutsmagd uneheliche Tochter , die bei einem Bauern diente und ein Auge verloren durch einen Stich mit der Heugabel , mochte nicht mit ihm sprechen . In solchen Lebensverhältnissen hatte sich in ihm eine besondere Bosheit ausgebildet , daß er die Kinder erschreckte , indem er plötzlich eins faßte und ihm unheimliche Dinge sagte , die er vielleicht auch ausgeführt hätte , wenn er es gewagt , oder daß er den Mädchen bösartigen Schabernack antat , um den er dann wieder von den andern mit Grund gehaßt und verfolgt wurde . Später warf er sich darauf , allerhand Bücher zu lesen , die er bekommen konnte , denn wiewohl er in der Schule nichts gelernt hatte , weil in den Zeiten , wo er jung war , sich um solche Kinder niemand bekümmerte , wußte er sich allerhand Künste doch aus seinem eignen Geiste zu lehren und hatte auch ohne Anleitung das Lesen gelernt . Aus diesen Büchern kam ihm nun viel verwirrtes Zeug in seinen Verstand , denn er verschmähte einfache und schlichte Schriften , die er hätte verstehen können , sondern wollte Bescheid wissen , wie die Welt geschaffen , und weshalb das Böse in die Welt gekommen , und wie weit der Himmel von der Erde entfernt sei und solche Dinge , denn es hatte wohl seine arme , umdüsterte Seele ein Sehnen nach Gott und nach Gerechtigkeit ; denn wenn auch die Liebe dem natürlichen Menschen nicht eigen ist , so hat er doch ein Streben nach Gerechtigkeit . Dergestalt kam er auf eigne Gedanken , daß es keinen Gott geben könne , weil da ein Stern war , dessen Licht erst nach viertausend Jahren zu uns kam , weil er so weit entfernt von der Erde war . Und bei dieser Meinung blieb er ; wie er aber nichts weiter hatte , an das er sich halten konnte , so wurde er hochmütig auf seinen Verstand und verachtete alle andern Menschen und verhöhnte sie , und diese hinwiederum beharrten in ihrem alten Spott und Haß und vermehrten nur ihr Lachen , wie sie von seinen Ansichten merkten ; und wenn er auch allen andern Spott fühlte , so spürte er hier doch nichts davon , daß sich die jungen Burschen über ihn lustig machten , wo sie ihn fragten , wie lang und breit der Himmel sei und ähnliches , sondern erklärte ihnen seine Meinungen , achtete gar nicht ihres Lachens , sondern hielt dieses wohl gar für Anerkennung und verhöhnte sie wegen ihrer Dummheit und Unbildung . Und so groß war sein Eifer , wenn er dergestalt lehren und sich rühmen konnte , daß er gar nicht merkte , wie er Hinkeding Wasenmeister genannt wurde , welche Namen ihn sonst zu heftigem Zorne bringen konnten . Wie der jetzige Pfarrer seines Vaters Stelle erhalten , war es schon zu spät gewesen , noch auf den armen Menschen einzuwirken , denn die Bosheit war schon ganz unausrottbar in ihm gewurzelt , und seine Meinungen hatten sich so in ihm befestigt , daß sie nicht mehr vernichtet werden konnten . So war es mit ihm denn immer schlimmer geworden , daß er am Ende ein gefährlicher Mensch war , der nur durch ein Wunder noch kein schweres Unheil angerichtet , vielleicht weil ihn seine Unbehilflichkeit an vielem hinderte . Denn weil sein eignes Gemüt schlecht war , und weil gegen ihn alle Menschen sich schlecht gezeigt hatten , so bildete er sich die Gedanken , es gebe gar keine Güte im Menschen , und sei auch allen alles erlaubt , nur daß sich immer einer vor dem andern fürchte . Dieser unglückliche Mann war nun im Hochalter gestorben ; und wiewohl die Leute im Dorf gewollt hatten , daß er beigescharrt werde wie ein Tier , wegen seiner Lästerungen und Bosheiten , hatte der Pastor doch verlangt , daß er ehrbar geleitet wurde , und nun hielt er ihm selbst eine Predigt . Jetzt stand der Mann vor Gottes Thron und wartete auf sein Urteil . Und sein Ankläger brachte ein großes Buch vor , in dem standen geschrieben die vielen Schmähungen und Lästerungen , Bosheiten und schamlose und niederträchtige Handlungen . Denn als eine im tiefsten Innern böse Person hatte er sich selbst an den unschuldigen Tieren und an jungen Bäumchen vergriffen . Aus bloßer Lust hatte er viele hundert junger Bäume abgeschnitten , die in Fröhlichkeit sich in der Frühlingsluft zu strecken gedachten , und Tiere hatte er nicht nur geworfen und geschlagen , sondern einmal hatte er einem jungen Hunde , der ihm treuherzig gefolgt war , ein Auge ausgestochen , und einem Pferd hatte er brennenden Schwamm unter den Schwanz gebunden . Nichts konnte sein Verteidiger erwidern , wie daß er erzählte von seiner elenden Kindheit und jämmerlichen Jugend , und daß er nur Schlechtes gesehen hatte in seinem Leben und nie Gutes ihm erwiesen war . Aber vor Gott gibt es keine Entschuldigung aus diesen Dingen , denn er sagt , daß er den Menschen eine reine Sonne an den Himmel gestellt hat , zu der sollen sie aufschauen . Da erzählte der Verteidiger zuletzt eine Geschichte , die einzige , die er hatte aufzeichnen können in seinem Buch . Vor langen Jahren , der Mann war noch ein Jüngling gewesen , hatte er einmal an einem Raine unter einem Quitschenbaum gesessen und an einem hölzernen Löffel geschnitzt , denn er erhielt sich durch Anfertigung und Verkauf von allerhand Holzwaren . Da kam ein kleiner dreijähriger Junge zu ihm , dessen Eltern im Feld arbeiteten und durch einen geringen Hügel verdeckt waren , nannte ihn und bat , er solle ihm eine Pfeife machen ; er konnte aber noch nicht alle Buchstaben sprechen , deshalb sagte er zu ihm Inkeding . Da sah Hinkeding das Kind an , stieg auf den Baum , der hoch war und glatt , schnitt ein passendes Reis ab und machte dem Kind eine Pfeife , indem er beim Klopfen das Liedchen sang , welches er selbst als Junge oft gehört , aber nie über seine Lippen gebracht hatte , weil er allein war und keine Pfeife haben mochte . Er war noch ein Jüngling gewesen damals , und als er älter wurde , schnitt er die Bäumchen ab und stach dem kleinen Hund ein Auge aus ; aber Gott sieht nicht in der Zeit wie wir , sondern ohne die Zeit ; was wir Menschen auch tun sollten , wenn wir uns herausnehmen , in sittlichen Dingen zu urteilen ; und weil er keine Seele von sich läßt , die auch nur eine Ahnung des Guten hat , denn er meint , daß durch Güte sich Güte vermehrt , was freilich nur für den Himmel paßt , und nicht für dieses irdische Gefängnis unsrer Seele hienieden , so nickte er dem Manne freundlich zu und nahm ihn auf in sein ewiges Leben . In dem Augenblicke hatte der Pfarrer seine Rede am Grabe beendet , und der eine oder andre der Umstehenden nahm sich vor , er wolle künftig seinen Kindern verbieten , solche Menschen zu verspotten , und wolle ihnen selbst ein Beispiel geben . Und die beiden Jünglinge oben am Waldesrande , die auf den Gottesacker niedersahen , dachten , daß sie eben froh gewesen waren , und daß ein Mensch begraben wurde , der unglücklich gewesen in seinem ganzen Leben . Nun hatte Hans die Schule durchgemacht und das Examen bestanden ; so sollte er jetzt die Universität beziehen . Bis dahin war er nie ganz von Hause weg gewesen , denn wenn er auch in den Wochentagen im Löwenhof in einem Dachkämmerchen war und in der Schule auf den Bänken saß zwischen den andern , so pilgerte er doch jeden Sonnabend nach Hause , durch den hohen Tannenwald , an stillen Holzhauerdörfchen vorbei zu seinem Vaterhaus , das auf einer umschlossenen Waldwiese stand , in schwarzen Schiefern , und krausen Rauch schickte es in die helle Luft . Aber nun sollte er weit fort reisen mit der Eisenbahn , aus den Bergen in das ebene Land , und erst nach Monaten kam er wieder in die Heimat ; und wenn er dann seine Studien beendet , wer weiß , in welche Ferne er dann gehen mußte . Da rief ihn die Mutter zu sich und ging mit ihm in die Schlafkammer oben , um ihm ungestört ihre Abschiedsworte zu sagen . Sie machte ein Gleichnis und sprach : Wenn du einen Tropfen Essig schüttest in ein Faß edlen Weines , so wird der Essig zu Wein ; und umgekehrt , wenn du einen Tropfen Wein gießest in ein Faß mit Essig , so verliert er seine Natur und wird zu Essig . Also ist auch der Menschen Natur , denn wenn ein guter Mansch kommt in böse Gesellschaft , so verliert er alsbald seine Art und nimmt schlechte Art an , gleichwie ein Böser , der in gute Gesellschaft kommt , sich zu guter Art schlägt . Dieses bedenke und hüte dich vor lockeren Buben , die du viele treffen wirst auf der hohen Schule und in der großen Stadt . Denn wir , ich , dein Vater , deine Großmutter und unsre Magd Dorrel haben uns getreulich bemüht , daß du ein guter Mensch werdest ; jetzt aber müssen wir dich ziehen lassen , mit Furcht und Sorgen , daß du uns nicht verdorben werdest und zurückkehrest als ein nichtsnutziger und verkommener Mensch . Und laß dich auch nicht verführen durch Neugierde und Eitelkeit , daß du zu tun bekommst mit solchen Buben , und du meinst , es soll nur auf kurze Zeit sein , nachher aber gedenkst du sie zu meiden ; sondern denke , daß das Böse sich an den Menschen hängt wie Kletten , auch durch leise Berührung , und schwer ist es , daß sich einer wieder befreit von dem Unkrautsamen an seinem Gewande . Besonders aber warne ich dich vor der Eitelkeit ; denn du weißt wohl , daß die Bösen spotten über die Guten und ihnen vorwerfen , sie seien unfrei , weil sie nicht tun wie sie und hören auf erfahrene Leute , dahingegen doch die Bösen selbst unfrei sind , denn wohl tun sie die ersten Schritte ohne Zwang , alle weiteren aber als Knechte ihrer früheren Taten ; ein Trinker kann nicht mehr lassen vom Trinken und ein Hurer vom Huren , sondern ihr Teufel zieht sie hinter sich her an ihren Haaren . Du mußt aber wissen , daß dieses die besondere Verblendung des Satans ist , daß er macht , daß seine Knechte sich für frei halten ; denn sie lügen nicht , wenn sie der andern spotten , sondern reden aus ihrer wahren Meinung . Und wirst du nicht bloß böse Buben finden , sondern auch schlechte Mädchen , die dich verführen wollen zu Unkeuschheit und Werken der Wollust . Dazu wird deine eigne Begierde wach werden , denn du bist jetzt in die Jahre gekommen , da der Mann sich nach dem Weibe sehnt , und geschieht diese Verführung aus dem natürlichen Menschen und ist deshalb stärker wie die andre zum Trinken , Spielen und Balgen . Deshalb denke , daß du keusche und reine Eltern gehabt hast , denn dein Vater ist in das Ehebett gestiegen als ein unbefleckter Jüngling , gleichwie ich als reine Jungfrau . Und denke ferner , daß du einst ehelichen wirst und Kinder haben ; aber was für Kinder wirst du bekommen , wenn du deine Kräfte ausgibst in jungen und unfertigen Jahren ! Wenn du dich vergleichst mit deinem Vater , so wirst du finden , daß du einmal größer und stattlicher sein wirst , wenn du in dein Alter kommst , obwohl du viel in der Stube und über Büchern hast sitzen müssen ; dessen Ursache ist das ehrbare und ordentliche Leben deines Vaters , der sich zusammengehalten hat in seiner Jugend , damit sein Sohn einst tüchtig sein solle . Aber wenn du diese beiden Gefahren vermeidest , so wird dir eine dritte begegnen . Denn du wirst in der Stadt Mädchen finden , die sind zwar ehrbaren Wandels und ordentlichen Herkommens , und man kann ihnen nichts nachsagen ; aber sie mögen nicht an sich selbst schaffen , sondern sind leichten Herzens und denken nicht an die Zukunft , und meinen , alles sei gut , wenn sie nur einen Mann haben , den sie lieb haben können . Hüte dich , daß du dich mit solchen Mädchen einläßt und etwa denkst : ich will mich verloben jetzt , und wenn ich fertig bin mit meinen Arbeiten , so will ich sie heiraten , und denkst : ich habe sie lieb , und sie hat mich lieb , und wir werden ein gutes , christliches Ehepaar sein , ehrlich leben und unsre Kinder gut aufziehen . Dieser Liebe sollst du mißtrauen , obwohl sie mit großer Schmeichelei deiner Natur und Seele daherkommt . Denn ein junger Mensch hat keine Erfahrung und weiß nicht , wie schwer es ein Hausvater hat , und was ein Haus kostet , und wie tüchtig ein Mädchen sein wird als Hausmutter . Deshalb öffne deine Augen und betrachte die Menschen , die sich frühzeitig verloben und verheiraten ; da wirst du finden , daß das alles ein leichtes Volk ist , das sich freut ein Jahr lang , und das andre Leben bringt es hin mit Sorgen und Borgen . Auch ich , deine Mutter , habe eine Liebe gehabt , wie ich achtzehn Jahre alt war , zu einem jungen Kaufmann , und wie mein Vater nichts wissen wollte von dieser Liebe und der Bewerber traurig von ihm ging , da meinte ich , daß ich sterben müßte vor Kummer , und wäre ins Wasser gegangen , wenn ich nicht Gottes Wort gehabt hätte . Heute segne ich meinen Vater im Grabe , daß er hart gegen mich war aus Liebe , denn der Mann ist leichtsinnig gewesen und hat sein Vermögen vertan durch törichtes Bauen und übermäßige Erweiterung seines Geschäftes , weil er etwas Besonderes vorstellen wollte . Dann harrte ich sieben Jahre , und da kam dein Vater ; das war eine andere Liebe , die ich zu dem hatte , denn ich ward ruhig durch ihn und stark . Er hat mir keine süßen Worte gegeben und mich nicht gerühmt ; aber seit ich seine Ehefrau bin , habe ich keine andre Sorge gehabt als die , welche Gott jedem Menschen auferlegt , nämlich um ihn in seinem Beruf , das ihm nicht ein Unglück geschieht , und um dich , mein geliebter Sohn , daß du gesund und gut aufwachsest ; und ein bös Wort habe ich nie von ihm gehört . Darum habe ich dir das erzählt , wiewohl es mir eine schwere Aufgabe war , weil diese dritte Versuchung die schwerste ist . Denke an meine Worte , wenn du vermeinst , daß du ein Mädchen getroffen habest , von der du nicht wieder lassen kannst . Vergiß nicht , daß erst das Weib den Mann zum Manne macht , deshalb darf der Mann kein Jüngling mehr sein , und deshalb soll er sein Weib auswählen , nicht bloß nach dem Gefühl der Liebe , wie es von den heutigen Dichtern beschrieben wird , sondern mit Ernst und Furcht . So sprach die Mutter zu Hans . An manchen Stellen ihrer Rede färbte die Scham ihre Wangen ; aber sie sprach ruhig und sicher , als eine Mutter zu ihrem Sohn . Und der Sohn ward bewegt in seinem Herzen und fühlte , wie er seine Mutter liebte , die stattlich und stolz vor ihm stand mit dem glatten und blonden Scheitel . Hans antwortete , daß er ihre Worte behalten wolle . Und er glaube , daß er keine großen Anfechtungen erleiden werde . Denn es ist wohl ein unchristliches Gefühl , das ich habe , aber ich glaube doch , daß meine Meinung richtig ist : ich denke nämlich , daß ich besser bin wie alle andern jungen Leute , die ich bis jetzt gesehen , und deshalb muß ich mich zusammennehmen , damit ich später auch etwas leisten kann , wenn ich ausgelernt habe . Und ich will mich auch hüten , daß ich nicht hochmütig werde , denn ich kann ja nicht so viel für mich , sondern das meiste habe ich von Natur , nämlich von euch . Nach diesem Gespräch war ein neues und andres Leben zwischen Hans und die Mutter gekommen ; er war freier gegen sie und offen , wiewohl er ihr auch früher nichts Besonderes verheimlicht hatte ; aber er hatte das Gefühl , daß er jetzt zu ihresgleichen herangewachsen sei , gleichwie er vor Jahren zu Dorrel herangewachsen und ihr gleich , bald dann auch ihr überlegen geworden war . So blieb jetzt nur noch der Vater über ihm . Gegen den Vater hatte er noch die alte kindliche Scheu ; gegen die Mutter aber hatte er eine neue Scheu bekommen , wie er sie etwa gegen seine Braut gehabt hätte , und eine neue Liebe seit jener Bewegung im Herzen , die mehr zärtlich war wie früher . Solches sind die Ringe unsrer wachsenden Seele ; und wenn unsre Seele in Gesundheit und Kraft zunimmt , so setzt sie solche Ringe einen nach dem andern an , und unser innerer Kern wird immer heimlicher und verborgener vor dem Ahnen der andern Menschen . Aber wie die Mutter mit Hans gesprochen hatte , da nahm ihn auch Dorrel mit sich auf ihr sauberes Dachkämmerchen , wo ihr hochaufgetürmtes Bett stand mit rot und weiß gewürfeltem Bezug , und ein blankgescheuerter hölzerner Stuhl , und ein großer Koffer , mit bunten Blumen bemalt . Den Koffer öffnete sie , zeigte ihm , was darinnen war , und sprach , daß er einst erben solle , was sie besitze , denn sie habe nur einen Bruder gehabt , der sei nach Amerika gegangen und habe dort eine Bauernstelle erworben , seit langen Jahren aber habe sie nichts mehr von ihm gehört und wisse gar nicht , ob er noch lebe und Kinder habe ; in fremde Hände aber solle ihr Gespartes nicht fallen . » Aber wenn du einmal heiratest , so schenke ich dir dieses Tischtuch und zwölf Servietten ; dazu habe ich den Flachs selbst gesät , gezogen , gebrochen , gehechelt und gesponnen , und vom Weber habe ich ihn mir weben lassen mit künstlichen Figuren von Bäumen und Tieren und einem Jäger . Jetzt ist das Leinen zwar noch hart und sieht grau aus , aber wenn es erst ein Jahr lang im Gebrauch gewesen ist , so wird es weich , weiß und glänzend . Nur hüte dich vor den faulen Wäscherinnen , die in der Apotheke fressende Gifte kaufen , die verderben dir deine gute Leinwand , und du hast am Ende nur Lumpen . « Danach zeigte sie ihm ihr Sterbehemd , das hatte sie auch selbst gesponnen und mit schönen Spitzen besetzt und wollte sie mit ins Grab nehmen ; ihre übrige Wäsche aber , die gebraucht ist , welche er nicht behalten wollte , sollte er verschenken , einem armen und ordentlichen jungen Dienstmädchen , das sich noch nichts hat anschaffen können , und dem damit geholfen ist ; » aber es muß ein ordentliches und fleißiges Mädchen sein , die meine Sachen trägt mir zu Ehre und sie sauber hält , nicht so ein faules Bettlergesindel , das in Lumpen umhergeht . « Am Ende zog Dorrel noch ihre besonderen Kostbarkeiten hervor , an denen ihr Herz am meisten hing . Da war erstlich ein gestickter Tabaksbeutel , den hatte ihre Mutter ihrem Vater einst als Braut geschenkt und hatte derzeit zwei Taler gekostet , war auch nie gebraucht von ihrem Vater , aus Ehrfurcht , weil er so teuer gewesen . Den hatte ihr Bruder damals mitnehmen wollen nach Amerika , aber sie hatte ihn nicht hergegeben , weil sie dachte , in Amerika