die Schiffskapitäne Karten spielten . Dann war Allersen fort - auf Ellens Sommerfahrt wollten sie sich wiedertreffen . Am letzten Tage , als ihre Koffer schon gepackt standen , begegnete sie dem Versucher , den sie jetzt auch wieder öfters sah . Es war allmählich eine Art frivoler Kameradschaft zwischen ihnen geworden , sie gingen zusammen ins Café , lachten , spielten eine Zeitlang mit dem Feuer und trennten sich dann wieder . Ellen ließ sich auch heute wieder mitziehen in das Bahnhofsrestaurant , wo nachmittags die bekanntesten Lebemänner der Stadt saßen und durch die Glasscheiben des runden Erkers die Vorübergehenden kritisierten . » Das ist nun das letztemal « , sagte Ellen . » Schade , schade , und wie steht ' s mit der Moral ? « » Immer das gleiche . « Er kam eben vom Reiten , war in hohen Stiefeln und ließ die Reitpeitsche auf dem Tisch tanzen . » Nein , es ist wirklich schade um den schönen Leichtsinn , denn den haben Sie doch in sich . Und dann mit dem Trottel da verlobt sein - . Soll ich Ihnen einmal weissagen - darauf verstehe ich mich einigermaßen ? « » Ja , bitte . « » Also Sie - Ellen , Freiin von Olestjerne , mit Ihrer guten Erziehung und Ihrem unglaublichen Lachen - , Sie werden noch eine von den Allerschlimmsten werden , wenn Ihre Zeit erst einmal gekommen ist . « » Das ist sehr möglich « , meinte sie . » Nun also , warum denn noch dieser Tugendpanzer ? Glauben Sie nur nicht , daß er Ihnen gut steht , dazu sitzt er viel zu lose . - Ich möchte doch übrigens wissen , wer Sie die ersten Flötentöne gelehrt hat ? « » Sie ! « » Ach , das ist ja nicht wahr , das sagen alle Frauen . Da wäre man immer der erste . Und was haben Sie denn von mir gelernt ? Sie sind ja immer noch ebenso verlobt . « Ellen lachte - dann nahmen sie Abschied . Ellen fühlte etwas wie Reue um schöne , nichtbegangene Sünde . - Wenn er doch einmal ihre Gedanken erraten hätte , ihr das Rätsel gelöst , von dem alles abhing . Aber das Unglück lag darin , daß er sie für viel raffinierter hielt , wie sie war . Aber trotz allem wogte eine selige Stimmung in ihr , als sie die Allee zum elterlichen Hause hinaufging - zum letztenmal ! Jetzt war sie keine Gefangene mehr , alles lag so wundervoll weit und unsicher vor ihr . Die Mutter stand schon an der Gartentür und sah nach Ellen aus . » Wo bleibst du wieder so lange ? Gott sei Dank , das hat nun ein Ende ; wenn du wiederkommst , werden wir eine andere Ordnung einführen . « Nach Tisch rief der Vater sie herüber . » Wir lassen dich jetzt zum erstenmal ohne Begleitung reisen , Ellen . Ich erwarte von dir , daß du dich auch danach benimmst - vor allem bitte ich dich , deine sogenannten Ansichten nicht überall auszuposaunen . - Im Herbst wollen wir dann einmal weitersehen - vielleicht findet sich bei unseren Bekannten irgendeine Gelegenheit , deine Ausbildung als Lehrerin zu verwerten . « » Papa , ist es ganz ausgeschlossen , daß Ihr mich Malerin werden laßt ? « » Hast du den Blödsinn immer noch im Kopf ? - Dann schlag es dir jetzt ein für allemal aus dem Sinn - all diese Emanzipationsgeschichten . Glaubst du , ich werde dich mit deinem törichten Hang zur Ungebundenheit allein in die Welt hinausschicken ? Aber das sind Sachen , die du nicht verstehst - - « Dann nahm er einen Brief vom Tisch und warf ihn wieder hin : » Hast du etwas davon gewußt , daß Detlev Schulden hat ? « » Nein « , aber Ellen fühlte , wie sie rot wurde . » Und auch nicht von der Duellgeschichte ? « » Nein ! « » Ellen , ich will die Wahrheit wissen . « » Ich hab ' ihm versprochen , nichts davon zu sagen . « Und nun brach sein Zorn hervor : » Immer steckt ihr unter einer Decke , ihr beiden - gegen uns , gegen alles . - Was wollt ihr damit ? - Was setzt ihr euch in den Kopf ? zu fügen habt ihr euch , und ihr werdet euch fügen , solange wir leben . « Ellen stand hinter ihrem Stuhl und wiegte ihn langsam hin und her , sie fühlte , wie jedes Wort kalt an ihr herunterlief , und die ganze jahrelange Erbitterung regte sich in ihr gegen diese zermalmende Strenge . Und der Vater wurde immer heftiger , ging rasch hin und her und blieb dann vor ihr stehen . » Ihr habt nichts getan , ihr beiden , wie uns das Leben verbittert , seit Jahren - « Sie zitterte innerlich vor seinem Zorn und wollte nichts sagen , aber plötzlich fuhr es ihr heraus : » Ja , weil ihr uns unsere Jugend nehmen wollt . « » Nimm dich in acht , Ellen « , schrie er auf und machte einen Schritt auf sie zu . Ellen rührte sich nicht , und dann kehrte er rasch um und ging ins Wohnzimmer hinüber . » Kronsee , den 3. August Liebe Lisa - dieser Brief gilt Euch allen - und lest ihn mit Andacht , es ist der erste Schrei aus meiner Gefangenschaft , der ein menschliches Ohr erreicht . Ich bin ja selbst von Detlev abgeschnitten , kann ihn weder sehen , noch ihm schreiben . - Und was mögt Ihr gedacht haben , als der berühmte Krach , den wir uns immer wie mit Freiheitsposaunen vorstellten , so abgelaufen ist - am Ende denkt Ihr gar , ich habe mich gefügt . Aber ich schwöre Euch bei allen unsern Göttern : Ellen Olestjerne wird sich niemals fügen . Das war eine Zeit , Lisa , diese letzten acht Wochen und jetzt immer noch ! Zähneknirschen und Wutschäumen sind nur schwache Worte für das , was ich von Morgen bis Abend empfinde . Aber nun alles der Reihe nach : zuerst kam die Reise nach meiner alten Heimat . - Sie wissen , ich war bei Bekannten in Halmby , unsrer kleinen Seestadt bei Nevershuus . Es war so schön , alles wiederzusehen , ganze Sommertage am Strande zu liegen , die alten Wege zu gehen und ganz eigner Herr zu sein , denn dort kümmerte sich niemand darum , was ich tat . Ich habe wirklich einmal nur so hinausgeschrien vor Lebensfreude nach all den bedrückten Jahren . - Nachher besuchte ich dann noch verschiedene Verwandte weiter nach Norden - daß Allersen überall mit war , haben Sie wohl durch Detlev gehört . - Es war wie in einem Lustspiel , dies fortwährende Trennen und Wiederfinden . Und denken Sie nur , wenn an diesen entlegenen Orten ein Fremder mit schwarzem Bart und unheimlichem Aussehen auftaucht , von dem niemand weiß , wer er ist und was er da will , und wie wir uns dann immer heimlich trafen , meist in aller Morgenfrühe in irgendeinem obskuren Hotel . - Zuletzt unterschlug ich mit vieler List noch ein paar Tage , wir fuhren im Dampfschiff die Küste entlang und blieben , wo es uns gerade gefiel in den Fischerdörfern . Dann kam ich hierher nach Kronsee , alles war gut gegangen - und drei Tage später telegraphiert Papa an meinen Onkel , er möchte sofort zu ihm kommen und der Krach war da . Ich hatte zu Hause in einem Lexikon den letzten Brief von Allersen liegen lassen und meine Mutter hatte ihn zufällig gefunden . Daraufhin brachen sie meinen Schreibtisch auf - Sie können sich ungefähr einen Begriff davon machen , was alles zu Tage kam - mein ganzer Briefwechsel mit Friedl Merold - mit Allersen , Detlev , den Ibsenklubleuten und noch allerhand kleine Torheiten vom letzten Winter - der arme Allersen war ja nur ein verschwindender Faktor in dem ganzen Sündenpfuhl . Als mein Onkel zurückkam - mit mir selbst wollten meine Eltern nicht mehr unterhandeln - all diese Unterredungen , Ausfragen - ich habe getobt , Lisa , bis ich endlich so klug geworden bin , alles schweigend über mich ergehen zu lassen . Denn mir sind einfach die Hände gebunden - man läßt mich nicht aus den Augen , gibt mir kein Geld in die Hand , fängt jeden Brief auf . Außerdem behaupten sie , solange ich nicht mündig bin , könnten sie mich jederzeit zwingen zurückzukommen . Das muß ich erst alles ganz genau wissen . Ich will Ihnen keine Einzelheiten erzählen , Lisa , sonst gerate ich wieder in solche Wut , daß ich alles entzweischlage , und sie sind imstande , mich dann für tobsüchtig zu erklären . Es war schon einmal die Rede von unter Kuratel stellen . - Mir ist schon so zumut , als ob man mich in ein Tollhaus gesteckt hätte , um mich verrückt zu machen , ich schiele nach jeder Tür , um zu entkommen , aber jedesmal steht ein Wächter dahinter . So habe ich mich einstweilen zum Schein ergeben - man hat beschlossen , mich in ein Pfarrhaus zu geben , wo ich Moral und Haushalt lernen soll - und ich habe freudig ja gesagt . Zweitens ist Allersen und mir ein wöchentlicher Briefwechsel gestattet , und wenn wir uns sieben Jahre lang - nämlich bis er eine Stellung annehmen kann - musterhaft führen , dürfen wir sogar heiraten . Er hat sich schriftlich verpflichten müssen , ohne Einwilligung der Familie keinen Schritt in bezug auf mich zu unternehmen . Natürlich wollen sie mir auf diese Weise nur die Waffen aus der Hand winden - ach , Lisa , als ob ich daran dächte , ihn zu heiraten , mir geht es ja nur um meine Freiheit und ums Malen , aber ich hüte mich wohl , das durchscheinen zu lassen . - Ich warte nur auf den Moment , wo sich eine Türspalte auftut - es kommt mir ja schon vor , wie ein erstes Aufleuchten , daß ich einen Brief an Euch fortschicken kann . Mein Onkel ist heute zur Stadt gefahren , und wenn die Tante schläft , will ich versuchen , nach der Station zu rennen und ihn einzustecken . Noch ist nicht einmal sicher , ob es gelingt . Mein Gott , wenn ich doch jetzt soviel Geld hätte , um zu Euch zu fahren oder meinetwegen auch zu Fuß hinzulaufen . Aber dann würden sie mich ja doch erwischen . Kinder , denkt an mich - ich habe vielleicht noch schlimmere Zeiten vor mir . So lebt wohl und vergeßt mich nicht - schreibt mir nicht , ich würde es doch nicht bekommen . Ellen . Pfarrhaus Steensby - - Da bin ich nun als räudiges Schaf mitten unter der Schar seiner Gläubigen - in einem friedlichen Landpastorat - wasche Zimmer auf , putze Lampen und stehe am Herd - frühmorgens , wenn die Hähne krähen . Seit dem ersten Oktober bin ich hier - wurde wie ein sibirischer Sträfling hergebracht - man ließ mich keine Wagenstrecke allein fahren . - Vorher in Kronsee mußte ich noch eine Art Kontrakt unterschreiben , daß ich keine heimlichen Briefe abschicken , nie allein zur Stadt gehen und mich in die Hausordnung fügen wollte . Es ist nur gut , daß ich im Seminar von der reservatio mentalis gelernt habe . Am ersten Abend habe ich mir gleich das Haus darauf angesehen , wie man von hier ausreißen könnte - Türen , Fenster , alles . Ich war eigentlich auf lauter neue Quälereien gefaßt : Verhöre , Bußpredigten , Überwachung - aber nichts von alledem . Es sind sympathische Menschen , die mir nun mit Takt und Freundlichkeit entgegenkommen , - was ich im Gegensatz zu meiner Familie doppelt wohltuend empfinde . Ich mag sie alle gerne und es ist eine einfache , heitre Atmosphäre , in der ich mich wohlfühle . Ja , Lisa , es läuft der Hase manchmal wunderlich - daß ich mich in einem Pfarrhaus zum erstenmal wohlfühlen würde , hätte wohl zur Zeit unsrer Ansichten niemand gedacht . Mit letzteren läßt man mich ganz in Ruhe , und ich mache stillschweigend Kirchgänge und Andachten mit . Ebenso fragt man nicht danach , was ich in meiner freien Zeit anfange und was für Briefe ich bekomme . Ihr könnt mir also ruhig hierherschreiben , und wie lechze ich nach einem Wort von Euch . - Kinder , wie habe ich diesen Sommer oft nach einem Briefkasten ausgespäht , - hier kann ich meine Briefe ungestört nach der Stadt bringen . Alles in allem , Lisa , ich dehne mich in einem langentbehrten Gefühl von Frieden nach - und vor dem Sturm . Denn der schläft ja nur . - Bis zum Frühjahr bleibe ich hier , dann schreibe ich noch einmal heim , ob sie mich freiwillig gehen lassen . Dann haben sie die Wahl , ob sie mich zum Äußersten zwingen wollen . Es wird mir ja auch nicht leicht , mich für immer von ihnen loszureißen , und ich weiß , daß ich ihnen den Rest ihres Lebens zerstöre . - Ich habe doch manchmal Heimweh nach allen - seit ich von zu Hause fortreiste , habe ich keinen von ihnen mehr gesehen , die andern Geschwister haben sich ja auch gegen mich gestellt - nur Detlev nicht . Aber es ist besser , nicht daran zu denken . - 24. März Lisa , nun ist es entschieden . Papa hat auf meinen Brief hin eine Zusammenkunft mit dem Pastor gehabt . Als der zurückkam , war seine gute Meinung über mich bedenklich erschüttert . Mein Vater hat ihm alles erzählt , auch von der Reise mit Allersen , und er war ganz entsetzt . Beinahe drei Stunden hat er auf mich eingeredet , er von seinem Schreibtisch und ich daneben auf dem Stuhl , » wo schon so manche arme gnadenbedürftige Seele gesessen hat « . Er sähe mich ins Verderben rennen , wenn ich von diesem Menschen nicht lassen wollte , denn die Sünde ist der Leute Verderben und unser Verhältnis ein sündiges und beflecktes . - Meine Eltern würden es nie zugeben , daß ich mich selbständig machte - aber er , der Pastor , schlüge mir vor , in seinem Hause zu bleiben . Da sollte ich meine volle Freiheit haben , malen , alles , was ich wollte , und zugleich mich von ihm zu Gott führen lassen , bei dem allein die Wahrheit ist . Er wüßte wohl , daß viel Gutes in mir steckte ( das finden die Pastoren immer bei mir ) . - Aber alles das nur unter einer Bedingung - von Allersen mich lossagen , weil der mich rettungslos herabzieht . Wenn ich das nicht täte , könnte ich auch hier nicht bleiben und müßte zu meinen Verwandten zurück . Denn er wolle sich nicht mit mir im Sumpf wälzen - - . Mir wurde ganz wirblig dabei - ich sah zuletzt nichts mehr wie seinen Kopf , der mir immer größer zu werden schien , und die Augen , die mich unaufhörlich ansahen . Jetzt kann ich mir einen Begriff machen , wie die armen Seelen hypnotisiert werden und wie man in solchen Momenten nachgibt , einfach , weil man schwindlig wird . - Schließlich fing ich aus lauter Nervosität an zu weinen , und das hielt er wohl für ein Zeichen , daß die Gnade nun bei mir durchbräche - das tut sie nämlich , wenn der Sünder ganz zermalmt und zerknirscht ist . Dabei tat es mir auch beinahe weh , er ist trotz aller Verranntheit einer von den wenigen , die es gut mit mir meinen , und als Menschen habe ich ihn sehr gern . Ich habe mir vierzehn Tage Bedenkzeit ausgebeten , aber die Würfel sind geworfen . Lisa , es bebt in mir bei dem Gedanken , nun so bald frei zu sein . Ich möchte in einemfort schreien , und meine Hände zittern bei allem , was ich tue . Jetzt komme ich , Lisa , ich komme - ich komme , und dann soll geschehen , was will . Ich muß mir selbst etwas Vernunft einreden , - - also : am Ostermorgen brenne ich durch - um halb neun gehen sie alle in die Kirche , da ich sonntags manchmal ausschlafe , fällt es nicht auf , wenn ich vorher nicht erscheine . - Der Hauslehrer hat mir einen Koffer und das Geld zur Reise geliehen , ich habe ihn in alles eingeweiht . - Sollte mich jemand sehen , so sage ich , es wäre ein Aprilscherz - Sonntag ist gerade der erste . Nur noch acht Tage - es ist mir doch auch wieder wehmütig . Ich erzählte Ihnen von der Kranken , die wir im Hause haben - um die wird es mir ganz schwer . Ich bin so viel bei ihr , manchmal auch nachts , wir haben uns sehr gerne und hatten viele schöne stille Stunden . Jetzt ist sie wohl dem Ende sehr nahe , ich sitze frühmorgens bei ihr am Fenster , wenn die Vögel draußen zwitschern , und denke daran , daß ich nun bald in die Freiheit gehe , während hier ein Mensch mit dem Tode ringt . Dann bilde ich mir ein , sie könnte mich entbehren , und möchte lieber , sie stürbe noch vorher . Es ist eigentlich schrecklich , Lisa , daß man überall wieder so mit seinem Herzen festhängt . Aber jetzt leben Sie wohl , ich telegraphiere Ihnen noch , wann ich komme . Und lassen Sie es Detlev dann wissen . Ihre Ellen . Es war die Nacht auf den ersten April , Ellen lag halb angezogen auf dem Bett und daneben brannte die Kerze . Jede Stunde hörte sie schlagen , dazwischen schlief sie halb ein und fuhr erschrocken wieder in die Höhe - Mitternacht - eins - halb zwei - Sie kämpfte mit der Versuchung , sich in die Kissen hineinzuwühlen und fest zu schlafen - morgen war ja auch noch ein Tag , warum sollte es durchaus gerade heute sein ? Nachtdunkel und Müdigkeit nahmen ihr den Mut : wenn nun alles fehlschlug , sie eingeholt , festgehalten und mit Gewalt zurückgeschleppt wurde ? Wieder schlief sie eine halbe Stunde und richtete sich erschrocken wieder auf , die Lider wurden immer schwerer - ihre Kerze war halb heruntergebrannt - halb drei Uhr . Wie ein wahnsinniger , undurchführbarer Entschluß kam es ihr plötzlich vor , aufzustehen und fortzulaufen - es war kalt und dunkel , sie dachte an ihre Eltern , ihr schien , als ob die ganze Welt da draußen so sein müßte , wie diese finstere Nacht , und da sollte sie nun allein ihren Weg suchen . - Ah - nur noch etwas schlafen , da schlug die Uhr wieder - , nein , nein , wenn sie sich nicht aufraffte , war es zu spät - jetzt oder nie . So riß sie sich mit Gewalt empor und kleidete sich an - das kalte Wasser verscheuchte den Schlaf und all die zögernden Gedanken . Draußen über den Bäumen schien der Mond , und durch die Zweige fuhr ein rascher Morgenwind . Frühling , dachte sie , und draußen wartet das Leben . Am Tisch vor dem Fenster schrieb sie rasch ein paar Zeilen an den Pfarrer , und bei jedem Wort durchrieselte es sie wie ein Schluck starker Wein . Wie oft hatte sie von dem Augenblick geträumt , wo sie solche Worte sagen konnte : » Ich gehe jetzt . Ihr seid die Besiegten . Macht , was ihr wollt , ich gehe . « Dann machte sie das Fenster auf und ließ ihren Koffer an einem Strick herunter . Mit Schrecken fühlte sie , wie schwer er war , ein paarmal wäre ihr fast der Strick aus der Hand geglitten , und der Koffer schlug gegen die Hauswand . Gerade unter ihr lag das Krankenzimmer , wo jetzt eine Pflegerin bei der langsam Sterbenden wachte . Gott im Himmel , da schlug er wieder an . Wenn nun plötzlich da unten jemand das Fenster aufmachte und fragte - . Und nun konnte sie ihre Schuhe nicht finden . - Alles war wie verhext heute morgen . Natürlich lagen sie unten in der Küche zum Putzen , sie war ja gestern in Hausschuhen heraufgekommen . Sie blies das Licht aus , schloß die Tür hinter sich zu und warf den Schlüssel in eine Ecke - ihr Zimmer lag oben auf dem Speicher . Dann tappte sie die Treppe hinunter , die Stufen knarrten wie noch nie . Und jetzt in der dunklen Küche aus dem Haufen von Stiefeln die ihren heraussuchen . Der große Haushund lag auf dem Flur , er erkannte sie nicht gleich und fing an zu knurren , dann wedelte er und wollte mit , als Ellen zum Küchenfenster hinaussprang . Sie faßte ihn am Halsband und schob ihn zurück , horchte noch einmal , ob alles still wäre , dann schlich sie leise um das Haus und band den Koffer los . Im Krankenzimmer war Licht , und man hörte gedämpfte Stimmen . Auf dem Kirchhof blieb Ellen stehen und sah auf das stille , weiße Haus zurück , und dann strebte sie so rasch wie möglich über die Felder der Stadt zu . Hier und da setzte sie sich auf den Koffer und ruhte aus , er war entsetzlich schwer . Im Notfall laß ich ihn im Stich , dachte sie , aber es war alles darin , was sie besaß - Briefe und Bücher , die sie nicht preisgeben wollte . Endlich kamen die ersten Häuser der Stadt , und dort drunten lag der Bahnhof . Es war höchste Zeit - Ellen warf ihre Last mit einem heftigen Ruck auf die Schulter und fing an , Trab zu laufen , ihre Schritte hallten laut durch die stillen Straßen , und dicke Tropfen rannen ihr von der Stirn . Im letzten Moment kam sie an , konnte gerade noch das Gepäck hineinwerfen und nachspringen , ehe der Zug sich in Bewegung setzte . Über dem weiten Flachland wurde es immer heller . Ellen war allein im Kupee und sang laut in den Morgen hinein . Sie konnte nicht stillsitzen und nicht stillschweigen , ihr war , als ob sie sonst zerspringen müßte : frei bin ich , frei bin ich , frei - frei ! An dem Wort berauschte sie sich , taumelte fast , lief hin und her , von einem Fenster zum andern und sang wieder hinaus : frei bin ich , frei - setzte sich einen Augenblick hin und lachte , daß ihr die Tränen kamen . Als der Schaffner kam , hielt sie ihm ihr Billett hin , als wäre es ein Königreich - und für sie war es auch eines . - Gott , wenn er nur etwas sagte , der erste Mensch , der ihr heute begegnete - er mußte etwas sagen , sich mit ihr freuen , ihr Glück wünschen . Sie gab ihm alles Kleingeld , das sie noch in der Tasche hatte , und nun grinste er endlich , und Ellen lachte . » Na , Sie sind aber vergnügt am frühen Morgen , Fräulein . « Ellen warf sich in die Ecke und lachte - lachte . Es war klar , daß der Mann sie für verrückt hielt . Bei der nächsten Station tat sie eine schwarze Brille und einen dichten Schleier an , es ging ja mitten durch das Land der zahllosen Verwandten , überall konnte sie bekannte Gesichter treffen . Und dann wußte sie nicht , wie ihre Fassung behaupten , als andre Leute einstiegen mit einem Kind , das sich vor ihr fürchtete und zu schreien begann - und der Schaffner wieder hereinkam und sie immer verdutzter ansah . Nicht einmal Lisa und Detlev erkannten sie , als Ellen über den Perron auf sie zustürzte . Der Bruder war heimlich gekommen , um diesen Tag mitzuerleben , sie flogen sich in die Arme und lachten bis zu Tränen . Durch das stürmische Frühlingswetter gingen sie alle drei zu Lisas Wohnung . Es war wie der Wahrheit gewordene Traum all ihrer Jugendjahre , daß Ellen jetzt ihre Ketten gebrochen hatte , und tagelang war mit den beiden Geschwistern kein vernünftiges Wort zu reden . Sie sprangen über Tische und Stühle , erfüllten das ganze Haus mit Lärm und Lachen , gingen Arm in Arm durch die Stadt , verkauften Ellens Schmucksachen , um Rheinwein zu trinken , und kamen abends singend nach Hause , um das fröhliche Gelage fortzusetzen . » Jetzt wollen wir doch endlich ein ernstes Wort über Ellens Zukunft reden « , sagte dann Detlev , während er die mitgebrachten Flaschen auf den Tisch stellte - und gleich darauf klangen die Gläser und sie lachten . Selbst die Freundin schüttelte manchmal den Kopf - sie hatte ein warmes Interesse für diese beiden jungen Menschen und ihr Schicksal lag ihr sehr am Herzen . Aber was sollte wohl einmal aus ihnen werden , besonders aus Ellen , wenn das Leben sie hart anfaßte ? Dazwischen erwarteten sie jeden Augenblick , daß plötzlich irgendein Abgesandter der Familie erscheinen , Ellen zurückfordern und gewaltige Szenen und Stürme mit sich bringen würde . Aber es geschah nichts von alledem , es kam nur ein kurzer Brief von Ellens Vater an ihre Freundin ; er sähe jetzt , daß er seine Tochter nicht mehr zurückhalten könnte , sich ins Verderben zu stürzen . Als der Bruder fort war , kam Ellen wieder etwas mehr zur Besinnung und fing an , Stellung zu suchen - fuhr hierhin und dorthin , meldete sich auf alle Annoncen oder bei Schulvorsteherinnen und Schulräten . Aber es vergingen Wochen , ohne daß sich irgendeine Aussicht bot . Ellen machte keinen vertrauenerweckenden Eindruck mit ihrem adligen Namen und ihren etwas abgetragenen Kleidern : einmal fand man , sie sähe viel zu jung aus , ein andermal erkundigte man sich nach ihren Familienverhältnissen . Endlich kam Antwort auf eine Annonce , in der sie sich als Reisebegleitung oder Gesellschafterin angeboten hatte : sie sollte ihre Photographie einschicken und mitteilen , über welche Sprachen und Kenntnisse sie verfügte . Der Brief kam aus Straßburg und war mit » Louis Michel « unterzeichnet . In einem zweiten Schreiben wurde sie aufgefordert , zu einer persönlichen Vorstellung nach Köln zu kommen . Lisa und Ellen ergingen sich in Vermutungen - vielleicht war es ein kränklicher , älterer Herr oder ein Witwer mit Kindern . Am Abend vor der Abreise war Ellen allein zu Hause , und es kam ein Bekannter von Lisa - Doktor Laurenz . Sie hatte ihn während dieser Wochen oft gesehen , denn er wußte von ihrer Lage und nahm französische Stunden bei ihr . Als sie mit ihren Büchern auf dem Balkon saßen , erzählte Ellen ihm , daß sie jetzt Aussicht auf eine Stellung habe und morgen nach Köln fahren werde . Doktor Laurenz war ein hochgewachsener Mann mit raschen , jugendlichen Bewegungen und klugen , blauen Augen , die etwas Forschendes im Blick hatten , und Ellen fühlte etwas wie Respekt vor ihm , weil er so überlegen lächeln konnte . » Ich finde das ziemlich bedenklich für Sie « , meinte er , » so aufs Geratewohl hinzufahren . « » Aber das ist ja gerade schön - ich habe keine Ahnung , was für Leute das sein mögen und wozu sie mich engagieren wollen - am Ende werde ich noch Kindermädchen . « » Und was sagt Herr Allersen dazu ? « » Den habe ich gar nicht gefragt , nur geschrieben , daß ich nach Köln fahre . « Ihm kam das Verhältnis überhaupt etwas merkwürdig vor , es schien sie immer zu bedrücken , wenn sie davon sprach . Es wurde dunkel , und das Mädchen kam mit der Lampe - Doktor Laurenz nahm den Klemmer herunter und sah Ellen an . » Ich glaube , Sie lassen sich überhaupt nicht gern dreinreden - aber wollen Sie mich nicht ein wenig als älteren Bruder betrachten , der hier und da raten darf ? - Nehmen Sie wenigstens einen Revolver mit auf die Reise . « Ellen versprach es und lachte über seine Bedenklichkeit . Am nächsten Morgen kam er an die Bahn und brachte ihr Rosen . » Haben Sie den Revolver ? « » Ja . « Lisa fand es auch etwas übertrieben . Sie gingen zusammen zurück , als der Zug fort war und sprachen über Ellen . » Ich wollte ihr wünschen , daß sie endlich was fände « , sagte die Freundin . » Das arme Kind , sie hat wirklich keine frohen Jahre hinter sich und gehört so sehr zu denen , die das Leben mit Jubel genießen möchten . « » Glauben Sie eigentlich , daß sie diesen Allersen liebt ? « » Ach « , Lisa machte ein Gesicht , » lieben - Ellen tut mit ihm , was sie will , und das ist ihr ganz bequem . Er hat gar kein Rückgrat - ich glaube auch nicht , daß die Geschichte noch lange dauert . Ich habe schon oft beobachtet , daß sie ganz ungeduldig wird , wenn ein Brief von ihm kommt . « Dann trennten sie sich . Ellen machte ihre ernsthafte Gouvernantenmiene - sie hatte sich ihr Benehmen für solche Fälle mit vieler Mühe einstudiert - zurückhaltend , liebenswürdig , bescheiden - und möglichst weltgewandt . Jede Bewegung mußte sagen : ich bin allem gewachsen , verlangt , was ihr wollt . Innerlich kämpfte sie mit einer fast unbezähmbaren