sorgfältiger , als ich es früher gethan hatte . Ich war der Meinung gewesen , daß es ein zusammengefaltetes Blatt sei , aus nur einem Stücke bestehend . Als ich den Brief nun gegen das Licht hielt , bemerkte ich , daß er aus zwei Teilen bestand , dem Umschlage und dem eigentlichen Schreiben , welches innen lag . Der Umschlag war kein Couvert in unserm Sinne , mit vier auf die Rückseite geschlagenen und dort zusammengeleimten Ecken , sondern einfach ein zusammengelegtes und mit den Enden ineinander gestecktes Papier , ungefähr so , wie unsere Apotheker die Papierumschläge fertigen , in denen sie ihre Pulver verkaufen . Es gab also auf der Rückseite nicht vier zusammenstoßende Ränder , sondern nur einen , der quer über die Mitte ging . Er war durch das mittelste Siegel verschlossen worden . Die andern vier Siegel erschienen also als vollständig überflüssig , obgleich anzunehmen war , daß man auch sie nicht ohne Grund angebracht hatte . Es handelte sich also nur darum , den Mittelverschluß zu öffnen , ohne daß dies später zu entdecken war . Als ich das den beiden Andern mitteilte , bat der Pedehr mich um den Brief . Er bekam ihn , hielt ihn auch gegen das Licht , griff mit dem Zeigefinger erst rechts , dann links in den Umschlag und sagte lachend : » Wo sich Gelehrte vergeblich die Köpfe zerbrechen , da findet der ungelehrte Mutterwitz sofort das Richtige . Ich mache auf , ohne ein Siegel anzurühren ! « Er zog auf der einen Seite den nach innen geschlagenen Teil des Umschlages heraus , schob hierauf zwei Finger hinein und brachte das Schreiben hervor . Der Ustad lachte , und ich stimmte ein . Der Pedehr aber sagte ernst : » Hier zeigt sich wieder einmal , wie wenig sich der Böse auf den Bösen verlassen kann . Und wenn der Ungerechte seine Absichten sogar fünfmal versiegelt , sie kommen trotzdem an den Tag , und zwar infolge seines eigenen Leichtsinnes und seiner Unvorsichtigkeit ! « Wir schlugen das Schreiben auf . Wir waren fast begierig , es zu lesen . Wir thaten das zu gleicher Zeit , ich mit meinem Kopfe ganz neben dem des Ustad . Aber schon nach kurzer Zeit erhob er den seinen , ich den meinen . Wir sahen einander verwundert an . » Kannst du es lesen ? « fragte er mich . » Nein , « antwortete ich . » Ich auch nicht ! Ist dir diese Sprache bekannt ? « » Nein . « » Auch mir nicht ! So können nur ganz wilde Geschöpfe sprechen . Aber die schreiben doch nicht ! « » Es ist Täliq-Schrift ! « » Ganz wohl ! Dieselbe Schrift , von welcher wir vorhin - - - « Er hielt mitten in der Rede inne , sprang auf , machte eine Gebärde der Ueberraschung und fuhr dann fort : » Effendi , welch ein Gedanke ! Wenn er richtig wäre ! « » So sprich ihn aus ! « » Diesen Brief hat ein Sill geschrieben . Du behauptest , der Multasim sei auch ein Sill und hältst ihn für den Adressaten . Wir haben vorhin bei ihm ein Täliq-Alphabet gefunden . Sollte dieses Alphabet sich etwa auf diesen Briefwechsel beziehen ? « Dieser Gedanke war zwar frappierend , aber ganz natürlich . Wir nahmen das kleine Heftchen vor , schlugen es auf und begannen , zu vergleichen . Wie freuten wir uns , schon gleich bei den ersten Buchstaben zu sehen , daß der Ustad mit seiner Vermutung das Richtige getroffen hatte ! Es stand in dem Heftchen ganz deutlich , wie das Schreiben , welches wir geöffnet hatten , zu lesen war . Wir hatten sehr einfach die Buchstaben so zu verwechseln , wie es dort angegeben wurde . Indem ich auf meine Umschreibung in das deutsche Alphabet auf Seite 62 dieses Buches zurückgreife , ist dies so zu verdeutlichen , daß t statt a , u statt b , v statt c , w statt d u.s.w. zu lesen war . Der Ustad holte zwei Papierblätter , für sich eine und für mich das andere . Dann setzten wir uns hin , um die vorgeschobenen Buchstaben in die richtigen zu verwandeln . Als wir damit fertig waren , stellte es sich heraus , daß zwischen den beiden Schreiben nicht der geringste Unterschied bestand . Nun hatten wir mit dem Sinne der Worte zugleich den Inhalt des Briefes kennen gelernt . Für den Uneingeweihten wäre er selbst jetzt nach der Entzifferung ein Rätsel geblieben . Aber so wenig wir über die Silben wußten , so war es doch genug für uns , diesen Inhalt zu verstehen . Der Brief lautete folgendermaßen : » An Ghulam el Multasim , meinen Henker ! Es ist die Zeit gekommen , daß die Gul-î-Schîraz auf der Brust von Rafadsch Azrim zu erblühen hat . Das soll am fünften Tage des Monates Schaban geschehen , zur Zeit des Abendgebetes , keine Stunde früher , keine später . Du brauchst ihn nicht zu suchen . Er wird dir zugeführt , wo es auch immer sei . Du weißt , daß ich zwar unsichtbar , doch auch allmächtig und allgegenwärtig bin ! Blüht sie nicht ihm , so blüht sie sicher dir ! Der Aemir-i-Sillan . « » Welch eine wichtige Entdeckung wir da machen ! « rief der Ustad aus , als diese Zeilen laut vorgelesen worden waren . » Wenn man doch wüßte , wer dieser Aemir-i-Sillan ist ! « » Greif nicht sofort zu hoch ! « forderte ich ihn auf . » Wie meinst du das ? « fragte er . » Laß uns , ehe wir Fragen aufwerfen , den Brief erst geistig anschauen ! Der Inhalt ist uns verständlich ; aber das , worauf er sich bezieht , kennen wir noch nicht . Wir haben es uns zu suchen , auf dem Wege des Nachdenkens . Auf den Obersten der Schatten können wir nur am Ende dieses Weges stoßen . Du aber willst , um ihn sofort zu finden , den ganzen Weg überspringen und machst also einen Salto mortale in das Ungewisse hinein . Jugendlicher Stürmer ! « Da lachte er vergnügt , was ihn bei seinem hohen Alter unendlich rührend machte , und sprach die heitere Bitte aus : » So führe mich auf diesem Wege an deiner Hand so Schritt für Schritt spazieren , wie es für schwache Greise , wie wir sind , sich geziemt ! « » Ja , komm , und hänge bei mir ein ! Wir wollen nach dem Gewaltigen suchen gehen , dem Mord und Rosenduft gleichbedeutend sind , weil sich in ihm , dem schon von weitem nur nach intellektuellem Dünger Riechenden , die Empörung gegen die geheiligte Lebensordnung verkörpert . « » Ob wir ihn aber auch finden werden ? « » Wenn nicht heut , so doch wahrscheinlich morgen . Wir brauchen uns keine Zeit zu nehmen , denn wir haben ja Zeit ; es drängt uns nichts ! Beginnen wir also von vorn , ganz vorn bei dem Anfang unserer Kenntnis von den Schatten ! « » Das wäre also in jener Tigrisbucht , in welcher die ersten Sillan zu euch kamen ? « » Ja . Welcher Nationalität waren sie ? « » Perser . « » Gut ! Merke dir das ! Welchen Titel hatte ihr Anführer ? « » Pädär-i-Baharat , Vater der Gewürze . Er klagte aber darüber , daß er jetzt nur als Sill-i-Safaran , als Schatten des Safrans zu betrachten sei . Auch das war also ein Titel . « » Bitte , merke dir auch dieses , bis ich darauf zurückkomme ! Was hatte er für einen Ring ? « » Einen goldenen . Er bekleidete also eine hohe Charge . « » Welcher Sill war dann der nächste , den wir trafen ? « » Der Bettler , welcher mit seinem Weibe zu euch auf das Floß kam . « » Ein Perser ? « » Nein . Er hatte einen silbernen Ring , war also ein ganz gewöhnlicher Sill . « » Weiter ! Dann ? « » Der Säfir . Er war Perser und hatte einen goldenen Ring . « » Bitte , fahre fort ! « » Ghulam el Multasim mit dem goldenen Ringe und Ahriman Mirza mit seiner noch höheren Auszeichnung , beide aber Perser . « » Du hast die Pascher vergessen , welche wir am Birs Nimrud gefangen nahmen . Hältst du sie für Perser ? « » Nein . Denn sie wurden begnadigt , türkische Zollbeamte zu werden , was wohl nicht hätte geschehen können , wenn sie persische Unterthanen gewesen wären . Warum fragst du bei diesen allen nach der Nationalität ? « » Weil dies der Weg ist , auf dem wir jetzt mit einander spazieren gehen . Die höheren Sillan waren Perser , die niedrigen aber nicht . Du suchst aber nach dem Aemir-i-Sillan . Wenn alle höheren aus Persien kamen , wo ist da wohl mit fast untrüglicher Sicherheit der allerhöchste erst recht zu finden ? « » Natürlich auch in Persien ! Das würde für mich sogar eine ganz unumstößliche Gewißheit sein , wenn es nicht einen Umstand gäbe , der gegen diese Annahme spricht . « » Ich errate , was du meinst . « » Nun , was ? « » Daß der Brief unten in Korna aufgegeben worden ist , so weit von hier , auf türkischem Gebiete . « » Ja , das ist es , Effendi . Es folgt daraus , daß der Schreiber desselben entweder da unten im osmanischen Irak Arabi wohnt , oder sich zur Zeit , als der Brief geschrieben wurde , dort aufgehalten hat . Du siehst , daß auch ich mit meinen Gedanken spazieren zu gehen verstehe ! « » Allerdings ! Aber man thut das doch nicht mit zugemachten Augen ! « » Höre , ich glaube , sie ganz gewiß offen zu haben ! Oder nicht ? « » Nein . Wenn du sie offen hättest , müßtest du doch wohl den Säfir sehen ! « » Den Säfir ? Den sehe ich ja , sogar sehr deutlich . Er befindet sich in den Ruinen von Babylon und hat mit Esara el Awar in Korna , dem das Schreiben übergeben wurde , nichts zu thun . « » Um so wichtiger aber ist er für die Frage , welche wir beantworten wollen . Sage mir , Ustad , was man unter einem Säfir versteht ! « » Einen Gesandten . Einen Vertrauensmann , welchen man schickt , damit er eine wichtige Angelegenheit erledige . « » Vollständig richtig ! Wer hat diesen Säfir abgeschickt ? « » Natürlich der Aemir-i-Sillan . « » Wohin ? « » Hinab nach Babylon . « » Also nach dem Irak , wo auch Korna liegt und wo der Brief aufgegeben worden ist . Ich habe den letzteren in Basra bekommen . Dort aber hat er wer weiß wie lange bei dem Kaffeewirte gelegen , und von Korna ist er wohl auch nicht sofort abgegangen . Nun bitte ich dich , nachzurechnen ! Du kennst unsere Erlebnisse . Frage dich : Wann erschien der Säfir in Babylon ? Vergleiche hiermit die Zeit , in welcher der Brief in Korna abgegeben worden sein muß . Was findest du dann ? « » Daß diese Zeiten stimmen , daß sie dieselben sind ! Effendi , es scheint , du hast die Augen offener als ich ! « » Warte nur ; ich bin noch gar nicht fertig . Ich sehe noch mehr ! Wann wurde der Säfir zum erstenmal erwähnt ? « » Bei der Gefangennahme des alten polnischen Bimbaschi in den Ruinen . Da war er auch schon da . « » Sehr richtig ! Er ist also schon vor Jahren und wiederholt im Irak gewesen . Er kennt die dortigen Sillan . Er mußte also auch Esara el Awar kennen , an den der Brief abgegeben wurde . Und nun kommt der Hauptpunkt : Schickt man ein Gesandten dahin , wo man sich selbst befindet ? « » Nein ; gewiß nicht ! « » Ist also anzunehmen , daß der Aemir-i-Sillan zu derselben Zeit im Irak war , als sein Stellvertreter sich dort befand ? « » Schwerlich ! « » Hierzu kommt , daß es sich um höchst wichtige Dinge handelte . Die Vernichtung der Karawane des Kammerherrn , die Bestechung des Sandschaki von Hilleh und noch so manches andere erscheint mir jetzt in einem ganz andern Lichte als damals . Ich werde später hierauf kommen . Aber das alles war so wichtig , daß der Aemir-i-Sillan ganz gewiß persönlich gekommen wäre , wenn er sich zu derselben Zeit in dieser Gegend befunden hätte . Ich bin also aus diesen und noch andern Gründen vollständig überzeugt , daß er es nicht selbst war , der diesen Brief in Korna abgegeben hat . Ich nehme vielmehr an , daß dies von dem Säfir besorgt worden ist . « » Wenn du das in dieser Weise darlegst , muß ich dir recht geben . Aber Ghulam , der Henker , welcher das Schreiben erhalten sollte , war doch in Persien . Warum wurde es ihm nicht direkt geschickt ? Warum mußte es einen so weiten Weg über das Ausland machen ? Ich begreife das nicht . Etwa du ? « » Ja . Ich glaube , den Grund zu kennen . « » So bin ich wohl begierig , ihn zu erfahren . « » Er heißt : Vorsicht ! Der Aemir-i-Sillan hat sich zu verstecken . Er hüllt sich in das tiefste Geheimnis ein . Seine persönliche Sicherheit erfordert das . Du hast doch gehört , daß der Pädär-i-Baharat Empörungsgedanken gegen ihn hatte ; er sprach von noch anderen , welche ganz derselben Gesinnung seien . Der Oberste der Schatten hat sich also nicht nur vor dem öffentlichen Gesetze , sondern sogar vor seinen eigenen Leuten sehr in acht zu nehmen . Niemand darf erraten , wer er eigentlich ist . Wir wissen ja , daß er stets einen Kettenpanzer trägt , wenn er am Montag des Soldes in die Versammlung seiner sogenannten Pädärahn tritt . Je größere Macht er einem seiner Untergebenen anvertraut , desto mehr hat er selbst ihn dann zu fürchten . Vor wem hat er sich wohl am meisten in acht zu nehmen ? « » Das weiß ich nicht ! « » Nicht ? Es ist aber doch so leicht , es sich zu denken ! Die Macht liegt nicht im Besitze , sondern in der Ausführung der Gewalt . Die Gewalt über Leben und Tod aber ist die höchste . Kennst du den nicht , der die hierauf bezüglichen Befehle auszuführen hat ? « » Maschallah ! Jetzt weiß ich es ! Ghulam el Multasim . Er ist ja der Henker ! Du dachtest doch an ihn , Effendi ? « » Gewiß ! Der Aemir-i-Sillan hat sich vor niemand so zu hüten wie vor seinem Henker , weil dieser der blutige Schatten seiner eigenen Verbrechen ist . Er hat sich unausgesetzt und so sorgfältig vor ihm zu verstecken , daß nicht die geringste Ahnung aufkommen kann , wer der Fürst ist und wo er sich befindet . Und doch hat er ihn ebenso unausgesetzt und sorgfältig im Auge zu behalten , um stets über die Gesinnungen des Henkers genau unterrichtet zu sein . Darum schreibt er ihm hier in dem Briefe : Du weißt , daß ich zwar unsichtbar , doch auch allmächtig und allgegenwärtig bin ! Er wird sich also fast immer in der Nähe des Henkers befinden , teils aus Vorsicht und teils , um ihn stets zur Ausführung seiner Befehle an der Hand zu haben und dabei beaufsichtigen zu können . Wer den Fürsten der Schatten finden will , muß zu Ghulam el Multasim suchen gehen ! « Da klatschte der Pedehr seine Hände laut zusammen und rief aus : » Effendi , ich war zwar still bisher , aber ich bin auch mit spazieren gegangen . Es ist ja ganz erstaunlich , was du alles siehst und zusammenholst , wenn man so mit dir geht ! Doch sobald man es dann in die Hände nimmt und ganz genau betrachtet , möchte man sich fast vorwerfen , blind gewesen zu sein . Jetzt aber sind auch mir einige Gedanken gekommen , welche ich dir mitteilen möchte . Erlaubst du es ? « » Von Erlaubnis kann keine Rede sein . Ich bitte dich darum , « antwortete ich . » Ihr habt vorhin noch einige Sillan vergessen . Nämlich die zwei Männer im Khan Iskenderijeh , wo ihr eure Pferde tränktet und von den beiden hörtet , daß die Karawane des Kammerherrn kommen werde . Sie waren keine Perser und hatten nur silberne Ringe . Auch das deutet darauf hin , daß die hohen Sillan sich nur hier in Persien befinden . Ich habe aber einen noch viel besseren Beweis hierfür . Nämlich der Pädär-i-Baharat erwähnte eine Synagoge , in welcher diese Hohen am Montage des Soldes zusammenkommen . Läge diese Synagoge da , wo man arabisch oder türkisch spricht , so hätte er sie ganz gewiß Sinawon , Chawra oder Jähudi Chawrasy genannt . Da er sie aber als Mäjmä-i-Yähud bezeichnete , so ist anzunehmen , daß sie hier in Persien liegt . Ebenso vermute ich , daß die Pädärahn ihren Wohnsitz nicht in großer Ferne von ihr haben können , weil es ihnen sonst nicht möglich sein würde , sich an dem Versammlungstage regelmäßig einzufinden . Giebst du mir da recht ? « » Ja . Grad hierauf wollte ich euch später aus ganz besondern Gründen aufmerksam machen . « » Und nun die Gewürze , « fuhr der Pedehr fort . » Die sind mir aufgefallen . Es wurde von einem Vater der Gewürze gesprochen , von einem Schatten des Safrans . Auch der Saflor wurde genannt . Der Pädär-i-Baharat sagte : Warum bin ich für alle Gewürze bestimmt und habe doch nur den Safran bekommen ? Muß ich das alles dulden ? Es scheint , daß die Pflichten und Obliegenheiten eines jeden Pädär mit dem Geruche eines bestimmten Gewürzes bezeichnet werden , und daß der Pädär-i-Baharat die Erfüllung dieser Pflichten zu überwachen habe und dafür besser bezahlt werde als die anderen . Wenn du mir doch erlaubtest , auf diesen Wohlgerüchen bis zum Rosenduft emporzusteigen , Effendi ! « » Thue es ! « antwortete ich rasch . » Ich höre , daß du auf dem richtigen Wege bist . « Er fuhr fort : » Was die Sillan thun , ist Sünde , ist Verbrechen . Sie beginnen mit dem Schmuggel , den man kaum für ein Vergehen hält , und steigen bis zum Mord hinauf , der schwersten aller strafbaren Thaten . Zwischen diesen beiden liegt gewiß die ganze Reihe der Verbrechen , deren jedes mit einem besondern Geruche bezeichnet wird . Nicht ? « » Jawohl , « nickte ich . » Es giebt wohl keinen Sill , von dem man sagen könnte , daß er in einem guten Geruche stehe ! Sprich weiter ! « » Der Duft der Rose bedeutet den Mord . Das wissen wir , seit heut die deine aufgebrochen werden sollte . Der des Safran scheint die Schmuggelei zu sein . Habe ich recht , wenn ich annehme , daß der Brief an den Multasim den Befehl zur Ermordung eines Menschen enthält ? « » Ja . « » So ist es doch auffällig , daß nicht von der Rose im allgemeinen , sondern von der köstlichen Gul-i-Schiraz die Rede ist ! « » Mir fällt das gar nicht auf . Es ist das einfach eine Steigerung . « » Eine Steigerung des Mordes ? Kann ich , wenn ich jemand totschlage , dies noch steigern ? « » Ich meinte es anders . Der Duft der gewöhnlichen Rose bedeutet die Ermordung einer gewöhnlichem Person . Was für eine Person wird da wohl gemeint sein , wenn man nach der herrlichsten aller Rosen greift ? « » Ah , das ist die Lösung ? Es handelt sich nicht um einen gewöhnlichen , sondern um einen wahrscheinlich sehr hochstehenden Menschen ! « » So ist es ; ich wenigstens denke es mir so . Du hast unsern Gedankengang mit deiner Erwähnung der Gewürze unterbrochen . Wir waren bei der Ueberzeugung angekommen , daß der Aemir-i-Sillan in der Nähe des Multasim zu suchen sei . Er traut ihm nicht . Er will ihm nicht wissen lassen , daß er nur seine Hand auszustrecken brauche , um ihn zu vernichten . Er will ganz im Gegenteile die Meinung in ihm erwecken , daß er sich persönlich sehr weit von ihm befinde , womöglich gar jenseits der persischen Grenze . Darum hat er diesen Brief durch den Säfir hinunter nach dem Irak Arabi bringen lassen , von wo er dann zurück nach Persien und zu dem Multasim zu kommen hatte . « Da fiel der Ustad ein : » Das klingt zwar sehr richtig , doch stößt mir dabei ein Bedenken auf ! « » Welches ? « fragte ich . » Errätst du es nicht ? « » Doch ! Wenn meine Ansicht die richtige ist , so muß der Multasim jedenfalls zu erfahren haben , von welchem Orte der Brief kommt ? « » Ja ! so dachte ich . Es steht aber nichts davon im Briefe ! « » Sehen wir genau nach . Vielleicht finden wir etwas . Und wenn es auch weiter nichts als nur irgend ein Zeichen wäre . Ein Personenname wird freilich nicht angegeben sein , weil dies zum Verrate führen könnte . « Wir untersuchten hierauf beide Seiten des Briefes , konnten aber nichts entdecken , selbst gegen das Licht gehalten nicht . Darum nahmen wir hierauf den Umschlag her . Wir hatten bisher nur seiner äußern Seite Beachtung geschenkt . Als wir nun auch die innere betrachteten , da sahen wir allerdings , mit einer feinen Feder ganz an den äußersten Rand geschrieben , in kleinsten Buchstaben einige Worte gekritzelt , die jedem andern als dem Eingeweihten unbedingt entgehen mußten . Sie lauteten : » Durch den Dartschin in Korna von dem Aemir . « Dartschin ist das persische Wort für Zimmet . » Nun ? « fragte ich , über diese Entdeckung erfreut . » Ja ; es scheint sich alles , was du schließest , bestätigen zu sollen , « antwortete der Ustad . » Ich habe nicht geahnt , daß man bei einem Spaziergange auf solchem Wege , an welchem fast nichts zu stehen scheint , so schöne und so wichtige Blumen sammeln könne . Es giebt jedenfalls bei den Sillan eine Vorschrift darüber , wo und wie solche Auskünfte beizufügen sind . Aber nun kommt die Hauptsache : Wer ist der , welcher ermordet werden soll ? « » Ich hoffe , daß wir auch das finden werden . « » Mir scheint es unmöglich ! « » Mir nicht . Es handelt sich jedenfalls um einen hochstehenden Herrn . Du bist am Hofe bekannt . Du wirst die Namen aller hervorragenden Männer Persiens wissen . « » Die weiß ich allerdings . Aber einen Rafadsch Azrim kenne ich nicht . Dieser Name klingt so arabisch und so persisch , aber einen mir bekannten Mann , der ihn trägt , giebt es nicht . « » Vielleicht heißt er gar nicht so , sondern anders , « fiel da der Pedehr ein . » Auf dem Umschlage wurde doch auch Dartschin anstatt Esara el Awar gesagt ! « » Aber Rafadsch Azrim ist kein Gewürz ! « erwiderte der Ustad . » Sollte da das Alphabet nicht helfen können ? « Wir versuchten es ; aber auch das war vergeblich . Da aber schien den Ustad ein plötzlicher Gedanke zu überkommen . Er nahm den Brief in beide Hände , las und rief dann aus : » Ich habe es ! Wie leicht , und wie aber auch so gräßlich ! « » Nun , wer ist ' s ? « fragte ich gespannt . » Lies selbst ! Lies den Namen rückwärts ! So leicht ! Wie konnten wir nicht hierauf kommen ! « Er wollte mir das Schreiben geben ; ich nahm es aber gar nicht , denn man brauchte die geschriebenen Worte nicht zu sehen , um zu wissen , daß der Name Rafadsch Azrim , wenn man ihn rückwärts liest , Dschafar Mirza lautet . Da sahen wir uns alle drei nicht nur erstaunt , sondern höchst betroffen an . » Das ist doch nicht etwa Mirza Dschafar , mein Bekannter ? « fragte ich . » Doch ! « versicherte der Ustad . » Aber dieser war ja nicht Prinz ! « » Er war es . Aber er setzte während seiner großen , mehrjährigen Studienreise den Mirza nicht hinter , sondern vor seinen Namen . Er glaubte , Grund zu haben , jedes Aufsehen zu vermeiden . Er reiste im Namen des Schah-in-Schah , und das sollte niemand wissen . « » Was ist er jetzt ? « » Er hat kein besonderes Amt . Er verzichtet auf alle Ehren und Würden . Er will sich nicht unter Die reihen lassen , welche angeben , die Diener des Beherrschers zu sein , und in Wirklichkeit nur seine Gegner sind . Aber er hat ihm sein ganzes Leben und seine ganze Kraft geweiht , und wo es gilt , das Volk von der Güte und von der Gerechtigkeit seines Herrn zu überzeugen , da ist er stets vorhanden . « » So muß ihn Ahriman Mirza hassen , wenn er ihn kennt ! « » Ob er ihn kennt ! Sie stehen einander gegenüber wie Feuer und Eis , wie Licht und Finsternis , wie Liebe und Haß , wie Tugend und Verbrechen . « » Wo ist Dschafar Mirza jetzt ? « » Ich weiß es nicht . Kürzlich war er in Teheran beim Schah , der sich jetzt in Isphahan befindet . Vielleicht ist er auch dort . Ich will dir nur sagen : Er ist mein Freund ! Das ist genug ! Ich muß ihn warnen ! Sofort warnen ! « Da legte ich ihm die Hand auf den Arm und sagte : » Nein ! Du wirst ihn nicht warnen ! « » Höre ich recht ? Verlange von mir alles , nur das nicht ! « » Ich verlange es ! « Da trat er von mir zurück , sah mir mit ungewissen , fast zornigen Augen in das Gesicht und fragte : » Soll ich irr werden an dir , Effendi ? « » Werde irr ! Doch sei nicht unbedachtsam ! « » Unbedachtsam ? Es giebt hier nur eine einzige Bedachtsamkeit , einen einzigen Gedanken , einen einzigen Entschluß und eine einzige Pflicht für mich : meinen Freund zu retten ! « » Das sollst du auch ! « » Ohne ihn zu warnen ? « » Ja . Denn wenn du ihn warnst , so ist er zwar für jetzt zu retten , für später aber wahrscheinlich verloren ! « » Beweise es ! « Da schüttelte ich bedauernd den Kopf und sagte : » Ich hörte aus deinem eigenen Munde , daß du mich liebest , daß du dich Eins mit mir fühlest . Das war , als ich mich in Todesgefahr befand . Da sagte ich dir , daß , wenn Geister sich küssen , es für sie fortan nur noch einen vereinten Pulsschlag gebe . Und nun ? Jetzt ? Ist es wirklich Liebe gewesen ? Ein Kuß der Geister ? Kaum eine Stunde später tritt schon eine andere Gestalt zwischen dich und mich ! Die Einheit schwindet , und des Lebens Zwiespalt schiebt uns auseinander ! Du willst Beweise ! Kannst du nicht vertrauen ? Soeben noch gingst du an meiner Hand spazieren . Ich zeigte dir , daß ich viel besser und viel weiter sah als du . Da kommt ein Bild aus vergangenen Tagen . Es steigt aus deiner Gruft zu uns empor . Es ist der Schatten , der dich einst regierte . Kannst du ihn bannen ? Ja ? Versuche es ! « Er stand gesenkten Hauptes vor mir und sagte nichts . Da ließ der Pedehr seine begütigende Stimme hören : » Zürne nicht , Effendi ! Wir vertrauen dir ! Wenn du willst , daß Dschafar Mirza nicht gewarnt werden solle , so wird er nicht gewarnt . Du hast deine Gründe ! « » Ja ; ich habe sie und will sie euch nun sagen . Wann ist der Tag des Wettrennens , Pedehr ? « » Es ist der fünfte des Schaban , « antwortete er . » Wann soll Dschafar Mirza ermordet werden ? « » Am fünften des Monats Scha - - - « Er kam nur bis zu dieser Silbe , denn da fiel der Ustad schnell und verwundert ein : » Maschallah ! An - - an ganz demselben Tage ! « » Merkst du etwas , Ustad ? « fragte ich ihn . » Nein ! « gestand er . » Noch nichts ? Sein Blut wird hier bei euch vergossen werden sollen ! « » Effendi ! « fuhr er auf . » Effendi ! « rief vor Schreck auch der Pedehr . » Ich bitte euch , nicht zu erschrecken ! « fuhr ich fort . » Es war das anders wohl vorherbestimmt . Als der Aemir-i-Sillan befahl , daß Dschafar Mirza am fünften Tage des Monates Schaban sterben solle , wußte er noch nicht , daß er diesen Tag hier bei euch verbringen werde . « » Hier bei uns - - hier bei uns ? « fragten beide wie mit einer Stimme