ganz einerlei , ob mal bei meinem Begräbnis ein paar » politisch bedeutende « Leute sagen : » Wieder ein angenehmes Haus weniger - gab doch famose Diners , die Frau « und dann auf die Uhr schauen und wo anders essen gehen ! Ja , wenn man jung wäre und die Schwungkraft besässe , die der Glaube an die Wichtigkeit der Dinge stets verleiht ! Aber ich bin müde - nur immer müde . Und soziale Ambitionen ! - ach , Du lieber Gott ! Wäre mein Bruder nicht bei mir , ich käme mir ganz verloren vor , denn in Berlin fühle ich mich so fremd - fremder beinahe als in Amerika oder China ! Ich hatte mir immer den Glauben bewahrt , dass es , wenn ich mal wieder nach Deutschland käme , gar nicht anders sein könne , als dass mich gleich ein wonniges Heimatsgefühl umfange - und nun ist alles so ganz anders , als ich es mir in der Ferne dachte ! Es ist ja immer alles im Leben anders , als man es sich dachte - aber nie schöner ! Seit ich in Deutschland bin , warte ich beständig auf das Erwachen meines Heimatsgefühls - aber es bleibt immer noch aus . Ich hatte viel Hoffnungen auf den Anblick des Brandenburger Tores gesetzt . Aber vergeblich . Dass die Allee mit den Kurfürsten und sonstigen grossen Männern es nicht weckte , ist nicht zu verwundern , denn die war mir gänzlich neu . Hat mir nur bewiesen , dass mich als Kind ein richtiger Instinkt leitete , wenn ich mich gegen Geschichtsunterricht wehrte - die Ansichten und Urteile sind ja offenbar noch immer gar nicht feststehend . Hier im Hotel Buckingham , Unter den Linden , wo wir wohnen , weil es Amerikaner meinem Bruder empfohlen haben , werde ich sicher auch nicht zum Bewusstsein einer Heimat gelangen . Mit meinem fortwährenden Suchen nach Heimatsgefühl komme ich mir halb rührend , halb komisch vor , etwa so , wie der im heiligen Lande nach seinem verlorenen Glauben suchende Pierre Loti . Aber fürchten Sie nichts , lieber Freund , ich will Ihnen nicht wie er ein ganzes Buch darüber schreiben ! Ich bin nämlich viel schneller als Loti zu einer Erklärung der Vergeblichkeit unseres Suchens gekommen . Ich fürchte , er wie ich sind zu lange fortgeblieben , er von den Stätten des Glaubens , ich von denen der Jugend - für Glauben und für Heimat gibt es vielleicht auch ein » zu spät « . Ist man Ihnen erst einmal völlig fremd geworden , so versteht man sie nicht mehr und sie lassen sich nicht wieder finden . Aber die Sehnsucht nach der einstmaligen Heimat ist doch so stark in mir , dass ich die Erinnerungen daran wenigstens auffrischen will , um sie mit mir zu nehmen , wenn ich wieder hinaus segle . Hier in Berlin ist alles so neu , fremd und gross geworden , dass ich mich vergeblich darin nach meiner kleinen Vergangenheit umschaue . Ich will sie suchen draussen auf dem Lande . Morgen früh will ich nach dem Gute fahren , das einst das Elternhaus meiner Mutter war , und in dem ich dann später bei Verwandten als Waise lebte , bis der unerwartete Glücksfall eintrat , dass sich für mich unbemitteltes Mädchen ein wohlhabender Mann fand ! Als arme Verwandte habe ich dort manch bittere Stunde erlebt und habe den Bruder beneidet , den ich damals selten sah , von dem ich aber wusste , dass er sich zu einem nützlichen , ihn unabhängig machenden Beruf ausbildete . Wie gern hätte auch ich das getan ! Aber meine Verwandten hielten es für ihre Pflicht , mich wie die eigenen Töchter zu erziehen , d.h. mich moderne Sprachen , Handarbeiten und etwas Zeichnen und Malen lernen zu lassen und mir die Sorge der Herrichtung der Fremdenzimmer zu übertragen , wenn Besuche kamen . Es war möglichst unpraktisch , aber ganz standesgemäss . Ich beneidete die Gutsmamsell , die sich ehrlich ihr Brot verdiente , und ich suchte von ihr zu lernen . Die Verwandten lachten mich aus und sagten , ich würde sicher noch mal eine gute Partie machen . Na , sie haben ja in ihrer Art recht behalten - aber die Mamsell habe ich später erst recht beneidet ! Trotz aller bittern Stunden ist mir Garzin doch immer in der Erinnerung geblieben als das eine Fleckchen Erde , an das ich ein Recht habe , das Recht , das man durch Liebhaben erwirbt . In meinen Gedanken habe ich es unbewusst immer » zu Hause « genannt , obschon die Verwandten , denen es damals gehörte , längst tot sind und es jetzt , durch allerhand unverständliche Lehnsgesetze , Eigentum eines ganz fremden , alten Herrn geworden ist , der nie hinkommt , und sein bisschen kränkliches Leben von einem Badeort zum andern schleppt . Dorthin will ich also morgen früh fahren , und bei dem Gedanken dieses Wiedersehens klopft mir das Herz - ich denke mir , so muss einem zu Mute sein , wenn man zu einem Stelldichein geht . Und es ist ja auch ein Stelldichein - mit der Vergangenheit ! Ich trete immer wieder ans Fenster , von dem man auf den innern , zu einem Miniaturgärtchen verwandelten Hotelhof blickt , und schaue an den hohen Wänden hinauf zu dem schmalen Streifen Himmel über mir , und jede graue Wolke , die daran vorüberzieht , beängstigt mich , denn ich möchte mein liebes , altes Garzin nicht im Regen wiedersehen , sondern in seinem hellsten , sonnenbeschienenen Frühlingsgewand . Das stand ihm immer am besten ! 29 Berlin , Mai 1900 . Und ich habe es im Sonnenschein wiedergesehen ! Ganz früh fuhr ich vom Friedrichstrassen-Bahnhof ab . Zuerst durch das hässliche Strassengewirr , an hohen Häusern vorbei , in die man von rückwärts hinein schaut , als wolle man heimlich und hinterrücks all ihre Geheimnisse ergründen . Staub , Russ , eine unabsehbare Menge von Schienensträngen , auf denen Vorortzüge wie um die Wette fahren . An allen Bahnhöfen ein Gewühl von blassen , ruhelosen Grossstadtgesichtern , lauter Menschen , die irgendwohin zu irgend welcher Arbeit eilen müssen . Lauter kleine Räder eines einzigen grossen Betriebs . Alles grau , freudlos und schon am frühen Morgen so abgehetzt . Endlich hinaus aufs flache Land und , einer Überraschung gleich , wahrgenommen , dass es ja eigentlich Frühling ist ! Hellgrüne Saatenfelder , Gemüsegärten , kleine Fichtenschonungen . Rehfelde , Strausberg , noch andere , altbekannte Namen . Bald darauf hoher Fichtenhorst , mit Wacholderbüschen als Unterholz ; in den Wäldern scheint die Nacht noch in grossen bläulichen Nebelfetzen zu hängen ; der Rauch der Lokomotive vermischt sich mit ihnen und kriecht zwischen den ersten Reihen hoher rötlicher Stämme bis hinein ins tiefe Waldesdunkel . Und nun aus dem Wald heraus und rechts der Torfstich , der schon zum Garziner Bezirk gehört . Neben den schwarzen , viereckigen Wasserlachen sind die ausgestochenen Torfstücke in regelmässigen Pyramiden aufgebaut . Bläulicher Dunst lagert über dem Moor , weisse Birkenstämme schimmern hindurch , hellgrüne , herzförmige Birkenblättchen zittern in der Morgenluft ; weiter zurück verschwimmt alles im Frühnebel . Nun hält der Zug . Ich steige aus . Dies ist die Station , von der aus es in einstündiger Wagenfahrt nach Garzin geht . Ich bleibe unschlüssig auf dem Perron stehen . Ein Gepäckträger führt eine Berliner Familie , die auch ausgestiegen ist , und ich höre ihn sagen : » Hier , über die Bahnbrücke , zur Kleinbahn nach Garzin . « Kleinbahn nach Garzin ? also auch hier ganz Neues . Ich folge der Berliner Familie und dem Gepäckträger , der sich mit einem Fahrrad und etlichen Taschen belastet hat , über die hohe Brücke , unter der wir den Zug , der uns gebracht hat , schon nach Osten weiter rollen sehen , und steige in einen spielsachenartigen kleinen Bahnzug . » Kein Gepäck , Madamken ? « fragt mich der Dienstmann . Ich verneine leise und ziehe den dichten schwarzen Schleier fester um mich , denn ich habe den Mann sicher schon früher gesehen , und mir ist auf einmal so bang geworden , als täte ich ein Unrecht , und könne dabei ertappt werden . Die Berliner Familie besteht aus Vater und Mutter , beide dick und behäbig , Leute , an denen alles selbstverständlich erscheint , die das Leben sicher ganz einfach und ohne viel Kopfzerbrechen nehmen , die die Sozialdemokraten verabscheuen und für Richter stimmen . Dann ist eine erwachsene Tochter da , eine offenbar höhere Tochter , vielleicht hat sie sogar das Lehrerinnen-Examen gemacht , und eine kleine , kränkliche Tochter mit altem , verbittertem Kindergesicht . Ausserdem ein Vetter , ein junger Mann , auf dessen blassem , pickeligem Gesicht die keimenden blonden Barthaare sich wie spärliche Halme auf magerem Boden ausnehmen . Er ist im Radelkostüm , wodurch dünne Beine und lange platte Füsse besonders aufdringlich hervortreten . Sein graues Flanellhemd ist vorne mit roter seidener Kordel zugeschnürt . Er trägt einen weichen weissen Filzhut mit einem Stutzen und auf die Nase ist ein Zwicker geklemmt . Alle fünf sprechen sie ganz laut über ihre Angelegenheiten , als seien sie allein auf der Welt , und ich entnehme , dass sie wegen Rikes Gesundheit auf ein paar Tage nach Garzin fahren , und dass ihnen das Hohenzollern-Hotel am Stadtsee von Freunden , die den letzten Sommer dort verbrachten , sehr gerühmt worden ist . Mein altes Garzin Luftkurort ! Und ein Hohenzollern-Hotel ! In zwanzig Minuten fährt die Kleinbahn durch Kiefernwald , tiefen Sand und einen niedrigen feuchten Wiesengrund , der früher einmal ein See gewesen sein muss , bis zum Eingang des Städtchens Garzin . Dort steigen wir aus . Die Berliner Familie , geführt vom Gepäckträger , schreitet eifrig auf der Hauptstrasse dem Stadtsee zu . Ich folge langsam . Das Strassenpflaster ist ganz so holprig geblieben wie es von jeher war . Grosse und kleine Feldsteine , rundliche , eckige , spitzige nebeneinander in den Boden gedrückt . Die kleinen einstöckigen Häuschen erkenne ich wieder , an den Haustüren hochstämmige Rosen , deren Zweige sich jetzt mit jungen braunen Blättchen bedeckt haben . Eines der ersten Häuser trägt noch immer das Aushängeschild , auf das ein Sarg gemalt ist , und daneben steht noch die kleine Gastwirtschaft , über deren Tor zu lesen ist : » Der alte Brauch wird nicht gebrochen , hier können Familien Kaffee kochen . « Aber neben dem Altbekannten wieviel Fremdes ! Eine ganze Reihe neuer Häuser , echte Vorortsvillen , anspruchsvoll und geschmacklos . Und wahrhaftig , ein richtiges Hotel , durch Gitter von der Strasse getrennt , inmitten eines Gartens voll junger kümmerlicher Pflanzen . Dahinter erblicke ich den blauen Stadtsee . Ich erinnere mich seiner als einer stillen Fläche , schilfumwachsen , eine Heimat wilder Enten und Taucher . Jetzt fahren ein paar bunte Gondeln darauf , und am jenseitigen Ufer steht ein grosses kastenartiges Gebäude , auf dem in goldenen Lettern die Aufschrift funkelt » Sanatorium « . Erschrocken bin ich weiter geeilt und zum Marktplatz gekommen . Da ist alles noch ziemlich unverändert . Das Geschäft der Witwe Wronkow , deren bunte Kattune , Knöpfe , Parfümfläschchen uns als Kinder manchen Groschen entlockt haben ; der Eckladen von Rückheim , wo die Honoratioren des Städtchens sich abends zu einem Glase Bier zusammenfanden ; das Pastorhaus mit seinen zwei alten Linden zu beiden Seiten der Türe . Damals spielten immer Pastorkinder von allen Altersstufen unter diesen Linden , und hierin wenigstens ist es heute ganz wie einst : eine ganze Reihe kleiner Pastorkinder buddeln im Sande unter den Linden , und vom Fenster aus beaufsichtigt sie die heutige Frau Pastorin und hält das Allerjüngste im Arm . Auf dem Marktplatz steht das kleine Siegesmonument vom Kriege 70 , ein Adler mit ausgebreiteten Schwingen , auf einem Steinsockel sitzend . Dahinter führen Stufen zur Kirche hinauf . Ich habe da plötzlich eine grosse Sehnsucht empfunden , in diese Kirche einzutreten , wo ich oft so viel schöne Vorsätze gefasst und zum lieben Gott gebetet habe , er möge mir grosse heroische Aufgaben stellen , was dann doch nicht hinderte , dass ich gleich nachher über die kleinen täglichen Pflichten stolperte . Ich wollte so gerne den Altar wiedersehen , mit seinen gewundenen Säulen und den dicken , geschnitzten , zopfigen Engeln , die Erntekränze und die schwarzen Gedächtnistafeln , auf denen die Namen der Gefallenen von 64 , 66 und 70 stehen . Aber die Kirche war geschlossen , wie das von einer protestantischen Kirche recht und vorschriftsmässig ist , denn der Protestantismus erzieht ruhige , pünktliche Menschen ; plötzliche Sehnsuchten und Gefühlsaufwallungen liebt er nicht . Zum lieben Gott soll man wie zum Rechtsanwalt und Doktor gehen , in der ordnungsmässigen Sprechstunde , die im Kreisblättchen angezeigt wird . Die Garziner Kirche hat einen neuen Turm bekommen , und die alten Birken scheinen mir noch gewachsen zu sein ; ihre dünnen , fadenartigen Zweige klopfen ganz leise im Winde gegen die hohen Kirchenfenster , die in der Sonne glänzen . Der kleine Gottesacker , in dessen Mitte die Kirche steht , und der längst nicht mehr benutzt wird , sieht genau wie früher aus , eine Wildnis von altem Efeu und Gräsern , die die grauen , verwitterten Grabsteine überwuchern . Ich suchte nach einer alten Gedenktafel , über die ich schon als junges Mädchen oft nachgesonnen habe , und richtig , sie ist noch da , mit ihrem seltsamen , eingemeisselten Spruch , den Schnee und Regen und flechtenartiges silbriges Moos noch mehr verwischt haben : » Hier ruht der Wüsterdorf Johann . Er war ein müder Wandersmann , Gekettet schwer in Sündenbann , Oh Herrgott , richt mit Mild den Mann , Denn niemals er den Wunsch ersann , Des Lebens Fahrt zu treten an . « Damals kamen mir diese Worte so geheimnisvoll vor , dass ich lange Romane über die Missetaten des Wüsterdorf Johann ersann ; jetzt dünkt mich , sie passen als Grabschrift für jeden unter uns . Ich habe lange da oben zwischen den alten Gräbern gestanden . Schaute den Vögeln zu , wie sie so eifrig Halme und Moos in den Schnäbeln anschleppen , da sie durch Generationen lange Erfahrung gelernt haben , dass sich im Schutz der Kirche gut Nester bauen lässt . Dann ging ich dem Garziner Schloss zu . Da lag es nun vor mir . Ganz unverändert , wie damals vor all den Jahren . Nur noch etwas verlassener ; ungehegt und ungepflegt aussehend . Ich blieb stehen . Tränen traten mir in die Augen . Aus meiner tiefen Einsamkeit heraus möchte ich dem alten Haus , wie einem Menschen , sagen : » Hab mich lieb ! Hab mich lieb ! « Und ich meine , es müsse mir antworten : » Endlich , endlich , bist du heimgekehrt . « Der grosse grüne Rasenplatz mit den vier runden Fliederbüschen , die voll lila Blütendolden sitzen - die alte Sonnenuhr - die Rampe , die zum Schlosse führt - und das Schlofs selbst , ein grosses zweistöckiges Haus , dessen ganz einfach glatte Fassade zu Schinkels Zeiten mit griechischen Ornamenten verziert worden ist , die in der märkischen Umgebung noch immer etwas über sich selbst Erstauntes haben - alles ganz wie damals ! Zu beiden Seiten des Hauses stehen noch die alten Linden , deren Zweige auf den Boden schleifen , und die eine Wand ist noch mit dem uralten Efeu bedeckt , in dem zahllose Spatzen zwitschern . Ja , das war einst Heimat ! Ich stehe und schaue . Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen zu einem einzigen , unendlichen Wehmutsgefühl , das die ganze Welt zu erfüllen scheint . » Wollen Sie nicht auch das Schloss besehen ? « fragt mich da plötzlich der junge Mann in Radelkostüm , und ich gewahre die ganze Berliner Familie , die von einem jungen Bauernmädchen geführt wird , das Schlüssel trägt . » Wird es denn gezeigt ? « frage ich . » Na und ob , « antwortete der Sportjüngling . » Für ' n Trinkjeld an das Inspektormädchen können wir uns auch mal so ' n Heim von die notleidenden Ajrarier besehen . « Ich bin so erstaunt , Garzin als eine Sehenswürdigkeit für Touristen wiederzufinden , dass ich folge , ohne nachzudenken . Aber wie ich nun in den alten Räumen stehe , inmitten der fremden Menschen und selbst ganz so fremd bin wie sie , da fühle ich , dass ich nicht hätte kommen sollen . Als würden liebe Tote unsanft berührt , so ist mir bei den schnoddrigen Bemerkungen der Berliner . Ich möchte um keinen Preis erkannt werden und begreife doch gar nicht , wie es denn möglich ist , dass ich so unbeachtet dastehe , dass nicht sogar die leblosen Dinge mir zunicken und zuflüstern : » Sei gegrüsst , sei uns gegrüsst ! « Aus der leeren , weiten Halle treten wir in das Wohnzimmer . Wie unbewohnt , kalt und kahl nach dem Sonnenschein draussen . Ein paar der alten , recht schäbig gewordenen Möbel stehen da und sehen aus , als schämten sie sich , wie arme Kranke , deren Gebrechen von neugierigen Medizinstudenten betrachtet werden . Den abgenutzten , gestreiften Teppich erkenne ich , sogar ein gestopftes Loch , dessen ich mich entsinne , finde ich wieder . » Du Karl , « sagt die dicke Berlinerin zu ihrem Mann und befühlt einen Sesselbezug , » da is et ja nobler bei uns in die Köpenicker Strasse . « Und der dicke Karl antwortet : » Ja , wahrhaftig , in diese feudale Jejend könnte man noch Mitleid mit die Ostelbier bekommen . « Nur der grosse gelbe Saal imponiert der Berlinerin . Sie deutet auf die vielen weissen Gipsköpfe aus der Schinkelschen Epoche : » Du Karl , das sind wohl die Ahnen von die Besitzer ? « » Jotte doch , Mama , « antwortet die höhere Tochter zurechtweisend , » das sind doch allens jriechische Jötter und Jöttinnen . « Wir treten in ein anderes , ganz leeres Zimmer . » Det war det Schlafzimmer von die jnädigen Komtessen , « sagt das führende Bauernmädchen . Ja , man hat es ihr richtig erzählt , det war det Schlafzimmer von die jnädigen Komtessen . Ich sehe noch die kleinen weissen Bettchen - jetzt ist es ganz ausgeräumt . Auf der verschossenen roten Tapete bezeichnen kräftiger gefärbte Stellen die Plätze , an denen einst Bilder hingen . An der einen Wand hängt noch ein vereinzeltes altes Gemälde . Es stellt einen Heiligen dar ; ganz unbekleidet , wie durch langes Fasten abgemagert und verhärmt , sitzt er inmitten einer Felsenlandschaft und hält einen Bogen Papier , auf den er eifrig schreibt . » Der olle Herr dort oben schreibt wohl an Wertheim um ein Hemd , « sagt der Sportjüngling . Und zwischen Tränen muss ich doch lachen , denn genau dieselbe Bemerkung haben wir damals gemacht , als der Heilige die Zielscheibe unseres jugendlichen Witzes war , nur dass es zu jenen Zeiten noch keinen Wertheim gab und wir Hertzog sagten . Beim Fortgehen bin ich einen Augenblick an der einen Tür stehen geblieben . Ja , wahrhaftig , da waren sie noch , ganz verblasst , die Striche , die der Onkel machte , wenn er unser Mass nahm und unser jährliches Wachstum an dieser Tür verzeichnete . - Wo sind die kleinen Mädchen hin , die da vor dem Onkel standen und denen er zurief : » Kinder , nicht auf den Zehen stehen ! nicht mogeln ! « - Sie hatten es so eilig mit dem Wachsen - nun sind sie längst aus der alten Heimat hinausgewachsen . Vergangenheit , Vergangenheit ! - Ich bin dann noch lange im Park gewesen , wo jetzt Butterbrotpapiere und leere Flaschen von Berliner Touristen unter die Büsche geworfen werden , wo das Unkraut in den Wegen und Beeten wächst , wo das Schilf immer mehr den Schlossteich überwuchert und wo es trotz aller Verwahrlosung doch noch immer so frühlingsschön ist - wie einst im Mai ! Mit dem letzten Zuge bin ich erst zurückgefahren . Ich blieb so lange als möglich , denn ich fühlte , dass ich das alles nie wiedersehen werde . Es war schon spät , als ich auf dem Bahnhof Friedrichstrasse ausstieg . Ich ging zu Fuss bis zum Buckingham-Hotel . Viel Hässliches , viel Elend streift man auf solch kurzem Abendweg . Ich drückte das Gesicht in den grossen Strauss Garziner Flieders , den ich mir mitgenommen , und es war mir , als hörte ich leise , durch all den rasselnden , rollenden Strassenlärm hindurch , die alten Worte , die unser aller Grabspruch sein könnten : O Herrgott , richt mit Mild den Mann , Denn niemals er den Wunsch ersann , Des Lebens Fahrt zu treten an ! 30 Berlin , Mai 1900 . Bei einem entfernten Verwandten meiner Mutter , den ich Onkel nenne , bin ich gewesen . Ich glaube , er würde Ihnen gefallen , drum will ich Ihnen von ihm erzählen . Nach äusserlicher menschlicher Klassifikation gehört er zu den deutschen Professoren , aber ich glaube , innerlich und eigentlich ist er ein Wesen aus einer klassischen Periode , vielleicht ein auferstandener alter Grieche , der in einer Tonne hauste und den Dingen zuschaute , oder der einstmalige Abt eines berühmten Klosters der italienischen Renaissance - aber kein Savonarola , der gegen die Verderbnis der Menschen eiferte und die Welt bessern wollte , sondern ein Mönch von der beschaulichen Sorte , der in Chroniken mit schön gemalten Buchstaben seine Beobachtungen niederlegt , der die Schlechtigkeit der Welt wohl erkennt , aber sich nicht zum eingreifenden Reformator berufen fühlt , sondern denkt , dass , wer das eigene Herz nur rein hält , auch schon sein Teil getan hat . Er wohnt nahe am Tiergarten , in einer Strasse , deren eines Ende sich zu einem kleinen Platz erweitert , auf dem zwischen Fliederbüschen eine Kirche steht . Es ist kein sehr alter Teil Berlins , aber doch auch keiner von den ganz neuen , und es ist dort wohltuend geräuschlos . Zu den ernsten , etwas gleichmässigen Häusern denkt man sich unwillkürlich als Bewohner still arbeitende Leute , die ein Menschenalter hindurch in denselben Zimmern gelesen und geschrieben haben und nichts von hastigen Umzügen wissen . - Es ist eine Gelehrtengegend . So lang ich denken kann , wohnt der Onkel im selben Haus im dritten Stock . Sein Arbeitszimmer ist ein nach rückwärts liegender Saal , von dessen Balkon aus man auf Gärten blickt , in denen es jetzt grünt und Frühling wird . Über seinem Schreibtisch hängt ein Marmorrelief an der Wand . Es stellt die längst verstorbene Frau des Onkels dar , und das kühne Profil zeigt eine auffallende Ähnlichkeit mit Achim von Arnim oder Byron . Es ist das ein Menschentypus , dem man in unseren Tagen selten mehr begegnet , und der früher häufiger gewesen zu sein scheint . Vielleicht verschwinden Menschentypen mit den Idealen ihrer Epoche . Wer würde wohl heute wie Byron für die Unabhängigkeit der Griechen kämpfen ? - Wenn man Gesichtszügen vertrauen darf , so muss die verstorbene Tante ein wahrer Gentleman gewesen sein , der nie aus der Not anderer Kapital geschlagen hätte . Der Onkel ist in den Jahren , die ich in der Ferne verlebt , ein ganz alter Mann geworden . Sein langes Haar ist weiss geblichen , die ganze , hohe Gestalt ist so abgemagert , als seien die irdischen Bestandteile , deren wir zum Leben bedürfen , von ihm schon abgefallen . Die Worte » ein verklärter Leib « fielen mir ein , als ich ihn wieder sah . Die klaren , schönen Augen sind dieselben geblieben , nur grösser sind sie geworden , und es ist , als übersähen sie vieles , was sich unsern Blicken aufdrängt , und als gewahrten sie dafür schon Dinge , die uns noch verborgen sind . Harmonie und Ruhe strahlten von ihm aus . Er lebt in seiner besonderen Welt , und ich merkte bald , dass er sich gegen alles , was ihn daraus reissen könnte , ablehnend verhält , als fürchte er sich zu zersplittern und mit einer grossen Aufgabe nicht mehr fertig zu werden . Er sprach gleich von seinem Lebenswerk » Florenz in der Renaissancezeit « , an dem er arbeitete , als ich vor Jahren in die Fremde gezogen bin und das jetzt in herrlichen illustrierten Lieferungen erscheint . Er zeigte mir die neuesten Blätter . - Wie klein und zwecklos erscheinen doch die meisten Existenzen , mit ihren hastigen , wechselnden , folgelosen Bestrebungen , neben solch einem Leben , durch das sich ein einziges grosses Interesse bestimmend hindurchzieht ! Ich traf beim Onkel noch einen anderen Gast . Ein kleines , buckliges , engbrüstiges Männchen , mit gescheitem , scharf geformtem Kopf , durchdringenden Augen , und bitterem Lächeln um die feinen schmalen Lippen . Ein alter Bekannter von früher ist mir Hanz- In einem hohen , altersgrauen Gebäude an der Spree , verwaltet er seit Jahren eine Bibliothek ; und in den Mussestunden , die ihm diese Arbeit und häufiges Kranksein lassen , übersetzt er klassische italienische Dichtungen , verfasst selbst formvollendete Sonette satirischen Inhalts und versammelt abends eine auserwählte Gesellschaft um sich . Hanz-Buckau ist einer der wenigen Menschen in Berlin , die einen Salon gebildet haben . Die Leute , die zu ihm kommen , erscheinen in seinen vier Wänden viel gescheiter , als bei sich zu Hause . Es ist , als locke er den versteckten Geist aus den verschiedensten Menschen heraus . Vielleicht auch leiht er ihnen von dem eigenen . Eine grenzenlose Bewunderung hat Hanz-Buckau für schöne Frauen , und sie müssen wohl fühlen , welchen Altar dieses arme , verwachsene Männchen ihnen in seinem Herzen errichtet , denn ich kenne keine , die ihm nicht gut gewesen wäre . Der arme Hanz-Buckau , der alle Schönheit so intensiv empfindet und darum unter dem eigenen missgestalteten Äussern so besonders schwer leidet , der führt auch in seiner Art einen beständigen Kampf zwischen Geist und Körper . Er erinnert mich stets an Leopardi , an jenen grossen Italiener , der ewig ungestillte Sehnsucht im Herzen trug , der um die Vergangenheit trauerte und nie eine Gegenwart besessen hatte . Hanz-Buckau ist solch eine Leopardi-Natur , mit einem starken Zusatz echt Berliner Schärfe . Für den Onkel hegt er eine rührende Freundschaft und hat seine Eigenart des vornehm Massvollen richtig erkannt . » Professor Lichte Höh « ist der neckende Spitzname , den er ihm gegeben . Durch seine Abwehr gegen alles Exzessive und sein inneres Gleichgewicht ist der Onkel dem leidenschaftlichen Hanz-Buckau wahrscheinlich wohltuend . Dieser betrachtet alles sehr kritisch , lässt wenig gelten und spottet gern über die Herdennatur der Menschen , über die Leichtigkeit , mit der sie sich Götzen aufnötigen lassen , die sich stets als blecherne erweisen . Auch heute redete er viel davon . Er hat sich noch nicht mit der Welt abgefunden , und es entrüstet ihn die falsche Bewertung , die er überall sieht . » Gegen physische Faulheit wird genug geeifert und gepredigt « , sagte er , » aber geistige Trägheit wird eher unterstützt . Die eine Hälfte der Menschheit soll überhaupt prinzipiell darin verharren und von der anderen Hälfte so viele als irgend möglich . Durch diese künstliche Beförderung der Unselbständigkeit sind all die vielen falschen Grössen möglich . « Und später sagte er : » Wir sogenanntes Volk der Denker tun eigentlich nichts weniger gern , als nachdenken , besonders nicht über Dinge , die uns doch praktisch angehen . Drum ist man im Ausland auch immer ganz verwundert , wenn sich in Deutschland mal die öffentliche Meinung wirklich äussert . Gewöhnlich schläft sie , im Bewusstsein , dass Minister , Geheimräte , Professoren , die alle etwas vom Gottesgnadentum an sich haben , für sie wachen . Wir verlassen uns darauf , im gegebenen Moment immer die nötigen grossen Männer zu haben , als hätten wir sie ein für allemal gepachtet , und wollen nicht sehen , dass wir in dieser Ware doch oft recht übervorteilt werden . Wir sind unverbesserliche Heroenanbeter und nehmen fürlieb . Sind die Zeiten schlecht , so werden die Helden kleiner , ganz wie die Brötchen während der Teuerungen . « Der Onkel antwortete : » Was Ihnen , lieber Hanz-Buckau , als charakteristisch erscheint für Land und Epoche , in denen Sie zufällig geboren sind , hat in Wirklichkeit immer und überall bestanden , denn alle Zeiten sind stets davon überzeugt gewesen , an grossen Männern reich zu sein . Durch das spätere Urteil der Geschichte entsteht aber oftmals gerade dort eine Öde , wo die Zeitgenossen ein Gewühl sahen . In unmittelbarer Nähe sieht alles gross aus , aber wenn die Erscheinungen erst in eine gewisse Entfernung rücken , die Vergleiche und die Anlegung eines allgemeinen Massstabes gestattet , ergibt sich die wahre , dauernde Bedeutung der Dinge . Die echten Riesen , auf die es allein ankommt , kommen schliesslich immer zum Durchbruch , und Werte ganz zu fälschen , ist nur auf kurze Zeiten möglich - drum lasset den Eintagsgötzen die Eintagsanbeter . « » Ihr Onkel , « wandte sich Hanz-Buckau an mich , » hat zeitliche Begriffe bereits überwunden . Für ihn sind Luther , Friedrich der Grosse , Goethe und Bismarck gegenwärtige Realitäten , Manifestationen ein und desselben grossen germanischen Geistes , die zusammen bestehen . Geringeres übersieht er . Der Ärger von uns Kleinen über die zeitweilige falsche Grösse anderer ebenso Kleiner ist ihm ganz gleichgültig . Nur auf die Genies kommt es dem Onkel an . - Ich will Ihnen ganz leise ein Geheimnis verraten :