Polizei in der Stube . Den Hut hatte mein Mann schon verkauft . Er hatte ja kein ' rechten Verdienst mehr , in die Fabrik wollt ' er nicht wieder . Mutter , sagt er , seit daß ich hab brummen müssen , hab ich da keine Geduld mehr zu . Wenn ich an all die Jahren denk und an all die Nadelspitzen , wo ich all gemacht hab , dann wird mir ganz kribbelig . So ' n Leben is gar kein Leben , das ' n Hundeleben , das sagen sie da auch alle , die da brummen müssen . Ich möcht was Forsches , ' n Haus anstecken oder so was , bloß aus Überdruß , das kannst mir glauben . Ach , was hab ich geweint ! was hab ich geweint ! Nu war mein Mann ja rückfällig , und sie gaben ihm sechs Monat . Sechs Monat für den alten verfluchten Hut . Ja , nehmen Sie es man nich übel , daß ich fluchen tu ! das soll ja nich sein ! das is auch sonst meine Manier nich , aber manchmal - Nu , wie mein Mann wieder frei kam , sah ich das all : der war krank ! Ach jotte doch , was war der Mann krank . Da war das bald zu Ende . Er hatte die Auszehrung . Der Doktor , der sagte , der Husten wär woll von dem Glasstaub , womit die Nadelspitzen geschliffen werden . Das is nich gesund . Und in den Gefängnis , da war das immer so kalt und feucht gewesen , die husten da alle . Er wußt das nich , daß er sterben tat , er war ganz wie wild , mein Mann . Ich mußt ihn man quälen und bitten , daß er nich auf die Straße ging und was ansteckte . Er wollt immer was anstecken . Mutter , sagt er , wenn das denn so recht brennt ! so ' n Höllenfeuer ! nich du ? Ach , er war ja wohl nich so ganz bei sich , denk ich man . Wie er tot war , dacht ich , nu kriegt ich ' n büßchen Ruh . Nu kam das . « Josefine sah wie erschreckend auf das Notizblatt , das mit Zahlen bedeckt war . Sie hatte diese Ziffern geschrieben , sie hatte die Summe der Knopflöcher berechnet , während die Arme vor ihr den kurzen , furchtbaren Bericht gab über das , was ihr Leben gewesen war . Die Tatsache traf Josefine wie ein unerwarteter Blick in den Spiegel . Sie erblickte sich selbst , und sie sah in ihrem eigenen Bilde das Bild aller Menschen ihrer Kaste und ihres Berufes . Ja ! ja ! ja ! das sind wir ! so sind wir ! wir rechnen , während sie verbluten ! Wir rechnen , und wir glauben , daß wir etwas für sie tun , wenn wir die Schweißtropfen zählen , die sie für uns vergießen ! Das ist die Wissenschaft ! So ist ihre Stellung zum lebendigen , leidenden , blutenden Leben ! Nie , nie , nie wird dem lebendigen , leidenden blutenden Leben durch die Wissenschaft Hilfe kommen ! Es ist alles Lüge und Betrug ! Oft noch in späteren , stumpferen Jahren gedachte Josefine dieser Augenblicke vor der verstümmelten Kranken , wo in ihre bittere Verzweiflung die ersten Tropfen der Selbstverachtung geflossen waren . Und sie gedachte auch , wie mitten in ihren angstvollen Selbstanklagen der behandelnde Arzt zum Verbinden hereinkam , sauber und wichtig mit einem Geruch nach Wein und einer Jovialität , die gleichfalls vom Wein herrührte , und wie geschäftig er von Bett zu Bett eilte , und wie er über die alte Frau lachte , die im Delirium lag und unanständige Lieder sang , und wie er sie ermunterte , mehr dergleichen zu singen . Er lachte wie gekitzelt . Und wie würde er erst gelacht haben , wenn man ihn gefragt hätte , warum er sich so wichtig und vortrefflich vorkomme . Und Josefine erinnerte sich später , wie ihr an dieser Stelle die Phylloxera-Kommission eingefallen war und ihre ausgezeichnet wichtigen und würdigen Mitglieder . Der Vater hatte Josefine von diesen vortrefflichen Herren erzählt , nachdem er ihren Bericht entgegengenommen . Nach der » streng sachlichen « Berichterstattung hatte eines der Kommissionsmitglieder ein hübsches , kleines Frühstück gegeben und dabei ein ganz klein wenig zu viel getrunken . Und in diesem Zustande hatte das würdige Mitglied einen hübschen , kleinen Trinkspruch ausgebracht auf - die Phylloxera , die sie hier so freundschaftlich vereinigt , die ihnen eine so ersprießliche Tätigkeit eröffnet , und die sie hoffentlich noch recht oft so freundschaftlich zusammenführen werde . » Aber die Phylloxera wird , denk ich , bald vertilgt sein ! « hatte Plattner ganz bestürzt gerufen . Worauf der Trunkene treuherzig erwidert : » Wollen ' s nicht hoffen . Da wär ja die Phylloxera-Kommission auf einmal überflüssig . « Möglich oder unmöglich , den gegenwärtigen Zustand zu ändern , dachte Josefine - um die Möglichkeit handelt es sich gar nicht . Es handelt sich darum , daß die Phylloxera-Kommission von der Phylloxera lebt , und daß sie brotlos ist , wenn die Phylloxera vertilgt würde . Es handelt sich darum , daß der Arzt von der Krankheit lebt , und daß es in seinem Interesse liegt , wenn die Gelegenheit nicht ausstirbt , für die er seine Kenntnisse erworben hat . Wie die Made im faulen Fleisch , wie der Richter im Verbrechen , so sucht und findet der Arzt und das Heer seiner Gehilfen in den Krankenhäusern und Kliniken eine auskömmliche Existenz . Und darum liegt es im Interesse der Interessenten , daß faules Fleisch , Verbrechen und Krankheiten immer in genügender Masse vorhanden seien ; und alle Reden von Humanität , Wohlfahrtseinrichtungen , Fortschritten der Zivilisation sind bei der heutigen Ordnung der Dinge und im Munde der sich darin Wohlbefindenden Lüge und Betrug ! So schwer war für Josefine in dieser Zeit das Leben . Auch die Arbeit versagte . Josefine hatte arbeiten wollen , weil sie in der Arbeit Betäubung suchte . Aber mitten in der Betäubung durch die Arbeit war in ihr durch die Berührung mit dem leidenden , blutenden Leben ein höherer Sinn und ein höherer Anspruch erwacht . Jetzt wollte sie arbeiten um des Nutzens willen , den ihre Arbeit den Menschen bringen sollte , und nun verzweifelte sie , daß ein solcher Nutzen aufzufinden sei . Sie fühlte sich einsam und ohne Zusammenhang mit den Menschen , wie ein Sandkorn unter einem Berg von Sand . Das ist die einzige Anarchie , die vernichtet , dachte sie verzweiflungsvoll , unsere heutige Ordnung , wo keiner sich um den anderen kümmert ! Wir studieren ! studieren ! studieren ! Aber nachher halten wir uns absichtlich die Augen zu , um uns nur ja auf das zu beschränken , was unseres Amtes ist . Und jeder hat ein Amt , und jeder hat eine Spezialität , und von Amt zu Amt und von Spezialität zu Spezialität gibt es keine Verständigung . Und Amt und Spezialität haben den Menschen aufgefressen . Und nirgends ist eine Stelle , wo alle menschlichen Tätigkeiten zusammenmündeten ! Drittes Buch » Wer war der Mann , der eben von Ihnen wegging ? « Bernstein hockte vor seinem Ofen , hatte alles herausgeworfen und hielt den Rost zwischen den geschwärzten Fingern . Mit hinaufgezogenen Augen und halboffenem Munde sah er sich nach der Fragerin um . Josefine stand da , als ob sie mit der Tür hereinfallen wolle : die Arme weit geöffnet , eine Hand am Rahmen , die andere am Drücker . Ein leichter Zug sträubte ihr lockeres dunkelbraunes Haar an den Schläfen auf und machte die Papiere auf Bernsteins Schreibtisch zittern . Der Hockende zog seine langen Beine unter sich ; die schmalen knochigen Schultern schoben sich gegen die Ohren hinauf ; ihn fror in dem schwarzen russischen Hemd aus leichter Wolle . » Ech ! « grämelte er , » kommen Sie - extra - deshalb - zu - mir - herein ? Das - ist - sonderbar ! « » Warum sonderbar ? « Die blasse Frau mit den hochgeschwungenen Brauen sah starr und gespannt auf den Kollegen und Hausgenossen zu ihren Füßen . » Warum sonderbar ? « wiederholte sie und schien kaum zu wissen , was sie sagte . Bernstein blinzelte verwundert mit den hellgrauen gutmütigen Augen . » Erstesmal höre ich von Ihnen : wer ist dieser Mann ! « Eine leise Verwirrung kam in Josefines starres Gesicht . » Kann ich nicht fragen ? « » Nein ! « brummte Bernstein , in den Kohlen wühlend , » erstesmal höre ich von Ihnen so eine neugierige Frage . « » Ich habe keine Zeit , « machte Josefine , und ihr Fuß begann nervös auf dem Boden zu arbeiten , » ich muß fort . « » Ech ! es ist kalt , machen Sie die Tür zu . « » Gleich . Ich muß ja gehen . Nun ? « Bernstein betrachtete sie prüfend , unangenehm überrascht . Er nieste . » Ech ! mir gefällt nicht . Erstesmal sprechen Sie wie russische Fräulein : Wer ist er ? Wie heißt er ? Wie heißt seine Familie ? Ech ! « » Gut , mit Ihnen kann man heut nicht reden . « Josefine schloß die Tür halb . » Was fehlt Ihnen ? « » Es ist kalt ! « schrie Bernstein in scheinbarem Grimm , » ech ! « » Die Sonne scheint , « erwiderte sie und blickte nach dem Fenster , durch das ein breiter bernsteingelber Februarsonnenstreif hereinkam und über den Parkettboden spielte . » Die Sonne scheint . « Ihre Stimme klang erregt , ihre Augen hatten einen intensiven Blick nach außen . » Warum sind Sie heute - so - so - offenherzlich ? Sie sehen aus - so - so - « » Wie seh ich aus ? « fragte Josefine in abwesendem Ton . » Ich weiß nicht ! « Bernstein warf die Ofentür zu , daß es wie ein Schuß klang . Dann reckte er seine langen Arme , als ob er eben aufgestanden wäre ; er sprang auf und klopfte oberflächlich die Asche von seinen braunen abgetragenen Hosen . Das Feuer knisterte . » Erbarmen Sie sich meiner ! Kommen Sie herein . « Bernstein nahm der Kollegin den Türgriff fort und schob sie sanft ins Zimmer . » Und so weiter , « machte er schelmisch , einladend , » oder wollen Sie schon fort ? « » Ja . Leben Sie wohl , ich habe keine Zeit , « beharrte sie zerstreut . » Nein , einen Augenblick . « Er hatte ihr einen Stuhl hingeschoben , den Korblehnstuhl , in dem er selbst gewöhnlich saß , und den er mit einer selbstgenähten rotbunten Decke aus russischem Kattun verziert hatte . Josefine setzte sich flüchtig . » Was wollen Sie von mir ? « fragte Bernstein , indem er auf und ab ging und die Arme übereinander schlug wie ein Kutscher . » Mir liegt absolut nichts daran . « Josefine griff nach einer Broschüre und schlug sie auf . » Sehen Sie mal , « machte Bernstein kopfschüttelnd und den Zeigefinger der linken Hand erhebend , » sehen Sie mal , wie Sie sind . « » Wie bin ich ? « » Ich weiß nicht . « Er ging wieder auf und ab . Plötzlich zeigte sich auf seinem bärtigen Gesicht ein spitzbübisches Lächeln , das ihn zu einem kleinen Buben von fünf Jahren machte . » Man muß ihm sagen ! Er wird sich sehr freuen . « » Wer ? Was ? « Josefine stand auf . » Ja , man muß ihm sagen ! Mein Kamerad wird sich freuen , « neckte Bernstein lachend . » Ach , mit Ihnen kann man heut nicht reden ! Ist er Russe ? « » Russe ? Wieso nicht ? Meine Kameraden sind Russen , hoffentlich . Laufen Sie schon ? Sitzen Sie ! « » Sind die Russen so schwarz ? « » Er ist ziemlich schwarz . Haben wir in Rußland viele Völker . Wie Sie singen in Ihre Geidelberg : Mein Vaterland muß größer sein . « Josefine lächelte schwesterlich . » Ach , Bernstein , Ihr Deutsch ist ein Elend . Immer sprechen Sie Geidelberg ; ha - hei - Heidelberg ! « Sie hauchte es ihm vor . » Ech , diese deutsche Sprache ! Weißte ich schon lange , aber werde lernen niemals . Etwas Unglaubliches ! Immer werde sprechen Geidelberg . « Josefine blickte in die Broschüre , aber sie las nicht . » War er auch in Heidelberg mit Ihnen ? « Bernstein starrte sie an . » Was ist das ? Erstesmal sind Sie so - so - begeisterungsvoll ! Man muß ihm unbedingt sagen . Er wird sich sehr freuen , « wiederholte er neckend . » Das werden Sie nicht tun . « Josefine richtete ihre ernsthaften Augen gerade auf seinen spottenden Mund . Bernstein jauchzte fast ; er duckte sich und lachte : » Was brauchen Sie von ihm ? Was kümmert Sie ? Das ist interessant ! Soll ich ihm sagen ? « Aber Josefine wurde immer ernster ; ein fast drohender Zug erschien auf ihrem erregten Gesicht . » Wenn ich Sie nicht besser kennte , so würd ich heute glauben , daß Sie mich noch kein bitzeli kennen , « sagte sie streng und traurig und warf das Heft hart auf den Tisch . Bernstein hörte zu lachen auf . Er wurde verlegen , ging wieder an den Ofen und rasselte mit der Tür . Plötzlich sagte er mit ungläubigem , in sich gekehrtem Ton , ganz leise : » Ja , er hat mich auch gefragt . « Ein jähes Erröten lief über Josefines Züge , das sie verwirrte , verjüngte , außer sich brachte . » Wirklich ? « Es klang wie ein zerdrückter Schrei . Bernstein wurde rot und kehrte sich schnell ab . » Scheint es mir , Sie haben ihm das Tür aufgemacht . « Mit gesenktem Kopf , mit dürstend geöffneten Lippen sagte sie : » Was hat er gefragt ? « » Kommt zu mir und fragt : Wer war diese hoche Frau ? War das Sie ? « Josefine preßte das Heft in ihrer Hand fest zusammen . » Ich nehme das mit , « stammelte sie mit zuckenden Mundwinkeln und war hinaus . Müde und abgequält kam Josefine aus der Klinik . Es war Sonntag . Sie kam von denen , wo nie Sonntag ist , und sie hatte selbst keinen Sonntag . Ihre Kleider waren voll vom Geruch des Jodoforms . Ihre Hände hatte sie wie immer mit der Sublimatlösung gewaschen . Ihre Lungen atmeten beklemmt nach dem stundenlangen Aufenthalt in den kranken Dünsten . Vor ihren Augen standen häßliche Bilder . Die Verbrannte , die den Mund nicht schließen konnte , die entsetzliche ... Aber noch härter hatte es sie getroffen , das kleine Webermädchen nicht mehr zu finden . Es hatte so gute Fortschritte gemacht , hatte ein wenig Fleisch auf den Bäckchen . Aber nun war die gute Zeit für das Mädchen zu Ende . Die Eltern konnten nicht , die Gemeinde wollte nicht länger für sie zahlen . Sie war also fortgebracht worden , um » daheim gesund zu werden . « Sie wird nicht gesund werden , sie wird sterben , und vorher wird sie sich ohne Pflege , und vielleicht sogar mit Arbeit beladen , elend abquälen , und sie wird ihre kleinen Geschwister anstecken , dachte Josefine . Und dann wird man die Geschwister hierher bringen , eins nach dem anderen , kleine , gelbe , blutlose Geschöpfe mit übergroßen anklagenden Augen , und wir werden sie eine Weile hier behalten , sie behandeln und pflegen und sie dann zurückschicken zum Sterben . Wie immer nach besonders schmerzlichen Eindrücken war es Josefine unmöglich , sogleich zu ihren Kindern zu gehen . Heut war ihr Verlangen nach viel Luft , nach viel Stille , viel Einsamkeit besonders groß . So ging sie denn , langsam aufsteigend , die Straßen am Zürichberg hinan . Wer einmal aufatmen könnte ! dachte sie unablässig , während sie , gegen den Wind kämpfend , der ihre Kleider an ihrem Körper festklebte , zwischen den heimkehrenden Familien mit lustigen Kindern sich vorwärts arbeitete . Oder ist es der Föhn , der mich heute so schlaff macht ? Sie blickte zerstreut um sich . In harten Linien , indigoblau und schwarz , standen die nahen Berge , die Schneegipfel waren verhüllt . Schnell sich ballendes und zerreißendes Gewölk bedeckte den lichtgrauen Himmel . Die schwarzen Bäume bebten beständig , auch wenn der Sturm schwieg , wie von einer inneren Aufregung geschüttelt . Warm war es , der Boden naß ; auf den gelblichen Matten gärten und dampften die Düngerhaufen . Die Spiegelmeise sang ohne Unterbrechung , atemlos ; die Sperlinge schrien . Es wird wieder Frühling ; über acht Tage brennen die Fastnachtsfeuer , dachte die Einsame mit einem Seufzer , und ihr Leben erschien ihr wie ein schwerer , entsetzensvoller Traum . Einmal aufwachen und frei sein ! Ach ! Und sie atmete tief und mit einer bewußten Heftigkeit die starken , feuchten Lüfte . An der kleinen schmucklosen Flunterer Kirche mit dem schwarzen Dach und den schmalen Fenstern ward sie aufgehalten . Aus zwei Wagen stieg eine ländliche Hochzeitsgesellschaft , dunkle Kleider , sonnverbrannte Gesichter , ohne Jugend , ohne sichtbare Freude . Die Braut in ihrem grünen Wollenkleide , mit dem weißen , künstlichen Kranz im Haar , ging mit festen Tritten , und ohne sich um jemand zu kümmern , geradeaus . Der Bräutigam , rot und ängstlich unter seinem hohen Zylinder , sprach über die Schulter weg mit einer älteren Frau , die ihm ein großes weißes Tuch in die Rocktasche stopfte . Josefine sah gedankenlos zu , wie die geschäftigen Leute unter das kleine geschnitzte , von zwei Holzpfeilern getragene Schutzdach traten , wie sie die gelbe , mit Messingnägeln verzierte Tür zurückschlugen , wie sie langsam , zögernd im dämmerigen Inneren des Kirchleins verschwanden . » Hier bin ich auch getraut worden , « murmelte sie . Josefine liebte dies weiße Kirchlein , die Stelle , wo es liegt , über der Stadt , wie auf einer vorgeschobenen Klippe . Und sie liebte den von drei ländlichen Häusern begrenzten , unregelmäßigen Platz oberhalb der Kirche mit seinem offenen Brunnen und mit dem Blick nach drei Seiten steil abwärts durch dörfliche , gartenreiche Straßen , mit Weinbergen , Obstbäumen , offenen Gartenpförtchen und bewachsenen Mauern . Aber heut war alles trübfarbig , und der Blick weit hinab über den sonst so reizenden Vordergrund auf den blaugrünen See erschien hart , die Silhouetten der Häuser wie ausgeschnitten , der See kaum vom Himmel unterschieden . Der goldene Zeiger auf dem himmelblauen Zifferblatt der kleinen Turmuhr stand auf fünf . Ich muß zurück . Die Kinder warten auf mich . Laure Anaise auch . Und ich habe so viel zu tun ! Aber sie ging langsam aufwärts , nicht zurück . Der Föhn brach plötzlich hervor zwischen den Häusern wie aus einem zusammengepreßten Sack . Er zischte und heulte und drängte sich hinter den Ecken hervor ; er schien aus jeder Richtung zu kommen . Die ziegelroten und rostgelben Blätter der Gebüsche raschelten wie gefegt zu Boden und hüpften wie Frösche . » Da muß ma fescht hinschtehe , daß ma net umkait4 wird , « lachte ein Alter mit einer Pelzmütze und blies Josefine fröhlich seinen Pfeifendampf ins Gesicht . Noch ein paar Schritte , dachte sie , und sie ließ sich weiterdrängen , immer hinauf . Und schon fühlte sie die Wohltat der schnellen Bewegung , und der Kampf mit dem Winde belebte sie . Noch ein Stückchen ! Nur bis zum Waldrand ! Einzelne Häuser nur standen hier zwischen den Gütern , aber sie hatten etwas so traulich Einladendes . An einem langen , niederen Hause mit grünen Läden war ein Fenster offen , und ein lockiger Mädchenkopf drohte und lachte hinaus zu einem Mann in grünem Schurz , mit einer Handsäge , der unten stand und sich eine lange gelbe Hobelspanlocke an dem gestrickten braunen Wams vorn befestigt hatte . Das Mädchen bot ihm einen Fastnachtskuchen für die Locke , aber er wollte sie nicht hergeben , sondern streichelte sie mit den schwärzlichen Fingern und versuchte zugleich mit dem Griff der Handsäge den Kuchen dem Mädchen aus der Hand zu schlagen . Ein leises Lächeln kam die Einsame an , als plötzlich der Kuchen herunterfiel und unter dem Siegesgeschrei des Bewerbers im stacheligen Dorngestrüpp zerbröckelte . Bis zum Waldrande . Die Häuser und Menschen blieben hinter ihr , kein Spaziergänger war zu sehen auf dem schmalen , steilen Wiesenpfad . Ein breitwipfliger Baum an der Halde schüttelte einen blitzenden Regen in das Gras , das im Schatten noch bereift war . Der Meisengesang klang wie eine Glasglocke durch den Sturm . Es wird wieder Frühling , dachte sie und bückte sich zu den ersten Blumen am Rain , ein paar Marienblümchen , die kurzstengelig und groß , mit rotgesäumter Scheibe , sich an den Boden drückten . Und ich bin noch stark , und es wird wieder Frühling . Sie blickte nach der Sonne , die wie eine riesige rote Marienblume auf dem Ütliberg saß . Ein violettroter Dampf füllte das Tal , die Stadt schien im Qualm zu ersticken , aber nun wurden plötzlich die Berge frei , und die Firnen erröteten in ihrem sanften , goldigen Rosenglanz . Der See zu ihren Füßen war eine goldüberflimmerte Schale . Die zerflockten Wolken strahlten in Regenbogenfarben wie das Prachtgefieder eines Riesenvogels . » Ist das der Paradiesvogel ? « hatte Rösli sie neulich gefragt , als die Sonne so schön unterging . Josefine lächelte , vor ihren Augen schwammen rote und grüne Kreise , und eine Art Schwindel ergriff sie von der Blendung . Da kam aus dem glühenden Abendrot jemand den schmalen Pfad , den sie hinan wollte , herabgegangen . Es war ein hochgewachsener , schlanker Mann . Die eigentümlich stolze Haltung , die ihn von allen Menschen unterschied , welche Josefine je gesehen , machte , daß sie ihn von weither erkannte : es war Bernsteins Kamerad . Er trug den Hut in der Hand , die Stirn hoch . Und von dieser breiten , blassen Stirn über den dunklen Augen schien etwas Glänzendes und Beglückendes auszugehen . Er kam heran , und die großen , weitgeöffneten Augen zogen sich zusammen und wurden freundlich : wie ein Sternenregen von guten Wünschen sprühte es aus ihrer Tiefe über die ihm Begegnende . Weit schwenkte er den großen Hut im Bogen zur Begrüßung und ging ein wenig auf den steilen Wiesenbord hinauf , um nicht hart an ihr vorbeizustreifen , denn der eingeschnittene Pfad war für zwei zu schmal . Ohne sich aufzuhalten , ohne den Schritt nur zu verlangsamen , gingen sie grüßend aneinander vorüber . Josefine sah ihn einen Augenblick hoch über sich , wie auf einem Postament ; einen Moment erblickte sie sein scharfes Profil mit dem lockigen Spitzbart wie eine Kamee auf Goldgrund . Dann war er vorbeigegangen . Noch einige Minuten schritt sie vorwärts gegen den schwarzen stummen Wald , aus dem die Krähen ihr entgegenkrächzten . Sie ging , ohne zu wissen , daß sie ging . Vor ihr war noch dieser seltsame dunkle Kopf , ihr vertraut aus alten Zeichnungen und Bildern . Aber dieser fremde Mann war ihr nicht nur aus alten Zeichnungen und Bildern vertraut ... Von den Gedanken dieser Stirn glaubte sie die meisten zu kennen ... Von der hellen überströmenden Güte dieser ernsten Züge hatte sie als junges Mädchen geträumt ... Er war also in der Welt ? So reich war die traurige Erde ? Josefine wendete sich jäh gegen die Stadt zurück ; rote Kreise und grüne Flecke tanzten über das fahle Gras , über die goldbraunen Büsche , über den violetten Abendhimmel , an dem keine Sonne mehr stand . So reich ist die traurige Erde ? Und auf dem ganzen Heimweg brannten ihr die Wangen , und es war ihr , als sei sie nur ausgegangen , um ihn zu suchen , den sie nicht kannte . Bis Josefine zu ihrem Hause kam , war die Sonnenfeier vorüber . Grau lag der » Graue Ackerstein « auf seinem Hintergrund von schwarzen Bäumen , und auf dem Platze vor der Treppe drängte sich ein Trüpplein Buben . Sie waren aneinander geraten , geballte Fäuste stießen hinaus , zwei lagen am Boden und pufften sich . » Was gibt ' s hier ? « fragte Josefine hastig , » steh auf , Hermannli , laß los , sag ich dir . « Sie ergriff ihren Buben an der Schulter und zwang ihn , aufzustehen . Verdutzt und verdrießlich blickte Hermann die Mutter an . Seine Nase blutete , die Augen waren verschwollen , der Sonntagsanzug beschmutzt . Wie er sich mit den beschmierten Händen durch das zerzauste dünne Haar fuhr , sah er nicht aus wie ein Sieger , obgleich der stämmige , rotbäckige Widersacher unter ihm gelegen hatte . » Du bist emal zugerichtet ! Warum hast gerauft ? « fragte die Mutter , widerwillig sein blasses , altkluges Gesicht mit den frischen Knabenzügen der Kameraden vergleichend . Hermann schüttelte seiner Mutter Hand ab . » No , no , Mama , wir haben Versammlung ! Wegen em Faschtnachtsfüer.5 Wir haben dann gefunden - « » Na , na - wir net , unser Lehrer hat g ' funden - « fiel der Nächststehende ein . » Ja , ' s wär geschieter , wir täten das Geld fürs Faschtnachtsfüer eme armi Weible geben , « unterbrach ihn Hermann in sicherem Ton . » Schtatt daß man ' s Holz unnötig verbrennt , wo ' s so düer6 ist , « berichtete ein ganz Kleiner . » Eme armi Wibli , wo kein Mann mehr hat , « schrie jemand aus dem Hintergrunde und lachte hell auf . Noch einer lachte . Hermannli fuhr hastig herum nach der Stelle , von woher das Lachen kam . Er holte zum Schlagen aus und traf seine Mutter in die Brust . Sie umfaßte ihn mit beiden Armen und hielt seine Hände nieder . » Das ischt der Ebstein , wo den saudummen Antrag geschtellt hat ! « schrie der Bub und versuchte , sich zu befreien . Seine hängende Unterlippe zuckte , seine Augen füllten sich mit Tränen ohnmächtiger Wut . Die Buben drängten plötzlich auseinander . Einige stellten sich an entfernteren Bäumen auf , andere gingen ganz fort , ohne umzublicken . » Der Ebstein ischt ' n saudummes Luder ! « kreischte Hermann und wollte sich nicht ins Haus ziehen lassen . Josefine fühlte den alten Druck auf dem Herzen zurückkehren . Sie haben über mich gesprochen , die Kinder auf der Straße spotten über mein Unglück , dachte sie , und ihre Hände wurden schlaff . » Em armi Wible , wo kein Mann mehr hat ! « höhnte ein verhallender , unterdrückter Ruf aus der Ferne . Hermann riß sich los und sprang mit seinen langen , schlanken Beinen über einen Zaun , hinter dem er den Spötter vermutete . Das ist mein Leben , dachte die Unglückliche , das ist mein Leben . Die Buben hatten sich alle verlaufen , die Versammlung war zu Ende . Hermann kam zurück ; er weinte laut und ohne alle Beherrschung ; er hatte seinen Gegner nicht gefunden und drängte sich rücksichtslos an der Mutter vorüber in die Haustür . Der Anblick seines verzerrten nassen Gesichtes erinnerte sie qualvoll an ein anderes , das sie ebenso naß von Tränen und verzerrt von Wut gesehen . Sie hatte Mühe , sich zu bezwingen . » ' s ischt nit der Wert , sich aufzuregen ! komm ! « sagte sie . Aber der Bub stieß ihre Hand von sich . » Wo ischt der Pappe ? « heulte er , » sie sagen so Züegs7 - i will zum Pappe ! I lauf denn emal in d ' Welt , du wirscht schon sehn . Er sait - weißt , was der Ebstein sait ? er sait , wir sollten ' s Geld dir geben , du häbist auch kein Mann und seiest ' n armis Wible . « Seine matten , grauen Augen glitzerten rachsüchtig und tückisch , und doch war etwas unsäglich Elendes , Erbarmungswürdiges in diesem häßlichen Jungen , der schon zusammenbrach unter einem schweren Schicksal . Schweigend legte die Mutter den Arm um seine dünne Gestalt und zog ihn mit die Treppe hinauf und in ihr Schlafzimmer . Dort stand sie eine Weile wortlos mit ihm , der in ihren Arm hineinschluchzte . » Ein armes Weib ist deine Mutter , Bub , sie haben ja recht , « flüsterte sie seufzend in sein Haar , » ein armes Weib ... « Wie der Knabe heftiger weinte , besann sie sich . » Aber so arm nit , das weißt ja auch . Mußt dir nichts draus machen ... « Hermann erhob sein Gesicht . » Ischt der Pappe tot ? « » Nein . « » Kommt er emal heim ? « » Ja . « » Wo ischt der Pappe ? « » Du weißt ' s ja , Hermannli . « » ' s ischt nit wahr ! « winselte der Junge , » meine Kameraden sagen - der Pappe sei net in Afrika , er sei wo anders - « Josefine drückte sein weinendes Gesicht fest an ihre Brust . Sie bebte vor Entsetzen , und doch schien es ihr ja