- also auf der gewohnheitsgeglätteten Bahn . Die neuen , noch nie gehörten Ideen , die Rudolf vorgebracht hatte , blieben teils unverstanden , teils flößten sie Bangen ein . Namentlich von seinen Standesgenossen mußte er Vorwürfe hören . Die älteren Herren gaben ihm wohlmeinende Belehrungen . Sie waren ja erfahrene Politiker - » Realpolitiker « ; sie wußten also genau Bescheid und versuchten eindringlich , ihn von seinen unpraktischen Anschauungen abzubringen . An und für sich mag ja dies und jenes richtig sein - gaben sie zu - einiges sogar unanfechtbar , dennoch dürfe man es nicht vorbringen , weil es an gewissen Stellen verstimmen könnte - und vor allem gälte es , die eigene Partei regierungsfähig zu machen - nur dann sei überhaupt etwas zuerreichen . Daher ist Unterwerfung unter das Parteiinteresse das wichtigste politische Prinzip : nachgeben auf gewissen Gebieten , damit auf der anderen Seite auch nachgegeben werde - » Kurz , « unterbrach Rudolf solche Weisheitslehren , » der Kultus des heiligen Kompromiß - nein , ich danke . « Dem meisten Widerstand begegnete Rudolf von einer Seite , von der er ihn am wenigsten erwartet hätte - bei seiner Frau und deren Mutter . Kein direkter Widerstand gegen seine Prinzipien , denn von diesen verstanden sie nichts und er hatte sie ihnen auch nicht mitgeteilt , sondern indirekt durch das Hervorkehren ihrer Auffassung des ganzen parlamentarischen Berufs , in welchem sie nichts sahen , als den Hebel zur Erlangung eigener Vorteile . Als die eigentliche Aufgabe , als die unabweisbare Pflicht eines Abgeordneten betrachteten sie das Bestreben , durch die politische Tätigkeit Karriere zu machen . Also natürlich alles tun und reden , was den jeweiligen Ministern und noch mehr was allerhöchsten Orts gefallen muß . » Darum , nicht wahr , Rudi , nur immer eintreten für Thron , Altar und Armee ... unser Hof ist ja sehr fromm ... Und - friedliebend ist der Kaiser ja auch - aber er liebt seine Armee und tut so viel für sie ... was Friedrich Tilling wollte , ist ja recht schön ; aber nur darf man das Militär nicht angreifen ... je stärker das Heer ist und je besser gerüstet , desto weniger werden die anderen sich trauen , Krieg anzufangen ... was würde auch aus allen Söhnen des Adels werden , wenn man weniger Offiziere brauchte ? ... Und dann : es ist gar nicht anständig , nicht patriotisch , wenn man gegen den Militarismus loszieht - das tun ja die sogenannten Roten , die alle Ordnung untergraben wollen ... « Rudolf wehrte derlei Einmengungen zwar ungeduldig ab , aber in einer Form oder der anderen schwirrten sie immer wieder um seine Ohren . Es war ihm daher beinahe wie eine Erleichterung , als er nicht gewählt wurde ; denn zu dem Kampf , der im Reichsrat aufzunehmen war , hätte sich noch der Kampf mit den Seinen gesellt . Er wäre zwar nicht zurückgeschreckt vor diesem Kampf , und war entschlossen , bei nächster Gelegenheit wieder auf den Plan zu treten . Den vor längerer Zeit seiner Mutter mitgeteilten Plan , mit den Führern der Friedenssache in brieflichen und persönlichen Verkehr zu treten , hatte er ausgeführt . Er schrieb an Hodgson Pratt und Randal Cremer nach London , an Frèdéric Passy und Simon nach Paris , an Franz Wirth nach Frankfurt a. M. , an Virchow nach Berlin , an Professor Graf Kamarowsky nach Moskau , an Teodoro Moneta nach Mailand , an Ruggiero Bonghi und Beniamino Pandolfi nach Rom , an Frederic Bajer nach Kopenhagen , an General Türr nach Budapest ; von diesen erfuhr er genau , wie die » Bewegung « für Frieden und Schiedsgerichte in den verschiedenen europäischen Ländern stand und in das bekannte Protokoll gab es wieder viel einzutragen . Hätte Rudolf dem Parlamente angehört , so würde er versucht haben , sich an die Spitze einer österreichischen Gruppe der Interparlamentarischen Union zu stellen . Eine solche entstand anläßlich der im November 1891 in Rom tagenden interparlamentarischen Konferenz , und zur Anregung dieser Bildung hatte er redlich beigetragen . Im übrigen war und blieb er ein Feind des Vereinswesens . Martha hatte ihm nahegelegt , daß für ihn die beste Art , Tillings Ideen zu verwirklichen , darin bestände , die internationale Bewegung , mit deren Trägern er ja so eifrig korrespondierte , nach Österreich zu verpflanzen , indem er auch in Wien einen Verein ins Leben riefe , dessen Mitglieder dann an den alljährlichen Kongressen teilnehmen würden . Aber dazu konnte er sich nicht entschließen . Er war nicht , was so viele Menschen nach mehrjähriger Erfahrung werden - vereins müde denn er hatte darin keine Erfahrungen , - sondern er war vereins scheu . Konkrete Dinge , wie beim Roten Kreuz , Rettungsgesellschaft , Tierschutz und dergleichen - die konnten wohl durch Organisation ersprießlich betrieben werden ; abstrakte Ideen , sittliche Ideale , philosophische Wahrheiten : nein , diesen half es nichts , sie in ein Bureau mit Funktionären und Sitzungen mit Protokollen , oder in Kongresse mit Resolutionen zu zwingen ; die mußten , um die öffentlichen Institutionen umzuwandeln , ihren Weg ins Haus , in die Schule , in die Köpfe der geistigen Führer und der Staatslenker finden . » Eine Weltanschauung , « pflegte er zu sagen , » läßt sich nicht organisieren ; zur Heranziehung einer Gemeinde gehören nicht Vorsitzende , Schriftführer und Kassenwarte , sondern Apostel . « » Und willst Du nicht Apostel werden ? « hatte ihn Martha gefragt . » Wollen - hängt das vom Wollen ab ? « fragte er zurück . » Ebensogut könnte man sich vornehmen , ein Genie zu werden . Wie hoch die Kraft sein wird , die man in den Dienst einer Sache stellt , das kann man nicht bestimmen , nur das eine kann man sich vornehmen : treu zu dienen - mit der ganzen Kraft , die man überhaupt hat . « Da ihm die Tribüne des Abgeordnetenhauses verschlossen geblieben , blickte Rudolf nach einer andern Stelle aus , von wo er die Fülle seiner Gedanken und Pläne verkünden konnte , das Nächstliegende war : Zeitungsartikel zu schreiben . Er versuchte es . Die Anschauungen und Grundsätze , die vor seinen Wählern keine Gnade gefunden , die brachte er nun in Form von Essays zu Papier . Doch fand er damit ebensowenig Gnade bei den großen politischen Blättern . Da herrschte ja die gleiche Parteienge , die er in den lebendigen politischen Kreisen gefunden , ins Papierne übertragen . Was außerhalb der gewohnten Schlagworte , der gewohnten Phrasengeleise lag , das wollten die Blätter nicht aufnehmen . Indessen das » Aktuelle « ist immer zeitungsspaltenfähig und so geschah es , als im Herbst 1891 die Telegraphenagenturen meldeten , in Rom werde unter Beteiligung offizieller Kreise ein Friedenskongreß und eine interparlamentarische Konferenz abgehalten - so geschah es , daß man in den Redaktionen doch auf jene Frage hinhorchte , und ein großes Wiener Blatt veröffentlichte einen von Rudolf Dotzky eingesandten Aufsatz , in welchem er ungefähr folgendes ausführte : » Millionenheere , in zwei Lager geteilt , waffenklirrend , stehen bereit , nur eines Winkes gewärtig - aufeinander loszustürzen . In der gegenseitig zitternden Angst vor der unermeßlichen Furchtbarkeit des drohenden Ausbruchs liegt einigermaßen Gewähr für dessen Verzögerung . Hinausschieben ist jedoch nicht Aufheben . Die sogegannten Segnungen des Friedens ( als wäre der bewaffnete Friede nicht selber ein Fluch ) die werden uns immer nur von Jahr zu Jahr garantiert , immer nur als hoffentlich noch einige Zeit anhaltend hingestellt . Von der Abschaffung des Krieges , von gänzlicher Aufhebung des internationalen Gewaltprinzips , durch Einsetzung zwischenstaatlicher Justiz , davon wollen die zur Aufrechterhaltung des Friedens waffenbrüderlich verbundenen Gewalten nichts wissen . Der Krieg ist ihnen heilig , unausrottbar , und man darf ihn nicht wegdenken wollen ; er ist ihnen auch - angesichts der Dimensionen , die er unter den gegenwärtigen Bedingungen annehmen müßte - furchtbar , vor dem eigenen Gewissen unverantwortlich , also darf man ihn nicht anfangen . Was ist das aber für ein unnatürliches Ding , das nicht aufhören kann und nicht anfangen soll ; das nicht weggewünscht und nicht herbeigeführt , nicht verneint und nicht bejaht werden darf ? Ein ewiges Vorbereiten auf das , was durch die Vorbereitung vermieden werden soll - ein Vermeiden dessen , was durch die Vermeidung vorbereitet wird . Dieses Widerspruchsmonstrum erklärt sich so . Jenes Gebilde aus historischer Vergangenheit , das man noch aufrecht erhalten will , - die gebietverschiebende , machtvergrößernde , nur einen geringen Bruchteil der Bevölkerung in Anspruch nehmende frische und fröhliche Kriegführung , die ist inzwischen im Entwicklungsgange der Kultur , zur moralischen und physischen Unmöglichkeit geworden . Moralisch unmöglich , weil die Menschen von ihrer Wildheit und Lebensverachtung verloren haben , daher nicht mehr fröhlich an das Totschlage-Werk gehen können , die Blutarbeit ist mir verhaßt schreibt Friedrich III. in seinem Tagebuch ; - physisch unmöglich , weil die während der letzten zwanzig Jahre angewachsene Zerstörungstechnik einen Grad erreicht hat , der den nächsten Feldzug zwischen den großen Militärstaaten zu etwas gestalten würde , das etwas ganz neues , anderes wäre , etwas , das sich mit dem Wesen und den Zwecken des landläufigen Begriffes Krieg nicht mehr decken würde . Ein Beispiel : wollte man durch lange Stunden ein Bad vorbereiten , das Wasser heizen , heizen , bis es siedet und überwallt - wäre dann dasjenige , was einen träfe , der endlich doch in die Wanne stiege - oder vielmehr hineinfiele - noch ein Bad zu nennen ? Noch ein paar Jahre solchen aufrechterhaltenden Friedens , solcher Heeresmehrungen , solcher Mordmaschinen-Erfindungen - elektrische Sprengminen , ekrasitgeladene Lufttorpedos - und kurz nach der Kriegserklärung sind sämtliche Kriegführende - - verbrüht . Jeden Augenblick kann die Explosion kommen . Diejenigen , welche die Lunte in Händen haben , geben zum Glück acht . Sie wissen , daß , bei solchem Pulvervorrat , die Folgen schrecklich wären , wenn sie unvorsichtiger- oder gar freventlicherweise den Funken hineinwürfen . Um also diese wohltätige Vorsicht zu steigern , wird der Pulvervorrat immer vergrößert . Wäre es nicht einfacher , freiwillig und übereinkommend die Lunte wegzutun , mit anderen Worten : abzurüsten ? Den internationalen Rechtszustand einzusetzen , die getrennten Gruppen - die einander stets zuschwören , daß sie , wenn von der andern Gruppe angegriffen , Schulter an Schulter kämpfen wollen - zu einer Gruppe zu verschmelzen , den Bund der zivilisierten Staaten Europas zu gründen ? « Diese zwei Postulate : Einsetzung internationaler Friedensjustiz und europäischer Staatenbund - die bildeten in Rudolfs Sinn das ganze , klare , einfache Ziel des von Friedrich Tilling aufgestellten Ideals . Das dritte Postulat - die Abrüstung - müßte sich als die mechanische Folge der beiden anderen einstellen . So wie das Rüsten die Geste der Kriegswollenden und Kriegsfürchtenden ist , die einander feindlich und mißtrauisch gegenüber stehen , so wäre bei verbündeten Mächten , die für etwaige Streitfälle ein Schiedstribunal bereit hätten , die natürliche Geste das Abrüsten . Jenen Artikel hatte er unterzeichnet und die Folge war , daß ihm aus den verschiedenen Schichten der Bevölkerung zahlreiche zustimmende Briefe zuflogen . Eine zweite Wirkung aber war , daß man ihn in seinem Kreise als » Exaltierten Menschen « klassierte . Manche seiner Freunde fanden diese Exaltation schädlich und gefährlich . Einigen flößte es geradezu Abscheu ein , daß ein Aristokrat , ein Offizierssohn Ideen Ausdruck gab , die so bedenklich an die Deklamationen der militärfeindlichen » Sozis « anklangen und an der bestehenden Ordnung der Dinge rüttelten . Dabei solch unpraktisches , unausführbares Zeug ! - » Utopie « sagten die Höflichen . Das Wort eignet sich so hübsch zum Wegfegen unbequemer Pläne . Es gibt zu , daß die Sache ja ganz schön und wünschenswert wäre - etwa wie die Überwindung des Todes - aber eben einfach unmöglich . Daß alle Errungenschaften von heute - alle , die technischen und sozialen - Eisenbahnen und Aufhebung der Sklaverei - meist als Utopie gegolten haben , daß daher dieses Wort die ganze Kulturgeschichte als eine ununterbrochene Kette beschämter Kleingläubigkeit durchzieht - dessen erinnern sich die neuen Utopie-Rufer nimmer . XII Von Rudolfs Standesgenossen war Graf Kolnos der einzige , bei dem er Verständnis und aufmunternde Sympathie fand . Der alte Herr hatte eine Dichternatur und Dichter sind immer einigermaßen Seher . Ihr Blick holt aus der entrücktesten Vergangenheit romantische Züge hervor oder reicht furchtlos bis in jene Zukunftsfernen , die ihr Schönheitsideal erfüllen werden ; zur opportunistischen Anpassung an den Gegenwarts-Alltag haben Dichter kein Geschick . An dem Tage , nachdem jener Artikel erschienen war , suchte Rudolf seinen Freund Kolnos auf . Die Räume , die der kunstsinnige Edelmann in einem Hause am Kolowratring bewohnte , waren selber ein Poem . Eine Flucht von mehreren Zimmern , hoch und geräumig wie Säle , waren mit gesammelten Kunstschätzen angefüllt . Meistergemälde , Statuetten , antike Möbel , kostbare Stoffe , Teppiche und Felle , Prunkgefäße und Waffen , hunderterlei Dinge aus Porzellan und Edelmetall , aus Elfenbein und Bronze ; Preziosen und Juwelen in Email und funkelnden Steinen ; mittelalterliche Manuskripte mit gemalten Initialen - daneben die noch unaufgeschnittenen Bücherneuheiten von heute . Das alles aber nicht etwa museummäßig in Vitrinen oder in Reih und Glied aufgestellt , sondern in zwangloser Verteilung ; als Zier und Nutzgebrauch in wohnlichem Heime . Graf Kolnos kam seinem Besucher mit ausgestreckter Hand entgegen . » Grüß Gott , Rudolf ... Schön , daß Du wieder einmal zu mir kommst ! « Trotz des großen Altersunterschiedes sagten sich die beiden Männer » Du « . In seiner äußeren Erscheinung gehörte Kolnos demselben Typus an wie Dotzky . Die gleiche hohe schmiegsame Gestalt , das gleiche edelgeschnittene Profil und sogar der gleiche , spanisch gestutzte Bart , mit dem Unterschiede , daß der eine schwarz , der andere schneeweiß war . » Gut , daß ich Dich allein finde , « sagte Rudolf , » ich will Dir wieder einmal mein Herz ausschütten und Dich um Rat fragen . « » Ganz zu Diensten , mein Junge . Komm , setzen wir uns ... Hier in meinem kleinen Arbeitserker - da ist ' s am gemütlichsten ... Also meinen Rat willst Du , um ihn wieder nicht zu befolgen ? ... Oh protestiere nicht , Du wirst Dich doch erinnern , daß ich Dir das Kandidieren um das Reichsratsmandat abgeredet hatte - und wer ging dennoch hin , um das zweifelhafte Privilegium werben , im Chor ja oder nein sagen zu dürfen , so wie man eben vom Parteischlüssel aufgezogen worden ... Dein guter Genius hat Dich davor gerettet - « - « » Verzeih - ich hätte mich nicht als Spieldose aufziehen lassen - mein eigenes Lied hätte ich vorgebracht . Daraus ist vorläufig nichts geworden . Und so habe ich ein anderes Mittel versucht , gehört zu werden - « » Ja , durch die Zeitung - ich habe Deinen Artikel vom vorigen Sonntag gelesen . Was Du sagst , ist ja alles wahr , aber - « » Wenn etwas wahr ist , dann soll ' s gesagt werden - dann gilt kein aber - « » Das gebe ich zu . Mein aber war nicht gegen Dich gerichtet , sondern gegen die Mitwelt : die will keine Wahrheit hören , die sie aus ihrer Bequemlichkeit reißt . « » Die immer schwerer werdenden Rüstungslasten , die ewige Unsicherheit , der allgemeine Dienstzwang , der als Damoklesschwert drohende Weltkrieg - das nennst Du bequem ? « » Bequem ist alles Altgewohnte - denn man ist darin eingerichtet , man hat seine Interessen daran geknüpft ... In unserer auf die Kriegsidee aufgebauten Ordnung ist der Friedensprediger der schlimmste Störenfried . Aber - schon wieder sag ' ich aber - Du hast recht getan , Dein Artikel freute mich . Und je mehr die anderen darüber raisonnierten , desto mehr freute er mich . Wenn Du meinen Rat hören willst : verharre , verharre auf diesem Pfad . Das Verharren ist wohl immer das schwierigste ... doch ich mute Dir diese Kraft zu . « » Danke . Die Standhaftigkeit wird mir allerdings nicht leicht gemacht . Darüber wollte ich Dir klagen . « » Wer oder was entmutigt Dich ... die Zweifler ? « » Die fremden Zweifel nicht - ein eigener . « » Wie - Du glaubst nicht fest an das , was Du sagst ? « » Doch . Meine Überzeugung ist eben so tief wie klar . Ich zweifle nur an der Möglichkeit , die Massen aus ihrer Apathie zu wecken . Diese Massen sehe ich vor mir liegen , wie ein Felsgebirge . In der Hand halte ich eine Lanzette - und damit sollten nun die Felsen von der Stelle gerückt werden ? Und selbst , wenn ich statt einer Lanzette die Lunte zu einer Mine in Händen hätte - an welcher Stelle des Felsens sollte man ihn sprengen ? Ohne Bild : wo soll man anfangen , um Vorurteile wegzuwälzen - sie sind ja alle so eng miteinander verwachsen . Und wo soll man anfangen , um das Unglück der Welt zu verscheuchen ? Dieses Unglück heißt ja nicht nur Krieg - es heißt das Elend , es heißt Geistesnacht , Herzensroheit , Lasterhaftigkeit - diese drei verteilt in allen Klassen - daher auch vom Klassenkampf keine Erlösung zu hoffen ist . Ich meine , daß - « Rudolf wurde unterbrochen . Der Diener meldete neuen Besuch : » Herr Hofrat Doktor Bland . « » Ich lasse bitten . « Kolnos stand auf , um den Eintretenden - ein behäbiger , sehr ernst blickender Fünfziger - mit freundlichem Händedruck zu empfangen . Dann stellte er vor : » Reichsratsabgeordneter Doktor Bland - Graf Dotzky . Die Herren sind ja Kollegen ... das heißt , nicht Kollegen , sondern etwas mehr noch : Gesinnungsgenossen . « Kolnos erläuterte diese Bezeichnung , indem er darauf hinwies , daß Doktor Bland - eine der » Säulen « der liberalen Partei - sich der im österreichischen Parlament neugebildeten » Gruppe für Frieden und Schiedsgericht « angeschlossen habe und als einer ihrer Delegierten zur bevorstehenden Konferenz nach Rom reisen werde , » und in Graf Dotzky , « fügte er hinzu , » sehen Sie den Verfasser des antimilitaristischen Artikels , der - « » Ah , « unterbrach der Hofrat , » sind Sie derselbe Graf Dotzky , der bei den Wahlen - « » Durchgefallen ist ? Ja , der bin ich , Herr Doktor ; habe daher leider keinen Anspruch auf den Titel Kollege ; desto mehr interessiert mich die Gesinnungsgenossenschaft ... Sie beabsichtigen also , bei der Konferenz den Militarismus zu bekämpfen ? « Die drei saßen nun wieder im Erker und Kolnos deutete einladend auf ein nebenstehendes Rauchtischchen . Bland nahm mit dankender Verbeugung eine Zigarette und steckte sie an . Dabei schaute er durch die Gläser seiner goldumrandeten Brille mit intensiver Aufmerksamkeit auf Rudolf und seine ohnehin ernste Miene nahm einen noch strengeren und wichtigeren Ausdruck an . » Hm ... also jenen Artikel haben Sie geschrieben ? ... ich habe ihn nicht mehr recht im Gedächtnis ... doch Ihre Fragestellung von vorhin zeigt mir , daß Sie meine bevorstehende Reise nach Rom etwas irrig auffassen . Gegen den Militarismus , sagten Sie ? ... Nein , das nicht - « » Warum in aller Welt wollen Sie dann an der Konferenz teilnehmen ? « » Mein Gott - wenn ich ganz aufrichtig sein soll , ich hatte schon lange den Wunsch , Rom zu sehen - meine Frau auch ... die Konferenz wird ja auch ganz interessant sein ... Und für den Frieden kann man immer eintreten - freilich unter dem Vorbehalt , daß man an der Wehrhaftigkeit des Vaterlandes festhält ... Natürlich ist ja von ewigem Frieden und derlei Unsinn für einen ernsten Politiker nicht die Rede - « » Was in aller Welt , möchte nun auch ich fragen , « fiel Kolnos ein , » tun Sie dann auf einer Friedenskonferenz ? « » O , man kann da sehr nützlich sein - - besonders muß man darauf achten , daß , wenn etwa gefährliche Fragen , wie die elsaß-lothringische oder irredentistische , aufgeworfen werden , man den etwaigen Ausfällen der politischen Heißsporne rechtzeitig einen Dämpfer aufsetzt . An dem status quo des Territotal-Besitzes der Staaten darf nichts geändert werden . Wer für die Erhaltung des Friedens ist - und das ist ja schließlich fast jeder vernünftige Mensch im allgemeinen und unsere Partei im besondern - der muß wachen , daß an dem Besitzstand der Staaten nicht gerüttelt werde , der muß darauf hinwirken , daß sich die Nationen jeder Eroberungspolitik enthalten und nur darauf sich beschränken , so stark zu sein , um die Agression der anderen siegreich abwehren zu können . Wäre der Dreibund - « » Welche anderen ? « unterbrach Kolnos . » Wenn sich die Nationen der Eroberungspolitik enthalten , welcher Angriff ist dann abzuwehren ? « Aber Bland beachtete den Einwand nicht und beschloß den angefangenen Satz : » Wäre der Dreibund nicht so stark , so würden die Franzosen gleich Krieg anfangen , und gegen kosakische Einfallsgelüste muß man auch sein Pulver trocken halten . « » Und mit diesen Ansichten « - rief Rudolf - » sind Sie Mitglied der interparlamentarischen Union für Frieden und Abrüstung ? « » Für Frieden und Schiedsgericht - nicht Abrüstung . Das Wort Abrüstung dürfen wir gar nicht in den Mund nehmen . Es ist unpatriotisch , unloyal und unvernünftig . « » Erlauben Sie , « mischte sich Kolnos ein , » wenn Schiedsgerichtsverträge abgeschlossen werden , wozu braucht man dann die übertriebenen Rüstungen ? Sind diese nicht eher unvernünftig und vertragen die sich mit den sogenannten liberalen Ideen ? « Bland war um Antwort nicht verlegen . » Einmal liegen die Schiedsgerichte noch in weiter Ferne - würden doch auch nur für Fälle in Anwendung kommen , bei welchen die Ehre und die Lebensinteressen der Staaten nicht tangiert werden - und was die übertriebenen Rüstungen betrifft , ja da haben Sie vollkommen recht , meine Herren , die ruinieren die Nationen - gegen die muß man sich verwahren . Da sind wir Liberalen immer auf Posten , die bekämpfen wir standhaft . Wir verlangen Rechenschaft für jede Verwendung und streichen ab so viel als tunlich , um die Finanzkräfte zu schonen . Und alljährlich bei der Budgetdebatte erhebt einer von uns die Stimme , um das ungesunde Wachstum des Militarismus zu verdammen . Das Wort Militarismus ist ja eben - im Gegensatz zu Militär - die Bezeichnung eines Auswuchses , eines ungebührlichen Übergewichts ... gerade so wie Klerikalismus im Verhältnis zu Kirche oder Religion . So bekämpft unsere Partei auch den Klerikalismus - nicht aber die Kirche und die Religion . Diese muß dem Volke erhalten werden , ebenso wie das Militär dem Staat erhalten bleiben muß . « Kolnos unterdrückte die Bemerkung » besonders wenn man einen Sohn in der Wiener-Neustädter und den anderen in der Weißkirchener Militärschule hat . « Diese Ideenverbindung äußerte sich nur in der Frage : » Wie geht ' s Ihren beiden Buben , Herr Hofrat ? « » Ich danke - es geht ihnen gut . Die Bengel freuen sich allerdings schon riesig auf ihr Porte-Epée ... die wollten von Antimilitarismus nichts hören ! Der älteste wird schon künftigen Sommer ausgemustert - das wird ein Stolz sein , namentlich für seine Mama . « Rudolf stand auf . » Lieber Freund , « sagte er zum Hausherrn , » ich muß jetzt leider mich empfehlen . « Aber Kolnos ließ den jungen Mann nicht fort . Und nachdem man noch eine weitere Viertelstunde über verschiedene Dinge gesprochen , wobei Rudolf äußerst zurückhaltend und wortkarg blieb , was es der Hofrat , der sich zum Gehen erhob und Kolnos versuchte nicht , ihn zurückzuhalten . Und nachdem er draußen war : » Ich habe Dir angesehen , mein lieber Rudolf , daß Du Dich geärgert hast . Warum widersprachst Du nicht ? « » Eben deshalb . Nichts schnürt mir so die Kehle zu , wie Ärger . Außerdem hätte ich etwas sagen können , was den Mann von seinen eingefleischten Ansichten abgebracht hätte ? Vor einem großen Auditorium , oder im Abgeordnetenhause würde ich ihm vielleicht entgegnet haben , dem Auditorium zulieb oder zum Fenster hinaus ... aber hier - wozu ? Er würde es mir dennoch nicht glauben , daß er ein ganz gewöhnliches Muster der fortschrittslähmenden Sorte des Fortschritts-Philisters darstellt - den Typus des freiheitsverleugnenden Liberal-Kompromißlers . Mir graut davor ... da lobe ich mir die konsequent Konservativen , die resolut Retrograden - die marschieren doch wenigstens in der Richtung , wo ihr verkündetes Ziel liegt . Aber diese Sorte , die trompetet hinaus , daß sie links stürmen , dabei schielen sie nach rechts und rühren sich nicht vom Fleck , halten noch die wirklich Linkswollenden am Rockschößel zurück ... und wie weise sie sich dabei vorkommen , diese Freiheitshelden die sich so schön unter alle vorhandenen Fesseln und Joche zu ducken wissen ... Sie nehmen die Feile wohl zur Hand , sie gebrauchen sie aber nicht : der sägende Lärm könnte allerhöchste Gehörnerven verletzen , und einstweilen - unter den gegebenen Umständen - sind die Fesseln und Joche ganz nützliche Instrumente ... vielleicht ein ganz klein wenig lockerer - aber vorläufig müssen sie dem Volk noch erhalten bleiben . « Kolnos lachte . » Wie Du Dich ereiferst ! ... Ich will ja die Bland und Konsorten nicht in Schutz nehmen , aber gibst Du nicht zu , daß man , auch wenn man aufrichtig vorwärts will , doch etwas langsam gehen soll ? Evolution - das lehrt uns die Natur - ist ein gar langsamer Prozeß - - « » Als ob wir das nicht wüßten ! Wir wissen aber auch , daß das winzige Von-der-Stelle-rücken des Ganzen das Resultat der größten Eile und größten Kraftanspannung der einzelnen Teilchen ist . - Übrigens , ich kann mich all den Anpassern nicht anpassen - ich werde mit den Leuten brechen , offen brechen müssen ! « XIII Aus Marthas Tagebuch . Im Janur 1892 . » Wenn die Sonne untergegangen ist , so ist die Geschichte des Tages vorbei . « Mit diesen Worten begründete ich Rudolf gegenüber meinen Entschluß , nicht weiter an meiner Lebensgeschichte zu schreiben . Dennoch habe ich mir neuerdings ein Heft hergenommen , um Eintragungen zu machen . Nicht mein Schicksal soll ja den Mittelpunkt dafür abgeben , sondern das Schicksal und - soweit ich Einblick darein habe - das Seelenleben meiner Kinder . Meine Kinder sind nicht glücklich , fürchte ich . Als ich mein Buch abschloß , da war so eine Lebenswende eingetreten , die - in Romanen und auf der Bühne - wie der Ausgangspunkt einer ungetrübten gesegneten Existenz erscheinen : glänzende Verhältnisse , Geburt eines Erben , Verlobung . Ich ließ mich selber davon täuschen und nannte das gesicherte Glück meiner Kinder das Licht , das meinen Lebensabend verklären sollte . Ach , um meinen Abend handelt es sich ja nicht . Ich beklage nur , daß ihr Mittag nicht so wolkenlos schön ist , wie ich ihn damals kommen sah . Meine arme Sylvia ... ihr Mann betrügt sie - das weiß die ganze Stadt . Er hat seiner Geliebten ein kleines Gut gekauft . Er versucht garnicht , seine Abwesenheiten zu maskieren . Und Sylvia zeigt nicht die geringste Eifersucht - ein Zeichen , daß ihr Delnitzky ganz gleichgültig , vielleicht sogar verhaßt ist . Also einsam , einsam ! Sie hat sich mir nicht anvertraut , weil sie mir nicht weh tun will . Glaubt sie denn , daß ich nicht sehe , wie freudlos sie ist ? Und nun Rudolf ... der trägt noch größere Sorgenlast . Er hat - » der unglückselige Atlas « - die Sorgen der Welt auf sich genommen . Alles was in unserer Gegenwart an Traurigem enthalten ist , das schmerzt - an Schlechtem , das empört - an Dummem , das erzürnt ihn , an Gemeinem , das flößt ihm Ekel ein . » So gib doch in die andere Wagschale « , sagte ich erst gestern zu ihm , » all das Lichte , Schöne , Gute , das auch vorhanden ist und das in immer steigendem Maße sich entfaltet . Die Zukunft gehört der Güte , pflegte Tilling zu sagen ... und Du hilfst ja mit , diese Zukunft herbeizuführen - ist Dir das nicht erhebende Genugtuung ? « Er schüttelte den Kopf : » Bis jetzt habe ich gar nichts geleistet - ich komme aus der Phase des Vorbereitens zum Handeln ja garnicht heraus - ein Schnitter , der immer nur die Sense schleift , ein Zeichner , der nicht aufhört , Bleistifte zu spitzen ... « Er übertreibt , er hat schon gehandelt . Nur sind seine Handlungen an äußerlichen Hindernissen , am passiven und aktiven Widerstand der anderen abgeprallt . Da war seine Kandidatur ... sie wählten ihn nicht . Da war seine Reise nach Berlin , seine Unterredung mit Bismarck ... der eiserne Kanzler hat ihn abgewiesen , wie er den Abgeordneten Bühler und wie er den Prinzen von Oldenburg abgewiesen hatte : » An Abrüstung dürfe man nicht denken , am allerwenigsten in Deutschland , das gegen zwei Fronten en vedette zu bleiben hobe . « Ich habe indessen meinem » Protokoll « doch wieder hoffnungsvolle Absätze hinzugefügt . Ach , daß Friedrich das alles nicht erleben konnte ! Sicher hätte er sich den Friedensvereinen und -Kongressen angeschlossen . Das will nun Rudolf nicht tun . Ich bleibe aber durch meine Korrespondenz mit den Gleichgesinnten aller Länder stets in Berührung mit den militanten Trägern der Friedensidee , und mein Protokoll spiegelt die Phasen der fortschreitenden , von der Mitwelt so sehr verlachten oder ignorierten