Zufall giebt , dachte in diesem Augenblick keiner von uns beiden . Halef , der stets Schnellerfertige von uns , rief , als er die Sachen sah , voller Freude aus : » Maschallah ! Was erblicken meine Augen ! Da liegt ja die ganze Ehre unserer Häupter und die ganze Zierde unserer Glieder vor uns ausgebreitet ! Ich sehe nicht ein einziges Stück , welches sich nicht dabei befindet , sondern es ist alles , alles da ! Sihdi , ich fordere dich auf , im Verein mit meinem Munde zu erklären , daß das Kismet ehrlicher und gerechter ist , als diese Spitzbuben es gewesen sind ! Das gütige Fatum zeigt uns hier wieder einmal , daß wir in die vorderste Reihe seiner Lieblinge gehören . Und weißt du , warum es uns zunächst die geraubte Kleidung zurücksendet ? « » Nun , warum ? « fragte ich . » Weil wir sie nötiger als alles andere haben und damit wir hieraus erkennen sollen , daß wir auch das , was noch fehlt , zurückbekommen werden . Was sitzest du da und regst dich nicht ! Folge doch meinem Beispiele ; die Sachen gehören doch uns ! « Er war nämlich aufgesprungen und nun eifrig damit beschäftigt , die Kleidungsstücke so eilig anzulegen , als ob sein ganzes Heil in der vollständigen Umhüllung seines kleinen , schmächtigen , aber außerordentlich sehnen- und nervenstarken Körpers bestehe . Ich folgte nun seinem Beispiele , wenn auch in langsamerer und bedächtigerer Weise . » So ! « sagte er , als er fertig war . » Jetzt bin ich wieder Hadschi Halef Omar , aber weiter nichts . Der berühmte Krieger und Scheik der Haddedihn werde ich erst dann wieder sein , wenn ich mein Pferd und meine Waffen wieder habe . Aber wehe dann allen denen , welche fähig gewesen sind , einen solchen Verrat und Bruch der Gastfreundschaft an uns zu verüben ! Ich werde über sie Gericht halten wie der Erzengel Midschaïl34 , dem das Schwert der Rache in die Hand gegeben ist ! Ich werde weder Gnade noch Güte walten lassen ! Ich werde so hart sein wie der Kieselstein am Ufer des Tigris und so unnachgiebig wie der Grimm , der sich im Magen eines hungrigen Löwen regt . Ich werde sie packen , wie der schwarze Panther seine Tatzen in das Genick der Kameelstute schlägt , und ich werde sie festhalten , wie das Krokodil seine Beute nie aus den Zähnen läßt ! Ihre Qualen werden größer sein als die Qualen aller Höllen , die es giebt , und wenn sie vor Schmerzen stöhnen , wie der Hammel unter der Hand des Schlächters stöhnt , so werde ich lächelnden Mundes dabeisitzen und mich freuen , daß sie der wohlverdienten Strafe nicht entgangen sind ! « Das klang schrecklich genug . Wer ihn nicht kannte , der konnte allerdings glauben , daß er in voller Ueberzeugung spreche . Die Dinarun warfen einander heimlich sein sollende Blicke zu . Das war nicht zu verwundern , wenn man unsere Lage mit den Worten des Hadschi verglich . Nafar blieb ernst , doch hatte seine Stimme einen ungewöhnlich freundlichen , teilnehmenden Ton , als er jetzt sagte : » Ich sehe , daß diese Sachen allerdings euer Eigentum sind . Wir haben sie gefunden , geben sie euch aber gern . Es freut mich , daß ihr nun als Männer vor mir steht , denen man ansieht , daß sie gewohnt sind , zu befehlen , nicht aber , zu gehorchen . Wir sind bereit , euch Hilfe zu erweisen . Ihr könnt einstweilen diese beiden Pferde , dann aber auch noch bessere bekommen , wenn ihr einwilligt , unsere Gäste zu sein und uns nach unserem Lager zu begleiten . Auch Gewehre , Messer und Pulver werden wir euch geben . Und wenn ihr es für nützlich haltet , bin ich sogar bereit , euch mit einer Anzahl meiner Leute zu begleiten , um den Dieben nachzueilen und ihnen abzunehmen , was sie euch entwendet haben . « Konnten wir willkommenere Worte hören ? Gewiß nicht ! Ich wollte ihm sagen , daß ich bereit sei , sein Anerbieten dankbar anzunehmen , doch Halef kam mir zuvor . Er rief begeistert aus : » Wie glücklich ist der Stamm , dem du angehörst , o Nafar Ben Schuri . Die Weisheit spricht aus deinem Munde , und von deinen Lippen klingen die Töne des Verstandes ! Die Großväter deiner Ahnen und Urahnen sind die klügsten Leute ihres Volkes gewesen , und die Urenkel deiner spätesten Nachkommen werden berühmt in allen Ländern und Gegenden des Erdkreises sein . Wir sind gekommen , das Glück deines guten Herzens zu erhöhen , indem wir annehmen , was du uns bietest . Wir werden innige Freundschaft und ein ewiges Bündnis mit dir schließen . Wir sind bereit , dich sofort nach deinem Lager zu begleiten , und ich verspreche dir - - - « » Halt ! « unterbrach ich ihn , denn er wäre in seiner Freude fähig gewesen , Zugeständnisse zu machen , denen nachzukommen , uns später nicht möglich war . » Was ? « fragte er . » Bist du etwa mit dem , was ich sage , nicht einverstanden , Sihdi ? « » Darin , daß wir die uns angebotene Hilfe annehmen , stimme ich dir bei , Halef . Aber nach dem Lager können wir nicht gleich mit . « » Warum ? « » Es ist nur noch kurze Zeit bis zum Untergang der Sonne . Dann werden die Diebe Halt machen . Ich möchte womöglich erfahren , wo sie die Nacht zubringen . Gelingt uns das , so können wir bis früh schon wieder im Besitze unserer Pferde sein . Wir können also nur eins thun , nämlich jetzt sogleich ihren Spuren folgen . « » Das ist wahr ! « gab er zu . » Ja , das ist richtig ! « stimmte auch Nafar bei . » Und damit ihr seht , daß ich es wirklich freundlich mit euch meine , erkläre ich , daß wir euch begleiten werden . Ihr werdet aber einsehen , daß ich einen Boten in das Lager senden muß ! « » Natürlich ! Er hat Nachricht zu geben , daß und warum ihr heut nicht zurückgekehrt , « sagte ich . » Noch mehr ! « » Was ? « » Wir sind nicht so berühmte Krieger , welche , so wie ihr , ohne Waffen und fast in der Minderzahl einen Feind verfolgen , der gezeigt hat , daß er zu allem fähig ist . Ich bin es meinen Leuten schuldig , Vorsicht walten zu lassen , und so - - - « » Vorsicht ? « fiel da Halef schnell ein . » Minderzahl ? Wir waren nur zwei , und wie sahen wir aus - - und doch sind wir hinter den Dieben her ! Ihr seid acht , mit uns zehn , genau so viel , wie die Feinde zählen , von denen zwei krank sind ! « » Aber ihr habt noch keine Waffen ! « » Die haben wir ! « » Wo ? « » Da - - dort - - - bei den Spitzbuben ! Die haben ja unsere Gewehre , und die holen wir uns ! « Da ging ein eigenartiges Lächeln über das Gesicht des Anführers . Er strich sich mit der Hand über den dunklen Bart und sagte in bedächtigem Tone : » Ja , es ist alles wahr , was ich von Hadschi Halef Omar , dem Scheik der Haddedihn , vernommen habe . Deine Gedanken haben die Schnelligkeit des Blitzes ; hierauf folgt sofort der Donner deiner Worte , und wie der Regenguß kommt dann die schnelle That . Aber wir wissen zwar , was jetzt ist und wie es ist , doch wie es sein wird und was noch kommen kann , das wissen wir nicht . Wenn zehn Männer gegen andere zehn Männer stehen und man aber leicht eine größere Schar haben kann , so soll man nicht auf diesen Vorteil verzichten . Habe ich recht oder nicht , Sihdi ? « Diese Frage war an mich gerichtet , und so antwortete ich : » Ich stimme dir bei , falls dieser Zuwachs an Kriegern nicht mit Verlusten andererseits verbunden ist . « » Welche Verluste könnten das wohl sein ? « » Ich meine vor allen Dingen die Zeit , welche wir dadurch verlieren könnten . « » Wir haben keinen Augenblick zu opfern , Sihdi , denn wir folgen ja sofort der Spur der Diebe , während sich nur ein einziger Mann von uns trennt , um nach dem Lager zu reiten und mehr Leute zu holen . « » Wie folgen uns diese ? Auf unserer Fährte ? « » Nein . Denn wenn sie dies thäten , so müßten sie erst wieder hierher , und dann kämen sie freilich zu spät . Sie könnten dann unsere Spuren nicht mehr sehen , weil es inzwischen dunkel werden muß . « Er sann einige Augenblicke nach und fuhr dann fort : » Die Reiter hatten die Richtung nach dem Dschebel Ma ; das ist der Berg des Wassers , weil es dort eine Quelle giebt . Ich bin überzeugt , daß sie dort in der Nacht lagern werden . Ich lasse dreißig oder vierzig Krieger holen , welche vor diesem Berge an einer Stelle , wo wir auf sie warten werden , auf uns zu treffen haben . Meinst du nicht , daß dies richtig sein wird ? « Es war ein Glück für uns , diesem Scheik der Dinarun und seinen Leuten begegnet zu sein . Ich hätte freilich gern eine andere Disposition getroffen , fühlte mich ihm aber zu Dank verpflichtet und durfte es nicht zu einer vielleicht möglichen Verstimmung zwischen ihm und mir kommen lassen . Darum erklärte ich : » Wir kennen diese Gegend nicht ; euch aber ist sie wohlbekannt ; darum bin ich überzeugt , daß dein Rat der beste ist , der uns gegeben werden kann . Wir werden ihn befolgen . « » Ich danke dir , Sihdi ! Du wirst die Erfahrung machen , daß sich niemand täuscht , der mir vertraut . Wir kehren also mit euch beiden um . « Er gab einem seiner Leute die nötigen Befehle , und als dieser im Galopp fortritt und das ledige Packpferd mitnahm , stiegen wir auf und schlugen die Richtung ein , aus welcher die Danarun gekommen waren . » Brrr ! « schüttelte sich Halef , als wir kaum ein Kilometer zurückgelegt hatten . » Friert dich wieder ? « fragte ich ihn . » Ja . Aber es ist auch noch etwas anderes . « » Was ? « » Mein jetziges Pferd ! O , Sihdi , welch eine Wonne des Paradieses ist es , auf meinem Barkh zu sitzen ! Ja , es sind sogar zwei , drei , vier oder fünf solche Wonnen ! Aber so ein Gaul wie dieser ! Sihdi , bist du einmal auf einem Ziegenbock geritten ? « » Nein . « » Ich auch nicht ; aber ich leide jetzt dieselben Qualen , die man eigentlich nur auf dem Rücken einer Ziege suchen darf . Ich weiß nicht , ist das Pferd schuld , oder giebt es eine andere Ursache : Ich werde schwindelig ; mein Herz klopft überschnell . « » Halef , du bist krank , ernstlich krank ! « rief ich besorgt aus . » Krank ? O nein ! Wie könnte ich krank sein , wenn es Spitzbuben zu verfolgen und einzufangen giebt ! Du mußt doch deinen alten treuen Hadschi kennen ! « » Irre dich nicht ! Denke einmal an jenen Unglücksritt von Bagdad auf den Weg der persischen Todeskarawane ! « » An den werde ich denken , so lange ich nur denken kann . Wir ritten der Pest entgegen , die erst dich , dann mich ergriff . « » So erinnere dich genau ! Vergleiche deinen damaligen Zustand mit deinem jetzigen ! « » Allah ! Hast du etwa Grund , jetzt wieder an die Pest zu denken ? « » Nein , sondern einstweilen nur an das Kranksein im allgemeinen . Daß du Schwindel hast , macht mich besorgt . « » Jetzt ist er wieder weg ; aber ich habe Figuren und bunte Fäden vor den Augen , die mich hindern , deutlich und klar zu sehen . « » Hm ! Halef , ich wollte , wir hätten unsere Pferde und überhaupt unser Eigentum wieder und befänden uns an einem stillen , sicheren Orte , an dem wir bleiben könnten ! « » Sihdi , lieber Sihdi , mache mir doch nicht Angst mit deiner Sorge um mich ! Ich bin ja ganz gesund ! Schau , vorhin fror es mich ; jetzt aber ist das völlig weg ; es ist mir sogar heiß , ganz heiß geworden . Habe also keine Angst . Ich bin so rüstig , wie ich stets gewesen bin und wie ich bleiben werde , bis ich sterbe ! « Es wäre ein großer Fehler gewesen , ihm diese gute Meinung zu widerlegen ; darum sagte ich nichts , und da auch er nicht weiter sprach , so ritten wir nun still nebeneinander her . Nafar Ben Schuri ritt voran ; dann folgten wir zwei , und hinter uns kamen seine Leute . Es war eigentümlich , daß der Anführer sich nicht zu uns hielt , aber keineswegs unerklärlich . Wir sahen , daß er der Fährte , welcher wir folgten , große Aufmerksamkeit widmete ; das hätte er nicht gekonnt , wenn er gezwungen gewesen wäre , sich mit uns zu unterhalten . Auch lag es für den Scheik , der überdies die Gegend genau kannte , sehr nahe , sich an der Spitze des kleinen Zuges zu halten . Vielleicht war er überhaupt ein schweigsamer Mann , der nur dann sprach , wenn er es für nötig hielt . Oder galt es bei ihm als ein Beweis der Achtung und Höflichkeit , sich nicht zu uns zu gesellen und uns mit neugierigen Fragen und überflüssigen Reden zu belästigen ? Wahrscheinlich hielt er sich auch nicht für befähigt oder erfahren genug , auf ein Gespräch mit Leuten einzugehen , denen er sich nicht geistig gleichgestellt fühlte . Kurz , es gab Gründe genug , seine Absonderung von uns zu erklären . Nur an eines dachten wir nicht , nämlich daß ihn das böse Gewissen oder die Vorsicht abhalte , neben uns zu reiten und sich nach Verhältnissen fragen zu lassen , über welche er nicht Auskunft geben wollte . Da hätten wir ihn ja für unehrlich halten müssen , ihn , der doch eigentlich unser Retter war , und dazu fehlte uns , zumal in unserer gegenwärtigen Lage , die Befähigung . Uebrigens kam es zuweilen vor , daß er uns eine Bemerkung über den Weg , die Gegend oder über die Spuren , denen wir folgten , zuwarf , und das genügte uns so vollständig , daß wir gar nicht mehr von ihm verlangten . Mich beschäftigte der Gedanke an Halef außerordentlich . Mir erschienen seine Wangen jetzt noch tiefer als vorher eingefallen . Ich sah sie bald sich entfärben , bald dunkler werden . Oder bildete ich mir das nur ein ? Seine Augen blickten jetzt matt und starr , und gar nicht lange , so schienen sie in ungewöhnlichem Glanz zu strahlen . Auch hierin konnte ich mich täuschen , doch nicht darin , daß er zuweilen tief und seufzend Atem holte , was ich bei ihm noch nie bemerkt hatte . War seine Frage nach dem Sterben einer Vorahnung entsprungen , daß eine schwere Krankheit die fleischlosen , gierigen Hände nach ihm ausstrecke ? Fast erschrak ich , denn grad als mir dieser Gedanke kam , wendete er mir sein Gesicht zu und sagte : » Sihdi , ich komme mit meiner Frage noch einmal : Wie denkst du über das Sterben ? « » Wir haben das ja schon besprochen , « antwortete ich . » Nein , noch nicht ! « » Wieso ? « » Du hast mir nicht geantwortet . Du warst so klug , wie du immer bist , wenn du meinst , daß ich nach etwas frage , was ich noch nicht verstehen kann . Dann antwortest du mir dadurch , daß du mich selbst antworten lässest . Aber ich wollte doch nicht hören , was ich denke , sondern wie du denkst . « » Lieber Halef , frage nicht jetzt nach solchen Dingen ; es ist nicht Zeit dazu . « » Warum ? « » Muß ich dir das erst erklären ? Was weiß der Mensch vom Sterben ? Und wenn er ja darüber nachdenken , oder gar darüber sprechen will , so soll er das in stiller , geräuschloser Stunde thun , in welcher er nicht von dem Leben abgehalten wird , seine Gedanken mit dem Sterben zu beschäftigen . Sei gut , lieber Halef , und laß jetzt diese Frage fallen ! « » Sei gut , lieber Halef ! O , Sihdi , wenn du in dieser Weise zu mir sprichst , so könnte ich nicht nur vom Sterben sprechen , sondern selbst und wirklich sterben - - für dich , aus Liebe , ja , aus Liebe ! Wenn doch alle , alle Menschen nur in diesem Tone zu einander sprechen wollten ! « » Alle ? « » Ja , Sihdi ! « » Auch die guten mit den bösen ? « » Ja , auch ; denn dann würden die einen vielleicht durch die anderen gerettet werden ! « » Ist das dein Ernst ? « » Ja . « » Hm ! « » Wieder dieses Hm ! . Hinter diesem Brummen steckt stets etwas , was ich begangen habe . Wahrscheinlich auch jetzt . Ich bitte , es mir nicht vorzubrummen , sondern deutlich zu sagen ! « » Denke an den Erzengel Midschaïl , dem das Schwert der Rache in die Hand gegeben ist ! Wer wollte so streng Gericht halten wie er ? « » Hm ! « » Ah , wer brummt jetzt ? Ich oder du ? Wer wollte weder Gnade noch Güte walten lassen ? « » Hm ! « » Wer wollte wie ein Kieselstein oder wie ein hungriger Löwe sein ? « » Hm ! « » Ein schwarzer Panther , ein Krokodil ? Wer wollte alle Qualen der Hölle spenden und sich dann lächelnden Mundes über diese Qualen freuen ? Kennst du vielleicht den Mann ? « » Hm ! « Er hatte bei jedem » Hm ! « den Kopf immer tiefer sinken lassen . Ich fuhr fort : » Und jetzt wünscht ganz derselbe Mann , daß alle , alle Menschen nur im Tone der Liebe zu einander sprechen möchten , auch die guten zu den bösen , weil die letzteren dadurch vielleicht gerettet werden könnten ! « Da hob er den Kopf mit einem schnellen Ruck empor , wendete mir das liebe , liebe Gesicht wieder zu und rief aus , indem ein helles seelengutes Lächeln darüberflog : » Vergieb , Sihdi ! Dieser Mann , dieser Mensch , dieser Kerl , dieser Dummkopf ist der größte Esel , den es nur geben kann ! Glaubst du das ? « » Nein ! « » So streite ich mich mit dir ! Du kennst nämlich deinen Halef nicht ! « » O doch ! « » Nein , noch lange nicht ! Auch ich habe ihn nicht gekannt , bis - - bis - - bis ich einmal ganz plötzlich den anderen kennen lernte . « » Den anderen ? « » Ja . Hältst du es für möglich , daß ein Mensch aus zwei Personen bestehe ? « Ich sah erstaunt zu ihm hinüber . Welch eine Frage ! » Ja , da schaust du mich groß an ! « fuhr er fort . » Verzeihe mir , daß ich dir bisher die große , wichtige Entdeckung verschwieg , welche ich an mir gemacht habe ! Ich bestehe aus zwei ganz ähnlichen und doch unendlich verschiedenen Wesen . Das eine ist gut , das andere schlimm . Beide zusammen heißen Hadschi Halef ; stehen sie einander aber kämpfend gegenüber , so ist das schlimme der Hadschi und das gute der Halef . Verstehst du mich ? « » Ja . « Jetzt war er es , der mich prüfend ansah . » Du verstehst mich ? Sonderbar ! Kämpft es etwa auch in dir so wie in mir ? « » Ja , in jedem Menschen . Aber Millionen schenken diesem inneren Kampfe keine Aufmerksamkeit , und darum sterben sie , ohne es zum Sieg zu bringen . « » Das will ich aber ! Ich will siegen , darum kämpfe ich ! Kein Mensch bemerkt das , und selbst du hast es nicht bemerkt . Es lebt einer in mir ; der ist , als ob er von Allahs Himmel stamme , so freundlich , so gütig , so edel , so aufopfernd , so geduldig . Das ist dein Halef , den du liebst . Und es lebt einer in mir , der nicht vom Himmel stammt , denn er ist stolz , trotzig , unvorsichtig , alles übertreibend , prahlerisch , jähzornig , unversöhnlich , rachsüchtig . Das ist der Hadschi , der dir nicht gefällt und den du meinst , so oft dein Hm ! sich hören läßt . Du wirst vielleicht fragen , warum ich den guten als den Halef und den schlimmen als den Hadschi bezeichne ; aber wenn ich dir sage , daß Halef ein Mann und Hadschi ein Titel ist , so wirst du mich verstehen . « Für diejenigen , welche es noch nicht wissen , diene die Bemerkung , daß der Anhänger des Islam dann zum Hadschi wird , wenn er eine der heiligen muhammedanischen Städte als Pilger besucht und dort alle seine religiösen Obliegenheiten erfüllt hat . Ein Hadschi in vollstem Sinne ist der , welcher in Mekka , Medina und vielleicht gar noch in Jerusalem zum Besuch der Omarmoschee gewesen ist . Für den Westafrikaner aber genügt es auch schon , das dort für heilig geltende Kaïrwan besucht zu haben . Halef hatte nach seinen letzten Worten eine kurze Pause gemacht . Dann fuhr er fort : » Als du mich damals in der Sahara kennen lerntest , war ich ein junger unerfahrener und doch sehr eingebildeter Mensch . Ich nannte mich Hadschi , obgleich ich kein Recht hatte , diesen Titel zu führen . Du freilich durchschautest mich und lächeltest über diesen falschen Hadschi , der noch nie an einem der heiligen Orte gewesen war . Ich nannte sogar meinen Vater und auch meinen Großvater Hadschis , obgleich sie noch nicht einmal Kaïrwan im Lande Tunis gesehen hatten . Das war nicht nur eine Lüge , sondern sogar eine Uebertreibung der Lüge bis auf meine Vorfahren zurück . Ich war eitel und ruhmsüchtig ; ich prahlte ; ich wollte mehr sein , als was ich war , und aus dieser Unwahrheit entsprangen alle anderen Fehler , welche sich über dein Hm ! zu ärgern pflegen . Darum habe ich den schlimmen Kerl , der in mir steckt und mir so viel zu schaffen macht , den Hadschi genannt . Begreifst du mich jetzt , Sihdi ? « » Sehr gut , mein lieber Halef . « » Und dieser Hadschi ist dir bekannt ? « » Wahrscheinlich besser , als du denkst . « » So hoffe ich , daß dir auch der andere , der gute Kerl in mir bekannt ist , den ich mit meinem Namen , also mit Halef bezeichne . Denn dieser hat mir immer wieder zurückzuholen , was der andere mir von deiner Liebe und deiner Achtung raubt . Diese beiden so verschiedenen Wesen wohnen in mir und streiten sich unaufhörlich nicht nur um den Besitz meiner Persönlichkeit , sondern sogar um jedes meiner Worte und um jede meiner Thaten . Wer von ihnen zuerst dagewesen und wer dann später gekommen ist , der Hadschi oder der Halef , das kann ich nicht sagen , denn ich habe damals nicht aufgepaßt . Seit einiger Zeit aber beobachte ich sie sehr genau , und da bemerke ich , daß sie eigentlich gar nicht zu einander gehören und doch unendlich schwer von einander zu unterscheiden sind . Aber bemerkt habe ich doch , daß der Halef die Wahrheit liebt und von dem andern nichts , gar nichts wissen will , während aber im Gegenteile der Hadschi sich oft die größte Mühe giebt , mich zu belügen und zu betrügen , indem er sich stellt , als ob er der Halef sei . Darum habe ich diesem Hadschi schon hundertmal die Gastfreundschaft in mir gekündigt ; aber er hat keinen Gehorsam und kein Ehrgefühl ; er bleibt , wo er ist , und wenn ich ihn einmal vorn zur Thüre meines Zeltes hinausgeworfen habe , so ist er im nächsten Augenblicke hinten unter der Leinwand schon wieder zu mir und in mich hereingekrochen . Sihdi , wenn ich den Kerl fassen könnte ! Leider aber ist mir das nicht möglich ! Er hat weder vor mir noch vor andern Leuten Angst , und es giebt nur einen , vor dem er sich fürchtet . « » Wer ist das ? « » Das bist du . Ja , du ! Vor dir scheint er einen ungeheuren Respekt zu haben , aber weniger vor deiner Gestalt , als vielmehr vor deinen Augen . Erst seitdem ich dies bemerkt habe , weiß ich , daß es Augen giebt , welche der Warnung , und wieder andere , welche der Verführung dienen . Ich habe sehr oft schon in Augen gesehen , bei deren Blick dieser Hadschi sofort zu prahlen und zu übertreiben beginnt . Aber wenn du mich anschaust , weißt du , so ernst und doch so lächelnd , da kann er gar nicht anders , da ist er sofort still . Er schämt sich vor dir ; ja er flieht vor dir . Wie das nur kommen mag ? Kannst du es mir erklären ? « » Vielleicht . Er flieht nämlich nicht vor mir , sondern vor dem guten Halef in dir . Dieser ist es ja , den ich lieb habe , und wenn die Liebe mein Auge auf dich richtet , ruft sie ihn wach und steht ihm bei , den andern zu besiegen . Das ist ein Rätsel des menschlichen Seelenlebens , welches du nicht lösen kannst . Versuche also nicht , ihm nachzuforschen ! « » Diese Warnung ist gar nicht nötig , denn du weißt ja , daß ich kein Freund von Rätseln bin . Aber über die beiden in mir wohnenden Wesen möchte ich doch gar so gern ins Reine kommen . So oft ich über sie nachdenke , muß ich an die beiden Adamlar35 denken , von denen du zuweilen gesprochen hast . Es ist in deinem Ahd idsch dschedid36 von ihnen die Rede . Kannst du dich besinnen ? « » Ja . « » Das heilige Buch der Christen spricht von einem alten Adam , den man ablegen soll , damit ein neuer , gerechterer und besserer an seine Stelle trete . Ob da wohl der Hadschi und der Halef gemeint sind , welche in mir wohnen ? « » Ja ; natürlich sind sie gemeint . « » Aber , Sihdi , da möchte ich doch beinahe sagen , daß das heilige Buch der Christen das klügste aller Bücher sei ! Es schaut in das Innere der Menschen hinein und spricht von Geheimnissen , welche er selbst nicht kennt ! Wenn eine Religion von mir mehr weiß , als ich selbst , so muß ich vor ihr Respekt haben , ich mag wollen oder nicht . Wie schade , daß wir von diesem Gespräch abbrechen müssen ! Der Scheik der Dinarun scheint etwas Wichtiges zu sehen ! « Wir waren nämlich zuletzt durch eine Art von Engpaß geritten . Er mündete auf eine kleine Hochebene , von welcher aus er wiederum zu Thale führte . Der Scheik hatte seinem Pferde die Sporen gegeben , um uns vorauszukommen . Nun hielt er am Rande der Ebene und deutete uns durch Zeichen an , daß ihm dort irgend etwas in die Augen gefallen sei . Als wir uns ihm bis auf Hörweite genähert hatten , rief er uns zu : » Ich sehe die Räuber . Sie lagern da unten am Wasser . Kommt her ; aber reitet nicht bis ganz an den Rand dieses Platzes , damit ihr nicht von ihnen gesehen werdet ! Der Berg da drüben ist der Dschebel Ma . « An diesem Berge hatte sich die Natur endlich einmal wenigstens einigermaßen grün gekleidet . Seine Hänge waren ziemlich hoch hinauf mit Gras bewachsen , und an seinem Fuße zog sich allerlei Buschwerk hin . Es gab da sogar einen kleinen , schmalen Wasserlauf , an dessen Ufer wir die , welche wir suchten , lagern sahen . » Wir müssen von den Pferden steigen , wenn wir sie unbemerkt beobachten wollen , « meinte der Scheik , indem er aus dem Sattel sprang , welchem Beispiele wir natürlich folgten . » Ich glaube , daß sie es sind . Oder meint ihr vielleicht , daß ich mich irre ? « Er richtete diese Frage an mich und Halef . Der letztere antwortete : » Ich sehe gar niemand . Soeben legt sich mir wieder dieser rote Nebel vor die Augen , den mein Blick nicht durchdringen kann . Sihdi , sag , was du erblickst ! « Ich sah