, Aufträge bekommen werden . Tante so wie ich sind der Ansicht , dass , da Sie Wohnung und Einrichtung einmal haben , nun doch noch ein Weilchen aushalten sollten - « Sie sprach kein Wort und sah nur mit grossen traurigen Augen zu ihm hinüber . » In einem Geschäft - « Jetzt trafen sich ihre Blicke . Gerhart sprang auf . » In einem Geschäft , Lottchen , siehst Du , da könnte ich Dich nicht sehen ! Mit andern gewöhnlichen Elementen , ein stupides Publikum bedienen , - es würde mich wahnsinnig machen . Dich dort zu wissen . Versprich mir , dass Du es nicht thun willst , versprich es mir ! « » Wie gern , Gerhart - ich fürchte mich ja selbst so sehr davor - aber wenn - wenn es nun nicht anders geht ? « Er war vor ihr stehen geblieben und sah sie mit heissen Augen an . » Es wird gehen , Lottchen , es muss gehen . Du hilfst mir - ich helfe Dir . Hör ' einmal zu . Da liegt eine neue Arbeit . Wenn Du ein bischen gut mit mir bist , wenn ich Dich nur ab und zu sehen darf - so wie heut ! - nicht anders , Lottchen , ich verlange ja gar nicht mehr von Dir , siehst Du , dann wird mir die Arbeit gelingen , das fühle ich , das weiss ich , und wird mir viel Geld bringen - das teilen wir dann , denn was mein ist , ist auch Dein , und Du , Du hast ja auch einzig das Verdienst daran , wenn es gelingt . « Er war vor ihr niedergekniet und hatte den Kopf in ihren Schoss gelegt . Sie bebte am ganzen Leibe . » Mein Kind , mein liebes Kleines , nimm doch Vernunft an . Wenn Du mich auch nicht ganz verstehst , das wirst Du doch begreifen , dass Du mir nötig bist , wie nichts in der Welt , und ich Dir auch , glaube mir ' s , Lotte , ich Dir auch , und dass wir , wie alle Menschen , ein Recht auf Glück haben ! « Er hatte sich aufgerichtet und strich ihr sanft über das heisse Gesicht . » Was ich Dir mit der » Versunkenen Glocke « sagen wollte , hast Du nicht begriffen . Du verstehst es noch nicht , dass es höchste Seligkeit für einen Künstler ist , Brust an Brust , Seele an Seele mit einem geliebten Weibe sich auszuleben , so lange oder so kurz Liebe und Glück und Schaffenskraft währen , selbst wenn es danach in den Abgrund geht , in das Nichts . Das kannst Du heut noch nicht fassen , mein Kleines , nein ? « Lotte schüttelte kaum merklich den Kopf und sah mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit zu ihm auf . » Aber dass jeder Mensch ein Recht auf Glück hat und dass er ein Narr ist , wenn er sich dieses Glückes nicht teilhaftig macht aus Gründen elend dummer Vorurteile , das wirst Du doch begreifen ? « » Ja , das begreif ' ich , Gerhart , ich sehne mich ja auch nach Glück , o so sehr , so sehr . Du glaubst nicht , wie ich leide . « Zum erstenmal kam es über ihre Lippen , das trauliche Du , sie wusste es nicht einmal , so natürlich war es ihr . Nun , da auch die alte Frau nicht mehr für sie da war , hatte sie nichts mehr als ihn , Gerhart ! Und wie sie so zu ihm aufblickte , kam er ihr plötzlich um Jahre gereift und gealtert vor , während sie sich hilflos fühlte , wie ein Kind . Und in einer plötzlichen Aufwallung von beinahe kindlicher Zärtlichkeit neigte sie sich zu ihm und legte die Arme um seinen Hals und seufzte an seiner Brust all ' ihren Kummer , all ' ihre schweren Sorgen aus . Er hielt sie sanft in den Armen , und so rasch und heiss sein Blut auch ging , er rührte sich nicht . Als sie ruhiger geworden war , küsste er sie auf die Stirn . » Komm nun , ich will Dich nach Haus bringen , Lottchen . Es wird alles gut werden . Nur versprich mir , nichts ohne mich zu thun . - « Max Bornstein war länger in Dahlow festgehalten worden , als er vorausgesehen hatte . Freilich war die Jagd mehr als die Geschäfte an diesem Aufschub Schuld gewesen . So kam es , dass am Sonntag Abend der Orchideenstrauss für Lena , statt durch ihn selbst , durch einen Expressboten in der Zimmerstrasse abgegeben werden musste . Lena machte zunächst ein verdriessliches Gesicht . Sie war schon so verwöhnt durch Bornsteins Aufmerksamkeiten , fühlte sich so ganz Herrin der Situation , dass sein Fernbleiben sie schwer verdross . Es kränkte ihre Eitelkeit , und dann war es wirklich kein Vergnügen , mit der trübseligen Lotte , die kaum von ihrem Buch aufsah , den ganzen Sonntag Abend allein zu Haus zu sitzen . Wo aber sollte sie hin ? Mit Marie Weber war sie seit der Freundschaft mit Strehsens ganz auseinander . Die Jugendfreundin hatte einmal über Clementine und Elisabeth abfällige Aeusserungen gemacht , ja sich sogar soweit verstiegen , Lena ihre Beziehungen zu Herrn Bornstein vorzuwerfen . Seitdem war sie mit Marie Weber fertig gewesen . Sie war und blieb eben eine Pute vom Lande , mit der es nicht lohnte , sich weiter abzugeben . Um zu Strehsens hinauszufahren , war es zu spät geworden . Wenn Bornstein schon nicht selbst kam , so hätte er den Strauss mit der Absage wenigstens früher schicken können ! Zu dumm , den ganzen freien Sonntag Abend hier in den langweiligen vier Wänden sitzen zu sollen ! Schliesslich kam sie auf den Gedanken , Lotte aufzufordern , mit ihr zu Frau Wohlgebrecht zu gehen . Die Frau war das letzte Mal ja ganz nett zu ihr gewesen und wer weiss , ob sich mit dem bleichen Dichterjüngling nicht doch am Ende was anstellen liess ! Pour passer le temps war er am Ende gut genug . Als Lena Lotte diesen Vorschlag machte , lehnte diese gegen ihre Gewohnheit sehr schroff ab . » Frau Wohlgebrecht ist verreist « , sagte sie kurz . Sie wollte um nichts in der Welt mit Lena in ein Gespräch über ihre besten Freunde geraten . » So komm , lass uns in ein Restaurant gehen , es ist sterbenslangweilig , hier allein zu sitzen , besonders wenn Du den ganzen Abend nichts thust als lesen ! « Lotte schob das Buch bei Seite und sah Lena ernsthaft an . » Wir haben kein Geld , Lena , um in ein Restaurant zu gehen . Ich habe Dir bis jetzt nichts davon gesagt , um Dir Deine frohe Laune nicht zu verderben , aber einmal muss es doch sein - wir müssen uns sehr , sehr einschränken , liebe Lena . Ich bin am Ersten in grosse Verlegenheit geraten - ich habe unsern letzten Notgroschen angreifen müssen - « Sie legte die Hand auf Lenas Arm . » Du darfst mir nicht böse sein , Lena , aber nicht wahr , - in diesem Monat wirst Du von Deinen Tagegeldern so viel als möglich für den Haushalt sparen ? Ich selbst werde mir sicherlich die erdenklichste Mühe geben , mehr zu verdienen und viel , viel weniger zu gebrauchen . « Lena zog ihre brummigste Miene auf . Auch das noch ! Statt eines fidelen Abends mit Bornstein eine Predigt von Lotte . Noch mehr einschränken sollten sie sich und das bischen , was sie verdiente , auch noch für den Haushalt hergeben ? - brrr ! Nur um etwas zu sagen und der Sache rasch ein Ende zu machen , gab sie ein hastiges , oberflächliches Versprechen . Mein Gott , Lotte that ihr ja auch leid , aber das war doch ein grässliches Leben ! Dann drehte sie den kostbaren Strauss , den sie noch immer in der Hand hielt , hin und her . Mit einem halb belustigten , halb ironischen Lächeln sah sie auf die wundervollen Blüten . » Was der wohl wert ist , Lotte ? Zehnmal könnten wir uns dafür mindestens satt essen und noch dazu in einem feinen Restaurant . « Sie dehnte und reckte sich nach hinten zu über die Stuhllehne hinüber . » Was das für eine Misere ist , jeden Groschen zehnmal herumdrehen zu müssen - ich glaube wirklich , Lotte , Du bist zu penibel , man ist doch nur einmal jung und hat doch auch sein Recht auf Glück . « Lotte blieb die Antwort in der Kehle stecken , als sie jetzt von Lena denselben Ausdruck hörte , den Gerhart gestern gebraucht hatte . Es musste doch etwas daran sein , an diesem Recht auf Glück . Sie wollte es ja auch jedem andern gern zugestehen , nur sich selbst nicht , wenn es nur auf den verworrenen Wegen zu erreichen war , die Gerhart sie ahnen liess . Da Lotte nicht antwortete , fuhr Lena fort : » Weisst Du , Lotte , ich hätte eigentlich Lust umzusatteln - « Lotte sah die Schwester ganz entgeistert an . » Was denn , jetzt , nachdem Du die Anstellung endlich hast ? Um Gottes willen nur das nicht . Deine feste Anstellung ist das Einzige was uns rettet . « » Pah ! Wenn ich mich nun verbessern kann ? Das ewige an den Dienst angeknüppelt sein , gefällt mir nicht mehr . Bei dem kleinsten Versehen sich ' runterputzen lassen müssen wie ein dummes Schulmädchen , das passt mir nicht ! Und dann ist noch eins . Regelmässige Einnahmen sind ja ganz gut , aber mich kann so was auf die Dauer nicht reizen und befriedigen . Ob ich am Apparat gut oder schlecht arbeite , ist , so lange man mich überhaupt behält , für meine Einnahmen ganz egal . Ich muss meine bestimmten Jahre absitzen , ohne mich verbessern zu können . In jeder andern selbständigen Branche ist mir doch wenigstens die Möglichkeit gegeben , mehr zu verdienen , sobald ich mehr und besser arbeite . - « » Ja , aber Lena , denk ' doch blos an mich ! « Lena lächelte gutmütig , aber doch ein wenig überlegen . » Nimm mir ' s nicht übel , Lotte , Du bist ja eine zehntausendmal bessere Seele als ich , aber ich bin dafür aus anderem Holz geschnitten . Wenn ' s gilt , wenn ich meinen ganzen Willen einsetzen kann für eine Sache , die mich freut , kann ich auch was leisten . Und ich wüsste schon eine , die mich freuen würde ! Sieh ' mal - « und sie hielt Lotte den Orchideenstrauss , der zwischen den Schwestern auf dem Tisch gelegen hatte , entgegen - » dabei ist mir der Gedanke gekommen - an ein Blumengeschäft nämlich . - Horrend teuer sind die frischen Blumen in Berlin - wenn man da irgend was fände , woher man billig beziehen könnte , ohne selbst draussen einen Garten anlegen zu müssen - vielleicht aus Klockow durch Vater oder Franz Krieger - könnte man ein grosses Geschäft machen . Und Geld haben will ich , viel Geld und bald ! Hier in Berlin ist ein Leben ohne Geld unerträglich . Mit Geld müsste es das Paradies sein ! « Lena sprang lebhaft auf , strich sich die schwarzen widerspenstigen Haare von den Schläfen , dann lief sie mit grossen Schritten in dem kleinen Zimmer hin und her . Mit beredten Worten entwickelte sie Lotte ein Bild des Lebens , das sie führen würde , wenn sie so oder so zu Geld käme . Es war in diesem Bilde nichts von dem zu sehen , was Lotte erträumt hatte , als sie zuerst nach Berlin gekommen war , ganz im Anfang , als sie noch gehofft hatte , es zu einem blühenden Geschäft zu bringen . Vater und Schwester spielten in Lenas Plänen keine Rolle . Auch kein zukünftiger Gatte , mit dem sie ohne Ansehen von Geld und Gut würde leben und glücklich sein können , weil sie selbst genug erwarb , um mit ihm zu teilen . Immer mehr und mehr redete Lena sich in ein Zukunftsbild hinein , das wohl erst kürzlich durch den Verkehr mit Bornstein so bestimmte Gestalt angenommen haben musste . Gesellschaften , glänzende Diners und Soupers , elegante Toiletten , Reisen und was sonst noch alles zu dem Luxus der oberen Zehntausend gehört , schilderte sie Lotte in glühenden Farben . Sie sprach sich in einen förmlichen Rausch , aus dem sie mit glühenden Backen und glänzenden Augen erst wieder zu sich kam , als Lotte ein paar dünne Scheiben Schlackwurst und ein paar Stücke trockenen Schwarzbrots auftrug . Essbutter hatte Lotte seit dem Ersten gestrichen . Lena sah empört auf den kargen Imbiss . » Ist denn von Franz Kriegers Weihnachtssendung nichts mehr da ? « fragte sie vorwurfsvoll . » Doch Lena , aber wir müssen sparsam damit umgehen . Für Essen und Trinken darf ich in diesem Monat nur das Allernotwendigste noch ausgeben . « Lena zuckte die Achseln . Dann , nachdem sie das Brot mit der dünnen Schlackwurstscheibe ein paar Mal hin- und hergedreht hatte , entschloss sie sich kurz und biss mit ihren prachtvollen Zähnen kräftig hinein . Auf den Berliner Telephonämtern ging es an einem Tage um die Mitte Februar zur Börsenzeit heiss her . Eine neue , über Nacht hereingebrochene politische Konstellation liess plötzlich alle Werte schwanken . Eine lange nicht dagewesene allgemeine Baisse trat ein , und das Telephon hatte stundenlang nichts Anderes zu thun , als unwillkommene Botschaften , zweifelnde Fragen und noch zweifelndere Antworten hin und her zu befördern . Auch auf dem Amt , auf dem Lena arbeitete , herrschte fieberhafte Thätigkeit . Sämtliche Beamtinnen waren mit Eifer und Hingebung auf ihrem Posten und liessen sich Mühe und Anstrengung nicht verdriessen . Sie wussten ja , dass es heute keiner ihrer Berliner Kolleginnen anders ging und dass dies Arbeitstempo naturgemäss nicht lange andauern konnte . Nach Börsenschluss musste es ruhiger werden . Selbst Lena , die während der letzten Tage immer lässiger in ihrer Arbeit geworden war , nahm sich heute zusammen . Es war beinahe , als ob sie wisse , dass man sie seitens der Aufsichtsbeamten heute besonders scharf aufs Korn genommen habe . Gegen Mittag liess der fieberhafte Betrieb nach . Es war eine verhältnismässige Stille eingetreten . Eine besänftigende Ruhe nach dem Sturm . An einem der mit grünem Tuch bezogenen Tische , an denen die Aufsichtsdamen sich zeitweise zu schriftlichen Arbeiten niederlassen , trat der oberste Aufsichtsbeamte heran . Er beugte sich ein wenig zu einer älteren Dame mit schlichtem grauem Scheitel nieder und sagte halblaut : » Nun Fräulein Löffler , wie steht es mit Fräulein Weiss ? « Das ältliche Fräulein zuckte mit den Schultern und machte ein betrübtes Gesicht . » Immer dieselbe Geschichte , Herr Strömer . Unaufmerksam und flüchtig . Augenblicklich nimmt sie sich ja zusammen . Schade um das nette , begabte Mädchen . Ich fürchte , wir werden sie zum Ersten entlassen müssen . « » Wenn es nur nicht Knall und Fall sein muss ! Mir scheint , wir kommen nicht darum , so leid es mir thäte . Das Betragen des Mädchens ausser dem Dienst - « » Ist da auch etwas vorgefallen ? « fragte Fräulein Löffler ganz bestürzt . Der Beamte rieb sich mit dem Zeigefinger ein paar Mal über den stark geröteten Nasenrücken , ehe er antwortete . » Hm , Fräulein , ja , das ist so eine Sache . So ' ne hübsche junge Person . Man kann es ihr ja im Grunde nicht verdenken . ' N bischen Plaisir will der Mensch auch haben . Soll sich da so was angebandelt haben mit einem jungen Bankier . - Na und das darf doch nu ' mal nicht sein ! « » Wissen Sie das bestimmt , Herr Strömer ? Vielleicht ist es nichts als eine der vielen Klatschereien , die die Mädchen untereinander aushecken . « » Das dachte ich anfangs auch . « Und Herr Strömer rieb immer stärker auf seinem Nasenrücken herum . » Aber leider ist es nicht so . Ich kann Ihnen gar nicht sagen , Fräulein Löffler , wie leid es mir thut . Es ist wirklich was dran an der Geschichte . Das heisst - Sie müssen nicht gleich das Schlimmste denken . « Fräulein Löffler wandte sich schamhaft ab . » Wie man in Berlin sagt - » sie geht mit ihm « . Er trifft sie an irgend einer Ecke abends , wenn sie vom Dienst kommt , dann gehen sie in ein Restaurant oder , wenn ' s mit der Zeit so passt , ins Theater . Da ist ja nun an und für sich am Ende nichts weiter dran , tausende von Mädchen machen es so und bleiben dabei ganz anständig - aber als Königliche Beamtin , da geht das doch nicht , da geht das doch nicht ! « Herr Strömer stiess das Letztere förmlich jammernd heraus . Er war in seinem Privatleben niemals das Urbild der Tugend gewesen und dabei doch ein tüchtiger Beamter geblieben . Es wurmte ihn , dass man hier so streng mit den armen jungen Dingern ins Gericht ging . Das Fräulein war aufgestanden , um einen neuen Rundgang zu beginnen . Sie dachte zwar weit strenger über den Fall als Herr Strömer , aber sie wollte Lena ebenso ungern plötzlich preisgeben . » Reden Sie doch dem Mädchen ' mal ordentlich ins Gewissen , Herr Strömer , eh ' man ' s an die grosse Glocke hängen muss . Sie kann ja , wenn sie will . Sehen Sie nur , - « und sie zeigte auf den nicht allzu entfernten Schrank , an dem Lena eifrig arbeitete - » wie sie heut auf dem Posten ist . « » Schade , schade « , brummte Herr Strömer und schritt , eifrig und nachdenklich an seiner roten Nase herumreibend , in sein Bureau zurück . Nach Schluss ihrer Dienststunden liess er Fräulein Weiss zu sich kommen . Lena war sich vollkommen klar darüber , was ihrer wartete . Sie kannte das Reglement und wusste , dass auf schlechtes Betragen , auch ausser dem Dienst , sofortige Entlassung stand . Sie hatte sich zwar nichts weiter zu Schulden kommen lassen , als dass sie sich ein paar Mal mit Bornstein köstlich amüsiert und sich an guten Dingen gründlich satt gegessen hatte , aber sie wusste auch genau , dass das genügte , um sie ihrer Anstellung sofort verlustig gehen zu lassen . Mit vollem Bewusstsein dessen , was sie aufs Spiel setzte , hatte sie sich mit Bornstein vergnügt . Sie musste nun die Folgen tragen , allerdings früher , als sie erwartet und auch gewünscht hatte . Gern wäre sie geblieben , bis ihre Pläne mit dem Blumengeschäft weiter gediehen waren , bis sie wenigstens mit Bornstein sich darüber beraten hatte . Vor allem um Lottes willen , die der Verlust ihrer Stellung doppelt schwer treffen würde , so lange ein Ersatz dafür nur in der Luft schwebte . Herr Strömer hatte Lena eine ganze Weile in das hübsche Gesicht gesehen , bevor er zu sprechen begann . Das Mädchen sah ganz und gar nicht wie eine Schuldige aus . Aber dennoch - und er murmelte mit heftigem Nasenreiben wieder sein monoton tragisches : » Schade ! Schade ! « » Leider « - er räusperte sich - » leider , Fräulein , muss ich Ihnen sagen , dass man - hm - auf dem Amt nicht zufrieden mit Ihnen ist . Sie haben in letzter Zeit oft nachlässig gearbeitet - aber hm - schade - das ist nicht die Hauptsache - das heisst , ich meine der Hauptgrund , aus dem ich Sie kommen liess . Nämlich , Fräulein « - Herr Strömer sah Lena mit einer künstlich sittenstrengen Miene an - » Ihr Betragen ausser dem Dienst - Sie sollen - Sie haben - mit einem hiesigen bekannten Bankier - Was haben Sie dazu zu sagen , Fräulein ? « Lena zuckte die Achseln . » Nichts , Herr Strömer - es wird wohl so sein ! « » So , hm , ja ! Sie gestehen es also zu ? Schade ! Schade ! « » Ich gestehe zu , dass der bekannte Bankier , wir können ihn ja auch der Einfachheit halber gleich beim Namen nennen , also dass Herr Bornstein mich mehrmals abends nach dem Dienst erwartet hat und mit mir in ein Restaurant oder ein Theater gegangen ist . « » So - und - ? « » Was und ? « » Na , ich meine , Fräulein Weiss , was denken Sie sich dabei ? « » Gar nichts . « » Sie verstehen mich nicht . - Ich meine , sind Sie die Verlobte des Herrn - hat er Ihnen ein Heiratsversprechen gegeben - ? « Lena lachte hell heraus . » Das glauben Sie doch selber nicht , dass es Herrn Bornstein einfallen würde , ein bettelarmes , halbgebildetes Mädchen zu heiraten . - « » So - und das sagen Sie so ganz kaltblütig ? Sie wissen , der Herr wird Sie nicht heiraten und trotzdem gehen Sie allein mit ihm aus und lassen sich vor aller Welt mit ihm sehen ? « Herr Strömer ereiferte sich förmlich . Lena zuckte hochmütig die Achseln . » Eine Anstandsdame habe ich nicht zur Verfügung - und ob es anständiger ist , mich mit Herrn Bornstein heimlich , irgendwo im Verborgenen zu treffen - « Strömer , dessen Interesse an dem Mädchen immer wärmer wurde , unterbrach sie eilig . » Um Gottes willen , fangen Sie so etwas nicht an ! Halten Sie sich brav , Fräulein Weiss - um Ihrer selbst willen . Amüsement ist am Ende noch keine Sünde , wenn man jung ist - aber darüber - nicht wahr , Fräulein Weiss - darüber werden Sie nicht gehen ! « Lena sah ihren Vorgesetzten sehr erstaunt an . Sie wusste einen Augenblick gar nicht , wo er hinaus wollte . Dann schien ihr dunkel aufzudämmern , was er meinte . Sie wurde ein wenig rot und schüttelte dann sehr energisch den Kopf . Antworten that sie nicht , aber Herr Strömer verlangte es auch nicht . Er hatte sie auch so verstanden . Nach einer kleinen verlegenen Pause sagte Lena : » Also dann bin ich wohl aus dem Dienst entlassen ? « Herr Strömer bearbeitete seinen Nasenrücken mit Furor und sagte kleinlaut : » Eigentlich ja - aber hm - wenn Sie versprechen , sich die kommenden vierzehn Tage zusammenzunehmen , möchte ich Sie bis zum ersten März behalten . Eine so plötzliche Entlassung könnte Ihnen sehr schaden , Fräulein Weiss , und dazu beitragen , dass Ihre Zukunft vielleicht gänzlich ruiniert wird - « Lena unterbrach ihn . » Ich bin Ihnen sehr dankbar , Herr Strömer - sehr . Wir sind sehr arm , und meine Schwester würde über das Ausbleiben der Tagegelder in diesem Monat schon sehr unglücklich sein . Zum 1. April würde ich übrigens selbst um meine Entlassung gebeten haben . « » So , so . Haben Sie etwas anderes vor ? « » Ja - ich will ein Geschäft etablieren ! « » Darf man fragen - - ? « » Nein , das ist noch Geheimnis ! « Herr Strömer lächelte . Dann stand er auf zum Zeichen , dass Lena entlassen sei . » Also ich darf morgen wiederkommen ? Nochmals vielen , vielen Dank . « Lena nahm sich während der zwei folgenden Wochen in und ausser dem Dienst sehr energisch zusammen . Sie arbeitete so tüchtig , wie in der ersten Zeit , so dass Herr Strömer täglich mehr als zehnmal sein melancholisches » Schade , Schade « wiederholen konnte . Mit Bornstein kam sie in dieser Zeit kein einziges Mal zusammen . In vierzehn Tagen war sie frei , dann konnte sie machen was sie wollte . Da Lenas Herz bei der ganzen Sache sehr wenig beteiligt war , dünkte ihr die Trennung wohl langweilig , wurde ihr aber , von der Gemütsseite aus betrachtet , nicht im geringsten schwer . Bornstein hingegen wurde viel tiefer davon betroffen . Je öfter er mit Lena zusammenkam , je verliebter wurde er in das lustige frische Ding mit dem hellen Verstande , der in seinen Augen die fehlende Bildung reichlich ersetzte . Ihre Zurückhaltung machte ihm den Verkehr mit ihr nur noch reizvoller . Er war übersättigt von alledem , was ihm um seines Reichtums willen jahrelang mühelos in den Schoss gefallen war . Dass Lena eine ausgemachte kleine Egoistin war , störte ihn durchaus nicht . Ganz im Gegenteil . Ihre im Grunde harmlose Genusssucht befriedigen zu können , freute ihn . Ihm selbst war schon als Kind gelehrt worden , dass ohne einen gesunden Egoismus heut niemand mehr durch die Welt komme . Und sein Lehrmeister war kein grauer Theoretiker , sondern ein tüchtiger Praktiker gewesen , jener Grossvater , der selbst noch hinter dem Ladentisch gestanden und den Grund zu dem bedeutenden Wohlstande der Familie gelegt hatte . Lotte erfuhr vorerst kein Wort von Lenas Kündigung . Wozu das arme Ding , das sich das ganze Leben mit Nahrungssorgen verdarb , vor der Zeit ängstigen ? Sie würde das alles noch früh genug erfahren . Der ungeduldig ersehnte März kam endlich heran . Lena war frei . Draussen schien die Sonne so warm und hell , als wäre man schon mitten darinnen im lebenspendenden Frühling gewesen . Lena stiess die Fenster ihrer engen Schlafkammer auf und steckte den Kopf weit hinaus in den Sonnenschein und die warme Luft . Alles was sie sonst bekrittelt hatte , gefiel ihr heut . Der Hof mit dem noch kahlen Nussbaum , auf dem die Spatzen lustig zwitscherten , die schmalen Seitenflügel mit ihren vielen Fenstern , die heute an dem ersten schönen Tage des Jahres alle weit geöffnet standen , die lustig im Morgenwind flatternden Gardinen , die sie wie wehende Fahnen grüssten . Lena zog sich gleich fix und fertig an , obwohl sie nichts zu thun und den ganzen köstlichen Tag zur freien Verfügung vor sich hatte . Als Lena zum Frühstück kam , das Lotte schon längst für sie bereit gestellt hatte , fand sie neben ihrer Tasse einen Brief von Bornstein . Sie liess sich Zeit mit dem Oeffnen . Erst nachdem sie mit Lotte geplaudert und ihr Frühstück beendigt hatte , nahm sie eine Nadel aus dem vollen Haarknoten und schnitt den Umschlag damit auf . Bornstein schrieb : » Liebste Lena , Dir und mir allerbesten Glückwunsch zur wiedergewonnenen Freiheit ! Wenn es Dir recht ist , wollen wir diesen ersten März feierlich begehen . Hoffentlich ist der Himmel uns gnädig - « Lena lachte und blickte über Lottes über die Arbeit gesenkten Kopf hinweg in den Sonnenschein . » Wenn es nicht gerade in Strömen giesst - in diesem Fall erhältst Du bis zehn andere Nachricht - wollen wir uns Punkt elf Bahnhof Friedrichstrasse unter der Uhr treffen . Fürchte nicht , dass ich Dich nach Dahlow entführen will , so gern ich es thäte . Dein Eigensinn - pardon Kleine - Deine Willensstärke ist ja leider ! unbesiegbar . Wir wollen nach Wannsee oder Potsdam fahren , was Dir lieber ist , ein gutes Diner einnehmen , wogegen Du doch vermutlich nichts haben wirst , gegen Abend zurückkommen und in ein Theater gehen . Ich schlage Dir Central-Theater vor , Thomas soll in der neuen Posse zum Brüllen komisch sein . - Danach - na , das magst Du bestimmen . Also auf Wiedersehen Punkt elf unter der Uhr . B. « Nachdem sie gelesen , fragte sie Lottchen , was es wohl an der Zeit sei . » Neun vorbei « , gab sie , die schon seit dem frühesten über der Arbeit sass , mit einem ganz kleinen Vorwurf zurück . Lena stand auf und küsste sie . Die Schwester that ihr in diesem Augenblick unbeschreiblich leid . Nun würde sie wieder den ganzen schönen Tag lang hier sitzen und sticheln um elenden Hungerlohn , während sie draussen in vollen Zügen das himmlische Leben geniessen würde . Auch ein wenig Gewissensbisse hatte sie . War es nicht eigentlich ihre Pflicht , Lotte endlich zu sagen , dass sie ausser Stellung sei , es ihr zu sagen , ehe sie für den ganzen Tag das Haus verliess ? Nachdenklich blickte Lena ein paar Augenblicke in den Sonnenschein hinaus . Draussen im Nussbaum zwitscherten noch immer die Spatzen und aus den offenen Nachbarfenstern tönte ein lustiges Lied . Nein heute nicht - morgen - morgen bestimmt . Heute wollte sie einmal einen rechten , echten Feiertag haben , durch keine Sorgen , keine Vorwürfe getrübt . Es drängte sie aber doch , Lotte durch irgend etwas ihre mitleidige Zuneigung zu beweisen . Sie legte die Arme von rückwärts um den Hals der Schwester . » Du Lotte , kann ich Dir nicht ein bischen helfen ? Ich brauche erst um halb elf fort . « Lotte sah mit einem herzlichen Blick zu Lena auf . » Ich danke Dir , liebe Lena - aber es ist wirklich nichts zu thun . Mit dem Mittagbrot hat es noch lange Zeit , und eingeholt ist schon alles . « Nun fiel Lena ein , dass sie der Schwester doch wenigstens sagen musste , dass sie heut nicht zu Tisch kommen würde . Nicht gerade fliessend kam das Bekenntnis heraus . Aber Lotte schien über