prüfen . Darum legte ich die Hand um den Griff meines Messers , welches ich im Gürtel stecken hatte , zog es plötzlich heraus und stieß damit nach seinem Gesicht , als ob ich ihn ins Auge stechen wolle . Er zuckte , obgleich dieses letztere fast von der Spitze der Klinge berührt wurde , doch mit keiner Wimper und veränderte auch den Ausdruck des Gesichtes nicht im Geringsten . Ein Sehender hätte sich bei dieser meiner plötzlichen Bewegung doch wohl anders verhalten ; er schien also doch wirklich blind zu sein . Darum antwortete ich in freundlicherem Tone als zuletzt : » Du wirst die gewünschte Auskunft erhalten , wenn du vorher uns welche über dich gegeben hast . Vor allen Dingen will ich dir sagen , daß du dich um dich nicht zu ängstigen brauchst . Du befindest dich bei guten Menschen , welche dich als Freund und Hilfsbedürftigen behandeln werden . El Ghani ist ein Mekkaner ? « » Ja ; wir alle sind aus Mekka . Aber ich bin blind und sehe euch nicht ; ich weiß also nicht , ob und wie ich euch antworten soll und darf . Ich bitte euch also , nachsichtig gegen meine Unbehilflichkeit zu sein und mir zuerst zu sagen , wer ihr seid ! « » Komm erst zu unserem Lagerplatz ! Du hast nur höchstens fünfzig Schritte weit zu gehen . « » So führe mich ! « Ehe ich ihn bei der Hand nahm , wiederholte Halef mein voriges Experiment mit seinem Messer . Der Blinde bemerkte es wirklich nicht . Dann , als wir gingen , nahm ich ihn so , daß das Grab grad vor ihm lag . Drei Schritte , und dann wäre er unbedingt hineingelaufen , wenn ich ihn nicht auf die Seite gezogen hätte . Der Ortswechsel wäre gar nicht notwendig gewesen , wenn ich ihn nicht vorgeschlagen hätte , um den Gang dieses Mannes zu prüfen . Er bewegte sich mit einer Unsicherheit , welche gewiß nicht bloß eine Folge der ausgestandenen Anstrengungen und Entbehrungen war . Obgleich er von mir geführt wurde , waren seine Schritte so vorsichtig suchend , wie man es nur bei Blinden beobachtet und ein Sehender es nicht nachmachen kann . Wir hatten es also nicht mit einem Simulanten zu thun . Die guten Folgen dieser bestandenen Prüfung gaben sich sofort im Verhalten der Haddedihn zu erkennen , die nun nicht mehr Mißtrauen gegen , sondern herzliches Mitleid für ihn fühlten . Sie bereiteten ihm einen weichen Sitz und fragten ihn nach Wünschen , die sie vielleicht erfüllen könnten . Er bat wieder um Wasser . Als er nun zum drittenmale seinen immer wiederkehrenden Durst gelöscht hatte und wir ihn fragten , ob er nicht auch Hunger habe , antwortete er : » Ich weiß nicht , wie lange ich nicht gegessen habe , denn ich war nicht in meinem Körper und habe keine Augen für den Unterschied zwischen Tag und Nacht . Der Morgen ist für mich grad wie der Abend , und nur wenn von einem mir ganz nahen Gegenstande der Sonnenstrahl in das Auge zurückgebrochen wird , kann ich ihn als Schatten mit verschwommenen Umrissen erkennen . Als ich zum letztenmale aß , wird es am Jom el Guma61 früh gewesen sein . « » Und heute ist Jom el Itnehn62 , « rief Halef . » Du hast also drei volle Tage nichts genossen ! « » Ich habe doch noch keinen Hunger . Aber Tabak , Tabak , den gebt mir , wenn ich euch darum bitten darf ! « Da hatte er auch schon eine alte Pfeife mit kurzem Rohre und ungewöhnlich großem Kopfe aus der Tasche seiner weiten Hosen gezogen und steckte sie in den Mund . Seine Bitte wurde in , ich möchte sagen , inbrünstigem Tone ausgesprochen , und in seinem Gesichte drückte sich dabei eine Sehnsucht , ja fast eine Gier aus , welche die Erfüllung des Wunsches kaum erwarten konnte . Und als dies geschehen war , rauchte , nein , qualmte er mit einem Eifer , als ob sein Leben daran hänge , die Pfeife so bald wie möglich wieder stopfen zu können . Eine solche Leidenschaftlichkeit hätte ich einem Blinden niemals zugemutet . Sie würde mich wahrscheinlich auf den Gedanken gebracht haben , daß die Blindheit doch und doch erdichtet sei , aber ich hatte nun trotz der Kürze der Zeit die Beobachtung gemacht , daß der Blick dieser schönen Augen leer und seelenlos war und die Wimpern fast unbeweglich blieben . » Der arme , blinde Mann ! « raunte Hanneh mir mitleidig zu . » Soeben erst vom Tode erstanden , von seinen Freunden verlassen , mitten in der Wüste ! Sihdi , was hast du über ihn beschlossen ? « Ich winkte ihr beruhigend zu und öffnete schon den Mund zum Sprechen , als Halef , welcher meine Absicht erriet , mir schnell die leise Frage vorlegte : » Effendi , du willst ihm sagen , wer wir sind ? « » Ja , « antwortete ich ebenso leise . » Erlaube , daß ich dies thue ! Ich kenne uns ja ebenso gut , wie du uns kennst ! « Er setzte sich an die andere Seite des Blinden , zu dessen Linken ich saß , nieder und erklärte ihm : » Du wirst jetzt zwei sehr berühmte Männer kennen lernen ; höre also mit Aufmerksamkeit , was ich dir sagen werde ! Ich bin nämlich Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah , der oberste Scheik der Haddedihn vom großen Stamme der Schammar . Und der Mann an deiner andern Seite ist der größte Gelehrte des Morgen- und des Abendlandes . Er ist eigentlich der ' Alim el ' Ulema63 , denn in seinem Kopfe befinden sich tausend Fächer , und in jedem Fache stecken über hundert vollständige Wissenschaften , die er auf zweihundertsechzig Medahris64 studiert und überwunden hat . Er stammt aus dem Lande des äußersten Moghreb , denn er ist im Wadi Draha geboren , woher bekanntlich die klügsten Leute kommen , und sein Name - - - « » Kutub ! « unterbrach ich ihn . » Was ? Was meinst du ? « fragte er mich , in seinem Eifer nicht an die zwischen uns vereinbarte Bedeutung dieses Wortes denkend . » Kutub , Kutub ! « wiederholte ich . » Wahajahti ! « rief er aus , sich jetzt besinnend . » Bei meinem Leben , jetzt habe ich mich versprochen gehabt ! Ich hätte mich hinterher und dann dich voransetzen sollen ! « » Das hast du ja schon gethan ! « » Was ? Nein ! « » Doch ! Du hast dann mich vorangesetzt , nämlich dann ! « » Wallahi fasl - das ist eine sonderbare Geschichte , bei Allah ! Verzeihe mir , Effendi ! Ich werde es sofort besser machen und wieder von vorn anfangen , indem ich zunächst deinen Namen und dann erst den meinigen nenne ! « » Das ist nun nicht nötig . Nenne zuerst meinen , und dann lässest du deinen weg , weil du ihn schon genannt hast ! « » Aber er muß doch unbedingt hinterherkommen , sonst beleidigt es dich ! « » Aber wenn du ihn noch einmal sagst , so hast du den meinigen nur einmal und den deinigen aber zweimal genannt , was doch noch viel beleidigender ist ! « » Gut , du sollst deinen Willen haben , weil du aus dem äußersten Moghreb stammst und im Wahdi Draha das erste Licht der Welt erblickt hast ! Also dein hochberühmter Name lautet Hadschi Akir Schatir el Megarrib Ben Hadschi Alim Schadschi er Rani Ibn Hadschi Dajim Maschhur el Azami Ben Hadschi Taki Abu Fadl el Mukarram . « Es war wirklich lustig anzuhören , wie schnell und fehlerlos er diese lange Schlange herunterleierte . Und ebensoviel Spaß machte mir dabei der Anblick der fünfzig Haddedihn , welche die zwei Dutzend Worte leise mitsagten und dabei die Lippen wie kauende Kaninchen bewegten . Da der Münedschi ein Beduine war , hatte ich nicht zu befürchten , daß der Name und die vorhergehende Zurechtweisung ihm lächerlich vorkommen würden . Er hatte mit ungewöhnlicher Aufmerksamkeit zugehört und fragte nun : » Bist du vielleicht derselbe Scheik Halef Omar der Haddedihn , welcher vor einigen Jahren den Schatz der Schmuggler in den Ruinen des Birs Nimrud im alten Babylon entdeckt hat ? « » Ja , der bin ich allerdings ! « antwortete der kleine Hadschi mit großem Selbstbewußtsein . » Du weißt also von dieser meiner Ruhmesthat ? Wo hast du denn davon gehört ? « » In Meschhed Ali , der heiligen Stätte der Schiiten . « » Wann ? « » Jetzt , als wir dort waren . « » Du und El Ghani ? « » Ja ! « » Aber ihr seid doch nicht Schiiten ! « » Nein . El Ghani ging als Gesandter des Großscherifs hin und nahm mich mit . « » Darf ich fragen , was er dort sollte ? « » Das weiß ich nicht ; er hat es mir nicht gesagt . Es scheint eine religiöse Angelegenheit gewesen zu sein , von welcher nur der Großscherif und sein Bote wissen durften . « » Und dort habt ihr von mir gehört ? « » Ja . Es waren Perser da , welche euer damaliges Erlebnis ganz genau kannten65 . Die Schmuggler , welche von euch ergriffen wurden , sind , anstatt Strafe zu bekommen , mit der Anstellung als Zollbeamte begnadigt worden . Darum verkünden sie euern Ruhm , so oft und so weit sie nur können . So haben auch wir davon erfahren . « » Du sagst euer , sprichst also nicht von mir allein ? « » Weil noch jemand bei dir gewesen ist , ein Effendi aus dem Abendlande . Er war ein Christ und hat Emir Kara Ben Nemsi geheißen . Ist das richtig ? « » Ja . « » In welchem Reiche des Abendlandes ist er geboren ? « » In Dschermanistan . « » Das dachte ich mir allerdings , denn Ben Nemsi ist ja dasselbe wie Sohn von Dschermanistan . War er auch wirklich ein Christ ? « » Der beste , den es geben kann ! « » Es wird von ihm erzählt , daß er , obgleich er ein Christ ist , den ganzen Kuran auswendig könne . Ist das wahr ? « » Ja . « » Auch sollen ihm alle Auslegungen desselben besser und vollständiger bekannt sein als muhammedanischen Gelehrten . « » Auch das ist richtig . « » Ich bin ein armer Mann und habe keinen Besitz ; aber wenn ich reich wäre , ich würde gern die Hälfte meines Vermögens dafür geben , wenn ich ihn einmal einige Tage bei mir haben und mit ihm sprechen könnte ! « » Warum ? « » Weil ich die heilige Schrift der Christen so kenne , wie er den Kuran kennt . Es würde mir eine Wonne sein , mit so einem Manne , wie er zu sein scheint , die wirkliche Wahrheit zu ergründen und ihn zu den Lehren des Islam zu bekehren . « Als er dies sagte , holte er tief , sehr tief Atem wie einer , dem die Sache , von welcher er spricht , außerordentlich am Herzen liegt und schon viele Sorgen bereitet hat . Schon das war für seinen Kuranglauben kein günstiges Zeichen . Dazu kam , daß er erst mit mir » die wirkliche « Wahrheit zu erforschen wünschte , sich also noch nicht im Besitze derselben wußte . Wenn er trotzdem davon sprach , mich zum Islam bekehren zu wollen , so war das wohl nur eine Redensart und dazu bestimmt , seine eigene Unsicherheit zu verhüllen . Dieser Mann schien zu den vielen Dürstenden zu gehören , welche die Quelle niemals finden , weil sie blind an ihr vorübergehen . Er kannte ja nach seiner eigenen Behauptung die heilige Schrift und also auch das Wort » Ich bin die Wahrheit und das Leben « , und doch war er bei diesem Brunnen der wahren Weisheit nicht geblieben ! Diese meine Folgerungen und Schlüsse zog Halef jedenfalls nicht ; er handelte und sprach ja meist nach seinem Gefühle ; dies that er auch jetzt , und zwar in einer Weise , die außerordentlich charakteristisch für ihn war . » Wünsche das nicht , ja nicht ! « warnte er . » Warum nicht ? « erkundigte sich der Münedschi . » Du würdest von dem , was du hoffest , grad das Gegenteil erreichen . « » Wieso ? « » Ich bitte dich , es dir durch ein Beispiel erklären zu dürfen . Wir waren in Erbil , einer in der Dschesireh liegenden Stadt , die du vielleicht nicht kennst , und gingen in die Moschee , um zu beten . Kara Ben Nemsi Effendi hält es nämlich für keine Sünde , auch in einem muhammedanischen Gotteshause ein christliches Gebet zu sprechen ; er meint sogar , daß die Moschee dadurch nicht geschändet , sondern geheiligt werde . Niemand kannte ihn , auch der Mufti66 nicht , welcher neben uns kniete . Später erfuhr dieser aber , daß der Effendi ein Christ sei , und zeigte ihn wegen Entweihung des Heiligtums an . Wir wurden vor das Gericht beordert , wo der Kadi sich bemühte , das Verbrechen so streng wie möglich zu nehmen . Aber Kara Ben Nemsi gab solche Antworten , daß der Richter immer mehr in Zorn geriet und ihn endlich grimmig andonnerte : Du hast dich wohl vor keinem Kadi zu fürchten ? Der Effendi antwortete ruhig : Nein , sondern der Kadi hat sich vor mir zu fürchten ! Hierauf berief er sich auf eine vor kurzem erlassene Fetwa 67 des Scheik ul Islam68 , nach welcher studierte Christen die Moscheen betreten dürfen , wenn es in frommer , andachtsvoller Weise geschieht , um die nachzueifernden Gebräuche unserer Anbetung kennen zu lernen . Als man uns infolgedessen sagte , daß wir gehen könnten , erklärte er , daß er noch bleiben müsse , um den Kadi wegen Schändung des Heiligtums anzuzeigen , weil er ihn jetzt als die Person erkannt habe , die mit uns zu gleicher Zeit in der Moschee gewesen sei , ohne die Pantoffel auszuziehen , wie es vorgeschrieben ist . Der Kadi war erschrocken und entrüstet , mußte aber die Wahrheit der Anzeige zugeben und entschuldigte sich damit , daß er die Dah ilmafasil69 in den Füßen habe und darum den kalten Steinboden nicht ohne Pantoffel betreten dürfe . Der Effendi riet ihm lachend , das nächste Mal sogar die Stiefel anzuziehen , und dann entfernten wir uns . Du ersiehst aus diesem Beispiele , daß es nicht geraten ist , mit ihm etwas vorzunehmen , was ihm nicht behagt ; er pflegt es in das Gegenteil zu wenden . Ich kenne Moslemin , welche ihn zum Islam bekehren wollten , aber damit nur erreicht haben , daß sie selbst ihren Glauben geändert haben und Christen geworden sind . « » Ist das wirklich möglich ? ! « » Nicht nur möglich , sondern wahr ! Wünsche also ja nicht , in dieselbe Gefahr zu kommen ! « » Diese Gefahr würde es für mich nicht geben , selbst wenn seine Gelehrsamkeit noch größer wäre , als sie ist . « » Du würdest sie gar nicht bemerken , er sagt , Gott wohlgefällig zu leben , das sei seine Wissenschaft , und er höre ein frohes Lachen viel lieber als die trockenen Chitabat70 aller Ulama71 des ganzen Morgenlandes . « » Dann ist es ja sehr gut , daß er sich nicht hier befindet ! « » Warum ? « » Weil du mir gesagt hast , daß dein hier neben mir sitzender Gefährte Hadschi Akil Schatir der größte Gelehrte des Morgen- und sogar auch des Abendlandes ist . « » O , sie würden sich sehr gut zusammen vertragen , denn trotz der unzähligen Wissenschaften , welche im Kopfe dieses meines Freundes Unterkunft gefunden haben , ist ihm niemals etwas davon anzumerken . « » Ich habe es aber vorhin bemerkt , als er die Erklärungen zu dem Spruche Alis , des Kalifen , gab . « » Ja , so eine Erklärung entschlüpft ihm wohl zuweilen , gewöhnlich aber behält er sie für sich , und das ist sehr lobenswert von ihm , weil es so viele Erklärungen giebt , die man , um sie zu begreifen , sich wieder erklären lassen muß . Jetzt weißt du nun wohl , wer und was wir beide sind . Allah ist dir wohlgeneigt gewesen , indem er dich mit uns zusammenführte . Wir haben fünfzig tapfere Krieger der Haddedihn bei uns , und außerdem wirst du zuweilen auch eine weibliche Stimme vernehmen . Die , welche du da sprechen hörst , ist Hanneh , die wohlerzogene Gebieterin meines Frauenzeltes , deren Schönheit und Leutseligkeit zu den größten Vorzügen der Türkei und aller persischen Provinzen gehört . Allah gebe ihr ewige Jugend und hierauf dann ein mir und ihr gefälliges Alter ! Was du sonst noch wissen willst , können wir dir später sagen . Jetzt nun sprich auch du ! Oder soll ich lieber fragen ? « Der Münedschi zögerte eine ganze Weile mit der Antwort . Dann , als er an einem wiederholten Husten des Hadschi hörte , daß dieser ungeduldig zu werden begann , sagte er : » Meine Rede über mich kann sehr kurz sein . Man zählt mich auch zu den gelehrten Leuten . Ich war ein gesunder und wohlhabender Mann , als ich vor mehreren Jahren nach Mekka kam . Mein Vermögen wurde mir von fremden Pilgern gestohlen . Ich wohnte bei El Ghani . Er nahm sich meiner an und behielt mich selbst dann bei sich , als ich erblindete . Jetzt lebe ich nur allein von seiner Güte . Als er vor zwei Monaten nach Meschhed Ali mußte , nahm er mich mit , weil dort meist Perser sind , deren Sprache er weder spricht noch versteht . Jetzt befanden wir uns auf dem Rückwege . Das Wasser ging uns aus , und fast verschmachtet mußten wir mitten in der Wüste halten bleiben . Wir waren überzeugt , daß Allah unsern Tod beschlossen habe . Mehr weiß ich nicht zu sagen ; das andere wißt nur ihr . « Das war die ganze Auskunft , welche er uns erteilte . Ich sah Halef an , daß er wieder fragen wollte , winkte ihm aber ab . Es gab einige Punkte , über welche ich trotz der Schweigsamkeit und Zurückhaltung des Mekkaners gern Auskunft haben wollte . Er war unser Gast und dabei ein unglücklicher , blinder Mann , wahrscheinlich auch noch sonst beklagenswert , und gegen solche Leute ist man nicht gern zudringlich ; aber wenn man bei Wohlthaten auch nicht grad zu wissen braucht , wem man sie erweist , so gab es hier doch andere , sehr triftige Gründe , es nicht bei dem bisherigen , ganz unzureichenden Aufschlusse bewenden zu lassen . Ich erkundigte mich also , jedoch in rücksichtsvollem Tone : » Möchtest du uns wohl sagen , welchem Berufe El Ghani angehört ? « » Er ist Schech el Harah72 , « antwortete er . » Und wie ist sein eigentlicher Name ? « » Habt ihr ihn gesehen ? « » Ja . « » Auch mit ihm gesprochen ? « » Ja . « » Hat er euch seinen Namen nicht gesagt ? « » Nein . « » So erlaube , daß ich ihn auch zurückbehalte ! Er ist mein Wohlthäter , dem ich zur Dankbarkeit verpflichtet bin ; ich habe also kein Recht , das zu sagen , worüber zu schweigen er seine Gründe gehabt haben wird . « » Ich achte diese deine Dankbarkeit , obwohl ich der Ansicht bin , daß ein ehrlicher Mann seinen Namen nicht zu verschweigen braucht . Du hast den deinen auch noch nicht genannt ! « » Effendi , willst du mich der Unehrlichkeit zeihen ? « » Nein . Es genügt mir , von El Ghani erfahren zu haben , daß man dich El Münedschi nennt . Aber wann ihr hier mitten in der Wüste Halt gemacht habt , das darf ich wohl erfahren ? « » Es war am Jom es Sabt73 früh . « » Also vorgestern . Wann bist du da eingeschlafen ? « » Sofort , als ich vom Kamele gefallen war ; zum Absteigen fehlte mir die Kraft . « » Während dieses Schlafes hat dir von einem andern Leben , von einer andern Welt geträumt ? « » Effendi , darüber laß mich schweigen ! Ich träume nicht . Was du für Traum hältst , ist etwas ganz anderes . Du bist ein berühmter Gelehrter ; aber alle deine Gelehrsamkeit reicht nicht aus , das zu begreifen , was ich dir darum lieber verschweige . « » Ich meine im Gegenteile , daß ich als Gelehrter es leichter begreifen würde als ein Ungelehrter . « » Nein . Du würdest es für eine Krankheit halten , während es doch grad ein Beweis der höchsten geistigen Gesundheit ist . Ich bitte dich , nicht in mich zu dringen , und mich jetzt wieder mit El Ghani zu vereinigen ! « » Die Erfüllung dieses Wunsches ist leider jetzt nicht möglich . El Ghani ist fort . « » Fort ? Wohin ? « » Nach Mekka . « » Ohne mich ? ! « » Ja . Er hielt dich für tot und hatte dich schon eingescharrt . Als er mit seinen Leuten fortgeritten war , nahm ich dich aus dem Grabe und fand , daß du noch lebtest . « » Tot ? Begraben schon ? « fragte er entsetzt . » Allah sei mir gnädig ! El Ghani weiß doch , daß ich stets sehr bald wieder zu mir zurückkehre ! « Mit diesen Worten hatte er mir sein Geheimnis schon halb verraten , ohne es in seiner Aufregung zu bemerken ; die andere Hälfte dachte ich mir hinzu . Darum fragte , wie man sich auszudrücken pflegt , ich ihn grad auf den Kopf : » Wie lange pflegtest du in solchen Fällen gewöhnlich nicht bei dir zu sein ? « » Nur einige Stunden , « antwortete er prompt . » Du wußtest dann , wo du gewesen warst ? « » Ja , ganz genau . « » Und dieses Mal hat es länger als zwei volle Tage gedauert . Es handelte sich auch nicht bloß um den bei dir üblichen Zustand , sondern du warst scheintot . Die Anstrengungen des langen Rittes und die Entbehrung des Wassers , der Einfluß deiner Nervenkrankheit , die ich allerdings nicht wie du als den Beweis der höchsten geistigen Gesundheit bezeichne , und dazu der Umstand , daß du ein außerordentlich starker , mit Tabak durch und durch vergifteter Raucher zu sein und darum sehr wenig zu essen scheinst , kurz , diese und vielleicht auch noch andere Gründe , welche ich nicht kenne , haben zusammengewirkt , den Zustand herbeizuführen , den wir als scheintot bezeichnen . « » Scheintot ! « sagte er . » Zwei volle Tage habe ich gelegen ! Solltest du recht haben . Es wäre entsetzlich gewesen , wenn ich begraben worden wäre , ohne wirklich tot zu sein ! Scheintot ! Es giebt ja überhaupt keinen wirklichen Tod , denn das , was ihr so nennt , das ist eben nichts anderes als scheinbarer Tod . Es ist das Ablegen des irdischen Kleides , welches wir unter dem Namen Körper hier getragen haben , aber niemals wieder tragen werden . Dieser Körper bleibt zurück , um sich in seine Grundbestandteile wieder aufzulösen , die Seele aber , die in ihn gekleidet war , wird auf ewig frei von ihm , der sie beengte . « Diese Weise , sich auszudrücken , machte mich stutzig . Er sprach da nicht wie ein frommer , gläubiger Muhammedaner ; darum konnte ich es nicht unterlassen , einzufallen : » Damit befindest du dich mit den Lehren Muhamhameds und allen Auslegungen des Kuran in direktem Widerspruch . « » Nein , « antwortete er . » Bedenke , daß der Prophet und seine Nachfolger nicht nüchterne Abendländer , sondern Orientalen waren und als solche die Gewohnheit hatten , sich nicht streng treffend , sondern bildlich auszudrücken ! Wenn Hadschi Halef dich den größten Gelehrten des Morgen- und des Abendlandes nennt so habe ich das nicht wörtlich , sondern nur in dem Sinne zu nehmen , daß du mehr gelernt hast und mehr weißt als viele andere gewöhnliche Gelehrten . Sogar die christliche Bibel hat man von diesem Gesichtspunkte aus zu lesen und zu beurteilen , weil die Verfasser der in ihr enthaltenen Bücher auch Orientalen waren . « » Damit leugnest du also , daß diese Bücher von dem Geiste Gottes eingegeben worden sind ? « » Nein ; aber er hat durch orientalische Zungen gesprochen , falls die Annahme dieser Eingebung nämlich nicht eine irrtümliche ist . Gottes Geist kann natürlich nicht ein spezifisch morgenländischer sein . « » So nennst du es also bildlich gemeint , daß die Elemente die aufgelösten und zerstreuten Körperteile bei der Auferstehung nicht zurückgeben werden ? Daß der Auferstehende seine Gebeine von der Erde , sein Blut von dem Wasser , sein Fleisch und sein Haar von der Pflanze und sein Leben von dem Feuer zurückerhalte ? « » Das ist eine altpersische Lehre ; du kennst also den Parsismus ? « fragte er erstaunt . » Warum nimmst du dein Beispiel nicht aus der Bibel , von welcher wir doch sprechen ? Doch « - fuhr er schnell fort - » ich vergesse , daß du ja gar nichts aus ihr beweisen kannst , weil sie dir unbekannt ist ! « Da fuhr ich fort : » Ich weiß , daß sie von der Auferstehung des Fleisches spricht . « Stellen anzugeben , glaubte ich , unterlassen zu müssen , weil es verheimlicht werden sollte , daß ich Christ war . Zu meiner Verwunderung antwortete er mir : » Der Apostel Paulus sagt : Es wird gesäet ein irdischer Leib , und auferstehen wird ein geistiger Leib ; giebt es einen irdischen Leib , so giebt es auch einen geistigen Leib . « Jetzt war die Reihe , zu erstaunen , an mir . Dieser Muhammedaner kannte die Briefe an die Korinther ! Er fuhr gleich fort : » Durch das Zusammenwirken der Seele und des Leibes in diesem Leben bildet sich ein zweiter , für uns unsichtbarer Leib , welcher , für uns unbemerkbar , die Poren des irdischen durchdringt und die Verbindung zwischen ihm und der Seele herstellt ; er entsteht aus den unwägbaren Stoffen des sterblichen Leibes und geht nicht mit diesem verloren , sondern begleitet die Seele in die Ewigkeit . Dieser für unser Auge nicht erkennbare Leib ist es , welchen der Apostel , also auch die Bibel meint , wenn von der Kijahma des Leibes die Rede ist . « » Das war so ungefähr die Ansicht des Abu en Nasranija74 Origenes . « Jetzt wunderte wieder er sich über mich . » Du kennst Origenes ? « rief er aus . » So bist du ja noch unterrichteter , als ich dachte ! So wirst du mich also vielleicht verstehen , wenn ich sage , daß ich den Tod nicht fürchte , weil er nichts weiter ist als die Ablegung des groben Kleides , welches hier die Seele und den geistigen Leib zu schützen hatte . Beide bedürfen nach dem Tode dieses Schutzes nicht mehr . Freilich ist das Ablegen dieses groben Leibes , also der Tod , nicht so leicht und so schmerzlos wie das Entfernen eines gewöhnlichen Gewandes , und darum erschrak ich vorhin , als du sagtest , daß ich scheintot gewesen sei . Ich kann nicht glauben , daß dies richtig ist , sondern nehme vielmehr an , daß du dich geirrt hast . Mein Körper ist es gewöhnt , von der Seele zeitweilig verlassen zu werden , und wenn sie in diesem Falle zwei Tage abwesend gewesen ist , also viel länger als es sonst der Fall zu sein pflegte , so darf man dies doch noch nicht als Scheintod bezeichnen , von welchem es nur ein kleiner Schritt ins Grab hinunter ist . « Bei dieser Aeußerung , die geeignet war , unser um die Errettung des Münedschi wohlerworbenes Verdienst zu schmälern , nahm Halef das Wort . Der letzte Teil des Gespräches hatte ihm schon nicht gefallen , und nun er glaubte , um den Dank , welchen er beanspruchte , gebracht werden zu sollen , fuhr er in beinahe zornigem Tone auf : » Noch ein Schritt ? Also denkst du , dich noch außerhalb desselben befunden zu haben ? Du lagst ja schon drin , vollständig drin im Grabe , und es war auch schon fast ganz zugeworfen ; nur dein Gesicht war noch frei ! Wenn deine Seele die üble Angewohnheit hat , den Körper öfters zu verlassen , um neugierig in der Welt herum spazieren zu gehen , so kann ich nichts dagegen haben , denn sie ist nicht meine Seele , welcher ich solche Unbedachtsamkeiten freilich nicht gestatten würde , denn wenn sie einmal den Rückweg verlieren oder gar vielleicht vergessen sollte , wem sie angehört , so irrt sie dann als unernährte , gattenlose Witwe im Weltall herum , und ich liege da , ohne zu wissen , wo ich sie zu suchen habe und wen ich nach ihr schicken soll ! Daß mir das , und warum es mir im höchsten Grade unangenehm sein würde , das