den Türen und Auslagefenstern , die Hände tief in die Hosentaschen vergraben . Schon von weitem sah man die Schar der Schüler vor dem Schulgebäude . Viele standen um eine Litfaßsäule , wo eine Göttin der Vernunft auf einem grünen Plakat ein gelbes Stück Seife emporhielt als wäre es eine Brandfackel . Die Schüler machten ihre unangenehmen Zoten über die Nacktheit der Seifengöttin . Kaum waren Agathon und sein Begleiter , der jetzt seinerseits in Schweigen versunken war und nur bisweilen einen schelen Seitenblick auf den Mitschüler warf , hinzugekommen , als eine Anzahl von Agathons Klassenkameraden auf ihn zustürzte , ihn an Schultern und Armen packte und in ihn hineinschrien : es sei doch einer ermordet worden in Zirndorf , ob er ihn gesehen habe , er solle erzählen , wie es zugegangen sei und so weiter . Die Schüler der unteren Klassen machten respektvoll Platz und begnügten sich damit , am Rande des Kreises ihre Ohren zu spitzen , um etwas zu erlauschen . Agathon sah sich dicht umstellt , und der Kleine schaute in naiver Furcht zu ihm auf und sagte : » Warum hast du das mir nicht gesagt ? « Herr Pedell Dunkelschott erschien pustend auf der Schwelle des Schulhauses , und die Schar strömte laut lärmend in die hallenden Korridore . Agathon saß bald auf dem kleinen Klappstuhl , steif und still - und hörte nichts von dem Toben um sich . Ein süßes Wohlbehagen kam über ihn ; der Ofen summte an seiner Seite , und draußen lag durchsichtig der lichte Herbstnebel . Er sah die Landkarten und es öffneten sich die fernen Länder , den Globus und er fühlte sich weit über der Erde . Er fühlte sich edler und älter , wie ein Mensch , der seine schlummernden Leidenschaften kennen gelernt hat . Der Unterricht begann . Professor Schachno spazierte mit seinen kurzen Veinchen geziert umher und schien bisweilen im Gehen zu schlummern oder er summte behäbig eine stille Weise vor sich , gleichsam einen Hymnus an jene sanfte Milde , mit der er die Welt betrachtete . Seine Haupttätigkeit bestand im Zudiktieren von Strafarbeiten , welche ihm das Ideal der Pädagogik zu sein schienen . Ein vergessenes Heft , ein schlecht gelernter Vers , ein Tintenfleck , ein unzeitgemäßes Lachen , ein unanständiges Rülpsen , das alles waren Fehler , einzig und allein ausrottbar durch das Universal Strafarbeit . Er dozierte deutsche Literatur und sprach über Goethe so , als ob Goethe froh sein müßte , einen Schachno als Nachgeborenen gefunden zu haben . Er summte gerade wieder und schlummerte zugleich ein wenig , als sich Agathon Geyer schwankend erhob und mit erloschenem Blick vor sich hindeutete . In seinem Gesicht lag ein tierisches Entsetzen . Die Schüler erhoben sich bang und flüsternd . Agathon stürzte zum Podium , fiel in die Knie , machte eine Armbewegung , als ob er die Füße eines Menschen umklammerte und sah mit brechenden Augen hinauf in das Gesicht dieser unsichtbaren Gestalt , Sürich Sperlings . Drittes Kapitel Niemals sinkt der Abend so still herab , als wenn die Kirchenglocken läuten ; Nebel fällt wie ein Gespinst über die Dächer , gleitet an den Häuserwänden herab , umhüllt flatternd die Laternen , liegt unbeweglich still in den Gärten und gibt ihnen das Ansehen eines Sees . Die Schritte scheinen leiser zu werden wie auf Teppichen . Agathon stand auf dem nassen Pflaster und schaute in eine glänzend erleuchtete Etage hinauf . Er dachte etwas verwundert nach über die Pracht und den Reichtum dieses Judenhauses , ging dann weiter und begegnete den Juden , die , aus dem Abendgottesdienst kommend , laut feilschten und handelten . Als er sie sah , fühlte Agathon , daß die Judenreligion etwas Totes sei , etwas nicht mehr zu Erweckendes , Steinernes , Gespensterhaftes . Er wandte seine Augen ab von den häßlichen Gesichtern voll Schachereifers und Glaubensheuchelei . Die Kirchweihbuden füllten die Königstraße bis zur protestantischen Kirche hinauf . Die Ausrufer der Schaubuden schrien sich heiser und verdrehten den Körper , als ob sie Leibschmerzen hätten ; mit gesträubten Haaren schrien sie die Vorzüge ihrer Sehenswürdigkeiten aus . Wirr und schrill klangen die Orgeln , Pfeifen und Trompeten und das Gebrüll der Tiere drang aus der Menagerie . Trompeten , Pfeifen und Ratschen erschallten , ein wüstes Summen , Surren und Johlen . Kinder mit vor Neugier bleichen Gesichtern machten sich keuchend Bahn . In den Wirtschaften gröhlten die Zecher . Aus den engen Gäßchen zog der übelriechende Rauch der Heringsbratereien . An der Glückshalle stand Kopf an Kopf eine bewegungslose Menge . Daneben lief ein großes Karussel auf Schienen ; es wurde durch einen sinnreichen Mechanismus in rasende Schnelligkeit versetzt . Man sah dann nur schattenhafte Gestalten , verzerrte Gesichter und bacchantische Schreie . Unter den Leinwanddecken des Zeltes brannten Pechfackeln ; es sah aus wie ein ungeheures , von schwarzem , schwälendem Rauch durchzogenes Feuerloch . Agathon schob sich durch die Massen , während seine Seele warm und gerührt wurde . Ein beglücktes Heimatsgefühl erfaßte ihn ; er hatte freudige Augen für das , was rings geschah und sah die vielen Gegenstände , die allenthalben zur Schau geboten wurden , mit zärtlichen Blicken an . Er blieb vor dem Kasperltheater stehen und schaute zu ; ein alter Arbeiter mit grauem Lockenhaar stand neben ihm und wollte schier sterben vor Lachen . Die Kirchenglocke begann wieder zu läuten . Bestürzt blickte Agathon am Turm empor . Der Ausrufer des Wachsfigurenkabinetts strengte sich mehr an , als seine Kameraden . » Hier kann man sehen die Passion Christi , unseres Heilands , in siebzehn Stationen , - großartig , meine Damen und Herren , großartig ! « schrie er , heiser vor Begeisterung . Wie von einer Faust gestoßen , bestieg Agathon das Podium , zahlte zwanzig Pfennige , das einzige Geldstück , das er besaß , und verschwand hastig hinter dem braunen Vorhang . Tiefaufatmend stand er in der dumpfen Luft des Innenraumes . Nur eine Bauernfamilie ging mit scheuen Schritten umher . Gegen eine scharlachrote Wand hoben sich die Gruppen der Leidensstationen ab . Das gleichmäßige und beruhigende Licht milderte das Starre der Wachsgebilde . Es war etwas Erhabenes und Heiliges über den Gestalten , ferne Zeiten stiegen langsam herauf , und es war , als ob die Schicksalsgöttin selbst träumend die Augen aufschlüge . Das ist also der Heiland , dachte Agathon befremdet , als er vor dem Bild der Kreuzabnahme stand . Er preßte die Hände zusammen und dachte nach . Freunde und Eltern kamen wie eine Reihe vorbereiteter Wandelfiguren an ihm vorbei und die toten Gebilde vor ihm wurden mitlebendig . Er lächelte traurig und begriff , daß er um etwas betrogen worden war , ohne daß er es hatte hindern können . Draußen war der Nebel dichter geworden . Agathon ließ sich stoßen und schieben , bis er in dunkle , unbelebte Gassen kam . Er ging eiliger und seine Gedanken wurden quälender . Unversehens stand er vor der Claußschule , wo sich nur die frömmsten der Juden zum Abendgebet versammelten . Ein Lächeln , dessen Bedeutung er selbst nicht begriff , glitt über seine Züge , und er trat in das düstere und niedrige Gemach . Der Vorbeter an seinem kleinen Pult lallte mit zitterigem Stimmchen das Schlußgebet . Nachdenklich blickte Agathon in die verbissenen , steinernen Gesichter , die voll waren von einer jahrhundertalten Grausamkeit , voll Haß , Erbitterung und zelotischem Glaubenseifer . Zum erstenmal in seinem Leben wurde ihm klar , daß Jude sein eine Ausnahme sein heiße ; zum erstenmal hörte er die hebräischen Formeln mit Unsicherheit und Groll und er glaubte sich in einer verderblichen Abgeschiedenheit , wo Verschwörungen gestiftet werden . Als er auf die Straße trat , prallte er erschrocken zurück . Jener städtisch gekleidete Mensch , der in Sürich Sperlings Boot gesessen war , stand dicht vor ihm und schaute angestrengt gegen ein erleuchtetes Fenster hinauf . Die Gasse war sehr eng , daher mußte er den Kopf weit zurückbiegen . Indem er noch seitwärts gegen die Mauer schritt , stieß er plötzlich an den regungslos dastehenden Agathon , bat um Verzeihung und griff geschmeidig an den Hutrand . » Ach , Sie sind der junge Mann von gestern , « sagte er überrascht . » Sind Sie nicht gestern bei der Kahnpartie - « Er schmunzelte und die schwarzen Augen hinter den Gläsern leuchteten flüchtig , fast drohend auf . » Haben Sie vielleicht ein Streichholz bei sich ? « In diesem Augenblick kam ein Arbeiter mit brennender Zigarre aus dem Tor . Der Schwarzbärtige bat ihn mit etwas übertriebener Höflichkeit um Feuer , dann ging er an Agathons Seite weiter . » Was meinen Sie denn zu der geheimnisvollen Geschichte da mit dem Mord ? « sagte er , den Rauch mit geblähten Nasenflügeln in die nebelerfüllte Luft blasend . » Ich weiß nicht . « » Es interessiert Sie wohl gar nicht ? Im übrigen , es ist ganz und gar Legende . Es ist durch nichts erwiesen , daß ein Mord vorliegt . Die Gerichtskommission hat alle Türen , alle Fenster versperrt und keinerlei Verdachtsmerkmale gefunden . Das einzige , was zu denken gab , war ein unerklärlicher roter Fleck auf der Brust des Leichnams und dann der jähe Tod selbst . « » Ein roter Fleck ? « hauchte Agathon ; sein Hals schnürte sich wie unter einer Faust zusammen . » Ja , aber lassen wir das . Ich liebe nicht derlei krasse Furchtbarkeiten . Wohin gehen Sie ? « » Zu Löwengards . « » Baron Löwengard ? Was wollen Sie denn dort ? « » Ich esse dort zu abend , « erwiderte Agathon . » Dienstag und Freitag Übernacht ' ich auch dort , weil Mittwoch und Samstag die Schule schon um sieben beginnt . « » Die Genauigkeit Ihrer Auskunft läßt nichts zu wünschen übrig . Das alles dürfen Sie ? Sogar übernachten ? Sagen Sie mal , - Ihre Eltern sind wohl sehr arm ? « » Ja . « » Wie alt sind Sie denn ? Achtzehn ? « » Siebzehn . « » Na , um so besser . So kennen wir uns also . Ich heiße Gudstikker . Rufname : Stefan . Geboren zwölften Mai achtzehnhundertsechzig . Verrichtung unbekannt . Aber nun erzählen Sie einmal , was hat eigentlich Sürich Sperling gestern mit Ihnen angestellt ? Er nahm Sie unter den Arm und ging mit Ihnen ins Haus . Sie rührten sich nicht . Andere hätten gezappelt wie ein Fisch , aber Sie waren bloß stumm wie ein Fisch . Ich habe alles gesehen vom oberen Stock . Ich wohnte ja im Sebalderhaus . « Agathon blieb stehen und lehnte sich schweigend an einen Laternenpfahl . » Reden Sie doch , « fuhr Gudstikker fort und stellte den Kragen seines Mantels in die Höhe . » Ich kenne den Sürich Sperling schon lange . Er war kein gewöhnliches Exemplar der Spezies Mensch . Er konnte lumpen durch sieben Nächte , ohne Schlaf zu suchen . Wenn er müde wurde , setzte er sich in einen Stuhl , schloß für zwanzig Minuten die Augen und wußte von sich und der Welt nichts mehr . Erhob er sich wieder , so war er frisch wie vor den sieben Tagen . Einmal , als er melancholisch war , ging er auf den Speicher und zertrümmerte mit der nackten Faust Kisten und Kasten und Bretter . Seinen Hund schlug er halbtot , wenn er unfolgsam war , und danach konnte er sich hinsetzen und heulen wie ein kleines Mädchen . Bis vor sechs Jahren hatte er überhaupt keine Frau berührt und als er die erste nahm , wäre das arme Weib ihm fast in den Armen gestorben . Das war ein Mensch ! « Es entstand ein langes Schweigen . Agathon wurde durch das ganze Wesen Gudstikkers verwundet . Seine Geschwätzigkeit beunruhigte und jede Geste erschreckte ihn . » Wie heißen Sie denn eigentlich ? « fragte Gudstikker . » Agathon . Agathon Geyer . « » A - ga - thon - ? « » Ja . « » Seltsam . Wie kommen Sie zu dem Namen . Agathon ... So hieß mein Vater . « Wieder eine Pause . Dann wurde Gudstikkers Stimme gütig . » Sie gefallen mir , « sagte er . » Ich weiß kaum warum , aber vielleicht steckt etwas in Ihnen , was mir imponiert . Bei euch Juden gibt es manchmal Individuen von wunderlicher Kraft . Besonders in Ihrem Alter . Daran mag es liegen . Wenn sie so jung sind , ist ihre Seele von unbeschmutztem Feuer erfüllt . Sie sind starke Träumer , möchten die Welt aus den Angeln heben und wissen doch nichts von der Welt . Wenn sie es nur wüßten ! Gehen Sie hin , Agathon , wecken Sie Ihr Volk auf . Sagen Sie , wach auf mein Volk , wie der Prophet in der Wüste . Na gleichviel , was scheren mich denn die Propheten . Glauben Sie , daß es heut Nacht regnen wird ? « » Ich weiß nicht . Vielleicht . Vielleicht schneit es . Vielleicht auch nicht . « » Ah , Sie sind boshaft . Na gleichviel . Ich muß Ihnen sagen , es ist nicht Neugierde , wenn ich Sie vorhin fragte , was Sürich Sperling mit Ihnen gemacht hat . Auch nicht Teilnahme . Nun , werden Sie nur nicht wieder ungeduldig . Stellen Sie sich die ganze Situation vor . Später kommt Sürich in mein Zimmer , bleich , erregt , und redet von gleichgültigen Sachen . Er spricht von der Ziegelei , die der Vater meiner Braut jetzt gekauft , und plötzlich legt er sich auf mein Bett und verstummt . « » Verstummt ? « fragte Agathon mechanisch . » Verstummt . Nach fünf Minuten stand er auf , ging vors Haus und dort saß er dann wieder zwei geschlagene Stunden , ohne sich zu rühren . Um neun Uhr ging der Schmied heim und rief ihn an . Wer aber nicht antwortete , war Sürich . Und wer um zehn Uhr in sein Zimmer stolperte , ohne sich um die Wirtschaft zu kümmern , war Sürich . Nun , am Morgen war er tot . Es wäre immerhin interessant , die Ursache zu erfahren . Vielleicht hat er selbst - nun , nun , was gibt ' s ? « Agathon hatte mit den Händen Gudstikkers Arm umklammert und schwankte , als ob er zu Boden sinken wolle . Gudstikker schüttelte den Kopf und warf den Zigarettenstumpf weit über die Gasse . Agathon blickte ihn gespannt an beim matten Schein des Straßenlichts , als ob er sein Gesicht nie wieder vergessen wollte und ging dann weg , ohne ein Wort zu sagen , dem Löwengardschen Palast an der nächsten Ecke zu . Scheu betrat er das breite , lichtgebadete , mit Teppichen belegte Vestibül . Der Plafond und die Wände waren von Künstlerhand mit Darstellungen aus der antiken Mythologie geschmückt . Vor ihm stand wie eine lebende Gestalt Kassandra , den Arm gegen das brennende Troja erhoben . Sie war fast nackt , die Brüste waren geschwellt von Haß . Stets mußte Agathon die Augen vor dem Bild niederschlagen . Die dem Juden angeborene Scham vor dem Nackten ging bei ihm bis zu physischem Schmerz . Auch wurden seine Sinne erregt , wenn er in der Nacht sich des Bildes erinnerte . Stefan Gudstikker wandte sich gegen den Lilienplatz , lauschte mit gesenktem Kopf auf das Stimmengewirr aus den Gasthäusern , das mit dem Wimmern der Geigen und dem Fistelgesang der Harfendamen vermischt war . Schweigend zogen Musikanten an ihm vorbei und der Älteste zählte die Tageseinnahme . Gudstikker sah das alles mit den Augen des Beobachters , der sich freut , daß ihm nichts von den kleinsten Dingen des Lebens entgeht und den die Gewohnheit des Scharfsehens dazu verführt hat , den vielgestaltigen Bau der Welt mit Sprüchen der Weisheit zu beleuchten . Der kalte Glanz des Mondes brach hervor . Gudstikker ging am Rand der Anlage auf und ab und spähte gegen die Straßenflüchte . Die Turmuhren schlugen acht , kreischend fielen die Rolläden herab , die kleinen Ladnerinnen eilten von dannen , und die Kontoristen drehten die gesunkenen Schnurrbartspitzen wieder empor . Endlich kam Käthe Estrich . Mit schwachem Lächeln hing sie sich an den Arm ihres Verlobten . » Ich mußte mich fortstehlen , « sagte sie , » der Vater hat geschimpft über dich . Er nannte dich Müßiggänger . Sie plagen mich mit dir und quälen mich . Bist du bös ? Nicht bös sein ! Ich hab ' ja nur dich , nur dich allein . « » Ich bin nicht bös , aber du darfst nicht so dumm reden . Wie geht ' s dir ? « » Schlecht . « » Warst du beim Arzt ? « » Nein . « » Nein ! - Wenn dein Herr Vater sich besser um dich gekümmert hätte , das wäre eine größere Heldentat , als meine Lebensführung zu kritisieren . « » Ach , Stefan , ich möchte sterben , - mit dir . « » Sterben ! ja , wenn sonst nichts wäre , als sterben . Das bleibt einem jeden . Es ist das Sicherste und soll das letzte sein . « » Du bist so kalt ! « flüsterte Käthe und schauerte zusammen , als ob diese Kälte sie frösteln mache . » Ich muß wieder heim , « fuhr sie mit derselben leisen Stimme fort ; » ich wollte dich nur sehen . « Gudstikker mußte sie fast tragen . Als sie am Ziel waren , küßte er sie flüchtig auf die Wange und ging . Unter dem Portal des jüdischen Waisenhauses , wo er vorbeikam , stand ein Knabe und blickte mit ängstlichen Augen in das erleuchtete Treppenhaus . » Wie heißt du ? « fragte Gudstikker und beugte sich herab zu dem Kind , das seine Finger in den Mund steckte und verlegen zu Boden sah . » Wie heißt du ? « wiederholte er streng . » Weiß nicht . « » Wem gehörst du denn ? « » Weiß nicht . « » Wo ist denn deine Mutter ? « » Tot . « » Und dein Vater ? « » Auch tot , « sagte der Knabe , drückte sich scheu an ihn und fragte bang : » Bist du der Herr Jesus ? « Da erschallte ein herzzerreißendes Schreien im Innern des Waisenhauses . » Hörst ? Hörst ? « machte der Knabe und , begann leise zu schluchzen . Gudstikker nahm das Kind bei der Hand und stieg mit ihm die Treppen hinan . Viertes Kapitel Agathon ging in die Küche und aß , was man ihm an Überbleibseln und für die Tafel Unbrauchbarem gab . Dann stieg er in die Bodenkammer , wo er die Nacht verbringen durfte . Von unten klang Musik herauf , Gläserklingen , dumpfe Rufe der Fröhlichkeit , das Schlürfen des Tanzschrittes und das wogende Murmeln der Gespräche . Er wälzte sich lange Zeit schlaflos und ein bitteres Gefühl erfüllte sein Herz , daß er im Haus des reichen Verwandten auf Stroh unter dem Dach schlafen mußte ; denn daß der Baron ein Vetter seiner Mutter war , hatte er Stefan Gudstikker stolz verschwiegen . Sem geschärftes Ohr vernahm durchdringender den Lärm des Festes und es war , als ob ihn eine Stimme riefe . Dunkle Sehnsucht ließ ihn zittern vor Ungeduld ; er sprang aus dem Bett , warf sich wieder in die Kleider und , die Augen noch umschleiert von der Finsternis , stieg er die Treppe hinab mit dem Bewußtsein einer Schuld . Es war ihm gleich , wohin er kam ; er öffnete im zweiten Stock eine Tür ( deutlicher hörte er Musik und Tanz von unten ) und befand sich in einem großen Salon , der noch warm war von erloschenem Kaminfeuer . Er lächelte , die Musik unter ihm ließ die Dunkelheit rings gleichsam erbeben . Da hörte er vom Nebenzimmer ein Geräusch , wie wenn jemand weint und will es nicht hören lassen . Agathon ging hin , öffnete die Tür und stand nun verlegen und bestürzt vor seiner Base , zu deren Verlobung das prunkvolle Fest im Hause gefeiert wurde . Sie saß vor einer Kerze und schluchzte in ihr Taschentuch . Jeanette blickte auf , und vor Erstaunen brachte sie kein Wort hervor . Endlich fragte sie heiser , was er hier zu suchen habe . Agathon zuckte die Achseln . » Nichts , « antwortete er . » Ich habe dich weinen hören . « » Von oben ? Von deiner Kammer ? « Agathon wurde bleich und ließ den Blick verächtlich durch den geschmückten Raum schweifen . » Nein , « sagte er , » nicht von meiner Kammer « . » Nun ? « Agathon schwieg . Die großen , von Tränen nassen Augen des Mädchens erweckten ein Gefühl von Niedrigkeit in ihm . Jeanette nahm ihn bei der Hand . » Nun gestehe . Weshalb bist du gekommen ? Hast du Hunger ? Dann soll man dir geben , was du willst . Auch Wein sollst du haben . Ich will es dem Diener sagen . Oder willst du Geld ? Hier ist meine Börse . « Sie lächelte bitter und wollte aufstehen . Doch Agathon nahm ihre Hand und drückte sie mit großer Kraft so fest zusammen , daß das Mädchen ihn mit einem überraschten Ausdruck des Schmerzes ansah . » Ich bin nicht , was du meinst , « sagte Agathon . » So ? « Ein unsicherer Spott trat auf Jeanettens Gesicht . » Ich bin nicht hungrig , « sagte Agathon leise . » Ich brauche auch kein Geld . Also nimm dein Geld hier weg , sonst muß ich es zum Fenster hinauswerfen . « Jeanette sah lange in Agathons erregtes Gesicht , dann faßte sie ihn plötzlich an beiden Händen , zog ihn zu sich und sagte herzlich : » Nun sprich ! « Agathon schüttelte den Kopf . » Ich glaubte , du hast etwas zu sagen . Ich habe ja nicht geweint . Freilich , woher sollst du Vertrauen zu einem so schlecht gekleideten Menschen haben . « Er lächelte wieder , wandte das Gesicht ab und starrte ins Dunkle . Die Wände schienen sich aufzutun vor seinen Blicken , und aus zahllosen Augen schauten ihn die Sorgen an , unter denen die Menschen Schätze zusammentragen , um sie wieder von Sorgen bewachen zu lassen . » Agathon ! « flüsterte Jeanette . Sie ließ seine Hand nicht mehr los , und er fühlte , wie heiß ihre Hand war . » Ich habe dich stets übersehen wie einen Schatten . Du hast dich auch so schmal gemacht wie ein Schatten , du wunderlicher Agathon . « Agathon antwortete nicht . » Sprich , Agathon , hast du schon viel Böses getan ? Warum zitterst du ? was ist dir ? « » Böses , fragst du ? Was ich getan , war nicht böse . Es war auch nicht gut . Es wäre schlechter gewesen , wenn ich einem Vogel die Flügel genommen hätte . Oder kann es böse sein , wenn es dich erhebt , glücklich macht ? Oder gut , wenn es das ganze finstere Leben erkennen läßt und was man versäumt hat und was andere versäumt haben - ? « Jeanette , tief erregt durch das Wesen des jungen Menschen , flüsterte stockend : » Setz dich zu mir . So . Und nun hör mich an . Sieh , ich soll einen Menschen heiraten , den ich noch nicht zweimal im Leben gesehen habe . Er ist nicht jung , er ist nicht alt , er ist nicht edel , er ist nicht gemein , ich kenne ihn nicht , ich weiß nichts von ihm , aber ich soll ihn heiraten , der Geschäftsverbindung wegen . Ich werde verkauft und soll mich ruhig verkaufen lassen in das Bett eines Schweins . Erröte nicht , Agathon , jetzt ist nicht die Stunde zum Erröten ; bei uns werden alle Mädchen verschachert wie Häuser und Grundstücke , aber du wirst doch zugeben , daß man bisweilen auch aus andern Gründen heiraten kann . Wie ? Aus Liebe zum Beispiel , wie ? « » Aus Liebe , ja , « wiederholte Agathon und zuckte zusammen . » Sieh her , sieh her , « sagte das Mädchen und ihre roten Haare fielen wild in die Stirn , und sie zog Agathon dichter neben sich . » Hab ich nicht die feinste Haut , die du dir denken kannst ? Rühr mich nur an ! hab ich nicht einen weichen Mund ? siehst du , ich küsse dich damit , und liebe ich nicht alles , was schön ist , zum Beispiel deine Augen ? Und wenn du mich liebst , siehst du , dann ist es dir gleich , ab ich in Gold und Ehren lebe oder ob ich verstoßen und verachtet bin , ein Frauenzimmer der Gasse , es ist dir gleich , du nimmst mich , wenn du mich liebst , verstehst du ? Ja , du freust dich sogar , wenn du zeigen kannst , wie hoch der Preis ist , den du für mich zahlst . Und doch gibt es einen Mann , an den ich geglaubt hatte , und der anders gehandelt hat , einzig und allein deswegen , weil er leiden wollte um mich , weil er mich mehr zu lieben wähnt , wenn er mich entbehren muß . Ist das nicht närrisch ? Ich sitze da mit meinem Herzen voll Leben , daß es nur so brennt und soll das Schwein heiraten , und ich habe Ja gesagt aus Rache gegen den Leidenssüchtigen , der mich liebt und verschmäht , den ich lieben und verachten muß . « Agathon starrte fassungslos in diese zigeunerhaften , leidenschaftlichen Züge . Jeanette sprang auf und rief : » Du mußt mit mir kommen ! Du mußt sie sehen , die da drunten . Kannst du tanzen ? Gut , wir wollen ihnen Schrecken einjagen , indem wir tanzen . « Sie nahm Agathon bei der Hand und zog den Erstaunten und Willenlosen , der nicht begriff , was mit ihm vorging , durch das dunkle Zimmer zur Treppe , über die Stufen hinab , bis sie mit ihm unter der Saaltür stand , die der Diener mit einem Gemisch von Respekt und Verdutztheit eifrig aufstieß . Mit blitzenden Augen sah Jeanette in das bunte Treiben der Gäste . Nicht einmal die Haare hatte sie geordnet . Der Baron kam rasch und fragte mit einem finstern Blick auf Agathon , wo sie so lange bleibe und was der Unfug bedeute . Herren und Damen standen alsbald lauernd im Halbkreis um das junge Mädchen . Es war eine ziemlich ungemischte Gesellschaft : jüdische Kaufleute , Journalisten , Ärzte und Advokaten . Alle Gesichter verrieten Intelligenz , aber nur jene Intelligenz des Augenblicks , die von den verborgenen Werten der Dinge nichts weiß , die an der Stunde klebt , mit der Stunde rechnet und die Augen schließt , wenn die Nacht kommt . Alle Gesichter hatten etwas Überlebtes , etwas von dem Abgeglühtsein , wie es das gemeine Leben mit sich bringt ; das Edlere war verwischt von der Freude an flüchtigen Genüssen , von der Verachtung des wahren Ernstes und der Sucht , den Tag leicht zu nehmen . Ihre Macht war der greifbare Besitz und sie waren wie Sklaven , die heuchlerisch ihre in der Dunkelheit gesammelten Kräfte verstecken und sich auf die Stunde freuen , wo sie die Fäuste zeigen dürfen . Agathon blickte in den Lichterglanz an der Decke und plötzlich mußte er an die arme , niedere Stube zu Haus denken , und das gelbe Gesicht seiner Mutter stieg wie aus einem Schattengewühle auf . Und er verlor sich selbst : aus diesen Schatten erhoben sich Generationen : Greise und Greisinnen , die mit müdem Kopfschütteln vorbeigingen . » Herr Salomon Hecht ! « rief nun Jeanette und ihre Augen leuchteten grün . Ein elegant gekleideter , ziemlich fetter Mann trat vor und verbeugte sich ironisch . Er hatte ein süßliches Lächeln auf den Lippen , aber in seinen Augen war die stumpfsinnige Traurigkeit eines Tieres . » Was hast du vor ? « knirschte Baron Löwengard und trat , schneebleich vor Wut , an die Seite seiner Tochter . » Was soll dieses Benehmen ? Was soll der Junge hier ? Wenn du nicht Vernunft annimmst , werde ich dich aus dem Haus peitschen lassen . « » Ja , laß mich nur peitschen , « erwiderte Jeanette zum Entsetzen ihres Vaters beinahe schreiend . » Was ich vorhabe ? Ich will einen Mann haben und keinen Getreidesack und keinen Geldschrank und keine zehnprozentigen Aktien . Verstehst du das nicht ? Was soll ich denn anfangen mit Herrn Hecht in der Nacht , wenn ich von Männern träume , die nicht ein paar Nachtlichter im Kopf haben , sondern Augen , Augen , Augen - ? Wenn ihr nur das wollt , was ihr wollt , dann schachert ! Verschachert euern letzten Flederwisch im Kehrichtfaß , und für das andere geb ich mich nicht her wie eure hochmütigen Weiber , die mich jetzt anglotzen wie eine Hexe . Da ! da habt ihr und mich laßt zufrieden ! da ! da ! da ! « Und sie ging hin , weiß wie Kalk , warf die kostbare Broche ins Kaminfeuer , die Armreife , die Ringe an den Fingern , riß die Spitzen über der Brust entzwei und öffnete mit einem Ruck die Knöpfe der Taille . Da stürzte Löwengard mit unartikuliertem Schreien auf seine Tochter , nahm sie in die Arme