Generalprobe . Das ist der Anfang des Endes . Sie hatte es lachend gesagt und er hatte gelacht . Aber als er draußen war und die Treppe hinabstieg , lachte er nicht mehr . Seine Stirn war gefurcht und er murmelte durch die Zähne : Oder war es schon das Ende selbst ? Klotilde saß wieder in ihrem Fauteuil ; Liesbeth spielte zu ihren Füßen auf dem Teppich , ganz wie in der projektierten , hernach verworfenen Idylle . Schade ! Wir waren so gut im Zuge ! Glaube wahrhaftig , ich hätte ihm im nächsten Augenblick einen Kuß gegeben . Die dumme Depesche ! Aber so ist es immer ! Dreizehntes Kapitel In dem großen Freundes- und Bekanntenkreise des Sudenburg ' schen Hauses war seit vierzehn Tagen beinahe nur von den theatralischen Aufführungen gesprochen , durch welche das sechzigjährige Geburtstagsfest des Direktors am fünfzehnten November gefeiert werden sollte . Zwar hatten die zunächst Beteiligten einander zugesagt , der profanen Menge nichts von ihren Künsten zu verraten . Aber von einzelnen mochte die Zusage nicht streng gehalten worden sein , oder die ab- und zugehenden Dienstboten hatten geplaudert - lange vor dem bestimmten Tage hatte sich ein Mythennebel um das kommende Ereignis gelagert . Es sollten ein paar ganz tolle Possen zur Aufführung gelangen , in deren einer über die shopkeepers , in der anderen gar über die Offiziere die blutigste Geißel der Satire geschwungen würde . Die Verständigeren widersprachen : eine derartige Ausschreitung sei in dem Hause eines Ministerialdirektors unmöglich , der genau wisse , welche Rücksichten er auf seine Stellung zu nehmen habe , von denen , welche er seiner Gattin , bekanntlich einer reichen Bankiertochter , und den Portepees seiner beiden Söhne schuldig sei , zu schweigen . Auch pflegten sich Gymnasialprofessoren - und der Verfasser der Stücke sei einer - auf dergleichen Extravaganzen nicht einzulassen . Viel eher stehe bei einer solchen Autorschaft zu fürchten , es werde sich um steifstellige , akademische , hochgradig langweilige dramatische Stilübungen handeln , und man thue gut , sich darauf gefaßt zu machen . Wie immer dies Gerede hinüber und herüber sich zu der Wirklichkeit verhielt , die Erwartungen waren allerseits hochgespannt und man zeigte einander die erhaltenen Einladungskarten als einen Schatz , den man um vieles nicht weggegeben hätte . Nun war der vielbesprochene Abend da . Vor dem Portal des Hauses , in welchem die Dienstwohnung des Direktors lag , war ein mächtiges Zelt errichtet ; Teppichläufer erstreckten sich aus dem hellerleuchteten Flur über das breite Trottoir bis zu dem Fahrdamm . Auf welchem jetzt Wagen auf Wagen heranrollte , deren geputzte Insassen , nachdem der stattliche Portier den Schlag aufgerissen , eilig dem Hause zuschritten zwischen dem dichten Spalier sämtlicher Portierkinder der Straße und der sonst zusammengelaufenen Neugierigen . Daß die Damen so dicht verhüllt waren , und man nur eben ihre frisierten , blumengeschmückten Köpfe bewundern konnte , war freilich ein Jammer . Dafür entschädigte einigermaßen der Glanz der Orden , den die Mäntel und Paletots der Herren nicht immer verhüllten . Von den Herren , die zu Fuß kamen und sich nicht selten erst mit Hilfe der beiden Schutzmänner durch die Menge winden konnten , wurden höchstens noch die Offiziere beachtet . Die höfliche Bitte der Einladungskarten um möglichst pünktliches Erscheinen wäre wohl kaum nötig gewesen : verstand es sich doch von selbst , daß man an einem solchen Abend die Wirte nicht warten lassen dürfe . So hatte sich denn auch binnen kaum einer halben Stunde die ganze Gesellschaft versammelt und den prächtigen Festsaal bis auf den letzten der aufgestellten dreihundert Stühle gefüllt , während in dem Nebensalon , den eine breite Schiebethür mit dem Saal verband , noch Kopf an Kopf eine beträchtliche Menge stand , der man beim besten Willen zu einem Sitzplatz nicht mehr verhelfen konnte . Glücklicherweise hatten die zwei Kameraden , welche an Stelle der verhinderten Haussöhne als Arrangeurs fungierten , noch sämtliche Damen im Saale selbst unterbringen können und baten nur den Himmel , daß jetzt keine mehr kommen möchten . Hatte es doch schon entsetzliche Mühe gekostet , die ersten Sesselreihen für die Minister und ihre Gemahlinnen frei zu halten , in deren Mitte auf Ehrensesseln der Gefeierte selbst und seine Gattin unmittelbar vor dem rotseidenen , golddurchwirkten Vorhang saßen , der , von der einen der Seitensäulen bis zur anderen ausgespannt , die in der kleineren Abteilung des Saales aufgebaute Bühne verdeckte . Und das summte , schwirrte , wirrte nun in der großen erwartungsvollen , eifrig konversierenden Gesellschaft , daß es das Publikum der Première eines neuen Stückes aus der Feder des meistumworbenen , bestgehaßten Modeautors nicht anders zustande gebracht hätte . Albrecht machte diese Bemerkung zu Elimar , mit dem er hinter dem Vorhang auf der noch leeren Bühne stand . Glücklicherweise sind diese Herrschaften ein gut Teil naiver als das Premièrepublikum unserer Modetheater , entgegnete Elimar . Glauben Sie ? Ganz gewiß . Schon deshalb , weil sie aus sehr triftigen ökonomischen Rücksichten die Theater sehr selten besuchen . Ich möchte darauf wetten , daß die meisten von ihnen überhaupt niemals einer Première beigewohnt haben . Dann dürfte man wohl sagen : Iliacos intra muros et extra : wir hier auf der Bühne leisten doch auch an Naivetät das Menschenmögliche und taumeln sorglos an klaffenden Abgründen hin . Das mag für uns gelten , nicht für Sie . Ich prätendiere nicht , eine Ausnahme zu sein , und fühle mich in Rom ganz Römer : schließe die Augen und lasse es gehen , wie ' s Gott gefällt . Ich habe immer gemeint : es gefällt Gott am besten , wenn sie , denen er Augen zum Sehen gab , sie möglichst weit aufthun . Glauben Sie mir , lieber Herr Professor , in einer Welt voll von Gebärdenspähern und Geschichtenträgern ist das dringend nötig . Elimar hatte sich zu Adele gewandt , die aus dem Ankleideraum der Damen auf die Bühne gestürzt kam , sich in ihrer Haushälterinnen-Maske zu präsentieren . Und ob die Geschichte noch immer nicht losgehe ? Mit dem Glockenschlage neun , gnädige Frau , sagte Albrecht , die Uhr in der Hand . Es fehlen noch volle fünf Minuten . Nun kam auch Stephanie in der vorgeschriebenen Reisetoilette . Die vier in der ersten Scene auftretenden Personen waren zur Stelle . Der Inspicient - ein wirklicher Schauspieler , den man zu diesem Zweck engagiert hatte - überzeugte sich , daß von den Requisiten keines fehle ; der Souffleur - ebenfalls ein Mann von Fach - saß auf seinem Posten hinter der Säule , in dem Buche blätternd - man konnte jeden Augenblick beginnen und plauderte sich die bangen fünf Minuten weg , ohne recht zu wissen , was man sagte . Jedenfalls wußte es Albrecht nicht . Die letzten Worte Elimars klangen ihm im Ohr . Und die klugen Augen des Mannes hatten dabei einen so seltsamen Ausdruck gehabt . Gewiß ! es war das eine Warnung gewesen ! Vor wem ? Hatte er nicht von Anfang an mit peinlicher Sorge über seine Mienen , seine Augen gewacht ? nicht jedes in Gegenwart anderer gesprochene Worte genau abgewogen ? Und dann ! die Warnung kam zu spät . Seit vorgestern - seit der Scene bei ihr im Salon - war ja alles vorbei . Er hatte ihr seine Liebe gestanden , und sie - nun der Diener mit der Depesche , und Kind und Bonne , die hereinplatzten , hatten sie der Antwort überhoben . Die Antwort , die sie ihm gestern auf der Generalprobe und heute , als sie sich vorhin auf der Bühne trafen , dann doch gegeben : in ihrer souveränen Gleichmütigkeit , für die ein armer Erdenwurm , wie er , nicht existierte , oder dem man doch seine knabenhafte Schwärmerei mit königlicher Milde nachsehen wollte ! Ach , er hatte vor einer Stunde beim Abschied seine gute Klara nicht umsonst so innig ans Herz gedrückt ! Es hatte ein stummer Schwur sein sollen , den er halten wollte : ein Schwur der Absage dieser unsinnigen , entwürdigenden Leidenschaft und der erneuten Treue und Liebe für sie , die Lilie auf dem Felde , in ihrer keuschen Bescheidenheit herrlicher als die hoffärtigste Prunkblume mit ihrem Patschuliduft modischer Verderbtheit ! Herr Professor , wir müssen anfangen ! Bitte , noch einen Schritt näher nach der Thür ! Es muß aussehen , als ob Sie eben mit der Gnädigen eingetreten sind . So ! - Vorhang auf ! Der Vorhang rauschte auseinander vor einem Publikum , in welchem das zuletzt fast betäubende Geschwirr der Stimmen urplötzlich einer lautlosen Stille gewichen war , die denn auch , während das Spiel vor sich ging , durch ein Kichern hier , durch ein schnell unterdrücktes Lachen dort selten unterbrochen wurde . Auf die beifallsbedürftigen Seelen einer wirklichen Künstlerschar hätte diese Stille sicher lähmend gewirkt . Hier war das nicht der Fall . Den Darstellern selbst bereitete ihr Treiben ein viel zu großes Vergnügen , und , wie Albrecht gesagt , von den Abgründen , an denen sie in ihrer dilettantischen Naivetät sorglos dahintaumelten , hatten sie keine Ahnung . An seinem Text fehlte keinem ein Wort - das war doch jedenfalls weitaus die Hauptsache . Höchstens fürchtete man noch , nicht laut genug zu sprechen . Nur in den ersten Minuten . Dann hatte man sich auch dieser Sorge entschlagen und sprach und spielte , im Frohgefühl seiner guten Absicht , munter darauf los , ohne viel zu fragen , ob die Zuschauer sich dabei langweilten , oder nicht . Sie hatten sich nicht gelangweilt . Der Vorhang war zusammengerauscht über den jungen Gatten , die sich nun endgültig gefunden hatten , ihren teilnahmvollen Freunden und dem Geschäftspersonal - zwölf jungen Offizieren in nicht durchgängig modischen Fracks , aber tadellosen weißen Handschuhen und Krawatten , alle aus voller Brust das Festlied nach der Melodie : » Wem Gott will rechte Gunst erweisen « unisono schmetternd . Nun für ein paar Augenblicke die vorherige Stille . Dann aber brauchten nur auf den ersten Reihen die Hände von ein paar Excellenzen und Excellenzdamen sich zu rühren , und das Klatschen pflanzte sich , immer kräftiger , lauter , durch den ganzen Saal fort bis zu den Stehplätzen des Nebensaales , wo es seinen Höhegrad erreichte . Und nun , da man zu seiner freudigen Überraschung entdeckt hatte , daß man nicht nur eine Meinung , sondern den Mut seiner Meinung habe , mußte die rotseidene Gardine sich wieder und wieder lüften und die glückliche Künstlerschar sich dankend verneigen . Dann , als der Beifallssturm sich endlich gelegt hatte , wagte man sich , erst schüchtern , dann dreister an die Kritik , wobei eine überaus seltene erfreuliche Einhelligkeit des Urteils an den Tag zu treten schien . Das Stück war allerliebst , sehr unterhaltend , durchaus nicht böswillig , wie einige hatten wissen wollen ; und die Herrschaften hatten ausnahmslos ganz überraschend famos gespielt . Der Preis gebührte natürlich Fräulein Stephanie , die jeden Augenblick die unvergeßliche Klara Meier ersetzen könne , der sie nebenbei auch merkwürdig ähnlich gesehen habe . Ganz überaus charmant war auch Frau von Meerheim als Haushälterin Dörthe gewesen , so unglaublich drollig ! Und welche Selbstüberwindung , sich aus der anmutigen jungen Frau in die alte Hausunke zu travestieren ! Das hätte die selige Frieb nicht besser machen können , oder jetzt die immer urkomische Schramm ! Aber auch die Herren - alle Achtung ! Der Herr Professor hatte sich in diesem ihm fremden Kreise wohl befangen gefühlt und war ein wenig steif und hölzern gewesen - natürlich ! Herr von Meerheim , als alter Diener , - schade , daß seine Rolle nur aus ein paar Worten bestand ! Dafür dann der Doktor Herrn von Luckows , der Polizeikommissar Herrn von Fernaus - vortrefflich ! ich versichere Sie , Schönfeld und Reicher auf dem Lessingtheater bringen das nicht besser heraus ! Und Herr von Sperber als Fridolin - das war ja der leibhaftige Vollmar vom königlichen Schauspielhause gewesen - geradezu stupend ! Man war noch im besten Zuge des Kritisierens , als der Vorhang wieder auseinander schwirrte : Fräulein Lotte von Breitenbach steht als Erna am Fenster des mütterlichen Salons , den Liebsten erwartend , der , zu ihrem großen Erstaunen , mit einer ihr unbekannten , eleganten jungen Dame über den Platz kommt , um sich von dieser an der Hausthür zu verabschieden nach einem augenscheinlich wichtigen Zwiegespräch . Die Fremde - Frau von Sorbitz - als schneidige amerikanische Miß , wird von dem Bedienten eingeführt - die kleine Komödie der Irrungen beginnt . Von der Zaghaftigkeit des Publikums während des ersten Stückes war jetzt nichts mehr zu spüren . Man war nun einmal in der Gebelaune und gab mit vollen Händen . Jede drolligere Situation , jede witzigere Wendung , jede kühnere Pose - alles wurde belacht , beklatscht , bejubelt . Es kamen Momente , wo die Spieler auf der Bühne pausieren mußten , weil sie von dem Beifallslärm , der ihnen entgegenschallte , ihre eigenen Worte nicht mehr verstanden . Das steigerte dann wieder den guten Mut , mit dem sie an ihre Aufgabe gegangen waren , zum Übermut ; und hatten sie im Anfang manchmal vor dem Lachen der Zuhörer nicht weiter sprechen können , wurde es ihnen jetzt von Minute zu Minute schwerer , ihre Ernsthaftigkeit zu bewahren . In solchen kritischen Momenten war es jedesmal die Geistesgegenwart Klotildens , die der drohenden Gefahr , das Ganze aus den Fugen gehen zu sehen , die Spitze abbrach , indem sie durch ihr geistreiches stummes Spiel , eine mit besonderer Verve vorgebrachte Phrase , im äußersten Falle durch eine kühne Improvisation die Aufmerksamkeit von den andern auf sich zu lenken wußte . Zur Bewunderung und zum Entzücken Albrechts , der neben dem Souffleur hinter der deckenden Säule stand und nun die Rettung seines , durch den Leichtsinn der andern bedrohten Stückes in der Hand der Frau sah , die er liebte . Die den Widerstrebenden immer wieder zur Liebe , zur Anbetung zwang . Mochte sie zuerst für ihre Person nach dem Beifall des Publikums die verlangenden schönen Hände strecken - sein Herz flüsterte ihm zu : sie hat dabei doch Dein nicht vergessen , trägt mit vorsichtiger Kraft dein Werk , wie ein kostbares Gefäß , durch den Wirrwar , in dem es zu zerschellen droht ; und kann sie dich nicht von Herzen lieben um deiner selbst willen , hat sie doch Achtung vor deinem Talent . Ist das nicht viel ? ist es nicht mehr als du verlangen kannst ? Man liebt die Götter ja nicht , weil sie uns wieder lieben , sondern , weil sie so groß und herrlich sind , daß unsre Kniee sich beugen müssen , sie mögen nun wollen oder nicht . Wie meine Kniee sich beugen vor dir , du schönste , du einzige Frau ! Im Stück war die heimgekehrte Mama aufgetreten , hatte den so schnell geschlossenen Bund der jungen Herzen gesegnet ; die seidene Gardine rauschte zusammen , und wieder und wieder auseinander und zusammen bei dem nicht endenwollenden Beifallsjubel der elektrisierten Gesellschaft . Und jetzt hatten erst einzelne , dann viele Stimmen auf einmal energisch nach dem » Dichter « gerufen ; Fräulein von Breitenbach und Frau von Sorbitz kamen zu der Stelle gelaufen , wo er , nun doch mit freudig klopfendem Herzen , stand , und zerrten und führten ihn auf die Bühne , wo er dann , die beiden Damen krampfhaft an den Händen haltend , seine Verbeugung machte . Und - nun ohne Begleitung der Damen - noch wiederholt machen mußte , bis er sich endlich zu ein paar Worten entschloß , in welchen er die freundliche Anerkennung seiner schwachen Leistungen auf die Darsteller übertragen zu wollen bat , als auf das Licht , das , von innen seines armseligen Kirchleins heraus leuchtend , die verworrenen Farben der Fenster in so anmutendem Schein hätte erglänzen machen . Laute Bravos , die noch andauerten , als der Vorhang nun wirklich zum letztenmal sich geschlossen hatte , kamen ihm aus dem Publikum zurück . Auf der Bühne schüttelten die von ihrem Erfolg berauschten Darsteller einander die Hände und stoben nach allen Seiten davon , als jetzt die geschlossene Coulisse förmlich auseinanderbrach vor den eifrigen Händen der Arbeiter unter Führung ihres Meisters . Binnen zehn Minuten müsse alles abgeräumt sein , sonst sehe es um das Abendessen der Herrschaften übel aus . Vorgesehen ! Vorgesehen ! Um Himmelswillen ! rief Klotilde . Ein paar Arbeiter , die ein großes Versatzstück schleppten , hätten sie beinahe umgerannt . Seitwärts springend , war sie in einen Winkel geraten , den zwei aneinander geschobene Coulissen bildeten , und in den sich Albrecht einen Moment vorher ebenso geflüchtet hatte . Plötzlich war die nach der Bühne zu freie Seite auch geschlossen : die Arbeiter hatten das Versatzstück vor die Öffnung geschoben , achtlos der beiden so Gefangenen , die in dem engen Raum Schulter an Schulter gedrängt standen . Gnädige Frau ! stammelte Albrecht . Du liebster Mann ! flüsterte Klotilde , ihn mit beiden Armen umschlingend und einen heißen Kuß auf seine Lippen drückend . In der nächsten Sekunde klaffte die Öffnung nach der Bühne wieder ; Klotilde war davongeschlüpft , langsamer folgte Albrecht , betäubt von seinem ungeheuren Glück und der rasenden Kühnheit , mit welcher die geliebte Frau ihm ihre Gunst gewährt auf die Gefahr hin augenblicklicher fürchterlichster Entdeckung . War doch alles - ihr beiderseitiges Verschwinden , das Vorschieben , das Wegschieben des Versatzstückes - so blitzschnell vor sich gegangen - niemand hatte von der wundersamen Episode das mindeste bemerkt . Er sah es an der unbefangenen Miene der geschäftigen Arbeiter und der paar Damen und Herren , die noch auf der Bühne miteinander scherzten , um sich nun auch eiligst von der Trümmerstätte in die sicheren Garderobezimmer zu retten . Vierzehntes Kapitel Als Albrecht eine Viertelstunde später mit Luckow und ein paar andern » Künstlern « in die überfüllten vorderen Gesellschaftsräume trat , kam alsbald der Wirt des Hauses auf ihn zu mit ausgestreckter Hand : Lieber Herr Professor , Sie haben meine Frau und mich zu so großer Dankbarkeit verpflichtet ! Wir sind ja ganz beschämt . Welcher Welt von Arbeit haben Sie sich unseretwillen entzogen ! Aber wie herrlich ist auch alles gelungen ! Nun müssen Sie zuerst mit zu meiner Frau und sich ihren Dank holen . Albrecht wollte abwehren ; der liebenswürdige Mann ließ ihn kaum zu Worte kommen und zog ihn mit sich durch die Menge fort in das nächste Gemach , wo sie die Frau Direktor fanden im Gespräch mit einem hochgewachsenen , sehr eleganten , ordengeschmückten Herrn , in welchem Albrecht , nicht ohne eine gelinde Empfindung von Schrecken , den General-Intendanten der königlichen Schauspiele erkannte . Die gütige Frau hatte ihren ehrlich gemeinten Dank hergesagt , um dann sofort von ihren anderweitigen wirtlichen Pflichten in Anspruch genommen zu werden , nicht ohne vorher » unsern trefflichen Hausdichter « Seiner Excellenz vorgestellt zu haben . Excellenz hatte dem Vorgestellten höflich seine schlanke Hand gereicht . Ich habe auch ein Haus , an welchem der treffliche Dichter wohl schon einmal hätte anklopfen sollen , sagte er mit verbindlichem Lächeln . Ich that es - bereits vor zwei Jahren , erwiderte Albrecht mit schneller Entschlossenheit . Es wurde mir leider nicht aufgethan . O ! sagte Excellenz ; ich erinnere mich nicht . Ein so unbedeutender Fall wird schwerlich zur Kognition von Excellenz gelangt sein . Um was handelte es sich ? Albrecht berichtete in kurzen Worten , daß er vor zwei Jahren ein historisches fünfaktiges Trauerspiel eingereicht , aber mit dem Bescheid zurückerhalten habe , man glaube es zur Aufführung bringen zu können , falls sich der Verfasser entschlösse , gewisse , näher bezeichnete Änderungen vorzunehmen . Er habe diese Änderungen vorgenommen ; harre aber seitdem , seit anderthalb Jahren - vergebens auf Antwort . Das thut mir ja recht leid , sagte Excellenz . Indessen , meine Herren sind wirklich über die Maßen beschäftigt - die vielen eingesandten Manuskripte - man macht sich draußen davon gar keine Vorstellung - und dann ein Trauerspiel - ein historisches - fünfaktiges - das ruft so viele Bedenken wach - schon was den Inhalt betrifft - und nun erst das D ' rum und D ' ran - neue Coulissen , - neue Kostüme sehr wahrscheinlich - eine große Komparserie jedenfalls - warum haben Sie es nicht mit den allerliebsten Sächelchen von heute abend versucht ? Ich habe es nicht gewagt , Excellenz . Sehr mit Unrecht , mein Bester ! Gerade so was will das Publikum - harmlos - ohne leidige Tendenz - dabei doch von kräftiger , drastischer Komik - Excellenz sind zu gütig ! Ich habe wirklich ein paarmal herzlich lachen müssen - die Idee in dem ersten Stück mit dem geheimnisvollen Schrank - das ist sehr gut - ganz originell - auch die zweite Bluette - allerdings der Titel ! - es schmeckt doch ein wenig nach Persiflage - der Polizeipräsident - Vielleicht eine Änderung des Titels , Excellenz ? Würde allerdings zu überlegen sein . Und dann die beiden Offiziere in Uniform - hier im Privatkreise - als Söhne des Hauses - zum Wiegenfest des Vaters - à la bonne heure ! Aber auf der königlichen Bühne - völlig unmöglich ! Wenn man fremdländische Uniformen nähme , Excellenz ? Obgleich dann freilich der Humor - Freilich , der Humor ! Das ist wichtig - bin ein großer Freund von Humor . Nun , wir werden sehen . Jedenfalls bitte ich um die Manuskripte . Und - was ich sagen wollte- schicken Sie sei mir direkt - persönlich - es könnte sonst leicht wieder - Wie Excellenz befehlen . Also abgemacht ! Hat mich sehr gut gefreut - Albrecht war mit einem nochmaligen sanften Druck der schlanken Hand und obligatem verbindlichem Lächeln entlassen und hatte kaum seine Verbeugung gemacht , als der Direktor abermals eilig an ihn herantrat und ihm zuflüsterte : Muß Sie nun auch unserer Excellenz vom Kultus vorstellen . Er wünscht , Sie zu sprechen . Die Unterredung mit der zweiten Excellenz war kürzer als die erste , aber für Albrecht nicht minder schmeichelhaft und erfreulich . Excellenz sah es gern , wenn die Herren neben ihren Berufsarbeiten , die freilich vorgingen , eine freie Stunde für die Musen erübrigen könnten . Der schöne Bund von Dichtung und Gelehrsamkeit , wie er in der Goethe-Schiller-Zeit bestand und eifrig gepflegt wurde , sei freilich heute , wo eine konsequente Arbeitsteilung die conditio sine qua non , nicht länger aufrecht zu erhalten . Als Regel ! Aber keine Regel - das wißt Ihr Schulmänner am besten - ohne Ausnahmen . Und ich für meinen Teil lasse die Ausnahmen gern gelten als eine freundliche Reminiscenz der klassischen Tage von Weimar und Jena . Sie , lieber Herr Professor , haben mich durch Wachrufen dieser Erinnerung heute abend zu Dank verpflichtet . Es soll mir lieb sein , wenn Sie mir Gelegenheit geben , diesen Dank durch die That zu beweisen . So huldvoll verabschiedet , tauchte Albrecht wieder in das Gewühl zurück , das Herz geschwellt von einem Frohgefühl - er hätte hineinjauchzen mögen in diese geschminkte Maskerade der oberen Zehntausend , wie er es in der Einsamkeit seiner Berge als Junge gethan hatte , wenn die Welt hell sonnig um ihn wogte , unter ihm sich breitete . War er denn wirklich der arme Schulmeister von gestern , von heute vormittag noch , der sich in seiner Verzweiflung Odysee-Exemplar nicht an die hohlen Köpfe zu werfen ! Aber » aus den Wolken muß es fallen , aus der Götter Schoß das Glück ! « Und spenden sie einmal , die Unsterblichen , so thun sie es mit vollen Händen : den Kuß von den süßen Lippen der angebeteten Frau ! die Gunst und Huld der Mächtigen dieser Erde , die den Schlüssel führen zu der Halle des Ruhms ! Liebe und Ruhm ! die beiden höchsten Sterne , an denen der sehnsuchtsvolle Blick des Knaben schon gehangen ! Nun nicht mehr unerreichbar in unermeßlicher Höhe ! Als holde Genien niedergeschwebt zu ihm , die glänzenden Fittige um ihn breitend , die finstere Gruft zum lichten Wolkenbette wandelnd , auf dem er gehoben wurde aufwärts zum Olymp , fortan zu speisen mit den Seligen von Ambrosia und Nektar ! So flutete es in mächtigen Wogen durch seine Seele , während er mit unzähligen Menschen sprach , Herren und Damen , die er nicht kannte , die ihm auch völlig gleichgültig waren , und die er doch , wie sie sich um ihn drängten und ihm huldigten , mit geistreichen Worten und Erwiderungen zu bezaubern nicht verschmähte . Mein Gott , ein Alexander auf seinem Eroberungszug , er annektiert auch die dürren Provinzen , steht ein königliches Herz gleich nach Indien mit seinen Lotosblumen und Palmenwäldern ! Wie mein Herz nach dir , du Königin der Frauen ! nach dem Moment , wo wir uns wieder Aug ' in Auge blicken dürfen ! Er konnte sie nicht entdecken , so gierig seine Blicke auch in der wühlenden Menge nach ihr spähten . Aber das würde ja nicht lange mehr währen . Der Moment , wo man zu Tisch ging , mußte sie wieder vereinigen . Fräulein Stephanie hatte durch ihre Adjutanten herumsagen lassen , daß die » Künstler « auf dem Schauplatz ihrer Triumphe eine besondere Tafel bereit finden sollten . Sich von der erlauchten Runde auszuschließen , sei bei Strafe ihrer allerhöchsten Ungnade verboten . Albrecht wußte : Klotilde würde sich nicht ausschließen . Wie sie überzeugt war , daß er kommen würde . In einem der anderen Gemächer , von einer dichten Schar Herren in Uniform und Civil umgeben , war sie inzwischen der Gegenstand ausschweifender Huldigungen gewesen . Hundertmal hatte sie zu hören bekommen , daß sie großartig , superb , magnifique gespielt habe , von ihrer Erscheinung , der kein Ausdruck gerecht werden könne , zu schweigen . Die Bernhardt und die Duse ! Kunststück , wenn man jeden Abend , den Gott werden ließe , auf den Brettern stände ! Aber so - aus dem Stegreif - aus dem Handgelenk - es sei einfach stupend ! Lächerliche Übertreibung ! niemand wußte das besser als sie selbst , die beide große Künstlerinnen wiederholt gesehen und , nicht ohne ein starkes Gefühl des Neides , bewundert hatte . Aber sie war in der Stimmung , auch größeren Unsinn zu goutieren . Und dann fragte es sich noch sehr , ob die Theaterdamen auf dem Parkett des Salons das leisten könnten , was sie unter anderm heute abend fertig gebracht . Endlich einmal in der Welt , in der man sich langweilt , ein pikantes Abenteuer ! Und das sie sich ganz allein verdankte ! Der schüchterne Mensch ! Wie lange sie wohl hätte warten müssen , bis er sich den Mut faßte ! Und die Keckheit , mit der sie es ausgeführt ! Ein Stück Tapete , das bloß umzufallen brauchte , und sie hielt vor aller Welt den heimlich Geliebten in den Armen ! Es war unglaublich lächerlich ! Und Klotilde lachte und scherzte , tollte und neckte sich mit den jungen Herren und wünschte von Elimar , der eben herangetreten war , zu wissen , weshalb er unter all den fröhlichen Leuten ein so ernstes Gesicht mache wie der steinerne Gast im Don Juan ? Thue ich das ? sagte Elimar . Es wäre freilich das möglichst Unpassende von einem , der mit der großen Bitte kommt , Sie zu Tisch führen zu dürfen . Lieber Freund , da kommen Sie freilich zu spät , rief Klotilde . Ich habe meine arme Seele bereits unserm Dichter verschrieben ; besser verschreiben müssen - auf Stephanies Befehl . Das thut mir aufrichtig leid , sagte Elimar . Ich wäre für Sie ein gewiß weniger geistreicher , aber , ich glaube , weniger gefährlicher Nachbar gewesen . Sie waren so weit von den andern weggetreten , daß es als ein Gespräch unter vier Augen gelten konnte . Jetzt sich nichts merken lassen , sagte Klotilde bei sich und erwiderte lachend : Sehr freundschaftlich-ritterlich ! Aber ich gebe Ihnen mein Wort : der Professor ist der letzte , der mir gefährlich werden würde . Was ja nicht ausschließt , daß Sie es ihm bereits geworden sind . Das große Unglück ! Noch ist es , denke ich , keins . Aber aus einem kleinen Brande entwickelt sich leicht ein großer . Liebe Klotilde , ich will ohne Umschweif sprechen . Was mir aufgefallen ist , kann auch andern aufgefallen sein , die es aus diesem oder jenem Grunde weniger ruhig nehmen und entschuldbar finden als ich . Mir würde es leid , sehr leid thun , sollten Ihnen daraus Ungelegenheiten erwachsen . Es ist eine undankbare Rolle , den treuen Eckart zu spielen - ich weiß es wohl . Aber um jemandes willen , den man aufrichtig lieb hat , übernimmt man auch einmal eine solche Rolle . Sollte ich Sie heute abend nicht wiedersehen , leben Sie wohl ! Aber Sie müssen ja mit an den Künstlertisch . Meine Excellenz hat mir befohlen , wenn ich mich frei machen könnte , mich zu ihm zu setzen . Da ich nun frei bin - Auf Klotildens Lippen schwebte das Wort : Elimar , führen Sie mich ! Aber bereits hatte sich der Freund gewandt , und in demselben Augenblick kam Stephanie mit ihrer Schar , in der sich auch Albrecht befand , und rief : Klotilde , wir haben keinen Augenblick zu verlieren . Sonst kommen wir durch das Gedränge nicht mehr zu unsern Plätzen ! Fünfzehntes Kapitel Das rauschende Fest hatte bis zwei Uhr gewährt und war dann , programmmäßig pünktlich , wie es angefangen , beschlossen worden . Vor dem Portale hatte es , da Dutzende von Dienerstimmen zugleich nach den Equipagen ihrer Herrschaften riefen