Hischam an , der wie gewöhnlich nicht müde wurde , über die Ziele und Pläne des großen Geheimbundes zu reden . Immer wieder klangen von des Philosophen Lippen die beiden Worte : » Lautere Brüder ! « » Lautere Brüder ! « Währenddem sang die weiße Abla , die sich mit einem großen weißen Federfächer sorgsam vor den Strahlen der Sonne schützte , eine südarabische Volksweise , die so recht in die angeheiterte Laune der » lauteren « Brüder hineinpaßte . Abla sang mit heißer hoher Stimme : » Wenn Du mich nicht mehr lieben willst , So geh ich zum Kuppelweibe ! Wenn Du mich nicht mehr lieben willst , So will ich Dich vergessen - In wilder toller Brunst - Bei Wein und Saitenkunst - Da lieb ich , was ich finde - Verschwinde nur ! Verschwinde - Wenn Du mich nicht mehr lieben willst . « Und diese Verse hörten am Ufer auch ein paar Eremiten , die nur in die Einsamkeit gezogen waren , um ihre Sinnlichkeit zu töten . Die lauteren Brüder landeten dann wieder , um den Eremiten » guten Tag « zu sagen . Abu Hischam erzählte den Eremiten vom Bunde , denn die Eremiten waren fast sämtlich große Gelehrte . Die alten gelehrten Einsiedler machten sehr große Augen , als sie die neue Kunde vernahmen . Die Gesellschaft wurde gleich größer . Und unter Battanys großen Zelten gings wieder mal sehr hoch her . Als die Einsiedler , die nicht weitab wohnten , in ihren ärmlichen schmutzigen Hütten den Lärm vernahmen , kamen sie gleich näher - und waren bei den lauteren Brüdern ganz guter Dinge . Sie ließen sich gern in die neue Gesellschaft aufnehmen . Äußerlich sagten die Eremiten immer sehr gern » Ja ! « . Was sie innerlich dachten , pflegten sie für sich zu behalten . Wenns nichts kostete , waren sie stets ohne Umstände für alles Mögliche zu haben . Das wußte Abu Hischam - daher hatte dieser kluge Philosoph auch gleich zu den Eremiten gewollt - - - er verstärkte durch die Eremiten seine Stellung . Es mußte natürlich in der Absicht des schlauen Bundgründers liegen , die Machtstellung des Battany nach Möglichkeit zu beschränken . Übrigens - Osmans Widerstand war sehr bald gebrochen , der Buchhändler wurde der Geschäftsführer der Gesellschaft - und machte schließlich ein ganz vergnügtes Gesicht - zu verlieren war ja bei dieser gelehrten Gesellschaft eigentlich garnichts . Ja - Osman und Abu Hischam lagen sich sogar sehr bald brüderlich in den Armen und schwuren sich ewige Treue . Abu Hischam hatte allen Grund , mehr zu trinken als je - was er denn auch sehr gründlich besorgte . Als der Vollmond über dem Tigris aufging , lag der große Philosoph Abu Hischam , der große Gründer des Bundes der lauteren Brüder - wie ein Brett im Grase - und trank nicht mehr - da er fest - sehr fest - schlief . Safur aber schlief nicht - der plauderte mit den Eremiten über die Freuden des einsamen Lebens - und ihn überkams . Er wollte auch Eremit werden - er beneidete bereits seine neuen Freunde . Als er hörte , wie einfach die Mahlzeiten der Eremiten gewöhnlich zu sein pflegten , verzogen sich allerdings seine Gesichtszüge und bekamen einen verdrossenen Ausdruck . Nein - so weit war Safur noch nicht , daß er um des einsamen Lebens willen auf ein verständiges Essen und Trinken hätte verzichten wollen - aber vielleicht ließ sich Beides vereinen . Und über dieses » Vereinen « dachte Safur sehr angestrengt nach . So schmutzig und zerrissen - wie die anderen Eremiten - wollte Safur auch nicht herumgehen . So weit war er noch nicht , daß er sich um des einsamen Lebens willen im Schmutz und Unrat hätte herumsielen wollen . Auch der Gedanke an das viele Ungeziefer der alten Einsiedler ward dem im Äußeren sehr peinlichen Dichter - ein bißchen ekelhaft - eigentlich gräßlich . Nein - Ungeziefer mochte er nicht . Da stieß ihm wieder die Tarub in die Seite - nicht derb - aber vernehmlich . Sie wollte ihn sprechen - allein . Und er entschuldigte sich bei den Einsiedlern , empfahl ihnen , sich neuen Kufa-Wein zu holen - und - und folgte der Tarub - recht unlustig . Hinter blühendem Oleander ward die Tarub zu ihrem Dichter zärtlich . Der benahm sich jedoch anders als sonst - ganz anders . Und - und - wies immer zu sein pflegt - die Sprödigkeit reizte nur - stieß durchaus nicht ab . Bagdads berühmte Köchin bat ihren berühmten Dichter fußfällig um Verzeihung - sie flehte ihn an - weinte dabei . Was die Tarub nie getan - das tat sie jetzt - sie bettelte um seine Liebe - und erzwang sie sich schließlich - nicht grade gewaltsam - aber so ähnlich . Safurn überliefs wie kaltes Wasser . Er mußte an Saids Mehlsäcke denken , die einst in Tarubs Küche einen so drolligen Reiz in ihm erweckt ... Der Vollmond schien seiner Tarub hell ins Gesicht . Die Oleanderbäume dufteten . Man hörte dann Stimmen in der Nähe . Und die Tarub eilte hurtig davon . Und dem Safur war so zu Mute - wie einem Weibe zu Mute ist , dem ein Fremder Gewalt antat . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Safur lag unter den Oleanderbäumen , starrte in den Vollmond und träumte - von tiefer Einsamkeit - von einem Weibe , das nirgendwo lebt , das er sich nur denkt - von einer andern Welt , in ders andre Frauen gibt als hier auf der Erde . Safur will auch einsam leben - ganz einsam - ganz allein - er will auf alles verzichten und nur allein sein - alle seine Freunde kränken ihn nur ; er ist es müde , mit ihnen zu spaßen - er will sie nicht mehr sehen . Und er ringt die Hände und stöhnt . Er möcht am liebsten gleich hier bleiben - in der Einsiedlerwelt - Da raschelt was neben ihm . Safur fährt auf und sieht eine große - Schlange . Die Augen der Schlange leuchten wie zwei Rubine . Der Leib der Schlange glitzert klebrig . Safur sieht - es ist eine giftige Schlange - und er springt an die Seite , sieht im nächsten Augenblicke rechts neben den Oleanderbäumen in der Tiefe den Tigris - und springt runter in die Flut . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Safur ist gerettet - er schwimmt langsam und sicher dorthin , wo die Barken liegen und die Lagerfeuer vor den Zelten brennen . Die Flammen der Lagerfeuer qualmen mächtige Rauchwolken in den Abendhimmel hinein . Die glühenden Augen der Schlange starren aber unverwandt in die große gelbe Mondscheibe . Die Schlange richtet ihren Oberkörper hoch auf und starrt mit ihren glühenden Rubinaugen in den Mond - als wolle sie den vergiften . Zwölftes Kapitel Und nach vier Wochen stand der Vollmond über dem Mondtempel zu Hauran . Und im Mondtempel weilten Abu Maschar und Safur , Abu Hischam und Battany , Suleiman und Jakuby . Die anderen lauteren Brüder waren auf Saids Barke mit den drei Frauen nach Bagdad zurückgekehrt . Den beiden Dicken , Kodama und Osman , war die Reise nach Hauran zu beschwerlich gewesen . Auch mochten sie einem » Fastenfest « nicht beiwohnen - ein Fest ohne Essen nannten sie nicht ein Fest . Ein » Fastenfest « ward aber trotzdem in Hauran gefeiert . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Der Mondtempel ist ein Tempel der Ssabier . Die Ssabier sind nach der Meinung des Volkes Götzenanbeter - Heiden . Doch die Meinungen des Volkes sind ja niemals maßgebend . Die Ssabier sind mehr , als sie scheinen . Ihre Religion ist ein Abglanz altbabylonischer und altassyrischer Kulte . Der Mondtempel zu Hauran ist Jahrtausende alt - eine alte träumende Ruine , die wie eine sterbende Greisin von alter , alter Zeit erzählt - und Wunderdinge weiß . Der Mondtempel wird hell vom Vollmond erleuchtet . Und in das Mondlicht flammen aus eisernen Schalen mächtig lodernde Opferfeuer hinauf . Wohlriechendes Holz - zumeist Sandarakholz - wird in den eisernen Schalen verbrannt , sodaß der ganze Tempel und die ganze Umgegend des Tempels wundersam duftet - wie die Nähe eines Gottes . Man fastet drei Tage und drei Nächte . Zu bestimmten Stunden erklingt an den Mauern und auf den Terrassen des einsam und hoch gelegenen Tempels Musik - von Cymbeln , Flöten und Saiteninstrumenten . Abu Maschar hat die lauteren Brüder hierher geführt , er spricht jetzt mit einem großen Priester , dessen langer schwarzer Bart nach assyrischer Sitte sorgsam gekräuselt ist , sodaß es aussieht , als bestände er aus lauter kleinen runden Löckchen . Der lange weiße Kaftan ist mit goldenen Sternen übersät , die mit Goldfäden hineingestickt sind . Über dem dunkelbraunen Gesicht des Priesters erhebt sich ein mächtiger hellblauer Seidenturban mit sieben silbernen Vollmonden vorn über der Stirn . Die mit Silberfäden gestickten Monde sind von verschiedener Größe . Nur Männer , Jünglinge und Knaben weilen im Tempel - ein Weib darf den Tempel nicht betreten . Und ein eintöniger Gesang tönt durch die Mondnacht . Die Gläubigen sitzen oder stehen - einzeln - nicht in Gruppen - sie dürfen nicht miteinander sprechen - nur mit den sieben großen Priestern dürfen sie sprechen . Die sieben großen Priester sehen sich im Äußern fast gleich - tragen sämtlich den assyrischen Bart , den Sternenkaftan und den hellblauen Mondturban . Jakuby macht sich fortwährend Notizen . Suleiman und Battany hocken in einer großen Grotte , die der Mond nur zur Hälfte erleuchtet . Abu Hischam wandelt vor der großen Tempelpforte auf dem großen Opferplatze unruhig umher und erzählt jetzt dem einen der großen Priester von dem Geheimbunde der lauteren Brüder . Der Priester hört ernst zu und sagt dann mit großen Augen : » Euren Bund nennt Ihr einen Geheimbund ? Und Ihr sprecht doch zu allen Menschen von diesem Geheimbund ? Ihr wißt ja noch garnicht , was ein Geheimbund ist . « Unwillig wendet sich der Priester ab . Abu Hischam sieht ihm verblüfft nach . Der Gesang verhallt , es wird ganz still - nur die Opferfeuer knistern . Unheimlich still ist es . Auf einer der höchsten Terrassen , die den großen Mondtempel umkränzen , neben einem uralten Götzenbilde spricht der allgewaltige Oberpriester Tschirsabâl mit dem Dichter Safur . In der Tiefe an der Umfassungsmauer entlang zieht langsam eine feierliche Prozession vorüber , der ein offener leerer Sarg vorangetragen wird . Fackeln beleuchten die Prozession , und Tempeldiener schwingen die alten Räuchergefäße an langen Stangen . An vielen alten Götzenbildern zieht die Prozession vorüber - die alten starren Steingesichter der Götzen scheinen sich zu beleben , wenn der leere Sarg langsam vorüberzieht . Und Safur schaut von der Tempelterrasse in die mondbeglänzte arabische Wüste , in der die wilden Dschinnen hausen . Tschirsabâl , ein Riese , der fast zwei Köpfe größer ist als der durchaus nicht kleine Dichter , sagt zu diesem , während er mit seiner mächtigen breiten Brust tief aufatmet : » Atmest Du noch immer die schwüle Pestluft der Sinnlichkeit ? Woran dachtest Du ? « Safur erschrickt , besinnt sich einen Augenblick und spricht dann hastig : » Nein - nein - ich glaube - ich atme nicht mehr die schwüle Pestluft der Sinnlichkeit . Ich sehnte mich nur . Ich sehnte mich allerdings - nach einem Weibe . Aber diese Sehnsucht hatte nach meiner Meinung nichts mit Sinnlichkeit zu tun - wirklich nichts . Denn , versteh mich nur , das Weib , nach dem ich mich sehne , lebt noch nicht , ist noch nicht geboren , wird wahrscheinlich nie geboren werden . Sieh , ich sah so lange da in die Wüste hinein und glaubte zuletzt eine wilde Dschinne zu sehen mit schwarzem Gesicht und blauen Augen . Ich bilde mir jetzt fast schon ein , daß diese Dschinne wirklich irgendwo lebt - und ich liebe diese Dschinne - lieben will ich nicht sagen - das Wort lieben ist zu oft mißbraucht - es sagt mir zu wenig - doch Du verstehst mich ja - atme ich Pestluft ? « Tschirsabâl schüttelt den Kopf und erwidert sanft : » Nur die gewöhnliche Sinnlichkeit der tierisch lebenden Menschen erzeugt Pestluft . Wir müssen anders als die Tiere leben . Nicht ein Weib darf das Ziel unsrer Sehnsucht sein . Die Gottheit müssen wir lieben . « » Die Gottheit ? « fragt Safur . » Ja - den einzigen großen wahren Gott « , versetzt der Priester , » den müssen wir lieben . Die Götter und Götzen der Erde sind nur die Vermittler zwischen dem Menschen und dem Einzigen , dessen Namen wir nicht unnütz aussprechen sollen . Aber - « und hier wird die Stimme des Priesters etwas heiser , » wir sollen den großen Gott , der die ganze Welt umschließt , wirklich lieben - mit allen Nerven und mit allen Muskeln , die wir haben . Und wisse - - - der Allgott offenbart sich in unsrem besten Freunde - und - ja - im Freunde - sollen - wir - den - Gott - lieben - noch mehr - anders als menschlich lieben . Ja - Du hast Recht - das Wort lieben genügt nicht , wenn wir die wahre große Leidenschaft bezeichnen wollen , in der Alles untergeht , die Alles verschlingt - die nur die ewige Vereinigung mit dem Geliebten will - die daher auch nur ihre ganze Befriedigung - im Tode - im Letzten - finden kann . Die großen Priester der Erde dürfen nicht lieben wie die gewöhnlichen Menschen , sie dürfen nur den großen Gott lieben - und ihn sollen sie lieben im besten Freunde ! Safur , versteh mich ! Vielleicht hörst Du meine Worte nicht noch einmal . Vielleicht sterbe ich in der nächsten Stunde , und Niemand sagt Dir mehr , was es heißt - Sehnsucht nach der ewigen Vereinigung mit dem großen Gott haben und sterben - sterben wollen - sterben müssen , weil man nur lebt , um sich ganz auflösen zu können in dem , den man mehr liebt als Alles ! Denk nach , ob Du nicht auch so sterben willst ! Denk nach ! Safur ! Nur im Tode wirst Du selig werden . Nur der Sterbende hat Alles - und mehr als Alles ! « Und der gewaltige Riese zittert am ganzen Körper , seine Augen glühen , sein Atem keucht wie der Atem eines blutdürstigen Tieres , das sein Opfer sieht ... Tschirsabâl stürmt mit großen Schritten davon und verschwindet in einem dunklen Gange . Safur bleibt fast starr zurück . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - In der Tiefe des Tempels - ganz tief - tief unter den Grabkammern - da befindet sich ein stiller Saal - der Opfersaal . Da ist es sehr kalt . Den Boden bedecken feine Alabasterplatten , in die viele alte Zeichen und Figuren hineingegraben sind . Einzelne Stellen des Alabasterbodens in den Ecken des Saales sind mit Keilschrift bedeckt . Und die Wände des Opfersaales bestehen aus blauem Lapis lazuli . Auch die Wände sind mit alten Bildern und mit Buchstaben bedeckt - die letzteren sind schweres Gold . Die Decke ist ganz von Silber . Ganz mit Silber beschlagen sind auch die großen breiten Tragbalken der Decke . Das Silber ist aber nicht blank , an manchen Stellen ist es sogar ganz schwarz . Sehr kalt und sehr leer sieht der Saal aus . Und schrecklich still ist es da unten . Und da unten kommen jetzt die sieben großen Priester zusammen . Die blauen Turbane werfen die Priester hastig in die eine Ecke des viereckigen Saals . Das Haar der Priester ist auch nach assyrischer Sitte gekräuselt - nicht kurz geschoren - wie das Haupthaar der Araber in Bagdad ... Dann aber betreten den Saal sieben Knaben - mit langen , nicht gekräuselten Locken - und in gelben Seidengewändern . Die Knaben sind groß und schlank . Ihre Haltung ist schlaff . Ihre schwarzen großen Augen glühen aber , als wenn sie Entsetzliches sähen . Ihr Gesicht sieht so wächsern aus , als hätten sie schon lange nicht mehr das Tageslicht erblickt . Der Opfersaal wird nur spärlich von kleinen grünen Flämmchen erleuchtet , die an den Wänden in kleinen Ölschalen brennen . Das grüne Licht macht den Saal noch unheimlicher . Den Knaben sträuben sich zuweilen die Haare . In der Mitte des Saales steht auf einem eisernen Gestell eine längliche , mit himmelblauen Türkisen verzierte Wanne , in der auch ein sehr großer Mensch vollauf Platz haben würde . In der Wanne ruhen vierzehn große Perlen , die sich in der Form ganz gleichen - nur in der Farbe verschieden sind . Die eine Perle ist schwarz . Das ist die Todesperle . Die vierzehn im Opfersaal versammelten Menschen treten an die Wanne und greifen langsam gleichzeitig hinein und nehmen behutsam , ohne hinzusehen , eine Perle heraus . Dann heben sie die Perle empor . Die schwarze Perle ist in den Fingern des größten Knaben , der viel schöner aussieht als die andern . Ein gräßlicher Schrei schallt durch den stillen Raum . Tschirsabâl schrie - - - der Knabe , den er am meisten liebt , der sein bester Freund ist , der Knabe hat die Todesperle in den Fingern - der muß sterben . Und der Oberpriester heult - wie ein wildes Tier . Die andern Priester zittern . Die Knaben weinen leise , ihre Augen werden noch größer . Die sieben großen Priester des Mondtempels zu Hauran haben sich nach uralter Sitte einen furchtbaren Schwur geleistet - sie wollen sterben , wenn sie die schwarze Todesperle in die Finger genommen haben . Und die sieben Knaben , die zum Teil schon älter sind , haben denselben Schwur geleistet wie die Priester . Doch die Knaben dürfen , wenn sie den Schwur geleistet , nie wieder mit andern Menschen zusammenkommen . Nur mit den sieben großen Priestern dürfen sie zusammenkommen . Das Menschenopfer ist ein alter heiliger Brauch . Der Vierzehnte wird immer geopfert . Außer denen , die den Schwur leisteten , weiß kaum ein einziger Mensch , daß im Tempel zu Hauran Menschen geopfert werden . Mit größter Vorsicht wird jeder Neugewählte eingeweiht . Nur diejenigen , die den Tod ernsthaft suchen , werden gewählt . Die Priester wissen , daß die Macht der Ssabier gebrochen ist , und sind darum schon stets bereit , sich opfern zu lassen . Ja - die vierzehn Menschen , die da unten im Opfersaal versammelt sind , haben sämtlich eine wahnsinnige Lust am Opfer - sie sehnen sich nach dem Tode - - - aus übergroßer Liebessehnsucht ward die Todessehnsucht geboren . Die furchtbarsten Lustgefühle durchrasen jetzt - diese vierzehn Menschen da unten , die im besten Freunde den Gott sehen und mit ihm zusammen in den Tod gehen wollen . Doch es bereitet ihnen eine grausame gräßliche Wollust , daß sie nicht zu gleicher Zeit sterben , daß sie nacheinander sterben und über jeden gestorbenen Freund mit wahnsinnigen Qualen - herfallen - wie die Hyänen über die Leichen herfallen . Die feinsten gebildetsten Menschen sind die Priester , sie fühlen die feinsten Dinge - sie wissen so Vieles , das Niemand je geahnt . Und die Knaben sind womöglich noch feiner . Aber diese feinen Nerven sind ein Fluch für die feinen gebildeten Menschen . Sie » leiden « - durch diese feinen Nerven - und müssen sich daher immer nach dem Tode sehnen , im Tode den Erlöser sehen - müssen sich noch mehr quälen - das Gräßlichste und Entsetzlichste ist für die feinen Nerven eine Art Beruhigung . Der ungeheuer große Schmerz soll die kleinen Schmerzen vernichten . Die Vierzehn wollen immer ihren besten Freund töten , weil sie ihn lieben . Und sie wollen sich auch von ihrem besten Freunde töten lassen aus Liebe . Das ist verrückte Liebe - ein großartiger Wahnsinn ! - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Eines hätte die Armen von der Todessehnsucht erlöst - ein unaufhörliches großes Kunstschaffen , das immer wieder auf Riesenwerke sinnt . Doch das lag ihnen natürlich meilenfern . Und so schlachteten sie sich gegenseitig ab . Und - ja - wer beschreibt , was da unten im Opfersaal vorgeht ? Mit wahnsinniger Verzückung läßt sich der dem Tode verfallene Knabe die Adern öffnen , und die Andern füllen ihre goldenen Becher mit dem Blut des Knaben und trinken das Blut . Und dann küssen Alle den blutenden Knaben - mit einer wahnsinnigen Gier , daß dem Knaben der Atem ausgeht - daß der Knabe erstickt wird . Und dann stößt der Riese Tschirsabâl seinem besten Freunde das heilige Steinmesser in die Brust und kreischt , kreischt - gräßlich ist das Gekreisch . Und dann legen sie den Toten in die Wanne , machen ein Feuer unter der Wanne und schneiden aus dem Körper des Knaben große Fleischstücke mit ihren heiligen Messern heraus - und dann verschlingen sie die Fleischstücke - mit wahnsinniger Verzückung . Sie glauben , sie nähmen die Gottheit in sich auf . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Und nach dem Mahl schleichen Alle davon , und ihre Augen strahlen Fieberglut aus . Wenn sich die Priester dem Volke wieder zeigen - dann erschrickt das Volk - es weiß sich die furchtbaren Gesichter der großen Priester nicht zu erklären . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Auf der Terrasse und in den Grotten des Tempels verteilen jetzt Tempeldiener Brot und roten Wein . Das Brot hat die Form eines Menschenkindes . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Tschirsabâl erscheint wieder oben auf der Terrasse , auf der Safur weilt . Safur empfängt eben den Wein und das Brot - trinkt - trinkt - ißt - ißt - und sieht dann den Priester . Der Dichter sieht das entsetzte Gesicht des Riesen , denkt aber gleich , daß er ihn froh begrüßen muß - der Priester lebt ja noch . Und Safur will stürmisch den Priester umarmen , schreit laut und lachend : » Nun wollen wir leben ! leben ! « Doch der Riese taumelt zurück und ruft dem lebenslustigen Dichter mit furchtbarer Stimme ein einziges Wort zu - » Esel « heißt das einzige Wort . Und dann verschwindet Tschirsabâl hinter dem nächsten Gebüsch - er starrt entsetzt in den Mond und flüstert : » Mond , sei mein bester Freund ! Menschen find ich nicht mehr ! Töte mich ! Töte mich ! Ich halts nicht mehr aus ! « Und er schlägt lang hin . Und der blaue Turban fällt in ein Myrtengebüsch . Dreizehntes Kapitel Indeß - als nun abermals vier Wochen ins Land gegangen sind , spielt sich wieder in Tarubs Küche was ab . Die Tarub steht vor dem Herde und starrt ins Feuer - ihr braunes Gesicht ist ganz rot - und ihre schwarzen Augen flackern noch heftiger als die Flammen des Herdfeuers . Der berühmten Köchin rollen über die geröteten Wangen ein paar große dicke Tränen . Die harte Tarub ist jetzt ganz weich . Safur blieb acht volle Wochen fort ... Das war eine lange lange Zeit . Jetzt aber soll Safur wiederkommen - er hats geschrieben - noch heute kommt er . Bei Allah - die Tarub freut sich . Sie löst sich vor Rührung fast auf . Sie wäscht sich schon zum fünften Mal Hände und Gesicht , obwohl sie eigentlich den ganzen Tag nichts tat . Und sie trocknet sich ab mit einem Handtuch , in das sie einst ein paar Verse hineinstickte - Verse , die ihr lieber Safur ganz besonders für sie gedichtet hatte . Auf dem Handtuch steht : » So hell und rein wie Gold und Wein So ganz voll Glanz Muß Küche , Herd und alles sein . « Die Tarub liest das wieder - sehr andächtig , blickt dann in der Küche rum und sieht , ob alles in Ordnung . Sie schmunzelt - alles ist gut . In den Kruken und Töpfen stecken duftende dunkelrote Rosen . An die hundert dunkelrote Rosen hat die Tarub in ihrer Küche verteilt . Die Messingkessel funkeln . Der rote Ziegelboden blitzt beinah - so sauber ist er gescheuert . In den kupfernen Eiskübeln taut das Eis - tropfend . Der Pumpenschwengel ist mit frischem Lorbeer bekränzt . Und es will Abend werden . Tarub dreht sich langsam um und sieht - ihren Dichter endlich wieder . Stürmisch fällt sie ihm um den Hals - und weint . Sie weinen Beide zusammen . Zwischen den Beiden scheint wieder alles - so gut zu sein - so gut ! Jetzt merkt ihnen Keiner an , daß sie sich mal zankten - daß sie ihn mal kränkte mit Milch und er mal ihre Liebe verschmähen wollte . Dichter und Köchin sind wieder ganz ein Herz und eine Seele - - - Wies dunkel geworden , zündet die Tarub acht kleine Öllämpchen an - zur Erinnerung an die acht Wochen der Trennung . Na - Safur ist auch gerührt - Sie essen Beide . Sie trinken Beide . Wies ihnen schmeckt - nein - das ist kaum zu sagen - fast zu schön . Beide wieder - ein Herz und eine Seele . Nun gehts ans Erzählen . Er erzählt ihr Alles . Und er schildert ihr das Fastenfest . Die Tarub schauert zusammen - was Fürchterlicheres als » hungern « kennt sie nicht . Wie Jemand freiwillig hungern kann , vermag sie nicht zu verstehen . Und als nun Safur von dem großen Oberpriester Tschirsabâl erzählt , wird sein Ton immer heftiger . » Denk Dir , Tarub « , ruft er zornbebend , » weißt Du , wie mich der Esel nannte ? « » Nein , ich weiß nicht ! « erwidert die Tarub . Doch gleich darauf schreit der Dichter : » Esel hat er mich genannt - Esel ! « Die Erregung der Beiden ist anitzo nicht von Pappe . Safur vermag sich garnicht über den frechen Kerl zu beruhigen , der es wagte , den feinsten Kopf von ganz Bagdad , den geistreichsten Dichter der Araber , einen Esel zu schelten . » Hätt ich nur meinen alten Dolch gehabt ! « sagt leiser der kluge Safur , » ich hätte ihm schon bewiesen , wie man in Bagdad frechen Hunden zu begegnen weiß . Aber der Kerl war ja zwei Köpfe größer als ich . Mit bloßen Händen konnt ich doch nichts gegen ihn machen . « » Siehst Du ! « versetzt da so recht ernst die Tarub , » warum trinkst Du immer soviel ? hättest Du nicht soviel getrunken , so hättest Du damals nicht den Dolch versetzt und hättest Dir das von diesem alten Priester nicht gefallen lassen brauchen ! « Diese Bemerkung beruhigt den Safur grade nicht - Ermahnungen sind ihm sehr sehr lästig . Er zieht daher verächtlich lächelnd seinen neuen Dolch hervor , der noch schöner und noch länger ist als der alte . Den neuen Dolch hat ihm der Battany geschenkt . Safur schimpft dann auf die Priester im Allgemeinen , während die Tarub den Dolch bewundert . Er nennt das Fastenfest einen lächerlichen Schwindel , eine große Albernheit , eine Narretei , hinter der nichts - garnichts dahinter sei . Er ist wütend über das Wichtigtun der ssabischen Priester - über ihre albernen Geheimnisse , in denen alles , was unklar und verschwommen ist , eine Heimstätte fand . Dem aufgeklärten Bagdader Dichter ist die Religion eigentlich in jeder Form verhaßt . Er hat eine Abneigung gegen alles Halbverstandene und Verschwommene im Gefühlsleben . Er will das Gefühlsleben immer ganz klar durchschauen - jede Schwelgerei im Unklaren ist ihm unangenehm . Er lehnt sich in längeren Reden gegen die Unklarheit und gegen das Verwaschene auf - sodaß der Tarub , die natürlich nichts von alledem versteht , die Geschichte schon langweilig zu werden beginnt - was sie ihm denn auch gleich ein bißchen zu verstehen gibt . Na - das gefällt ihm wieder nicht - nein - das verwundet ihn sogar - er ist verletzt und verstummt - Eine ganze Masse von Empfindungen stürmt auf ihn ein - sodaß er garnicht weiß , was alles erregend auf ihn einwirkt . Er hat eine aus sehr vielen Empfindungen zusammengesetzte Stimmung , die er nicht klar durchschauen kann . Daß er trotz seiner langen Rede über das Ungebildete im Unklaren wieder mal selber nicht klar sehen kann und sich demnach auch ungebildet vorkommt - das ärgert ihn noch mehr . Er merkt , daß er sich mit der Verdammung der verschwommenen und verwaschenen Empfindungen eigentlich selber ins Fleisch schnitt . » Eigentlich « , sagt er daher still zu sich , » ist es ein bißchen unsinnig , die Empfindungen , die wir nicht gleich ganz scharf zu durchschauen und zu zergliedern vermögen , zu verdammen . Bei den Priestern zu Hauran spielen sicherlich