Auch trug er fortwährend ein kleines Buch aus der Reclambibliothek mit sich herum , das er sein Brevier nannte . Eine Woche später sah man aber an dessen Stelle ein anderes , französisches . Er sagte : Ich lese jetzt meine Bibel im Urtext . Durch diese Geheimthuerei voll herablassend abgegebener Andeutungen fühlten sich die Anderen beleidigt , und es wäre fast zu einem Bruch gekommen , denn Stilpe behandelte sie im Grunde wie kleine Knaben , die nicht wissen , was ein Mädchen ist , da rückte der Adept endlich mit seinem Mysterium heraus , indem er eine Versammlung mit einem Schreiben einberief , das folgenden Wortlaut hatte : Die ehrenfesten und rühmlichst bekannten Säulen des königlich sächsischen Gymnasialnaturalismus zu ... werden hiermit so höflich wie dringend eingeladen , in der bescheidenen Behausung des unterzeichneten Renegaten und Müsettisten Schaunard , weiland Stilpe , zu erscheinen und außer zwei Steinguttellern mit Zwiebelwurst und Muldecaviar einen Vortrag entgegenzunehmen , dessen Titel und Thema ist : Der Müsettismus als einzige und eigentliche Künstlerreligion , nachgewiesen an dem classischen Werke wahrer Künstlerfreiheit und Laune : Scènes de la Vie de Bohème par Henry Murger ( NB . ! Das Werk wird auch in einer Übersetzung herumgereicht , und im Urtext sind die schwierigeren Vokabeln in deutscher Übersetzung beigeschrieben . ) Nach beendigtem Vortrag wird der Unterzeichnete sich die Freiheit nehmen , zu beantragen was folgt : Der naturalistische Debattirklub wird aufgehoben , und an seine Stelle tritt Das Cénacle der vier Schlappdeckel Zur Leitung der unausbleiblichen Debatte wird der ehrenwerte Naturalist Barmann berufen , falls er sich für die Dauer dieses Ehrenamtes seiner ihm angeborenen Grobheit zu enthalten verspricht , die vielleicht einem Naturalisten , nicht aber einem zukünftigen Cénaclier angemessen ist . NB . ! Vier pariser Nasenwärmer sind heute eingetroffen und stehen , aber erst nach Constituierung des Cénacles , zur Verfügung . NB . ! Der Unterzeichnete hat sich in Anbetracht des ungewöhnlichen und wichtigen Ereignisses in Unkosten gestürzt und vier Flaschen Pontet Canet ( Marke : Le petit bleu ) herbeigeschleift . Doch wird man gebeten , Weingläser mitzubringen , da es stilwidrig wäre , Rotwein aus Bierseideln oder Kaffeetassen zu trinken . NB . ! Petita Molinarina wird die Honneurs der Schaunardschen Hütte machen , falls der gute Zufall , der Gott des künftigen Cénacles , es so einrichten sollte , daß die schauderhafte Mutter des erfreulichen Mädchens zur Zeit der Feierlichkeit nicht zu Hause wäre . NB . ! Da die Schildkröte des Unterfertigten , deren Intelligenz so häufig als überlegenes Gegenstück zu der des Hüh-Wüh-Konrektors anerkannt worden ist , sich leider entschlossen hat , seit vergangener Nacht als Leiche zu existieren , so erscheint es angemessen , sie künftig als Symbol des verewigten naturalistischen Debattierklubs in pietätvollen Ehren zu halten . Sie wird in einer rosa auswattierten Cigarrenkiste als Tafelschmuck funktionieren . NB . ! Man spanne seine Erwartungen hoch ! Schaunard . Da man das Muster dieser Einladung nicht kannte und überhaupt lauter Rätseln gegenüberstand , so wirkte das Schriftstück auf die Drei ungewöhnlich stark . Völlig verblüfft war man aber , als man , der Einladung folgend , Stilpe erblickte . Er präsentierte sich nämlich in Unterhosen und Frack . Im Munde hatte er eine kurzgebissene rotbraune Thonpfeife , und sein ganzes Benehmen war ungemein zeremoniell und feierlich . - Petita Molinarina kann leider nicht gereicht werden . Diese beklagenswerte Bourgeoise hat sich an meinen Unterhosen gestoßen und war nicht dahin zu bringen , zu begreifen , daß diese nur als Surrogat für weiße Nangkingpantalons anzusehen und damit nicht nur entschuldigt , sondern geradezu in die Sphäre des Schönen und Wohlanständigen erhoben sind . Dafür ist die Schildkröte mit der ganzen Würde eines amphibischen Leichnams zur Stelle . Sie darf betrachtet werden , und ich bitte zu bemerken , wie sie im Tode noch mehr den rührenden Zug einer Familien- und Intelligenzverwandtschaft mit Sr. Brüllenz Hüh-Wüh hat . Da auch der Rotwein keine Fiktion war , so stand einer fröhlichen Sitzungseröffnung nichts im Wege . Barmann übernahm mit einem geharnischten Proteste gegen den Vorwurf der Grobheit den Vorsitz . Seine Eröffnungsansprache , die er ohne Zweifel auswendig gelernt hatte , schloß schwungvoll so : - Und nun möge Stilpe , den wir einstweilen noch so und nicht anders nennen wollen , seinen Vortrag halten , an den sich ein so wichtiger Antrag knüpfen soll . Ich bin beauftragt , ihm zu erklären , daß wir ernstlich indigniert sein werden , wenn sich seine Machination ( Stilpe : Oho ! ) als Frivolität entpuppen sollte . Wir sind bereit , uns überzeugen zu lassen , aber wir werden entschieden und scharf Front machen gegen jeden Versuch , unsre augenblicklichen Prinzipien ( Stilpe : Sehr gut ! ) nur mit den billigen Waffen seichten Witzes ( Stilpe : Tautologie ! ) anzugreifen . ( Stöffel und Wippert : Bravo ! ) Stilpe hat das Wort ! Stilpe erhob sich und machte jedem Einzelnen , zuerst dem Vorsitzenden , eine tiefe Verbeugung , wobei er beide Hände auf den Bauch legte . Dann fuhr er sich mit entschlossenen Fingerkammstrichen durch die Haare , schleuderte seinen Zwicker ( sämtliche Schlappdeckel trugen schwarze Hornzwicker mit sehr breiten Bändern ) wie etwas überaus Lästiges von sich und begann : Meine Herren Naturalisten ! Gleich vier Edelaustern unter unzähligen Massen niedrigen Kümmelkäses , harter Picklinge , zerkrümmter Sardellen und andrer Mobdelikatessen verwandter Art befinden wir uns in dieser schäbigen Industriestadt und versuchen es , wenigstens unter uns den Sinn für Geistiges zu kultivieren . Wir haben zuerst das denkwürdige Lesekränzchen » Lenz « gegründet und unterhalten , indem wir uns an den kühnen , wenn auch künstlerisch mangelhaften Bestrebungen der Sturm- und Drang-Dichter erbauten , die unter dem Rousseaurufe » retournons à la nature « den Limonadenteich der damaligen Modelitteratur mit riesigen Klumpen Edelmetalls aus dem Schachte ihrer Seelen ausfüllten und damit beseitigten . ( Wippert : Ist das Bild von Dir ? Stilpe : Ich gebe nur eigene Münze aus und verbitte mir im Übrigen Zwischenrufe von beleidigender Fraglichkeit . Barmann : Die Kritik der Zwischenrufe steht bei mir . Stilpe macht drei Verbeugungen vor der Person des Vorsitzenden . ) Nachdem wir damit zu Ende waren und keine Lust verspürten , die deutschen Klassiker , die im Pennal ohnehin genug maltraitiert und zu Popanzen der Langeweile mumifiziert werden , auch unsrerseits privatim zu traktieren , haben wir uns , mitgerissen von der modernen Sturm- und Drangbewegung , entschlossen , den Lesezirkel Lenz durch einen naturalistischen Debattierklub abzulösen . Wir haben die Hauptwerke der nordischen , französischen , russischen und deutschen Naturalisten nicht allein gelesen , sondern auch in heißen Debatten eingehend besprochen , und wir haben so , während unsere biedere Lehrerschaft von der Existenz einer solchen Litteraturbewegung nicht viel mehr weiß , als eine Hebamme von unser lieben Frau Aspasia ( Allgemeines Bravo ! Ausgezeichnet ! Famos ! ) , in uns Alles aufgenommen , was heute in der Litteratur aller Völker bewegend ist . Wir können , wenn uns auch bei dieser Gelegenheit einige unregelmäßige Verba im Griechischen entfallen sein sollten ( Stöffel : Man denke ! ) , auf diese Thatsache stolz sein , denn wir haben nach dem ewig citierten , aber sonst nie befolgten Satze gehandelt : Non scholae , sed vitae discimus ( Barmann , sehr laut : Jawohl ! Haben wir auch ! Stilpe : Gewiß , haben wir ! ) Wem aber soll unser Leben dienen ? Irgend einem dieser sackleinenen » wissenschaftlichen « Broterwerbe , als da sind : Die Lehre , den Menschen juristisch zu verblöden , die Lehre , den Menschen theologisch zu kastrieren , die Lehre , den Menschen medizinisch zu vergiften , die Lehre , den Menschen philosophisch zu benebeln , die Lehre , den Menschen philologisch zu verschweinsledern ? Bei allen schönen Mädchen und guten Geistern , wir rufen : Nein ! Sapristi ! Nein ! ( Tosender Beifall . Barmann schwingt die Arme . ) Unser Leben soll der Kunst dienen ! Wir wollen Dichter werden ! ( Gläserklingen . Hörbare tiefe Schlucke . Stilpe lächelt . ) Aber eben darum , meine lieben Debattiernaturalisten , müssen wir jetzt unsern Debattierklub auflösen , dem Naturalismus Lebewohl sagen und den Müsettismus proklamieren ! ( Alle möglichen Rufe durcheinander : Wieso ! ? Was ist das ! ? Nur nicht so fix ! ? Wo hast Du denn das her ? ) Und nun erging sich Stilpe in einer Schilderung der Mürgerschen Bohème , als eines Musters für alle künstlerischen Seelen , die nicht blos von Kunst reden , sondern Kunst leben wollten . Natürlich sei » dieser Haufen Steine hier « nicht Paris , und sie selber seien ja noch für elf Monate » Geisteigene verschiedener patentierter Knabenerzieher « , aber der Grundgedanke dieses vorbildlichen Lebens : Die Verbindung von Kunst und Genuß , von revolutionärem Streben und » Lachesinn « ( das Wort wurde beanstandet ) , kurz das , was er Müsettismus nenne , der müsse und könne gepflegt werden . Um praktisch zu reden : Man müsse , statt über Naturalismus zu debattieren , in fröhlichen Zusammenkünften brav trinken und eigene Lieder singen , man müsse sich entsprechende Mädchen beilegen , kurz man müsse nicht blos in Worten , sondern in Werken » bald zwanzig « sein . So erst werde man sich dem zukünftigen Berufe recht vorbilden : Et nous chanterons à la ronde , Si vous voulez , Que je l ' adore , et qu ' elle est blonde Comme les blés ! Stilpes glutvolle Rede und zumal die Citate aus dem Zigeunerleben wirkten absolut überzeugend , und der Antrag auf Gründung des Cénacles wurde mit ungewöhnlicher Begeisterung durch Acclamation angenommen . - Vive le cénacle ! Vive le cénacle ! Stilpe konnte die eigentliche Sitzung mit der Verteilung der » Nasenwärmer « schließen , aus denen innerhalb einer Viertelstunde solche Waffen von Tabakrauch produziert wurden , daß man die Notwendigkeit einsah , morgen in die Schule andere Röcke anzuziehen . - Vive le cénacle ! Vive le cénacle ! Das Cénacle schloß die vier Schlappdeckel noch viel enger aneinander , als es die früheren Vereinigungen gethan hatten . In diesem Müsettistenklub lagen denn doch noch ganz andere Reize und Hilfsmittel der Freundschaft als in jenen Deklamier- und Debattier-Zirkeln . Zwar waren auch jene unerlaubter und daher verführerischer Natur gewesen , aber ihr Fehler war Einseitigkeit . Sie hatten die strotzende Fülle des Unerlaubten nicht kühn genug erschöpft . Stilpe hatte das sehr klar erkannt und mit den an seine Lektüre von Büchners Kraft und Stoff erinnernden Worten ausgedrückt : Wir haben an einer Hypertrophie der Cerebralbedürfnisse gelitten ; besinnen wir uns auf die - Niederlande , ( hier hatte er gewartet , ob man seinen Witz verstünde ; da es nicht den Anschein hatte , fügte er erklärend hinzu ) - : Wir müssen unsern werten Sinnen auch was zukommen lassen . Aber das war es nicht allein . Eine Hauptsuggestion lag in dem Worte : Paris . Die vier Oberprimaner spürten das Komische , das in ihrer Imitation lag , nur wenig ( bisweilen nämlich doch , anflugweise ) , aber sie empfanden es als etwas verteufelt Keckes und Unverschämtes , den Ausbund der französischen Künstlerschaft zu kopieren . Natürlich konnte die Kopie nicht sehr treu sein , aber das war ein Reiz mehr , daß sie ihre Muster in vielen Beziehungen wenden und drehen mußten . Sie trieben den verrücktesten Unfug . Die tote Schildkröte wurde allmählich ihr Wahrzeichen , indem sie sich daran erinnerten , daß eine Schildkrötenschale das Urmaterial zur griechischen Lyra abgegeben hatte . Da sie , was Tric-trac sei , nicht ausfindig machen konnten , und es ihnen höchst notwendig erschien , auch ihrerseits etwas zu spielen , das nicht an den üblichen Skat der deutschen Primaner erinnerte , so legten sie sich ein japanisches Bretspiel bei , das » die Gabe hatte , Jeden , der im Verdauen war , unfehlbar und höchst angenehm zu idiotisieren « , wie Stilpe behauptete . Mit Eifer frequentierte man die sonntägigen Tanzvergnügungen auf den benachbarten Dörfern , die » Kuhschwöfe « , doch stellte es sich bald heraus , daß sich dort nichts fände , was auch nur mit » Phémie Teinturière « verglichen werden konnte , geschweige denn mit Mimi oder der völlig götzendienerisch verehrten Müsette . Dafür verliebte sich Stöffel in die Tochter eines Gerbers , Wippert in die eines Viktualienhändlers und Barmann , der immer was ganz Ausgefallenes haben mußte , in das boshafteste und häßlichste Mädchen der Stadt , die Tochter eines Arztes . Diese Liebschaften fand Stilpe allesammt blamabel , denn , so sagte er , selbst ein blindes Huhn sieht , daß sie irreparabel platonischer Natur sind . Dafür ging er selber ein vollkommen und zielbewußt unplatonisches Verhältnis mit dem Dienstmädchen seiner Wirtsleute ein , einem stämmig liebenswürdigen Wesen , das sich für ihn hätte vierteilen lassen , so verliebt war es in ihn . Er machte ganz heillose Gedichte auf dieses Verhältnis , und es gehörte zu den stürmischsten Augenblicken der Cénaclezusammenkünfte , wenn er diese freien Rhythmen losließ , die an Überschwänglichkeit Alles in den Schatten stellten , was den Schlappdeckeln an erotischer Lyrik bekannt war . Im Übrigen wurden die Cénaclezusammenkünfte mit Theetrinken ( doch war viel Rum dabei ) und den ungeheuerlichsten Gesprächen ausgefüllt . Es durfte von Allem gesprochen werden , nur nicht von der Schule . Hauptsächlich sprach man von zukünftigen dichterischen Plänen . Stöffel , der zugleich Musiker war , wollte Opern dichten und komponieren : Wißt ihr , Opern moderner Art , voll fabelhafter Sinnenfreudigkeit , ungeheuer umfassend , allegorisch , aber lebendig ! Mehr war darüber nicht zu erfahren , und wenn er am Klavier saß , kams immer auf die ungarischen Rhapsodien von Liszt heraus . Wippert hatte vornehmlich satirische Pläne . » Juvenalia « sollte sein erstes Werk heißen mit dem Untertitel : Ein Hechelepos in sieben Zinken . Jede Zinke sollte » einen Hauptstand der gegenwärtigen Ordnung zerstrählen « . Die erste Zinke , in gereimten Hexametern , behandelte die Sippe der Gymnasiallehrer und begann so : Strähle mir , Zinke , den Mann , der schwitzend auf dem Katheder Mit höchsteigener Hand verteilt sein eigenes Leder ! Barmann hatte noch viel vom alten und neuen Sturm und Drang . Obwohl er am wenigsten von der wirklichen Welt wußte ( wie denn Alle , mit Ausnahme Stilpes , ziemlich unwissend in diesem Punkte waren ) , haßte er diese Welt doch mit einem sehr grimmigen Hasse und wollte ihr » in machtvoll wahren , meinethalben krassen Dramen einen Spiegel vorhalten , daß sie sich vor Selbstekel übergeben sollte . « Stilpe aber hatte so viel Pläne , daß niemand recht wußte , was er eigentlich vorhatte . Manchmal fühlten sie ihm höhnisch auf den Zahn : Ob er vielleicht immer blos seine jeweiligen Betthasen besingen wolle ? Er aber antwortete gelassen : Wohl möglich ! Jedenfalls wird immer mein Prinzip sein : Erst leben und dann dichten ! Ich heiße doch nicht Müller von der Werra , sapristi ! Ich bin doch nicht blos zum Skandieren da ! Das Dichten ist blos Wiederkäuen des Genusses . Aber um wiederkäuen zu können , muß man vorgekäut haben . Verlaßt euch drauf : Ich werde enorm vorkäuen ! Die andern fühlten instinktiv , daß er der Einzige unter ihnen war , der sein Programm sicher durchführen würde , und sie hatten deshalb viel Respekt vor ihm , obwohl sie auch nicht ohne Neid waren . So rollte das Jahr bis an die Schwelle der Abiturientenprüfung . Bis auf Stilpe waren die Schlappdeckel so ziemlich sicher , daß sie das Examen bestehen würden . Was aber ihn anging , so hatte Barmann recht gehabt , als er sagte , daß auch er jetzt so gut wie durchgekommen sei , da der Königliche Kommissarius ein so auffälliges Interesse für ihn an den Tag legte . Der alte Geheimrat Ammer hatte schon aus den deutschen Aufsätzen dieses » zwar begabten , aber sonst in mehr als einer Beziehung bedenklichen Schülers « , wie er ihm bezeichnet worden war , gesehen , daß Stilpe in der That ein merkwürdig frühreifer Kopf und überhaupt ein ungewöhnlich angelegter Jüngling sei . Die Probestunde mit den Abiturienten hatte ihm das noch deutlicher gezeigt . Er hatte die Primaner aufgefordert , ihm zu sagen , welche Männergestalten ihnen aus dem Altertum am nächsten stünden . Die Antworten lauteten durchgängig so , daß er sich über die völlige Gleichgültigkeit , die die jungen Herren gegenüber den antiken Männern empfanden , sehr klar wurde . Wie oft war Odysseus genannt worden , sogar Cicero dreimal ! Nur dieser Stilpe hatte die Kurasche gehabt , die beiden Gracchen zu nennen und » mit schöner Offenheit « , wie der Commissarius meinte , zu erklären , sie seien ihm deshalb besonders lieb , weil sie ihn » fast modern anmuteten in ihren sozialpolitischen Forderungen « . Der Geheimrat machte sich sogleich ein Bild von der Entwickelung dieses ungewöhnlichen Jünglings , wie sie sich gestalten würde , wenn man ihn rechtzeitig und früh auf die richtigen Bahnen lenkte . Unzweifelhaft : Ein zukünftiger Publizist ! Jetzt natürlich noch unreif und verworren , eines Tages wahrscheinlich sozialdemokratischer Idealist , aber dann , immer eine geschickte Beeinflussung vorausgesetzt , wahrscheinlich einmal eine glänzende und feste Stütze der staatserhaltenden Institutionen ! Dieser alte Geheimrat war ein sehr kluger Herr und ärgerte sich im Stillen rechtschaffen über die Plumpheit , mit der sich die Lehrerschaften der verschiedenen Gymnasien die Gelegenheit entgehen ließen , Talente für den Staat zu erziehen , die den staatsfeindlichen Gewalten in der Hauptsache deshalb zum Opfer fielen , weil sie sich schon auf der Schulbank zu Revolutionären gestempelt sahen . Sein Bestreben war , wenigstens im letzten Augenblicke gut zu machen , was noch gut zu machen war . Daher auch sein Verhalten Stilpen gegenüber . Er behielt ihn , als die anderen Schüler fortgingen , zurück und machte den Weg in sein Hotel mit ihm zusammen . Dabei verhehlte er ihm nicht , daß seine Aussichten , das Examen zu bestehen , nicht eben glänzend wären , aber er ließ auch deutlich durchblicken , daß mancherlei zu seinen Gunsten in die Wagschale fiele . - Nehmen Sie beim deutschen Aufsatz alle Kräfte zusammen ! Gelingt der Ihnen so gut wie die häuslichen Aufsätze , so haben Sie viel gewonnen . In der mündlichen Prüfung hoffe ich mir eine gute Leistung im Übersetzen aus dem Griechischen und Lateinischen ins Deutsche . Zeigen Sie , daß Sie den Geist der Alten schnell erfassen können ! Daß Sie so manches , zumal Mathematik und alles Grammatikalische , so vernachlässigt haben , ist schlimm , sehr schlimm , aber , wenn Sie zeigen , daß Sie dafür anderen Dingen um so mehr Liebe entgegenbringen , dann wird sich das gelinder ansehen lassen . Und nun noch dies : Was Sie auf der Schule in Hinsicht der sittlichen Führung gefehlt haben , machen Sie das auf der Universität gut ! Wenn Sie , wie ich hoffe , auf unsrer Landesuniversität studieren werden , so wird es mir eine liebe Aufgabe sein , Sie in den Augen zu behalten . Vergessen Sie das nicht ! Stilpe antwortete mit edler Offenheit und in gut zu Tage geförderten Sätzen , die eine heiße Dankbarkeit und tiefe Vorsatznahme alles Guten schön erkennen ließen . Der Kommissarius : So sei es ! Ich hoffe , wir werden uns auch in veränderten Verhältnissen noch sehen und sprechen . Meine Anteilnahme für Sie gründet sich auf eine gute Meinung und wird so lange andauern wie diese . Denken Sie immer daran ! Es handelt sich um mehr als die Reiseprüfung . Stilpe ( sehr leise und mit einer fast zärtlichen Tonfärbung ) : Ich werde immer an diese gütigen Worte denken und bestrebt sein , mich ihrer würdig zu erweisen . Händedruck und ein tiefer Abwärtsschwung der Schlappmütze . Als der Geheimrat verschwunden war , setzte Stilpe seine Mütze nicht wie sonst auf den Hinterkopf , sondern tief in die Stirne . Er kam sich unendlich brav vor und stieß seine Vergangenheit energisch von sich . Kein Zweifel : Er würde das Examen bestehen ! Und mehr noch : Seine Zukunft war gemacht . Dieser Geheimrat hatte erkannt , was in ihm steckte , und es wäre ein Frevel , sein Vertrauen zu täuschen . Wer weiß , was er mit ihm vor hatte ! Offenbar ganz hohe Posten ! So etwa als litterarischer Regierungssekretär oder ... aber gleichviel : Irgend etwas sehr Angesehenes . Natürlich : Erst studieren , und zwar neben Kunstgeschichte und Litteratur auch Jurisprudenz ! Seine alten Pläne waren durchaus versunken . Hier winkte Außerordentliches ! War nicht auch Goethe Geheimrat und Minister gewesen ? Das wars , was winkte ! Die Verbindung von Staatsmann und Poet . Sollte er etwa wie Lenz untergehn ? Nein : Seine Sturm- und Drangperiode war vorüber . Endgiltig . Hinter ihm Nebel des Wüstseins , vor ihm die breite , sonnenhelle Marmortreppe zu Einfluß und Ruhm und Reichtum . Oh diese Eselhaftigkeit , zu vergessen , daß ohne Reichtum Genuß undenkbar ist . Was wär ich geworden ? Ein genialer Lump ! Eine hungrige Berühmtheit , nein , pfui Teufel , ein Litterat ! Was hätt ich gehabt ? Nichts zu essen und mediokre Weiber , Nähmädchen , höchstens Choristinnen . Nun aber ! Stellung und Ansehen ! Mitten in den höchsten Kreisen ! Ach , diese aristokratischen Damen ! Alles an ihnen Schönheit und Eleganz , rauschende Seide , feinster Geist ! Er sah einen ganzen Hofball vor sich von nackten Schultern und Brüsten , Diademe in duftenden Haaren , heiße Blicke hinter Straußfederfächern . Und er fing gleich zu dialogisieren an : - Ah , Exzellenz , Ihr letztes Drama , wie herrlich ! - Hat es Ew . Hoheit Beifall ? - Ach , ich bin hingerissen ! Und die Herzogin sah ihn glühend an , diese Herzogin , die geistreichste Frau des Hofes , und so jung und schön ! Ah ! Ein ganzer Roman entzündete sich in ihm . Zuletzt lag er der Herzogin zu Füßen und küßte ihr die Kniee , und sie neigte sich über ihn , und er küßte sie auf die ... - Höh ! Schaunard ! Musterknabe ! Favorit ! Prima-Nota-Jüngling ! Die drei Schlappdeckel ! Ekelhaft ! Er machte ein ärgerliches Gesicht : - Was wollt ihr ! ! ! - Na ! Na ! Na ! Stolz und grob wie ein Günstling ! - Ich verbitte mir diese Albernheiten . - Köstlich ! Er verbittet sich ! - er ver-bit-tet sich ! - Unglaublich ! Weil ihm der Geheimrat die Hand gedrückt hat , ist er übergeschnappt . - Das ist ein Zeichen von schwacher Cerebralkonstitution . - Affen ! - Hahahaa ! - Er sieht förmlich frisiert aus . - Guckt nur , wie er die Mütze aufthat ! - Er hat ja einen Heiligenschein ! - Sogar zweie , einen um den Kopf und einen um den Hintern . - Aber ein bischen verblödet sieht er aus . - Man könnte fast stupid sagen . Stilpe machte ein Zeichen der Verachtung , und zwar so : Er fuhr über die dünn stehenden schwarzen Haare seines Schnurrbartes und hustete dann in die Hand . - Der reine Gesandtschaftsattaché ! - Ich glaube , der Geheimrat hat ihm einen Schwur abgenommen , Jurist zu werden . - Habe wenigstens die Gnade , uns zu sagen , ob Du noch mit uns verkehren willst . Das sagte Stöffel . Aber Barmann fuhr hinterdrein : - Was ! Er ! Ob er will ! Ob wir wollen ! Das ist die Frage ! Ein Mensch , der offenbar zu Kreuze gekrochen ist ! Ein Renegat ! Wippert : Ein Feigling ! Barmann : Pater peccavi hat er gemacht ! Stöffel : Höre mal , mein Lieber , Du hast wohl die beiden Gracchen zurückgenommen ? Barmann : Ja , und Cicero als Lieblingsrömer proklamiert , wie dieses Stint , der brave Müller-Emil ! Das war Stilpen zuviel . Dieser Vergleich wühlte seine ganze Natur auf , und er sprach : -So ! Also bis zu dieser Niederträchtigkeit depraviert euch ein jämmerlicher Neid ! Wißt ihr , was ich gethan habe ? Ich habe diesem Biedermann gesagt : Nicht die beiden Gracchen verehre ich am höchsten , denn das sind die Nationalliberalen des alten Rom , und sie kommen mir vor , wie zwei rot angemalte Zuckerstengel ... - Das hast Du nicht gesagt ! - Beim Momus , das hab ich gesagt ! Und noch was hab ich gesagt : Mir imponiert überhaupt gar keiner in der ganzen alten Toga-Gesellschaft mit Ausnahme von ... - Von ... ! ? ... Na ... ? ... - Von Catilina ! - Donnerwetter ! Ist der Kerl nicht in Ohnmacht gefallen ? - Ach Der ! So ein Amphibium ! Habt ihr nicht bemerkt , daß er aussieht , als wenn er einen Aquarium entsprungen wäre ? Wenn man ihn grün anstriche , könnte man ihn von einem Laubfrosch nicht mehr unterscheiden . So sprach Schaunard . Sechstes Kapitel Stilpe kam , während er sich auf das Abiturientenexamen vorbereitete , noch manchmal auf seine Hofdichterphantasieen , wie er es nun nannte , zurück . Die Vorstellung , einmal eine Rolle in der großen Welt zu spielen und dabei Verhältnisse mit Herzoginnen anzuknüpfen , that ihm zu wohl , als daß er endgiltig auf sie verzichten sollte . Aber im Ganzen erwies sich Henri Mürger doch stärker , als Geheimrat Ammer . Wenn sich beides vereinigen ließe ! war sein Lieblingsgedanke . Und er verfabulierte sich auch diesen Gedanken . Warum sollte es nicht möglich sein ? Es kam lediglich auf den Potentaten an , mit dem er es zu thun haben würde . War nicht Karl August anfangs ein sehr fideler Bruder gewesen ? Hatte er nicht auch mit der Reitpeitsche geknallt ? Daß er schließlich so gräßlich ernsthaft geworden ist , wer war daran schuld , wenn nicht Goethe selber , der eben in sich den Geheimratskeim schon geerbt hatte von seinem Vater ? Goethe und Lenz in einer Person zu sein , das war das Problem , das war das Ideal ! Indessen dachte er dabei doch mehr an Lenz , als an Goethe . Auch Günther , dem » sein Leben wie sein Dichten zerrann « , fiel ihm zuweilen ein , doch kannte er von diesem nichts . Aber er verehrte ihn sehr und nannte ihn oft , nur eben , weil Goethe so von ihm gesprochen hatte . - Ein fabelhafter Kerl , dieser Günther ! dachte er bei sich , und er las oft , was Goethe über ihn geschrieben hat . Man sollte ihn eigentlich lesen . Na , später ! Überhaupt , er schob jetzt noch mehr auf , als es ohnehin seine Art war . Das Examen bedrückte ihn doch , obwohl er nicht mehr daran zweifelte , daß er durchkommen würde . Aber es blieb eine unangenehme Perspektive und fatal wie alles Unvermeidliche . Sein Haupttrost war Bertha , das Dienstmädchen . In Deinen blauen Augen , Schatz , Sind keine Wolken , Also sage ich : Es giebt Keine Wolken . Stöffel machte eine Parodie auf diese freien Rhythmen : Unter Deinen tümpelbraunen Augen , Schaunard , Sind schwarz-grüne Wolken , Also sage ich : Du bist Eine schwarz-grüne Wolke . Und das war richtig : Stilpe sah sehr schlecht aus , so schlecht , daß man wirklich glauben konnte , er überarbeite sich wegen des Examens . Er fand das riesig interessant und gewöhnte sich überdies an , die Lippen nach unten zu ziehen , um das Ansehen beständiger Weltverachtung zu haben . Freilich stimmte das nicht zur Heiterkeitsdevise des Cénacles , aber eben das war wieder paradox , und das Paradoxe hielt Stilpe damals für die Hauptsache . Das Examen kam heran . Alle Vorbereitungen waren getroffen . Die Übersetzung ins Griechische abonnierte er bei Wippert , die ins Lateinische bei Barmann , die Mathematikaufgabe bei Stöffel . Es war sehr gut , daß für jedes Manco seiner Schultüchtigkeit im Cénacle Rat geschafft werden konnte . - Wir sind die reinen Freimaurer , sagte Stilpe , wir lassen keinen * * * Bruder bankerott gehen . Es lebe Müsette ! Es lebe der Kommunismus der überflüssigen Kenntnisse ! Schade , daß ich euch gar nichts dagegenbieten kann . Höchstens , daß Barmann von meinem französischen Stile zehren könnte . Aber Barmann verzichtete und meinte , er könne seine grammatikalischen Fehler alleine machen . Und es ging Alles gut vorüber , obwohl Stilpe die Mathematikaufgabe sogar falsch abschrieb . Dafür errang er einen Triumph im deutschen Aufsatz , der das tiefe Thema behandelte : Wie befreite sich Goethe von den Fehlern der Sturm- und Drangperiode ? Hei , wie da Stilpe ins Zeug ging ! Er war ganz Hofpoet , ganz Harmonie , ganz » Weltauge « . Ohne es sich merken zu lassen , natürlich , identifizierte er sich während der fünf Stunden , da er seine Perioden baute , völlig mit Goethe und endete mit einem feierlichen Panegyrikus auf Karl August , der gleichfalls » aus Sturm und Drang emporgedieh zur fürstlichen Ruhe schönheitbeschirmender Macht « . So gut hatte er den königlichen Komissarius verstanden . Auch im mündlichen Examen ging Alles vortrefflich , und das Ende war , daß Stilpe mit Note 2b das Zeugnis der Reife zum Universitätsstudium erhielt . Eine große Cénaclefeier schloß sich der Verkündigung der Examenergebnisse an . Man trank lediglich deutschen Schaumwein , und Stilpe verwahrte sich gegen alle literarischen Gespräche . Dafür wurde lebhaft darüber debattiert , ob ein Cénaclier in ein Corps oder in eine Burschenschaft einspringen müsse . Man kam aber zu keinem Entschluß , sondern setzte fest , daß darüber