etwas unbändigen , leicht gefesselten dunklen Haar im Nacken entzückend aus . » Ich habe riesiges Herzklopfen « sagte sie auf Klingenbergs Treppe . Er beschwichtigte sie . Einen Augenblick tanzte ihr alles vor den Augen , als sie die vielen Lichter und Menschen sah ; dann fühlte sie ihre Hand geschüttelt , und ein großer eleganter Herr mit schwarzen Locken stand vor ihr . » Fräulein Grün , meine Frau ! « Die kleine dicke Frau mit den kostbaren Brillanten in den Ohren nickte ihr zerstreut zu . » Recht erfreut , daß Sie uns beehren . Na Tage , Ihre letzte Photographie ist ja trefflich geworden . Sie steht in allen Schaufenstern der Buchhandlungen « . » Mir sehr peinlich « sagte er mit gerunzelten Brauen . Er verschwieg , daß er selbst allen bedeutenderen Buchhandlungen angeboten hatte , sein Bild in ihrem Schaufenster auszustellen . Johanne wurde von der Hausfrau einer Menge Menschen vorgestellt . Sie knixte bescheiden und sah die wenigsten derselben an . Tage hatte sie böswillig verlassen . Sie blickte sich , als die Vorstellung endlich beendet war , verlegen nach einem bekannten Gesicht um . Da trat eine hübsche große Frau zu ihr . » Fräulein Grün , Sie wohnen bei Wewerkas , nichtwahr ? Wie gehts Ihnen ? haben Sie sich schon bei uns eingewöhnt ? « Die Frau war sehr geschminkt und geschnürt und trug ein prachtvolles grünsamtnes Kleid mit reichem Zobelbesatz . Johanne blickte sie bewundernd an und stammelte einige verlegene Worte . Die Dame lächelte über die naive Kleine , plauderte noch etliches und trat dann zu einer anderen Gruppe . Johanne stand tief verlegen da und wußte nicht , was sie beginnen sollte . Da hörte sie eine bekannte Stimme neben sich . » Eher hätt ' ich geglaubt , den Kaiser von China hier zu finden als Sie « . » Herr Lohringer ! « Seine dunklen Augen sahen sie entzückt , traurig , vorwurfsvoll an . » Was treiben Sie alles ? Weshalb kommen Sie nicht mehr zu Frau Schüler ? « » Ach « sie senkte den Kopf , » hörten Sie denn nicht von dem Neuen in meinem Leben ? « » Sie haben eine kleine Skizze geschrieben « . » Ich bin Schriftstellerin geworden « . » Sapristi . Aber hoffentlich nur zum Sonntagsvergnügen « . » Nein , ich - ich habe meinen Kursus unterbrochen ; ich will mich ganz der Schriftstellerei widmen « . » Aber mein Gott - « er sah sie kopfschüttelnd an , » das ist doch ein leichtsinniger Streich . Hat wohl Tage auf dem Gewissen , wie ? « » Ja ich bin ihm furchtbar dankbar « . » So , so « meinte Lohringer , indem er sie anblickte , » nun , ich sagte Ihnen ja einmal , Sie müßten sehr viel durchmachen , bevor Sie den richtigen Weg zu sich entdecken « . » Sie reden wie ein Prediger « . Sie sah ihm mit aufsteigendem Zorn und voll Weh in die Augen . » Und wer handelt weniger - « » gut , korrekt , edelmütiger als ich . Hm ? Wollten Sie das sagen ? « » Ja « versetzte sie ehrlich . » Na , lassen wir das « sagte er heiter , » Sie sind noch zu jung , um einen reifen Menschen zu verstehen ; hier ist auch gar nicht der Ort , um ein ernsthaftes Gespräch zu führen . Ich freue mich , Sie getroffen zu haben und - glauben Sie nur nicht , daß ich ein Zerstörer bin . Ich habe die tiefste Achtung vor allem Ganzen « er neigte sich näher zu ihr , » verstehen Sie , wo ich aber Scherben finde , da zögere ich nicht , meinen Fuß darauf zu setzen , auch auf die Gefahr hin , sie noch mehr zu zerbrechen . Haben Sie den Mann dort mit dem hageren Gesicht und dem weiten Mund schon beobachtet ? « Johanne wandte mechanisch den Kopf zur Seite , wo jener Herr stand . » Das , was Sie mir eben sagten , interessiert mich viel mehr als - « » Es ist der berühmte Weiden « fuhr Lohringer fort , » ein Schriftsteller , dessen Spezialität darin besteht , die Werke bekannter Dichtergrößen noch einmal herauszugeben . Da er selbst nichts in sich hat , sucht er wenigstens seinen Namen mit dem von Leuten zusammenzubringen , die etwas sind . Man schreibt große Artikel über ihn und sein merkwürdiges Genie « . » Sagen Sie nur « fragte Johanne , die der Doppelgänger der Genies wenig interessierte , » wer ist jene Frau in dem herrlichen Sammetkleid ? sie sprach vorhin so vertraut zu mit « . » Ach die ! « Lohringer fixierte die Dame . » Das ist Frau Borstig . Freut mich , daß es ihr wieder gut geht . Sie besitzt nämlich nur das eine Gesellschaftskleid , das ihr ein reicher Verehrer widmete . Da es ihr und ihrem Gatten - er ist Zeichner bei einem Witzblatt - sehr elend geht , befindet sich das kostbare Kleid meist auf dem Leihhaus . In dieser Zeit schlägt sie Unwohlseins wegen alle Einladungen aus « . Johanne kicherte . » Ach , und die Dame dort . Glauben Sie , daß die Brillanten an ihrem Halse echt sind ? « » Pst « machte Lohringer , » und ob . Der Schmerbauch neben ihr , ihr Mann , ist der gefürchtete Kritiker an der Großen Presse . Früher war sie Modell . Heute nimmt sie teil an der Herrschaft ihres gestrengen Kritikergatten und vernichtet arme Teufel , die sie nicht anbeten , in der Lauge ihrer Kritik « . Plötzlich rief Johanne so laut , daß ein paar Damen sich malitiös nach ihr umwandten : » Mink , Mink , nein wie hübsch . Ich habe ihn schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen « . Lohringer lachte . » Sind Sie verliebt in ihn ? Soll ich ihn holen gehen ? Sie wissen doch schon ? « » Was denn ? « » Daß er sich von Babinsky getrennt hat ? « » Was , von seinem Busenfreund ? « » Ja der Busenfreund , den der edle Mink bis auf den letzten Heller ausgesogen hatte , besaß eines Tages nichts mehr . Da wurde Mink grob , ließ seinen Koffer in die Wohnung eines anderen Bekannten tragen und machte Babinsky öffentlich herunter . Mink hat eine weitherzige Natur . Er quartiert sich einmal bei diesem , dann bei jenem Freunde ein . Da lebt er ein paar Jahre , läßt sich erhalten , kleiden , macht alle Arten Vergnügungen mit , natürlich auf des Andern Kosten , und ist eines Tages der Gastgeber ausgebeutet , geht der edle Dichter schimpfend von ihm und sagt ihm die schändlichsten Dinge nach . So knappert er sich durch die Brotkörbe seiner Freunde hindurch « . In diesem Augenblick entstand eine Bewegung in der Gesellschaft . » Ei sieh , Lohringer ! « Tage schüttelte ihm die Hand . » Darf ich um die Ehre bitten , Sie zu Tisch führen zu dürfen , gnädiges Fräulein ? « Johanne legte lachend ihren Arm in den seinen . Lohringer sagte : » Auf Wiedersehen später « und ging , seine Tischdame zu suchen . Die Flügelthüren des Speisesaals wurden geöffnet , und in langer , glänzender Reihe verfügte sich die Gesellschaft an die festlich mit frischen Blumen und altem Silber geschmückte Tafel . Klingenberg kehrte den besorgten Hausherrn heraus und ließ seine Augen bald hier , bald dorthin spazieren . Das Diner begann mit gebackenen Austern ; die Diener reichten auserlesene Weine herum , wobei sie den Namen der Sorte diskret flüsterten . Tage trank Johanne mit glänzenden Augen zu . Dann sagte er leise : » Was wollte Lohringer ? Er schlug ja förmlich Wurzeln bei Ihnen « . » Ich war ihm sehr dankbar . Ohne ihn hätte ich wahrscheinlich einsam in einer Ecke gestanden « . » Was Ihnen einfällt . Ich konnte mich Ihnen nicht gleich widmen . Es waren allerlei Bekannte da , die mit mir ein Wort sprechen wollten . Aber ich wäre längst gekommen , wenn ich ihn nicht wie angenagelt neben Ihnen erblickt hätte . Prosit Doktor ! « Ein Herr mit einer Glatze erhob sein Glas gegen Tage . Der Dichter trank ihm Bescheid . » Ein Freund von Ihnen ? « » Ein famoser Kerl . Denken Sie , er ist Unterlehrer gewesen . Eines Tages fällt ihm ein , eine Zeitung herauszugeben . Er pumpt sich einige tausend Mark , verschickt Prospekte , mietet ein Bureau und zwei kleine Buben , die für die Ehre , sich Redakteure nennen zu dürfen , ihm halb umsonst arbeiten . Aber keine Katze abonniert auf das Blatt . Das erste Vierteljahr vergeht . Dahlke gerät in Verzweiflung . Was thut er ? Er stellt jeden Tag ein Eingesandt , das er natürlich selbst schreibt , an den Kopf seines Blattes . Einmal heißt es : Wir entgegnen dem Herrn Einsender von gestern , daß unser Blatt Katholiken sowohl wie Protestanten freien Spielraum läßt sich auszusprechen . Dann : Herr Dr. H. meint , wir verträten weniger das Interesse unserer jüdischen Mitbürger : das ist ein Irrtum . Uns sind alle Menschen gleich , ob Heiden , ob Christen . Dahlke verschickte ein Jahr lang gratis das Blatt . Schließlich geriet er noch auf andere Kniffe . Er setzte auf Rätsel und Charaden , die jedes Schulkind lösen konnte , namhafte Preise . Er schimpft und poltert in dem Eingesandt gegen sein Blatt , dieses Blatt mit der humanen Tendenz . Schmeichelt allen Konfessionen , - natürlich figurierten alle möglichen Namen unter jenem Eingesandt - , und gewinnt schließlich Abonnenten . Heute zählt seine Zeitung ihrer dreißigtausend . Aber was ich sagen will , trauen Sie nicht dem Lohringer . Er ist falsch , neidisch « . » Das glaub ich nicht « versetzte Johanne und sprach etliche warme Worte zu Lohringers Gunsten . Tage zuckte etwas ärgerlich die Schultern und kam auf anderes . Man saß beinahe zwei Stunden bei Tisch . Dann verteilten sich die Gäste in Gruppen . Die Herren gingen ins Rauchzimmer . Tage wich den Rest des Abends nicht mehr von Johannes Seite . Einige Male tauchte Lohringer neben ihnen auf , lächelte heimlich und verschwand wieder . Um Mitternacht wurde das junge Mädchen müde und bat Tage , sie nach Hause zu bringen . Er nahm eine Droschke . Unterwegs sagte sie : » Es war sehr schön . Aber eigentlich nichts anderes , als eine Table d ' hôte , wo man nichts zu bezahlen braucht . Ich aß einmal mit Herrn und Frau Wewerka im Königshof an einer solchen . Aber da durfte man dem Kellner klingeln ..... « 13 An einem sonnigen Winternachmittag trat Johanne bei Alice ein . Sie fand die junge Frau seltsam verändert . Eine nervöse Unruhe sprach aus ihrem länger und schmäler gewordenen Gesichtchen . » Ein Wunder , daß du dich meiner noch erinnerst . Bitte nimm Platz . Was thust du immer ? Man sagt , du schriftstellerst . Hast du wirklich allein das Gebet geschrieben , oder nicht dein - Freund ? « Die kleine Zofe , kokett gekleidet wie ihre Herrin , kam herein und brachte den Theetisch in Ordnung . Als sie wieder hinausgegangen war , trat Johanne zu Alice und nahm ihren Kopf zwischen die Hände . » Was hast du denn ? Du bist ganz verändert . Wo ist Mathilde ? « » Im Spital . Sie fährt wohl nun bald ab . Er besucht sie alle Augenblicke « . » Aber Alice , jetzt , da sie geht , sei doch nicht so böse auf sie , vergieb ihr « . » Hahaha , vergeben ! Na ! Es giebt Dinge im Leben , die man nie vergiebt , wenigstens eine Frau nicht . Reden wir von anderm « . » Alice ! « Die junge Frau holte trällernd eine Schmuckkassette herbei . » Sieh mal , wie nett . Dieses Collier hat er mir neulich geschenkt « . » Wer ? « » Na , wer wird mir denn ein Collier schenken ? Herr Schüler natürlich . Mit dem - Andern ist ja nichts anzufangen « . Sie unterdrückte einen Seufzer . » Meinst Du Lohringer ? « fragte Johanne schüchtern . Sie wußte nicht warum , aber bei der Bemerkung der Freundin jauchzte innerlich etwas in ihr auf . » Ja , ich meine ihn « . » Aber er kommt doch oft zu dir , nicht ? « » Gewiß . Was habe ich aber schließlich von seinem Kommen , wenn er mich ewig als Spielsache , als unmündiges Kind behandelt ? Meinst du , er führte jemals ein ernsthaftes Gespräch mit mir ? « » Das thut er nicht , ich weiß wohl , aber innerlich ist er doch ein ganz ernsthafter Mensch « . » Ach was , innerlich . Das geht mich nichts an . Wenn er nur äußerlich thäte , was ich will « . » Was willst du denn ? « » Mein Gott : was willst du ? Frag doch nicht so albern « . Johanne errötete . » Aber du bist doch eine verheiratete Frau « . » Kommst du mir mit dem ? « rief Alice heftig . » Wer hat mir denn beigebracht , daß das Band der Ehe nur zum Zerreißen da ist . Wer hat mich denn , mich , die Unerfahrene , eingeweiht in den ganzen Schmutz , die Niederträchtigkeit vorurteilsloser Anschauungen ? Wer denn ? Wenn ich ihm eine gelehrige Schülerin bin , ist das kein Unrecht , nichts Wundernswertes « . » Ich weiß nicht , eine Frau ist doch aber kein Mann « meinte Johanne . » Ein Mann kann sich besudeln , die Flecken lassen sich ausmerzen ; an einer Frau bleiben sie haften « . » Ach Gott , thu nicht so fromm , du hast doch auch Einen . Und überdies Flecken , was sind Flecken ? Wenn ich das so nehmen wollte . Die ersten , die nie wieder sich ausmerzen lassen , hat mir mein eigener Mann beigebracht . Was ich jetzt thue , ist nicht mehr , als daß ich einen schönen Schleier voll gestickter Blumen über sie lege . Laß mich gehen ... « Johanne zitterte vom Kopf bis zu den Füßen vor Scham , Aerger und Mitgefühl . Aber das Wort : » Du hast doch auch Einen « brannte auf ihr . Alice machte sich bei ihrem Theekessel zu thun ; dann trat sie vor den Spiegel und ordnete die kleinen , reizenden Löckchen . Johanne saß ein Weilchen still im Sessel , dann erhob sie sich . » Adieu , Alice « . » Wartest du den Thee nicht ab ? « fragte jene , ohne sich umzuwenden . » Nein « . » Na , dann geh und verachte mich « . Sie kehrte sich schnell mit tragischer Geberde um und lachte höhnisch . » Ich dich verachten ! Keine Rede « . Johanne blickte sie mit ihren blauen treuherzigen Kinderaugen an . » Leid thust du mir « . » Wirklich ? « Die junge Frau näherte sich ihr einen Schritt . » Gewiß , Alice . Du verkennst mich . Ich bin nicht mehr so , wie ich war « . Ihre Stimme schwankte ein wenig . » Aber das mit dem Einen ist unrichtig . Tage ist nur mein Freund , nicht mehr . Ich - « » Du Liebe ! « Alice warf sich ihr an die Brust . » Ich denke nicht mehr so streng , das heißt über - die Anderen . Es muß wohl so sein müssen , daß keiner ganz und rein bleiben kann , weil Alle nur halb und - nicht lauter sind . Weißt du , ich komme eben vom Lande ; bei uns sind sie anders . Wenn sie fallen , geschieht es so plump und ehrlich , das jeder mit dem Finger auf sie zeigen , sie verachten , meiden kann , je nachdem er will . Hier vollzieht sich alles unter dem Schleier des Scheins . Der blendet einem die Augen , man weiß schließlich nicht mehr , was echt , was unecht , was häßlich , was schön ist . Leb wohl , Alice « . » Komm doch bald wieder , hörst du ? « » Ich wills « . Auf dem Nachhausewege dachte Johanne über sich und die Freundin nach . Hatte Alice im Grunde genommen so unrecht ? Ihr Mann hatte sie betrogen ; sie suchte bei einem Andern Trost für das ihr zugefügte Leid . Dieser Andere war ebenfalls kein Schurke ; er nahm vom Leben , was es ihm bot . Er wie Tage , beide verlachten ihre strengen bäuerlichen Grundsätze . Und die Andern , Mink , Wewerka , Babinsky , alle , deren Gestalten in deutlichen Umrissen in ihrem Gedächtnis hafteten , diese ganze Gesellschaft war einer Ansicht . Sie stand allein mit ihrem Protest gegen die herrschende Sitte . War es eigentlich nicht lächerlich ? Wenn sie eine große Schriftstellerin werden wolle , müsse sie den Mut haben , dem Leben , wie es war , ruhig ins Auge zu sehen , sagte ihr Tage beständig vor . Sie wollte es auch thun . Es gehörte eben dazu . Schließlich , wenn man sie , das kleine Landmädchen , auf die eine , und die ganze Gesellschaft auf die andere Seite stellte , mußte doch die Mehrzahl recht behalten gegen sie . Lag nicht vielleicht viel Selbstüberhebung in ihr ? Sie ging nach Hause und begann eine kleine Geschichte zu schreiben . Sie schickte sie Tage . Er erwartete sie draußen auf den Baugründen und sagte ihr , diese Geschichte sei nicht so gut wie die erste , aber er wolle sich doch bemühen , sie unterzubringen . Er hätte zwar rasend viel zu thun , aber ihr zu liebe ... Draußen war es einsam , fast niemand ging hier . Er bot ihr den Arm . Sie hing sich an ihn . Sie plauderten von Litteratur . Manchmal sprach sie so kluge , schöne Worte aus , daß er innerlich staunte . Sie hatte unleugbar viel Begabung . Nur ihre dumme Unerfahrenheit und die bornierten Ansichten hinderten sie . Es sprach so viel Schulmädchenhaftes aus ihr . Ihre orthographischen Fehler waren etwas Natürliches und ließen sich verbessern . Aber das andere zu ändern war ein schweres Stück Arbeit . Nun , mit etwas Geduld würde es schon gelingen . » Ich habe eine Bitte an Sie , Johanne « sagte er , ihren Arm inniger an sich drückend , » wollen Sie ja dazu sagen ? « Sie nickte . » Sagen Sie mir : Du . Ja ? Es ist so lieb , brüderlich . Wenn ich einem Menschen Sie sage , kann ich nie warm neben ihm werden , auch nie ganz herzlich zu ihm sprechen . Also , ja ? « » Aber es schickt sich doch gar nicht . Sie sind ein berühmter Mann und ich - mein Gott ! « » Du bist ein Närrchen ; du wirst mich bald weit überflügelt haben « . » Nein ... « Sie lachte kindisch . » Nun , Johanne ? « War es nicht unhöflich gegen ihn , der so gut mit ihr war , wenn sie seine Bitte abschlug ? » Meinetwegen « sagte sie leise . Sie schüttelten einander die Hände . Hinter ihnen lag die große Stadt mit ihrem Trubel , ihrer Gemeinheit , ihrem Strebertum , ihrem Elend . Vor ihnen weiße , unbetretene Schneeflächen , von denen dann und wann ein einzelner Rabe aufflog . » Warum plötzlich so einsilbig ? « fragte er nach einer Pause . » Das thut so wohl « sie deutete auf die freien Felder . » Das erinnert mich an Sienenthal , an die liebe Stille dort , an die alten verkrüppelten Weiden « . » Liebst du Sienenthal sehr ? « » Ich würde es noch mehr lieben , wenn ich Jemand dort besäße . Aber ich habe niemand da , der mir nahesteht . Trotzdem ist mir der Ort das liebste auf Erden « . » Aber hier hast du jemand , der dir nahesteht , Johanne « . Er zog ihre Hand an seine Lippen . » Glaubst du , daß ich dich von Herzen liebhabe , Johanne ? « » Ja , Sie sind sehr gut gegen mich « . » Ich bin weder der Herr Sie , noch ein guter Kerl . Lieb haben sollst du mich . Das ist unabhängig vom Gutsein « . Sie erschauerte leicht unter seinen Worten und hing sich fester an ihn . Als sie zurückkehrten , war es Dämmerung . Vor ihrem Hause nahm er Abschied . Sein Gesicht neigte sich nah zu dem ihren . Sie erschrak . Er lachte und sagte ihr : gute Nacht . 14 Jetzt , da die ganzen Tage ihr gehörten und sie thun konnte , was sie wollte , da ihr Ehrgeiz geweckt war und sie von Erfolgen träumte , warf sie sich mit aller ungebrochenen sanguinischen Hoffnung auf das Schreiben . Sie schrieb eine Reihe Novelletten und brachte sie Tage mit . Es war ausgemachte Sache zwischen ihnen , daß er sie jeden Tag zum Spazierengehen abholte . Frau Wewerka lächelte diskret . Sie war gewiß die Letzte , die Steine auf andere warf , wenn es auch unleugbar war , daß die Kleine dumm war , riesig dumm . - Die Spekulation , die Schüler mit ihr zu machen gedachte , war mißlungen oder hatte vielmehr andere Wege genommen , als er beabsichtigte . Nicht Johanne , seine eigne Frau war die Veranlasserin , daß seine Wünsche bezüglich einer Gehaltsaufbesserung erfüllt wurden . Davon ahnte er freilich nichts . Er ließ es sich nie träumen , in Lohringer einen Nebenbuhler zu erblicken . Er dankte ihm herzlich für seine Fürsprache und begegnete ihm freundschaftlich . Daß er mit Johanne nicht in nähere Beziehungen getreten war , sah er wohl , aber daß dies nicht an Schüler lag , mußte Lohringer zugeben . Jener hatte kaum sein Interesse für das junge Mädchen wahrgenommen , als er ihm auch , so weit dies anging , die Gelegenheit bot , sich ihr zu nähern . Was zwischen den Beiden sich weiter abspielte , war nicht weiter seine Sache . Lohringer , der Schülers Absicht durchschaut hatte , mochte sich innerlich über die Verschiebung der Dinge belustigen . Wewerkas hatten ebenfalls Schülers Pläne gekannt , aber sie schwiegen natürlich . Eines Tages sagte Hans Tage zu Johanne , als sie wieder auf ihrem Lieblingsweg promenierten : » Hör Schatz , du mußt jetzt eine zeiltang pausieren . Ich habe nun schon sieben Novellen von dir . Zwei davon habe ich untergebracht , aber die übrigen - « » Und das Honorar ? « fragte sie plötzlich zu seiner Ueberraschung . Es war ihm recht unbehaglich , daß er auch hier wieder in seine Börse greifen mußte . Aber da er anfänglich so protzig gethan hatte , durfte er jetzt nicht zurück . Na , auf ein paar Goldfüchse sollts ihm nicht ankommen . » Erhältst Du in diesen Tagen « sagte er . » Es ist aber sehr klein , Liebchen . Weißt du , größere Honorare kommen erst später . Die ersten Jahre gehts immer nur tropfenweise « . » Aber später glaubst du doch , daß ich viel verdiene ; denn wovon sollte ich sonst leben ? Dann müßte ichs ja am Ende bereuen , nicht doch die Kindergärtnerei weiter - « » Aber Kleine « sagte er ärgerlich , » laß doch das : später . Für jetzt bist du zufrieden , nicht ? « Er preßte ihren Arm leidenschaftlich an sich . Diese bäuerliche Vorbedachtsamkeit verstimmte ihn , brachte ihn in Verlegenheit . Was kümmerte ihn ihr : später ? Vielleicht brachte sies in der That zu etwas auf litterarischem Gebiete . Vielleicht nicht . Ihm galt hauptsächlich die Gegenwart . Ach , daß diese kleinen Mädchen so viel Mätzchen machten , bevor sie sich ergaben ! Sie erhielt wirklich eine kleine Summe . Auf der Postanweisung stand : » Für die Novellen Gebet und Ein armes Mädchen « . » Warum war die Redaktion nicht genannt , nur dein Name ? « fragte sie später Tage . » Weil ich es von der Redaktion abholte , um es sofort an dich zu senden « log er . Dann quälte sie ihn , er solle sich doch mit den anderen Sachen beeilen . Er wurde ungeduldig . Einmal bat er sie , zu Klingenbergs zu gehen . Es sei Brauch , Leuten , bei denen man eingeladen war , einen Besuch zu machen . » Ach die sind mir zu langweilig « meinte sie . » Du mußt aber « beharrte er . Sie ging nicht . » Was hatte ich davon , als ich dort war ? Wenn du und Lohringer nicht gewesen wärt - « » Ja , Lohringer « sagte er bissig . » Laß ihn ; du weißt , ich mag ihn gut leiden « . » Gott ja , schwärme für ihn . Seine Glatze ist ja auch wirklich anschwärmenswert « . » Du bist roh « rief sie . Sie gingen kühl auseinander und sprachen sich etliche Tage nicht . Sie langweilte sich fürchterlich . Seine Werke , drei Bände Gedichte , die er ihr gebracht hatte , kannte sie schon auswendig . Sie besaß auch keine rechte Lust zu lesen . Die Frage : was wird nun aus mir ? bring ichs auch wirklich zu etwas ? lag schwer auf ihr . Sie schrieb allerlei kleine Sächelchen , tastete unsicher in sich herum und wußte nicht recht , welchen Stoff sie wählen sollte . Grade als sie recht unglücklich den Kopf in die Hände gestützt dasaß , kam Tage . Sie gingen spazieren . Als sie die Stadt hinter sich hatten , sagte sie : » Weißt du , ich glaube doch , daß es eine Dummheit von mir war , was ich gethan habe . Vielleicht wärs das Beste , ich ging wieder ins Fröbelhaus zurück « . » Thus « sagte er achselzuckend . » Nun bist du auch noch so gegen mich « rief sie weinerlich . » Was willst du denn eigentlich ? « Er blieb stehen und sah sie an . » Mein Gott , etwas Sicheres vor mir erblicken , eine Thätigkeit haben . Ich sitze den ganzen Tag in den Ecken herum « . » Du schriftstellerst ja « bemerkte er ungeduldig . » Aber ich glaube , es kommt nichts dabei heraus « . » Warum glaubst du das ? « » Weil ich denke , ein Mensch , der wirkliches Talent in sich hat , weiß doch , was er schreiben soll . Ich aber weiß nie , wozu ich die Feder ansetzen soll . Es ist manches in mir , aber verworren , so ... ich weiß nicht wie « . Er nickte . » Aber ich weiß es . Ich will dir etwas sagen . Ein Mädchen so ganz ohne jede innere Erfahrung , ohne jede Erschütterung der Seele - ich will ehrlich zu dir reden - kann unmöglich etwas leisten . Du müßtest einmal - « » Was denn ? « » im Arm eines Mannes gelegen haben « , er sah von ihr fort , » gebebt , gejauchzt , geweint haben , eine Erfahrung gemacht haben , dann wäre die Künstlerin in dir reif und du brächtest schöne Bücher zu stande . Was du jetzt schreibst , ist lauter Kinderstammeln , die Redaktionen wollen es nicht . Die ersten zwei Stücke gefielen , aber immer das gleiche Gesänglein anzuhören , ermüdet « . » Also ? « fragte sie leise . » Also , du wirst es wissen « . Sie sahen beide zu Boden . Sie zog ihr Taschentüchlein heraus und drückte es leicht an die Augen . Das war unverblümt . Und trotzdem , genau hatte sie ihn doch nicht verstanden . » Also wird nichts aus mir « sagte sie nach einer Weile tonlos . » Wenn du dir selbst hindernd im Weg stehst « . Er zuckte die Schultern . » Was soll ich denn thun ? « rief sie leidenschaftlich . » Jeder behandelt mich als kindisches Ding , belächelt , bemitleidet mich ; was soll ich denn thun ? « Tage blieb stehen und sah ihr in die Augen . » Dem Mann , zu dem du dich am meisten hingezogen fühlst , angehören « . Sie spürte heiße Schauer über sich gehen . » Du ahnst nicht , welche Veränderung mit dem Weibe nach einem mutigen Schritt vorgeht . Die Welt erscheint ihm in ganz anderen Farben , eine ungeahnte Lebenskraftund Lust rauscht durch seine Adern ; Schönheit , Gesundheit , Geist übergießen es mit ihren beglückenden Gaben . Ein Mädchen ist immer eine vor den Thoren des Lebens Harrende ; erst das Weib dringt hinter das Geheimnis des Daseins « . » Ach , vielleicht hast du recht , aber - « sie seufzte . Er warf die Arme um sie und preßte einen heißen Kuß auf ihre frischen Lippen . » Johanne ! « Sie sagte garnichts . Mit gesenktem Haupte schritt sie neben ihm nach Hause . Und nun begann ein stillschweigendes , erbittertes Kämpfen zwischen ihnen . Einen Tag war er stürmisch , zärtlich , kühn gegen sie . Wenn sie ihn erzürnt in seine Schranken zurückwies , blieb er am nächsten Tag aus und vernachlässigte sie