Kleinen , indem er es unter dem Kinn kitzelte und » Kss , Kss ! « dazu machte , bis das Würmchen vor Vergnügen lachte und das dicke Oberbett von sich strampelte . Er lobte das gesunde Aussehen des Kindes und erzählte , daß er kürzlich eine Tochter verheiratet habe . Die Bäuerin war völlig gefangen genommen durch ! das vertrauliche Wesen des Fremden . Daß man so vornehm und gleichzeitig so liebenswürdig sein könne , war ihr unfaßlich . Als Sam schließlich erklärte , nunmehr aufs Feld hinaus zu wollen , bat sie ihn , doch ja wieder zu kommen , und geleitete ihn humpelnd bis vors Hoftor , um ihn den Weg zu weisen . Er traf zunächst auf die Frauen in den Rüben . Sie standen in der Furche und behackten die Pflanzen . Die Hacken flogen nur so in den fleißigen Händen . Von hinten sah man die drei gebückten Rücken und unter den kurzen Röcken die sechs bloßen Waden . So standen sie in einer Reihe , wie ausgerichtet , nebeneinander . Sam war auf weichem Wiesenpfade ungehört bis dicht an die Frauen herangekommen . Jetzt blieb er stehen und versenkte sich in den Anblick . Er nahm alles mit . - Endlich räusperte er sich . Sofort standen die drei Hacken still , die drei Köpfe wandten sich nach ihm um . Sam stand lächelnd vor den Frauen , breitbeinig , mit vorgestrecktem Leibe , auf seinen kurzen , krummen Beinen . » Guten Tag , meine Damen ! « sagte er . Es sei heute recht warm und sie sollten sich nur nicht überanstrengen . Therese , die älteste und redefertigste von den Dreien , meinte , er solle lieber selber die Hacke zur Hand nehmen , dann würde er vielleicht etwas von seinem Fette kommen ; aber von ordentlicher Arbeit verstehe er wahrscheinlich nichts . - Die beiden Mädchen , Toni und Ernestine , kicherten zu der schlagfertigen Rede der Schwägerin . Sam nahm die Bemerkung scheinbar nicht krumm ; lächelnd erwiderte er , er habe einen anderen Beruf als Rübenhacken erwählt . Dann fragte er nach dem Büttnerbauer . Die Frauen musterten den Aufzug des Fremden mit beobachtenden Blicken . Im hellen Tageslichte besehen zeigte es sich , daß sein Hemdkragen nicht vom reinsten und daß auf seiner hellen Weste verschiedene Fettflecke seien . Toni war ein harmloses Geschöpf und viel zu phlegmatisch , um sich mit Kritisieren abzugeben . Aber Therese und die kleine Ernestine waren um so scharfäugiger . Kaum war er außer Hörweite , so hielten sie sich über seinen häßlichen Mund , den der rote Bart nicht genügend deckte , auf , über seine Dachsbeine , ja selbst die versteckte Lüsternheit seines Wesens war ihrem weiblichen Scharfblicke nicht entgangen . Inzwischen kam Karl Büttner , der nebenan die Kartoffeln anfuhr , herbeigelaufen . Der Vater sei draußen am Büschelgewende , erklärte er dem Fremden , und wies mit dem Peitschenstiele in die Richtung nach dem Walde . Sam betrachtete sich den hochgewachsenen jungen Mann , fragte , ob er der Sohn sei , und verlangte schließlich , über die Felder geführt zu werden . Karl rief seiner Frau zu , sie solle auf die Pferde aufpassen , dann folgte er dem Händler . Sam umschritt die einzelnen Schläge , hie und da untersuchte er den Boden mit seinem Stocke , an dessen Ende sich eine lange metallene Zwinge befand . Zwischendurch richtete er Fragen an seinen Begleiter über die Grenzen des Gutes , über benachbarte Grundstücke , Wege , Fruchtfolge , Bewässerung , Aussaat und Erträge . Auch die Verhältnisse in der Familie schienen ihn zu interessieren . Karl wunderte sich zwar über die vielen Fragen des Fremden , aber auf den Gedanken , etwas zurückzuhalten , kam er nicht . Treuherzig gab er auf alle Fragen Antwort , so gut er es eben wußte . So kam man in die Nähe des Waldes . Schon von weitem konnte man den alten Bauern erblicken , auf lehnan gelegenem Feldstücke , wie er , einen grauen , bauschigen Sack vorgebunden , den Samen mit gemessenem Wurfe ausstreute , den Acker hinab oder hinauf schreitend . Der verwilderte Zustand dieses Schlages , der Nähe des Waldes wegen , das Büschelgewende benamst , das zwei Jahre lang brach gelegen , hatte dem alten Manne keine Ruhe mehr gelassen . Sowie die Bestellung des übrigen Gutes beendet , war er daran gegangen , dieses Stück wieder urbar zu machen . Eigenhändig hatte er es umgepflügt und einen Teil davon für die Aussaat vorbereitet . Da es zu spät war im Jahre , um hier noch etwas anderes zu erbauen , säete er jetzt wenigstens noch Gemenge aus . Im ersten Augenblicke erkannte der Büttnerbauer den Händler gar nicht . Harrassowitz mußte sich ihm ins Gedächtnis rufen . Nun dämmerte es in den verdutzten Mienen des Alten . Er schüttelte dem Händler kräftig die Hand . » Herr Harrassowitz , ich hätt ' Se , weeß der Hole , bale ne derkennt . Das is scheue vun Sie , daß Sie och mal zu uns nauskumma - das is racht ! « In der Freude des Bauern lag nichts Erheucheltes . Er rechnete es dem Städter hoch an , daß er ihn auf dem Dorfe aufsuchte , und war sogar bis zu einem gewissen Grade stolz auf diesen Besuch . Der Bauer band sich den Sack ab und gab ihn Karl zum Tragen . Dann schritt man zu Dreien langsam auf dem Wiesenpfade dem Gehöfte zu . Karl ging in respektvoller Entfernung hinter dem Vater und dem fremden Herrn drein . Harrassowitz lobte alles , was er sah . Nach seinem Urteil war der Boden ausgezeichnet , die Wiesen in bester Kultur , und der Stand der Feldfrüchte ließ nichts zu wünschen übrig . Dem alten Bauern mundeten die Lobeserhebungen des Händlers wie Honigseim . Er schmunzelte vergnügt in sich hinein . » Sie werden eine glänzende Ernte machen , mein guter Herr Büttner ! « sagte Harrassowitz . » Ich gönne es Ihnen von Herzen , denn hier in dem Boden steckt Arbeit , das sieht man . « » Gab ' s Gott ! Gab ' s dar liebe Gott ! « erwiderte der Alte und bekreuzigte sich dabei . Es war ihm eigentlich nicht recht , daß der andere eine solche Prophezeiung ausgesprochen hatte . Man durfte nichts berufen . » Gebraucha kennten mer schun ane gute Ernte . Aber , da kann Sie mich mancherlei für sich giehn bis dohie . « Er seufzte . Der Büttnerbauer hatte gerade in den letzten Tagen wieder schwere Sorgen durchzumachen gehabt . Sein Schwager Kaschel hatte ihm durch eingeschriebenen Brief seine Hypothek von siebzehnhundert Mark gekündigt . Das hatte wie ein Blitz aus heiterem Himmel gewirkt . Woher das Geld herbeischaffen für diese an letzter Stelle eingetragene Hypothek ! Mehr noch aber als die Kündigung hatte den Büttnerbauern ihre Form geärgert , ja geradezu in helle Wut versetzt . Ein eingeschriebener Brief ! War so etwas erhört ! Darin erblickte er eine ganz besondere Niederträchtigkeit von seiten seines Schwagers . Ein eingeschriebener Brief ! Er hatte da dem Postboten sogar noch etwas unterschreiben müssen . Und dabei wohnte sein Schwager einige hundert Schritte von ihm . Man konnte sich vom Büttnerschen Gute zum Kretscham mit einigermaßen lauter Stimme etwas zurufen . Wäre Kaschelernst an jenem Tage dem Schwager in den Wurf gekommen , es hätte wohl ein Unglück gegeben . Und das war noch nicht einmal alles . An verschiedenen Stellen drückte den Bauern der Schuh . Der Viehhändler , dem die Kuh immer noch nicht ganz bezahlt war , hatte gemahnt . Die Gemeindeanlagen waren fällig für mehrere Termine . Der Büttnerbauer hatte sein Bargeld immer und immer wieder überzählt und seinen Kopf angestrengt . Er wußte keine Hilfsquellen mehr . Er würde schuldig bleiben müssen , und in der Ferne drohte das Schreckgespenst der Pfändung . » Ist es nicht ein wahrer Segen Gottes ! « rief Sam und blieb vor dem großen Kornfelde stehen , dicht am ! Hofe . » Hier wächst doch wirklich das reine Gold aus dem Boden ! « Das Wort löste dem Büttnerbauer die Zunge . Natürlich fiel er nicht mit der Tür ins Haus . Nach seiner bäuerisch verschlossenen , mißtrauischen Art fing er an ganz entlegener Stelle an und kam dann allmählich seinem Gegenstande vorsichtig näher . Der Händler ließ sich erzählen . Mit teilnahmsvollem Gesichte hörte er zu . Als der Bauer schließlich so weit war , daß er ihm rückhaltlos seine mißliche Lage eröffnete , nahm Sam eine ernstlich betrübte Miene an . Das tue ihm von Herzen leid , sagte er . » Ja , was wird denn da werden , mein guter Büttner ? Die Gläubiger werden sich mit bloßen Versprechungen wohl nicht beruhigen . Was wird denn da werden ? « » Ja , wißten Sie nich an Rat , Herr Harrassowitz ? « » Ich ! - Ich bitte Sie , mein Bester , wie könnte ich Ihnen da einen Rat geben ; ich bin Kaufmann . In diesen ländlichen Dingen weiß ich gar keinen Bescheid . « » Ich meente - ob Se nich vielleicht - wegen an Gelde ... « » Aber mein verehrter Freund ! Wofür halten Sie mich denn ? « » Ich dachte ack - weil Sie mer duch schun eemal , und Se han mir dunnemals su freindlich gehulfa . « » Ach , Sie meinen damals mit Schönberger ! Ja , sehen Sie , da lag die Sache günstiger . Da war einfach eine todsichere Hypothek zu besetzen - aber hier ... nein , das sind Sachen , mit denen sich ein reeller Geschäftsmann nicht gern abgibt . « Man ging fortan schweigend nebeneinander her . Der alte Bauer in stummer Verzweiflung . Er hatte bei all den Sorgen der letzten Tage im stillen immer auf Harrassowitz gehofft . Wenn alle Stränge rissen , wollte er sich an den wenden , der würde schon einspringen . Nun war es damit auch nichts ! Schon war man an das Gehöfte herangekommen und ging an der hinteren Wand der Scheune entlang , da machte der Händler plötzlich Halt . » Büttner ! « sagte er , » ich habe mir die Sache überlegt : Ihnen muß geholfen werden . Einen Mann wie Sie , der sich so redlich müht , in der Klemme sitzen zu lassen , das bringe ein anderer übers Herz , ich nicht ! Ich werde Ihnen das Geld verschaffen , obgleich ich selbst noch nicht weiß , wo hernehmen . Denn ich habe alles im Geschäfte festgelegt . Unsereiner kann auch nicht immer so , wie er gern möchte . Aber geschafft muß es werden . Erst mal Ihre laufenden Schulden ! die müssen Ihnen zunächst vom Halse geschafft werden . Später wird dann auch für die Hypothek Rat werden . Sagen Sie mir , wie viel die Läpperschulden ausmachen . « Dem alten Manne zitterten die Hände vor freudigem Schreck . Das Glück kam so überraschend , daß es ihm für Augenblicke das Denkvermögen völlig benahm . Er rechnete , nannte einige Zahlen , widersprach gleich darauf , faselte unsicher zwischen seinen eigenen Angaben hin und her . Sam klopfte ihm beschwichtigend auf den Rücken . » Nun , nun , mein Guter ! Nur keine Aufregung ! Wir werden uns das nachher in aller Ruhe berechnen . Jetzt will ich mir mal Ihre Gebäude von innen ansehen . « Man trat in die Ställe . Mit Kennerblick prüfte der Händler den Viehstand . Eine Kuh hatte die Trommelsucht . Sam gab gute Ratschläge für ihre Behandlung . Auch die Scheune besah er sich , prüfte das Gebälk . Selbst in den Schuppen warf er einen Blick . Er untersuchte , ob die Düngerstätte auch die Jauche halte . Dann betrat er den Garten , pflückte sich im Vorbeigehen eine Narzisse , die er ins Knopfloch steckte , ließ sich einen Augenblick auf der Holzbank nieder , die um den alten großen Apfelbaum gegenüber dem Westgiebel des Wohnhauses angebracht war . Nichts gehe ihm über die Traulichkeit des Landlebens , erklärte er und musterte das alte , freundliche Haus mit empfindsamen Blicken ; am liebsten gäbe er sein Geschäft auf und würde selbst ein Bauer . Inzwischen hatte die Bäuerin drinnen einen Kaffee zurecht gemacht , wie er im Büttnerschen Hause noch nicht getrunken worden war . Die wohlbeleibte Frau erschien dann selbst im Garten und bat mit ihrem schönsten Knix den Herrn zum Vesper . Es gab Butter , Quark und Honig zum Schwarzbrot . Sam kostete von allem . Er schmeichelte sich dadurch , daß er so gar nicht wählerisch war , nur noch mehr im Herzen der Wirtin ein . Nachdem er sich satt gegessen und getrunken , lehnte er sich zurück und entnahm seiner Brusttasche ein Zigarrenetui . » Es ist doch gestattet , zu rauchen ? « fragte er lächelnd . » Nach einer guten Tasse Kaffee gehört sich eine Zigarre ! « Dann holte er aus seinem Rocke eine gewichtige Brieftasche hervor , die er vor sich auf den Tisch legte . » Nun vielleicht zum Geschäftlichen , Herr Büttner , wenn ' s recht ist ? « Der Bauer hatte inzwischen in einer Ecke des Zimmers sein Wesen für sich gehabt . Mit Hilfe eines Stückes Kreide schrieb er dort Zahlen an die braune Wand . Jetzt wischte er die Zahlenreihe mit dem Rockärmel aus und trat zu dem Händler . » A Märker dreihundert wer ' ch brauchen , « sagte er mit gedämpfter Stimme , » was blußig de Handschulden sen. « Der Händler klappte die Brieftasche auf und blätterte darin . » De Weibsen megen a mal nausgihn ! « sagte der Bauer , als er bemerkte , daß Ernestine und Therese lange Hälse machten und die Köpfe zusammensteckten . » Mutter , du kannst bleiba und Karle och ! « Die drei jüngeren Frauen entfernten sich darauf schleunigst . Sam hatte der Tasche ein Paket blauer Scheine entnommen . » Ein glücklicher Zufall ! « sagte er , » daß ich gerade heute Geld einkassiert habe . Für gewöhnlich pflege ich nicht so viel bei mir zu tragen . « Er legte drei Hundertmarkscheine nebeneinander auf den Tisch und behielt die übrigen in der Hand . » Hier wäre das Gewünschte , lieber Büttner ! Soll ich Ihnen vielleicht noch hundert Mark darüber geben , da ich ' s einmal hier habe ? « Der Bauer starrte mit großen Augen auf das Geld , rührte aber keinen Finger und sagte auch nichts . » Ihnen gebe ich Kredit , so viel Sie wollen , Büttner . Ein so tüchtiger Wirt wie Sie , mit solch einer Ernte auf dem Felde ! Ihre Unterschrift ist mir so gut wie bar Geld . « Dem alten Manne drehte sich alles vor den Augen . Er sah bald den Händler , bald seine Frau an , die neben ihm stand . Durfte er denn seinen Augen trauen ! war das nicht etwa ein Spuk ! Hier lag das Geld , das er brauchte und noch mehr , auf der Tischplatte , so viel , um ihn aus allen seinen Nöten zu reißen . Hier saß einer , der ihm die Hilfe geradezu aufnötigte . Was sollte man davon denken ? In seiner Ratlosigkeit wollte er schon den ältesten Sohn um seine Meinung befragen . Aber Karl sah dem ganzen Vorgange mit einer so völlig verständnisleeren Miene zu , daß der Alte diesen Gedanken schnell wieder fallen ließ . Er blickte fragend nach seiner Lebensgefährtin hinüber . Die Bäuerin nickte ihm zu , ermutigte ihn : » Nimm ' s ack , Mann ! nimm ' s ack an ! Der Herr meent ' s gut mit uns - ne wohr ? « Der Bauer streckte die Hand aus und wollte nach dem Gelde greifen . » Halt ! Noch eine kleine Formalität ! « meinte Harrassowitz lächelnd und legte schnell sein Taschenbuch auf die Scheine . » Nur der Ordnung wegen ! Wir stehen allezeit in Gottes Hand und wissen nicht , wie schnell wir abgerufen werden können . Dann fehlt es nachher an einem Belege . Das wollen wir doch nicht ! Nicht wahr ? « Er hatte dem Taschenbuche einen schmalen , bedruckten Zettel entnommen . » Tinte und Feder ist wohl im Hause ? « Karl wurde beauftragt , das Gewünschte zu schaffen . » Ordnung muß sein in allem . Das ist man sich als reeller Geschäftsmann schuldig . « Sam füllte das Formular mit einigen Federzügen aus . » Also , ich schreibe Mark vierhundert . Es ist doch recht so ? « Niemand antwortete ; der Bauer atmete so schwer , daß man es durch das ganze Zimmer vernahm . » Dann bitte ich nur , hier zu unterschreiben , « sagte der Händler , stand auf und reichte dem Alten die Feder . Der Büttnerbauer stand eine Weile da , den Zettel drehend und wendend ; mit hilflosen Blicken sah er Frau , Sohn und den Händler an . » Lesen Sie nur erst , Herr Büttner ! « mahnte Harrassowitz . » Ungelesen soll man nichts unterschreiben . « Der Bauer hielt das Papier mit zitternden Händen weit von sich ab und studierte lange . » Nur keine Sorge , mein Guter ; es ist alles drin , was drin sein muß , « witzelte Sam . » Die ganze Geschichte ist in bester Ordnung . Bequemer kann ich ' s Ihnen nicht machen . Hier , das Geld ! Sie bekennen : Wert in bar empfangen zu haben und mir die Summe am ersten Oktober dieses Jahres zurückerstatten zu wollen . Da fällt die Ernte dazwischen , bedenken Sie das ! Kulantere Bedingungen kann ich nicht stellen . Das Papier hier brauche ich zu meiner Sicherung . Eine leere Formalität , weiter nichts , aber sie ist nun mal nötig . Also , bitte ! « Der Alte überlegte noch immer . Seine arbeitenden Züge ließen auf den schwersten Seelenkampf schließen . Sam nahm eine finstere Miene an . » Ich glaube gar , Herr Büttner traut mir nicht ! « sagte er zu der Bäuerin . » In diesem Falle nehme ich mein Geld lieber zurück ! Aufdrängen will ich mich nicht , nein ! Ich dachte nur , ich könnte dem Herrn eine Gefälligkeit erweisen . Aber , wenn er nicht will ... « Mit seiner rotbehaarten Hand griff er bereits nach den Scheinen . » Traugott ! « rief die Bäuerin und stieß ihren Mann in die Seite . » Bis ne verrickt ! Unterschreib ack das Briefel ! « Dann zog sie ihn am Ärmel und raunte ihm zu : » Ar wird glei biese warn , wenn de no lange machst . « Sie reichte ihm selbst die Feder . » Hier , bitte , an dieser Stelle , Herr Büttner ! - Weiter rechts ! ... Hier ! ... Bloß den Namen . « Der Händler wies mit dem Finger genau auf den Fleck . Und so unterschrieb der Büttnerbauer den Wechsel . VIII. Pauline ließ volle vierzehn Tage ins Land gehen , ehe sie der Aufforderung von Komtesse Ida , sie im Schlösse aufzusuchen , nachkam . Sie wäre möglicherweise überhaupt nicht dorthin gegangen , wenn nicht ihre Mutter sie unausgesetzt dazu angetrieben hätte . Eines Nachmittags also zog sie ihr Kirchenkleid an und setzte den neuen Hut auf , den sie sich von Gustavs Gelde angeschafft hatte . So ging sie in ihrem Feiertagsstaat nach dem Schlosse . Die Herrschaft Saland lag ungefähr eine halbe Stunde Wegs von Halbenau entfernt . Ein eigentliches Dorf war nicht vorhanden ; aber das Schloß mit seinen Nebengebäuden bildete an sich einen stattlichen Häuserkomplex . Ein ausgedehnter Park mit Rasenplätzen , Teichen , Gebüschen und Baumgruppen umgab das Herrenhaus . Die eigentlichen Grenzen dieses Parkes waren kaum festzustellen , da er sich in die ausgedehnten Wälder der Herrschaft verlief . Pauline ging auf der großen Heerstraße , die unfern vom Schlosse vorüberführte , hin . Sie bog nicht in den breiten Fahrweg ein , der sich in Schlangenlinien durch den Park zog und schließlich über einen jetzt trocken gelegten Wallgraben vor dem Portal des Schlosses führte . Sie wählte vielmehr einen schmalen Seitenpfad . Das Mädchen war mit den Gebräuchen und Sitten des gräflichen Haushaltes bekannt . Sie wußte , daß gewöhnliche Leute vom Kastellan gar nicht erst zum vorderen Portal eingelassen wurden . Für ihresgleichen gab es einen besonderen Eingang durch das Hinterportal . Sie wollte auch zunächst nur die gräfliche Wirtschafterin besuchen , Mamsell Bumille , die mit ihrer Mutter gut bekannt war , und die sie selbst auch kannte von jener Zeit her , wo sie auf dem Hofe gearbeitet hatte . Mit Mamsell Bumille wollte sie erst Rücksprache nehmen und hören , ob Komtesse Ida überhaupt anwesend und ob sie allein sei . Das Mädchen war sich noch gar nicht im reinen darüber , ob sie den Besuch bei der Komtesse nicht schließlich doch unterbleiben lassen solle . So näherte sie sich auf Seitenpfaden dem Schlosse , einem mächtigen Steinviereck mit hohen , kahlen Wänden , kleinen , weißeingerahmten Fenstern und einem klobigen Turm , der jäh aus einer Ecke aufsprang wie ein schützender Riese . Von geschmackvoller Gliederung war an diesem Bau nichts zu spüren , aber das Ganze wirkte durch seine Masse und Wucht imponierend . Dem Mädchen klopfte das Herz gewaltig . Der Anblick des Schlosses hatte immer etwas Erdrückendes für sie gehabt . Daß es auch nur ein Bau sei , von Menschen aufgeführt , zur Behausung für Menschen bestimmt , nur größer und fester als ihre armselige Hütte , ein solcher Gedanke war ihr noch nie gekommen . Das Schloß war eben das Schloß für sie . Seinesgleichen gab es nicht auf der Welt , und seine Bewohner waren höhere Wesen , die mit gewöhnlichen Sterblichen zu vergleichen , ihr nicht im Traume eingefallen wäre . Der hintere Torweg war offen . Pauline gelangte durch eine gewölbte Einfahrt in den viereckigen Schloßhof , der mit großen Steinplatten ausgelegt war . Die Innenwände des Schlosses waren von hundertjährigem Efeu bis zum dritten Stockwerk dicht überzogen . Nur die Fenster wurden freigelassen von dem dunkelgrünen Geranke . Dicht am Erdboden zeigten diese Efeustöcke einen Durchmesser von Armesstärke . Über Türen und Fenstern waren Hirschgeweihe von beträchtlicher Endenzahl angebracht . Ein Paar dorische Säulen , die das Portal flankierten , trugen einen steinernen Löwen , der in aufrechter Haltung dräuend das gräfliche Wappen in seinen Vorderpranken hielt . Pauline kreuzte diesen Hof . Sie wagte nicht links noch rechts zu blicken , ihr war zumute , als sei sie auf verbotenen Wegen . - Gott sei Dank , niemand begegnete ihr ! Dann schlüpfte sie durch eine kleine Pforte in einer Ecke des Hofes , die , wie sie wußte , auf den Küchengang führte . Hier stand sie nun klopfenden Herzens und wartete , bis jemand von dem Gesinde sie bemerken würde . Ein Mädchen , das aus der Küche kam , sah sie stehen und forschte , was sie hier wolle . Pauline fragte in schüchternem Tone nach Fräulein Bumille . Die Bedienstete klopfte an die nächste Tür . » Mamsell , hier is jemand , der zu Sie will ! « Die Wirtschafterin erschien in der Tür , die Öffnung mit ihrer stattlichen Figur nahezu ausfüllend . » Katschners Pauline ! « rief sie . » Sieh ' eins an ! Na , Mädel , läßt du dich auch mal wieder blicken . Ich sagte noch gestern - oder war ' s vorgestern - sagte ich : was nur mit der Pauline sein mag . Und Komtesse Ida hat auch schon befohlen , wenn Pauline Katschner kommt , soll sie gleich zu ihr geführt werden , nämlich zur gnädigen Komtesse . Na , da komm mal rein zu mir , Mädel ! « Die Dame faßte Pauline ohne weiteres an der Schulter und schob sie in das Zimmer , dessen sich Pauline von früher her recht gut entsann ; es war die » Mamsellstube « . Pauline mußte sich setzen und erzählen . Für die Bumille war der Klatsch Lebensbedürfnis . Sie interessierte sich mit seltener Weitherzigkeit für die intimen Verhältnisse von jedermann ; am liebsten freilich hörte sie Liebesgeschichten . In der herrschaftlichen Küche stand tagein , tagaus eine Kaffeekanne am Feuer . Die Mamsell wußte nur zu gut , welch zungenlösende Wirkung dieser Trank besonders auf ihr Geschlecht ausübt . Auch vor Pauline wurde heute eine Kanne aufgesetzt nebst Kuchen , der ebenfalls für solche Gelegenheiten stets vorrätig war . Nun wurde das Mädchen ausgefragt . Vor allem mußte sie über ihren Gustav berichten , ihren » Bräutigam « , wie die Mamsell sich gewählt ausdrückte . Was er treibe und ob er viel an sie schreibe . Die Bumille ging in ihrer Teilnahme so weit , zu forschen , ob Pauline etwa Briefe von ihm bei sich habe , und schien zu bedauern , als Pauline das verneinte . Ob sie denn auch sicher sei , daß er sie heiraten werde , fragte sie schließlich . Pauline errötete und meinte mit gesenkter Stimme , sie glaube es . Die Bumille war eine große , wohlbeleibte Frauensperson . Ihren grauen Scheitel deckte eine weiße Haube mit lila Bändern . Das meiste an ihr und um sie , von diesen Bändern anzufangen , trug das Gepräge des Hängenden . Die Säcke unter den runden Augen , die schlaffen Lippen zwischen bauschigen Wangen , das Unterkinn , der Busen - kurz , alles an dieser Person zeigte das Bestreben , sich in schlaffer Fülle bodenwärts zu senken . Übrigens wiesen ihre Züge den Ausdruck ungemachter Gutmütigkeit auf . Sie sprach mit etwas schwerer Zunge , was ihren Redeeifer aber keineswegs beeinträchtigte . Mit erstaunlicher Gedächtnisstärke , besonders für unwichtige Dinge , schien sie begabt und von ungewöhnlichem Interesse für die Geheimnisse anderer erfüllt . Nachdem sie aus Pauline alles Wissenswerte herausbekommen , rief sie das Küchenmädchen herbei . » Von dem Dessert einpacken ! Mandeln und Rosinen , Schokolade kann auch dabei sein ! « befahl sie . » Für den kleinen Gustav was zum knabbern , « fügte sie in leutseligem Tone hinzu . Die Bumille war bekannt durch ihre Freigebigkeit . Für Betller und Landstreicher war Schloß Saland ein wahres Eldorado , oder wie es in der Vagabundensprache heißt : eine » dufte Winde « , wo anständig » gestochen « wurde . Es war bei Mamsell Bumille Gesetz , niemanden unbeschenkt von dannen ziehen zu lassen , so erforderte es die Ehre eines herrschaftlichen Haushaltes . » Almosengeben armer nicht ! « war ihr Lieblingswort . Und da sie die Freigebigkeit nur auf Kosten ihrer Herrschaft ausübte , traf das Sprichwort bei ihr auch wörtlich ein . Pauline wurde mit einer großen Tüte , angefüllt mit Süßigkeiten , die sie in ihre Rocktasche versenken mußte - damit » die Herrschaften nichts merkten « - entlassen . Sie bekam auch Grüße für ihre Mutter mit , die sollte die Wirtschafterin doch bald einmal besuchen . Eine Zofe , von denen es in diesem Hause eine Menge zu geben schien , wurde angewiesen , Pauline zu der Komtesse zu führen , deren Zimmer sich im ersten Stockwerke befand . Pauline folgte dem Mädchen . Zunächst ging es durch die geräumige Haushalle . Ein Raum , der mit Waffen , Jagdtrophäen und allerhand fremdartigen bunten und blinkenden Gegenständen ausgestattet war . Dann die Treppe hinauf ! Pauline fühlte ihren Fuß in weichen Teppichen versinken . Das rief ihr mit einem Male ihre früheren Besuche mit wunderbarer Deutlichkeit ins Gedächtnis zurück : dieses leichte , wohlige Gefühl , das der unter den Füßen nachgebende Pfühl gibt , das sie seit der Kinderzeit nicht wieder gehabt hatte . Sie stand schließlich im Zimmer der Komtesse , ohne recht zu wissen , wie sie dahin gekommen . Ida hatte an ihrem Schreibtisch gesessen . Sowie Pauline eintrat , erhob sie sich und kam auf das Mädchen zu . Heute , wo sie in ihrem eigenen Heim war , ohne Zeugen , umarmte die Komtesse die ehemalige Spielgefährtin . Dann rückte Ida einen Rohrsessel heran , auf den sich Pauline setzen mußte , sie selbst nahm neben ihr Platz . Pauline blieb scheu und fühlte sich befangen , vielleicht gerade wegen des freundlichen Entgegenkommens der Komtesse . Früher , als sie beide noch kleine Dinger gewesen waren , die miteinander getollt und in den Büschen des Parkes Verstecken gespielt hatten , war Pauline der anderen entschieden überlegen gewesen , nicht bloß durch Körperkraft und Geschicklichkeit , auch durch Findigkeit und Mutterwitz . Das Dorfkind , vor dessen Augen kein Geheimnis der Natur künstlich verborgen gehalten worden , war in tausend Dinge eingeweiht , die der Komtesse rätselhaft waren . Das hatte ihr jene natürliche Schärfe der Sinne und der Instinkte gegeben , wie sie etwa der Wilde vor dem zivilisierten Menschen voraus hat . Dieses Verhältnis hatte sich nun freilich in den letzten Jahren verschoben . Wer die beiden Mädchen jetzt nebeneinander sah , Pauline , in ihr Konfirmationskleid gezwängt , mit plumpen Schuhen , unter ihrem neuen Hute , dessen aufdringlicher Blütenschmuck ihre bräunliche Hautfarbe schändete , dazu die schlechte Haltung des Oberkörpers , der an das wahrscheinlich viel zu enge Korsett nicht ! gewöhnt war , die Haltung der Arme , die wohl zur Arbeit kräftig waren , die sich aber hier im Boudoir ihrer eigenen Kraft zu schämen schienen - und dieser ländlichen Schönheit gegenüber nun die andere , mit ihrem stolzen Gesichtsschnitt , der edlen Kopfform , den verfeinerten wie gemeißelten Zügen , den unbewußten Ausdruck von Überlegenheit in Blick und Lächeln , mit durchsichtigem Teint und schlanken , weißen Händen , alles gepflegt und