allerdings so flüchtig - « Er stockte . Nun mußte Tante Gundi sprechen , und es gelang ihr . » Sehr flüchtig , allerdings ! Ich war in so großer Sorge um das Kind , wir wurden vom Unwetter überrascht , das Kind ist sosehr disponiert für Erkältungen , und ich hoffe , Sie haben es nicht als Unhöflichkeit ausgelegt - ich mußte das Kind so rasch wie möglich nach Hause bringen . « » Aber bitte , gnädiges Fräulein ! Ihre Befürchtung hat sich hoffentlich nicht bestätigt ? « » Nein , Gott sei Dank ! Und da ist es mir angenehm , daß ich so rasch Gelegenheit finde , Ihnen für den Ritterdienst zu danken . « Sie bot ihm die Hand , und als er sie erfaßte , begann sie wieder zu zittern und hing mit verlorenem Blick an seinen Zügen . Dieser Blick befremdete ihn , und Tassilo fragte erschrocken : » Tante Gundi ? « Fräulein von Kleesberg schien einer Ohnmacht nahe , und Forbeck stammelte : » Gnädiges Fräulein , ist Ihnen nicht wohl ? « » Doch , doch , es ist nur - ich habe gestern - « » Für Fräulein von Kleesberg ist das Abenteuer nicht so glücklich ausgefallen wie für meine Schwester , « fiel Tassilo ein , » die Folge war eine Unpäßlichkeit , die noch immer nicht ganz behoben ist . « In Forbeck regte sich ehrliche Sorge . » Ach , das bedaure ich aber ! « » O bitte , ich selbst habe kein Erbarmen mit mir , meine Migräne , das ist immer ein dreitägiger Kampf mit dem Drachen ! « versuchte Tante Gundi zu scherzen . » Aber nun bitt ' ich zu entschuldigen , ich habe so spät erfahren , und die Pflicht der Hausfrau - « Ein verstörtes Lächeln , und sie rauschte zur Tür . Im Flur drückte sie die Hände an die Schläfen , als stünde sie vor einem unlösbaren Rätsel . Wie eine Schlafwandlerin suchte sie ihr Zimmer und wollte die Tür öffnen , die in Kittys Stübchen führte ; sie war versperrt . » Ja , Tantchen , nur einen Augenblick , gleich bin ich fertig ! « Fräulein von Kleesberg ließ sich vor dem Spiegel nieder , um die Spuren zu verdecken , die ihre Tränen durch das blühende Wangenrot gezogen hatten . Kitty erschien auf der Schwelle , frisch wie ein Frühlingsmorgen , in einem weißen Tenniskleid , das sie zum erstenmal trug , eine Rose an der Brust . Heiter klatschte sie die Hände zusammen : » Ach , sieh nur Tantchen , du machst dich ja auch schön ! « Die Kleesberg murrte ein paar unverständliche Worte , während Kitty hinter ihren Sessel trat . » Ist er schon da ? « fragte sie , obwohl sie im Flur seinen Schritt gehört hatte , seine Stimme . » Natürlich ! Solche Leute fürchten immer die Suppe zu versäumen . « Gundi Kleesberg tauchte mit dem Anschein größter Seelenruhe die Quaste in die Puderbüchse . » Ich hab ' ihm auch in deinem Namen ein paar freundliche Worte für den kleinen Dienst gesagt , den er dir gestern geleistet hat . Die Sache ist erledigt . Sei immerhin artig und höflich gegen ihn . Man muß solche Leute nicht gleich bei der ersten Gelegenheit die unausfüllbare Kluft empfinden lassen , die zwischen uns und ihnen liegt . « » Ich werde gegen ihn so artig als möglich sein , schon dir zuliebe . « » Mir zuliebe ? « » Tas hat mir gesagt , daß er der Lieblingsschüler jenes Professors wäre , weißt du , jenes berühmten Mannes , für den du so riesig schwärmst . « » Werner ? « Gundi Kleesberg , aus deren Hand die Puderquaste gefallen war , wandte das Gesicht mit weit geöffneten Augen . » Das freut dich ? « fragte Kitty , während sie lauschend zur Tür blickte . Draußen gingen Schritte vorüber , und man hörte die Stimme Tassilos , der seinen Gast auf die merkwürdigsten der Geweihe aufmerksam machte , von denen die Flurwände starrten . Drunten im reich geschmückten Vorhaus nannte Tassilo die Heimat der exotischen Trophäen , an die sich manch ein waghalsiges , um Gesundheit und Leben spielendes Abenteuer seines Vaters knüpfte . » Diese tausend Trophäen hat Ihr Vater selbst erbeutet ? « fragte Forbeck erstaunt . » Wie ist das möglich ? Ihr Vater ist wohl nicht mehr jung , aber auch ein hundertjähriges Leben kann doch neben Beruf und Arbeit nicht so viel Muße bieten - « » Muße ? Mein Vater kennt keine Muße in seinem Beruf . Seine Arbeit , sein einziger Lebensberuf ist eben die Jagd . Er ist sechzig Jahre , mit fünfzehn Jahren hat er angefangen . Da läßt sich was leisten . « Forbeck blickte auf , vom herben Klang dieser Worte betroffen . » Sie sind kein Jäger ? « » Nein ! Ich hatte wohl Freude an der Jagd , aber ich hab ' sie mir abgewöhnt . Es ist nicht überall Sitte , so zu jagen , wie es mir Vergnügen macht . Anders behagt es mir nicht . Wer nicht ein Handwerker der Jagd ist , wie der diensttuende Jäger , der sollte an der Jagd doch besseren Wert entdecken als den Nervenreiz , den der Kampf zwischen menschlicher List und tierischer Schlauheit gewährt . Für meinen Geschmack liegt der edelste Reiz der Jagd in der innigen Berührung mit der Natur , die sich auf einsamen Gängen vor uns öffnet wie ein mystisches Buch . Da liest man Wunder über Wunder . Dieser Größe gegenüber lernt man erst sein eigenes Menschenmaß richtig einschätzen . Man fühlt sich immer kleiner und kleiner . Diese Erkenntnis hat nichts Bedrückendes , nichts Demütigendes . Im Gegenteil , man kommt zu Klarheit und Ruhe , wird allen spekulativen Unsinn los und verwandelt sich selbst in ein Stücklein gesunder Natur . Man sagt sich : So klein bist du , aber den Raum , den die Natur deinem Persönchen zugewiesen , mußt du ausfüllen , also nütze dein Leben und freue dich seiner ! « Die Falte auf Tassilos Stirn war verschwunden . Er nahm den Arm seines Gastes ; nach wenigen Schritten blieb er vor einer Tür stehen . » Das muß ich Ihnen zeigen : das Allerheiligste meines Vaters . « Forbeck erwartete irgendein weidmännisches Märchen zu sehen und machte verblüffte Augen , als er über die Schwelle trat . Eine kleine , weiß getünchte Stube mit gescheuerten Dielen , das Fenster ohne Vorhänge . Die ganze Einrichtung bestand aus einem eisernen , mit grauen Loden bedeckten Bett , einem alten , mit schwarz gewordenem Leder bezogenen Lehnstuhl und einer großen , eisernen Kasse . An den Wänden hingen , dicht bei der Decke beginnend , gegen tausend Gemsgehörne , eines neben dem anderen , Reihe unter Reihe , so daß von den weißen Wänden kaum noch ein tischhoher Streif über den Dielen frei war . Rings um den Fuß der Wände standen Bergschuhe nebeneinander , mehr als hundert Paar , von feinem Staub überschleiert . Der Geruch des gefetteten Leders lag schwer in der Stube . » Wenn mein Vater die Jagdhütte verläßt , um in Schloß Hubertus ein paar Tage auszuruhen , dann wohnt er in dieser Stube . Sie umschließt , was ihm am meisten Freude macht . Auf diese Schuhe ist er stolz , er selbst hat die Art ihres Eisenbeschlags erfunden , für jede Bergformation eine andere Gattung . Wir haben einen Schuster im Dorf , der fast ausschließlich für meinen Vater arbeitet und dabei eine große Familie ernährt - die Sache hat also auch ihren guten Zweck . Und hier in diesem Eisenkasten hält Papa eine andere Freude verschlossen . Er hat eine Vorliebe für ungefaßte Edelsteine , namentlich für Saphire und Rubinen . Diamanten liebt er nur in spindelförmigem Schliff . Es gibt Leute , zu denen er so viel Vertrauen hat , daß er sie zuweilen einen Blick hinter das eiserne Türchen werfen läßt . Wir Kinder haben diese Schätze noch nie gesehen . Aber sein Büchsenspanner erzählt Wunder von dieser Sammlung . Das ist auch der einzige Mensch , der das Zutrauen meines Vaters so sehr genießt , daß er jeden Monat einmal die Gemskrucken von der Wand nehmen darf , um sie zu reinigen . Sie stammen von den Gemsböcken , die Papa auf seinen eigenen Bergen rings um Hubertus geschossen hat . Sein größter Stolz ! Er hat es auch weit gebracht . Vor dreißig Jahren , als er das Jagdrecht von den Bauern übernahm , schoß er im ersten Sommer nur vierzehn Böcke , jetzt bringt er es jährlich auf hundert und darüber ! Das ist doch ein Erfolg , er die Arbeit eines ganzen Lebens lohnt ? Nicht ? « Scheu blickte Forbeck zu Tassilo auf , der diese Worte mit unveränderlichem Lächeln vor sich hingesprochen hatte und nun schwieg . Forbeck fühlte sich von einem kalten Hauch berührt , als schliche das Gespenst des Hauses an ihm vorüber . Nur um das Schweigen zu brechen , fragte er : » Der Büchsenspanner , von dem Sie sprachen , ist das jener Franzl von gestern ? « » Gott bewahre ! Der Hornegger-Franzl ist ein braver , tüchtiger Bursch . Der Jäger , den ich meine , das ist ein ehemaliger Holzknecht . Vor etwa dreizehn Jahren ist er meinem Vater unter den Treibern als besonders verwegen aufgefallen . Papa machte ihn zum Jäger und vor einigen Jahren zu seinem Büchsenspanner und Geheimrat . Wenn Sie auf Ihren Ausflügen einem Jäger begegnen , dessen Blick Ihnen das Blut ins Gesicht treibt - das ist er . Mein Vater schwört auf diesen Menschen . Mir hat seine unvermeidliche Gesellschaft die Freude an der Jagd verdorben . Ich greife nur noch zur Büchse , wenn ich befohlen werde . Und Papa befiehlt nicht oft . Er schießt seine Gemsböcke lieber selbst . Und es ist sein einziger Wunsch , so lange zu leben , bis er den leeren Streif an der Wand da noch ausgefüllt hat . Hoffentlich befriedigt das Schicksal diese heißeste Sehnsucht seines Daseins ! Ich wünsch ' es ihm von Herzen . « Auf dem Dach des Schlosses läutete eine Glocke . » Kommen Sie ! Die Tischglocke . « Sie verließen die » Kruckenstube « . Im Billardzimmer - einen Salon gab es in Hubertus nicht - fanden sie Gundi von Kleesberg und Kitty . Die schwüle Stimmung , die Forbeck in den letzten Minuten empfunden hatte , verschwand , als ihm Kitty entgegentrat . » Ich freue mich sehr , Sie bei uns zu sehen . « Er faßte ihre Hand , brachte aber kein Wort heraus . Tante Gundi wurde unruhig ; zum Glück erschien in diesem Augenblick der Diener unter der Tür , und die Kleesberg rauschte auf das Pärchen zu : » Darf ich bitten ? « Da war sie schon wieder in neuer Verlegenheit ; die Ordnung , in der man zu Tisch gehen sollte , schien ihr Sorge zu machen . Ratlos blickte sie auf Tassilo und winkte mit den Augen . Sie fand unerwartete Hilfe . Forbeck trat auf Tante Gundi zu und reichte ihr den Arm . Das machte sie so verwirrt , daß sie auf seine Frage , ob ihr Befinden sich bereits gebessert hätte , eine ganz verdrehte Antwort gab . Kitty nahm den Arm des Bruders . » Was sagst du ? So was von Höflichkeit ! « Kichernd drückte sie die Wange an seine Schulter . 8 Nach dem Diner wurde auf der offenen Veranda der Kaffee eingenommen . Die Blätterschatten der Jerichorosen und wilden Reben , deren Laub sich schon zu röten begann , zitterten über dem weißen Tisch , und draußen plauderte die Fontäne mit funkelndem Tropfenfall . Während Gundi Kleesberg die Schalen füllte , bot Tassilo seinem Gast die Zigarrenkiste und bediente sich selbst ; dann ließ er sich in den geflochtenen Sessel fallen , ohne seiner täglichen Gewohnheit zu folgen und nach den Zeitungen zu greifen , die Fritz auf den üblichen Platz gelegt hatte . Das gewahrte Kitty und sprang auf . » Kommen Sie , Herr Forbeck , ich zeige Ihnen was , das müssen Sie sehen . « Sie gingen zum Teich , und Forbeck folgte . » Sehen Sie , die riesigen Forellen ! Die jüngeren wurden erst heuer eingesetzt , aber die größeren haben wir schon vier Jahre . Sehen Sie die ganz große hier : Die kennt mich , weil ich sie füttere . Sehen Sie nur , jetzt kommt sie schon ! « Lockend streckte sei die Hand und flüsterte , ohne Forbeck anzusehen : » Ich bitte , sagen Sie meinem Bruder ein Wort , er ist unglücklich , wenn er seine Zeitungen nicht lesen kann . « Forbeck nickte lächelnd und beugte sich über den Rand des Teiches ; im grünlichen Wasser , zwischen Blättern und Algen , sah er ein schimmerndes Spiegelbild , ein sonniges Gesichtchen , das der vorfallende Rand der weißen Mütze bis über die Augen beschattete . » Sehen Sie nur , wie die Große die Kleinen verjagt ! « lachte Kitty mit lauter Stimme und flüsterte wieder : » Wenn Tas seine Zeitung hat , kommt Tante Gundi auch dazu , mit Ihnen zu plaudern . Bei Tisch waren Sie ja nur für Tas vorhanden . Das hat Tante Gundi nervös gemacht . Ja , Sie haben auch Tante Gundi stark vernachlässigt . « » Verzeihen Sie ! « flüsterte Forbeck und blickte in die Augen des Spiegelbildes , das unter dem Fall verirrter Tropfen verschwamm , um gleich wieder aufzuleuchten . » Verzeihen ? Erst müssen Sie Ihre Sünde wieder gutmachen . Und sprechen Sie mit Tante Gundi über Professor Werner , sie schwärmt für ihn . « Die Stimme hebend , schritt sie am Rand des Teiches entlang . » Nein , wie das komisch ist ! Sehen Sie doch , da schwimmt sie mir richtig nach ! « Sie gewahrte , daß die Kleesberg auf der Veranda erschien . » Ja , Tantchen , wir kommen schon ! « Forbeck erwies sich folgsam . Als sie wieder um den Tisch saßen , löste er seine erste Aufgabe mit Erfolg ; Tassilo sträubte sich nicht lange , und während er eines der Blätter entfaltete , machte Forbeck sich an seine zweite Aufgabe und fragte Fräulein von Kleesberg , ob sie die Ausstellung im Münchener Glaspalaste besucht hätte . » Gewiß ! « nickte Tante Gundi , ohne von der Stickerei aufzublicken , an der sie zu arbeiten begonnen . » Wir waren nur zwei Tage in München , « fiel Kitty ein , » und da waren wir dreimal im Glaspalast . Tante Gundi konnte sich nicht satt sehen . Sie versteht sehr , sehr viel von Kunst . « » Aber Kind ! « » Das ist doch die Wahrheit ! « Kitty wandte sich an Forbeck . » Gegen Mittag kamen wir in München an , von Würzburg . Wir waren seit dem Frühjahr bei Onkel Benno auf Eggeberg zu Besuch . Um halb ein Uhr waren wir daheim in München , um zwei Uhr schon im Glaspalast . Tanti Gundi konnte es kaum erwarten . « Noch tiefer beugte die Kleesberg das Gesicht über die Stickerei . » Ich habe viele Jahre im Stift gelebt . Und das war nach langer Zeit wieder die erste Ausstellung , die mir zu sehen vergönnt war . « » Darf ich fragen , was Ihnen am besten gefiel ? « Tante Gundi zählte die Stiche ; dabei zitterte die Nadel in ihrer Hand . » Das ist schwer zu sagen . Wir haben eine große Menge herrlicher Bilder gesehen - « Kitty fuhr mit einer Frage dazwischen . » War in der Ausstellung auch ein Bild von Ihnen , Herr Forbeck ? « » Ja . « » Ach , wie schade ! Das müssen wir übersehen haben . « Gundi Kleesberg warf ihr einen mißbilligenden Blick zu und sagte entschuldigend : » Es hing wohl in einem der Säle , für die uns keine Zeit mehr blieb . Ich bedaure wirklich - « Forbeck lächelte . » Da haben Sie nicht viel verloren . « » Na , nur nicht so bescheiden , « fiel Tassilo ein , » Ihr Bildchen ist eine famose Arbeit . Sogar Werner war zufrieden , und das will viel sagen . « Die Kleesberg zerrte an dem Seidenfaden , der sich im Stoff verfangen hatte . » Professor Werner ist Ihr Lehrer , Herr Forbeck ? « » Ja , gnädiges Fräulein ! Und sein Bild , das die Perle der Ausstellung ist , haben Sie doch gewiß gesehen ? « Die Antwort zögerte . » Ich glaube mich zu erinnern . « » Aber Tante Gundi ! Wie kühl ! Vor dem Bild warst du Feuer und Flamme , so bewegt , so ergriffen ! Und jetzt kannst du sagen : Ich glaube mich zu erinnern . « Herzlich hingen Forbecks Augen an der Kleesberg . » Ich verstehe Sie , gnädiges Fräulein ! Was man in weihevoller Stunde empfand , verschließt man wie einen kostbaren Schatz . Es hat mir Freude gemacht , von der Wirkung zu hören , die Werners Bild auf Sie übte . Er hat Tausende von Verehrern . Aber es ist für mich immer ein Feiertag , wenn ich Menschen kennenlerne , die ihn ganz verstehen . Das macht uns Werner nicht immer leicht . Nun gar dieser Spätherbst , den Sie in München gesehen haben ! Das ist für die Menge ein versiegeltes Buch . Nur ein stilles , landschaftliches Motiv . Aber was redet aus diesen Farben ! « Tante Gundi hatte die Arbeit sinken lassen und blickte lauschend vor sich hin . » Ich hab ' es an mir selbst empfunden , wie dieses Bild zu ergreifen vermag mit seinem Ernst und seiner träumenden Schwermut . Es war eine von Werners Lieblingsarbeiten . Er hat das Bild ohne Vorlage der Natur gemalt . Und doch diese überzeugende Wahrheit ! In früheren Jahren muß er dieses Motiv einmal in Wirklichkeit gesehen haben . Solche Natur erfindet man nicht . Und ich glaube , daß sich für ihn an diese landschaftliche Szenerie eine teure Erinnerung knüpft . Er hat eine Vorliebe für dieses Motiv , das sich mit veränderten Zügen auf verschiedenen seiner Bilder findet . « Gundi Kleesberg rührte die Nadel wieder , mit den Augen so nahe bei der Arbeit , als wäre sie kurzsichtig . » Eines seiner ältesten Bilder hat mit dem Spätherbst eine auffallende Ähnlichkeit . Und doch , welcher Unterschied ! Damals der heiße , leidenschaftliche Kampf mit dem Vorwurf , auch noch die unsichere Hand , die unter dem Sturm der Seele zittert , ihn nicht in Linien zu bannen vermag . Und jetzt die abgeklärte Ruhe , die freie Beherrschung des Stoffes , der sich äußerlich kaum veränderte . Aber nach innen ist alles vertieft , alles klingt zusammen in Harmonie . Das ist Wirklichkeit , zum Kunstwerk erhoben . Und die Entwicklung dieses Motivs , von jenem ersten Versuch bis heute - ich möchte fast sagen : das ist wie eine Biographie Werners . « Forbecks Stimme wurde warm . » Was einmal lebt in ihm , das hat festen Halt . Sein Herz ist wie eine bessere Welt . Da gibt es kein Vergehen , nur immer ein schöneres Werden . Das gilt nicht nur von ihm als Künstler . So ist er auch als Mensch . Wer das Glück hat , ihn kennenzulernen , muß in Liebe zu ihm aufblicken . « Aus den Augen der Kleesberg fielen zwei schwere Tropfen auf die Arbeit . Schweigen trat ein , und man hörte nur das Plätschern der Fontäne . Diese plötzliche Stille weckte Tassilo aus seiner Lektüre ; er blickte verwundert auf und ließ die Zeitung sinken . Kitty atmete tief , als wäre mit Forbecks Schweigen ein fesselnder Bann von ihr gewichen ; und nun bemerkte sie die nassen Augen der Kleesberg . » Tante Gundi ? « » Was ist denn los ? « fragte Tassilo . Gundi Kleesberg hob das Gesicht ; durch den weißen Puder liefen zwei dunkle Furchen . Sie sagte leis : » Das hat mich sehr ergriffen . Wie Herr Forbeck an seinem Lehrer hängt , das ist schön . « Ihre scheuen Augen streiften den jungen Künstler ; auch noch zwei andere Augen hingen an ihm , groß und glänzend . Forbeck wurde verlegen . » Sie setzen auf meine Rechnung , was nur ein Verdienst Werners ist . Wenn Sie ihn kennen würden - « » Hast du ihn noch nie gesehen ? « fragte Kitty . » Nein ! « Und zögernd , während sie ihre Arbeit wieder aufnahm , fügte Gundi Kleesberg hinzu : » Ich gestehe - da ich ihn als Künstler sosehr verehre , würde es mich lebhaft interessieren - « » Ach so ? Ihr habt wohl die ganze Zeit von Werner gesprochen ? « sagte Tassilo , streifte den langen Aschenstengel von der Zigarre und wandte sich an Tante Gundi . » Wenn Sie neugierig sind : stellen Sie sich Herrn Forbeck um fünfundzwanzig Jahre älter vor , und Sie haben ungefähr einen Begriff , wie Werner aussieht . « » Diese Ähnlichkeit ist auch Ihnen aufgefallen ? « fragte Forbeck , erfreut über Tassilos Worte . » Schon damals , als ich Sie kennenlernte . Ich hab ' auch schon mit Werner darüber gesprochen . Das ist eine merkwürdige physiologische Erscheinung . « Gundi Kleesberg hob den ängstlichen Blick . » Sie sind mit Professor Werner verwandt ? « Tassilo lachte . » Aber dann wäre ja die Sache sehr einfach und natürlich . « Nun wurde auch Kitty neugierig . » Das ist aber doch ein seltsamer Zufall . « » Das ist kein Zufall ! « sagte Forbeck . » Vor Jahren bestand diese Ähnlichkeit nicht . Sie hat sich erst während meines Zusammenlebens mit Werner ausgebildet . Wir haben Nachforschungen angestellt , ob nicht doch unsere Familien irgendwie in verwandtschaftlicher Beziehung stünden . Aber nicht die geringste Spur war zu entdecken , obwohl wir die Kirchenbücher seiner und meiner Heimat bis zurück in die Zeit unserer Urgroßväter durchstöberten . Werner ist Oberfranke , ich bin ein Allgäuer Schwabe . Von unseren Familien saß jede in ihrem heimatlichen Dorf , mit einer Verwandtschaft , die über fünf Stunden im Umkreis nicht hinausreichte . Nein . Diese Ähnlichkeit hat andere Gründe . « In Forbecks Augen war ein träumendes Leuchten . » Ein Zufall hat mich in Werners Weg geführt , er glaubte Begabung in mir zu erkennen und nahm sich meiner an . Nun darf ich seit Jahren mit ihm leben wie der jüngere Bruder mit dem älteren . Werner hat mein Können gebildet , mein Denken und Empfinden geweckt . Er hat in geistigem Sinne aus mir ein Stück seiner selbst gemacht . Bei diesem jahrelangen , innigen Zusammenleben mußte es doch so kommen , daß ich auch äußerlich von ihm annahm , und daß mein völliges Aufgehen in ihm , mein Anschmiegen an seine geistige Überlegenheit und der Ehrgeiz , mit dem ich ihm nachstrebe , sich auch in meinen Zügen ausprägen mußte . « Kitty schüttelte das Köpfchen . » Ist denn so was möglich ? « » Gewiß ! « erklärte Tassilo . » Du hast den lebendigen Beweis vor dir . Unser äußerlicher Mensch in seiner Entwicklung ist nicht nur von dem Rindfleisch abhängig , das wir zu Mittag verspeisen . Auch von allem , was uns durch Kopf und Herz geht . Diese Erscheinung zeigt sich häufig bei Mann und Frau , die in glücklicher Ehe leben . Sie beginnen auch äußerlich einander ähnlich zu werden , wie Bruder und Schwester fast . « » Aber Tas ! Soll das ein Beweis sein ? Herr Forbeck ist mit Professor Werner doch nicht verheiratet ! « Nun lachten sie alle . Sogar Tante Gundi konnte bei dem drolligen Ernst , mit welchem Kitty das herausgeplaudert hatte , ein Schmunzeln nicht unterdrücken . Während sie noch lachten , brachte Fritz einen Brief für Tassilo . Er schien die Schrift der Adresse zu erkennen und öffnete hastig ; als er las , wurde er wieder ruhig . » Der Bote soll warten , ich will Antwort schreiben . « Er legte die Hand auf Forbecks Schulter . » Sie verzeihen - « Kitty erhob sich . » Tas ? Du hast doch hoffentlich keine unangenehme Nachricht bekommen ? « » Nein . « Tassilo vermied den Blick der Schwester . » Einer meiner Klienten , der im Seehof abgestiegen ist , fragt mich in einem -in einer Prozeßangelegenheit um Rat . Entschuldige ! « Er trat ins Haus . Auch Gundi Kleesberg hatte sich erhoben und schlug einen Spaziergang durch den Park vor . Kitty hatte andere Pläne , die sie auch durchzusetzen wußte . Wenige Minuten später war auf dem geschorenen Rasen das Netz gespannt , und während Tante Gundi mit ihrer Arbeit im Schatten einer Ulme saß , flogen auf der Wiese die weißen Bälle . Forbeck zeigte dabei so zweifelhafte Fähigkeiten , daß ihm Kitty lachend zurief : » Na , hören Sie , Herr Forbeck , hoffentlich malen Sie sehr viel besser , als Sie Tennis spielen . Sonst sieht es mit der Unsterblichkeit schlecht aus . « Es war aber auch zuviel verlangt , daß er seine Augen bei Ball und Stellung haben sollte , während drüben über dem Netz das sonnige Figürchen flatterte , lachend , von jungem Leben sprühend , glühend von der Freude am Spiel , Liebreiz in jeder Bewegung . Neben aller Anmut verriet sich in dem behenden Mädchenkörper auch eine gesunde Kraft . Scharf und sicher spähten die Augen , wenn der Ball geflogen kam . Die geschulte Hand führte den Schlag , wenn auch mit scheinbarer Leichtigkeit , doch mit so ausgiebigem Druck , daß der Ball flinker zurückflog , als er gekommen war . Der Verlust auf Forbecks Seite wuchs und wuchs , während mit jedem Fehlschlag , den er machte , Kittys Vergnügen am Spiel sich steigerte . Fast schien es ihr ein grausames Behagen zu bereiten , den minder geschulten Partner alle Schikanen und Finten des Spiels empfinden zu lassen . Sie machte ihn springen , daß ihm der Atem zu versagen drohte . Das Erscheinen des Dieners , der mit einem Brief für Kitty kam , unterbrach das Spiel . » Für mich ? « staunte sie und streifte die zerzausten Löckchen aus der heißen Stirne . » Schreibt denn heute die ganze Welt an uns ? Zuerst an Tas und jetzt an mich ? « » Den Brief hat der alte Moser gebracht . « » Von Papa ? « Das Racket schwirrte ins Gras , und Kitty flog auf den Diener zu . Während sie den Brief erbrach , ging Fritz zu Fräulein von Kleesberg : Moser wäre mit Aufträgen vom Herrn Grafen gekommen und hätte mit ihr zu sprechen . Tante Gundi eilte ins Haus - ein Auftrag Graf Egges war für ihren Kopf immer ein Wirbel von Schreck und Ängstlichkeit . Kitty hatte den Brief , der in den groben Zügen einer schweren Hand geschrieben war , schnell zu Ende gelesen - was Graf Egge seiner Tochter nach langer Trennung zu sagen hatte , erledigte sich in wenigen Zeilen . Sie mußte sich abwenden , um vor Forbeck ihre Enttäuschung zu verbergen . Aber er hatte ihre schmerzliche Bewegung gewahrt und folgte ihr zur Bank . Während sie den zerknüllten Brief in der Tasche begrub , verstand sie die sorgende Frage in Forbecks Augen . » Ach , gar nichts von Bedeutung . Ich hatte mich nur sosehr auf Papa gefreut . Er hat noch immer keine Zeit für mich . « Seufzend ließ sie sich auf die Bank sinken und bohrte die Fußspitzen in den weißen Kies . In Forbeck erwachte die Erinnerung an alles , was er in Graf Egges Kruckenstube gehört und empfunden hatte , und wieder fühlte er jenes beklemmende Frösteln . Während dieses Schweigens tönte von den Bergen ein murmelndes Rollen , wie schwacher Donner aus meilenweiter Ferne - es war der verschwommene Widerhall der Schüsse , die Graf Egge auf die Gemsen abgegeben hatte . Kitty hob die feuchten Augen und spähte hinauf ins Blau . » Das war geschossen ! Vielleicht hat er ihn jetzt ? « Sie sprang auf und drückte die Hände über die Schläfen , als möchte sie ihre Unruhe gewaltsam bezwingen . Sogar ein Lachen versuchte sie . » Kommen Sie , Herr Forbeck , wir beide wollen uns nicht stören lassen . Spielen wir weiter ! « Sie wollte zum Tennisplatz ; als sie an Forbeck vorüberhuschte , verfing sich die Leinenspitze ihrer flatternden Schärpe an einem Knopf seines Ärmels . Es knackte . » Ach Gott ! « Forbeck wollte die Gefangene befreien , doch seine Hand zitterte , und statt die Fadenschlinge zu lösen , verwirrte er sie noch mehr . Eine Weile ließ ihn Kitty lächelnd gewähren ; endlich schob sie seine Hand beiseite . » Sie entwickeln eine Geschicklichkeit , daß es rührend ist . Lassen Sie mich machen , Sie haben ja auch nur eine Hand frei . Aber bitte , stillhalten ! « Sie begann mit ihren schlanken , rosigen Fingerchen an den Fäden zu nesteln , aber die Sache ging nicht so leicht . Um genauer zu sehen , neigte sie das Gesicht , und Forbeck fühlte auf seiner Hand ihren warmen Atem . » Das ist aber doch - « Nun wurde sie ungeduldig . » Ich soll wohl gar nicht mehr von Ihnen loskommen ? « Sie hob den Kopf