Vorausgesetzt , daß sie sich tummeln , daß so was wirklich existiert . Und dann bin ich überrascht , solcher Furcht und Abneigung gerade bei dir zu begegnen , bei einer Briest . Das ist ja , wie wenn du aus einem kleinen Bürgerhause stammtest . Spuk ist ein Vorzug , wie Stammbaum und dergleichen , und ich kenne Familien , die sich ebensogern ihr Wappen nehmen ließen als ihre Weiße Frau , die natürlich auch eine schwarze sein kann . « Effi schwieg . » Nun , Effi . Keine Antwort ? « » Was soll ich antworten ? Ich habe dir nachgegeben und mich willig gezeigt , aber ich finde doch , daß du deinerseits teilnahmsvoller sein könntest . Wenn du wüßtest , wie mir gerade danach verlangt . Ich habe sehr gelitten , wirklich sehr , und als ich dich sah , da dacht ich , nun würd ich frei werden von meiner Angst . Aber du sagst mir bloß , daß du nicht Lust hättest , dich lächerlich zu machen , nicht vor dem Fürsten und auch nicht vor der Stadt . Das ist ein geringer Trost . Ich finde es wenig und um so weniger , als du dir schließlich auch noch widersprichst und nicht bloß persönlich an diese Dinge zu glauben scheinst , sondern auch noch einen adligen Spukstolz von mir forderst . Nun , den hab ich nicht . Und wenn du von Familien sprichst , denen ihr Spuk soviel wert sei wie ihr Wappen , so ist das Geschmackssache ; mir gilt mein Wappen mehr . Gott sei Dank haben wir Briests keinen Spuk . Die Briests waren immer sehr gute Leute , und damit hängt es wohl zusammen . « Der Streit hätte wohl noch angedauert und vielleicht zu einer ersten ernstlichen Verstimmung geführt , wenn Friedrich nicht eingetreten wäre , um der gnädigen Frau einen Brief zu überreichen . » Von Herrn Gieshübler . Der Bote wartet auf Antwort . « Aller Unmut auf Effis Antlitz war sofort verschwunden ; schon bloß Gieshüblers Namen zu hören tat Effi wohl , und ihr Wohlgefühl steigerte sich , als sie jetzt den Brief musterte . Zunächst war es gar kein Brief , sondern ein Billet , die Adresse » Frau Baronin von Innstetten , geb . von Briest « in wundervoller Kanzleihandschrift und statt des Siegels ein aufgeklebtes rundes Bildchen , eine Lyra , darin ein Stab steckte . Dieser Stab konnte aber auch ein Pfeil sein . Sie reichte das Billet ihrem Manne , der es ebenfalls bewunderte . » Nun lies aber . « Und nun löste Effi die Oblate und las : » Hochverehrteste Frau , gnädigste Frau Baronin ! Gestatten Sie mir , meinem respektvollsten Vormittagsgruß eine ganz gehorsamste Bitte hinzufügen zu dürfen . Mit dem Mittagszuge wird eine vieljährige liebe Freundin von mir , eine Tochter unserer guten Stadt Kessin , Fräulein Marietta Trippelli , hier eintreffen und bis morgen früh unter uns weilen . Am 17. will sie in Petersburg sein , um daselbst bis Mitte Januar zu konzertieren . Fürst Kotschukoff öffnet ihr auch diesmal wieder sein gastliches Haus . In ihrer immer gleichen Güte gegen mich hat die Trippelli mir zugesagt , den heutigen Abend bei mir zubringen und einige Lieder ganz nach meiner Wahl ( denn sie kennt keine Schwierigkeiten ) vortragen zu wollen . Könnten sich Frau Baronin dazu verstehen , diesem Musikabende beizuwohnen ? sieben Uhr . Ihr Herr Gemahl , auf dessen Erscheinen ich mit Sicherheit rechne , wird meine gehorsamste Bitte unterstützen . Anwesend nur Pastor Lindequist ( der begleitet ) und natürlich die verwitwete Frau Pastorin Trippel . In vorzüglicher Ergebenheit A. Gieshübler . « » Nun - « , sagte Innstetten , » ja oder nein ? « » Natürlich ja . Das wird mich herausreißen . Und dann kann ich doch meinem lieben Gieshübler nicht gleich bei seiner ersten Einladung einen Korb geben . « » Einverstanden . Also , Friedrich , sagen Sie Mirambo , der doch wohl das Billet gebracht haben wird , wir würden die Ehre haben . « Friedrich ging . Als er fort war , fragte Effi : » Wer ist Mirambo ? « » Der echte Mirambo ist Räuberhauptmann in Afrika ... Tanganjika-See , wenn deine Geographie so weit reicht ... , unserer aber ist bloß Gieshüblers Kohlenprovisor und Faktotum und wird heute abend in Frack und baumwollenen Handschuhen sehr wahrscheinlich aufwarten . « Es war ganz ersichtlich , daß der kleine Zwischenfall auf Effi günstig eingewirkt und ihr ein gut Teil ihrer Leichtlebigkeit zurückgegeben hatte , Innstetten aber wollte das Seine tun , diese Rekonvaleszenz zu steigern . » Ich freue mich , daß du ja gesagt hast und so rasch und ohne Besinnen , und nun möcht ich dir noch einen Vorschlag machen , um dich ganz wieder in Ordnung zu bringen . Ich sehe wohl , es schleicht dir noch von der Nacht her etwas nach , das zu meiner Effi nicht paßt , das durchaus wieder fort muß , und dazu gibt es nichts Besseres als frische Luft . Das Wetter ist prachtvoll , frisch und milde zugleich , kaum daß ein Lüftchen geht ; was meinst du , wenn wir eine Spazierfahrt machten , aber eine lange , nicht bloß so durch die Plantage hin , und natürlich im Schlitten und das Geläut auf und die weißen Schneedecken , und wenn wir dann um vier zurück sind , dann ruhst du dich aus , und um sieben sind wir bei Gieshübler und hören die Trippelli . « Effi nahm seine Hand . » Wie gut du bist , Geert , und wie nachsichtig . Denn ich muß dir ja kindisch oder doch wenigstens sehr kindlich vorgekommen sein ; erst das mit meiner Angst und dann hinterher , daß ich dir einen Hausverkauf und , was noch schlimmer ist , das mit dem Fürsten ansinne . Du sollst ihm den Stuhl vor die Tür setzen - es ist zum Lachen . Denn schließlich ist er doch der Mann , der über uns entscheidet . Auch über mich . Du glaubst gar nicht , wie ehrgeizig ich bin . Ich habe dich eigentlich bloß aus Ehrgeiz geheiratet . Aber du mußt nicht solch ernstes Gesicht dabei machen . Ich liebe dich ja ... wie heißt es doch , wenn man einen Zweig abbricht und die Blätter abreißt ? Von Herzen , mit Schmerzen , über alle Maßen . « Und sie lachte hell auf . » Und nun sage mir « , fuhr sie fort , als Innstetten noch immer schwieg , » wo soll es hingehen ? « » Ich habe mir gedacht , nach der Bahnstation , aber auf einem Umwege , und dann auf der Chaussee zurück . Und auf der Station essen wir oder noch besser bei Golchowski , in dem Gasthofe Zum Fürsten Bismarck , dran wir , wenn du dich vielleicht erinnerst , am Tage unserer Ankunft vorbeikamen . Solch Vorsprechen wirkt immer gut , und ich habe dann mit dem Starosten von Effis Gnaden ein Wahlgespräch , und wenn er auch persönlich nicht viel taugt , seine Wirtschaft hält er in Ordnung und seine Küche noch besser . Auf Essen und Trinken verstehen sich die Leute hier . « Es war gegen elf , daß sie dies Gespräch führten , Um zwölf hielt Kruse mit dem Schlitten vor der Tür , und Effi stieg ein . Johanna wollte Fußsack und Pelze bringen , aber Effi hatte nach allem , was noch auf ihr lag , so sehr das Bedürfnis nach frischer Luft , daß sie alles zurückwies und nur eine doppelte Decke nahm . Innstetten aber sagte zu Kruse : » Kruse , wir wollen nun also nach dem Bahnhof , wo wir zwei beide heute früh schon mal waren . Die Leute werden sich wundern , aber es schadet nichts . Ich denke , wir fahren hier an der Plantage lang und dann links auf den Kroschentiner Kirchturm zu . Lassen Sie die Pferde laufen . Um eins müssen wir am Bahnhof sein . « Und so ging die Fahrt . Über den weißen Dächern der Stadt stand der Rauch , denn die Luftbewegung war gering . Auch Utpatels Mühle drehte sich nur langsam , und im Fluge fuhren sie daran vorüber , dicht am Kirchhofe hin , dessen Berberitzensträucher über das Gitter hinauswuchsen und mit ihren Spitzen Effi streiften , so daß der Schnee auf ihre Reisedecke fiel . An der anderen Seite des Wegs war ein eingefriedeter Platz , nicht viel größer als ein Gartenbeet , und innerhalb nichts sichtbar als eine junge Kiefer , die mitten daraus hervorragte . » Liegt da auch wer begraben ? « fragte Effi . » Ja . Der Chinese . « Effi fuhr zusammen ; es war ihr wie ein Stich . Aber sie hatte doch Kraft genug , sich zu beherrschen , und fragte mit anscheinender Ruhe : » Unserer ? « » Ja , unserer . Auf dem Gemeindekirchhof war er natürlich nicht unterzubringen , und da hat denn Kapitän Thomsen , der so was wie ein Freund war , diese Stelle gekauft und ihn hier begraben lassen . Es ist auch ein Stein da mit Inschrift . Alles natürlich vor meiner Zeit . Aber es wird noch immer davon gesprochen . « » Also es ist doch was damit . Eine Geschichte . Du sagtest schon heute früh so was . Und es wird am Ende das beste sein , ich höre , was es ist . Solang ich es nicht weiß , bin ich , trotz aller guten Vorsätze , doch immer ein Opfer meiner Vorstellungen . Erzähle mir das Wirkliche . Die Wirklichkeit kann mich nicht so quälen wie meine Phantasie . « » Bravo , Effi . Ich wollte nicht davon sprechen . Aber nun macht es sich so von selbst , und das ist gut . Übrigens ist es eigentlich gar nichts . « » Mir gleich ; gar nichts oder viel oder wenig . Fange nur an . « » Ja , das ist leicht gesagt . Der Anfang ist immer das schwerste , auch bei Geschichten . Nun , ich denke , ich beginne mit Kapitän Thomsen . « » Gut , gut . « » Also Thomsen , den ich dir schon genannt habe , war viele Jahre lang ein sogenannter Chinafahrer , immer mit Reisfracht zwischen Shanghai und Singapore , und mochte wohl schon sechzig sein , als er hier ankam . Ich weiß nicht , ob er hier geboren war oder ob er andere Beziehungen hier hatte . Kurz und gut , er war nun da und verkaufte sein Schiff , einen alten Kasten , draus er nicht viel herausschlug , und kaufte sich ein Haus , dasselbe , drin wir jetzt wohnen . Denn er war draußen in der Welt ein vermögender Mann geworden . Und von daher schreibt sich auch das Krokodil und der Haifisch und natürlich auch das Schiff ... Also Thomsen war nun da , ein sehr adretter Mann ( so wenigstens hat man mir gesagt ) und wohl gelitten . Auch beim Bürgermeister Kirstein und vor allem bei dem damaligen Pastor in Kessin , einem Berliner , der kurz vor Thomsen auch hierhergekommen war und viel Anfeindung hatte . « » Glaub ich . Ich merke das auch ; sie sind hier so streng und selbstgerecht . Ich glaube , das ist pommersch . « » Ja und nein , je nachdem . Es gibt auch Gegenden , wo sie gar nicht streng sind und wo ' s drunter und drüber geht ... Aber sieh nur , Effi , da haben wir gerade den Kroschentiner Kirchturm dicht vor uns . Wollen wir nicht den Bahnhof aufgeben und lieber bei der alten Frau von Grasenabb vorfahren ? Sidonie , wenn ich recht berichtet bin , ist nicht zu Hause . Wir könnten es also wagen ... « » Ich bitte dich , Geert , wo denkst du hin ? Es ist ja himmlisch , so hinzufliegen , und ich fühle ordentlich , wie mir so frei wird und wie alle Angst von mir abfällt . Und nun soll ich das alles aufgeben , bloß um den alten Leuten eine Stippvisite zu machen und ihnen sehr wahrscheinlich eine Verlegenheit zu schaffen . Um Gottes willen nicht . Und dann will ich vor allem auch die Geschichte hören . Also wir waren bei Kapitän Thomsen , den ich mir als einen Dänen oder Engländer denke , sehr sauber , mit weißen Vatermördern und ganz weißer Wäsche ... « » Ganz richtig . So soll er gewesen sein . Und mit ihm war eine junge Person von etwa zwanzig , von der einige sagen , sie sei seine Nichte gewesen , aber die meisten sagen , seine Enkelin , was übrigens den Jahren nach kaum möglich . Und außer der Enkelin oder der Nichte war da auch noch ein Chinese , derselbe , der da zwischen den Dünen liegt und an dessen Grab wir eben vorübergekommen sind . « » Gut , gut . « » Also dieser Chinese war Diener bei Thomsen , und Thomsen hielt so große Stücke auf ihn , daß er eigentlich mehr Freund als Diener war . Und das ging so Jahr und Tag . Da mit einemmal hieß es , Thomsens Enkelin , die , glaub ich , Nina hieß , solle sich , nach des Alten Wunsche , verheiraten , auch mit einem Kapitän . Und richtig , so war es auch . Es gab eine große Hochzeit im Hause , der Berliner Pastor tat sie zusammen , und Müller Utpatel , der ein Konventikler war , und Gieshübler , dem man in der Stadt in kirchlichen Dingen auch nicht recht traute , waren geladen und vor allem viele Kapitäne mit ihren Frauen und Töchtern . Und wie man sich denken kann , es ging hoch her . Am Abend aber war Tanz , und die Braut tanzte mit jedem und zuletzt auch mit dem Chinesen . Da mit einemmal hieß es , sie sei fort , die Braut nämlich . Und sie war auch wirklich fort , irgendwohin , und niemand weiß , was da vorgefallen . Und nach vierzehn Tagen starb der Chinese ; Thomsen kaufte die Stelle , die ich dir gezeigt habe , und da wurd er begraben . Der Berliner Pastor aber soll gesagt haben : Man hätte ihn auch ruhig auf dem christlichen Kirchhof begraben können , denn der Chinese sei ein sehr guter Mensch gewesen und geradesogut wie die anderen . Wen er mit den anderen eigentlich gemeint hat , sagte mir Gieshübler , das wisse man nicht recht . « » Aber ich bin in dieser Sache doch ganz und gar gegen den Pastor ; so was darf man nicht aussprechen , weil es gewagt und unpassend ist . Das würde selbst Niemeyer nicht gesagt haben . « » Und ist auch dem armen Pastor , der übrigens Trippel hieß , sehr verdacht worden , so daß es eigentlich ein Glück war , daß er drüber hinstarb , sonst hätte er seine Stelle verloren . Denn die Stadt , trotzdem sie ihn gewählt , war doch auch gegen ihn , geradeso wie du , und das Konsistorium natürlich erst recht . « » Trippel sagst du ? Dann hängt er am Ende mit der Frau Pastor Trippel zusammen , die wir heute abend sehen sollen ? « » Natürlich hängt er mit der zusammen . Er war ihr Mann und ist der Vater von der Trippelli . « Effi lachte . » Von der Trippelli ! Nun sehe ich erst klar in allem . Daß sie in Kessin geboren , schrieb ja schon Gieshübler ; aber ich dachte , sie sei die Tochter von einem italienischen Konsul . Wir haben ja so viele fremdländische Namen hier . Und nun ist sie gut deutsch und stammt von Trippel . Ist sie denn so vorzüglich , daß sie wagen konnte , sich so zu italienisieren ? « » Dem Mutigen gehört die Welt . Übrigens ist sie ganz tüchtig . Sie war ein paar Jahr lang in Paris bei der berühmten Viardot , wo sie auch den russischen Fürsten kennenlernte , denn die russischen Fürsten sind sehr aufgeklärt , über kleine Standesvorurteile weg , und Kotschukoff und Gieshübler - den sie übrigens Onkel nennt , und man kann fast von ihm sagen , er sei der geborne Onkel - , diese beiden sind es recht eigentlich , die die kleine Marie Trippel zu dem gemacht haben , was sie jetzt ist . Gieshübler war es , durch den sie nach Paris kam , und Kotschukoff hat sie dann in die Trippelli transponiert . « » Ach , Geert , wie reizend ist das alles , und welch Alltagsleben habe ich doch in Hohen-Cremmen geführt ! Nie was Apartes . « Innstetten nahm ihre Hand und sagte : » So darfst du nicht sprechen , Effi . Spuk , dazu kann man sich stellen , wie man will . Aber hüte dich vor dem Aparten , oder was man so das Aparte nennt . Was dir so verlockend erscheint - und ich rechne auch ein Leben dahin , wie ' s die Trippelli führt - , das bezahlt man in der Regel mit seinem Glück . Ich weiß wohl , wie sehr du dein Hohen-Cremmen liebst und daran hängst , aber du spottest doch auch oft darüber und hast keine Ahnung davon , was stille Tage , wie die Hohen-Cremmner , bedeuten . « » Doch , doch « , sagte sie . » Ich weiß es wohl . Ich höre nur gern einmal von etwas anderem , und dann wandelt mich die Lust an , mit dabeizusein . Aber du hast ganz recht . Und eigentlich hab ich doch eine Sehnsucht nach Ruh und Frieden . « Innstetten drohte ihr mit dem Finger . » Meine einzig liebe Effi , das denkst du dir nun auch wieder so aus . Immer Phantasien , mal so , mal so . « Elftes Kapitel Die Fahrt verlief ganz wie geplant . Um ein Uhr hielt der Schlitten unten am Bahndamm vor dem Gasthause » Zum Fürsten Bismarck « , und Golchowski , glücklich , den Landrat bei sich zu sehen , war beflissen , ein vorzügliches Dejeuner herzurichten . Als zuletzt das Dessert und der Ungarwein aufgetragen wurden , rief Innstetten den von Zeit zu Zeit erscheinenden und nach der Ordnung sehenden Wirt heran und bat ihn , sich mit an den Tisch zu setzen und ihnen was zu erzählen . Dazu war Golchowski denn auch der rechte Mann ; auf zwei Meilen in der Runde wurde kein Ei gelegt , von dem er nicht wußte . Das zeigte sich auch heute wieder . Sidonie Grasenabb , Innstetten hatte recht vermutet , war , wie vorige Weihnachten , so auch diesmal wieder auf vier Wochen zu » Hofpredigers « gereist ; Frau von Palleske , so hieß es weiter , habe ihre Jungfer wegen einer fatalen Geschichte Knall und Fall entlassen müssen , und mit dem alten Fraude steh es schlecht - es werde zwar in Kurs gesetzt , er sei bloß ausgeglitten , aber es sei ein Schlaganfall gewesen , und der Sohn , der in Lissa bei den Husaren stehe , werde jede Stunde erwartet . Nach diesem Geplänkel war man dann , zu Ernsthafterem übergehend , auf Varzin gekommen . » Ja « , sagte Golchowski , » wenn man sich den Fürsten so als Papiermüller denkt ! Es ist doch alles sehr merkwürdig ; eigentlich kann er die Schreiberei nicht leiden und das bedruckte Papier erst recht nicht , und nun legt er doch selber eine Papiermühle an . « » Schon recht , lieber Golchowski « , sagte Innstetten , » aber aus solchen Widersprüchen kommt man im Leben nicht heraus . Und da hilft auch kein Fürst und keine Größe . « » Nein , nein , da hilft keine Größe . « Wahrscheinlich , daß sich dies Gespräch über den Fürsten noch fortgesetzt hätte , wenn nicht in eben diesem Augenblicke die von der Bahn her herüberklingende Signalglocke einen bald eintreffenden Zug angemeldet hätte . Innstetten sah nach der Uhr . » Welcher Zug ist das , Golchowski ? « » Das ist der Danziger Schnellzug ; er hält hier nicht , aber ich gehe doch immer hinauf und zähle die Wagen , und mitunter steht auch einer am Fenster , den ich kenne . Hier gleich hinter meinem Hofe führt eine Treppe den Damm hinauf , Wärterhaus 417 ... « » Oh , das wollen wir uns zunutze machen « , sagte Effi . » Ich sehe so gern Züge ... « » Dann ist es die höchste Zeit , gnäd ' ge Frau . « Und so machten sich denn alle drei auf den Weg und stellten sich , als sie oben waren , in einem neben dem Wärterhause gelegenen Gartenstreifen auf , der jetzt freilich unter Schnee lag , aber doch eine freigeschaufelte Stelle hatte . Der Bahnwärter stand schon da , die Fahne in der Hand . Und jetzt jagte der Zug über das Bahnhofsgeleise hin und im nächsten Augenblick an dem Häuschen und an dem Gartenstreifen vorüber . Effi war so erregt , daß sie nichts sah und nur dem letzten Wagen , auf dessen Höhe ein Bremser saß , ganz wie benommen nachblickte . » Sechs Uhr fünfzig ist er in Berlin « , sagte Innstetten , » und noch eine Stunde später , so können ihn die Hohen-Cremmner , wenn der Wind so steht , in der Ferne vorbeiklappern hören . Möchtest du mit , Effi ? « Sie sagte nichts . Als er aber zu ihr hinüberblickte , sah er , daß eine Träne in ihrem Auge stand . Effi war , als der Zug vorbeijagte , von einer herzlichen Sehnsucht erfaßt worden . So gut es ihr ging , sie fühlte sich trotzdem wie in einer fremden Welt . Wenn sie sich eben noch an dem einen oder andern entzückt hatte , so kam ihr doch gleich nachher zum Bewußtsein , was ihr fehlte . Da drüben lag Varzin , und da nach der anderen Seite hin blitzte der Kroschentiner Kirchturm auf und weiter hin der Morgenitzer , und da saßen die Grasenabbs und die Borckes , nicht die Bellings und nicht die Briests . » Ja , die ! « Innstetten hatte ganz recht gehabt mit dem raschen Wechsel ihrer Stimmung , und sie sah jetzt wieder alles , was zurücklag , wie in einer Verklärung . Aber so gewiß sie voll Sehnsucht dem Zuge nachgesehen , sie war doch andererseits viel zu beweglichen Gemüts , um lange dabei zu verweilen , und schon auf der Heimfahrt , als der rote Ball der niedergehenden Sonne seinen Schimmer über den Schnee ausgoß , fühlte sie sich wieder freier ; alles erschien ihr schön und frisch , und als sie , nach Kessin zurückgekehrt , fast mit dem Glockenschlage sieben in den Gieshüblerschen Flur eintrat , war ihr nicht bloß behaglich , sondern beinah übermütig zu Sinn , wozu die das Haus durchziehende Baldrian- und Veilchenwurzelluft das Ihrige beitragen mochte . Pünktlich waren Innstetten und Frau erschienen , aber trotz dieser Pünktlichkeit immer noch hinter den anderen Geladenen zurückgeblieben ; Pastor Lindequist , die alte Frau Trippel und die Trippelli selbst waren schon da . Gieshübler - im blauen Frack mit mattgoldenen Knöpfen , dazu Pincenez an einem breiten schwarzen Bande , das wie ein Ordensband auf der blendendweißen Piquéweste lag - , Gieshübler konnte seiner Erregung nur mit Mühe Herr werden . » Darf ich die Herrschaften miteinander bekannt machen ; Baron und Baronin Innstetten , Frau Pastor Trippel , Fräulein Marietta Trippelli . « Pastor Lindequist , den alle kannten , stand lächelnd beiseite . Die Trippelli , Anfang der Dreißig , stark , männlich und von ausgesprochen humoristischem Typus , hatte bis zu dem Momente der Vorstellung den Sofa-Ehrenplatz innegehabt . Nach der Vorstellung aber sagte sie , während sie auf einen in der Nähe stehenden Stuhl mit hoher Lehne zuschritt : » Ich bitte Sie nunmehro , gnäd ' ge Frau , die Bürden und Fährlichkeiten Ihres Amtes auf sich nehmen zu wollen . Denn von Fährlichkeiten « - und sie wies auf das Sofa - » wird sich in diesem Falle wohl sprechen lassen . Ich habe Gieshübler schon vor Jahr und Tag darauf aufmerksam gemacht , aber leider vergeblich ; so gut er ist , so eigensinnig ist er auch . « » Aber Marietta ... « » Dies Sofa nämlich , dessen Geburt um wenigstens fünfzig Jahre zurückliegt , ist noch nach einem altmodischen Versenkungsprinzip gebaut , und wer sich ihm anvertraut , ohne vorher einen Kissenturm untergeschoben zu haben , sinkt ins Bodenlose , jedenfalls aber gerade tief genug , um die Knie wie ein Monument anfragen zu lassen . « All dies wurde seitens der Trippelli mit ebensoviel Bonhomie wie Sicherheit hingesprochen , in einem Tone , der ausdrücken sollte : » Du bist die Baronin Innstetten , ich bin die Trippelli . « Gieshübler liebte seine Künstlerfreundin enthusiastisch und dachte hoch von ihren Talenten ; aber all seine Begeisterung konnte ihn doch nicht blind gegen die Tatsache machen , daß ihr von gesellschaftlicher Feinheit nur ein bescheidenes Maß zuteil geworden war . Und diese Feinheit war gerade das , was er persönlich kultivierte . » Liebe Marietta « , nahm er das Wort , » Sie haben eine so reizend heitere Behandlung solcher Fragen ; aber was mein Sofa betrifft , so haben Sie wirklich unrecht , und jeder Sachverständige mag zwischen uns entscheiden . Selbst ein Mann wie Fürst Kotschukoff ... « » Ach , ich bitte Sie , Gieshübler , lassen Sie doch den . Immer Kotschukoff . Sie werden mich bei der gnäd ' gen Frau hier noch in den Verdacht bringen , als ob ich bei diesem Fürsten - der übrigens nur zu den kleineren zählt und nicht mehr als tausend Seelen hat , das heißt hatte ( früher , wo die Rechnung noch nach Seelen ging ) - , als ob ich stolz wäre , seine tausendundeinste Seele zu sein . Nein , es liegt wirklich anders ; immer frei weg , Sie kennen meine Devise , Gieshübler . Kotschukoff ist ein guter Kamerad und mein Freund , aber von Kunst und ähnlichen Sachen versteht er gar nichts , von Musik gewiß nicht , wiewohl er Messen und Oratorien komponiert - die meisten russischen Fürsten , wenn sie Kunst treiben , fallen ein bißchen nach der geistlichen oder orthodoxen Seite hin - , und zu den vielen Dingen , von denen er nichts versteht , gehören auch unbedingt Einrichtungs-und Tapezierfragen . Er ist gerade vornehm genug , um sich alles als schön aufreden zu lassen , was bunt aussieht und viel Geld kostet . « Innstetten amüsierte sich , und Pastor Lindequist war in einem allersichtlichsten Behagen . Die gute alte Trippel aber geriet über den ungenierten Ton ihrer Tochter aus einer Verlegenheit in die andere , während Gieshübler es für angezeigt hielt , eine so schwierig werdende Unterhaltung zu coupieren . Dazu waren etliche Gesangspiecen das beste . Daß Marietta Lieder von anfechtbarem Inhalt wählen würde , war nicht anzunehmen , und selbst wenn dies sein sollte , so war ihre Vortragskunst so groß , daß der Inhalt dadurch geadelt wurde . » Liebe Marietta « , nahm er also das Wort , » ich habe unser kleines Mahl zu acht Uhr bestellt . Wir hätten also noch dreiviertel Stunden , wenn Sie nicht vielleicht vorziehen , während Tisch ein heitres Lied zu singen oder vielleicht erst , wenn wir von Tisch aufgestanden sind ... « » Ich bitte Sie , Gieshübler ! Sie , der Mann der Ästhetik . Es gibt nichts Unästhetischeres als einen Gesangsvortrag mit vollem Magen . Außerdem - und ich weiß , Sie sind ein Mann der ausgesuchten Küche , ja , Gourmand - , außerdem schmeckt es besser , wenn man die Sache hinter sich hat . Erst Kunst und dann Nußeis , das ist die richtige Reihenfolge . « » Also ich darf Ihnen die Noten bringen , Marietta ? « » Noten bringen . Ja , was heißt das , Gieshübler ? Wie ich Sie kenne , werden Sie ganze Schränke voll Noten haben , und ich kann Ihnen doch nicht den ganzen Bock und Bote vorspielen . Noten ! Was für Noten , Gieshübler , darauf kommt es an . Und dann , daß es richtig liegt , Altstimme ... « » Nun ich werde schon bringen . « Und er machte sich an einem Schranke zu schaffen , ein Fach nach dem andern herausziehend , während die Trippelli ihren Stuhl weiter links um den Tisch herumschob , so daß sie nun dicht neben Effi saß . » Ich bin neugierig , was er bringen wird « , sagte sie . Effi geriet dabei in eine kleine Verlegenheit . » Ich möchte annehmen « , antwortete sie befangen , » etwas von Glück , etwas ausgesprochen Dramatisches ... Überhaupt , mein gnädigstes Fräulein , wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf , ich bin überrascht , zu hören , daß sie lediglich Konzertsängerin sind . Ich dächte , daß Sie , wie wenige , für die Bühne berufen sein müßten . Ihre Erscheinung , Ihre Kraft , Ihr Organ ... ich habe noch sowenig der Art kennengelernt , immer nur auf kurzen Besuchen in Berlin ... , und dann war ich noch ein halbes Kind . Aber ich dächte Orpheus oder Chrimhild oder die Vestalin . « Die Trippelli wiegte den Kopf und sah in Abgründe , kam aber zu keiner Entgegnung , weil eben jetzt