hat damals einen so großen Eindruck auf mich gemacht , daß ich dich bitten möchte , du machtest es auch so und ließest auch zwei Kuppen aufsteigen und auf der zweiten Kuppe stände die Kirche von Adamsdorf . Das heißt die protestantische . Wenn sich die Katholiken darüber ärgern , können sie sich ja ihre Kirche auch malen lassen . Ich stehe zu Martin Luther und der reinen Lehre . Darin , denke ich , bin ich ein fester Poggenpuhl . Ich erschrak erst , als der Onkel das sagte , weil ich es mir alles anders gedacht hatte , da ' s aber kein Entrinnen gab , so gab ich mich zufrieden , und jetzt , wo ' s beinahe fertig ist , hab ich mich in die Idee ganz verliebt . So kindlich es mir anfänglich vorkam und auch noch vorkommt , so hat es doch zugleich eine tiefe Bedeutung ; als die alte Sündenwelt unterging und die neue bessere , sich aufbaute , war das erste , was neu erschien ( denn die Tiere waren ja noch aus der alten Welt ) , die Kirche jenes kleinen märkischen Dorfes und jetzt also die von Adamsdorf . Es war , als ob Gott sie gleich dahin gestellt habe . Natürlich kann man darüber lachen , aber man kann sich auch darüber freuen . Und Du , meine liebe Mama , die Du ja Gott sei Dank aus einem frommen Predigerhause bist , Du wirst es schön finden und den Onkel Eberhard noch lieber haben als zuvor . Er ist auch wirklich ein kapitaler Mann . Soviel über die Idee zu dem Bilde . Und nun wirst Du Dich nur noch wundern , wo und wie ich , die ich das Meer nie gesehen , die Vorstellung dazu hergenommen und zu meiner Sündflut verwandt habe . Nun höre . Vielleicht erinnerst Du Dich noch der Partie , die wir vorigen Herbst mit Bartensteins machten , alle dritter Klasse , was Bartensteins noch so sehr amüsierte . Dritter Klasse Ringbahn und bis Bahnhof Stralau . Und als wir da hoch oben ausstiegen , hoch wie der Berg Ararat , da lag der Rummelsburger See mitsamt der Spree wie eine mächtige Wasserfläche vor uns . Dieses Panorama hab ich für mein Bild benutzt . Der Bahnhof ist der Ararat , der Rummelsburger See die Sündflut . Auf stürmische Bewegung , weil ich doch sozusagen nur den Schlußakt der Sündflut gemalt habe , glaubte ich , ohne dadurch unkorrekt zu werden , verzichten zu können . « Briefe verwandten Inhalts trafen öfter ein , unter denen einer , der Sophies » Untergang von Sodom und Gomorrha « beschrieb , des alten Bartenstein ganz besondern Beifall weckte . » Das ist eine Mahnung « , hatte er sich damals gegen Manon geäußert ohne übrigens anzudeuten , wen er dadurch gemahnt sehen wollte . Fiechen lebte sich inzwischen immer mehr ein , und je länger sie bei den Verwandten weilte , desto lebhafter wandte sie sich , neben ihren Malereien , auch den häuslichen Angelegenheiten von Schloß Adamsdorf und ganz besonders dem Charakter der Frau vom Hause zu . Gespräche , die sie , wenn sie gemeinschaftlich um die große Parkwiese gingen , mit der Tante führte , teilte sie , wenn es paßte , ganz ausführlich nach Hause hin mit . Einmal schrieb sie : » Wir haben gestern wieder unsern Spaziergang gemacht , um die große Wiese herum , in deren Mitte sich ein Gehege mit ein paar jungen Rehen befindet , reizenden Tiere , die ich auch noch zu verwenden hoffe . Da mit einmal , ich weiß nicht mehr in welchem Zusammenhange , sagte die Tante : Ja , deine Schwester Therese . Sie wird nicht recht zufrieden mit mir gewesen sein und mich vielleicht bei euch verklagt haben , weil ich damals in Pyrmont nicht Lust bezeigte , mich der Fürstin von Wied vorstellen zu lassen , worauf sie beständig drang , und als ein Korso war , wollte ich nicht mit in der Reihe fahren und noch weniger die Pferdegeschirre mit Rosengirlanden ausstaffieren lassen . Es erschien mir alles unpassend , und ich hab es ihr auch frank und frei gesagt . Therese , wie das so oft geschieht , hat eine falsche Vorstellung von meiner Vermögenslage , die mal glänzend war , aber es nicht mehr ist . Es liegt mir daran , dich über diese Dinge , die ziemlich kompliziert sind , aufzuklären . Ich bin aus einer einfachen bürgerlichen Familie , die klein und arm anfing und es nachher zu Reichtum brachte . Da heiratete mich mein erster Mann , der damals nichts besaß , und kaufte sich Schloß Adamsdorf , denselben Besitz , der schon früher einmal , als es aufhörte Kloster zu sein , in seiner Familie war und dann verlorenging . Er war ein vollkommener Kavalier , und wir führten eine sehr glückliche Ehe , in der übrigens , was das Vermögen angeht , die Rollen sehr bald gewechselt wurden . Mein Geld nämlich ging verloren , und wir hätten Adamsdorf wieder aufgeben müssen , wenn nicht mein Mann durch Todesfälle ganz unerwartet ein ziemlich bedeutendes Vermögen geerbt hätte . Das hat uns an dieser Stelle gehalten . Aber alles , was wir besitzen , ist dadurch wieder Leysewitzisch geworden und muß den Leysewitzes verbleiben , was dein Onkel auch von Anfang an gewußt hat und guthieß . Ich habe das seltene Glück erfahren , in zwei Ehen zwei gleich treffliche Männer zur Seite gehabt zu haben . Alles hat sich zum Guten für mich gefügt , aber diese glückliche Gestaltung der Verhältnisse darf ich auch nicht vergessen und muß danach leben . Es liegt so : Von allem , was du hier siehst , haben wir nur den Nießbrauch ; Schloß , Gut , Vermögen , alles fällt zurück , und weil es so ist , habe ich haushalten gelernt . Und du , du bist ein gutes und kluges Kind und kannst mir in allem folgen . Therese , die , wenn ich Andeutungen der Art machte , kaum mit halbem Ohr hinhörte , wollte nicht recht daran glauben . Das ist immer so . Was einem nicht paßt , das glaubt man nicht gern . Ja , liebe Mama , das war es , was die Tante mich wissen ließ . Es wird ganz gut sein , wenn Therese davon erfährt . Aber in Deiner Antwort bitte ich Dich , all dieser Dinge , trotzdem sie mir wahrscheinlich mitgeteilt wurden , um sie Dich wissen zu lassen , nicht zu erwähnen ; ich bin daran gewöhnt , Deine und der Schwestern Briefe beim Frühstück vorzulesen , und eine auf diese meine Mitteilungen bezügliche Antwortstelle würde mich nur in Verlegenheit bringen . Im übrigen hab ich seit vielen Wochen nichts von den Brüdern gehört . Wendelin , das fällt nicht auf , er schrieb immer nur Pflichtbriefe . Aber Leo ? Mitunter ängstige ich mich doch und denke , sein nächster Brief kommt aus Kamerun oder Namaqualand . Ehe nicht seine Verhältnisse geordnet sind , kommt er nicht zur Ruhe . Aber wo soll diese Ordnung herkommen ? « Es war Ende Mai , als Sophie diesen Brief schrieb , und sie vermied klugerweise , das darin behandelte Thema noch einmal zu berühren . Es genügte ihr , daß ihr Brief seine Wirkung getan und das ungerechte Kritteln der älteren Schwester in eine gerechtere Beurteilung umgewandelt hatte . Das stille Leben in Schloß Adamsdorf nahm mittlerweile seinen Fortgang und erfuhr nur einen Wandel , als der Hochsommer heran war und die Tante , eine passionierte Schlesierin , allwöchentlich einmal auf eine Fahrt ins Gebirge drang . Abwechselnd fuhr man bis Schreiberhau oder Hermsdorf oder Krummhübel , um dann von diesen Punkten aus höher ins Gebirge hinaufzusteigen , nach Kirche Wang oder dem Mittagsstein , oder selbst bis zu den Schneegruben . Sophie skizzierte irgendeine Szenerie für ihre alttestamentlichen Bilder und sagte dabei : » Das ist Abrahams Grab , das ist der Sinai , das ist der Bach Kidron . « Ihr größtes Vergnügen aber war immer , wenn auf dem Heimwege , da , wo man das Fuhrwerk zurückgelassen hatte , noch einmal Rast gemacht und das Tun und Treiben der Berliner » Sommerfrischler « beobachtet wurde . Das gab dann jedesmal Heiterkeitsstoff für die Rückfahrt , und Onkel Eberhard wurde nicht müde zu versichern : » Ja , diese Berliner , man mag sie nun lieben oder hassen , amüsant sind sie , und ihnen so zuzusehen ist immer wie ein Schauspiel . Eigentlich ist es auch wirklich so was ; denn sie kucken sich immer um , ob sie auch wohl ein Publikum haben , vor dem sich ' s verlohnt , den Vorhang aufzuziehen . « An den Bildern für die Kirche wurde den ganzen Sommer über fleißig weitergearbeitet . Ende August war Sophie schon bei » Saul in der Höhle « ( die Höhle dazu hatte sie dicht bei den Kräbersteinen entdeckt ) , und Saul selbst war halb Onkel Eberhard , halb der Kretschamwirt , der einen Vollbart trug und einen bösen Blick hatte . David aber war der Assessor . Onkel Eberhard freute sich aufrichtig am Fortschreiten der Arbeit und versicherte jeden Tag , daß er nie geglaubt hätte , von einer solchen Sache soviel Freude haben zu können . Er erging sich dann auch in wohlgemeinten Äußerungen über Künstlerleben überhaupt und nahm alles zurück , was er in seinen früheren Jahren darüber gesagt hatte . » Man kann darüber lachen , aber es ist doch immer eine kleine Schöpfung . Und schaffen macht Freude . Wenigstens kann ich mir nicht denken , daß Gott die Welt aus Verdrießlichkeit geschaffen hat . « » Mancher sieht doch so aus , Onkel . « » Ja , Fiechen , da hast du recht . Mancher sieht so aus . Aber was kommt nicht alles vor ! Und das einzelne beweist nichts . Das ist ein fataler Zug letzt bei den Menschen , daß sie den Ausnahmefall zur Regel machen wollen . Und wenn sie sich dabei nur was Hübsches aussuchten ! Aber nein , was recht Häßliches muß es sein . ' s war freilich vor dreißig Jahren auch nicht viel besser . Ich hab es noch erlebt , wie das mit den Affen aufkam und daß irgendein Orang-Utang unser Großvater sein sollte . Da hättest du sehen sollen , wie sie sich alle freuten . Als wir noch von Gott abstammten , da war eigentlich gar nichts los mit uns , aber als das mit dem Affen Mode wurde , da tanzten sie wie vor der Bundeslade . « Das war gerade am zweiten September , daß Onkel Eberhard und Sophie dies Gespräch hatten , oben in der Giebelstube , die die Adamsdorfer Herrschaften ihrer Nichte zum Atelier eingerichtet hatten . Eine Stunde später fuhr der Onkel nach Hirschberg , wo der Sedantag wie herkömmlich festlich begangen werden sollte . Natürlich auch durch eine Rede auf Kaiser Wilhelm . Und diese Rede , wie nicht minder selbstverständlich , hatte der alte General von Poggenpuhl zu halten , dem dabei schlechter zumute war als bei St. Privat im allerverflixtesten Moment . Sonst , wenn er die schöne Fahrt durchs Tal machte , lachten ihn die Felder in ihrem Segen an , aber heute sah er nicht , wie der Hafer stand , er sah ihn überhaupt nicht , sondern memorierte in einem fort und sagte sich in wachsender Unruhe : » Jetzt ist es eins . Noch drei Stunden , dann fängt mein Leben erst wieder an und vielleicht auch mein Appetit . Bis dahin ist es nichts . « Er hatte denn auch Kopfweh , ein leises Ticken an zwei Stellen , das sich bei der beständig wiederkehrenden Frage : » Wenn ich nun steckenbleibe ? « natürlich noch steigerte . Zuletzt aber fand er sich auch darin zurecht oder resignierte sich wenigstens . » Und wenn ich nun wirklich steckenbleibe , was ist es denn am Ende ? Zu meiner Zeit konnte überhaupt keiner reden , und das wissen die Vernünftigen auch . Außerdem hab ich die Einleitung ganz intus , und wenn ich merke , daß ich mich zu verwickeln anfange , so sag ich bloß : ... Und so möcht ich Sie denn fragen , Sie alle , die Sie hier versammelt sind , sind wir Preußen ? Ich bin Ihrer Antwort sicher . Und in diesem Sinne fordre ich Sie auf ... Und dann das Hoch . « All das gab ihm seine Haltung einigermaßen wieder , aber er blieb trotzdem in einem gewissen Fieber , und dies hielt auch noch an , als der schreckliche Moment bereits vorüber war . Vielleicht lag es auch daran , daß er gleich nach seinem Hoch ein großes Glas herben Ungar heruntergestürzt hatte . Nach dem Kaffee überfiel ihn ein Schwindel . Es ging aber wieder vorüber , und in bester Laune brach er schließlich auf . Die Sterne funkelten ; es war schon herbstlich frisch , und er fröstelte . » Höre , Johann « , sagte er , » hast du nicht eine Zudecke ? « » Nein , Herr General ; ich werde aber meinen Mantel ausziehen . « Aber da kam er schön an . » Unsinn , Menschen Rock vom Leibe ziehen ; ich , ein Poggenpuhl . « Und in solchen Ausrufungen sprach er noch eine Weile weiter . Es war ein Uhr , als er in die Dorfgasse einfuhr . Im Schlosse war noch ein alter Diener auf , ebenso Sophie . Die sah schon auf dem Flur , wie verändert er war . » Onkel , du frierst so , soll ich noch einen Tee machen oder eine Stürze ? « » Unsinn . General Poggenpuhl ... « Es klang so sonderbar , und Johann sagte zu Sophie : » Gott , Fräulein , so sagt er schon immerzu . Ich glaube , er ist sehr krank . « Er war sehr krank . Doktor Nitsche , der am andern Morgen gerufen wurde , bemerkte zu der Tante : » Gnädige Frau , wir müssen nasse Tücher aufhängen und ein mattes Licht und vollkommene Ruhe « ; zu Sophie aber sagte er : » Typhus , mein gnädiges Fräulein . « » Wird er wieder ? « Er zuckte die Achseln . Dreizehntes Kapitel Die Befürchtungen erfüllten sich schnell . Sophie , die trotz Widerspruch des Arztes die Pflege leitete , schrieb jeden Abend eine Karte nach Haus , in der sie - schon der Tante halber , die die Zeilen vielleicht lesen mochte - zunächst immer nur betonte , » daß noch keine Gefahr sei « . Sie war aber nur zu sehr da , und den siebenten Tag nach Beginn der Krankheit traf ein Brief bei der Mama ein , der dahin lautete : » Heute mittag ist Onkel Eberhard gestorben ; während der Nacht war er noch in großer Unruhe , dann fiel er im Laufe des Vormittags in einen apathischen Zustand , und kurz vor zwölf ist er eingeschlafen . Von Anfang an war wenig Hoffnung , weniger , als ich Dir aussprechen mochte . Ich habe viel an ihm verloren , aber nicht ich nur ; wir werden ihn alle sehr vermissen , vielleicht Wendelin ausgenommen , der seinen Weg auch so macht . Über manches , was diese Tage mich sonst noch erleben ließen , mündlich ausführlicher . Ich freue mich , Euch alle wiederzusehen , vor allem Dich , meine liebe gute Mama . Daß Ihr kommt , nehme ich als sicher an . Die Tante wünscht es dringend , und ich glaube , wir müssen ihre Wünsche respektieren . Erst aus Klugheit und dann , weil sie ' s so sehr verdient . Das Beigeschlossene bittet sie freundlichst aus ihrer Hand annehmen zu wollen und hofft , daß es ausreichen werde , die Reise sowie alles übrige zu bestreiten . Was ich brauche , wird aus Breslau kommen . Ihr werdet am besten übermorgen abend abreisen . Dann seid Ihr am zwölften in aller Frühe hier . In der Mittagsstunde soll die Beisetzung erfolgen . Deine Sophie « Die Gefühlsbewegung , als Manon diesen Brief vorgelesen hatte , war bei den drei Damen eine nicht geringe , bewegte sich aber doch nach sehr verschiedenen Seiten hin . Die Mutter hing ganz einer herzlichen Trauer nach , die noch reiner gewesen wäre , wenn sich nicht manche bange Zukunftssorge mit eingemischt hätte ; Manon , trotz aller Verehrung und Liebe für den Onkel , empfand es schmerzlich , einer gerade für den zwölften bei Bartensteins angesetzten Soiree nicht beiwohnen zu können , während sich Therese nur von einer Vorstellung beherrscht fühlte : von dem Gedanken an das ihr lediglich als eine Haupt- und Staatsaktion erscheinende Begräbnis . Sie sah sich nicht nur bereits in der vordersten Reihe der Leidtragenden , sondern lebte auch ganz dem Hochgefühle , daß die Repräsentation der Poggenpuhlschen Familie - die beiden alten Damen , als nur angeheiratete , zählten kaum mit - einzig und allein auf ihr beruhe . Dies Hochgefühl sah sich allerdings durch den dem Briefe beigelegten Tausendmarkschein auf Augenblicke beeinträchtigt , aber die Vorzüge lagen andrerseits auch wieder so klar zutage , daß das Bedrückliche schnell hinschwand , besonders nachdem man sich untereinander dahin geeinigt hatte , daß Therese in die Stadt fahren und dort die Trauergarderobe besorgen solle . Nächst dem Begräbnis selbst erschien allen dieser Besuch in einem Trauermagazin als der bedeutungsvollste Moment , und die Miene , mit der sich die ältere Schwester zu dieser Fahrt anschickte , hatte etwas so ausgesprochen Distinguiertes , daß selbst Manon davon berührt und zu einer Art Huldigung hingerissen wurde . Dieses Gefühl machte freilich rasch einer entgegengesetzten Empfindung Platz , als Therese von ihrer Fahrt zurückkehrte . Die Kleider , so berichtete sie , würden bis morgen früh geliefert werden , kleine Änderungen seien leicht zu bewerkstelligen ; alles andre aber habe sie gleich erstanden und in einem großen Karton mitgebracht . Es waren dies Krepphüte , lange schwarze Schleier und drei Trauerhauben mit einer tiefen Stirnschnebbe . » Gehst du davon aus « , sagte Manon , » daß wir diese Hauben mit Schnebbe wirklich tragen sollen ? « » Eine sonderbare Frage . « » Das heißt also ja ? « Therese nickte . » Nun , dann erlaube mir , dir zu sagen , daß ich mich davon ausschließen werde . « » Das wirst du nicht . An solchem Tage wenigstens wirst du dich auf das besinnen , was du deinem Namen schuldig bist . « » Ich weiß , was ich meinem Namen schuldig bin . « » Und das wäre ? « » Wenn es sein kann , nicht ins Ridiküle zu fallen . « » Was in deinen Augen worin besteht ? « » ... Uns à tout prix als Königinwitwe herauszustaffieren . Wir sind einfach die Nichten eines alten Generals . « » Des Generals von Poggenpuhl . Ich wenigstens stehe in der alten guten Tradition . « » Aber nicht in der des guten Geschmacks . « Man erhitzte sich immer mehr ; zuletzt sollte die Mama entscheiden . Diese lehnte das aber ab . » Ich bin nicht bewandert genug in derlei Fragen und weiß nicht , ob es paßt oder ob es zuviel ist . Ich denke mir , wir nehmen die Kartons mit und richten uns nach dem Ausspruch der Tante . « Dies fand Zustimmung , und als am andern Morgen die gleich » wie angegossen « sitzenden Kleider erschienen , wurde vor dem langen schmalen Spiegel , in dem man sich gemustert und gegenseitig befriedigend gefunden hatte , der schwesterliche Friede neu besiegelt . » Er war doch ein herrlicher Mann « , sagte Manon . » Das war er , und sein Andenken sei gesegnet . Aus meinem Herzen kann sein Bild nie wieder schwinden . « Um zehn Uhr ging der Nachtzug , vom Friedrichsstraßenbahnhof aus , ab . Schon vor neun stand man in voller Reisetoilette da , bei der Manon , die sehr gut aussah , auf einen zufällig vorhandenen Krimstecher nur ungern verzichtet hatte . Sie sagte sich aber , daß es » stillos « sein würde ( stillos war eine Lieblingswendung Floras ) , und als sie dies erlösende Wort gefunden hatte , wurde ihr der Verzicht auch leichter . Friederike befand sich mit im Vorzimmer , um zu helfen , wenn die Mäntel umgenommen werden sollten ; es war aber immer noch viel zu früh , und man kam in Verlegenheit , wie die Zeit hinzubringen sei . Das benutzte die Majorin , um noch eindringlich eine Rede zu halten . » Ich kann dir nur sagen , Friederike , sei vorsichtig und denke daran , was alles vorkommt . Erst gestern stand wieder was drin . « » Ich weiß ja , gnäd ' ge Frau . Aber man is doch auch kein Kind mehr . « » Und wenn es klingelt , mache nicht gleich auf und schiebe dir lieber erst eine Fußbank ran , daß du durchs Oberfenster sehen kannst , wer eigentlich draußen ist ... « » Ja , gnäd ' ge Frau . « » Und wenn du aufmachst , immer noch die Kette vor und immer bloß durch die Ritze ... Neulich ist erst wieder eine Witwe totgemacht worden , und wenn du gleich alles aufreißt , kann es dir auch passieren , oder sie streuen dir Schnupftabak in die Augen , oder sie haben auch einen Knebel , und du kannst nicht mal schreien . Und dann rauben sie alles aus ... « » Ach Gott , gnäd ' ge Frau , die wissen ja immer gut Bescheid , hier kommen sie nicht . « » Sage das nicht . Die denken auch , wer das Kleine nicht ehrt , ist des Großen nicht wert . Immer besser bewahrt als beklagt ! « Friederike versprach alles , und nun trennte man sich . Eine Droschke - die Portierfrau hatte sich dazu verstanden , eine von der Ecke her herbeizuholen - hielt schon vor der Tür , und nach nochmaligem Abschied von Friederike ging es auf die Potsdamer Straße zu . Morgens gleich nach fünf kam der Zug in Schmiedeberg an , von dem aus es nur eine kleine Stunde bis Adamsdorf war . Johann hielt in einem offenen Wagen am Bahnhofe ; der große Koffer kam nach vorn , die alte Majorin in den Fond , ebenso Therese ; Manon dagegen saß auf dem Rücksitz und freute sich über das Landschaftsbild . Die Sonne war noch nicht auf , die Berge ringsum aber röteten sich schon , und dazu ging eine frische Luft . Alles versprach einen schönen Herbsttag . Auch Therese war ganz hingenommen davon , und als die Berglinien immer schärfer und klarer hervortraten , deutete sie darauf hin und sagte , sich von ihrem Sitz erhebend : » Das also ist das Riesengebirge ? « Johann , an den sich diese Frage richtete , fand sich in dem ungewohnten Worte nicht gleich zurecht und sagte deshalb : » Ja , da links , das ist die Koppe . « » Die Schneekoppe ? « » Ja , die Koppe . « Manon amüsierte sich , daß der Kutscher auf das Bildungsdeutsch ihrer älteren Schwester nicht recht eingehen wollte , während Therese selbst ihrer Lieblingsvorstellung von der Volkbeschränkung behaglich nachhing . Es war gerade sechs , als der Wagen vor Schloß Adamsdorf hielt . Ein Diener half den Damen beim Aussteigen , und gleich nach ihm erschien Sophie , die sichtlich erfreut war , alle drei wiederzusehen , Therese mit eingeschlossen , trotzdem diese sich etwas reserviert zeigte . Sie fand nämlich den Empfang anders als erwartet und vermißte namentlich die Tante . » Wo ist die Tante ? « fragte sie . » Doch nicht krank ? « » Nein , nicht krank « , erwiderte Sophie , die sofort erriet , was in Theresens Seele vorging . » Die letzten Tage waren so schwere Tage . Da will sie sich ausruhen , solange es irgend geht . Sie hat mich gebeten , sie zu entschuldigen . « » Arme Verwandte « , sagte Therese mit halblauter Stimme vor sich hin . Danach stiegen alle die breite Treppe hinauf in den ersten Stock , wo zwei Fremdenzimmer hergerichtet waren , ein großes und ein kleines , beide nebeneinander und die Zwischentür auf , nur durch eine schwere Portiere geschlossen . In dem großen Zimmer sollte die Mama mit Manon schlafen , in dem kleineren Therese . Die Auszeichnung , die darin lag , söhnte diese halb wieder aus . » Und nun könnt ihr euch « , sagte Sophie , » noch volle zwei Stunden ausruhen . Oder soll ich euch gleich ein Frühstück aufs Zimmer schicken , und ihr geht dann im Park spazieren , bis die Tante kommt ? Es ist am schönsten des Morgens . « Manon und die Mama schienen auch wirklich zu schwanken , namentlich erstere , die von » Morgenspaziergängen im Park « eine hohe Vorstellung hatte . Therese hielt es aber für unklug , diese Dinge zu sehr zu betonen und zu tun , als ob man dergleichen noch nie gesehen habe ; die Güter in Pommern , die sie kannte , hatten doch schließlich auch ihre Paris , und so sagte sie denn , es wurde wohl das beste sein , dem Beispiel der Tante zu folgen und für das , was der Tag noch alles bringen müsse , nach Möglichkeit Kräfte zu sammeln . Vierzehntes Kapitel Um halb neun erschienen die Damen unten in der großen Halle , darin ein Feuer brannte , trotzdem die Luft draußen beinahe sommerlich war . Die Tante begrüßte die Verwandtschaft herzlich und zugleich mit einem so vornehmen Anstand , daß Therese ziemlich verwundert war . Damals , in Pyrmont , hatte die Generalin einen sehr bürgerlichen Eindruck auf sie gemacht , woraus alle Meinungsverschiedenheiten und kleinen Häkeleien entstanden waren . Und jetzt nun so ganz anders . War es das Gefühl , hier in Adamsdorf auf der eigenen Scholle zu sein ? Oder war es einfach der Schmerz , der sie geadelt hatte ? Sie entschied sich für den Schmerz . Ihr Beisammensein beim Frühstück währte nicht lange ; waren doch nur noch wenige Stunden bis zum Begräbnis , und der Adel aus der Nachbarschaft erschien sehr wahrscheinlich um ein gut Teil früher . Die Mama fragte , ob sie den Schwager noch einmal sehen könne , was verneint wurde ; der Sarg sei schon geschlossen . Manon und Therese drückten ihre Trauer darüber aus , waren aber eigentlich froh und fanden Trost in der Wendung , » er lebt so in einem lichteren Bilde in uns fort « . Schon um zehn füllte sich der Platz vor dem Schloß mit Leuten aus dem Dorf ; die Alten , Männer wie Frauen , waren ernst und bewegt , denn sie hatten den General geliebt und verehrt , das junge Volk aber war mehr oder weniger in Kirmesstimmung und kicherte sich sehr Irdisches ins Ohr . Um elf kamen die Equipagen , eine halbe Stunde später die beiden Geistlichen aus dem Dorf ( auch der katholische ) , und um zwölf setzte sich der Zug unter Gesang in Bewegung , bis in die Kirche . Hier sprach der Geistliche ; nach ihm , in privater Eigenschaft , auch der alte katholische Pfarrer , » der nur dem Dank für die schöne Gerechtigkeit Worte leihen wolle , die den verehrten Toten ausgezeichnet habe « - danach noch die Einsegnung , und der Sarg senkte sich in die Kirchengruft . Therese hatte ein schmerzliches Gefühl , daß ein Poggenpuhl ausersehen sei , so zwischen den Särgen einer fremden Familie zu liegen , und ihre Haltung , die durch Ernst auffiel , gab diesem Gefühle Ausdruck . Einige billigten es ; andre aber - Schlesische von Adel - fanden es etwas albern und flüsterten sich zu : » Pommerscher Junkerhochmut « . Denn die Schlesier haben keine Junker . Oder wenigstens keine ganz echten . Alle waren übrigens mit der Feier zufrieden , einen Kirchenältesten ausgenommen , der nicht darüber weg konnte , daß auch der » alte Katholsche « gesprochen habe . Das ginge nicht . Wenn man das einreißen lasse , so setze man sich in die Nesseln und die » Simonie « sei fertig . Was er darunter eigentlich verstand , konnte nicht aufgeklärt werden . Gleich nach der Feier in der Kirche wurde ein Imbiß genommen , Mittagstafel fiel aus , und als die Gäste wieder fort waren , zogen sich die beiden alten Damen , die Generalin und die Majorin , in ihre Zimmer zurück . Sie bedurften der Ruhe , wollten allein sein . Sophie hatte noch in der Wirtschaft zu tun , und so blieben nur Manon und Therese , die sich alsbald zu einem Spaziergange an dem von einem Wässerchen umzogenen Außenrande des Parkes hin entschlossen . Es mochte gegen vier Uhr sein , die Sonne neigte sich schon und schien durch hohe Silberpappeln . Kein Lüftchen ging , alles still , nur von einer benachbarten Schmiede her hörte man ein Hämmern und Pinken und ganz zuletzt , als man weiter und schon bis in die Nähe der Felder gekommen war , auch das Dengeln der Sense ; weiße Birkenbrücken führten über das Wässerchen hinüber , und an einzelnen Stellen machte der Laubengang kleine Nischen und Buchtungen , in denen Bänke standen . Die Vögel sangen nicht mehr , aber ein Eichhörnchen sprang über den Weg . Therese gab ihre kritische Laune ganz auf und fand sich gemüßigt , anerkennende Äußerungen über den schlesischen Adel einzustreuen . » Es ist alles reicher hier « , sagte sie , »