. Denn Jenny bedurfte solcher Huldigungen , um bei guter Laune zu bleiben . Diese Wirkung blieb denn auch heute nicht aus . Sie lächelte , rückte die Zuckerschale näher zu sich heran und sagte , während sie die gepflegte weiße Hand über den großen Blockstücken hielt : » Eins oder zwei ? « » Zwei , Jenny , wenn ich bitten darf . Ich sehe nicht ein , warum ich , der ich zur Runkelrübe , Gott sei Dank , keine Beziehungen unterhalte , die billigen Zuckerzeiten nicht fröhlich mitmachen soll . « Jenny war einverstanden , tat den Zucker ein und schob gleich danach die kleine , genau bis an den Goldstreifen gefüllte Tasse dem Gemahl mit dem Bemerken zu : » Du hast die Zeitungen schon durchgesehen ? Wie steht es mit Gladstone ? « Treibel lachte mit ganz ungewöhnlicher Herzlichkeit . » Wenn es dir recht ist , Jenny , bleiben wir vorläufig noch diesseits des Kanals , sagen wir in Hamburg oder doch in der Welt des Hamburgischen , und transponieren uns die Frage nach Gladstones Befinden in eine Frage nach unserer Schwiegertochter Helene . Sie war offenbar verstimmt , und ich schwanke nur noch , was in ihren Augen die Schuld trug . War es , daß sie selber nicht gut genug placiert war , oder war es , daß wir Mister Nelson , ihren uns gütigst überlassenen oder , um es berlinisch zu sagen , ihren uns aufgepuckelten Ehrengast , so ganz einfach zwischen die Honig und Corinna gesetzt hatten ? « » Du hast eben gelacht , Treibel , weil ich nach Gladstone fragte , was du nicht hättest tun sollen , denn wir Frauen dürfen so was fragen , wenn wir auch was ganz anderes meinen ; aber ihr Männer dürft uns das nicht nachmachen wollen . Schon deshalb nicht , weil es euch nicht glückt oder doch jedenfalls noch weniger als uns . Denn soviel ist doch gewiß und kann dir nicht entgangen sein , ich habe niemals einen entzückteren Menschen gesehen als den guten Nelson ; also wird Helene wohl nichts dagegen gehabt haben , daß wir ihren Protegé grade so placierten , wie geschehen . Und wenn das auch eine ewige Eifersucht ist zwischen ihr und Corinna , die sich , ihrer Meinung nach , zuviel herausnimmt und ... « » ... und unweiblich ist und unhamburgisch , was nach ihrer Meinung so ziemlich zusammenfällt ... « » ... so wird sie ' s ihr gestern « , fuhr Jenny , der Unterbrechung nicht achtend , fort , » wohl zum ersten Male verziehen haben , weil es ihr selber zugute kam oder ihrer Gastlichkeit , von der sie persönlich freilich so mangelhafte Proben gegeben hat . Nein , Treibel , nichts von Verstimmung über Mister Nelsons Platz . Helene schmollt mit uns beiden , weil wir alle Anspielungen nicht verstehen wollen und ihre Schwester Hildegard noch immer nicht eingeladen haben . Übrigens ist Hildegard ein lächerlicher Name für eine Hamburgerin . Hildegard heißt man in einem Schlosse mit Ahnenbildern oder wo eine Weiße Frau spukt . Helene schmollt mit uns , weil wir hinsichtlich Hildegards so sehr schwerhörig sind . « » Worin sie recht hat . « » Und ich finde , daß sie darin unrecht hat . Es ist eine Anmaßung , die an Insolenz grenzt . Was soll das heißen ? Sind wir in einem fort dazu da , dem Holzhof und seinen Angehörigen Honneurs zu machen ? Sind wir dazu da , Helenens und ihrer Eltern Pläne zu begünstigen ? Wenn unsre Frau Schwiegertochter durchaus die gastliche Schwester spielen will , so kann sie Hildegard ja jeden Tag von Hamburg her verschreiben und das verwöhnte Püppchen entscheiden lassen , ob die Alster bei der Uhlenhorst oder die Spree bei Treptow schöner ist . Aber was geht uns das alles an . Otto hat seinen Holzhof so gut wie du deinen Fabrikhof , und seine Villa finden viele Leute hübscher als die unsre , was auch zutrifft . Unsre ist beinah altmodisch und jedenfalls viel zu klein , so daß ich oft nicht aus noch ein weiß . Es bleibt dabei , mir fehlen wenigstens zwei Zimmer . Ich mag davon nicht viel Worte machen , aber wie kommen wir dazu , Hildegard einzuladen , als ob uns daran läge , die Beziehungen der beiden Häuser aufs eifrigste zu pflegen , und wie wenn wir nichts sehnlicher wünschten , als noch mehr Hamburger Blut in die Familie zu bringen ... « » Aber Jenny . .. « » Nichts von aber , Treibel . Von solchen Sachen versteht ihr nichts , weil ihr kein Auge dafür habt . Ich sage dir , auf solche Pläne läuft es hinaus , und deshalb sollen wir die Einladenden sein . Wenn Helene Hildegarden einlädt , so bedeutet das so wenig , daß es nicht einmal die Trinkgelder wert ist und die neuen Toiletten nun schon gewiß nicht . Was hat es für eine Bedeutung , wenn sich zwei Schwestern wiedersehen ? Gar keine , sie passen nicht mal zusammen und schrauben sich beständig ; aber wenn wir Hildegard einladen , so heißt das , die Treibels sind unendlich entzückt über ihre erste Hamburger Schwiegertochter und würden es für ein Glück und eine Ehre ansehen , wenn sich das Glück erneuern und verdoppeln und Fräulein Hildegard Munk Frau Leopold Treibel werden wollte . Ja , Freund , darauf läuft es hinaus . Es ist eine abgekartete Sache . Leopold soll Hildegard oder eigentlich Hildegard soll Leopold heiraten ; denn Leopold ist bloß passiv und hat zu gehorchen . Das ist das , was die Munks wollen , was Helene will und was unser armer Otto , der , Gott weiß es , nicht viel sagen darf , schließlich auch wird wollen müssen . Und weil wir zögern und mit der Einladung nicht recht heraus wollen , deshalb schmollt und grollt Helene mit uns und spielt die Zurückhaltende und Gekränkte und gibt die Rolle nicht einmal auf an einem Tage , wo ich ihr einen großen Gefallen getan und ihr den Mister Nelson hierher eingeladen habe , bloß damit ihr die Plättbolzen nicht kalt werden . « Treibel lehnte sich weiter zurück in den Stuhl und blies kunstvoll einen kleinen Ring in die Luft . » Ich glaube nicht , daß du recht hast . Aber wenn du recht hättest , was täte es ? Otto lebt seit acht Jahren in einer glücklichen Ehe mit Helenen , was auch nur natürlich ist ; ich kann mich nicht entsinnen , daß irgendwer aus meiner Bekanntschaft mit einer Hamburgerin in einer unglücklichen Ehe gelebt hätte . Sie sind alle so zweifelsohne , haben innerlich und äußerlich so was ungewöhnlich Gewaschenes und bezeugen in allem , was sie tun und nicht tun , die Richtigkeit der Lehre vom Einfluß der guten Kinderstube . Man hat sich ihrer nie zu schämen , und ihrem zwar bestrittenen , aber im stillen immer gehegten Herzenswunsche , für eine Engländerin gehalten zu werden , diesem Ideale kommen sie meistens sehr nah . Indessen das mag auf sich beruhen . Soviel steht jedenfalls fest , und ich muß es wiederholen , Helene Munk hat unsern Otto glücklich gemacht , und es ist mir höchst wahrscheinlich , daß Hildegard Munk unsren Leopold auch glücklich machen würde , ja noch glücklicher . Und wär auch keine Hexerei , denn einen besseren Menschen als unsren Leopold gibt es eigentlich überhaupt nicht ; er ist schon beinah eine Suse ... « » Beinah ? « sagte Jenny . » Du kannst ihn dreist für voll nehmen . Ich weiß nicht , wo beide Jungen diese Milchsuppenschaft herhaben . Zwei geborene Berliner , und sind eigentlich , wie wenn sie von Herrnhut oder Gnadenfrei kämen . Sie haben doch beide was Schläfriges , und ich weiß wirklich nicht , Treibel , auf wen ich es schieben soll ... « » Auf mich , Jenny , natürlich auf mich ... « » Und wenn ich auch sehr wohl weiß « , fuhr Jenny fort , » wie nutzlos es ist , sich über diese Dinge den Kopf zu zerbrechen , und leider auch weiß , daß sich solche Charaktere nicht ändern lassen , so weiß ich doch auch , daß man die Pflicht hat , da zu helfen , wo noch geholfen werden kann . Bei Otto haben wir ' s versäumt und haben zu seiner eignen Temperamentlosigkeit diese temperamentlose Helene hinzugetan , und was dabei herauskommt , das siehst du nun an Lizzi , die doch die größte Puppe ist , die man nur sehen kann . Ich glaube , Helene wird sie noch , auf Vorderzähne-Zeigen hin , englisch abrichten . Nun , meinetwegen . Aber ich bekenne dir , Treibel , daß ich an einer solchen Schwiegertochter und einer solchen Enkelin gerade genug habe und daß ich den armen Jungen , den Leopold , etwas passender als in der Familie Munk unterbringen möchte . « » Du möchtest einen forschen Menschen aus ihm machen , einen Kavalier , einen sportsman ... « » Nein , einen forschen Menschen nicht , aber einen Menschen überhaupt . Zum Menschen gehört Leidenschaft , und wenn er eine Leidenschaft fassen könnte , sieh , das wäre was , das würd ihn rausreißen , und sosehr ich allen Skandal hasse , ich könnte mich beinah freuen , wenn ' s irgend so was gäbe , natürlich nichts Schlimmes , aber doch wenigstens was Apartes . « » Male den Teufel nicht an die Wand , Jenny . Daß er sich aufs Entführen einläßt , ist mir , ich weiß nicht , soll ich sagen leider oder glücklicherweise , nicht sehr wahrscheinlich ; aber man hat Exempel von Beispielen , daß Personen , die zum Entführen durchaus nicht das Zeug hatten , gleichsam , wie zur Strafe dafür , entführt wurden . Es gibt ganz verflixte Weiber , und Leopold ist gerade schwach genug , um vielleicht einmal in den Sattel einer armen und etwas emanzipierten Edeldame , die natürlich auch Schmidt heißen kann , hineingehoben und über die Grenze geführt zu werden ... « » Ich glaub es nicht « , sagte die Kommerzienrätin , » er ist leider auch dafür zu stumpf . « Und sie war von der Ungefährlichkeit der Gesamtlage so fest überzeugt , daß sie nicht einmal der vielleicht bloß zufällig , aber vielleicht auch absichtlich gesprochene Name » Schmidt « stutzig gemacht hatte . » Schmidt « , das war nur so herkömmlich hingeworfen , weiter nichts , und in einem halb übermütigen Jugendanfluge gefiel sich die Rätin sogar in stiller Ausmalung einer Eskapade : Leopold , mit aufgesetztem Schnurrbart , auf dem Wege nach Italien und mit ihm eine Freiin aus einer pommerschen oder schlesischen Verwogenheitsfamilie , die Reiherfeder am Hut und den schottisch karierten Mantel über den etwas fröstelnden Liebhaber ausgebreitet . All das stand vor ihr , und beinah traurig sagte sie zu sich selbst : » Der arme Junge . Ja , wenn er dazu das Zeug hätte ! « Es war um die neunte Stunde , daß die alten Treibels dies Gespräch führten , ohne jede Vorstellung davon , daß um eben diese Zeit auch die auf ihrer Veranda das Frühstück nehmenden jungen Treibels der Gesellschaft vom Tage vorher gedachten . Helene sah sehr hübsch aus , wozu nicht nur die kleidsame Morgentoilette , sondern auch eine gewisse Belebtheit in ihren sonst matten und beinah vergißmeinnichtblauen Augen ein Erhebliches beitrug . Es war ganz ersichtlich , daß sie bis diese Minute mit ganz besonderem Eifer auf den halb verlegen vor sich hin sehenden Otto eingepredigt haben mußte ; ja , wenn nicht alles täuschte , wollte sie mit diesem Ansturm eben fortfahren , als das Erscheinen Lizzis und ihrer Erzieherin , Fräulein Wulsten , dies Vorhaben unterbrach . Lizzi , trotz früher Stunde , war schon in vollem Staate . Das etwas gewellte blonde Haar des Kindes hing bis auf die Hüften herab ; im übrigen aber war alles weiß , das Kleid , die hohen Strümpfe , der Überfallkragen , und nur um die Taille herum , wenn sich von einer solchen sprechen ließ , zog sich eine breite rote Schärpe , die von Helenen selbstverständlich nie » rote Schärpe « , sondern immer nur » pinkcoloured scarf « genannt wurde . Die Kleine , wie sie sich da präsentierte , hätte sofort als symbolische Figur auf den Wäscheschrank ihrer Mutter gestellt werden können , so sehr war sie der Ausdruck von Weißzeug mit einem roten Bändchen drum . Lizzi galt im ganzen Kreise der Bekannten als Musterkind , was das Herz Helenens einerseits mit Dank gegen Gott , andrerseits aber auch mit Dank gegen Hamburg erfüllte , denn zu den Gaben der Natur , die der Himmel hier so sichtlich verliehen , war auch noch eine Mustererziehung hinzugekommen , wie sie eben nur die Hamburger Tradition geben konnte . Diese Mustererziehung hatte gleich mit dem ersten Lebenstage des Kindes begonnen . Helene , » weil es unschön sei « - was übrigens von seiten des damals noch um sieben Jahre jüngeren Krola bestritten wurde - , war nicht zum Selbstnähren zu bewegen gewesen , und da bei den nun folgenden Verhandlungen eine seitens des alten Kommerzienrats in Vorschlag gebrachte Spreewälderamme mit dem Bemerken , » es gehe bekanntlich soviel davon auf das unschuldige Kind über « , abgelehnt worden war , war man zu dem einzig verbleibenden Auskunftsmittel übergegangen . Eine verheiratete , von dem Geistlichen der Thomasgemeinde warm empfohlene Frau hatte das Aufpäppeln mit großer Gewissenhaftigkeit und mit der Uhr in der Hand übernommen , wobei Lizzi so gut gediehen war , daß sich eine Zeitlang sogar kleine Grübchen auf der Schulter gezeigt hatten . Alles normal und beinah über das Normale hinaus . Unser alter Kommerzienrat hatte denn auch der Sache nie so recht getraut , und erst um ein erhebliches später , als sich Lizzi mit einem Trennmesser in den Finger geschnitten hatte ( das Kindermädchen war dafür entlassen worden ) , hatte Treibel beruhigt ausgerufen : » Gott sei Dank , soviel ich sehen kann , es ist wirkliches Blut . « Ordnungsmäßig hatte Lizzis Leben begonnen , und ordnungsmäßig war es fortgesetzt worden . Die Wäsche , die sie trug , führte durch den Monat hin die genau korrespondierende Tageszahl , so daß man ihr , wie der Großvater sagte , das jedesmalige Datum vom Strumpf lesen konnte . » Heut ist der Siebzehnte . « Der Puppenkleiderschrank war an den Riegeln numeriert , und als es geschah ( und dieser schreckliche Tag lag noch nicht lange zurück ) , daß Lizzi , die sonst die Sorglichkeit selbst war , in ihrer mit allerlei Kästen ausstaffierten Puppenküche Grieß in den Kasten getan hatte , der doch ganz deutlich die Aufschrift » Linsen « trug , hatte Helene Veranlassung genommen , ihrem Liebling die Tragweite solchen Fehlgriffs auseinanderzusetzen . » Das ist nichts Gleichgültiges , liebe Lizzi . Wer Großes hüten will , muß auch das Kleine zu hüten verstehen . Bedenke , wenn du ein Brüderchen hättest , und das Brüderchen wäre vielleicht schwach , und du willst es mit Eau de Cologne bespritzen , und du bespritztest es mit Eau de Javelle , ja , meine liebe Lizzi , so kann dein Brüderchen blind werden , oder wenn es ins Blut geht , kann es sterben . Und doch wäre es noch eher zu entschuldigen , denn beides ist weiß und sieht aus wie Wasser ; aber Grieß und Linsen , meine liebe Lizzi , das ist doch ein starkes Stück von Unaufmerksamkeit oder , was noch schlimmer wäre , von Gleichgültigkeit . « So war Lizzi , die übrigens zu weiterer Genugtuung der Mutter einen Herzmund hatte . Freilich , die zwei blanken Vorderzähne waren immer noch nicht sichtbar genug , um Helenen eine recht volle Herzensfreude gewähren zu können , und so wandten sich ihre mütterlichen Sorgen auch in diesem Augenblicke wieder der ihr so wichtigen Zahnfrage zu , weil sie davon ausging , daß es hier dem von der Natur so glücklich gegebenen Material bis dahin nur an der rechten erziehlichen Aufmerksamkeit gefehlt habe . » Du kneifst wieder die Lippen so zusammen , Lizzi ; das darf nicht sein . Es sieht besser aus , wenn der Mund sich halb öffnet , fast so wie zum Sprechen . Fräulein Wulsten , ich möchte Sie doch bitten , auf diese Kleinigkeit , die keine Kleinigkeit ist , mehr achten zu wollen ... Wie steht es denn mit dem Geburtstagsgedicht ? « » Lizzi gibt sich die größte Mühe . « » Nun , dann will ich dir deinen Wunsch auch erfüllen , Lizzi . Lade dir die kleine Felgentreu zu heute nachmittag ein . Aber natürlich erst die Schularbeiten ... Und jetzt kannst du , wenn Fräulein Wulsten es erlaubt « ( diese verbeugte sich ) , » im Garten spazierengehen , überall , wo du willst , nur nicht nach dem Hof zu , wo die Bretter über der Kalkgrube liegen . Otto , du solltest das ändern ; die Bretter sind ohnehin so morsch . « Lizzi war glücklich , eine Stunde frei zu haben , und nachdem sie der Mama die Hand geküßt und noch die Warnung , sich vor der Wassertonne zu hüten , mit auf den Weg gekriegt hatte , brachen das Fräulein und Lizzi auf , und das Elternpaar blickte dem Kinde nach , das sich noch ein paarmal umsah und dankbar der Mutter zunickte . » Eigentlich « , sagte diese , » hätte ich Lizzi gern hierbehalten und eine Seite Englisch mit ihr gelesen ; die Wulsten versteht es nicht und hat eine erbärmliche Aussprache , so low , so vulgar . Aber ich bin gezwungen , es bis morgen zu lassen , denn wir müssen das Gespräch durchaus zu Ende bringen . Ich sage nicht gern etwas gegen deine Eltern , denn ich weiß , daß es sich nicht schickt , und weiß auch , daß es dich bei deinem eigentümlich starren Charakter « ( Otto lächelte ) » nur noch in dieser deiner Starrheit bestärken wird ; aber man darf die Schicklichkeitsfragen , ebenso wie die Klugheitsfragen , nicht über alles stellen . Und das täte ich , wenn ich länger schwiege . Die Haltung deiner Eltern ist in dieser Frage geradezu kränkend für mich und fast mehr noch für meine Familie . Denn sei mir nicht böse , Otto , aber wer sind am Ende die Treibels ? Es ist mißlich , solche Dinge zu berühren , und ich würde mich hüten , es zu tun , wenn du mich nicht geradezu zwängest , zwischen unsren Familien abzuwägen . « Otto schwieg und ließ den Teelöffel auf seinem Zeigefinger balancieren , Helene aber fuhr fort : » Die Munks sind ursprünglich dänisch , und ein Zweig , wie du recht gut weißt , ist unter König Christian gegraft worden . Als Hamburgerin und Tochter einer Freien Stadt will ich nicht viel davon machen , aber es ist doch immerhin was . Und nun gar von meiner Mutter Seite ! Die Thompsons sind eine Syndikatsfamilie . Du tust , als ob das nichts sei . Gut , es mag auf sich beruhen , und nur soviel möcht ich dir noch sagen dürfen , unsre Schiffe gingen schon nach Messina , als deine Mutter noch in dem Apfelsinenladen spielte , draus dein Vater sie hervorgeholt hat . Material- und Kolonialwaren . Ihr nennt das hier auch Kaufmann ... ich sage nicht du ... , aber Kaufmann und Kaufmann ist ein Unterschied . « Otto ließ alles über sich ergehen und sah den Garten hinunter , wo Lizzi Fangball spielte . » Hast du noch überhaupt vor , Otto , auf das , was ich sagte , mir zu antworten ? « » Am liebsten nein , liebe Helene . Wozu auch ? Du kannst doch nicht von mir verlangen , daß ich in dieser Sache deiner Meinung bin , und wenn ich es nicht bin und das ausspreche , so reize ich dich nur noch mehr . Ich finde , daß du doch mehr forderst , als du fordern solltest . Meine Mutter ist von großer Aufmerksamkeit gegen dich und hat dir noch gestern einen Beweis davon gegeben ; denn ich bezweifle sehr , daß ihr das unsrem Gast zu Ehren gegebene Diner besonders zupaß kam . Du weißt außerdem , daß sie sparsam ist , wenn es nicht ihre Person gilt . « » Sparsam « , lachte Helene . » Nenn es Geiz ; mir gleich . Sie läßt es aber trotzdem nie an Aufmerksamkeiten fehlen , und wenn die Geburtstage da sind , so sind auch ihre Geschenke da . Das stimmt dich aber alles nicht um , im Gegenteil , du wächst in deiner beständigen Auflehnung gegen die Mama , und das alles nur , weil sie dir durch ihre Haltung zu verstehen gibt , daß das , was Papa die Hamburgerei nennt , nicht das Höchste in der Welt ist und daß der liebe Gott seine Welt nicht um der Munks willen geschaffen hat ... « » Sprichst du das deiner Mutter nach , oder tust du von deinem Eignen noch was hinzu ? Fast klingt es so ; deine Stimme zittert ja beinah . « » Helene , wenn du willst , daß wir die Sache ruhig durchsprechen und alles in Billigkeit und mit Rücksicht für hüben und drüben abwägen , so darfst du nicht beständig Öl ins Feuer gießen . Du bist so gereizt gegen die Mama , weil sie deine Anspielungen nicht verstehen will und keine Miene macht , Hildegard einzuladen . Darin hast du aber unrecht . Soll das Ganze bloß etwas Geschwisterliches sein , so muß die Schwester die Schwester einladen ; das ist dann eine Sache , mit der meine Mama herzlich wenig zu tun hat ... « » Sehr schmeichelhaft für Hildegard und auch für mich ... « » ... Soll aber ein andrer Plan damit verfolgt werden , und du hast mir zugestanden , daß dies der Fall ist , so muß das , so wünschenswert solche zweite Familienverbindung ganz unzweifelhaft auch für die Treibels sein würde , so muß das unter Verhältnissen geschehen , die den Charakter des Natürlichen und Ungezwungenen haben . Lädst du Hildegard ein und führt das , sagen wir einen Monat später oder zwei , zur Verlobung mit Leopold , so haben wir genau das , was ich den natürlichen und ungezwungenen Weg nenne ; schreibt aber meine Mama den Einladungsbrief an Hildegard und spricht sie darin aus , wie glücklich sie sein würde , die Schwester ihrer lieben Helene recht , recht lange bei sich zu sehen und sich des Glücks der Geschwister mitfreuen zu können , so drückt sich darin ziemlich unverblümt eine Huldigung und ein aufrichtiges Sichbemühen um deine Schwester Hildegard aus , und das will die Firma Treibel vermeiden . « » Und das billigst du ? « » Ja . « » Nun , das ist wenigstens deutlich . Aber weil es deutlich ist , darum ist es noch nicht richtig . Alles , wenn ich dich recht verstehe , dreht sich also um die Frage , wer den ersten Schritt zu tun habe . « Otto nickte . » Nun , wenn dem so ist , warum wollen die Treibels sich sträuben , diesen ersten Schritt zu tun ? Warum , frage ich . Solange die Welt steht , ist der Bräutigam oder der Liebhaber der , der wirbt ... « » Gewiß , liebe Helene . Aber bis zum Werben sind wir noch nicht . Vorläufig handelt es sich noch um Einleitungen , um ein Brückenbauen , und dies Brückenbauen ist an denen , die das größere Interesse daran haben . « » Ah « , lachte Helene . » Wir , die Munks ... und das größere Interesse ! Otto , das hättest du nicht sagen sollen , nicht weil es mich und meine Familie herabsetzt , sondern weil es die ganze Treibelei und dich an der Spitze mit einem Ridikül ausstattet , das dem Respekt , den die Männer doch beständig beanspruchen , nicht allzu vorteilhaft ist . Ja , Freund , du forderst mich heraus , und so will ich dir denn offen sagen , auf eurer Seite liegt Interesse , Gewinn , Ehre . Und daß ihr das empfindet , das müßt ihr eben bezeugen , dem müßt ihr einen nicht mißzuverstehenden Ausdruck geben . Das ist der erste Schritt , von dem ich gesprochen . Und da ich mal bei Bekenntnissen bin , so laß mich dir sagen , Otto , daß diese Dinge , neben ihrer ernsten und geschäftlichen Seite , doch auch noch eine persönliche Seite haben und daß es dir , so nehm ich vorläufig an , nicht in den Sinn kommen kann , unsre Geschwister in ihrer äußeren Erscheinung miteinander vergleichen zu wollen . Hildegard ist eine Schönheit und gleicht ganz ihrer Großmutter Elisabeth Thompson ( nach der wir ja auch unsere Lizzi getauft haben ) und hat den Chic einer Lady ; du hast mir das selber früher zugestanden . Und nun sieh deinen Bruder Leopold ! Er ist ein guter Mensch , der sich ein Reitpferd angeschafft hat , weil er ' s durchaus zwingen will , und schnallt sich nun jeden Morgen die Steigbügel so hoch wie ein Engländer . Aber es nutzt ihm nichts . Er ist und bleibt doch unter Durchschnitt , jedenfalls weitab vom Kavalier , und wenn Hildegard ihn nähme ( ich fürchte , sie nimmt ihn nicht ) , so wäre das wohl der einzige Weg , noch etwas wie einen perfekten Gentleman aus ihm zu machen . Und das kannst du deiner Mama sagen . « » Ich würde vorziehen , du tätest es . « » Wenn man aus einem guten Hause stammt , vermeidet man Aussprachen und Szenen ... « » Und macht sie dafür dem Manne . « » Das ist etwas anderes . « » Ja « , lachte Otto . Aber in seinem Lachen war etwas Melancholisches . Leopold Treibel , der im Geschäft seines älteren Bruders tätig war , während er im elterlichen Hause wohnte , hatte sein Jahr bei den Gardedragonern abdienen wollen , war aber , wegen zu flacher Brust , nicht angenommen worden , was die ganze Familie schwer gekränkt hatte . Treibel selbst kam schließlich drüber weg , weniger die Kommerzienrätin , am wenigsten Leopold selbst , der - wie Helene bei jeder Gelegenheit und auch an diesem Morgen wieder zu betonen liebte - zur Auswetzung der Scharte wenigstens Reitstunde genommen hatte . Jeden Tag war er zwei Stunden im Sattel und machte dabei , weil er sich wirklich Mühe gab , eine ganz leidliche Figur . Auch heute wieder , an demselben Morgen , an dem die alten und jungen Treibels ihren Streit über dasselbe gefährliche Thema führten , hatte Leopold , ohne die geringste Ahnung davon , sowohl Veranlassung wie Mittelpunkt derartiger heikler Gespräche zu sein , seinen wie gewöhnlich auf Treptow zu gerichteten Morgenausflug angetreten und ritt , von der elterlichen Wohnung aus , die zu so früher Stunde noch wenig belebte Köpnicker Straße hinunter , erst an seines Bruders Villa , dann an der alten Pionierkaserne vorüber . Die Kasernenuhr schlug eben sieben , als er das Schlesische Tor passierte . Wenn ihn dies Imsattelsein ohnehin schon an jedem Morgen erfreute , so besonders heut , wo die Vorgänge des voraufgegangenen Abends , am meisten aber die zwischen Mister Nelson und Corinna geführten Gespräche noch stark in ihm nachwirkten , so stark , daß er mit dem ihm sonst wenig verwandten Ritter Karl von Eichenhorst wohl den gemeinschaftlichen Wunsch des » Sich-Ruhe-Reitens « in seinem Busen hegen durfte . Was ihm equestrisch dabei zur Verfügung stand , war freilich nichts weniger als ein Dänenroß voll Kraft und Feuer , sondern nur ein schon lange Zeit in der Manege gehender Graditzer , dem etwas Extravagantes nicht mehr zugemutet werden konnte . Leopold ritt denn auch Schritt , sosehr er sich wünschte , davonstürmen zu können . Erst ganz allmählich fiel er in einen leichten Trab und blieb darin , bis er den Schafgraben und gleich danach den in geringer Entfernung gelegenen » Schlesischen Busch « erreicht hatte , drin am Abend vorher , wie ihm Johann noch im Momente des Abreitens erzählt hatte , wieder zwei Frauenzimmer und ein Uhrmacher beraubt worden waren . » Daß dieser Unfug auch gar kein Ende nehmen will ! Schwäche , Polizeiversäumnis . « Indessen bei hellem Tageslichte bedeutete das alles nicht allzuviel , weshalb Leopold in der angenehmen Lage war , sich der ringsumher schlagenden Amseln und Finken unbehindert freuen zu können . Und kaum minder genoß er , als er aus dem » Schlesischen Busche « wieder heraus war , der freien Straße , zu deren Rechten sich Saat- und Kornfelder dehnten , während zur Linken die Spree mit ihren nebenherlaufenden Parkanlagen den Weg begrenzte . Das alles war so schön , so morgenfrisch , daß er das Pferd wieder in Schritt fallen ließ . Aber freilich , so langsam er ritt , bald war er trotzdem an der Stelle , wo , vom andern Ufer her , das kleine Fährboot herüberkam , und als er anhielt , um dem Schauspiele besser zusehen zu können , trabten von der Stadt her auch schon einige Reiter auf der Chaussee heran , und ein Pferdebahnwagen glitt vorüber , drin , soviel er sehen konnte , keine Morgengäste für Treptow saßen . Das war so recht , was ihm paßte , denn sein Frühstück im Freien , was ihn dort regelmäßig erquickte , war nur noch die halbe Freude , wenn ein halb Dutzend echte Berliner um ihn herumsaßen und ihren mitgebrachten Affenpinscher über