daß er sich aufraffte , einmal von der Trockenwiese davonschlich und auf das Gemeindeamt ging . Dieser erste Weg , den er machte , ohne daß er auf den Arm der Hanne gestützt war , wurde ihm recht sauer ; aber je weiter er ging , desto mehr fühlte er wieder seinen Mut und seine Kraft wachsen . Freilich , da in der dumpfen Stube neben einem greinenden Kind und einem stillen traurigen Mädchengesicht , auf dem Krankenbett oder auf dem Pranger am Fenster , dem Gespötte und Geschimpfe preisgegeben , wer kann sich da erholen , und selbst die Trockenwiese , wo die Welt mit Leintüchern verhängt ist , » ein wahres Versimpeln das « , murrte der Leopold vor sich hin und trat immer fester auf , und ehe er es versah , war er auch schon oben in der Gemeindekanzlei . Er kam sich aber wie ein Bettler vor , als er mit dem Hute in der Hand neben der Türe stand und auf seinen Bescheid wartete . Er hatte schon soundso oft schriftlich angefragt , wann er wieder seinen Dienst antreten könne , er hatte die Hanne hergeschickt und anfragen lassen , aber sie sagten ihr , er müsse selbst kommen . Nun also , jetzt war er da ! Warum ließen sie ihn aber so dastehen , als ob er gekommen wäre , sich eine Gnade auszubitten ? Er wußte ja nicht , daß seine Entlassung schon vor Monaten beschlossen war , daß sie in einem Brief mit großem Siegel in die Blaue Gans geschickt wurde und daß sie hinter der Uhr verborgen steckte von der Hanne , um vorläufig wenigstens eine Sorge von ihm zu nehmen . Die Hanne war auch nie auf das Amt gegangen , sie bog alleweil nur um die nächste Ecke und lief dann auf einem andern Wege nach der Trockenwiese , wo sie sitzen blieb und das Kinderzeug zurechtflickte , das sie sonst beiseite schieben mußte . » Ihre Stelle ist längst vergeben , mein lieber Weis , reichen Sie neu ein , wenn - wenn Sie sich ganz erholt haben « , sagte der Vorsteher und musterte den Leopold vom Wirbel bis zur Zehe . - » Aber ... « » Ist Ihre Frau schon wieder heimgekehrt , oder leben Sie noch immer so - « , näselte der Beamte . » Gehört das auch zu meiner Entlassung , oder ist es genug , daß ich krank war und darum meinen Dienst nicht hab versehen können ? « meinte der Mann und biß die Zähne übereinander . » Warum wurden Sie krank ? « meinte der Beamte hochmütig und lächelte so , als ob er die Menge Dinge wüßte , über welche er nicht reden möchte . » Weil ... Ei so ! « murmelte der Leopold , warf seinen Hut auf den Kopf , zerrte an der Krempe und drehte sich auf den Absätzen um , ohne noch einmal in das rotgetupfte Gesicht des Menschen zu sehen , der ihn halb wie einen Narren und halb wie einen Taugenichts abgefertigt hatte . Nicht das , was er zu ihm sagte , war es , sondern wie der Kerl , der allezeit hinter dem Schreibtisch hockte , es sagte , das war es . » Ob das wohl früher einer riskiert hätte , he ? « ... Als er noch im Regiment stand und sich da unten mit zwei heilen Armen herumraufen konnte , und auch noch später , vor Monaten , als er rechtschaffen mit Weib und Kind neben seinen Nachbarn lebte , der Angesehenste fast . » Wenn ich nur wüßte warum ? « brummte der Leopold und stolperte durch die engen Gassen . Da er niemand hatte , dem er sein Mißgeschick erzählen konnte , so wurmte ihn der Gedanke , daß er jetzt vor dem unleidigen Patron da oben eine alberne Rolle gespielt habe , zu der ihm die Hanne verholfen . Obwohl er recht gut erkannte , warum sie ihm die üble Kunde verborgen hatte , konnte er doch den Ärger nicht verwinden ; er eilte heim und begehrte den Brief von ihr . Verschüchtert kramte das Mädchen die Unheilsschrift hervor , und als er das Ding in Händen hielt , kam auch die Verbittertheit rückhaltlos hervor . Das war ein ganz regelrechter Verweis , den die Hanne bekam , etwa so , wie ihn ein Mann seinem Weibe gibt . Alles das , was er in den bittersten Stunden der Lene nicht zu sagen gewagt hätte , alle starrsinnige Rechthaberei , aller niedergehaltene Grimm brach los . Da war ja ein Geschöpf , das widerstandslos schwieg , weil es eine Tat begangen hatte , die ihn schädigte . Beiläufig so stellte sich ihm die Sache dar , und darum schrie er jetzt so und klagte über sein Unglück . Er schrak zusammen , als ihn die Hanne mit gefalteten Händen bat : » Leopold , besinn dich , die Leut . « » Die Leut , alleweil die Leut ! « sagte er grollend , als er aber sah , daß die Hanne leise vor sich hin schluchzte , nahm er mißmutig seinen Hut und ging . » Gestritten , die wilden Eh ' leut « , kicherte eine Nachbarin , die gehorcht hatte . » Jetzt wird sie bald Schläg kriegen « , erwiderte die Laternenanzünderin weinerlich , und beide trugen das Ereignis brühwarm zu der alten Frau Walter . Der Leopold ging , so rasch er konnte , immer weiter und weiter , als könnte er allen Wirrnissen , in die er geraten , davonlaufen , als könnte er sich von jedem Ungemach befreien , wenn er das langgestreckte Haus , die große halbdunkle Stube , das hagere , blasse , geduldige Mädchen hinter sich ließe ... Was war aus seinem Leben geworden ? Abwehr und Schimpf hatten die für ihn , unter denen er aufgewachsen , das Brot hatten sie ihm boshaft vom Munde genommen , schwach war er , untüchtig an Leib und Seele , und niemand hielt zu ihm als ein armes Geschöpf , das er in einer hilflosen Stunde nicht von sich ließ und das nun überall auf seinem Wege stand und ihn erinnerte , ohne daß sie es wußte und wollte , daß er gestorben und verdorben wäre , wenn sie die Hände in den Schoß gelegt hätte - und alles das hatte er seinem Weibe zu danken . Daß er so erbärmlich , so kraftlos weitertaumelte , hatte sie zuwege gebracht , sie hatte ihm sogar die Hanne hingesetzt - sie - alles sie . - Ach , wo ist sie - wie lange soll er noch leben ohne sie ? Da war ihm plötzlich sein Ziel gesteckt , zu ihr drängte es ihn , er mußte sie wiedersehen , ei , er wußte sie ja zu finden , er durfte sie ja doch suchen , noch war sie sein Weib und eine ehrbare Frau . Oho ! Das sollte ihm keiner wehren und leugnen . Für den Halbgenesenen war es aber ein weiter , langer Weg , er schleppte sich dahin wie einer , dessen Wunden aufgebrochen sind und der Rettung sucht vor dem Verbluten . Ach ja , das war es , was ihn gepeinigt hatte , was ihn unwirsch und ruhelos machte , mehr als Krankheit und Sorge ; das rastlose , durstende Sehnen nach seinem Weibe , nach ihrem Anblick , ihren Lippen . Monate und Monate waren jetzt hingegangen , und alle die Zeit war ihm zwischen halber Bewußtlosigkeit , Schwäche , Kindergeschrei , Geschimpfe und leisen Seufzern verflossen . Kein heller Tag in dieser bleischweren Traurigkeit , kein lachender Frauenblick , nichts als die rohen Gesichter der Weiber und die ernsten Züge der dürftigen Mädchengestalt . Die Schönheit war mit der Lene aus seinem Leben geschwunden , und darum wohl zerrte unbewußt alles in ihm nach ihr . Es dämmerte schon , als er mühsam durch die Straßen der Stadt ging , und wie er endlich bei dem Hause der Madame Margot ankam , war es unten auf der Erde dunkel geworden , und nur oben zwischen den Häusern lag wie ein ausgespanntes lichtes Tuch der graublasse Abendhimmel . - Der Leopold schlich quer über die Straße und lehnte sich gegenüber dem Haustore an die Mauer , so daß er hinaufsehen konnte zu den hellerleuchteten Fenstern des Salons . Er war so müde , so zerschlagen , daß er es nicht fühlte , wieviel Vorübergehende an seine Schulter rannten , nur ab und zu griff er an die kalten Steine , denn seine Hand glühte vor Hitze , und gegen den Kopf wallte es auf so kochend heiß , daß er die Augen schließen mußte , denn das Haus gegenüber bewegte sich und erschien ihm blutrot . - Als er wieder aufblicken konnte , sah er die Lene oben am Fenster stehen , ihre schlanke dunkle Gestalt hob sich von dem hellen Hintergrunde rein ab . » Lene ! « Mit zwei Sätzen stand der Mann in dem Straßengeleise , er rief , winkte und nickte hinauf und wäre wohl schnurgerade zu ihr gerannt , doch da rollten rechts und links die Menge Wagen vorbei , er konnte nicht hinüberkommen zu ihrem Haustore . - Aber er sah sie ! - Das war ihr süßes Gesicht , so bewegte sie die Hand oft , wenn sie am Fenster saß daheim . - Jeder andere Gedanke als an sie , jedes Gefühl von Schmerz war ausgelöscht , sie war da , er sah sie wieder , nur zu ihr - zu ihr . Sie wendete nicht einmal den Kopf nach jener Richtung , wo er stand , jetzt ging sie sogar von dem Fenster fort , und nur hie und da sah er ihren Schatten auftauchen . Erst als sie ganz verschwunden war , sagte er sich deutlich vor , was er jetzt wollte . Mit ihr reden , sie fragen : Was soll nun aus uns werden ? - Aus uns dreien ? Er wollte das von keinem geschickten Advokaten mehr hören , sie sollte es ihm sagen , sein Weib , das sein Kind geboren hatte und das doch zu ihm gehörte , wenn sie auch da oben saß und nimmer daheim in der großen Stube . - Vielleicht ginge sie gerne wieder zurück in die Blaue Gans , nachdem sie unter den fremden vornehmen Menschen gelebt hatte und einsehen mußte , daß nicht viel dahinter ist bei ihnen . Vielleicht schämt sie sich nur , so ohne weiteres heimzulaufen , und wartet , daß er komme und sie bittet - und endlich , ja , er hatte sie ja vertrieben , Weibergerede soll ein Mann nie so schwernehmen , im schlimmsten Fall hatten sie beide gefehlt , und es war jetzt , da sie sich so lange ferne gewesen , leichter gutzumachen und zu vergessen als damals . Wenn sie erst wieder daheim ist , dann macht ihm das tägliche Brot keine Sorge mehr , dann findet er gewiß rasch wieder eine Stelle , ah , für sie würde er eifrig suchen , laufen und schaffen , wäre sie da , so wüßte er ja , wofür er sich plagte , für sie gäbe er ja seinen letzten Blutstropfen hin . Der Leopold stand jetzt neben dem Haustore der Madame Margot , da heraus mußte die Lene kommen , da gab es kein Ausweichen , kein Davonlaufen , sie mußte an ihm vorbei und mußte ihm also Rede stehen . Stunden waren hingegangen , und er wußte es nicht . Seine Gedanken waren auf die Zukunft gerichtet , und er suchte sich die Schmerzen der Vergangenheit zu verringern . Jetzt sah er , wie gegenüber an der dunklen Mauer die hellen Fenstervierecke eines nach dem andern verschwanden , nun wußte er , daß herüben bei der Französin die Lichter ausgelöscht wurden und daß die Lene nun bald herabkommen müsse . Er reckte sich stramm auf und steckte die Hand fest in die Tasche . Jetzt kamen fröhlich lachende Stimmen näher , ach nein , so lachte sie niemals , ein junges Mädchen kichert und plaudert mit der älteren Frau , die neben ihr geht und nicht ernst bleiben kann bei der Geschichte , welche das lustige Ding atemlos herplappert , die Frau preßt das Tuch vor den Mund und krümmt sich zusammen vor Lachen . » Warten wir auf Madeleine ? « fragte die ältere , als sie durch das Tor gingen und an Leopold vorbeikamen , » das müssen Sie ihr auch erzählen , es ist zu komisch . « » Nein , gehen wir nur , Madeleine wurde im letzten Augenblick noch zu Madame gerufen , und dann - vielleicht schadet das Lachen auch ihrer Schönheit wie das Weinen , denn sie weint nicht , damit sie ihr Gesicht ... « Mehr konnte der Mann nicht hören . Freilich , das war sein Weib , das weder lachte noch weinte , damit ihr Gesicht kein Fältchen bekommt . Das schöne Fleisch galt ihr mehr als Freude oder Leid , ihre Schönheit kam immer zuerst , sie war also geblieben , wie sie ehemals gewesen - das schlug wie der Blitz in seine Zukunftsgedanken , mit ihrer Schönheit , die ihm doch stets vor Augen schwebte , hatte er nicht gerechnet , da oben gedeiht sie leichter als daheim bei Mann und Kind . Seine Hand fuhr aus der Tasche , er rückte sich den Hut tiefer in die Stirne , denn ein Windstoß kam um die Ecke gerast , flog pfeifend durch die Hauseinfahrt und wirbelte seine langen Haare über die Hutkrempe . Der leere Rockärmel baumelte hin und her , und der schlottrig-weite Rock bauschte sich auf oder legte sich eng an seine abgemagerten Glieder , je nachdem sich der Wind drehte . Wie er nun so dastand , gegen den Sturm ankämpfte und mit seinem einen Arm Hut und Stock zu halten suchte , da wehte es ihn mit einmal heiß an , er tappte dorthin , wo er ihre Stimme vernahm , er wischte sich den Staub aus den Augen und suchte sie zu sehen , die ihn halblaut bat : » Geh aus dem Wege , Leopold ! « » Der ... wird ... ich hab ... mein Jesus ! ... Lene ... « » Mache kein Aufsehen . « » Weib , komm , ich bitte dich ! « stammelte der Mann . » Was willst du ? « Sie gingen aus dem Tor , bogen hinaus auf die Straße , der Sturm war ihnen jetzt im Rücken und trieb sie vorwärts , immer noch wehrte sich der Leopold gegen seine Haare , die ihm in die Augen flogen , gegen seinen Rock , der sich über die Brust bis unter das Kinn hinauf blähte , und gegen den leeren flatternden Ärmel , den der Wind sogar in das weiße Gesicht des jungen Weibes schlug . Die Lene hatte sich eng in ihr langes Umschlagetuch gehüllt , der kleine festanschließende Hut und der straffgespannte Schleier ließen an keinem Härchen ihres glatten Scheitels rühren , die schlanke Gestalt war selbst mitten im Sturm ebenmäßig zusammengehalten , unbewegt . » Was willst du ? « frug sie , leicht Atem holend , während er mit weitgeöffnetem Munde neben ihr her schwankte . » Dich ... sehen ... fragen ... wann ... du heimkommst . « Sie blieb stehen , ließ ihre Augen über den zerfahrenen Mann laufen und sagte dann verlegen : » Zu dir ? « » Zu deinem Buben , zu mir ... zu uns allen « , keuchte er . Sie besann sich , drückte die Wange sacht an die Achsel , ihre weißen Zähne funkelten , daß er sie deutlich sah , und dann zischelte sie : » Zu der Hanne ? « » Was meinst ? ... Ich bitte dich ... bleib stehen ... ich kann nimmer weiter ... Was meinst ? « bat der Leopold dringend . » Ob Platz war für mich neben der andern « , sagte sie und schlug die Augen nieder . » Lene ! ... Haben sie die sündhafte Lüg zu dir auch g ' tragen ... und kannst du das glauben , du ? « » Lebst du nicht mit ihr ? « » Ich lebe mit ihr , ja , aber nicht so , wie die Leute meinen , dazu könnt ich doch eine Schlechtere finden ! « schrie der Leopold . » Freilich . « » Das Mädel ist ehrlich und brav , das weißt du doch genau von jeher . « » Ja , ja « , beschwichtigte die Lene , » braver wie ein Weib , das ihrem Manne durchgeht , gelt ? « frug sie forschend . » Ach laß ... höre mich an ... die Hanne ... « » Paßt besser für dich ! « unterbrach ihn die Lene und schaute lauernd zu ihm auf . » Für mich ... der arme Narr ! ... Hast sie mir darum hingesetzt ? Meinst , der Weis Leopold ist billig worden , weil der Markt aus ist ? Also darum hab ich sie statt dir gefunden ? « » Hast sie aber doch behalten . « » Lene ... zuerst ... Aber wie soll ich dir da im Wind das erzählen . Weißt du , wie schlecht bei uns unten oft das Gerede ist ? Sag , Weib , wer könnt an eine andere denken , wenn er dich hat ? « » Gehabt hat « , murmelte sie . » Frag die Hanne , was ich damals gesagt hab , wie ich bei der Nacht heimkommen bin und gemeint hab , du machst mir die Kucheltür selber auf ... frag ... « » Mit dem Weibsbild habe ich nichts zu reden « , unterbrach sie ihn . » Ah ! ... Das mußt du doch nicht sagen . Du sollst ihr danken dafür , daß sie dein Kind gepflegt hat in seiner Todeskrankheit ... was sie für die Wirtschaft und mich getan hat , das dank ich ihr schon selbst . Schön ist sie freilich nicht , aber gut ist sie , wie es schier keine sonst gibt auf der Welt « , sagte der Leopold weich und glaubte sein Weib zu beruhigen , wenn er wiederholte : » Nein , nein , schön ist sie gar nicht . « Die Lene faßte den flatternden Rockärmel , rüttelte ein wenig daran , schaute ihrem Manne mit vorgestrecktem Kinn von unten auf in die Augen , biß die Zähne übereinander und sagte dann atemlos : » Wahr ist es , du hast keine Ehr ! « » Ich ? « » Ja , die Leut haben recht . « » So . Und warum ? « frug der Leopold und ergriff ihre Hand , während er leise lachte . » Lache nicht so . Warum ? Weil du dich mit einer ehrlichen Frau von deiner Dirn zu reden getraust ! « schrie ihm die Lene zu , entrang ihm ihre Hand , nahm die Röcke zusammen und rannte jählings an ihm vorbei wie ein verfolgtes Kind ; sie bog , ohne sich umzuwenden , rennend um die nächste Ecke , und ehe ihr der Leopold folgen konnte , war sie in dem Gewühle der Menschen und Wagen verschwunden . » Was heißt das jetzt ? « fragte sich der Mann , und auf einige Pulsschlägelänge schaute sich sein Gesicht an , als ob ein Schimmer von befriedigter Eitelkeit , von plötzlicher Hoffnung darüber hinleuchtete , aber bald erlosch der fremde Schein , und der alte schmerzliche Ausdruck kam wieder . Eine Weile wankte er noch den Weg , den sie gelaufen war , und dachte an das , was sie gesagt und getan hatte ; dann , als er die Stadttore hinter sich wußte , kletterte er auf einen jener Wagen , die bis über die letzten Häuser hinausfahren und darum stets vollgestopft sind mit armen müden Menschen , die ihre großen Bündel schwer schleppen können und so , mehr ihre Last als sich selbst , bequemer heimbringen . Der Wagen rollte schwerfällig den langen Weg hinaus , und der Leopold , der hoch oben neben dem Kutscher saß , schwankte bei jedem Stoß wie ein Betrunkener , er grübelte und träumte und achtete nicht darauf , daß unten im Wagen ein paar Nachbarn von Zeit zu Zeit fast fürsorglich hinaufspähten , ob er noch fest auf seinem Platze säße . » Für die Besoffenen hat unser Herrgott eigene Schutzengeln « , sagte der eine überzeugungsvoll . » Auf eine schnelle Art loskriegen hat sie mich wollen , das ist alles « , schloß der Leopold seine Gedankenkette , als der Wagen einen derben Ruck bekam und ihn aufrüttelte aus seinem trübseligen Brüten . Da waren sie schon in der Nähe der Blauen Gans und hielten an , und der Mann kletterte von dem Kutschbock herab . Jetzt sah er , wie einer um den andern herauskrabbelte , lauter Nachbarsleute , so - und nun huschte da bei der knarrenden Laterne auch noch die Strohschneider-Marie vorbei , blieb stehen und nickte ihm zu . Der Leopold wollte grüßen und ihr ein heiteres Gesicht zeigen , aber das Mädchen schlug die Hände zusammen und fuhr dann mit allen zehn Fingern über ihre Wangen , um ihm zu bedeuten , daß sie sein Aussehen erschreckt habe ; er gedachte sie zu trösten und versuchte zu lachen , aber es wurde nur ein grinsendes Verzerren der Muskeln . Die Marie lief weiter , und der Mann schleppte sich heim in seine Stube . Die nächsten Tage vermied er es , mit der Hanne viel zu reden , jedoch seine Augen suchten sie fort und fort . » Wenn die Lene doch daran glaubte ? « sagte er sich und begann abzuwägen , wieviel an Frauenreiz in dieser überschlanken Gestalt sei und ob die Lene wirklich da eine Nebenbuhlerin finden könne , ob - ja - wenn sie ihn so plötzlich mit den großen , ernsten , liebevollen Augen ansah , da wußte er , daß er ein junges Mädchen vor sich hatte , sonst - was kümmerte er sich um ihr stilles Gehaben . - Jetzt merkte er es auch , daß ihr Kopf manchmal viel hübscher war , wenn sie mit ihm sprach , ganz anders , als wenn sie , über ihre Maschine gebeugt , dort am Fenster saß oder mit kurzen Worten irgendwem Rede und Antwort geben mußte . Das Mädel da soll seine Geliebte sein , sagen die Leute , sagt sein eigenes Weib . - » Ob wohl eine andere so viel Schimpf und Leid auf sich nähme wie die Hanne ? « simulierte er , » keine , nicht einmal die leichtsinnige Strohschneider-Marie , die nicht so viel zu verwetten hat wie das arme Ding ... Warum tut sie es ? ... Warum ist mir das früher nie eingefallen ? « Der Mann konnte mit einem Male keine Ruhe finden , er dachte zurück , weit zurück bis in ihre Kindertage , immer schauten die ernsten wehmütigen Augen zu ihm herüber , überall tauchte der dunkle Kopf auf neben dem andern leuchtenden , herrlichen . Immer stand sie im Hintergrunde , nur jetzt , jetzt saß sie da an der ersten Stelle in seinem Hause , zuvörderst in seinem Leben , sie saß geduldig da und wartete ... worauf ? Daß die Lene heimkommt ! Aber die kann ja nicht heimkommen , solange die Hanne dasitzt und für ... für mein zweites Weib gilt ... » Ah , eine Ausrede von ihr « , wehrte er zum Schlusse ab , » die will nicht heim , und der arme Teufel kann in alle Ewigkeit da hocken , kann alt werden bei mir ohne Mann und ich ohne Weib ... Warum bleibt sie aber da ? « frug er sich hartnäckig und rief plötzlich laut : » Hanne ! « » Was , Leopold ? « » Schau mich an ! « Sie blickte verwundert zu ihm hin , wurde aber mit einem Male verwirrt , bewegte ängstlich den Kopf und fragte schüchtern : » Warum ? « » Ei , weil du schöne Augen hast , langes Mädel « , sagte er lachend , und sie lachte auch und wurde dunkelrot dabei . » Schau , wenn du nur ganz kleine rote Röserln im Gesichte hättest , könntest bald mitreden « , scherzte der Mann und löste mit seinen erfahrenen Augen den dichten Haarknoten , zog das übelpassende Kleid fester um den schlanken Leib , da trat die Büste feiner heraus , und der eckige Körper bekam gefälligere Formen . Na , vielleicht haben die anderen besser gesehen als ich ? dachte er und schaute dem Mädchen nach , das den Buben aufgenommen hatte und mit leichten Schritten hinausging . Seitwärts der Trockenwiese lag ein kleiner abgegrenzter Garten . Die Planke , die ihn von der Wiese trennte , war altersgrau und morsch , und es bedurfte nur zweier tüchtiger Fäuste , um sie zum Falle zu bringen , und dennoch wagten selbst die schlimmsten Buben nicht daran zu rütteln . Woher die Kinder die Sage hatten , daß da drinnen ein Jude begraben liege , das wußte niemand , aber groß und klein sprach mit verständnisvollem Augenzwinkern im Flüstertone davon , sobald die Rede darauf kam . Der abgeplankte Raum hieß auch der Judengarten . Wenn auf der Trockenwiese kein Grashalm mehr grün war , wenn oben auf den Feldern das Korn schon schwer und goldgelb stand , wenn die hohen Fliederbüsche wie krachdürre versengte Baumgerippe im Winde knarrten und klapperten , wenn der Herbst rundum Herr wurde , so sah es in dem kleinen Garten wie mitten in der Sommerszeit aus . Vielleicht kam das von der geschützten Lage und von der Feuchtigkeit , die jene Menge von Steinen gleichsam ausschwitzte , denn immer war es in der Nähe des hohen Mauerteiles , an dem das Gärtchen lehnte , kühl , und wenn die Sonne unterging oder wenn Regenwetter in der Luft lag , liefen an den Steinen große Tropfen herab . Der abgeplankte Raum war nicht größer als die große Waschküche in der Blauen Gans , aber die Kinder wußten sich genau die Stelle auszusuchen , wo sie durch ein passendes Astloch hineingucken konnten , ohne in das niedere dichte Blätterdach der Bäume oder in das hohe Gras zu sehen . Kaum zwei Hände breit war Raum zwischen dem federartigen langen Gras und den tief niederhängenden Ästen . Wenn es Obstbäume gewesen wären , so hätte wohl die Naschsucht oder der Hunger über die Furcht gesiegt , und die Buben wären doch über die fast doppelt mannshohe Planke geklettert oder hätten sich sonst Eingang verschafft , aber da standen nur Linden und Buchen und breitblätterige fremdländische Bäume , einer knapp neben dem anderen , es gab nichts zu holen , nicht einmal die Blumen reizten sie , die drinnen wuchsen ; oben auf den Feldern gab es ja Korn- und Mohnblumen und Kamillen , so groß , wie sie nirgends sonst zu sehen waren . Die rückwärtige Seite des Judengartens lehnte an der hohen Steinmauer , die sich rechts neben der Trockenwiese und neben den Feldern hinzog , den Berg hinanlief , aber immer niederer und niederer wurde , bis sie oben die Gleiche mit einem geraden Wege bekam . Dieser Weg führte dann noch weiter hinaus durch die Felder in ein Dorf , nach Währing , und dann ging es fort bis in den Wald . Ein paar armselige Hütten , die Wäscherburg , standen auf dem Hügelgrunde , den die Mauer wie ein Damm abschloß und schützte ; aus der Ferne sahen sich die niederen Häuser wie Kinderspielzeug an , und die Mauer , die aus großen ungleichen Bruchsteinen war , wie ein Felsen . An dem höchsten Teile der Mauer , etwa drei Stockwerke hoch über der Trockenwiese , genau über dem abgeteilten Garten , hing ein Korbbalkon . Das Haus , zu dem er gehörte , hatte keinen Vorplatz , der Eingang hing in der Luft , wer in den Flur wollte , mußte über eine Treppengasse , die Bleicherstiege hieß , auf diesen schwebenden Vorplatz , der mit einem hohen , seltsam verschnörkelten Eisengitter umgeben war . Von diesem Balkon herab mochte vorzeiten irgendeine Verbindung nach dem Judengarten gegangen sein , nur wie , darüber waren die Weisen der Vorstadt uneinig . Frevler sagten , es seien Dachrinnen hinabgezogen gewesen . Deutlich sah man rechts und links von dem großen Eisenkorbe handtiefe Furchen , die gerade und gleichmäßig von oben bis unten in die Steine gerissen waren . Als die Hanne den Kleinen davontrug , ging sie wie immer hinüber auf die Trockenwiese , setzte sich dort nieder und begann ihre Flickarbeit auszukramen , als sie aber sah , daß die Weiber , die eben dort beschäftigt waren , heimgingen und der Wächter sich umwandte und die Runde um die ganze Wiese machte , da lief sie hastig an die Mauer , schob und hob das letzte Brett der Gartenplanke fort , legte den Kleinen hinüber in das hohe Gras und drückte sich dann selbst durch den schmalen Spalt . Sorgfältig schob sie von innen das Brett wieder vor , nahm das Kind auf und watete zusammengebeugt durch das Gras , bis sie sich auf einen grünen Hügel setzte , der wohl ehemals eine Rasenbank war , der aber bei jenen , welche ihn vor Jahren gesehen hatten , für das Judengrab galt . Durch Zufall hatte die Hanne vor Monaten das bewegliche Brett entdeckt , vielleicht war es eine Türe , die sich irgendein Strolch zurechtgemacht hatte , der in dieser grünen Wildnis ein geschütztes Nachtlager fand . Für die Hanne war dieses einsame Versteck ein Ort des Friedens , der Rast und Freude geworden . Da lehnte sie zuweilen mit zitternden Armen