Abschied nehmen . Aber weil er so klug war und alles wußte , denn er kannte jedes reiche Haus und besonders die Frauen , so sagte Baron Scheele , der damals Minister war : er wolle den Lieutenant in den inneren Dienst herübernehmen . Und er nahm ihn auch wirklich in den inneren Dienst herüber , und in diesem Dienst ist er noch und auch schon sehr vornehm geworden . Damals aber war er noch ein halber Schlingel und bloß sehr hübsch , und als Brigitte den sah , es war gerade an dem Tage , als die Nachricht von dem Bombardement da oben hier ankam , den Namen hab ich leider vergessen , da gestand sie mir , der gefiele ihr . Und sie zeigte es auch gleich . Und als Hansen in demselben Herbste wieder nach China mußte , da sagte sie ihm gradheraus : sie wolle nicht mit , und sagte ihm auch , warum sie nicht wolle . Oder vielleicht haben es ihm auch andere gesagt . Kurz und gut , als der Tag kam , wo das Schiff fort sollte , da wurde Hansen doch ganz ernsthaft und verstand keinen Spaß mehr und sagte : Brigitte , du mußt nun mit . Und wenn er sie vorher aus Liebe mitgenommen hatte , so nahm er sie jetzt , gerade wie der Herr Graf gesagt haben , aus Vorsicht mit oder aus Eifersucht . « » Und half es ? Und wurde sie durch diese Reise von ihrer Liebe geheilt ? Ich meine von der Liebe zu dem im inneren Dienst ? « » Ja , das wurde sie , wiewohl man ' s bei Brigitte nie so ganz sicher wissen kann . Denn sie spricht wohl mancherlei , aber sie schweigt auch viel . Und ist auch insoweit ganz gleich , als wir die Hauptsache ja doch gehabt haben . « » Und was war die Hauptsache ? « » Daß mein Schwiegersohn seinen Glauben wiederhat , ganz und gar . Hansen ist nämlich ein sehr guter Mensch und ist wieder ruhig und vernünftig und fährt auch wieder auf seiner alten Chinatour . « » Ich freue mich aufrichtig , das zu hören . Aber wir dürfen in dieser Sache doch nichts auslassen oder vergessen . Ich glaube nämlich , liebe Frau Hansen , Sie wollten mir eigentlich erzählen , wie ' s kam , daß sich Ihr Schwiegersohn von seiner Eifersucht wieder erholte ... « » Ja , das wollt ich , und ich sage immer , der Mensch denkt und Gott lenkt , und wenn die Not am größten ist , dann ist die Hülfe am nächsten . Denn das darf ich wohl sagen , ich ängstigte mich ; eine Mutter ängstigt sich immer um ihr Kind und macht keinen Unterschied , ob verheiratet oder nicht : ja , ich ängstigte mich um Brigitten , weil ich dachte , das gibt eine Scheidung , denn sie hat einen sehr festen Willen , man könnte beinah schon sagen eigensinnig , und ist sehr erregbar , so still und so schläfrig sie auch mitunter aussieht ... « » Ja , ja « , lachte Holk , » das ist immer so , stille Wasser sind tief . « » Also ich ängstigte mich . Aber es kam alles ganz anders , und das war gerade damals , als Brigitte sozusagen zwangsweise mitgemußt hatte . Und das machte sich so . Hansen kriegte damals auf seiner Reise Rückfracht nach Bangkok , einer großen Stadt in Siam , in der ich selber vor vielen Jahren mit meinem Manne gewesen bin . Und als Hansen da ankam und ein oder zwei Tage schon vor dem kaiserlichen Palaste gelegen hatte , denn die Siamschen haben einen Kaiser , kam ein Minister an Bord und lud Hansen und seine Frau zu einer großen Hoftafel ein . Der Kaiser mußte sie wohl gesehen haben . Und Brigitte saß neben ihm und sprach englisch mit ihm , und der Kaiser sah sie immer an . Und als die Tafel aufgehoben war , war er wieder sehr huldvoll und gnädig und ließ kein Auge von ihr , und als man sich verabschieden wollte , sagte er zu Hansen : Es läge ihm sehr daran , daß die Frau Kapitänin am anderen Tage noch einmal in den Palast käme , damit seine Getreuen im Volke , und vor allem seine Frauen ( wovon er sehr viele hatte ) , die schöne German lady noch einmal von Angesicht zu Angesicht sehen könnten . Einen Augenblick erschrak Hansen über die fortgesetzte Ehre , die ja Verrat sein konnte , denn rund um den ganzen Palast herum waren Köpfe aufgesteckt , ganz so wie wir Ananas aufstecken ; aber Brigitte , die das Gespräch gehört hatte , verneigte sich vor dem Kaiser und sagte mit der richtigen Miene , denn sie hat so was Sicheres und Vornehmes , daß sie zu der festgesetzten Stunde kommen werde . « » Gewagt , sehr gewagt . « » Und sie kam auch wirklich und nahm einen erhöhten Platz ein , der vor dem Portal des Schlosses und gerade so , daß das Portal ihr Schatten gab , eigens für sie errichtet worden war , und auf diesem Throne saß sie mit einem Pfauenwedel , nachdem sie vorher der Kaiser mit einer Perlenkette geschmückt hatte . Die Kette soll wunderschön gewesen sein . Und nun zogen alle feinen Leute von Bangkok und dann das Volk an ihr vorüber und verneigten sich , und zum Schluß kamen die Frauen , und als die letzte vorüber war , erhob sich Brigitte und schritt auf den Kaiser zu , um den Pfauenwedel und die Perlenkette , womit sie sich bloß für die Zeremonie geschmückt glaubte , vor ihm niederzulegen . Und der Kaiser nahm auch beides wieder an , gab ihr aber die Kette zurück , zum Zeichen , daß sie dieselbe zum ewigen Gedächtnis tragen solle . Und gleich danach kehrte sie , während die Minister sie führten und die Leibgarde Spalier bildete , bis an die Landungsbrücke zurück , von der aus Hansen Zeuge des Ganzen gewesen war . « » Und nun ? « » Und von dem Tage an war eine große Sinnesänderung an ihr wahrzunehmen , und als sie den nächsten Winter wieder hier war und der , um dessentwillen sie beinahe unglücklich geworden wäre , seine Werbungen erneuern wollte , wies sie diese Werbungen , soviel ich sehen konnte , kalt und gleichgültig zurück . Und als Hansen ein halbes Jahr später wieder an Bord ging und Brigitte ihm erklärte , daß sie , vorausgesetzt , daß er nichts dawider habe , doch lieber zu Hause bleiben wollte , weil es ihr , nach solcher kaiserlichen Auszeichnung , etwas sonderbar vorkäme , noch wieder unter Matrosen leben und vielleicht in einem Hafenwirtshause schlafen zu sollen , wo man nur Negermusik höre und alles nach Gin rieche , da war Hansen nicht bloß einverstanden damit , sondern auch ganz entzückt darüber , daß sie die Reise nicht mehr mitmachen wollte , diese nicht und alle folgenden nicht . Denn von Eifersucht war keine Spur mehr an ihm wahrzunehmen . Er sah ja , was aus Brigitten geworden war , und äußerte nur noch Furcht , daß es doch wohl zuviel gewesen und ihr der siamesische Kaiser zu sehr zu Kopfe gestiegen sei . « Holk war in Zweifel , ob er die Geschichte glauben oder als eine kühne Phantasieleistung und zugleich als dreistes Spiel mit seiner Leichtgläubigkeit ansehen solle . Nach allem , was Pentz gestern angedeutet , war das letztere das Wahrscheinlichere . Schließlich konnt es aber auch wahr sein . Was kommt nicht alles vor ? Und so frug er denn , um sich durch etwas Ironie wenigstens vor sich selber zu rechtfertigen : » wo denn die weißen Elefanten gewesen seien ? « » Die waren wohl in ihrem Stall « , sagte die Hansen und lachte schalkhaft . » Und dann die Perlenschnur , liebe Frau Hansen , die müssen Sie mir zeigen . « » Ja , wenn das ginge ... « » Wenn das ginge ? Warum nicht ? « » Weil , als Brigitte wieder an Bord war , die Schnur mit einem Male fehlte ; sie mußte sie verloren oder in der Aufregung im Palast vergessen haben . « » Aber da hätt ich doch sofort nachgefragt . « » Ich auch . Aber Brigitte hat so was Sonderbares , und als Hansen , wie ich nachher gehört habe , darauf bestehen wollte , sagte sie nur : das sei so gewöhnlich und gegen den Anstand bei Hofe . « » Ja « , sagte Holk , der jetzt klarer zu sehen anfing , » das ist richtig . Und solche Gefühle muß man respektieren . « Zwölftes Kapitel Gleich nach dieser Erzählung , die schließlich , als sich ' s von der verlorenen Perlenschnur handelte , selbst dem leichtgläubigen Holk etwas märchenhaft vorgekommen war , erhob sich Frau Hansen , » um nicht länger zu stören « , und sah sich auch nicht weiter zurückgehalten . Nicht als ob Holks Geduld erschöpft gewesen wäre , ganz im Gegenteil , er ließ sich gern dergleichen vorplaudern , und das süspekte Halbdunkel , in dem alles ruhte , steigerte eigentlich nur sein Interesse . Nein , es war einfach ein Blick auf die Konsoluhr , was ihn von unbedingter weiterer Hingebung an die Erzählungskunst der Witwe Hansen Abstand nehmen ließ ; um elf Uhr war er bei der Prinzessin erwartet , keine volle Stunde mehr , und vorher mußte noch ein kurzer Brief mit der Meldung seiner glücklichen Ankunft an seine Frau geschrieben werden . Es hieß also sich eilen , was er unter Umständen verstand , und fünf Minuten vor elf stieg er in den Wagen , der ihn nach dem nur zwei Minuten entfernten Prinzessinnen-Palais hinüberführte . Die Zimmer der Prinzessin lagen im ersten Stock . Holk , in Kammerherrnuniform , in der er sich selbst nicht ungern sah , stieg die Treppe hinauf und trat in ein Vorgemach und gleich danach in ein behagliches , mit Boiserien und Teppichen reich ausgestattetes , im übrigen aber , den Schreibtisch abgerechnet , mit nur wenig Gegenständen ausgestattetes Wohnzimmer , darin die Prinzessin Besuche zu empfangen oder Audienz zu erteilen pflegte . Der Kammerdiener versprach sogleich zu melden . Holk trat an eins der Fenster , das der Tür , durch welche die Prinzessin eintreten mußte , gerade gegenüberlag , und sah auf Platz und Straße hinunter . Der Platz unten war wie ausgestorben , vornehm , aber langweilig , und nichts ließ sich beobachten als abgefallene Blätter , die der mäßige Wind , der ging , über die Steine hinwirbelte . Ein Gefühl von Einöde und Verlassenheit überkam Holk , und er wandte sich wieder in das Zimmer zurück , um seinen Blick auf die beiden einzigen Porträtbilder zu richten , die die glatten Stuckwände schmückten . Das eine , über dem Polstersofa , war ein Bildnis des Oheims der Prinzessin , des hochseligen Königs Christians VII. , das andere , über dem Schreibtisch , das Porträt eines anderen nahen Verwandten , eines ebenfalls schon verstorbenen thüringischen Landgrafen . Der Goldrahmen , der es einfaßte , war mit einem verstaubten Flor überzogen , und der Staub machte , daß der Flor nicht wie Flor , sondern fast wie ein Spinnweb wirkte . Des Landgrafen Gesicht war gut und tapfer , aber durchschnittsmäßig , und Holk stellte sich unwillkürlich die Frage , welche volksbeglückenden Regierungsgedanken der Verstorbene wohl gehabt haben möge . Das einzige , was sich mit einer Art Sicherheit herauslesen ließ , war Ausschau nach den Töchtern des Landes . Ehe Holks Betrachtungen hierüber noch abgeschlossen hatten , öffnete sich eine ziemlich kleine Tür in der rechten Ecke der Hinterwand , und die Prinzessin trat ein , ganz so , wie man sie nach Einrichtung dieses ihres Zimmers erwarten mußte : bequem und beinahe unsorglich gekleidet und jedenfalls mit einer völligen Gleichgültigkeit gegen Eleganz . Holk ging seiner Herrin entgegen , um ihr die bis zu den Fingern in einem seidenen Handschuh steckende Hand zu küssen , und führte sie dann , ihrem Auge folgend , bis zu dem dunkelfarbigen , etwas eingesessenen Sofa . » Nehmen Sie Platz , lieber Holk . Dieser Fauteuil wird wohl keine Gnade vor Ihnen finden , aber der hohe Lehnstuhl da ... « Holk schob den Stuhl heran , und die Prinzessin , die sich am Anblick des schönen Mannes sichtlich erfreute , fuhr , als er sich gesetzt hatte , mit vieler Bonhomie und wie eine gute alte Freundin fort : » Welche frische Farbe Sie mitbringen , lieber Holk . Was ich hier um mich habe , sind immer Stadtgesichter ; können Sie sich Pentz als einen Gentlemanfarmer oder gar Erichsen als einen Hopfenzüchter vorstellen ? Sie lachen , und ich weiß , was Sie denken ... woran der Hopfen rankt ... , ja , lang genug ist er dazu . Stadtgesichter , sagt ich . Da freut mich Ihre gute schleswigsche Farbe , rot und weiß , wie die Landesfarben . Und was macht Ihre liebe Frau , die Gräfin ? Ich weiß , sie liebt uns nicht sonderlich , aber wir lieben sie desto mehr , und das muß sie sich gefallen lassen . « Holk verneigte sich . » Und was sagen Sie zu dem Lärm , den Sie hier vorfinden ? Ein wahres Sturmlaufen gegen den armen Hall , der doch schließlich der Klügste und auch eigentlich der Beste ist und dem ich es fast verzeihe , daß er zu der putzmacherlichen Gräfin hält , der ich , beiläufig , wenn ich jemals darüber zu bestimmen gehabt hätte , ein entsprechendes gräfliches Wappen aus einem Haubenstock und einer Krinoline zusammengestellt hätte , vielleicht mit der Devise : Je weiter , je leerer . Ich werde mich in dieser Geschmacksverirrung meines Neffen , wenn ich auch nur seine Halbtante bin , nie zurechtfinden können ; um die Gräfin archäologisch oder , was dasselbe sagen will , als ausgegrabenes vaterländisches Altertum anzusehen , ein Standpunkt , von dem aus mein Neffe so ziemlich alles betrachtet , dazu ist sie , trotz ihrer Vierzig , doch schließlich noch nicht alt genug . Aber was wundere ich mich noch ? Georg II. , von dem mir mein Großvater in meinen jungen Tagen oft erzählte , hielt auch zu dem Satze : Fair , fat and forty . Warum nicht auch mein Neffe , der König ? Übrigens , haben Sie den gestrigen Sitzungsbericht schon gelesen ? Eine wahre Skandalszene voller Gehässigkeiten . An der Spitze natürlich immer dieser Thompsen-Oldensworth , Ihr halber Landsmann , ein mir unerträglicher Schreier und Schwätzer in seiner Mischung von Advokatenpfiffigkeit und biedermännischem Holsteinismus ... « Holk war verlegen , das Gespräch mit der Prinzessin so von vornherein einen politischen Charakter annehmen zu sehen , und in seinem Gesichte mochte sich etwas von dieser Verlegenheit spiegeln , weshalb die Prinzessin fortfuhr : » Aber lassen wir die leidige Politik . Ich will Ihnen keine Verlegenheiten machen , noch dazu gleich in dieser ersten Stunde , weiß ich doch , daß Sie ein ketzerischer Schleswig-Holsteiner sind , einer von denen , mit denen man nie fertig wird und von denen man immer dann am weitesten ab ist , wenn man eben glaubt , mit ihnen Frieden geschlossen zu haben . Antworten Sie nichts , sagen Sie nichts von Ihrer Loyalität ; ich weiß , Sie haben so viel davon , wie Sie haben können , aber wenn es zum Letzten kommt , ist doch der alte Stein des Anstoßes immer wieder da , und jenes furchtbare sallen blewen ungedeelt , dieses Zitat ohne Ende , dieser Gemeinplatz ohnegleichen , zieht wieder die Scheidelinie . « Holk lächelte . » Freilich ist dies des Pudels Kern . Wohin gehört Schleswig ? Ihr Schleswig , lieber Holk . Das ist die ganze Frage . Hall hat den Mut gehabt , die Frage zu beantworten , wie ' s einem Dänen zukommt , und weil er es mit Klugheit tun und nicht gleich das Schwert in die Waage werfen will , deshalb dieser Sturm auf ihn , an dem Freund und Feind gleichmäßig teilnehmen . Und das ist das schlimmste . Daß Ihr Thompsen Sturm läuft , kann mich weder wundern noch erschrecken ; aber daß gute treue Dänen , die mit Hall , mit dem Könige , mit mir selber einer Meinung sind und nur leider den durchgängerischen Zug haben , daß , sag ich , gute treue Dänen , wie Studenten und Professoren , immer nur ihr Programm wollen und drauf und dran sind , den besten Mann zu stürzen , den einzigen , der eine Idee von Politik hat und zu warten versteht , was das erste Gesetz aller Politik ist - das bringt mich in Erregung . « Ehe sie den Satz endete , wurde Baron Pentz gemeldet ... » sehr willkommen « , rief die Prinzessin ... , und im selben Augenblicke , wo Pentz unter die Portière der Flügeltür trat , erschien von der anderen Seite her , ganz in Nähe der kleinen Tür , durch die die Prinzessin eingetreten war , eine junge blonde Dame , von schöner Figur und schönem Teint , aber sonst wenig regelmäßigen Zügen , und schritt auf die Prinzessin zu , während Pentz noch auf halbem Wege stehenblieb und seine Verbeugung wiederholte . » Soyez le bienvenu « , sagte die Prinzessin unter leichtem Handgruße . » Sie kommen zu guter Stunde , Pentz , denn Sie machen einem politischen Vortrag ein Ende , eine Mission , zu der niemand berufener ist als Sie . Denn sobald ich Ihrer ansichtig werde , verklärt sich mir die Welt in eine Welt des Friedens , und wenn ich eben von Heinrich IV. und Ravaillac gesprochen hätte , so spräch ich , nach Ihrem Eintreten , nur noch von Heinrich IV. und dem Huhn im Topf . Ein sehr wesentlicher Unterschied . « » Und ein sehr angenehmer dazu , gnädigste Prinzessin . Ich bin glücklich , mich , ohne mein Dazutun , als ein Träger und Bringer alles Idyllischen installiert zu sehen . Aber « ... und sein Auge bewegte sich zwischen Holk und der jungen Blondine hin und her ... » auch in Arkadien soll die Sitte der Vorstellung zu Hause gewesen sein . Ich weiß nicht , ob ich von meiner Pflicht als Introducteur Gebrauch machen ... « » Oder beides an Königliche Hoheit abtreten soll « , lachte die Prinzessin . » Ich glaube , lieber Pentz , daß Recht und Pflicht auf Ihrer Seite sind , aber ich will mir die Freude nicht versagen , zwei mir so werte Personen allerpersönlichst miteinander bekannt gemacht zu haben : Graf Holk ... Fräulein Ebba von Rosenberg . « Beide verneigten sich gegeneinander , Holk etwas steif und mit widerstreitenden Empfindungen , das Fräulein leicht und mit einem Ausdruck humoristisch angeflogener Suffisance . Die Prinzessin aber , die diesem Vorstellungsakte geringe Teilnahme schenkte , wandte sich sofort wieder an Pentz und sagte : » Dies wäre nun also aus der Welt geschafft und dem Zeremoniell , worüber Sie zu wachen haben , Genüge getan . Aber Sie werden mich doch nicht glauben machen wollen , Pentz , daß Sie hier erschienen sind , um dem stattgehabten Vorstellungsakte feierlichst beizuwohnen oder ihn selbst zu vollziehen . Sie haben was anderes auf dem Herzen , und zum Vortrag Ihrer eigentlichen Angelegenheit haben Sie nunmehr das Wort . Wenn man soviel Parlamentsberichte liest , wird man schließlich selber virtuos in parlamentarischen Wendungen . « » Ich komme , gnädigste Prinzessin , um gehorsamst zu vermelden , daß heute nachmittag ein großes militärisches Festessen in Klampenborg ist ... « » Und zu welchem Zweck ? Oder wem zu Ehren ? « » General de Meza zu Ehren , der gestern früh aus Jütland hier eingetroffen ist . « » De Meza . Nun gut , sehr gut . Aber , lieber Pentz , offen gestanden , was sollen wir damit ? Ich kann doch nicht einem Kasinofeste präsidieren und de Meza leben lassen . « » Es fragte sich , ob es nicht doch vielleicht ginge . Königliche Hoheit haben Überraschlicheres getan . Und daß Sie ' s getan , das ist es grade , was Sie dem Volke verbindet . « » Ach , dem Volke . Das ist ein eigen Kapitel . Sie wissen , was ich von der sogenannten Popularität halte . Mein Neffe , der König , ist populär ; aber ich sehne mich nicht danach , das Ideal unserer Blaujacken oder gar unserer Damen aus der Halle zu sein . Nein , Pentz , nichts von Popularität ! Aber , da Sie Klampenborg genannt haben , die Sonne lacht und der Nachmittag ist frei , vielleicht , daß wir hinausfahren , nicht um des Festessens willen , sondern trotz ihm ; es ist ohnehin eine ganze Woche , daß wir eingesessen und nicht recht frische Luft gehabt haben , und meine liebe Rosenberg wäre bleichsüchtig , wenn sie nicht soviel Eisen im Blut hätte . « Das Gesicht des Fräuleins erheiterte sich sichtlich bei der Aussicht , dem öden Einerlei des Prinzessinnen-Palais auf einen ganzen Nachmittag entfliehen zu können , und Pentz , der als angehender Asthmatikus ohnehin immer für frische Luft war , trotzdem ihm Autoritäten versichert hatten , Seewind verschlimmere den Zustand , griff ebenfalls mit Begierde zu und fragte , zu welcher Stunde Königliche Hoheit die Wagen beföhle . » Sagen wir zwei und ein halb , aber nicht später . Wir fahren fünfviertel Stunden , und schon um fünf beginnt es zu dunkeln . Und wenn wir erst in Klampenborg sind , müssen wir doch natürlich auch einen Spaziergang bis zur Eremitage machen , wär es auch nur , um meiner lieben Ebba meine Lieblinge selbst vorzustellen . Wer diese Lieblinge sind , das wird vorläufig nicht verraten . Ich hoffe , Graf Holk ist mit von der Partie , trotzdem morgen erst sein Dienst beginnt , und bringt seiner alten Freundin dies Opfer an Zeit . « » Und befehlen Königliche Hoheit noch andere Begleitung ? « » Nur Gräfin Schimmelmann und Erichsen . Zwei Wagen . Und die Verteilung der Plätze behalte ich mir vor . Au revoir , lieber Holk . Und wenn Sie , wie gewöhnlich , eine starke Korrespondenz pflegen ... « Er lächelte . » Ah , ich sehe , Sie haben schon geschrieben . Da komme ich mit meinen Empfehlungen an die Gräfin zu spät . Liebe Rosenberg , Ihren Arm . « Und während sie langsam auf die kleine Tür zuschritt , die zu ihrem eigentlichen Wohnzimmer führte , blieben die beiden Kammerherren in respektvoller Verbeugung . Dreizehntes Kapitel Punkt zwei und ein halb fuhren die Wagen vor , offen , das Verdeck zurückgeschlagen ; neben der Prinzessin nahm die Gräfin Schimmelmann Platz , beiden Damen gegenüber Holk . Im Fond des zweiten Wagens saß das Fräulein von Rosenberg , auf dem Rücksitze Pentz und Erichsen . Die Schimmelmann , eine Dame von vierzig , erinnerte einigermaßen an Erichsen ; sie war hager und groß wie dieser und von einem ähnlichen Ernste ; während Erichsens Ernst aber einfach ins Feierliche spielte , spielte der der Schimmelmann stark ins Verdrießliche . Sie war früher Hofschönheit gewesen , und die dann und wann aufblitzenden schwarzen Augen erinnerten noch daran , alles andere aber war in Migräne und gelbem Teint untergegangen . Man sprach von einer unglücklichen Liebe . Gesamthaltung : Hof Philipps von Spanien , so daß man unwillkürlich nach der Halskrause suchte . Sonst war die Gräfin gut und charaktervoll und unterschied sich von anderen bei Hofe dadurch sehr vorteilhaft , daß sie gegen alles Klatschen und Medisieren war . Sie sagte den Leuten die Wahrheit ins Gesicht , und wenn sie das nicht konnte , so schwieg sie . Sie war nicht geliebt , aber sehr geachtet und verdiente es auch . Im ersten Wagen wurde , solange man innerhalb der Stadt war , kein Wort gesprochen ; Holk und die Schimmelmann saßen aufrecht einander gegenüber , während sich die Prinzessin in den Fond zurückgelehnt hatte . So ging es durch die Bred- und Ny Öster-Gade zunächst auf die Osterbroer Vorstadt , und als man diese passiert , auf den am Sunde hinlaufenden Strandweg zu . Holk war entzückt von dem Bilde , das sich ihm darbot ; unmittelbar links die Reihe schmucker Landhäuser mit ihren jetzt herbstlichen , aber noch immer in Blumen stehenden Gärten und nach rechts hin die breite , wenig bewegte Wasserfläche mit der schwedischen Küste drüben und dazwischen Segel-und Dampfboote , die nach Klampenborg und Skodsborg und bis hinauf nach Helsingör fuhren . Holk würde sich diesem Anblick noch voller hingegeben haben , wenn nicht das Leben auf der Chaussee , drauf sie hinfuhren , ihn von dem Landschaftlichen immer wieder abgezogen hätte . Fuhrwerke mannigfachster Art kamen ihnen nicht bloß entgegen , sondern überholten auch die Prinzessin , die , wenn sie Spazierfahrten machte , kein allzu rasches Tempo liebte . Da gab es dann in einem fort Begegnungen und Erkennungsmomente . » Das war ja Marstrand « , sagte die Prinzessin . » Und wenn ich recht gesehen habe , neben ihm Worsaae . Der fehlt auch nie . Was will er nur bei dem de-Meza-Fest ? De Meza soll gefeiert , aber nicht ausgegraben werden . Er lebt noch und hat auch nicht einmal das Maß für Hünengräber . « Es schien , daß die Prinzessin dies Thema noch weiter ausspinnen wolle ; sie kam aber nicht dazu , weil im selben Augenblicke mehrere Offiziere bis ganz in die Nähe des Wagens gekommen waren und die Prinzessin von links und rechts her zu cotoyieren begannen . Unter diesen war auch Oberstlieutenant Tersling , unser Bekannter von Vincents Restaurant her , ein schöner großer Mann von ausgesprochen militärischen Allüren . Er sah sich mit besonderer Freundlichkeit seitens der Prinzessin begrüßt und erkundigte sich seinerseits nach dem Befinden derselben . » Es geht mir gut , doppelt gut an einem Tage wie heute . Denn ich höre , daß Sie und die anderen Herren de Meza ein Fest geben wollen . Das hat mich herausgelockt ; ich will mit dabeisein . « Tersling lächelte verlegen , und die Prinzessin , die sich dessen freute , fuhr erst nach einer Weile fort : » Ja , mit dabeisein ; aber erschrecken Sie nicht , lieber Tersling , nur an der Peripherie . Wenn Sie den Toast auf den König oder den zu Feiernden ausbringen , werd ich mich mit meiner lieben Gräfin hier und mit Ebba Rosenberg , die Sie wohl schon in dem zweiten Wagen gesehen haben werden , in unserem Klampenborger Tiergarten ergehen und mich freuen , wenn das Hoch gut dänischer Kehlen zu mir herüberklingt . Übrigens bitte ich Sie , de Meza meine Grüße bringen und ihm sagen zu wollen , daß ich immer noch an alter Stelle wohne . Generäle sind freilich nie leicht zu Hofe zu bringen , und wenn sie gar noch Beethoven Konkurrenz machen und Symphonien komponieren , so ist es vollends vorbei damit ; indessen , wenn er von Ihnen hört , daß ich Idstedt immer noch in gutem Gedächtnis habe , so hält er es vielleicht für der Mühe wert , sich meiner zu erinnern . Und nun will ich Sie nicht länger an diesen Wagenschlag fesseln . « Tersling küßte der Prinzessin die Hand und eilte , die versäumte Zeit wieder einzubringen ; die Prinzessin aber , während sie sich zu Holk wandte , fuhr fort : » Dieser Tersling , schöner Mann ; er war einmal Prinzessinnentänzer und Kavalier comme il faut , die spitzeste Zunge , der spitzeste Degen , und Sie werden sich vielleicht noch des Duells erinnern , das er schon vor 48 mit Kapitän Dahlberg hatte ? Dahlberg kam damals mit einem Streifschuß am Hals davon , aber nun liegt er lange schon vor Fridericia . Pardon , liebe Schimmelmann , daß ich dies alles in Ihrer Gegenwart berühre ; mir fällt eben ein , Sie waren selbst die Veranlassung zu dem Duell . Offen gestanden , ich wüßte gern mehr davon . Aber nicht heute , das ist Frauensache . « Holk wollte seine Diskretion versichern , und daß er Dinge , die nicht direkt für ihn gesprochen würden , überhaupt gar nicht höre ; die Prinzessin blieb aber bei ihrem Satz und sagte : » Nein , nichts heute davon , verschieben wir ' s ! Und dann Diskretion , lieber Holk , das ist ein langes und schweres Kapitel . Ich beobachte diese Dinge nun seit fünfundfünfzig Jahren , denn mit fünfzehn wurd ich schon eingeführt . « » Aber Königliche Hoheit werden sich doch der Diskretion Ihrer Umgebung versichert halten . « » Gott sei Dank , nein « erwiderte die Prinzessin . » Und Sie können sich gar nicht vorstellen , mit wieviel Ernst ich das sage . Diskretion à tout prix kommt freilich vor , aber gerade wenn sie so bedingungslos vorkommt , ist sie furchtbar ; sie darf eben nicht bedingungslos auftreten . Die Menschen , und vor allem die Menschen bei Hofe , müssen durchaus ein Unterscheidungsvermögen ausbilden , was gesagt werden darf und was nicht ; wer aber dies Unterscheidungsvermögen nicht hat und immer nur schweigt , der ist nicht bloß langweilig , der ist auch gefährlich . Es liegt etwas Unmenschliches darin , denn das Menschlichste , was wir haben , ist doch die Sprache , und wir haben sie , um zu sprechen ... Ich weiß , daß ich meinerseits einen ausgiebigen Gebrauch davon mache , aber ich schäme mich dessen nicht , im Gegenteil , ich freue mich darüber . « In dem