und nur gedacht : freue dich , solange du dich freuen kannst . Und das war nicht recht . Daß es nicht ewig dauern würde , das wußt ich , aber ich rechnete doch auf manchen Tag . Und nun ist alles falsch gewesen , und unser Glück ist hin , viel , viel schneller als nötig , bloß weil du wolltest , daß es dauern solle . « Waldemar wollte widersprechen ; aber Stine litt es nicht und sagte , während ihre Stimme mit jedem Augenblick beschwörender und eindringlicher wurde : » Du willst nach Amerika , weil es hier nicht geht . Aber glaube mir , es geht auch drüben nicht . Eine Zeitlang könnt es gehn , vielleicht ein Jahr oder zwei , aber dann wär es auch drüben vorbei . Glaube nicht , daß ich den Unterschied nicht sähe . Sieh , es war mein Stolz , ein so gutes Herz wie das deine lieben zu dürfen , und daß es mich wiederliebte , das war meines Lebens höchstes Glück . Aber ich käme mir albern und kindisch vor , wenn ich die Gräfin Haldern spielen wollte . Ja , Waldemar , so ist es , und daß du so was gewollt hast , das macht nun ein rasches Ende . Vor Jahren , ich war noch ein Kind , hab ich mal ein Feenstück gesehn , in dem zwei Menschen glücklich waren ; aber ihr Glück , so hatte die Fee gesagt , würde für immer hin sein , wenn ein bestimmtes Wort gesprochen oder ein bestimmter Name genannt werde . Siehst du , so war es auch mit uns . Jetzt hast du das Wort gesprochen , und nun ist es vorbei , vorbei , weil die Menschen davon wissen . Vergiß mich ; du wirst es . Und wenn auch nicht , ich mag keine Kette für dich sein , an der du dein Leben lang herumschleppst . Du mußt frei sein ; gerade du . « » Ach , meine liebe Stine , wie du mich verkennst . Du sprichst von einer Kette und daß ich frei sein müsse . Freiheit . Nun ja , mein Leben war frei , was man so frei sein nennt , seit ich aus meiner Eltern Hause ging , und in manchen Stücken auch früher schon . Aber wie verlief es trotzdem ? Wie war es von Jugend an ? Wir haben soviel davon geplaudert , und ich habe dir von meinen Kindertagen erzählt und von dem langweiligen Hauslehrer , der den Frommen spielen mußte nach Anweisung und mich mit Sprüchen und Geboten und dem ewigen Was ist das quälte und mit dem Glaubensbekenntnis , das ich nie verstand und er auch nicht . Aber der arme , traurige Mensch , der - ich sollte vielleicht nicht spotten , gerade ich nicht - immer einen Katarrh und eine Liebschaft hatte , war lange nicht der schlimmste . Das schlimmste war , daß ich im Hause selbst , bei meinen eignen Eltern , ein Fremder war . Und warum ? Ich habe später darauf geachtet und es in mehr als einer Familie gesehn , wie hart Eltern gegen ihre Kinder sind , wenn diese ganz bestimmten Wünschen und Erwartungen nicht entsprechen wollen . « Stine , die dieselbe Wahrnehmung auch in ihrer bescheidenen Sphäre gemacht haben mochte , nickte zustimmend , und Waldemar , der sich dieser Zustimmung freute , fuhr deshalb fort : » Es wird wohl überall so sein , und jedenfalls war es so bei uns . Und dazu die Launen und Verstimmungen einer Frau , weil ihr ein Großfürst einmal ein Billet geschrieben , das beinah ein Liebesbillet war , und die sich nun einbildete , nicht viel was andres als eine Mißheirat geschlossen zu haben . Da hast du das Bild meiner Stiefmutter . Den Sommer über war sie verstimmt über das langweilige Landleben und über die Damen der Nachbarschaft , die gar keine Damen waren , wenigstens nicht in ihren Augen , und wenn sie dann winters zu Hofe ging , so war sie noch verstimmter , weil Schönere oder Vornehmere da waren und ihr den Rang abliefen . Und diese schlechte Laune mußt ich entgelten , diese Verstimmungen trafen mich , der ich ihr überhaupt von Anfang an mißfiel . Und als ich dann heranwuchs und wohl auch meinerseits zeigen mochte , daß mir nicht alles gefalle , da war ich vollends nicht auf Rosen gebettet . Und so ging ' s , bis ich mit neunzehn eintrat und mit zu Felde zog und die Kugel kriegte oder zwei , wovon ich dir erzählt habe . Da wurd es freilich einen Augenblick besser , und ich war ein Vierteljahr lang der Held und Mittelpunkt der Familie ; besonders als auch prinzliche Telegramme kamen , die sich nach mir erkundigten . Ja , Stine , das war meine große Zeit . Aber ich hätte sterben oder mich rasch wieder zu Gesundheit und guter Karriere herausmausern müssen , und weil ich weder das eine noch das andre tat und nur so hinlebte , manchem zur Last und keinem zur Lust , da war es mit meinem Ruhme bald vorbei . Der Vater hätt es vielleicht ändern können , wenn er ein festes Eintreten für mich gewagt und nicht seinen Haus-und Ehefrieden über mein Glück gestellt hätte . So konnt er sich nicht aufraffen , und so hab ich denn durch viele Jahre hin gelebt , ohne recht zu wissen , was Herz und Liebe sei . Nun weiß ich es . Und jetzt , wo ich es weiß und mein Glück festhalten will , soll ich es wieder aus der Hand lassen . Und alles bloß , weil du von Ansprüchen sprichst und vielleicht auch daran glaubst , die mir im Blute stecken sollen und die - weil im Blute - gar nicht aufzugeben seien . Ach , meine liebe Stine , was geb ich denn auf ? Nichts , gar nichts . Ich sehne mich danach , einen Baum zu pflanzen oder ein Volk Hühner aufsteigen oder auch bloß einen Bienenstock ausschwärmen zu sehen . « Er schwieg und sah vor sich hin , Stine aber nahm seine Hand und sagte : » Wie du dich selbst verkennst . Der Tagelöhnersohn aus eurem Dorfe , der mag so leben und dabei glücklich sein ; nicht du . Dadurch , daß man anspruchslos sein will , ist man ' s noch nicht , und es ist ein ander Ding , sich ein armes und einfaches Leben ausmalen oder es wirklich führen . Und für alles , was dann fehlt , soll das Herz aufkommen . Das kann es nicht , und mit einemmal fühlst du , wie klein und arm ich bin . Ach , daß ich in diesem Augenblick so spreche , das ist vielleicht auch schon eine Schwachheit und ein kleines Gefühl ; aber ich kämpfe nicht dagegen an , weil ich glaube , daß aus allem , was du vorhast , nur Unheil kommt , nur Enttäuschung und Elend . Der alte Graf ist dagegen und deine Eltern sind dagegen - du sagst es selbst - , und ich habe noch nichts zum Glück ausschlagen sehen , worauf von Anfang an kein Segen lag . Es ist gegen das vierte Gebot , und wer dagegen handelt , der hat keine ruhige Stunde mehr , und das Unglück zieht ihm nach . « » Ach , meine liebste Stine , du redest dich so hinein und kommst mir nun gar mit dem vierten Gebot . Glaube mir , das mit dem vierten Gebot , das hat auch seine Grenze . Vater und Mutter sind nicht bloß Vater und Mutter , sie sind auch Menschen , und als Menschen irren sie so gut wie du und ich . Nein , ich will dir sagen , was es ist und warum du glaubst , so sprechen zu müssen . Ich verstehe mich ein bißchen auf das menschliche Herz , denn sieh , wer jahrelang auf dem Krankenbett liegt , der hat viel Zeit und spürt vielem nach , und das verlockendste sind immer die Schlängelgänge des Herzens , des eignen und des der andern . Und nun höre , was es ist . Es ist was Hochmütiges in eurer Familie , daran drei Grafen genug hätten , etwas Trotziges und Herausforderndes und ein Hang , die Wahrheit zu sagen und mitunter auch noch mehr . Deine Schwester hat es sehr stark , und du hast es auch , hast auch dein Teil daran . Und sieh , in diesem deinem falschen Stolze willst du nicht , daß ich auch nur einen Augenblick glauben soll , du hättest an so was wie eine Stine Haldern gedacht . Das ist dir gegen deine Ehre . Hab ich recht und ist es so ? « » Nein . « » Gut . Ich glaube dir . Ich weiß ganz bestimmt , daß du ja gesagt hättest , wenn du ' s hättest sagen können . Und daß du dies ehrliche Nein sagen kannst , das ist schön von dir und läßt mich aufs neue sehen , eine wie gute Wahl ich getroffen . Und nun soll es an bloßen Einbildungen scheitern . Ich bin aus den Vorurteilen heraus , und nun willst du sie haben . Ich beschwöre dich , Stine , mache dich frei davon , und vor allem entschlage dich deiner Ängstlichkeiten . « Stine schüttelte den Kopf . » Es soll also nichts mit uns werden ? « » Es kann nicht . « » Und alles soll bloß ein Sommerspiel gewesen sein ? « » Es muß . « » Und es kommt dir nicht der Gedanke , daß mir dies alles das Leben bedeuten könnte ? « » Um Gottes willen , Waldemar ! « » Ich will keine Ausrufe , ich will eine Antwort . Ein Ja , kurz und bestimmt , und dann fort , fort . Sprich , Stine , du weißt , was ich bitte . Willst du ? « » Nein . « Und sie stürzte weinend an ihm vorüber . Er hielt sie aber fest und sagte : » Stine , so wollen wir nicht scheiden . Ein Nein soll nicht dein letztes Wort gewesen sein . Setze dich nieder und sieh mich an . Und nun sage mir : Hast du mich wirklich geliebt ? « » Ja . « » Von Herzen ? « » Von ganzem Herzen . « Und das Krampfschluchzen , unter dem sie sprach , ging in eine Ohnmacht über . Als sie wieder zu sich kam , war sie allein . Fünfzehntes Kapitel Waldemar ging nach rechts auf das Oranienburger Tor zu , weil ihm darum zu tun war , in einem an der Ecke der Linden und Friedrichsstraße gelegenen Bankhause verschiedene geschäftliche Dinge zum Abschluß zu bringen . Aber in der Nähe der Weidendammer Brücke fiel ihm ein , daß die Bureaus sehr wahrscheinlich schon geschlossen seien , weshalb er seinen Stadtgang aufgab , um sich in seine dicht hinter dem Generalstabsgebäude gelegene Wohnung zurückzubegeben . Er war durch eben diese Wohnung Nachbar von Moltke , welche Nachbarschaft er gern hervorhob und in Ernst und Scherz zu versichern liebte : » Man kann nicht besser aufgehoben sein als gerade da . Wer für die große Sicherheit so zu sorgen weiß , der sorgt auch für die kleine . « Von der Dorotheenstädtischen Kirche her schlug es fünf , als unser zu Betrachtungen der Art nur zu geneigter Freund in den Schiffbauerdamm einbog , und ehe noch die Turmuhr ausgeschlagen hatte , schlugen die kleinen Uhren nach , die sich in ziemlich beträchtlicher Zahl an der Wasser- und Rückfront der jenseitigen Fabrikgebäude befanden . Er zählte die Schläge , musterte den Quai hüben und drüben und freute sich des regen und doch stillen Lebens , das hier überall auf und ab wogte . Nichts entging ihm , auch nicht das Treiben auf den Kähnen , an deren Tauen und Strickleitern , und mitunter auch auf quergelegten Ruderstangen , allerlei Wäsche zum Trocknen hing , und erst als er unter langsamem Weiterschlendern die Graefsche Klinik im Rücken hatte , ließ er von dem Beobachten ab und ging rascheren Schrittes auf die Unterbaumbrücke zu . Hier hielt er wieder und betrachtete die bronzenen Kandelaber , die , weil sie noch keine Patina hatten , in der schrägstehenden Sonne prächtig blitzten und flimmerten . » Wie hübsch das alles ist . Ja , es kommen bessere Tage . Nur ... wer ' s erlebt . Qui vivra , verra ... « Und er brach ab und sah von der Brückenwölbung auf die tief unten am Quai sich hinziehenden Weiden , aus deren graugrünem Blattwerk einige tote Äste wie Besen hervorragten . Es waren seine Lieblinge , diese Bäume . » Halb abgestorben und immer noch grün . « Endlich war er vom Kronprinzen-Ufer und der Alsenstraße her bis an den reizenden , mit Bosquets und Blumenbeeten und dazwischen wieder mit Marmorbildern und Springbrunnen geschmückten Square gekommen , der , dem Königsplatze vorgelegen , einen Teil desselben ausmacht und doch auch wieder sich von ihm scheidet . Eine frische Brise ging und milderte die Hitze , von den Beeten aber kam ein feiner Duft von Reseda herüber , während drüben bei Kroll das Konzert eben anhob . Unser Kranker sog das alles in vollen Zügen ein , Duft und Melodie : » Wie lange , daß ich nicht so frei geatmet habe . Königin , das Leben ist doch schön - unsterbliches Wort eines optimistischen Marquis , und ein pessimistisches Gräflein plappert es ihm nach . « Nun schwieg die Musik drüben , und Waldemar , während er zwischen den großen Rondelen auf und ab schlenderte , musterte zugleich die Figuren , die hier mit Hilfe von Sternblumen und roten Verbenen in den Rasen eingezeichnet waren ; endlich aber ging er auf eine Bank zu , die , von allerlei dicht dahinter stehendem Strauchwerk überwachsen , einen vollen Schatten gewährte . Da nahm er Platz , denn er war müde geworden . Das viele Gehen in der Hitze hatte seine Kräfte verzehrt , und so schloß er unwillkürlich die Augen und fiel in Traum und Vergessen . Als er wieder erwachte , wußt er nicht , ob es Schlaf oder Ohnmacht gewesen ; » ich glaube , so kommt der Tod « , und erst allmählich fand er sich wieder zurecht und bemerkte nun ein Marienwürmchen , das sich ihm auf die Hand gesetzt hatte . Da blieb es und kroch hin und her , trotzdem er schüttelte und pustete . » Einen wie feinen Instinkt die Tiere haben ; es weiß , daß es sicher ist . « Endlich aber flog es doch fort , und Waldemar , sich vorbeugend von seiner Bank , begann jetzt allerlei Figuren in den Sand zu zeichnen , ohne recht zu wissen , was er tat . Als er sich ' s aber bewußt wurde , sah er , daß es Halbkreise waren , die sich , erst enge , dann immer weiter und größer , um seine Stiefelspitze herumzogen . » Unwillkürliches Symbol meiner Tage . Halbkreise ! Kein Abschluß , keine Rundung , kein Vollbringen ... Halb , halb ... Und wenn ich nun einen Querstrich ziehe « ( und er zog ihn wirklich ) , » so hat das Halbe freilich seinen Abschluß , aber die rechte Rundung kommt nicht heraus . « In solche Gedanken verloren , saß er noch eine Weile . Dann stand er auf und ging auf seine Wohnung zu . Diese , gleich zu Beginn der Zeltenstraße , bestand aus einem zwei Treppen hoch gelegenen Front- und Hinterzimmer , von denen jenes auf die Parkbäume des Krollschen Gartens , dieses auf eine grasbewachsene , bis hart an die Spree sich hinziehende Baustelle sah . Dahinter die roten Dächer von Moabit , und weiter links der grüne Saum der Jungfernheide . Waldemar liebte diesen Blick , und so kam es , daß er das Zimmer , darin er schlief , zugleich zu seinem Wohn-und Arbeitszimmer gemacht und ein altdeutsches Cylinder-Bureau darin aufgestellt hatte . Er hielt sich auch heute nicht in dem Vorderzimmer auf , vertauschte den engen Rock mit einem leichten Jackett und trat an das Fenster seines Schlafzimmers . Die Sonne war im Niedergehen , und er entsann sich jenes Tages , als er , von Stines Fenster aus , dasselbe Sonnenuntergangsbild vor Augen gehabt hatte ... » Wie damals « , sprach er vor sich hin . Und er sah in die röter werdende Glut , bis endlich der Ball gesunken und volle Dämmerung um ihn her war . Auf seinem Schreibzeug lag ein kleiner Revolver , zierlich und mit Elfenbeingriff . Er nahm ihn in die Hand und sagte : » Spielzeug . Und tut es am Ende doch . Bei gutem Willen ist viel möglich ; mit einer bloßen Nadel , sagt Hamlet , und er hat recht . Aber ich kann es nicht . Es ist mir , als wäre hier noch alles weh und wund oder doch eben erst vernarbt . Nein , ich erschrecke davor , trotzdem ich wohl fühle , daß es standesgemäßer und Haldernscher wäre . Doch was tut ' s ! Die Halderns , die mir schon soviel zu vergehen haben , werden mir auch das noch verzeihen müssen . Ich habe nicht Zeit , mich über Punkte wie diese zu grämen . « Und er legte den Revolver wieder aus der Hand . » Ich muß es also anders versuchen « , fuhr er nach einer Weile fort . » Und schließlich warum nicht ? Ist die Blâme denn gar so groß ? Kaum . Es finden sich am Ende ganz reputierliche Kameraden . Aber welche ? Ich war nie groß im Historischen - überhaupt worin - , und nun versagen mir die Beispiele . Hannibal ... Weiter komm ich nicht . Indessen er kann genügen . Und es werden gewiß noch ein paar sein . « Während er so sprach , zog er eins der unteren Schubfächer in seinem Schreibtisch auf und suchte nach einem Schächtelchen . Als er ' s endlich hatte , fiel er wieder in Betrachtungen . » Auch klein . Noch kleiner als das Spielzeug da . Und doch genug . Es ist ein Ersparnis aus alten Zeiten her , und mein Vorgefühl war richtig , als ich mir ' s damals sammelte . « Bei diesen Worten stand er auf , stellte sich eine noch aus dem Süden mitgebrachte römische Lampe zurecht und nahm , als er die vier kleinen Dochte derselben angezündet hatte , Couverts und Briefbogen aus einer vor ihm liegenden Schreibmappe . Dann schrieb er . » Mein lieber Onkel ! Wenn Du diese Zeilen erhältst , sind alle Wirrnisse gelöst . Etwas gewaltsam . Aber das ist gleich . Es wird Dir obliegen , und jedenfalls bitte ich Dich darum , das Geschehene nach Groß-Haldern hin zu melden . Was über mich entschied , war , wie Du bei Eintreffen dieser Zeilen vielleicht schon wissen , jedenfalls aber sehr bald erfahren wirst , der Widerstand von ganz anderer und sehr unerwarteter Seite her . Und so kam , was kam . Ich klage niemanden an ; ist wer schuldig , so bin ich es . Das gute Kind hatte nur zu recht , mich auszuschlagen ; aber ich war nicht mehr stark genug , mich drein zu ergeben . Auf dem letzten Blatt meines Notizbuches hab ich über mein Erbteil von meiner Mutter Seite her verfügt . Ich hoffe sagen zu können , verfügt auch unter schuldiger Rücksicht gegen die Halderns . Überweise das Blatt an Justizrat Erbkamm ; er wird danach verfahren . Allerdings weiß ich , daß sie , der diese Festsetzungen zugute kommen und als ein Ausdruck meines Dankes gelten sollen , alles ablehnen wird ; aber sorge dafür , daß ihr ein bestimmter Teil gesichert bleibt , auch gegen ihren Willen . Ein Wille kann sich ändern , und es beglückt mich die Vorstellung , vielleicht noch einmal , und wenn es nach vielen Jahren wäre , da helfen und wohltun zu können , wo mir ' s leider , wenn auch absichtslos , beschieden war , ein Herz zu beschweren und ihm wehe zu tun . An meinen Vater schreib ich nicht ; ich wünsche Auseinandersetzungen zu vermeiden . Meine Sache kann ich in keine besseren Hände legen als in die Deinen , denn ich weiß wohl , was ich , trotz alledem und alledem , an Dir hatte . So wenig Haldernsch ich vielleicht war , so wünsch ich doch in der Haldernschen Gruft zu stehen . Dies mein Letztes . Deiner freundlichen Erinnerung bin ich gewiß . Dein Waldemar « Er schob das Blatt beiseite , legte die Feder nieder und fuhr sich über Aug und Stirn . » Und nun das Letzte . « Und er nahm einen zweiten Bogen und schrieb . » Meine liebe Stine ! Du wolltest nicht den weiten Weg mit mir machen , und so mache ich den weiteren . Ich glaube , was Du tatest , war richtig , und ich hoffe , das , womit ich nun abschließe , soll es auch sein . Es gibt oft nur ein Mittel , alles wieder in Ordnung zu bringen . Vor allem klage Dich nicht an . Die Stunden , die wir zusammen verlebten , waren , vom ersten Tage an , Sonnenuntergangsstunden , und dabei ist es geblieben . Aber es waren doch glückliche Stunden . Ich danke Dir für alle Freundlichkeit und Liebe . Mein Leben hat doch nun einen Inhalt gehabt . Vergiß mich - das darf ich nicht sagen , es käme mir nicht von Herzen und wär auch töricht , denn ich weiß , Du wirst es nicht und kannst es nicht . So denn also : gedenke mein . Aber gedenke meiner freundlich , und vor allem verzichte nicht auf Hoffnung und Glück , weil ich darauf verzichtete . Lebe wohl . Ich schulde Dir das Beste . Dein Waldemar « Als er beide Briefe couvertiert hatte , warf er sich in den Stuhl zurück , und die freundlichen Bilder , die dieser Sommer ihm gebracht hatte , zogen noch einmal an seiner Seele vorüber . So wenigstens schien es , denn er lächelte . Dann aber nahm er das bereitgestellte Schächtelchen und schob das Innenkästchen aus der äußeren Hülse heraus . Es ging schwer , und man konnte sehen , daß er lange daran gesammelt und immer neue Käpselchen hineingezwängt hatte . » Schlafpulver ! Ja , ich wußte , daß eure Stunde kommen würde . « Und nun brach er die Kapseln einzeln auf und tat ihren Inhalt , langsam und sorglich , in ein kleines , halb mit Wasser gefülltes Rubinglas . » So , das ist es . « Und während er das Glas hob und wieder niedersetzte , trat er noch einmal ans Fenster und sah hinaus . Der Mond , eine schwache Sichel , war aufgegangen und schüttete sein Licht über den Fluß und weit jenseit desselben über Feld und Wald . » Es ist hell genug ... Und ich mag auch die Lampe nicht brennen und erst gegen Morgen verlöschen und verschwelen lassen , als hätt ich abgeschlossen bei Rausch und Gelage . Mein Leben ein Bacchanal ! « Und er löschte die Lichter und trank . Und dann nahm er seinen Platz wieder ein und lehnte sich zurück und schloß die Augen . Sechzehntes Kapitel Den dritten Tag danach war von Mittag ab ein stilles , aber rühriges Treiben auf dem Bahnhofe von Klein-Haldern . Eine dicht neben dem Stationshause befindliche Pforte wurde mit Tannenzweigen umwunden , Oleander und Lorbeerbäume standen , eine Hecke bildend , in Front , und an dem Querbalken der Pforte hing ein großer Immortellenkranz , dessen Öffnung das Haldernsche Wappen zeigte . Hinter dem Stationshause hielten mehrere herrschaftliche Wagen , die Kutscher mit einem Trauerflor um den Hut , in einem als Ausläufer des Perrons sich hinziehenden Gartenstreifen aber schritten ein Dutzend schwarzgekleidete Personen auf und ab , Dorfleute von mittleren Jahren , und sprachen ernst und leise miteinander . Drei Uhr dreißig kam der Zug . » Haldern « , » Klein-Haldern « , riefen die Schaffner und öffneten ein paar Coupés , aus denen verschiedene Personen ausstiegen : zunächst ein alter Geistlicher von besonderer Würde , dem man seines Amtes und seiner Jahre halber den Vorrang gönnte , dann ein Oberst mit seinem Adjutanten und endlich mehrere reichbordierte Herren , die selbst der Klein-Halderner Stationsbeamte nicht kannte . Die Hüte mit Federbüschen aber und mehr noch der ausgesuchte Respekt , mit dem ihnen selbst von seiten des Obersten begegnet wurde , ließen keinen Zweifel darüber , daß es , wenn nicht Prinzlichkeiten , so doch Personen vom Hof oder vielleicht auch hohe Ministerialbeamte sein mußten . Alle gingen auf den Ausgang zu , vor dem die Wagen im selben Augenblicke vorfuhren , und eine Minute später sah man nichts mehr als eine Staubwolke , die sich , immer dichter werdend , auf dem halbchaussierten Fahrwege dem nächsten Dorfe zu bewegte . Während diese Szene sich in Front des Stationsgebäudes abspielte , wurde weiter abwärts im Zuge die große Schiebetür des letzten Wagens geöffnet und von innen her ein Sarg herausgehoben , den jetzt sechs Träger aus der Zahl derer , die bis dahin im Garten auf und ab marschiert waren , in Empfang nahmen und auf ihre Schultern hoben ; andere sechs gingen zur Ablösung nebenher , und was sonst noch auf dem Bahnhof war , folgte . Solange dieser Zug den auf eine kurze Strecke zur Seite des Bahnkörpers hinlaufenden Fahrweg innehielt , war alles still ; im selben Augenblick aber , wo Sarg und Träger von eben diesem Fahrweg her in eine Kirschallee einbogen , die von hier aus gradlinig auf das nur fünfhundert Schritt entfernte Klein-Haldern zuführte , begann die Klein-Haldernsche Schulglocke zu läuten , eine kleine Bimmelglocke , die wenig feierlich klang und doch mit ihren kurzen , scharfen Schlägen wie eine Wohltat empfunden wurde , weil sie das bedrückende Schweigen unterbrach , das bis dahin geherrscht hatte . So ging es nach Klein-Haldern hinein , ohne daß man etwas anderes als die Schulglocke gehört hätte ; kaum aber , daß man nach Passierung der Schmiede - mit der das Dorf nach der andern Seite hin abschloß - in die von Klein-Haldern nach Groß-Haldern hinüberführende , beinah laubenartig zusammengewachsene Rüsterallee einmündete , so nahm auch schon ein allgemeines Läuten , daran sich die ganze Gegend beteiligte , seinen Anfang . Die Groß-Halderner Glocke , die sie die Türkenglocke nannten , weil sie von Geschützen gegossen war , die Matthias von Haldern aus dem Türkenkriege mit heimgebracht hatte , leitete das Läuten ein ; aber ehe sie noch ihre ersten fünf Schläge tun konnte , fielen auch schon die Glocken von Crampnitz und Wittenhagen ein , und die von Orthwig und Nassenheide folgten . Es war , als läuteten Himmel und Erde . Halben Wegs zwischen den Dörfern lief ein Grenzgraben , über den eine steinerne Brücke führte . Jenseits dieser Brücke betrat man die Groß-Halderner Feldmark , und hier begann denn auch das Spalier , das alt und jung auf dieser letzten Wegstrecke gebildet hatte . Den Anfang machten die Schulen . Danach kamen die Kriegervereine mit einem Trompetercorps aus der nächsten kleinen Garnison , und immer wenn die Träger an einer Sektion vorüber waren , schwenkte diese dreigliedrig ein und folgte mit » Jesus , meine Zuversicht « . Am Schluß aber marschierten ein paar Dreizehner Veteranen mit der alten Kriegsdenkmünze , lauter Achtziger , die den Kopf schüttelten , niemand wußte zu sagen , ob vor Alter oder über den Lauf der Welt . Und so ging es nach Groß-Haldern hinein , an dem alten Giebelschlosse vorüber und unmittelbar auf die Feldsteinkirche zu , die , höher gelegen als das sie umgebende Dorf , von terrassenförmig ansteigenden und um diese Jahreszeit dicht in Blumen stehenden Gräberreihen eingefaßt wurde . Vor dem kleinen Rundbogenportale stand der Dorfgeistliche , neben ihm zwei Amtsbrüder , und empfing den Toten an geweihter Stätte . Zugleich setzten die Träger den Sarg nieder , auf den jetzt zunächst Palmenzweige gelegt wurden , und trugen ihn , als dies geschehen , den Mittelgang hinauf , bis vor den Altar . Hier stand der alte Generalsuperintendent , der von Berlin aus mitgekommen war , um die Parentation zu halten ; die großen Lichter brannten , und ihr dünner Rauch wirbelte neben dem großen , halbverblakten Altarbilde auf . Es stellte den Verlornen Sohn dar . Aber nicht bei seiner Heimkehr , sondern in seinem Elend und seiner Verlassenheit . Die Kirche hatte sich , als der Sarg unmittelbar über der Gruftsenkung niedergelassen war , auf all ihren Plätzen gefüllt , und auch die seit dem Tode Friedrich Wilhelms IV. sonntäglich meist leerstehende herrschaftliche Loge , heute war sie besetzt . In Front erblickte man den alten Grafen , Waldemars Vater , in grauem Toupet und Johanniterkreuz , neben ihm in tiefer und soignierter Trauer die Stiefmutter des Toten , eine noch schöne Frau , die , was geschehen war , lediglich vom Standpunkte des » Affronts « aus ansah und mit Hilfe dieser Anschauung über die vorschriftsmäßige Trauer mit beinah mehr als standesgemäßer Würde hinwegkam . Hinter ihr der jüngere Sohn ( ihr eigener ) , Graf Konstantin , dem der ältere Bruder , um das mindeste zu sagen , in nicht unerwünschter Weise Platz gemacht hatte . Seine Haltung war untadelig und gleichfalls von bemerkenswerter Gefaßtheit , ohne die der Mutter ganz erreichen zu können . Ein langes Lied , das teilweis in allerkräftigsten Wendungen allem Erdendunkel einen Riegel vorzuschieben trachtete , wurde gesungen ; dann sprach der alte Generalsuperintendent schöne ,