Trübes auferlegt . Ich segne Dich dafür , mein Kind . Jetzt kam wieder ein Anfall ihrer Schmerzen über sie . Wie sie jammerte und stöhnte , wie ihre Züge sich verzerrten - es war herzzerreißend . Ja , es ist ein fürchterlicher , grimmer Feind , der Tod ... und der Anblick dieser Agonie rief mir alle Agonien ins Gedächtnis , welche ich auf den Schlachtfeldern und in den Lazaretten gesehen ... Wenn ich denke , daß wir Menschen bisweilen willkürlich , frohgemut einander dem Tod entgegenhetzen , daß wir der vollkräftigen Jugend zumuten , diesem Feind sich willig zu ergeben , gegen den das müde und gebrechliche Alter sogar noch verzweifelt ringt , es ist - niederträchtig ! Diese Nacht ist schaurig lang ... Wenn die arme Kranke nur schliefe - aber sie liegt mit offenen Augen da . Ich verbringe immer halbe Stunden lang regungslos an ihrem Lager , dann schleiche ich mich zu diesem Briefbogen , um ein paar Worte zu schreiben - dann wieder zurück zu ihr . So ist es schon vier Uhr geworden . Ich habe eben die vier Schläge von allen Glockentürmen hallen gehört - es mutet einem so kalt , so teilnahmslos an , daß die Zeit stetig unbeirrt durch alle Ewigkeit fortschreitet , während eben für ein heißgeliebtes Wesen die Zeit aufhören soll - für alle Ewigkeit . Aber je kälter , je teilnahmsloser das All sich zu unserem Schmerz verhält , desto sehnsüchtiger flüchten wir an ein anderes Menschenherz , von dem wir glauben , daß es mitfühlend schlägt . Darum hat mich das weiße Papierblatt , das der Arzt beim Rezeptschreiben auf dem Tische liegen ließ , herangelockt - und darum schicke ich das Blatt an Sie ... 7 Uhr . Es ist vorbei . - Lebewohl , mein alter Bub ' . Das waren ihre letzten Worte . Darauf schloß sie die Augen und schlief ein . - Schlaf wohl , meine alte Mutter ! Weinend küßt Ihre lieben Hände Ihr zu Tode betrübter Friedrich Tilling . « Diesen Brief besitze ich noch . Wie verknittert und verblaßt sieht das Blatt nicht aus ! Nicht nur die verflossenen fünfundzwanzig Jahre haben diese Verwitterung verursacht , sondern auch die Thränen und Küsse , mit welchen ich damals die lieben Schriftzüge bedeckte . » Zu Tode betrübt « - ja - aber auch » himmelhochjauchzend « war mir zu Mute , nachdem ich gelesen . Deutlicher - obwohl kein Wort von Liebe darin stand - konnte kein Brief den Beweis erbringen , daß der Schreiber die Empfängerin - und keine andere - liebte . Daß er in solcher Stunde , am Sterbelager der Mutter , sein Leid nicht am Herzen der Prinzessin auszuweinen sich sehnte , sondern an dem meinen - das mußte doch jeden eifersüchtigen Zweifel ersticken . Ich überschickte am selben Tage einen Totenkranz aus hundert großen weißen Kamelien , mit einer halberblühten roten Rose drin . Ob er wohl verstehen würde , daß die blassen , duftlosen Blumen der Dahingeschiedenen galten , als Symbole der Trauer , und das glutfarbige Röschen - ihm ? ... Drei Wochen waren vergangen . Konrad Althaus hatte um meine Schwester Lilli angehalten und einen Korb bekommen . Er nahm jedoch die Sache nicht tragisch und blieb wie zuvor ein eifriger Besucher unseres Hauses und umschwärmte uns in den Salons der Gesellschaft . Ich drückte ihm einmal meine Verwunderung über seine unerschütterte Vasallentreue aus : » Es freut mich sehr , « sagte ich , » daß Du nicht zürnst ; aber es beweist mir , daß Dein Gefühl für Lilli doch kein so heftiges war , wie Du vorgibst , denn verschmähte Liebe pflegt boshaft und nachträgerisch zu sein . « » Du irrst , verehrteste Frau Cousine - ich habe die Lilli rasend gern . Zuerst glaubte ich , mein Herz gehöre Dir ; Du hast Dich aber so zurückhaltend kalt erwiesen , daß ich noch rechtzeitig die keimende Leidenschaft erstickte ; dann hab ' ich mich eine Zeit lang für Rosa interessiert ; schließlich aber hat sich meine Neigung bei Lilli fixiert - und dieser Neigung werde ich jetzt treu bleiben - bis an mein Lebensende . « » Sieht Dir ganz ähnlich . « » Lilli oder keine ! « » Da sie Dich aber nicht will , mein armer Konrad ? « » Glaubst Du , ich wäre der erste , der einen Korb bekommen , der sich bei der Selben einen zweiten und dritten geholt und beim vierten Antrag angenommen wurde ? - schon um der Zudringlichkeit ein Ende zu machen ? ... Lilli hat sich nicht verliebt in mich , eine nicht ganz erklärliche - aber immerhin eine Thatsache . Daß sie unter so bewandten Umständen der für so viele Mädchen unwiderstehlichen Verlockung , Frau zu werden , widerstanden hat , und auf einen , vom weltlichen Standpunkt annehmbaren Antrag nicht eingegangen ist , das gefällt mir eigentlich sehr gut von ihr , und ich bin noch verliebter als zuvor . Nach und nach wird meine Anhänglichkeit sie rühren und Gegenliebe erwecken ; dann sollst Du doch meine Schwägerin werden , liebste Martha . Hoffentlich wirst Du mir nicht entgegenwirken ? « » Ich ? - o nein , im Gegenteil ; mir gefällt Dein Verharrungssystem . So sollte immer um uns geworben werden - mit Zeit- und Zärtlichkeitsaufwand - was die Engländer to woe and to win nennen . Aber minnen und gewinnen : dazu geben sich unsere jungen Herren wahrlich nicht die Mühe . Sie wollen ihr Glück nicht erst erringen , sondern es mühelos pflücken , wie eine Blume am Wegesrand ! « Tilling war seit vierzehn Tagen nach Wien zurückgekehrt - so hatte ich erfahren - doch kam er nicht zu mir . In den Salons konnte ich natürlich nicht erwarten , ihm zu begegnen , da ihn seine Trauer von allem gesellschaftlichen Umgang fern hielt . Doch hatte ich gehofft , daß er zu mir kommen oder wenigstens mir schreiben würde ; es verging aber ein Tag um den andern , ohne mir den erwarteten Besuch oder Brief zu bringen . » Ich begreife nicht , was Du hast , Martha , « so sprach mich eines Morgens Tante Marie an ; » Du bist seit einiger Zeit so verstimmt , so zerstreut , so , ich weiß nicht wie ... Du hast sehr , sehr unrecht , daß Du keinem Deiner Bewerber Gehör schenkst . Dieses Alleinsein - das habe ich zu allem Anfang gesagt - taugt nicht für Dich . Die Folge davon ist dieser Spleen , der Dich jetzt auszeichnet . - Hast Du schon Deine österliche Andacht verrichtet ? Das würde Dir auch gut thun . « » Ich denke , beides : heiraten und beichten , sollte aus Liebe zur Sache gethan werden und nicht als Spleenkur . - Von meinen Bewerbern gefällt mir keiner , und was das Beichten betrifft - « » So ist es höchste Zeit : morgen ist Gründonnerstag ... Hast Du Billets zur Fußwaschung ? « » Ja - Papa hat mir welche verschafft - aber ich weiß wirklich nicht , ob ich gehen werde . « » O das mußt Du - es gibt nichts Schöneres und Erhebenderes , als diese Ceremonie ... der Triumph der christlichen Demut : Kaiser und Kaiserin auf dem Boden rutschend , um die Füße armer Pfründner und Pfründnerinnen zu waschen - symbolisiert das nicht so recht , wie klein und nichtig die irdische Majestät vor der göttlichen ist ? « » Um durch Niederknieen Demut sinnbildlich darzustellen , muß man sich eben sehr erhaben fühlen . Es drückt aus : was Gott Sohn im Verhältnis zu den Aposteln , das bin ich , Kaiser , zu Pfründnern . Mir kommt dieses Grundmotiv der Ceremonie nicht gerade demütig vor . « » Du hast so kuriose Ansichten , Martha . In den drei Jahren , die Du in ländlicher Einsamkeit und mit Lesen schlechter Bücher zugebracht , hast , sind Deine Ideen so verschroben geworden . » Schlechte Bücher ? « » Ja , schlecht - ich halte das Wort aufrecht . Neulich , als ich in meiner Unschuld zum Erzbischof von einem Buch sprach , das ich auf Deinem Tisch gesehen und das ich dem Titel nach für ein Andachtsbuch hielt : Das Leben Jesu von einem gewissen Strauß - da schlug er die Hände über dem Kopf zusammen und rief : Barmherziger Himmel , wie kommen Sie zu so einem ruchlosen Werk ? Ich wurde ganz feuerrot und versicherte , daß ich das Buch nicht selber gelesen , sondern nur bei einer Verwandten gesehen . Dann fordern Sie diese Verwandte bei ihrer Seligkeit auf , diese Schrift ins Feuer zu werfen . Das thue ich hiermit , Martha . Wirst Du dies Buch verbrennen ? « » Wären wir um zwei- oder dreihundert Jahre jünger , so könnten wir zusehen , wie nicht nur das Werk , sondern auch der Autor in Flammen aufginge . Das wäre wirksamer - momentan wirksamer - auch nicht für lang ' ... « » Du antwortest mir nicht . Wirst Du das Buch verbrennen ? « » Nein . « » So kurzweg nein ? « » Wozu lange Reden ? Wir verstehen einander in dieser Richtung doch nicht , mein liebstes Tantchen . Laß Dir lieber erzählen , was gestern der kleine Rudolf ... « Und damit war das Gespräch glücklich auf ein anderes , sehr ergiebiges Thema gelenkt , wo es zu keiner Meinungsverschiedenheit zwischen uns kam ; denn über die Thatsache , daß Rudolf Dotzky das herzigste , originellste , für sein Alter vorgeschrittenste Kind der Welt ist - darüber waren wir beide einig . Am folgenden Tag entschloß ich mich doch , der Fußwaschung beizuwohnen . Etwas nach zehn Uhr , schwarz gekleidet , wie es sich für die Karwoche ziemt begaben wir uns , mein Schwester Rosa und ich , in den großen Ceremoniensaal der Burg . Daselbst waren auf einer Estrade Plätze für die Mitglieder der Aristokratie und des diplomatischen Korps vorbehalten . Man war da also wieder unter sich und teilte rechts und links Grüße aus . Auch die Galerie war dicht gefüllt : gleichfalls Bevorzugte , welche Eintrittskarten erlangt hatten - aber doch etwas » gemischt « , nicht zur » Crème « gehörig , wie wir da unten , auf unserer Estrade . Kurz , die alte Kastenabsonderung und -bevorrechtung - anläßlich dieser Feier der symbolisierten Demut . Ich weiß nicht , ob den anderen irgendwie religiösweihevoll zu Mute war ; aber ich erwartete das Kommende mit ganz derselben Empfindung , mit welcher man im Theater einem angekündigten Spektakelstück entgegensieht . Ebenso gespannt , wie man da - nachdem die Grüße von Loge zu Loge getauscht , den aufzurollenden Vorhang ansieht , schaute ich nach der Richtung , wo die Chöre und Solisten des bevorstehenden Schaugepränges erscheinen sollten . Die Dekoration war schon aufgestellt - nämlich die lange Tafel , an welcher die zwölf Greise und zwölf Greisinnen Platz zu nehmen hatten . Ich war doch froh , gekommen zu sein ; denn ich fühlte mich gespannt , was immerhin eine angenehme Empfindung ist , und eine Empfindung , welche momentan von kummervollen Gedanken befreit . Mein steter Kummer war der : » Warum läßt sich Tilling nicht sehen ? Jetzt hatte mich diese fixe Idee verlassen ; was ich zu sehen erwartete und wünschte , waren die kaiserlichen und die pfründnerischen Mitwirkenden der angesetzten Feier . Und gerade in diesem Augenblicke , wo ich seiner nicht dachte , fielen meine Augen auf Tilling . Soeben nach beendeter Messe , waren die Hofwürdenträger in den Saal getreten , gefolgt von der Generalität und dem Offizierkorps ; ich ließ meinen Blick gleichgültig über alle diese uniformierten Gestalten schweifen - dieselben waren ja nicht die Träger der Hauptrollen , sondern nur zum Ausfüllen der Bühne bestimmt - da plötzlich erkannte ich Tilling , der gerade unserer Tribüne gegenüber Aufstellung genommen hatte . Es durchzuckte mich wie ein elektrischer Schlag . Er sah nicht in unsere Richtung . Seine Miene trug die Spur des in den letzten Wochen durchgemachten Leides : es lag ein tieftrauriger Ausdruck in seinen Zügen . Wie gern hätte ich durch einen stummen , innigen Händedruck mein Mitgefühl ihm ausgedrückt ! Ich ließ meinen Blick hartnäckig auf ihn geheftet , hoffend , daß dies durch eine magnetische Gewalt ihn zwingen würde , auch zu mir aufzuschauen - aber vergebens . » Sie kommen , sie kommen ! « rief Rosa , mich anstoßend . » So sieh doch hin .... Wie schön ! Wie ein Gemälde ! « Es waren die Greise und Greisinnen , angethan in altdeutsche Tracht , welche jetzt hereingeleitet wurden . Die jüngste von den Frauen - so hatten die Zeitungen berichtet - war achtundachtzig , der jüngste von den Männern fünfundachtzig Jahre alt . Runzlig , zahnlos , gebückt ; - ich konnte Rosas » Ach wie schön « wahrlich nicht bestätigt finden . Was ihr gefiel , war jedenfalls die Verkleidung . Diese stimmte eigentlich auch vortrefflich zu der ganzen , von mittelalterlichem Geist durchwehten Ceremonie . Die Anachronismen hier waren wir , in unseren modernen Kleidern und mit unseren modernen Begriffen - wir paßten nicht in dies Gemälde . Nachdem die vierundzwanzig Alten ihre Sitze an der Tafel eingenommen hatten , trat eine Anzahl goldgestickter und ordengeschmückter , zumeist ältlicher Herren in den Saal : - die Geheimen Räte und Kammerherren ; viele bekannte Gesichter - auch Minister » Allerdings « befand sich darunter . Zuletzt folgten die Geistlichen , welche bei der feierlichen Handlung fungieren sollten . Jetzt also war der Einmarsch der Statisten vorüber und die Erwartung des Publikums auf das höchste gespannt . Meine Augen waren jedoch nicht so starr , wie diejenigen der übrigen Zuseher , nach jener Richtung geheftet , wo der Hof erscheinen sollte , sondern kehrten immer zu Tilling zurück . Dieser hatte mich nunmehr gesehen und erkannt . Er grüßte . Wieder legte sich Rosas Hand auf meinen Arm : » Martha - ist Dir unwohl ? Du bist plötzlich blaß und rot geworden - schau ' ! ... jetzt ! jetzt ! ! « In der That : der Kapell- - will sagen der Oberceremonienmeister hob seinen Stab und gab das Zeichen , daß das Kaiserpaar nahe . Dies versprach nun allerdings einen lohnenden Anblick , denn abgesehen davon , daß es das höchste war - war es sicherlich eins der schönsten Paare im Lande . Mit Kaiser und Kaiserin zugleich waren auch mehrere Erzherzoge und Erzherzoginnen hereingekommen und jetzt konnte die Feier beginnen . Truchsessen und Edelknaben trugen die gefüllten Schüsseln herbei , und der Monarch und die Monarchin stellten dieselben vor die sitzenden Alten hin . Das war wieder mehr Gemälde als je . Das Geräte und die Speisen und die Art der Pagen , dieselben zu tragen , erinnerte an verschiedene berühmte Bilder von Festgelagen im Renaissancestil . Kaum aber waren die Gerichte aufgestellt , so wurde die Tafel wieder abgeräumt , eine Arbeit , welche - gleichfalls als Zeichen der Demut - die Erzherzoge verrichteten . Hiernach ward die Tafel hinausgetragen , die eigentliche Effektscene des Stückes ( was die Franzosen » le clou de la pièce « nennen ) - die Fußwaschung - begann . Freilich nur eine Scheinwaschung , wie das Mahl nur ein Scheinmahl gewesen . Auf dem Boden knieend , streifte der Kaiser mit einem Tuch über die Füße der Greise hinweg , nachdem der ihm assistierende Priester aus einer Kanne scheinbar Wasser darüber gegossen , und so rutschte er vom ersten bis zum zwölften Pfründner , während die Kaiserin - die man sonst nur so majestätisch hochaufgerichtet zu sehen bekommt - in derselben demütigen Stellung , in welcher sie ihre gewohnte Anmut übrigens nicht verließ , die gleiche Prozedur an den zwölf Pfründnerinnen vornahm . Die begleitende Musik , oder , wenn man will , den erklärenden Chor , bildete das gleichzeitig vom Hofburgpfarrer vorgelesene Evangelium des Tages . Gern hätte ich auf einige Augenblicke mitempfinden mögen , was in dem Geiste dieser Alten vorging , während sie so dasaßen , in der seltsamen Tracht , von einer glänzenden Menge angegafft , den Landesvater , die Landesmutter - Ihre Majestäten - zu ihren Füßen ... Wahrscheinlich wäre es gar keine klare Empfindung gewesen , die ich da nachgefühlt hätte , wenn mir der gewünschte momentane Bewußtseinstausch gewährt worden wäre , sondern ein verwirrter , geblendeter Halbtraum , ein zugleich frohes und peinliches , verlegenes und feierliches Gefühl , ein vollständiges Stillstehen der Gedanken in den ohnehin unwissenden und altersschwachen armen Köpfen . Das einzige Wirkliche und Faßbare an der Sache mochte den guten Alten nur die Aussicht auf das rotseidene Beutelchen mit den dreißig Silberstücken sein , welches jedem von Allerhöchster Hand umgehängt wird und auf den Korb voll Speisen , welchen man ihnen auf die Heimfahrt mitgibt . Die ganze Ceremonie war schnell zu Ende und gleich darauf leerte sich der Saal . Zuerst zog sich der Hof zurück ; hierauf entfernten sich alle anderen Mitbeteiligten , und zugleich auch das Publikum von Estrade und Galerie . » Schön war ' s , schön war ' s ! « flüsterte Rosa mit einem tiefen Atemzug . Ich antwortete nichts . Eigentlich hatte ich keine Ursache , die Verwirrung und Gedankerarmut der Festgreise zu bemitleiden , war mir doch selber das Verständnis der eben stattgehabten Feier ein ziemlich verschwommenes , und hatte ich nur noch den einen Gedanken im Sinn : » Wird er uns am Ausgang erwarten ? « Doch wir gelangten nicht so schnell zum Ausgang , als ich gewollt hätte . Zuerst hieß es noch , mit fast sämtlichen Estradezuschauern , welche gleichzeitig mit uns ihre Plätze verließen , Hände schütteln und ein paar Phrasen tauschen . Man blieb da im Stiegenhause in einer großen Gruppe stehen und es gab einen förmlichen Morgenraout . » Grüß ' Dich , Tini . « - » Bonjour , Martha . « - » Ah , Sie auch da , Gräfin ? « - » Bist Du für den Ostersonntag schon vergeben ? « - » Guten Tag , Durchlaucht , vergessen Sie nicht , daß wir Sie Montag Abend zu einer kleinen Tanzerei erwarten . « - » Warst Du gestern bei den Dominikanern in der Predigt ? - » Nein , ich war im Sacré-coeur , wo meine Töchter eine Retraite machen . « - » Die nächste Probe zu unserer Wohlthätigkeitsvorstellung ist Dienstag um zwölf Uhr , lieber Baron , seien Sie ja pünktlich . « - » Die Kaiserin hat wieder superb ausgesehen . « - » Hast Du bemerkt , Lori , wie der Erzherzog Ludwig Viktor immer zu der Götter-Fanny herüberschielte ? « - Madame , j ' ai l ' honneur de vous présenter mes hommages . « - » Ah , c ' est vous , marquis ... charmée . « - » I wish you good morning , Lord Chesterfield . - » Oh , how are you ? Awfully fine woman , your Empress . « - » Haben Sie schon eine Loge gesichert für die Vorstellung der Adelina Patti ? Ein ganz wunderbarer aufgehender Stern ... « - » Die Nachricht von der Verlobung des Ferdi Drontheim mit der Bankierstochter soll sich also doch bestätigen - es ist ein Skandal ! « Und so schwirrte es hin und her . Ein unbefangener Horcher hätte diesen Gesprächen wohl kaum angemerkt , daß sie der Nachstimmung einer eben verrichteten Demutsandacht entsprangen . Endlich traten wir vor das Thor hinaus , wo unsere Wagen warteten und eine Menge Volk versammelt war . Diese Leute wollten wenigstens diejenigen sehen , welche so glücklich waren , den Allerhöchsten Hof gesehen zu haben ; sie konnten dann ihrerseits als diejenigen , welche die Gesehenhabenden gesehen hatten , wieder minder Bevorzugten sich sehen lassen . Kaum waren wir hinausgetreten , so stand Tilling vor mir . Er verneigte sich . » Ich muß Ihnen noch danken , Gräfin Dotzky , für den herrlichen Kranz . « Ich reichte ihm die Hand - aber konnte kein Wort sprechen . Unser Wagen war vorgefahren ; wir mußten einsteigen und Rosa drängte mich vorwärts ; Tilling führte die Hand an die Mütze und wollte zurücktreten . Da machte ich eine heftige Anstrengung und sagte mit einer Stimme , die mir selber ganz fremd klang : » Sonntag zwischen zwei und drei , werde ich zu Hause sein . « Er verneigte sich stumm und wir stiegen ein . » Du mußt Dich erkältet haben , Martha , « bemerkte meine Schwester , als wir davonfuhren ; » Deine Aufforderung klang furchtbar heiser . Und warum hast Du mir diesen schwermütigen Stabsoffizier nicht vorgestellt ? Ich habe noch selten ein weniger aufheiterndes Gesicht gesehen . « Am bestimmten Tage und zur bestimmten Stunde ließ sich Tilling bei mir anmelden . Vorher hatte ich in die roten Hefte folgende Eintragung gemacht : » Ich ahne , daß der heutige Tag über mein Schicksal entscheiden wird . Mir ist so feierlich und bang , so süß erwartungsvoll zu Mute . Diese Stimmung muß ich in diesen Blättern fixieren , damit , wenn ich einst nach langen Jahren darin blättere , ich mir recht lebhaft die Stunde ins Gedächtnis zurückrufen könne , welcher ich jetzt so bewegt entgegensehe . Vielleicht kommt es ganz anders , als ich denke - vielleicht auch genau so ... jedenfalls wird es mich einst interessiren , zu sehen , wie weit Voraussicht und Wirklichkeit sich deckten . - - - Der Erwartete liebt mich - das bewies mir sein am Sterbelager der Mutter geschriebener Brief ; er ist wiedergeliebt - das muß ihm das Röslein im Totenkranz verraten haben ... Und nun kommen wir zusammen - ohne Zeugen - im Innersten bewegt - er trostbedürftig - ich vom Wunsche zu trösten durchdrungen : ich glaube , es wird gar nicht viel Worte geben ... Thränen in unserer beiden Augen , zitternd vereinte Hände - und wir werden uns verstanden haben ... Zwei liebende , zwei glückliche Menschen - ernsthaft , weihevoll , leidenschaftlich , andächtig glücklich - während in der Gesellschaft die Sache gleichgültig und trocken etwa so verkündet wird ! » Wissen Sie schon ? die Martha Dotzky hat sich mit Tilling verlobt - eine miserable Partie . « ... Es ist zwei Uhr und fünf Minuten - jetzt kann er jeden Augenblick eintreten . - Die Glocke ... dieses Herzklopfen dieses Zittern , ich fühle , daß - - « So weit war ich gekommen . Die letzte Zeile ist mit beinahe unleserlichen Buchstaben gekritzelt , ein Zeichen , daß » dieses Herzklopfen , dieses Zittern « keine bloße rhetorische Figur war . Voraussicht und Wirklichkeit deckten sich nicht . Tilling verhielt sich während seines halbstündigen Besuches ganz zurückhaltend und kalt . Er bat mich um Verzeihung für die Kühnheit , welche er gehabt , an mich zu schreiben ; ich möge dieses Beiseitesetzen der Etikette der Unzurechnungsfähigkeit zu gute halten , welche einen Menschen in so schmerzlichen Augenblicken befallen kann . Dann erzählte er mir noch einiges von den letzten Tagen und aus dem Leben seiner Mutter ; aber von dem , was ich erwartet hatte - kein Wort . Und so wurde auch ich immer zurückhaltender und kälter . Als er sich zum Gehen erhob , machte ich keinen Versuch , ihn zu halten und forderte ihn auch nicht auf , wiederzukommen . Und als er draußen war , stürzte ich wieder zu den noch offen liegenden roten Heften hin und schrieb den unterbrochenen Satz weiter : » Ich fühle , daß - alles aus ist ... daß ich mich schmählich getäuscht habe , daß er mich nicht liebt und jetzt auch glauben wird , daß er mir ebenso gleichgültig ist , wie ich ihm . Beinahe abstoßend habe ich mich benommen . Ich fühle - er kommt nie wieder . Und doch enthält die Welt keinen zweiten Menschen für mich ! So gut , so edel , so geistvoll ist keiner mehr - und so lieb wie ich Dich gehabt hätte , Friedrich , so lieb hat Dich keine andere , Deine Prinzessin - zu der Du zurückgekehrt zu sein scheinst - schon gewiß nicht . Mein Sohn Rudolf , Du sollst mein Trost und mein Halt sein . Fortan will ich von Frauenliebe nichts mehr wissen ; nur die Mutterliebe soll mir Herz und Leben ausfüllen ... Wenn es mir gelingt , einen solchen Mann aus Dir zu bilden , wie jener einer ist - wenn ich einst von Dir so beweint werde , Rudolf , wie jener seine Mutter beweint , so werde ich mein Ziel erreicht haben . « Eigentlich eine thörichte Einrichtung , das Tagebuchschreiben . Diese stets wechselnden , zerfließenden und neu erstehenden Wünsche , Vorsätze und Anschauungen , welche den Lauf des Seelenlebens bilden , durch aufgeschriebene Worte verewigen zu wollen , das ist ein verfehltes Beginnen und bringt dem älteren nachlesenden Ich die immerhin beschämende Erkenntnis der eigenen Veränderlichkeit . Hier standen nun auf demselben Blatte und unter demselben Datum , zwei so grundverschiedene Stimmungen verzeichnet : zuerst die zuversichtlichste Hoffnung - daneben die vollständigste Entsagung und die nächsten Blätter sollten doch wieder ganz Neues berichten ... Der Ostermontag war vom herrlichsten Frühlingswetter begünstigt und die an diesem Tage hergekommenermaßen stattfindende Praterfahrt - eine Art Vorfeier des großen Ersten-Mai-Corso , fiel besonders glänzend aus . Ich weiß noch , wie dieser Glanz , diese Fest- und Lenzwonne , die mich da umgab , mit der Traurigkeit kontrastierte , welche mein Gemüt erfüllte . Und doch - ich hätte meine Traurigkeit nicht hergeben wollen - nicht wieder so heiteren , dabei aber leeren Herzens sein , wie vor etwa zwei Monaten , als ich Tilling noch nicht kannte . Denn wenn meine Liebe auch allem Anschein nach eine unglückliche war , so war es doch Liebe - das heißt eine Steigerung der Lebensintensität : dieses warme , zärtliche Gefühl , welches mein Herz schwellte , so oft das teure Bild mir vor das innere Auge trat - ich hätte es nimmer missen mögen . Daß ich den Gegenstand meiner Träume hier im Prater , mitten im Gewühle weiblicher Fröhlichkeit zu Gesicht bekommen würde , erwartete ich nicht . Und doch : als ich einmal zerstreut die Blicke nach der Reit-Allee schweifen ließ , sah ich von weitem , die Allee in unserer Richtung herabgaloppierend , einen Offizier in welchem ich sogleich - obschon mein kurzsichtiges Auge ihn nur undeutlich ausnahm - Tilling erkannte . Als er nun in die Nähe kam und , zu uns herübersalutierend , sich mit unserem Wagen kreuzte , da erwiderte ich seinen Gruß nicht nur mit einem Kopfnicken , sondern mit lebhaften Winken . Im selben Augenblick war ich gewahr , daß ich da etwas Unpassendes und Ungerechtfertigtes gethan . » Wem hast Du solche Zeichen gemacht ? « fragte meine Schwester Lilli : » War es etwa Papa ? ... Ah , ich sehe , « fügte sie hinzu , » da spaziert ja eben der unvermeidliche Konrad - dem galt Deine Handverrenkung ? « Dieses rechtzeitige Erscheinen des » unvermeidlichen Konrad « kam mir sehr gelegen . Ich war dem treuen Vetter dankbar dafür und bethätigte diese Dankbarkeit sofort : » Schau , Lilli , « sagte ich , » er ist doch ein lieber Mensch und gewiß nur wieder Deinetwegen hier - Du solltest Dich seiner erbarmen , Du solltest ihm gut sein ... O , wenn Du wüßtest , wie süß es ist , Jemanden lieb zu haben , Du würdest Dein Herz nicht so verschließen . Geh , mach ihn glücklich , den guten Menschen . « Lilli schaute mich erstaunt an . » Wenn er mir aber gleichgültig ist , Martha ? « » So liebst Du vielleicht einen anderen ? « Sie schüttelte den Kopf : » Nein , niemand . « » O Du Arme ! « Wir fuhren noch zwei- oder dreimal die Allee auf und nieder . Aber denjenigen , nach welchem meine Blicke jetzt spähend umhersuchten , sah ich kein zweites Mal . Er hatte den Prater wieder verlassen . Einige Tage später , um die Nachmittagsstunde , trat Tilling bei mir ein . Er traf mich jedoch nicht allein . Mein Vater und Tante Marie waren auf Besuch gekommen , und außerdem befanden sich noch Rosa und Lilli , Konrad Althaus und Minister » Allerdings « in meinem Salon . Ich hatte Mühe , einen Überraschungsschrei zu unterdrücken : der Besuch kam mir so unerwartet und so freudig erregend zugleich . Aber mit der Freude war es bald vorüber , als Tilling , nachdem er die Anwesenden begrüßt und sich auf meine Einladung mir gegenüber niedergesetzt hatte , in kaltem Tone sagte : » Ich bin gekommen , Ihnen meine Abschiedsaufwartung zu machen , Gräfin . Ich verlasse in den nächsten Tagen Wien . « » Auf lange ? « » Und wohin ? « » Und warum ? « » Und wieso ? « fragten gleichzeitig und lebhaft die anderen , während ich stumm blieb . » Vielleicht auf immer . - Nach Ungarn . - Zu einem anderen Regiment versetzen lassen . - Aus Vorliebe für die Magyaren , « gab Tilling nach den verschiedenen Seiten Bescheid . Indessen hatte ich mich gefaßt . » Das war ein rascher Entschluß , « sagte ich möglichst ruhig . » Was hat Ihnen denn unser Wien zu leid gethan , daß Sie es auf so gewaltsame Weise verlassen ? « » Es ist mir zu lebhaft und zu lustig . Ich bin in einer Stimmung , welche die Sehnsucht nach einsamer Pußta mit sich bringt . » Ach was , « meinte Konrad , » je trüber die Stimmung , desto mehr soll man Zerstreuung suchen . Ein Abend im