aufgehalten von einem Zug zum andern . « Maria rückte den Schirm , der auf dem Tische stand , vor die Lampe . » Wer ? « fragte sie . » Den Namen weiß ich nicht . So ein hübscher großer ; das Gesicht wie von einem Italiener . Hat einen Backenbart , rabenschwarze , etwas gelockte Haare , die Nase gebogen , das Kinn ausrasiert . Vielleicht kennst du ihn . Ich hab ihn zwar nie bei uns gesehen . « Nachdem die Alte sich entfernt hatte , durchwandelte Maria noch lange das Zimmer und dachte dessen , den jede Minute , jede Sekunde weiter hinwegtrug von ihr und der wohl auch wachte und litt wie sie und ihr grollte und zürnte ... Er war da gewesen , er hatte die Erinnerung an die Stätte , an der sie lebte , mitnehmen wollen in seine freiwillige Verbannung . - Einen Tag nur - nur einen , und sie hätten einander noch gesehen und den Abschied nehmen können , den sie sich in immer holderen , reineren Farben ausmalte . Der Morgen kam . - Das Kindlein wankte ebenso tollkühn wie unsicher an der Hand der Wärterin in das Schlafgemach herein , dem Bette seiner Mutter zu und jauchzte ihr entgegen ... Maria erhob sich nach wenigen Stunden eines unerquicklichen , durch wüste Träume gestörten Schlafes . Sie wollte ihr Tagewerk beginnen , aber sie hatte Blei in den Gliedern , einen eisernen Reifen um den Kopf . Alles wurde ihr schwer , alles versagte , sogar die getreue Kunst . Sie schloß das Klavier , nachdem sie einige Akkorde angeschlagen hatte , eilte hinab ins Freie , umschritt das Haus und wanderte durch einen Fliedergang dem Pavillon zu . Forster wartete ihrer dort ; sie wollte ihn treffen und durch den letzten , der den Scheidenden noch in der Heimat gesprochen , eine Kunde von ihm haben . Sie war angelangt und überschritt die Stufen , die zum Pförtchen des kleinen Baues hinaufführten , einer zierlichen und luxuriösen Spielerei aus dem 18. Jahrhundert . Er enthielt zwei durch Rundbogen getrennte Zimmer . Die Wände und die Möbel waren mit gelbem chinesischem Seidenstoff überzogen , die Fenster mit demselben kostbaren Gewebe verhangen . Als Maria aus dem grellen Tageslicht in die goldige Dämmerung trat , schwamm es ihr vor den Augen , und sie vermochte nicht , einen scharfen Umriß zu unterscheiden . Aus dem Nebenzimmer nahte jemand langsam und zögernd , wie ihr schien . » Forster « , rief sie . Keine Antwort . Nach einer Weile erst ihr leise geflüsterter Name . Maria erkannte die Stimme sogleich und schrie auf : » Sie ! « Tessin stürzte ihr entgegen mit inbrünstig gefalteten Händen ... sie streckte die ihren abwehrend aus : » Fort ! ... wie können Sie es wagen ? ... das ist Verrat . Gehen Sie ! « Er schüttelte den Kopf : » So nicht . Ich hab ' s versucht - es ist unmöglich . « Entschlossenheit in jeder Bewegung , die Brauen drohend zusammengezogen , trat er näher . Sie wich schweigend zurück und schritt dem Ausgang zu . Da warf er sich zwischen sie und die Tür , und als Maria ans nächste Fenster rannte und es zu öffnen versuchte mit bebenden Fingern , die den Gehorsam versagten , glitt ein finsteres Lächeln über seine Züge . » Sie wollen Leute herbeirufen , tun Sie es doch . Der Gewalt muß ich weichen . - Aber nicht lebendig ... das sage ich Ihnen - und Sie « , er hob beteuernd die Rechte , » Sie glauben mir das . « » Wahnsinn « , stammelte Maria , von Furcht und Schrecken durchbebt . » Nein , Verzweiflung ! ... Was hab ich Ihnen getan ? warum verachten Sie mich ? - Ich habe Sie unaussprechlich geliebt . « » Und was haben Sie mir getan ? Sie haben mich verschmäht , mißhandelt , wie ich nicht dulde , daß man mich mißhandle . Sie haben die reinste Empfindung meines Lebens verkannt , mir gemeine Beweggründe zugeschrieben , mich verletzt , kalt und berechnend , an der empfindlichsten Stelle meines Herzens -geben Sie mir Genugtuung ! « Er sah sie an , verstört , in rasender Erregung ... Aber plötzlich , wie durch Zaubergewalt beschwichtigt , sank er auf das Knie . Was war denn geschehen ? Eine von Angst gefolterte Frau , die mit ihren Tränen kämpfte , stand vor ihm . Ihr Stolz war gebrochen ; mit ersterbender Stimme sprach sie : » Sie müssen fort . « » Ja , ja ? « er faßte ihre widerstrebende Hand . » Unter einer Bedingung ... Geben Sie mir das Zeichen des Erbarmens , um das ich schon gefleht habe . Ich will als Gnade empfangen , was mein Recht wäre , was Sie mir schuldig sind für alles ... auch für den Mord des besseren Menschen , der in mir schlummerte , der erwachen wollte unter Ihrem Einfluß und den Sie getötet haben , als Sie mich aufgaben . « Immer heißer bestürmte er sie , immer überzeugender strömte die Rede von seinen Lippen , ein berauschender Hauch der Leidenschaft ging von ihm aus : » Was verlange ich denn ? Ein Wort des Trostes mit auf den Weg , einen gütigen Blick , einen Händedruck ... « Das durfte sie gewähren , das war es ja , wonach sie sich gesehnt hatte all die Tage lang - vor dem Scheiden auf ewig ein Lebewohl in Frieden und Versöhnung . Seine Augen flammten zu ihr empor , sie neigte sich , ihr Blick ruhte in dem seinen , und sie flüsterte : » Weil es unsere letzte Begegnung ist , Tessin , so wissen Sie ... ich habe nicht leicht verzichtet . Sie sind mir nicht gleichgültig gewesen ... « Da brach er in jubelndes Entzücken aus : » Endlich ! Endlich ! « - Weich und zärtlich , in wonniger Dankbarkeit preßte er seine Stirn , seine Lippen auf ihre Hand , und Maria , im schwersten Kampfe ringend , flüsterte ihm leise zu : » Nun fort . « Ganz verwandelt , außer sich , sprang er auf : » Nein , und nein ! - Du hast mich geliebt , du liebst mich noch ! « Er zog sie in seine Arme und erstickte mit seinen Küssen den Schrei , den sie ausstieß . Sie wollte sich ihm entziehen - sie wollte sich retten - und lag an seiner Brust , unwiderstehlich hingerissen wie von einer Naturgewalt . Zwei trunkene Menschen hatten kein Bewußtsein mehr von Ehre , Pflicht und Treue , ihnen versank die Welt und jegliches Erinnern . Die Sonne stand im Scheitel , Maria war allein . Seit langem , langem - seit einer Ewigkeit ... Oder nicht ? - war sie eben erst verlassen worden beim Aufschrecken aus einem gräßlichen , seligen , unmöglichen Traum ? ... Sie saß da , die Hände auf den Tisch gelegt , das Gesicht in die Hände vergraben , als die Tür geöffnet und ein keuchender , pfeifender Atem hörbar wurde . Wolfi schleppte sich herein , auf einen Stock gestützt , und fiel schwer auf den Diwan neben Maria hin . Er streckte die Beine aus , lehnte sich zurück und stöhnte : » Da hab ich ' s. - Das war ein teurer Spaß . « Maria starrte ihn an , entsetzt über sein Aussehen . Es war das eines Sterbenden . » Sie sind erschöpft , der Weg hierher war Ihnen zu weit « , sagte sie . » Der Weg hierher ? « Er wollte lachen , doch kam nur eine Art Schluchzen aus seiner Kehle . » Das nicht , aber daß ich Ihren Liebhaber durch den Wald hab führen müssen - damit er sich nicht verirrt . Und dann sein Dank ... Mich niederzustechen hat er gedroht , weil ich nicht schwören wollte , mein Maul zu halten . Ihm schwören , dem Menschen ohne Treu und Glauben . « Maria war versteinert . So war sie in eine Falle gelockt worden . Tessin hatte einen Vertrauten gehabt . Haben müssen . Natürlich - zu Gelegenheiten braucht man Leute , die sie machen , Helfer , Hehler . Einen wie den Niederträchtigen da ... Ihr Herz stand still , als diese Gedanken sie so klar , so kalt durchblitzten . Kommt der Tod ? - Ach , käme er doch von selbst , daß ich ihn nicht suchen müßte - denn , wie könnte sie jetzt noch leben ? » Müd , müd bin ich « , stöhnte Wolfi , » ich liege schlecht - hilf ein wenig . « Von Abscheu und Ekel ergriffen , rang Maria mit sich selbst , doch beugte sie sich , er umklammerte ihren Nacken , sie faßte ihn an den Schultern , legte ihn - er kam ihr leicht vor wie ein Kind - der Länge nach auf das Ruhebett und schob Kissen unter seinen Kopf : » Bleiben Sie so . Ich schicke den Arzt . « » Brauche ihn nicht - nicht ihn - dich allein - mir ist schon besser ... Deine Sorgfalt tut mir wohl . - Wärst du immer gütig gegen mich gewesen - ich hätte dir vielleicht erspart - vielleicht ... Gewiß weiß man ' s nicht - ein Mensch wie ich « - er stockte , schwerer noch rang sich der Atem aus seiner Brust , die roten Flecken auf seinen Wangen färbten sich dunkler . Nun ging eine seltsame Veränderung in seinen Zügen vor ; sie nahmen plötzlich einen milden , fast edlen Ausdruck an . » Du bist nicht mehr stolz « , sprach er kaum vernehmbar , » verachtest niemanden mehr ? « Sie , mit herzzerreißender Klage , antwortete : » Nur mich ! « » Wirst du jetzt Bruder zu mir sagen ? « » Bruder . « » Triumph ... ! « Seine letzte Kraft erschöpfte sich in der Anstrengung , mit welcher er dieses Wort hervorbrachte . Aus seinem Munde quoll ein Blutstrom , sein Kopf , den er ein wenig erhoben hatte , sank in die Kissen . Maria stieß einen Schrei aus : » Zu Hilfe ! Zu Hilfe ! er stirbt ! « 11 Die Hilferufe , die aus dem Gartenhause drangen , wurden zuerst von dem Kind eines Arbeiters gehört ; es wagte sich nicht näher , holte aber Leute herbei . Diener rannten nach dem Arzt . Als er kam , fand er die Gräfin mit blutbespritztem Kleide halb ohnmächtig zusammengesunken an der Leiche Wolfis . Sie war nicht zu bewegen , von der Stelle zu weichen , bevor jeder denkbare Wiederbelebungsversuch unternommen worden . Wie Doktor Weise vorausgesagt hatte , blieb alles vergeblich . Er durfte sich auf seinen Fräulein Lisette gegenüber oft getanen Ausspruch berufen : eine heftige Erhitzung und dergleichen oder einer der Zornanfälle , denen Herr Forster unterworfen war und bei denen er zu schreien pflegte wie besessen , könne einen Blutsturz herbeiführen , während er vielleicht ein alter Mann geworden wäre , wenn er sich nur entschlossen haben würde , jetzt schon den » Duktus « eines solchen anzunehmen . Das Gelächter , mit dem der Patient diese Verheißung zu beantworten pflegte , hatte den Doktor immer gekränkt . » Und kränkt mich noch « , sagte er zu den Herrschaften Wilhelm , denen er am Nachmittag in seinem Einspänner ein Stück Weges entgegengefahren war , um ihnen pflichtgemäß zuerst von dem traurigen Ereignis in Dornach und den Umständen , unter welchen es stattgefunden , Mitteilung zu machen . Auch legte er ihnen die Frage zur Entscheidung vor , ob nicht an die telegraphische Berufung des Herrn Grafen gedacht werden solle , und zwar aus Rücksicht für die Frau Gräfin , die sich infolge des ausgestandenen Schreckens in einem Zustande hochgradiger Aufregung befände . » Sehr irritiert , wenn auch bemüht , Selbstbeherrschung zu üben . Ich habe unvermerkt den Puls gegriffen - kaum zu zählen . Es wäre nicht unmöglich , daß sich da etwas entwickelte « , sprach er mit dem traditionellen ärztlichen Kopfschütteln . » Daß sich was entwickelte ? « fragte Wilhelm , in höchster Bestürzung aus dem Wagen springend , ergriff den Arm des Doktors und blickte angstvoll zu ihm empor . » Je nun « , versetzte dieser mit wichtiger Miene , » ein leichter Typhus oder etwa Entzündung - cordis basis - cordis conus ... « » Ist das gefährlich ? - - Hol der Kuckuck diese Namen , die niemand versteht und die einem nur bang machen « , wandte er sich an seine Frau . Sie war gleichfalls ausgestiegen , an seine Seite getreten und suchte ihn zu trösten . » Fasse dich , es wird nicht so schlimm sein . Aber die Buben « meinte sie , » müssen wir nach Hause schicken . « » Freilich « , und Wilhelm überblickte die Häupter seiner Lieben , die aus dem weitläufigen Jagdwagen hervorguckten wie aus einem Pferche . » Wenn ihrer zwei waren oder drei , es ginge noch . Acht Stück in einem solchen Moment - unmöglich . Fahr sie heim « , sprach er zu dem alten Kutscher , der sein ganzes Vertrauen besaß , weil er selbst zehn Kinder hatte . Eine Revolution , die im Wagen ausbrechen wollte , wurde durch wenige Machtworte des Vaters und die sanften Vorstellungen der Mutter unterdrückt . Willi , der Älteste , erhielt die Erlaubnis , sich auf den Bock zu setzen und zu kutschieren , die andern überließ man ihrer Enttäuschung . Wilhelmine nahm den Platz nicht an , den ihr der Doktor neben sich in seiner auf Räder gesetzten Muschel anbot . Sie schritt , ein immer treuer Kamerad , an der Seite ihres tief bekümmerten Gatten dem Schlosse zu . In der Halle trafen sie Lisette . Sie fahndete auf den Doktor , sie begriff ihn heute zum erstenmal nicht ganz . Wie konnte er das Haus verlassen während eines sorgenerregenden Unwohlseins Marias und eine so schöne Gelegenheit versäumen , sich unentbehrlich zu machen . - Und wo blieb er denn jetzt ? » Ins Dorf ist er gefahren « , antwortete Wilhelm und eilte die Treppe hinauf . Seine Frau folgte ihm und hatte Mühe , ihn zu bewegen , im Salon zu warten , bis sie ihm Nachricht bringen würde , ob die Kusine ihn sehen könne . Maria war in ihrem Schlafzimmer , das sie seit Stunden rastlos , mit raschen , regelmäßigen Schritten durchmaß . Beim leisen Pochen Wilhelminens blieb sie stehen und rief , als diese sich genannt hatte : » Komm , komm ! nach dir habe ich mich gesehnt , deine Nähe ist mir ein Trost . « » Wär es so , vermöcht ich dich zu trösten , armes , armes Kind ! « Sie faßte ihre Hand , drückte sie liebreich und kämpfte mit dem Bedauern und dem Schmerz , die sie beim Anblick der Vernichtung und Trostlosigkeit im Gesichte Marias überwältigen wollten . Ihrer mütterlichen Zärtlichkeit und Überredungskunst gelang es endlich , die Erschöpfte zu bewegen , sich in einem Fauteuil niederzulassen und sogar etwas Nahrung zu nehmen . » Der heute gestorben ist , war mein Bruder « , sprach Maria plötzlich . » Weißt du es ? « Wilhelmine antwortete einfach : » Jawohl , es ist ja kein Geheimnis daraus gemacht worden . « » Und ich bin hart und stolz gegen ihn gewesen , begreifst du ? - ich ! « Sie brach in Tränen aus , sie schluchzte , die furchtbare Spannung ihrer Seele hatte sich gelöst . Allmählich wurde sie wieder Herrin ihrer selbst , verlangte Wilhelm zu sehen und geriet nur vorübergehend in heftige Aufregung , als er den Vorschlag machte , an Hermann zu telegraphieren . » Unter keiner Bedingung ! - er würde kommen . « » Und soll er nicht ? « » Nein , die Mutter bedarf seiner . Ich schreibe ihm « , setzte sie hastig hinzu , » verlaßt euch auf mich . - Niemand sonst schreibt ihm . Gebt mir euer Wort darauf . « » Welche Frau ! « sagte Wilhelmine im Nachhausefahren zu ihrem Manne . » Sie beweist mir von neuem , daß der ganz edle und gute Mensch sich nie genugtut . Ist nicht das Außerordentliche für den unglücklichen Forster geschehen ? Nun , Maria macht sich noch Vorwürfe . Dergleichen gibt einen Maßstab für den Wert einer Seele . Welche Frau ! Ich habe sie wie ein neuntes Kind in mein Herz geschlossen . « Der Brief Marias an Hermann mußte mit Ruhe und Überlegung geschrieben worden sein , denn in dem ausführlichen Telegramme , das Wilhelm am folgenden Abend von seinem Vetter erhielt , sprach dieser nicht die leiseste Besorgnis um seine Frau aus . Er bat Wilhelm , Anordnungen zur würdigen Bestattung Wolfis zu treffen , und hoffte , zu Ende der nächsten Woche in Dornach sein zu können . Die Leiche Forsters war kaum der Erde übergeben , und schon tauchten allerlei Gerüchte über die unmittelbare Ursache seines Todes auf . Ein Jäger behauptete , ihn kurz zuvor gesehen zu haben , nahe an der Waldgrenze auf einem Fußsteig , der nach der Nordbahnstation führte . Er befand sich im Streite mit einem langen Schwarzen , den der Jäger aus der Entfernung für den Adjunkten gehalten . Der Adjunkt wurde zur Rede gestellt , konnte aber leicht nachweisen , daß er sich am selben Tage , zur selben Stunde im benachbarten Städtchen befunden , wohin der Herr Oberförster ihn geschickt hatte , Grassamen einzukaufen . Offenbar irrte der Jäger in der Person des Individuums , mit dem Wolfi jüngst in einer für ihn verhängnisvollen Weise verkehrt . Daß es einen solchen Menschen gab , das bezweifelte niemand . » Es könnte « , meinte der Doktor , wie immer vorbehaltlich , » wohl ein Pascher gewesen sein , durch welchen sich mein Patient hinter meinem Rücken vielleicht Zigarren verschaffen wollte . Oder vielleicht ein Gläubiger , der einen Versuch machte , sein Geld einzutreiben . « Lisette hingegen erklärte , bei ihr stände es fest , daß es derselbe Schwindler gewesen , der - sie merkte ihm gleich etwas Verdächtiges an - » den armen , guten Jungen « am Tage vorher ganz offenkundig besucht hatte und dann , Gott weiß warum , im geheimen wiedergekehrt sein dürfte . Damit war aber noch immer nicht Klarheit in die Sache gebracht . Und trotz aller Nachforschungen blieb das Rätsel , wer der Fremde gewesen , in welchen Beziehungen er zu Forster gestanden , ungelöst . Maria hatte sich in eine an Stumpfheit grenzende Ergebung eingesponnen . Möchten sie doch auf die Wahrheit kommen ! - sie würde nicht leugnen , sie würde sterben . In vermessener Zuversicht baute sie auf die Gnade des Allbarmherzigen . Er wird sie zugrunde gehen lassen an dem Gefühl ihrer Schuld , sie büßen , sühnen lassen durch den Tod . Es war ihr ein Trost , sich das zu wiederholen . Mit einem Gefühl der Schmach wie dasjenige , das sie in ihrer Brust trägt , kann man ja nicht leben ... Ihr steht etwas bevor , unfaßbar , das nicht auszudenken ist - das Wiedersehen mit ihrem Manne . Sie wird seinen Blick nicht ertragen können , sie wird ihn empfangen mit dem Geständnis : Ich habe dich betrogen , einmal in einer fluchenswerten Stunde , in schnödem Taumel . Aber dich wieder betrügen , mit Bewußtsein und Berechnung ; meinen entweihten Mund deinem Kusse bieten - das werde ich nie . Er kam und war unsagbar glücklich , wieder da zu sein , und sie stand regungslos vor ihm - und schwieg . Wie die anderen schrieb er ihr übles Aussehen , ihre düstere Stimmung dem fürchterlichen Eindruck zu , den der Tod Wolfis auf sie hervorgebracht hatte . Der Doktor beglückwünschte ihn zu der Richtigkeit dieser Ansicht und gebrauchte dabei viele Fremdwörter , wie es sich geziemt für einen Landarzt , der eine vornehme Patientin behandelt . Fräulein Lisette nahm zu jener Zeit etwas Gehaltenes und Siegreiches in ihrem Gang und ihren Gebärden an . Ihr Herz , das nie eine heißere Neigung gekannt hatte als die zu dem » Kinde « , machte im Spätherbste Frühlingsrechte geltend . Sie liebte , sie schmeichelte sich , geliebt zu werden ; scharenweise umflogen ihre Gedanken den teuren Gegenstand , und nur hier und da stellten sich einzelne von ihnen bei der einst ausschließlich Verehrten und Verhimmelten ein . Lisette fand es überflüssig , ihre Leidenschaft zu verhehlen , und sprach unbefangen von dem , der sie ihr einflößte . » Er schwebt halt immer auf meinen Lippen « , sagte sie einmal schalkhaften Tones zu der Gebieterin mitten in einem Bericht über die Ankunft einer Sendung Tischzeugs , in den sie den Doktor ungemein kunstvoll eingeflochten hatte . » Wer ? « fragte Maria . Und nun legte die alte Jungfrau ihr längst angekündigtes Geständnis ab , und die geringe Aufmerksamkeit , die ihr anfangs geschenkt wurde , steigerte sich allmählich , und plötzlich geschah das Außerordentliche - Maria lachte . Hermann , der eben eintrat , hörte es , und seine Freude kannte keine Grenzen . » Wer hat dich lachen gemacht ? - Sie , Lisette ? Goldene Lisette ! - was soll ich für Sie tun ? ... Ich gründe ein Kammerdamenstift , und Sie werden Oberregentin . « Er stürzte auf sie zu und küßte sie auf jede Wange , daß es schallte . » Was hat sie dir vorgebracht ? « wandte er sich an seine Frau , rückte einen Sessel neben das Kanapee , auf dem sie saß , und nahm Platz . » Ich will es wissen , ich will Unterricht bei ihr nehmen . « Maria fragte : » Darf ich antworten , Lisette ? « und diese , ein klein wenig verschämt , erwiderte : » Ich bitt . « » Mit deiner Erlaubnis also . - Sie möchte den Doktor heiraten . « Die Betroffenheit Hermanns , die Anstrengung , die er machte , sie zu verbergen , die fröhliche , unendliche Güte , die aus seinen Augen sprach und aus dem unbezwinglichen und harmlosen Lächeln , das seinen Mund umspielte , erregten von neuem Marias Heiterkeit . - So war es möglich , noch - ja , schon so bald konnte sie sich vorübergehend zerstreuen lassen aus ihrer lastenden , berechtigten , ihrer gebotenen Seelenpein ? Einmal lag sie des Nachts , wie so oft , wachend auf ihrem Lager , lauschte den ruhigen Atemzügen ihres Mannes und sann und sann . Und jetzt drang durch die Stille aus dem Zimmer nebenan , in dem das Kind schlief , ein heiserer Ton , ein lautes , rauhes Husten aus kleiner Brust an ihr Ohr . Sie erhob sich sachte , warf ihr Morgenkleid um , glitt mit nackten Füßen , die Pantoffel in der Hand , über den Teppich , trat bei dem Kleinen ein und schob den Vorhang seines Bettchens zurück . Der Schein der Nachtlampe flackerte auf dem glühenden Gesicht des Knäbleins , es röchelte schwer im Fieberschlafe . Maria weckte ihn und die Wärterin und leistete die erste Hilfe , während jene auf ihren Befehl das Kindermädchen aufrüttelte und nach einem Diener läutete , der den Doktor herbeiholte . Dieser kam , sprach kein Wort , sondern handelte still und energisch ; er war in dieser Nacht ein Held an Mut und Besonnenheit . Vorübergehend nur brachte ihn die Wärterin in Zorn , weil sie fassungslos herumstürzte und durchaus den Grafen rufen wollte . » Alberne Person « , rief Weise , sich der Höflichkeit begebend , die ihn sonst auszeichnete . » Der Doktor verbietet es , der Doktor braucht keine Leute , die Angst haben , im Krankenzimmer ... Da - so eine Ruhe ! Das ist das Richtige , da nehmen Sie sich ein Beispiel . « Er deutete auf Maria , die das Knäblein auf dem Schoß hielt . Weiß in ihren schneeweißen Gewändern , unverwandten Blickes jede Veränderung beobachtend und anzeigend , welche bei dem Kleinen vorging , führte sie des Doktors Anordnungen selbst aus und hielt ein stummes Gespräch mit ihrem Kinde . -Willst du voran - mich drüben zu erwarten ? Ich folge dir bald nach . - Aber dein armer Vater , soll ihm beides zugleich genommen werden - ein echtes Gut : du ! und ein wertloses , falsches , das er in seinem lauteren Glauben betrauern wird , als wäre es wirklich ein köstlicher Besitz gewesen ? ... Bleibe bei ihm , mein Liebling , biete ihm überreichen Ersatz . - Sie drückte ihn an ihre Brust , und er richtete seine großen Augen auf sie und murmelte : » Liebe Mutter . « » Es geht besser , Doktor , nicht wahr ? « fragte Maria . » Wenn nicht alle Zeichen trügen « , gab er zur Antwort . Sie verstand ihn . Er gebrauchte wieder eine bedingte Redeweise ; die ernste Sorge , die ihn seiner kleinlichen Vorsicht untreu gemacht hatte , war geschwunden . Am Morgen erst erfuhr Hermann , daß sein Söhnchen in Lebensgefahr gewesen sei und daß es gerettet war . Dir gerettet , dachte Maria , zu deinem Troste , wenn ich nicht mehr bei dir sein werde . Sie war im reinen mit sich . Gott erhörte sie nicht , überantwortete sie der Verzweiflung , so faßte sie denn einen Entschluß der Verzweiflung . Ein schöner Spaziergang im Walde führte bequem zu einer Burgruine hinan , welche die Felsenspitze eines bis weit über die Mitte mit Schmuck-Edeltannen bewachsenen Berges krönte . Man konnte jedoch von der entgegengesetzten Seite auf einem viel kürzeren Wege zu der Ruine gelangen . Dieser ging über einen schmalen , geländerlosen Steg und mündete am Fuße des beinahe senkrecht abfallenden Felsens , unweit von halbzerbröckelten , in den Stein gehauenen Stufen . Ein kühner und geschickter Kletterer durfte sie immerhin noch benützen , um zur Kuppe zu gelangen ; wenn er nämlich schwindelfrei war . Sonst konnte ihm ein Blick zurück in die Tiefe gefährlich werden . Dasselbe Flüßchen , das einige hundert Schritte weiter zwischen Wiesen dahinglitt als friedliches , mit Kähnen befahrbares Gewässer , wurde in der Enge zum Wildbach . Kochend und brausend stob der Gischt , bildete Wirbel , drehte und drehte sich kreisförmig , trichterförmig , stieg auf in Säulen aus Schaum , warf sich wieder wie toll in sein steiniges Bett und lockte herab zur Teilnahme an seiner sprudelnden , unerschöpflichen Lebenslust . In ihrem ersten Ehejahre hatte Maria die Ruine besucht . Angewandelt von einer Regung der unbezähmbaren Freude an der Gefahr , von der sie in früher Jugendzeit gar oft ergriffen worden , war sie die Felsentreppe herabgestiegen und hatte den Steg festen und sicheren Ganges überschritten . Hermann , dem sie ihr Wagnis eingestanden , war erst durch ihr förmliches Versprechen , es nie zu wiederholen , zu beruhigen gewesen . - Nun mußte das gegebene Wort gebrochen werden . Mit peinlich erfinderischer Genauigkeit malte Maria sich alles aus , sah sich den Fuß setzen auf den Steg und wandern und langsam mit Bedacht ausgleiten an der rechten Stelle ... wanken , sinken , zerschellt werden an den ewig blanken , ewig feucht glänzenden Klippen , die aus dem Wasser herausragten . Vorahnend gab sie sich Rechenschaft von dem Schmerze Hermanns , er würde nicht frei sein von Groll - und das war recht . Ein reines Andenken zu hinterlassen , hatte die Schuldige nicht verdient . Sie bereitete sich vor auf die entsetzliche Trennung von ihrem kleinen Kinde , das der Mutter noch so sehr bedurfte , nahm Abschied von ihm Tag um Tag . Morgen geschieht ' s , sagte sie sich , bis der Morgen kam , an dem sie begriff , daß sie nicht sterben könne , ohne einen zweifachen Mord zu begehen . Und davor schauderte sie zurück . Wohl lohte es in ihr auf : Begrabe die Frucht des Frevels mit dir ! ... Aber töten , um zu sühnen ? - Noch war sie fromm und gläubig und fragte in ihrer Seelenqual : Wie würdest du die Kindesmörderin empfangen , ewiger Richter , Herr , mein Gott ? Der mächtigste Instinkt im Weibe erhob seine gewaltige Stimme ... Vielleicht auch rang der nun verzweifachte Lebenstrieb - ihr unbewußt - gegen die Vernichtung . Sie kam wieder auf den Ausweg zurück , der ihr zuerst als der selbstverständliche , der einzige erschienen war : Hermann alles zu gestehen , ihm zu sagen : So bin ich , behandle mich , wie ich es verdiene . Ich ertrage deine Güte nicht mehr , ich lechze nach Strafe , nach Buße . Die strengste wird die beste sein , gönne sie mir , gönne mir das Labsal , zu büßen . Sei unbarmherzig , nur verehre mich nicht mehr . Und während sie in Gedanken also zu ihm sprach , rief ihr Verstand ihr zu : Phrasen , hohle Worte ! Du weißt es wohl , daß er dich nicht verstoßen , dich nicht der Geringschätzung preisgeben wird ; er wird , auch wenn sein Glück den Todesstreich durch dich empfangen , den Fuß nicht auf deinen Nacken setzen , Gesunkene . Er wird unerschütterlich bleiben in seiner Langmut . Von dir getrennt , dir im Innersten entfremdet , wird er von anderen noch Achtung für dich verlangen . Dann hast du eine neue Last der Dankbarkeit auf dich geladen und vergeblich das Beste zerstört , woran sein Herz sich erquickt und seine Seele sich erbaut . Du hast nichts zu verlieren , er alles . Du hättest ihn umsonst unselig gemacht ... Du darfst es nicht !