danke Ihnen , Herr Doctor , für die Anregung , die Sie mir gegeben ... Und hoffentlich ... hoffentlich ist es nicht das letzte Mal , das wir zusammengeplaudert . Die Welt ist gemein ... ganz Recht ! ... und die Menschen sind Bestien ... sie schwatzen und klatschen und kritisiren und ... keifen und ... zucken die Achseln und treten einander todt ... Hülfreich ist der Mensch , Edel und gut - Doch zuweilen , wenn er gerade Durscht hat , Säuft er seines Nächsten Blut ... Eh bien ! ... Das ist eine bekannte Geschichte ... Doch das ist der Pessimismus der Jugend , der zwanziger Jahre ... Man findet Alles gemein , weil man Alles noch zu allgemein findet ... finden muß ... Qu ' importe ? Wenn ich nicht zu sehr Ihre Kreise störe , Herr Doctor - - « » Bitte ! ... « » Also auf Wiedersehen ! ... Wollen Sie mich gütigst Ihrem Fräulein Tochter empfehlen ... Ich habe die Ehre ! ... « » Adieu ! ... « Adam verließ das Zimmer . Auf dem Corridor athmete er einmal tief auf und schaute unwillkürlich nach der feschen Dienstmaid aus . Er hätte zu gern eine kleine Abwechslung gehabt . Aber das Mädel blieb unsichtbar . Als Adam die letzten Treppenstufen hinunter schritt , betrat Hedwig den Hausflur . Der Herr Doctor ging langsam an ihr vorüber und grüßte sehr förmlich . Die Dame nickte kurz . An der Thür wandte sich Adam noch einmal um . Fräulein Irmer stieg ruhig die Treppe hinauf . Adam gab einen kurzen , grellen , scharfen Pfiff von sich . Dann schlug er die große , schwere , ungefüge Thür hinter sich zu . - Endlich war Nachricht von Lydia gekommen . Frau Lange schrieb mit kleiner , schräger , nicht besonders geübter , kaum charakteristischer Schrift : » Werther Herr Doctor ! Wollen Sie morgen Abend die bewußte Tasse Thee bei mir trinken - ? Gegen acht Uhr - ja ? Bitte , bringen Sie doch die Stimmung wieder mit , in der Sie den Brief geschrieben ! Er hat mir viel Vergnügen gemacht , trotzdem ich ihn wohl noch nicht ganz verstanden habe . Wir wollen ihn noch einmal gemeinschaftlich durchstudiren . Haben Sie Ihr Bibelcapitel fertig ? Ich habe leider wieder sehr viel Abhaltung gehabt . Mit bestem Gruße Lydia Lange . « » Oy sxedon ti « meinte Adam schmunzelnd , befriedigt . Und er las das Billet ein zweites Mal . - IX. Am nächsten Tage schwankte Adam unaufhörlich in seinen Stimmungen hin und her . Er wußte wieder einmal nicht ein noch aus . Es war ihm wieder einmal das Talent ganz abhanden gekommen , sich von der Widerspenstigkeit der Objecte anziehen , belustigen zu lassen . Das kann doch zuweilen wirklich sehr amüsant sein . Zweifelte er an sich , an seinen Kräften und Fähigkeiten ? Er besaß ein sehr schlechtes Gedächtniß für sich . Eine erneute Stimmung nahm ihn immer so ganz hin . Und war das gerade eine Stimmung marternder Geisteszerrissenheit , so mußte er ganz vergessen , daß ihm einmal klarer , einfacher , unmittelbarer , praktischer zu Sinn gewesen . Es lastete ein unerklärlicher Druck auf ihm , eine gerechtfertigt-ungerechtfertigte Trauer ... eine peinigende , gegenstandslose Betrübniß ... kein schneidender Gethsemaneschmerz ... eine lähmende , zusammenzwingende Schwere . Er hatte keine Freude daran , die kleinen Arbeiten des Lebens auf sich zu nehmen . Nichts Großes erschütterte ihn , das kleine Gewürm halber , angedeuteter Gefühle verleidete ihm das Leben , welches ihm doch manchmal mit seinem bunten Wirrwarr , seinem unermüdlichen Farben- und Formenspiel so unendliche Reize bieten konnte . Warum sollte er heute Abend zu Lydia gehen ? Es war doch eigentlich nicht der geringste Grund dazu vorhanden . Gewiß ! Er wollte ihr im letzten Augenblick noch abschreiben - das war das Gescheiteste . Er konnte nicht für sich gutsagen . Er hatte die Empfindung , als müßte er heute Frau Lange gegenüber zu bizarr in seinem Betragen , zu willkürlich sein . Oder würde ihn die fremde , gewiß vornehme , in eigener Ordnung ausgebaute Umgebung doch einengen ? Würde seine zwar nicht besonders große , aber noch immerhin genügende Fähigkeit : Cavalier , Gesellschafter zu sein , hervortreten , sobald er Lydia gegenüber stand ? Er hatte ja schon , wie er sich äußerlich erinnerte , eine ganze Reihe derartiger Jongleurkunststücke fertig gebracht . Aber Hedwig ? Hedwig ? Wie stand er zu ihr ? Liebte er sie ? Er hatte sich allerdings sehr oft eingebildet , ein Weib zu lieben - und er hatte sich für dasselbe schließlich nur interessirt , ganz beiläufig » interessirt « . Er hatte Gefallen an ihm gefunden , irgend Etwas hatte ihn gereizt : schönes Haar ; schöne Augen ; graciöse Beweglichkeit des Oberkörpers ; Halbfülle der Gestalt ; ein kurzer , entschiedener Tritt ; oder Naivetät des Herzens ; das Parfum geistiger Selbständigkeit ; Unbeholfenheit oder Schlagfertigkeit ... Vorurtheilslosigkeit ... Coquetterie ... ehrliche oder gemachte Verschämtheit ... oder so etwas Aehnliches ... Und Hedwig ? Ja ! Ja ! Es wurde ihm mit bezwingender Deutlichkeit klar : er liebte sie - liebte sie mit all ' der Glut und Leidenschaft , deren er noch fähig war ... die er noch für sie aus allen seinen früheren , engeren oder loseren Beziehungen und » Verhältnissen « hatte retten müssen . Der Gedanke an sie hatte doch unwillkürlich - jetzt wurde er sich dessen bewußt - in den letzten zwei Tagen die stete Unterströmung seines Seelenlebens gebildet . Immer wieder war ihr Bild vor ihm aufgetaucht , manchmal schärfer , deutlicher , manchmal unklarer , schwächer , linienmatter . Er hatte der einzelnen Gelegenheiten gedenken müssen , die ihn mit ihr zusammengeführt . Er hatte sich die Worte ... das Herüber und Hinüber ... das bewegte Widerspiel der Gefühle und Gedanken wiederholen müssen , die ihn in ihrer Gegenwart besessen , die sie ihm zu verstehen gegeben , die sie ihn hatte ahnen lassen , oder die er ihr anvermuthet . Er hatte viel an sie gedacht , viel über sie nachgedacht ... hatte sich gefragt : wo sie wohl in dieser Stunde wäre ... was sie thäte ... wie sie jetzt ihr Verhältniß zu ihrem Vater auffaßte ... ertrüge ... ob er selbst vielleicht schon eine kleine Rolle in ihrer Welt spielte ? ... Aber was zog ihn nur zu ihr hin ? Reizte sie seine Sinnlichkeit ? Eigentlich nicht . Seit jenem Abend bei Herrn Quöck , wo der Wein sein Blut aufgejagt , wo ihm Lydia ' s Raffinement und Coquetterie brennendes Begehren in die Brust getropft ... mit berechnender Grausamkeit langsam getropft hatte ; wo er sich wohl nur aus Trotz gegen das schöne , verführerische Weib - wenigstens wie er sich heute einbildete - Hedwig genähert - seit jenem Abend hatte deren Gegenwart oder die Erinnerung an sie eine immer nur mit geringen Sinnlichkeitsaffecten verbundene Sympathie in ihm ausgelöst . Nun denn ! - so mußte es eben ihr Schicksal sein , was ihn reizte . Oder etwa ihre Sprödigkeit ? Ihre Art , kalt und bestimmt abzuweisen ... ihre wie selbstverständlich dargestellte ... Selbständigkeit ? Es war doch merkwürdig ! Und da ! ... da schäumte es auch in ihm auf ... da begehrte er plötzlich , diese Ungeberdigkeit zu zähmen , diesen Trotz zu brechen , diese Kälte zu bezwingen ... Da wußte er , wie süß und berauschend es sein müßte ... es wahr und wahrhaftig sein würde , diese herben Lippen zu küssen ... diesen verschlossenen Mund zu köstlichen Geständnissen zu bewegen ... Ein fanatischer Sehnsuchtsrausch war jäh über ihn gekommen . Ein starkes Leben durchpulste ihn ... ein einziges Wollen erfüllte ihn ganz . Seine Phantasie umhing die Geliebte mit Reizen , die sie kaum besaß . Aus allen Poren strömte Adam der Drang ... quoll ihm das glühende Begehren der entfesselten Leidenschaft heraus ... Aber da verflüchtigte sich auch die heiße Sehnsucht des Blutes schon wieder . Eben war Adam noch der Gedanke gekommen , daß es doch eigentlich ganz praktisch sei , in dieser sinnlich-empfänglichen Stimmung zu Lydia zu gehen . Hedwig ... oh ! Die Erinnerung an sie konnte seine Phantasie wohl mit tausend verführerisch-reizvollen Bildern speisen . Aber die Wirklichkeit ? Die Dame war doch eigentlich schon zu eingefroren , zu steif , zu erkaltet . Und Adam liebte das Spontane , das Tumultuarische am Weibe ... das plötzlich Hervorbrechende , elementar Hinreißende . Und doch reizte ihn im Grunde ein Weib ... jedes Weib nur so lange , als es sich ihm entzog , als es seine Selbstständigkeit mit starkem Nachdruck aufrechterhielt . Die geringste Nachgiebigkeit kühlte ihn ab ... kühlte ihn besonders dann sofort ab , wenn sie mit einer gewissen Apathie und gleichgültigen Nachlässigkeit in Scene gesetzt wurde . Adam liebte es , Quellen aus Felsen zu schlagen . Die erste stürmische Glut , mit der das junge Wasser an ' s Licht trat , reizte ihn . Nachher ... nachher wurde ihm das Wasser in der Regel bald ... bald sehr , sehr langweilig . Er beobachtete es höchstens noch mit dem Interesse des objectiven Wissenschaftlers . Nein ! nein ! Das war Unsinn - er liebte Hedwig nicht ... nicht im Mindesten . Wie war er nur in aller Welt darauf gekommen , sich das einzubilden , sich das vorzudeclamiren ! Es dünkte ihn nur pikant ... weiter nichts als pikant , auf sie zu wirken , sie zu beeinflussen , sie zu beunruhigen ... in den zähen , träge geronnenen Lauf ihres verstockten und verkümmerten Lebens allerlei neues , eckiges , strudelerweckendes Zeug hineinzuwerfen . Er wußte , daß er das Weib eines Tages einmal küssen würde . Vielleicht war er auch im Stande , im Aufruhr der Stunde noch intimere Leidenschaftsbeweise zu erzwingen . Und dann ? Dann mußte er die angebissene Frucht nach den Gesetzen seines Organismus eben wegwerfen . Eine grausame Unzuverlässigkeit gehörte ihm an Oh ! Er wußte : einmal hatte er mit dieser grenzenlosen Gleichgültigkeit nur gespielt . Es war ihm pikant gewesen , sich ihren Besitz anzudichten , vorzulügen . Und nun ? Nun besaß er sie wirklich - und die Brutalität dazu , sie halb bewußt , halb unbewußt vor sich und Anderen verleugnen zu können ... oder er prunkte mit ihr . Und da gefiel es ihm öfter , sie für harmlose Coquetterie auszugeben , wo sie doch wohl nur traurige Thatsache war . Nein ! Fräulein Irmer war Adam in diesem Augenblicke nichts ... absolut nichts . Warum sollte er heute Abend also nicht zu Lydia gehen ? In seinem Spiegelschränkchen trieb sich eine Anzahl verbrauchter Glacéhandschuhe ... eine sehr niedliche Sammlung abgetragener Shlipse und Schleifen herum . Die Sippschaft fiel Adam in die Augen , als er nach seiner Eau de Cologne-Flasche suchte . Er nahm einen Handschuh zwischen die Finger und betrachtete ihn sehr gedankenvoll . Das Leder war mürb , brüchig , rauh , hier schlaffer , dort härter , steifer geworden .... wie gedörrt , runzelig zusammengetrocknet . Die Farbe unreinlich , verschossen , stark verschmutzt . Allenthalben geplatzte Nähte ... ein Knopf war abgesprungen , ein anderer ließ seinen schmutzig-gelben Messingscheitel todestraurig herabhängen . Warum schmeißt man das Gesindel nicht in die Lumpen ? philosophirte Adam sehr tiefsinnig . Und er dachte an sein Individuum . Ob ... hm ! ... ob man seine » Seele « nicht einmal ... nicht einmal - rasiren lassen könnte ? - - X. In tadellosem , schwarzem Gesellschaftanzuge ; mit einem Gesicht , das halb müde Gleichgültigkeit , halb obligate , gegenstandslose Neugier und Gespanntheit ausdrückte , trat Adam Mensch einige Stunden später in das Cabinet Lydias . » Sie haben mich gerufen , gnädige Frau - ich bin gekommen ... « » Ich danke Ihnen , Herr Doctor ! « Lydia hatte bei dem Eintreten Adams vor ihrem zartgliedrigen Luxusschreibtische , der so gar nicht für ehrliche , schwere Arbeit auf der Welt zu sein schien , gesessen und war nun aufgestanden . Ein leiser Moschusduft lag im Gemach . Auf dem Schreibtische brannte inmitten einer Fülle eleganter Nippes , inmitten einer zwanglos und doch geschmackvoll arrangirten Kleinwelt von Statuetten , Photogrammen , Portraits , Goldschnittbändchen , lose durcheinandergezetteltem Pergamentpapier , Muscheln und Steinen , eine grünverhangene Broncelampe . Das mittelgroße Zimmer war von den Schatten anheimelnder Dämmerung durchdunkelt . Die Umrisse der Möbel verschwammen , die Farben und Muster der Teppiche und Decken hatten einen ernsten , schwarzbraunen Ton angenommen . Lydia hatte die Lampe auf den kleinen , runden Tisch gestellt , der , umgeben von einer Fauteuils-Corona , vor dem Sopha an der gegenüberliegenden Breitseite des Zimmers stand . » Ich muß doch wohl für etwas mehr Licht sorgen - « » Wenn ich bitten darf , gnädige Frau ... diese Lichtstimmung ... es ist so poetisch , dieses Zusammenfließen von Hell und Dunkel - « » Ja ? Nun ... dann ... ich habe diese Beleuchtung auch sehr gern ... gerade dieses clair-obscur ... Aber modern ... modern ist es doch eigentlich kaum , Herr Doctor ... So mittelalterlich ... so romantisch ... Nun suchen Sie sich bitte einen Fauteuil aus ... und dann will ich den Thee bestellen ... oder ... oder - Emma wird ihn allerdings schon bereitet haben ... aber das thut ja nichts ... sie mag ihn ' mal selbst probiren - ich schlage vor , Herr Doctor , daß wir unsere erste Sitzung mit einem Glase Steinberger Cabinet einweihen - ja ... ? « » Gnädige Frau - ich ... meinetwegen - « » Jetzt ist er schon so weit , daß er meinetwegen sagt ! « fiel Frau Lange neckisch ein . » Diese Gnade , lieber Doctor ! ... Ich danke Ihnen ! ... « » Ich bitte ... Sie haben mich mißverstanden , gnädige Frau ... « Lydia schellte . Ein Diener trat ein . » Also einige Flaschen Steinberger , August , und sagen Sie Emma , sie möchte auftragen . « » Denken Sie , Doctor , dieser junge Mann , dieser Weinapostel , heißt August - schrecklicher Name ... nicht ? Aber er läßt ihn sich nicht abgewöhnen ... diese Leute haben auch ihren Stolz ... Was will ich machen ? So sehr ich mich empöre - ich muß mich schließlich fügen . Es bleibt mir nichts Anderes übrig . Und der Mensch ist doch sonst ganz tüchtig und zuverlässig ... « Adam antwortete nicht . Eine spitze , bittere Bemerkung lag ihm auf der Zunge . Aber er unterdrückte sie . Da klagte ihm eine schöne , vornehme Dame ihr Leid ... ein Leid , das im Grunde wirklich außerordentlich schwer und herb war . Und sie fand es der Mühe werth , an ein Nichts eine ganze Reihe von Worten zu verschwenden . Wußte sie wirklich nicht , daß man sich manchmal noch in ganz ... andere Dinge fügen muß ? » So schweigsam , Herr Doctor ? Warum ? Nein ! ... heute Abend ... heute Abend lieber nicht ! ... Melancholisch ? Nun ... vielleicht löst Ihnen der Wein die Zunge ... Lassen Sie doch die alten , odiosen Gespenster ! Bei meinem Vetter ... neulich ... fiel es mir schon auf , daß ... doch .... hören Sie ! Draußen tobt der April ! Wir wollen uns recht gemüthlich fühlen ... die letzte , karge Wintergemüthlichkeit ... es wird leider so bald auch außerhalb des Kalenders Frühling ... und dann ... « » Und dann werden wir auf Ihrem Balkon sitzen , gnädige Frau , und ... und - und werden - - « » Und werden ? Was Sie sich einbilden , Doctor ! Doch ... pardon ! ... Ja ... ich hoffe auch - Mai ... Juni - nun ! Wir wollen uns vornehmen , einen recht intimen Frühling zu verleben ... einverstanden ? ... « » Lydia ! ... « Adam war der Vorname Frau Lange ' s entfahren - er wußte nicht , wie ... » Dummheit , Herr Doctor ! Was fällt Ihnen ein ! Wir sind doch zwei ganz vernünftige Menschen ! Nicht wahr ? ... Was macht übrigens Ihr Bibel-Capitel ? ... Nein ! Wie mich Ihr hübscher Brief amusirt hat ! - Aber was hat die Emma nur ? « Frau Lange schellte zum zweiten Male . In demselben Augenblicke trat das Mädchen ins Zimmer , eine ziemlich umfangreiche Tablette nur mit Mühe vor sich her balancirend . » Was soll das nur heißen , Emma ! Du hast Dir wohl den Thee erst ' mal näher besehen ? ... Dazu war doch nachher auch noch Zeit ! Und auch der ... der August bleibt mit dem Weine - ich glaube gar , Ihr ... Emma ! ... ich will nicht hoffen - - Ihr fliegt alle Beide an die Luft - das kann ich Euch sagen ... « Emma war roth geworden . » Gnädige Frau ... « stotterte sie - Adams Auge weilte wohlgefällig auf der vollen , ebenmäßig abgerundeten Gestalt des Mädchens . Das war nicht zu viel und nicht zu wenig . Diese Arme unter dem straffen , enganliegenden Kleide ... diese Brust unter dem wie geschient geschnürten Corset ... dieses frische , volle , nur etwas zu gleichmäßige , zu runde Gesicht ... die Gelenkigkeit der Bewegungen ... der nicht unangenehme Geruch frischgewaschenen , frischgestärkten Leinens , der von ihrer Kleidung ausging - : mit dem Allen war Adam sehr einverstanden . Lydia bemerkte , wie aufmerksam und augenscheinlich wie befriedigt der Herr Doctor das Mädchen musterte . » Sie sind ein Epicureer , Herr Doctor ! « sagte Frau Lange spöttisch . » Wieso , gnädige Frau ? Weil ich für Ihre reiche Tafel kein Auge ... kein Verständniß zu haben scheine ? Verzeihen Sie ! ... « » Sie gestehen also ? ... « Emma schickte sich an , das Zimmer zu verlassen . An der Thür wußte sie sich noch einmal so zu drehen , daß sie einen vollen Blick auf Adam werfen konnte . » Emma ! « rief Lydia laut nach . Das Mädchen trat in den Thürrahmen zurück . » August mag sich ein Wenig beeilen - und dann bring ' die große Lampe aus dem blauen Salon herüber ... Sie sollen Ihre Augen nicht zu sehr anstrengen , Herr Doctor ! « fügte Frau Lange , zu Adam gewendet , ironisch hinzu . Adam und Lydia sahen sich fest an . Sie verstanden sich . - » Aber ... Sie sind doch noch nicht fertig , Herr Doctor ? Ich bitte Sie ! Wollen Sie nicht noch ' n Stück Fleisch nehmen ? Bitte ... ja ! Es ist delicat , wie ich , ohne meine Küche rühmen zu wollen , sagen darf ... Ein Scheibchen Pökelrippe - ja ? Oder ein Wenig Dessert ? Lassen Sie sich nicht nöthigen ! Schlimm genug , daß man selbst Ihnen gegenüber die alten , abgestandenen Redensarten gebrauchen muß ! Aber Sie sind gar nicht originell ! Sie bilden sich gar nichts auf sich ein ! Und - was das Schlimmste ist - Sie vergessen ganz , daß Sie mich beleidigen , wenn Sie mich zwingen , Sie nach der Art des ersten besten Durchschnittsmenschen zu behandeln ... « » Ich bitte , gnädige Frau ! ... Ich habe gar kein Recht , etwas Besonderes scheinen zu wollen , sintemalen ich gar nichts Besonderes bin ... Wenigstens momentan ... In den letzten Wochen , wenn nicht Monaten , bin ich meinem ganzen Denken und Fühlen nach ein verzweifelt alltäglicher Mensch gewesen ... Ich finde nichts Neues mehr ... ich erkenne Nichts mehr ... ich habe keine Interessen mehr ... ich bin gegen Alles grenzenlos gleichgültig ... Alles ist todt , verschüttet , ausgestorben in mir . Ein Druck liegt auf mir - ich sage Ihnen : furchtbar ! Ganz furchtbar ! Und Nichts ... Nichts reißt mich aus dieser Verstumpfung heraus ... Ich glaube ... ich fürchte : meine beste Zeit ... die Zeit , wo ich geistig aktiv sein durfte ... wo ich für tausend Reize empfänglich war ... wo ich nach allen Seiten hin Anregung gab und Anregung empfing , ist vorüber ... Und ... und gewöhnlich vermisse ich absolut Nichts . ... das ist das Entsetzlichste . Nur manchmal , wie eben jetzt , werde ich mir dieser hagebüchenen Leere und Nüchternheit bewußt - und dann krampft ' s sich in mir zusammen - ach ! ... Varus ! Varus ! Gieb mir meine Legionen wieder ! ... « Lydia sah den ihr gegenübersitzenden Adam gespannt an . Sie hielt sein Gesicht auch mit dem Auge fest , als August eintrat und den Wein brachte . Frau Lange verstand den Herrn Doctor im Grunde wohl kaum . Aber mit dem feinen Instinkt des Weibes fühlte sie , daß ihr Gast da etwas aus seinem Seelenleben preisgab , was für ihn schmerzliche Wahrheit und Gültigkeit besaß . » Nun ... nun , Herr Doctor ... in diesem Sinne - - ich wollte durchaus keine Beichte herausfordern ... verzeihen Sie , wenn ich Ihnen Gelegenheit zu einem Mißverständniß gab ... Bei meinem Vetter übrigens ... neulich Abends ... erschienen Sie mir durchaus nicht so pessimistisch ... haben Sie inzwischen - doch pardon ! ... Und ... und damals empfing ich auch den Eindruck von Ihnen , daß man Sie durchaus nicht mit dem ersten besten Strohmann - bewundern Sie nur meine Scatkenntnisse ! - mir schien es also , als ob man Sie durchaus nicht für einen Strohmann des Lebens halten dürfte ... Und darum meinte ich vorhin - - ach ! ... Wissen Sie übrigens , Herr Doctor , daß ich Ihnen eigentlich ... eigentlich ein Wenig böse sein sollte ? Sie - « Lydia hatte sich erhoben und füllte die Gläser . Dabei sah sie , am Tische diskret eingewinkelt nach vornüber gebeugt stehend , ihren Gast mit einem reizenden Lächeln von der Seite an . » Böse ? Sie erschrecken mich , gnädige Frau ! Warum böse , wenn ich fragen darf ? « » Verstellen Sie sich nur nicht ! Sie wissen ganz genau , was ich ... was ich ... meine - oder sollten Sie ... sollten Sie ? Das wäre doch zu naiv ! . Nicht wahr - ? « » Ich bin immer noch rathlos - « » Vergessen wir den Wein nicht ! ... Und nun lassen Sie Ihre Reserve ein Wenig fahren , Herr Doctor - ja ? Sie geben sich in der Unterhaltung so ohne Pathos ... so - ich weiß gar nicht ... ich liebe die Force , das Spontane ... das Unberechenbare ... und Sie scheinen doch sonst das Zeug zu haben , ein eigenes Gesicht zu machen ... einen eigenen Menschen vorzustellen - heute sind Sie so conventionell - wie ich schon vorhin sagte ... so ... so ... nun ! ... man erwartet gar Nichts von Ihnen ... kurz : heute sind Sie ganz schrecklich , Herr Doktor ! ... Was fehlt Ihnen nur - ? « » Mir ? ... Nichts ... gar Nichts , gnädige Frau ! ... Im Gegentheil : ich fühle mich sehr wohl ... sehr behaglich ... « » Nun ! dann wollen wir ' mal anstoßen - bitte ! « Die Gläser trafen sich , aber auch die Augen . Schlumernde Flammen wurden da geweckt , brachen heraus und züngelten heftig in einander . » Also ... Sie wissen noch nicht - ? « » Nein ! Noch nicht , gnädige Frau - ! « Lydia wandte sich ab . Sie nestelte an ihrer Uhrkette und sah nach dem Schreibtische hinüber . » Wie geht es eigentlich Fräulein Irmer , Herr Doctor « ? fragte sie nach einer kleinen Pause leichthin , ohne Adam anzusehen . Jetzt hatte der Herr Doctor allerdings verstanden . In seinem Gesicht zuckte es . Und da wandte sich ihm Frau Lange auch wieder voll zu . Sie bemerkte den ironischen Zug um Adams Mund und Nase , bemerkte die etwas zusammengekniffenen Augen . Ein sehr verzweigter , im Ganzen aber doch mehr angedeuteter , als erschöpfend ausgeführter Gefühlscomplex : momentane Wuth ... Haß ... Zorn ... Neid ... drängte sich ihr auf . Dieser Mensch konnte doch zu impertinent , zu moquant sein . - » Nun ? « fragte Frau Lange indignirt . » Hedwig Irmer , gnädige Frau ... « - Adam setzte absichtlich , mit einer kleinen , unscheinbaren und doch , wie er wußte , nicht wirkungslosen Betonung den Rufnamen voran - » Hedwig Irmer - ja ! ... habe ich die Dame denn seitdem - - seitdem ? - richtig ! ich machte ihrem Vater neulich einen Besuch - und da - « » Gefällt Ihnen Hedwig , Herr Doctor - ? « Frau Lange hatte sich zurückgelehnt und streckte die Hand nach ihrem Weinglase aus . Die wundervolle Plastik des Armes trat berückend hervor . Der Aermel straffte sich zurück , und das volle , runde Handgelenk schimmerte verführerisch auf in seiner frischen , gelbweißen Waizenfarbe . Nun hatte Lydia das Glas zum Munde geführt und blinzelte Adam über den Rand hin an . » Warum sollte mir Fräulein Irmer nicht gefallen - ? « erwiderte Adam spöttisch-nachlässig . » Die Dame hat entschieden etwas sehr Eigenthümliches . Sie scheint auch intellektuell nicht unbedeutend zu sein . - Allerdings ! ein Bissel zu viel triste , dürre Abstractions-Philosophie hat sie unter der Anleitung ihres Herrn Vaters wohl doch schon geschluckt . Unmittelbares ... Ursprüngliches geht ihr vollkommen ab . Ich glaube , man muß sich ... man müßte sich erst durch einen dicken Wall von Vorurtheilen und Voreingenommenheiten hindurcharbeiten - ganz abgesehen von der seelischen Schwerfälligkeit , die gar nicht zu brechen sein wird - « » Hm ! ... « Adam sah Frau Lange an . Sie verstanden sich wieder einmal . » ... Die gar nicht zu überwinden sein wird ... sein würde - - wenn ... wenn also ein seelisch einigermaßen intimer Verkehr ermöglicht werden sollte . Interessant ist die Dame aber zweifellos . Nun ... es wird nachgerade Zeit , auf Urwüchsigkeit überhaupt zu verzichten . Man hat sie ja selbst längst ... längst eingebüßt - es ist rabbiater Unsinn , sie immer wieder mit Pathos zu fordern und zu erwarten . Wenn man bedenkt , wie bescheiden man eigentlich schon geworden ist ! Es ist mitunter rein zum Todtlachen ! Das heißt : man wird ... man ist unkritisch geworden . Von welchen kargen , geradezu dämonisch kargen Reizen läßt man sich nur immer wieder ködern und bewältigen ! Man studirt und liest und schreibt und plaudert und verkehrt mit Menschen ... man besucht Gesellschaften , treibt sich in Localen herum ... wie gesagt : fast ohne jede Kritik mehr ... ohne sich noch darüber klar zu werden , daß man sich mit dem Allen doch eigentlich furchtbar vor sich selber compromittirt ! Gott sei Dank , daß ich kein sogenannter Dichter bin ! Diesen Leuten sollen ja alle Creaturen auf Gottes Erdboden ... ob sie nun vierbeinig oder zweibeinig oder x-beinig , wie der liebe Hummer , herumlaufen , interessant sein ... Das schwatzt nämlich immer einer von diesen Herren Dichtern dem ander ' n vor : Du ! Höre ' mal ! Du mußt für Alles Sympathie haben ! Du mußt hinter Allem das rein Menschliche suchen , wie hinter dem Spiegel das Quecksilber . Stöbere nur - du wirst ' s schon finden , lieber Freund ! Als ob der sogenannte Dichter nicht auch geistige Selektionstendenzen besäße ! Nein ! Es ist oft zum Verzweifeln , wenn man sieht , was für Phrasen heutzutage colportirt werden auf der Welt ! - - Schätzen Sie sich glücklich , gnädige Frau , daß Sie von all ' dem elenden Wirrwarr , von der colossalen Begriffsverwirrung , die sich allenthalben breit macht , hier in Ihrem schönen buen retiro so wenig , so blutwenig hören ! ... « » Aber Sie wollten ja von Fräulein Irmer sprechen , Herr Doctor ... Sie begannen doch wenigstens in der Tonart - und nun sind Sie wieder einmal ... wieder einmal bei mir angelangt - das ist doch - « » Wundern Sie sich darüber , Lydia - ? « Das hatte Adam halb absichtlich , zweckbewußt , halb unabsichtlich , von seiner Stimmung , seiner momentan auffahrenden Leidenschaft hingerissen , mit leiser , vibrirender Stimme gesprochen . Die Beiden sahen sich an . Und Adam versuchte , Frau Lange ' s linke Hand - Lydia saß rechts von ihm auf dem Sopha - zu erhaschen . Es gelang ihm . Lydia hatte sich abgewandt . Sie athmete erregter . Einen Augenblick fühlte Adam die kleine , warme , weiche Hand der schönen Frau zwischen seinen bebenden Fingern . Ein heftiges Begehren durchschüttelte ihn . Er bezwang sich . Und elegant zog er Lydias Hand an seine Lippen . Frau Lange seufzte leise auf und erhob sich . » Da haben Sie ' s , Herr Doctor : das Mädchen läßt sich nicht wieder blicken . Es ist unerhört . Nun , ihre längste Zeit ist sie hier gewesen , die Dame . Ich muß doch ' mal selber nachschauen , wo sie eigentlich steckt . Verzeihen Sie - ich bin sogleich zurück - « » Bitte sehr , gnädige Frau ... « Lydia verließ das Zimmer . Im nächsten Augenblick öffnete sie noch einmal die Thür von außen und rief ins Cabinet zurück : » Ich hatte ganz vergessen ... die Cigaretten ... wollen Sie sich bedienen , Herr Doctor ! - auf meinem Schreibtisch - rechts ... neben dem Couverts-Carton ... steht die Schachtel ... fangen ... fangen Sie nur Feuer - ! « Lydia lächelte berückend zu Adam hinüber . Nur ein kleiner Raum lag zwischen den