Das ist bei Ihnen nicht zu fürchten , « bemerkte Lanzenau etwas bitter . Fanny sah ihn vorwurfsvoll an , lächelte aber sogleich wieder und scherzte : » Wer weiß ! Niemand soll die Ruhe seines Herzens vor seinem Lebensabend loben . « » Und das Ende vom Lied ist , « sagte Graf Taiß seufzend , » daß Sie ablehnen , in die Wahlagitation für unsern Kandidaten Ihr unentbehrliches Gewicht zu werfen . « » Allerdings , « sprach Fanny lachend , » mein Patriotismus ist der eines Frauenzimmers . Ich liebe meinen Kaiser und sein Haus ; hätte ich Söhne , würde ich sie stolz im Rock unseres Heeres sehen ; meine Kasse ist allezeit offen für Zwecke , die der allgemeinen Wohlfahrt dienen . Und wenn Deutschland kleiner würde , möchte ich nicht mehr leben ; aber die Regierungsgeschäfte von irgend einem Standpunkt rechts oder links zu bekritteln und zu verbessern , fühle ich mich nicht berufen . « » So gestatten Sie mir , in einiger Zeit mit einigen Mitgliedern des Wahlkomites wieder zu kommen , damit wir eine Versammlung abhalten können . « » Meinetwegen , lieber Taiß ! « » Unsere gute Pastorin sieht den Kartentisch mit einer gewissen Schwermut an ! « rief Lanzenau . » Was meinen Sie , Herr Pastor , wollen wir anfangen ? Sie sind von der Partie , Graf ? « » Mit Vergnügen ! « » Ich trete aus , « sagte der Pastor mit nicht allzu schwerem Herzen , denn er kannte Taiß als scharfen Spieler ; auch stieß die Gegenwart von Gästen immer ihre billige Spieltaxe um . » Bitte , nicht , Papachen , « bat Fanny schmeichelnd , » das Jäckchen muß noch fertig werden ; Sie wissen , die Klassen ist noch zu schwach , selbst zu nähen , und das Kind hat nichts anzuziehen - ich kann nicht spielen . « Ihr eine Bitte abzuschlagen , war der Pastor nie im stande . Er setzte sich mit dem Märtyrerbewußtsein , daß die Geschichte ihn einen halben Thaler oder mehr kosten könne . Adrienne und Magnus gingen langsam in den Park hinaus . Die Pastorin sah ihnen unruhig nach . » Nun geht er wieder mit Frau von Herebrecht , « flüsterte sie ihrem Manne zu . » So lasse ihn doch . Er kann doch nicht wie ein kleiner Junge immer an Deiner Schürze hängen , « sagte der Pastor . » Was haben Sie morgen für ein Thema ? « fragte Taiß . » Ich denke in die Kirche zu kommen . « » Sehr freundlich ! « sprach die Pastorin beglückt . Sie sah es immer als persönliche Höflichkeit an , wenn man zu ihrem Gatten in die Kirche kam . » Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht , so wäre ich wie ein tönendes Erz und eine klingende Schelle , « sagte der Pastor . » Das schönste Thema ! Lanzenau , wollen Sie eigentlich noch geben ? « fragte Taiß . Severina stand hinter Lanzenaus Stuhl , Joachim hinter dem des Pastors , ihr gegenüber . » Ja , ein schönes Thema , « sagte auch Joachim und sah das Mädchen an . Ihre Augen schlossen sich halb , ihre Hände umgriffen klammernd die Stuhllehne . » Wollen wir nicht Adrienne und Ihrem Bruder folgen ? « fragte Joachim . » Ach ja , « sagte die Pastorin , den ersten Stich einnehmend , » thut das . « Sie gingen in den Park und dachten nicht daran , die beiden anderen einzuholen . Joachim wollte Severina einmal ein bißchen » auf den Zahn fühlen « , das heißt , sie zu Mitteilungen über sich und ihr Leben veranlassen . Daß sie in seinem Interesse mehr als eben nur ein solches durch das nahe Beieinander der hiesigen Existenzen genugsam erklärtes sehen könne , fiel ihm nicht ein , und daß er ihr zuweilen in die Augen sah und überhaupt ihr ein wenig die Cour machte , war nach seiner Meinung das naturgemäße und selbstverständliche Verkehren zwischen zwei lebensfrohen jungen Menschen . » Sie haben es wohl nicht allzu leicht im Pfarrhause ? « fragte er . » Alle meinen es gut mit mir ; aber Sie wissen , auch die Hexenverbrenner meinten es gut , « sagte sie mit ihrem herben Lächeln . » Mama wittert in mir die schrecklichste Sündhaftigkeit und sieht bei allem meinem Thun Fallstricke des Teufels . Das Ermahnen hört nie auf . Papa hat Mitleid , er ist sehr gut . Das kommt eben , Mama glaubt an Beelzebub und Papa an den lieben , gütigen Gott . « » Da würde Frau Pastorin es auch als Beelzebubs Werk ansehen , daß ich Sie küßte ! « rief er lachend . » O , sprechen Sie nicht davon ! « flehte Severina erglühend . » Warum nicht ? War es so schrecklich ? « fragte er leichtsinnig . Sie trat an einen Busch , der von wilden Rosen wie übersät war , und riß einige Blüten ab . Er sah , wie ihre Hände dabei zitterten . » Wenn Fanny nicht wäre , « fuhr Severina dann mit etwas heiserer Stimme fort , » lebte ich vielleicht nicht mehr ; ich wäre verdurstet vor Sehnsucht nach Sonnenschein . Aber sie - sie versteht , was meine Seele füllt und daß ich bis an das Ende der Welt fliegen möchte , um ... « » Um was ? « fragte Joachim , sich zu ihr beugend . Nein , wie konnte sie das sagen , wie nur schon so viel mit dem Manne sprechen , den sie so wenig kannte ; ihre Lippen schwiegen . Ja , bis an das Ende der Welt möchte sie fliegen , um das lachende , ganze , sättigende Glück zu finden , um zu erfahren , was das Glück denn eigentlich sei . Wie sie am Herzen zehrte , diese gegenstandslose , unermessene Sehnsucht . Ihre Lippen schwiegen - aber ihr Auge , das dunkle Feuerauge schlug sie voll zu Joachim auf . Der Blick rann ihm wie Flammenzüngeln durch alle Adern . Er schwieg ein Weilchen , dann begann er von alltäglichen Dingen zu reden , dachte aber dabei mit einem schaurigen Behagen : » Das ist ja der reine Dynamit . « Unterdes wanderten Adrienne und Magnus mit langsamen Schritten unter allerlei konventionellen Gesprächen weiter . Ganz im Gegensatz zu den beiden jungen Menschen , die , sich selbst zu bewachen nicht gewohnt , schon nach den ersten paar Worten Persönliches und Vertrauliches zu verhandeln das Bedürfnis hatten , unterhielt Adrienne sich mit dem jungen Doktor über seine Arbeiten und den Gang seiner Studien . Er sprach viel Gelehrtes , das sie nur halb verstand , und sie machte Zwischenbemerkungen , deren Mangel an Logik ihm nicht weiter auffiel . Dennoch waren beiden Unterhaltung und Spaziergang von hohem Interesse . Schließlich kamen sie auf die moderne Literatur zu sprechen , und Magnus fragte nach diesem und jenem . Es fand sich , daß Adrienne diejenige Kenntnis der modernen deutschen Literatur hatte , welche ihr als Gouvernante nötig gewesen ; eine Kenntnis also , die sich in ziemlich einseitiger Richtung bewegte . Magnus bat um die Erlaubnis , den Damen zuweilen etwas vorlesen zu dürfen . » Wenn Fanny dabei ist , « meinte Adrienne . » Wir wollen sie nachher fragen . « Das geschah beim Abendtisch , und Fanny fand den Vorschlag köstlich . » Ohnehin fing ich an , mich zu vernachlässigen . Wir wollen zwei Nachmittage in der Woche festsetzen und diese ordentlich ausnützen , so zwar , daß ich , während Magnus liest , meine Staffelei nehme und nach einander für Arnold seine Lieben porträtire : erst Adrienne , dann Joachim , zuletzt , wenn ich dergestalt in Uebung bin , auch Baby . « » Eine Zeitausnützung , die Fanny ähnlich sieht , « sagte Lanzenau . Fanny setzte gleich , da morgen , als am Sonntag , nicht daran zu denken sei , Montag für diese Stunden fest . Als sie am Abend dieses Tages , nachdem Graf Taiß sich zurückgezogen und auch Lanzenau fortgeritten war , sich in ihr Zimmer begab , trat sie noch an das Fenster . Durch die Lindenwipfel raunte der Nachtwind , sternenlos drohte die wolkenschwere Finsternis . Sie dachte an das Heu auf ihren Wiesen und sah mit dem Licht nach dem Barometer , das innerhalb des Fensters an der Holzverschalung der Mauer angebracht war . » Gefallen ! « murmelte sie . Plötzlich klang eine weiche und doch männliche Tenorstimme in die Nacht hinaus . Fanny bückte sich vor . Unter ihr aus dem offenen Fenster brach ein Lichtstrom und lag auf Lindenstamm und Hof als trauliches Zeugnis , daß da unten jetzt jemand hause . Dem Licht , das aus Menschenwohnungen in die Nacht fällt , haftet immer ein eigener Zauber an . Es war Fanny unendlich behaglich , hineinzusehen . Und wie Joachim sang - richtig - Adrienne hatte ja davon gesprochen . Er aber dachte offenbar nicht daran , daß vorn hinaus noch jemand schlafe und er also vielleicht mit seinem Gesang störe . Nein , er störte auch nicht . Es war Fanny ein sehr wohliges Gefühl , zu Bett zu gehen und dabei der schönen jungen Stimme zu lauschen , die , getragen und von offenbarer Lust an der eigenen Klangschönheit erfüllt , in die Nacht hinein das Scheffel-Hentschelsche Lied sang : » Nun liegt die Welt umfangen Von starrer Winternacht , Was frommt ' s , daß am Kamin ich Entschwund ' ner Lieb ' gedacht ? Das Feuer will erlöschen , Das letzte Scheit verglüht , Die Flammen werden Asche , Das ist das End ' vom Lied . Das End ' vom alten Liede , Mir fällt kein neues ein , Als Schweigen und Vergessen - Und wann vergäß ' ich dein ? « Fanny lauschte , lächelte und entschlummerte friedlich . Sechstes Kapitel Einige Wochen waren vergangen , die Natur stand in den satten Farbentönen des Hochsommers . Auch auf Busch und Baum im Park hatten die langstieligen Schößlinge des Johannistriebes ihre gelbliche Farbe schon in so tiefes Grün verwandelt , daß man den neuen Zuwachs kaum noch vom ersten Laub unterschied . Auf den Beeten blühten Georginen und Astern , korallenrot leuchtete hier und da aus dem Gezweig die reife Vogelbeere . Erntewagen , hoch mit gelbem , schimmerndem Roggen beladen , fuhren vorn in den Hof ; das Leben des Tages fing mit dem Sonnenaufgang an und endete mit dem Eintritt der Dunkelheit . Von Joachim bekamen die Damen wenig zu sehen , er zeigte sich bei dem Mittagsmahl und abends noch ein Stündchen . Schon morgens um vier Uhr hörte Fanny ihn pfeifend über den Hof gehen , mit den Leuten reden , zum Thore hinausreiten . Sie wachte regelmäßig davon auf , wenn er seine Fensterläden aufstieß , und horchte dann mit jenem Behagen , das man empfindet , wenn man , selbst in wohliger Ruhe verweilend , den Lebensäußerungen lieber Menschen lauscht . Das Zusammenarbeiten mit Joachim war ihr geradezu ein Vergnügen . Was Lanzenau und sie sich mühsam mit der Zeit als Autodidakten in dem Beruf angeeignet hatten , war Joachim das einfachste Abc seiner landwirtschaftlichen Kenntnisse . Mit einer großen Schnelligkeit und Sicherheit seiner Entschlüsse verband er eine Art von Sorglosigkeit , die nur dem Bewußtsein entspringen konnte , daß er seinen Aufgaben gewachsen sei . Dabei hatte er ein merkwürdiges Talent , überall zu sein ; auch die anfängliche Mißstimmung der Leute , die nur ungern Fannys persönliche Aufsicht entbehrten und sich stolz gefühlt hatten , daß ihre praktischen Ratschläge von der Herrin begehrt und gehört worden seien , auch die Mißstimmung hatte er spielend überwunden . Nicht daß er durch besondern Vorsatz leutseligen Wesens das erreicht hätte , bewahre , er hatte diese Mißstimmung überhaupt nicht bemerkt und sie ahnungslos durch sein immer gleich heiteres Wesen , durch seinen gutmütigen Verkehrston entwaffnet . Morgens war er der erste , abends der letzte , und Fanny bewunderte seine Elastizität , die ihm dann abends noch gestattete , die Damen auf allerlei harmlose Art , durch Anekdoten , Neckereien , zum Lachen zu bringen oder gar zu singen . Lanzenau bemerkte zwar einigemale , daß jetzt mehr Musik auf Mittelbach gemacht würde als früher , wo Fanny nur gelegentlich sein in der That nicht gewöhnliches Klavierspiel begehrte ; aber schließlich sah er selbst ein , daß die Menschenstimme , wenn sie so schön , so wohlgebildet und zu Herzen gehend wie die Joachims sei , doch die beste Seelenerquickung bleibe , und begleitete mit Freuden die Vorträge des auch von ihm wohlgelittenen jungen Mannes . Lanzenau war durch seinen neuen Wohnsitz nicht sehr gegen früher um Fannys Gesellschaft betrogen ; seine Ankunft war täglich für ihn eine Freude , ward täglich freudig bewillkommt , und da er Fanny von einer wahrhaft strahlenden , ja , beinahe übermütigen Heiterkeit sah , fühlte er sich innerlichst hoffnungsfreudig und glücklich . Adrienne hatte frischere Farben und eine leise Rundung der Wangen bekommen , zur Heiterkeit schien sie aber ein für allemal keine Anlage zu besitzen , ihre anfängliche Apathie war einer größern Beweglichkeit gewichen , doch hatte diese den Charakter einer nervösen Unrast . Tagelang sah sie den kleinen Joachim , welcher der Abgott seines Onkels und Fannys war , kaum an ; dann kamen Tage , wo sie zu dem Kind eine fieberische Neigung zeigte . Von Arnold war beängstigend lange keine Nachricht mehr gekommen ; aber nur Fanny oder Joachim stürzten auf den Postboten mit der Frage zu , ob er einen Brief aus Afrika habe . Die Lesestunden mit Magnus fanden regelmäßig statt und waren wenigstens für drei der Beteiligten von so großem Reiz , daß es ihnen nicht auffiel , wie teilnahmslos Severina dabei saß . Fanny malte mit einem wahren Feuereifer ; ihr technisches Können war aber keineswegs sicher genug , um ihr immer das Gelingen zu verbürgen . Sie war bereits bei dem dritten Bild Adriennens , und dieses endlich schien der Meinung aller nach zu gelingen . Adrienne saß ihr unbeweglich gegenüber , die Arme auf den Stuhllehnen , die Füße auf dem Schemel vorgestreckt , das Auge ins Blaue gerichtet , den rötlichen Kopf leicht an das Rückenpolster des Sessels gelegt . Magnus saß in einer Linie mit Fanny und las vor ; Novellen von Storm oder Heyse , zuweilen auch Gedichte oder eine jener monumentalen Novellen von Konrad Ferdinand Meyer . Er hatte eine sonore Stimme und einen Vortrag , der ebenso fern von falschem Pathos als von Einförmigkeit war ; auch verstand er die schwierige Kunst , jedem Werk eine vom Inhalt geforderte besondere Färbung zu geben durch ernstern oder leichtern Tonfall seines männlichen Organs . Adrienne hörte weltvergessen zu . Manchmal huschte jäh durch ihr Gedächtnis die Erinnerung an die unseligen Stunden , wo sie allein unlauterer Lektüre fieberheiß oblag ; dann ging ihr Auge scheu über Magnus hin ; ihr war ' s , als müsse er auf ihrer Stirne lesen , und schnelles Erröten flog da wohl über ihre feinen Züge . Das sah Magnus und deutete es sich auf seine Weise ; er richtete seinen Vortrag ausschließlich an sie , und sie fühlte es wohl ; auch war die Auswahl der Lektüre , die man ihm überließ , immer so , daß Erzählung oder Lied von einsamen Frauenherzen und ihrem Erlöser sang . Aber das mochte Zufall sein , denn die Geschichte von der verbotenen Frucht ist die erste von aller Menschenkunde , sie wird die letzte sein , sie ist das urewige Thema der Poesie . Zuweilen erschien es dem jungen Weibe dann traumhaft ; da saß sie unbeweglich , dem Bild als Modell zu dienen , das den Gatten erfreuen sollte , und zugleich klang eines andern Mannes Stimme wie Tropfenfall , der einen Stein höhlt , in ihr Ohr und kündete von Liebe und berauschendem Glück ; dann zitterten ihre Hände , und sie schloß sekundenlang die Augen . Zuweilen ging Joachim an der Terrasse vorbei . Niemand als er selbst sah , daß Severina , die an dem Geländer nähend saß , dann erblaßte und unfähig war , seinen Gruß zu erwidern . Fanny nickte ihm herzlich zu und dachte wohl kurz daran , daß sie sich auf die Zeit freue , wo sie , nach der Ernte , sein hübsches Gesicht nachzubilden versuchen konnte . Joachim sträubte sich zwar , wenn davon die Rede war . Er meinte , ihm fehle die Geduld , so lange zu sitzen ; auch sei es ihm kein Vergnügen , bei Vorlesungen zuzuhören , gegen die er eine unüberwindliche Abneigung habe . Er begreife überhaupt nicht , daß eine so vortreffliche Frau wie Fanny ihre Nebenmenschen mit ihrer Kunst quälen könne . Diese liebenswürdig vorgebrachten Ungezogenheiten wurden von Fanny und Lanzenau herzlich belacht , und Lanzenau meinte , helfen würde es ihm nichts ; in dem Punkt sei Fanny unerbittlich , wie sein im Salon hängendes Porträt beweise . » O , auf dem Porträt ist das Monocle sehr ähnlich , « sagte Joachim , weshalb Fanny ihn mit dem Rosenstrauß , den sie in der Hand hielt , scherzend schlug . Joachim war der erste und einzige Mensch , den der Respekt nicht hinderte , Fanny zu necken ; das erschien ihr so neu als reizend . Von seinen Vorurteilen war er mit jugendlicher Hitze in das Gegenteil , in die begeistertste Verehrung gefallen . Fanny erschien ihm als der Inbegriff aller weiblichen Vollkommenheit , Schönheit , Güte , aller Klugheit , aller Liebenswürdigkeit , und er schaute zu ihr auf wie zu einem höhern Wesen , natürlich auch aus der entsprechenden innern Entfernung ; er fühlte sich auch in seiner Thätigkeit und im Hause sehr glücklich , um so mehr , als sein junges , leichtflammendes Herz sich angenehm durch Severina beschäftigt fühlte . Das Leben der Schloßbewohner und der Pastorenfamilie war durch lange Jahre ein so gemeinsames geworden , daß kein Tag hinging , an dem man sich nicht sah . Insbesondere Severina hatte sogar im Schloß einige bestimmte Obliegenheiten im Hausstand , die freilich von Fanny nur deshalb erfunden waren , damit das gedrückte Mädchen aus der Nähe ihrer predigenden Erzieherin komme . Joachim begegnete ihr im Hause , auf dem Hofe , bei Fanny ; aber er begegnete ihr auch im Wald und auf Feldwegen , wenn sie im Auftrage Fannys oder des Pastors Kranke besuchte oder nach eigener Neigung allein spazierte oder den kleinen Joachim im Wägelchen ausfuhr , was sie als Gunst von Adrienne neuerdings oft erbat . Seltsamerweise , je häufiger sie sich trafen , je mehr hörte Joachim auf , ihr in Gegenwart der anderen , wie er anfangs eifrig gethan , den Hof zu machen ; das fiel niemand auf , oder wenn doch , so dachte man höchstens , Joachim sei eben mit der Werkeltagsthätigkeit und dem täglichen Zusammenleben in den gewöhnlichen Familienverkehrston zurückgekehrt . Nicht daß bei diesen Begegnungen irgend etwas Besonderes gesprochen worden wäre , im Gegenteil wußten beide wenig zu sagen und schritten meist bloß eine Weile stumm neben einander , sich dann mit zögerndem Händedruck trennend . Es war eine stumme Spannung zwischen ihnen . Joachim dachte , daß diese Begegnung kein Zufall sei und ob das Mädchen ihn wohl wirklich liebe . Severina bebte innerlich vor Scham , daß sie sich nicht überwinden gekonnt und ihm in den Weg gegangen , und vor Angst , daß er irgend etwas sagen könne , was ihr diese schweigende Qual glücklich oder unglücklich enden würde . Um die Wonne des Lebens , die er jeden Tag neu empfand , voll zu fühlen , gehörte für Joachim ein Liebesroman dazu ; dieser entspann sich ihm so anmutig , so reizvoll ; weshalb hätte er eilen sollen , den Zauber zu brechen , der in süßen Zweifeln , ahnungsvollen Blicken liegt ? Er drückte Severinas Hand und suchte ihre Nähe und sagte nichts . Aber eine Stunde kam , da schlugen die Flammen aus ihren Augen ganz über ihm zusammen . Severina war mit dem Kind in den Wald gefahren , sie schob den leichten Wagen vor sich her , mit eintönig rüttelndem Geräusch drehten sich die Räder auf dem festen Boden der Wege , manchmal raschelten sie durch das vorjährige Buchenlaub . Da wurde das goldbraune Blättergehäuf auseinander gewühlt und zeigte die schwere Nässe vom Tau der Nacht , die unter der schon trockenen Oberfläche faulte . Nah und fern trillerten die Vögel im Walde ; der Friede und die Kühle webten zwischen den grauweißen Stämmen . Das Kind im Wagen schlief , ein bläulicher Schleier schützte das Gesichtchen gegen Fliegen . Severina schob gedankenlos weiter und weiter , bis sie an die Waldesgrenze kam , aus deren mit Schlehen- , Hasel-und Hollunderbüschen bewachsenem niederem Erdwall außer der durchschneidenden Chaussee noch vielfach schmale Wege ins freie Feld führten . In einer dieser kleinen Wegesöffnungen stand Severina und schaute auf das vor ihr sich ausbreitende Weizenfeld hin . Rechts und links ging die große Koppel mit dem wogenden Gold am Waldsaum entlang , hob sich geradeaus in sanfter Welle und schränkte so rings den Blick ein . Severina setzte sich an den Rain , die Füße im schmalen , zur Zeit ganz ausgetrockneten Graben , der den Erdwall vom Fußpfad , vom Getreidefeld trennte . Sie saß im hohen Grase , fast schlug es über ihren Knieen zusammen . Vom Schlehengebüsch hinter ihr spielten im leisen Wind blühende Ranken des wilden Hopfens herab , der hier das Buschwerk üppig durchspann . Severina verschränkte die Arme auf den Knieen und starrte mit vorgeneigtem Leibe finster in die Aehrenfülle . Aus dem gelben Saum nickte da und dort eine glühende Mohnblüte heraus . Manchmal scholl der zweitönige Ruf der Wachtel aus dem Korn , oder ein Vogel flatterte mit kurzem , unsicherem Flug zwischen den Aehren auf und schoß wieder hinein . Ach , so hatte Severina schon Jahr um Jahr an derselben Stelle dasselbe Bild der Welt , des Fleckchens Erde , das für sie die Welt bedeutete , gesehen ; es war immer dasselbe gewesen , immer das Leben , das sich in gleichförmiger Thätigkeit abspann , immer zu Hause der gutmütige Vater , der Trost und milde Worte für alles , aber Hilfe für nichts hatte , immer die rasche , viel scheltende , besorgte und eifersüchtige Mutter , die alle Jugendfröhlichkeit als sündhaft verbot , die es verhinderte , daß Severina wenigstens an Magnus einen Freund , einen mitfühlenden Bruder gewann . Magnus durfte neben seiner Mutter niemand lieben , darüber wachte sie rastlos . Nun , das wird Magnus sich gefallen lassen , bis einmal eines andern Weibes Liebe ihm süßer ist als die seiner Mutter . Um Severinas willen hat er keinen Grund , die Tyrannei zu durchbrechen ; er ist ihr immer freundlich , aber innerlichst gleichgiltig begegnet . Wann wird sich dies Leben einmal ändern , wie kann es sich ändern ? Severina ist jetzt zwanzig Jahre alt , und Fannys Güte ist das einzige gewesen , das freundliche Abwechslung in die Tage brachte , die sich sonst hätten eintönig in den Grenzmarken eines Dorfes abgespielt - die Güte einer Fremden ! Jeder Zufall konnte ihr diese rauben oder wenigstens Fanny die Neigung nehmen , die Güte so vielfach zu bethätigen . Früher hatte Severina oft gewünscht , die Pflegeeltern möchten ihr erlauben , draußen selbst ihr Brot zu verdienen , aber das gab die Pastorin nie zu ; ihre Ueberzeugung war , daß das Mädchen im Strudel der Welt untergehen werde und daß nur in einem Pfarrhause die für sie zuträgliche Luft sei . Heiraten ? Der junge Pastor vom nächsten Gut , drüben über der Elbe , hatte ihr wohl zu verstehen gegeben , daß er bald in sein Haus ein christliches Weib führen müsse , und die Mutter hatte schon oft stundenlang über das Glück gesprochen , welches für die Tochter einer Verlorenen eigentlich ein unfaßliches Gnadengeschenk sei , wenn jener junge Geistliche wirklich als Werber käme . Severina , die den herzensguten und liebenswürdigen Mann achtete , wenn gleich sie den Gedanken , die Seine zu werden , unerträglich fand , hatte sich innerlich schon in dumpfer Verzweiflung dazu gerüstet . Aber nun schrie alles in ihr nein ! tausendmal nein ! Unauslöschlich brannte auf ihrem Munde die Glut , welche die Lippen Joachims dort entzündet . Sein Gesicht , sein Lächeln , seine Stimme waren vor ihr Tag und Nacht . Alle Schönheit der Natur erblaßte , alle Offenbarung der Kunst ward Gestammel , die Weihe des Gottesdienstes ward inhaltlos gegen den brünstigen Gedanken an ihn , an ihn . Die Welt war ihr untergegangen in seinem Dasein . Nur mit ihm konnte sie die Freude daran , das Bewußtsein davon zurückerlangen . Das war Wahnsinn , denn er ging eines Tages wieder aus ihrem Leben , in das er so plötzlich , mit so viel Uebermut getreten , und dann ? Severinas Augen wurden finster . O - wie lagen die kommenden Zeiten vor ihr ! Wie ein Marsch durch eine schatten- und quellenlose Steppe . Vielleicht , wenn nächstes Jahr der Weizen sich wieder goldete , befahl eines andern Stimme , die Sensen zu schleifen ; dann konnte Severina über die Stoppeln gehen und an den denken , der die Saat beschafft . Nein , das war nicht auszudenken . Das war der Tod ! Sie erbleichte und schlug beide Hände vor ihr Gesicht . Da schrie das Kind im Wagen . Severina sprang auf , riß es heraus und nahm es auf ihren Schoß . Das war wie ein Teil von ihm . Er liebte es . Die Liebe , die sie dem Kind erwies , freute ihn . Sie küßte das Kind , das ihr entgegenlachte , und preßte es an sich . Ihr Herz war zum Zerspringen voll von stummen , heißen Geständnissen . Dies kleine Menschenwesen , sein Liebling , umfing sie mit unermüdlichen Zärtlichkeiten . » Madonna mit dem Kinde , « sagte Joachim . Er war am Waldsaum , der nah bei Severinas Sitz eine Biegung machte , daher gekommen , den Reifestand der Weizenkoppel zu prüfen . Severina schrak zusammen und sah zu ihm empor . Das war kein Madonnenblick . Ihn durchrann es . Aber die schnelle Regung durch einen ebenso schnellen Vernunftgedanken bezwingend , setzte er sich mit fröhlichem Wort neben Severina in das hohe Gras . Das Kind , welches nun schon seine ganze Umgebung kannte , jauchzte ihm entgegen und strebte mit Händen und Füßen aus ihren Armen in die seinen . » Wenn der Junge Sie sieht oder nur Ihre Stimme hört , ist er nicht mehr zu halten . Das kommt daher : Sie tollen am übermütigsten mit ihm herum und werden noch einen schönen Wildfang aus ihm machen , « sagte Severina lächelnd . » Von Vater und Mutter her , fürchte ich , steckt ihm zu viel Ernst und Trübsinn im Blut ; als mein Neffe aber muß er auch nach mir arten - lustig muß er sein , das bring ' ich ihm beizeiten bei , « antwortete Joachim und hob das Kind mit einer schwenkenden Bewegung hoch über sich in die Luft . Der Kleine schrie vor Vergnügen auf . » Ja , Adrienne hat kein Talent , sich am Leben zu freuen , « bemerkte Severina . » Sie aber auch nicht . Wenn Fanny nicht noch ein bißchen Spaß verstände , wäre es ja vor Ernsthaftigkeit nicht mehr auszuhalten . Au - Junge - au - das ist mein neuer Strohhut und das ist meine Frisur ! Willst Du loslassen ! « Der Kleine hatte Joachims Hut erfaßt und einfach weggeworfen , dann fuhr er mit seinen kleinen , rundlichen Fingerchen in Joachims blondes Haargelock und riß und wühlte und lachte vor Freude hell auf ; dabei war der ganze kleine Körper so lebendig , daß Joachim ihn mit beiden Händen vor einem Fall bewahren mußte . » Erretten Sie mich doch , können Sie so grausam zusehen , wenn der Junge mich zum Kahlkopf macht ? « Severina lachte . Sie erhob sich halb , kniete auf ihrem bisherigen Sitz , und da ihre Ellenbogen auf diese Weise in einer Höhe mit Joachims Kopf waren , machte sie sich mit ihren beiden Händen daran , die runden Fingerchen , die sich so fest in die Locken gekrallt hatten , auseinanderzubiegen . Joachim hielt ganz still , und die kleinen Finger , die sich eben , der Gewalt gehorchend , öffnen mußten , schlossen sich immer wieder . Es war für das Kind ein Spiel . Severina war geduldig , ihre Hände aber zitterten ein wenig , und Joachim saß so ruhig , so atemlos , als belausche er mit allen seinen Sinnen die Empfindung , welche ihm das Wühlen der schönen Frauenhand in seinen Locken verursachte . Plötzlich ließ der Kleine los , ein großer Schmetterling schwebte lautlos nahe vorüber , nach ihm streckten sich die Händchen . Severinas Hände sanken bleischwer herab . Joachim setzte das Kind vorsichtig neben sich ins Gras , und alles blieb stumm und atemlos . Dann sah er Severina an , sie schloß die Augen und verharrte in ihrer knieenden Stellung . Er nahm die beiden Hände , die schlaff an ihrem Gewand niederhingen , und küßte jede wiederholt , zwischen jedem Kuß zu Severina aufblickend . Plötzlich drückte er sein Gesicht gegen ihr Kleid und schlang erschauernd seine Arme um ihre Hüften . So verharrte er wohl eine Minute lang , dann sprang er empor , fiel ihr um den Hals und küßte die zitternden Lippen , die sich ihm entgegen öffneten . » Hast Du mich wirklich so lieb ? « flüsterte er dazwischen .