konnte , sie auf die süßen verkniffenen Augen zu küssen und sie mitleidig ans Herz zu drücken . Nachdem er sie aber dann zärtlich » Mein Bräutchen « genannt und sie mit niedlichem Schmollen » Ach , das sagst Du jetzt schon ! « gelispelt hatte , packte er sie in eine Droschke , statt mit ihr nach Hause zu wandeln , wobei sie ihn noch aus dem Wagenschlag wie wahnsinnig küßte und ihn beschwor , sie morgen wieder durch sein Erscheinen zu beglücken . Er lachte bitter in sich hinein , als er sich selbst in eine Nachtdroschke warf und mit starkem Cigarrenqualme die Dünste des vergifteten Weines zu verwischen suchte . Das ist der Mann ! Während sie , die Eine , vielleicht ernsthaft an ihn dachte , während die gebüldete Kneifer-Jungfrau mit Eros Pfeil behaftet in ihr Bett schlüpfte , gähnte er verdrossen und mürrisch in die Nachtnebel hinein . Aber einen komischen Gewissensbiß spürte dieser schwächliche Halb-Idealist denn doch . Der Instinkt brachte ihm das dem Menschen eingeborene Gefühl zur Geltung , daß eine Doppeliebe nebeneinander unmöglich sei . Jede Verletzung monogamischer Treue wird als ein Abfall vom natürlichen Ideal empfunden . Am andern Tage - Witterungswechsel war eingetreten , die ermüdeten Nerven wie der erhitze Magen hatten in der eisigen Nacht eine ungesunde Abkühlung erfahren - räkelte er auf seinem Sopha , die Zeichnungen zu Kuglers » Friedrich der Große « von Menzel durchblätternd und versäumte eine Entrüstungs-Conferenz mit Collegen in Sachen einiger Bildabweisungen durch die Jury der letzten Kunstausstellung . Wäre er aber rechtzeitig gegangen , so hätte er den Brief nicht mehr erhalten , der ihn auch den Abend zu bleiben bestimmte . Auf seine Frage , ob sie mit ihm in Sardon ' s » Theodora « gehn wolle , hatte sie wieder zögernd erwidert : es ginge nicht , nachdem sie so lange nirgendwohin ausgegangen . Dennoch wollte er hinaus fahren und sie bestimmen , mit ihm öffentlich zu erscheinen , obschon Beide sich wohl über dies Wagestück klar sein mochten . Sie schrieb ihm aber jetzt : » Dürfte ich Sie bitten , statt Montag schon morgen Sonntag um vier zu mir zu kommen , da ich mit Ihnen noch über eine Angelegenheit reden möchte . Mit herzlichem Gruß Ihre K.K. « Rother ging nun allein ins Residenztheater , um das byzantinische Ensemble auf seine Kostüm-Echtheit zu prüfen . Sein gewöhnliches Steckenpferd . - Dies Bild einer Dirne , die sich bis zur Weltherrscherin emporringt , an der Seite eines vom Karrenschieber zum Cäsar aufgestiegenen Justinian , rief ihm so recht die originelle Urweib-Erscheinung Kathis in ihrer unheimlichen Voll-Kraft vor Augen . Die Scene , wo Andreas seiner Verführerin flucht und Liebe und Haß bei ihm auf- und abwogen , erschütterte ihn tief . Er dachte an seine eigene » Theodora « . Sollte auch er ihr einst fluchen ? Sollte übermächtiger Haß die Liebe besiegen ? Nein , nein , sie war gut , sie war edel . Er hatte es beim letzten Mal so recht erkannt . Warum mußte ihm durch Vererbung so viel sinnliche Leidenschaft und zugleich so viel reine aufopfernde Liebessehnsucht ins Herz gepflanzt sein ! Was hilft die geistige Begabung oder Charaktergaben in der Geschlechtsliebe , welche doch die Spiralfeder aller Handlungen und das wichtigste Element des Lebens bildet ? Absolut nichts - beim Weibe wenigstens . Schönheit und Kraft gilt beim Weibe natürlich viel : sie nennt das » gern haben « , wenn ihre physischen Begierden erregt . Rang und Reichthum gilt noch höher . Einem Titel wiedersteht man schwer und einem vollen Goldsäckel , der die Vision des Luxus hervorzaubert , zu widerstehn , scheint kaum möglich . Ruhm - schon viel weniger verlockend . Was ist Ruhm ! Höchstens kann er sich in gesellschaftliche Stellung umsetzen . Und gar der geistige Werth ohne Ruhm - ein Nullwerth ! Güte des Charakters ? Taugt hochstens dazu , mit einer Art herablassendem Mitleid in Fällen der Noth ausgenutzt zu werden . Der Schönste , Kräftigste , Reichste und Vornehmste - der hat ja doch alleine Chancen in der Welt wie in der Liebe , der Weise und Beste nie . Was ist also Liebe eigentlich ? Ein Ding , das für die Weisen und Guten nicht paßt , also ihrer unwürdig . Und doch leiden oft gerade sie am tiefsten unter dieser Folter . Warum muß das Gefühl der Liebe sich grade an ein Geschöpf wie das Weib knüpfen ? Wie viel glücklicher scheint das Weib in dieser Hinsicht , da sie wirklich das intellectuell und moralisch hoher stehende Element im Manne lieben kann ! Aber was helfen die Betrachtungen ! Aendern die etwas an der Leidenschaft selbst ? Die bleibt , allen philosophischen Reflexionen zum Trotz . Die Liebe , wenn zur wirklichen verzehrenden Leidenschaft entflammt , gehorcht immer nur der Sinnlichkeit . Wäre das schöne Weib minder begehrenswerth gewesen , so hätte Rother sicher nicht bis zu solch selbstvernichtender Hingebung sich herabgelassen . Die Liebe gleicht einer Furie selbstsüchtiger Selbstvernichtung , welche ihre höchste Wollust im Zerfleischen der Ichsucht findet . Er stellte sich vor , ihr Gesicht werde von Runzeln zerfressen , ihr Busen schrumpfe ein und sie huste schwindsüchtig . Auch dann noch glaubte er ihr dieselbe , ja vielleicht eine noch tiefere Neigung bewahren zu können . Vielleicht keine Selbsttäuschung . Um so schlimmer für ihn , daß er diese Betrachtung über das Wesen der Liebe wagte . Liebe wird erst dann mörderisch , wenn sie die Sinnlichkeit überwunden zu haben glaubt : Dann ist sie in alle Adern wie ein Giftstoff übergegangen . - Eduard arbeitete tapfer den ganzen Tag darauf los , seine peinigende Ungeduld bezwingend bis ihn die Stunde rief . Das erste Mal , daß er an einem Sonntag die alte liebe Fährte ging . Die ganze Friedrichs- und Chausseestraße hinauf wogte es in buntem Gewühl . Die Sonne schien hell ; ihm war schwül und beklommen zu Muth , als die Arbeiterbevölkerung des Weddings in Sonntagsröcken an ihm vorbeiströmte . Als er wieder das alte rumpelige Haus betrat , schlug es Vier . Er kam also just zur Zeit . Gleichwohl bat ihn die Wirthin , sich zu gedulden ; Kathi käme gleich . Wieder saß er am Fenster und blickte auf die Straße hinab . Wie ihm das Herz schlug ! Die Erinnerung so mancher unseliger Stunden der Vergangenheit , die trübe verrauscht oder thöricht genossen , stieg , wie dampfender Nebel aus dem Moore , wie eine bleiche Erynnienschaar , aus der Tiefe auf und huschte über das grell beleuchtete Trottoir der Straße da unten hinweg . Sein Herz lauschte düster den Stimmen aus dem Abgrund und tauschte mit ihnen schwermüthige Grüße . Die Wirthin trat einmal ein und holte etwas , indem sie still vor sich hinlächelte . - Endlich ging die Thür leise auf und sie trat ein . Sie trug den geblümten Schlafrock , der ihre Gestalt so prächtig hervorhob . Schweigend ging sie wie gewöhnlich , ohne ihn anzusehn , bis in die Mitte des Zimmers . » Danke , daß Sie gekommen sind , « sagte sie sanft mit einem ernsten schönen Blick . » Nun , in welcher Angelegenheit haben Sie mich zu sprechen ? « » O in gar keiner . Ich wollte Sie nur noch mal wiedersehn . Vielleicht reis ' ich schon morgen . Und da wollt ' ich doch den letzten Abend noch mit Ihnen zusammen sein . « » Gut . Da hab ich Ihnen auch noch ein Rosenbouqet mitgebracht . « Er nestelte es aus dem Ueberzieher heraus und warf es auf die Kommode . » Besten Dank ! « Sie stellte es in ein Glas Wasser und setzte lächelnd hinzu : » Wer weiß , für wen das in Wahrheit gewesen ist ! Das war am Ende gar nicht für mich ! « » O doch , mein Engel . Und hier ist auch meine Photographie . « Sie klatschte vor Vergnügen in die Hände . » Ach , das ist schön ! Dafür sag ' ich Ihnen doppelt Dank . - Sehn Sie , auf dem Bilde sind Sie sehr hübsch . Ja , so sehn Sie gut aus . « » Und bekomm ich kein Bild von Dir ? « » Ja , Sie sollen eins haben , « sagte sie energisch und wühlte in ihrem Album . » Im Kostüm wollen ' s keins ? « » O , um Gottes Willen nicht . Da die eine mit dem Buch ! « » Ich hab zwar nur die eine und geb ' sie sehr ungern . Aber Sie sollen sie haben . « » Und was schreiben Sie darauf ? « » Aber Sie dürfen nicht zusehn . « » Nein doch ! « Er ging ans Fenster . Sie beugte sich über die Photographie und kritzelte darauf . Wie wunderbar schön sie war ! Ihre Gesichtsfarbe hatte sich rosig gefrischt und ihre braunblonden Haare leuchteten in einem undefinirbaren sauberen Glanze . » Schreibe : Meinem Freunde , « sagte er mit Nachdruck . » Denn das bin ich gewesen und das werde ich stets sein . « Sie schrieb drauf los . » Ach , « fuhr er fort » Ich kenne die Welt : In drei Wochen hab ich Dich ganz vergessen . Und ich habe so viel Abziehungen . Das kennt man ja . Vielleicht werden wir uns nie wiedersehn . « » Aber was hab ich denn da geschrieben ! « fuhr es ihr plötzlich heraus , indem sie mit einem humoristisch erstaunten Blick und reizendem Schmollen von der Photographie aufschaute und ihn ansah . » Nun , was denn ? « » Nein , das dürfen ' s nicht sehn ! « Wie der Wind war sie zur Thür hinaus und kam mit einem Messer wieder , mit dem sie alsbald auf der Rückseite radirte . » Was mag denn das wohl gewesen sein ? « » O ich will ' s Dir sagen . Ich hatte geschrieben : Meinem lieben Quälgeist . Nun schrieb ich Das . « Sie reichte ihm das Bild auf der Rückseite hin . » Meinem liebsten Freunde zum Abschied gewidmet . « Sie sagte es so ernst . Ein leichtes Stirnrunzeln fältete ihre Stirn und schien sich gleichsam in der zarten Rammsnase fortzusetzen , die sich eigenthümlich rümpfte . » Das hast Du gut gemacht . Ja , Dein Freund bin ich und werde es bleiben . « Eine Pause entstand , wo sich Beide stumm Auge in Auge maßen . » Sagen ' s , « sagte sie rasch , » Ist Dein Bild , wovon Du sprachst , schon ausgestellt ? « » Ja . Da ! Ich hab zufällig ausgeschnitten bei mir , was drüber geschrieben ist . « Er zog ein Zeitungspapier aus der Brieftasche . Sie las : » Eine so meisterhafte Pinselführung ist geeignet , jede Kritik zu entwaffnen . Der grandiose Realismus des Ganzen verblüfft gradezu . Dies Werk wird einen Markstein in der Geschichte der Berliner Kunst bilden und weithin Sensation machen . « Sie wiederholte nachdenklich und nachdrücklich den letzten Satz , gleichsam mit ernstem Stolz , als ob sie an dem Erfolg theilhabe und Mitarbeiterin sei . Eduard fand das entzückend . » O , es haben ' s aber auch Andere verrissen ! « warf er hin . » Dies thut nix , « urtheilte sie rasch . » Was sehr gelobt wird , wird auch sehr getadelt . Nun , haben ' s auch mal wieder auf mich Gedichte gemacht , wie ? Da steckt was Weißes , « kicherte sie mit reizender Schalkhaftigkeit , indem sie in sein Notizbuch griff . Er litt nämlich stark an Dichteritis , die ihn wie eine geistige Cholerine besonders im Sommer heimzusuchen pflegte . Es sprudelte jedoch etwas Spontanes in diesen kunstlos ungequälten Ergüssen und sie wären eines echten Lyrikers , à la Professor Gräf , nicht unwürdig erschienen . » Ja . Ich war wüthend und ärgerlich . Darum schrieb ich das . « Er las mit Emphase folgenden Erguß verkniffenen Größenwahns : » Ein feiger Narr der Leidenschaft , Verblendet taumelte ich hin . Nun hat sich endlich aufgerafft Mein wundzerriebener Mannessinn . Du könntest mich vernichten , Weib ? Ich selber war ' s , der mich zerstört . Dem Weib im parfümirten Leib Kaum eine Seele angehört . Dein seelenloser eitler Schwatz Hat nie verdunkelt mein Gemüth . Der Liebe Opferqual mein Schatz , Hätt ' mich auch ohne Dich durchglüht . An eigner Seelenschönheit siech , Hinfiebern wir in holdem Wahn , Bis wir ein Herz in jedem Viech , In jedem Kothe Perlen sahn . Nun laß den Satan los in Dir , Weil Einer Dich als Engel nahm ! Nur wisse eins , ich warne hier : Der Löwe ist nicht immer zahm . Und wisse jeder weise Wicht , Den meine Narrheit tief entzückt : Ein Schaf macht solche Streiche nicht , Der Löwe nur ist oft verrückt . Ich lache ob den abgeschmackten Laffen , Die mich anglotzen mit den Bocksgesichtern . Ich lache ob den Füchsen , die so nüchtern Und hämisch mich beschnüffeln und begaffen . « So , Heinrich Heine , klang Dein gelles Lachen , Als Dich des Pöbels fader Hohn erniedert , Als alberner Verderbniß Höllenrachen , Der Dummheit Heuchelei , Dich angewidert . Wer edel denkt , wird ewig unterliegen , Wer Liebe sucht , der Selbstsucht Wollust finden . Und doch wird nie das Böse ihn besiegen , Weiß er den Thorenschmerz zu überwinden . Nichts lebt , was würdig ist geliebt zu werden Mit eines Künstlerherzens heiliger Reinheit . Betrogen wird , wer je vertraut auf Erden Dem Wahn , man ändere menschliche Gemeinheit . Doch nicht das Lachen kann Dir Ruhe bringen . Es stärke sich Dein Stolz durch Selbstbetrachtung ! Und jede Bosheit wirst Du niederringen Durch Deines Mitleids göttliche Verachtung . Sie hörte aufmerksam zu , indem sie die Hand an den Mund und brachte und leicht am Zeigefinger knabberte . Dabei sah sie ihn mehrmals strahlenden Auges an . » Durch Deines Mitleids göttliche Verachtung ! « wiederholte sie halb für sich . » Spricht wie ein Heiliger . Sieh mal hier ! « sprang sie plötzlich auf und hüpfte an die Kommode , von der sie eine Schnur mit aneinandergereihten Georgsthalern nahm . » Gefallt Dir das ? « Er ließ sie sinnend durch die Hand gleiten . » St. Georg - glaubst Du an solche Heilige noch ? « » Jo , « sagte sie ernsthaft . » Nein , mein Kind , die Heiligen helfen nichts . « » Glaubst Du denn auch nicht an Christus ? « » O ja , Christus lebt noch immer in jedem seiner Jünger . Jeder , der gut ist und liebevoll , wird gekreuzigt als ein Stück Christus . « » Muß denn Jeder dabei gekreuzigt werden , wenn er liebevoll ist ? « » Hm , ja . - Er kann aber trotzdem viel glücklicher sein , als die Andern . Denn Mitleid und Erbarmen machen glücklich . Damit kommt man über Vieles weg , wenn man statt zu verurtheilen sagt : Wer sich rein fühlt , werfe den ersten Stein auf sie . Und das wirkt auch allein . Die Sünderin hat sicher nicht mehr gesündigt . « » So , hm ? « machte sie . » Man sagt doch aber , selbst die Gerechten fielen zehnmal an einem Tag . « » Das ist anders zu verstehn . Den strengen Maßstab von Christus kann doch kein Mensch erfüllen . Er predigt : Wer die Ehe bricht , der soll des Todes sterben sagt das Gesetz . Ich aber sage euch , wer nur ein Weib fleischlich begehrt , der soll des Todes sterben . Und wenn das Gesetz den Todtschläger tödtet , so soll schon der des Todes sterben , der seinen Nächsten haßt . Wer sollte da nicht wohl zehnmal des Tages fallen ! « » Oder sonst was gut ' s , « murmelte sie gedankenlos und kante an ihrem Finger , indem sie ihn verstohlen anschielte . » Also heut zum letztenmal ! « murmelte er . » Nun wirst Du ruhn für immer , Du müdes Herz . Hin ist der Wahn , der letzte , Den ewig ich geglaubt . Beruhige Dich ! Laß diese Verzweiflung sein die letzte ! Kein Geschenk hat Für uns das Schicksal als den Tod . Verachte Die grenzenlose Nichtigkeit des Ganzen . « Diese Leopardischen Verse , die er halblaut vor sich hin gesummt , schienen ihrer Stimmung besonders zuzusagen . Denn sie stürzte eiligst zu ihrem Koffer und entnahm demselben ein schwarzes Büchlein , worauf Poesie , zu lesen stund . » Ach bitte , schreib mir das ein ! « » Was , hier ? « Er nahm das Büchlein und entfaltete es . Nur wenige Seiten beschrieben . Auf der ersten , die er aufschlug , fiel ihm ein kleines Lied entgegen , das er ihr einst gestiftet . Darunter : » Erinnerung an E.R. « » Das hat mir zu gut gefallen , « erklärte sie mit lieblichem Erröthen . - Dann kam da ein Gedicht auf Passau » mit dem großen heiligen Dom « und dem rauschenden Inn . » Von wem ist denn das nun ? « » Von mir , « sagte sie lächelnd . » Oho ! Und was haben wir denn hier ? Entfaltet gleichsam einer Rose , Schaust Du aus lustigen Augen in die Welt hinein . Ich rufe jetzt auf Wiedersehn , Heut wo wir Zwei am Scheidewege stehn , Ich schließe Dich in mein Herzkämmerlein . Reimen thut sichs zwar nicht , aber ' s ist wahr . Donner und Doria , welch ein Poet ! Der scheint ja eine fabelhafte Leidenschaft für Dich zu haben ! Wer ist denn das nun wieder ? « » Herr Kohlrausch , « lispelte sie tieferröthend . » So ? Nun , da dank ich schön . « Rother stand auf , warf das Buch auf den Tisch und ging mit raschen Schritten auf und ab . » Also seid ihr schon einig ? « » Aber nein doch ! Ich weiß nicht , wie Sie mir vorkommen ! « rief sie ängstlich . » Nun , das Zeug ist zu schlecht , als daß er ' s abgeschrieben hätte . Also hat er ' s selbst gemacht . Also ist er sterblich verliebt . Und daß Sie sich das einschreiben lassen , zeigt noch mehr . Und da bilden Sie sich ein , Eduard Rother wird sich neben dem Kerl da verewigen ? Nein , meine Theure , das ist zu viel verlangt . Am Ende bin ich doch Eduard Rother . « » Aber was Du doch immer gleich denkst ! « sagte sie ruhig . » Wenn Dem so wäre und ich interessirte mich für ihn , so würde ich ' s Dir doch nicht gezeigt haben . « » Das ist wahr , « gab er betroffen zu . » Das kam einfach so . Er besuchte mich mal , als ich nicht hier war , und sah meine Poesie-Sachen hier herumliegen , weil ich immer Ihre Sachen lese . Da hat er nun gehört , wie viel ich mir daraus mache , und hat mir darum solch ein Poesiebuch geschenkt , und sich ganz ohne meinen Wunsch darin selbst zuerst eingeschrieben . « » So , « sagte er befriedigt . » Meinethalben . Aber ich schreibe mich nicht hier ein . « » Ja , ich muß nur machen , daß ich Ihre Photographie in Sicherheit bringe , « fuhr sie piquirt auf , » sonst nehmen ' s mir die auch noch weg . Bei Ihnen , Eduard , ist Alles möglich . « Er klopfte sie auf die Wangen und lachte . Aber ein süßes wonniges Gefühl einer gewissen häuslichen Zusammengehörigkeit durchschauerte ihn bei diesem traurigen » Kohlen « . Sie trat wieder ans Fenster und sah auf die Straße hinab . Ihr Busen hob und senkte sich von schweren Seufzern . » Dies Berlin hat mir nur Kummer gebracht und doch ist mir , als ob ich sterben müßte , nun ich ' s verlasse . Ich weiß nicht warum .. « sie stockte . Er schwieg . » Ach , was hab ' ich Gott nur gethan , daß ich so viel leiden muß . « » Daß Du ein Weib bist und , noch schlimmer , ein schönes Weib ! « warf er achselzuckend hin . Sie überhörte das . » Ach , ich habe stets gehört , daß es bitter ist , fremdes Brot zu essen . Aber , daß es so bitter ist , habe ich nicht gewußt . Wenig glückliche Tage habe ich in meinem ganzen Leben genossen . Ach , in meiner Jugend , da hatte ich selber Dienstboten und quälte die halbtodt mit meinen Launen . Und Eine hat mir auch mal gesagt : Sie wünsche , daß ich mal dasselbe durchzumachen hätte . Nun , das hab ' ich durchgekostet . « Plötzlich fing sie an zu weinen : Zwei heiße Thränen rollten ihre schönen Wangen herab . Eduard wandte sich ab , um seine Erregung zu verbergen . Es dämmerte sehr stark . Die Uhr schlug draußen : schon halb neun Uhr ! Wie die Zeit rasch verflossen war ! Die Wirthin klopfte an die Thür . Sie seufzte schwer auf . » Meine Wirthin wird ungeduldig . Wir sollten zusammen noch einmal spazieren gehn in der Dunkelheit . Ich war den ganzen Tag nicht draußen . « » Also soll ich gehn ? « » Ach nein , bleiben ' s noch ein bissel . « Eine Pause trat ein . Sie versank in Gedanken , er ging langsam im Zimmer auf und ab . » Nun gut , « sagte er endlich , » Etwas hat Sie ja doch aus Passau weggetrieben - damals als Sie ins Wasser gehn wollten , wie man mir drunten erzählte . « » Ins Wasser ? Nein , das ist nicht wahr . « Sie sah mit einer gewissen gelassenen Gleichgültigkeit in den dunkeln Himmel hinauf . » Nun , wo ist denn Ihr Passauer Jüngling da geblieben ? « » Mein Passauer ? Ich weiß nicht , wovon Sie reden . « Er drehte sich ungeduldig um . » Nun , ich meine , Ihre große Liebe da .. « » Wer denn ? Nein wirklich , ich weiß nicht , was Sie meinen . Ich hab nie einen Landsmann geliebt . « » Ich denke , einmal sollten Sie ja eine gute Parthie machen und Ihr Vater hat ' s nicht gelitten ? « » Ach Gott , was man da wieder geschwindelt hat ! Nein , als ich nach Haus zurück mußte , da war Einer da , der mich heirathen wollte , ein Nachbar von uns , ein junger Mann , der ein großes Fleischergeschäft geerbt hatte . Der hielt um mich an , er war - kurz « - sie machte ein befriedigtes Gesicht - » er wollte mich haben . Aber ich mochte nicht .. und ein viertel Jahr drauf hat er eine Andre geheirathet . « » Hm , « sagte er , » dann versteh ich nur das Alles nicht . Wer ist denn nun der geheimnißvolle große Unbekannte , der .. « Sie schwieg . » Sagen Sie ' s mir ! Ich sehe , daß Sie das quält . Nun , ich bin Dein einziger Freund . Einer Freundin sagt man so was nicht . So sag mir ' s ! « Seine ernste Stimme hatte für sie stets etwas dämonisch Zwingendes . Sie wandte sich und sah ihn an Ihr Gesicht flammte und eine Thräne blitzte an ihrer Wimper . » Nun gut , so will ich Ihnen sagen , was noch nie Jemand gehört hat . Aber Sie werden es Niemanden sagen ? « » Nie , meine Hand darauf ! « Sie hob mit stockender Stimme an , aber erzählte ohne Befangenheit mit einer gewissen gleichgültigen Ruhe : » Ich war 17 Jahr alt , als ich nach Trient geschickt wurde , um dort in einem Hotel , das einem Verwandten von uns gehörte , bei der Wirthschaft zu helfen . Und da war ein Offizier vom Genie , dem alle Mädel nachliefen . Ich glaube , das war ' s nur , was mich reizte . « » Aha ! Und woher ? « » Aus Ungarn . « » Ach was Teufel ! So , und der waral so Deine große Flamme ? « » Ach , ich weiß selbst nicht recht . Ich glaube gar nicht , daß ich ihm so gut war . Es war nur .. Eitelkeit . « » Weil er Hauptmann von Genie war ? « fragte er mit leichter Ironie . » Nein , weil die Mädel ihm nachliefen . Ach , als die Geschichte ' rauskam und mein Vater davon hörte und mich nach Haus befahl , da hat er geweint , viel mehr wie ich - er , ein Mann und Offizier ! « Ein etwas verächtlicher Beigeschmack lag bemerkbar in diesen Worten . Eduard mußte , instinktiv fühlen , daß sie eher mit Ekel und Geringschätzung an diese Jugendliebe zurückdachte . » Und dann .. aber Sie dürfen nie je zu Jemand ein Wort davon sagen , nicht wahr ? Das wär abscheulich .. « auf seine abwehrende Handbewegung fuhr sie rasch fort . » Als er nun fortversetzt wurde und ich fortmußte , da glaubte ich meine Schande nicht überleben zu können . Und nun that ich was ganz Verrücktes . Ich stand in der Nacht auf , nahm die Streichholzschachtel , schabte von allen Streichhölzern den Phosphor ab , und trank das mit Wasser . Aber meine Natur war kräftiger als das Gift . Ich bekam nur furchtbare Kopfschmerzen - das war Alles . « » So und weiter kam nichts ? « fragte er mit besonderer Betonung . Sie erröthete leicht und schüttelte ernst den Kopf . » Nicht das Geringste . « Wieder trat eine Pause ein . » Ach , « sagte sie plötzlich , » ich glaube , ich hab ihn doch furchtbar gern gehabt . « » Und haben Sie weiter nichts von ihm gehört ? « » O ja . Er hat gesagt , daß er mich heirathen wolle , wenn er pensionirt ist - eher kann er ' s nicht . « » So ? Wie alt ist er denn ? « fragte Eduard mit einer leisen Regung eifersüchtigen Mißtrauens . » Dreiundreißig . « » Ach Herrje ! Da kann er ja noch lange lange nicht daran denken . Es wird ihm auch ohnehin nie einfallen . « Wieder klopfte draußen die Wirthin . Beide rührten sich noch immer nicht . Sie standen lautlos nebeneinander und blickten - sie auf die dunkle Straße , er auf ihrem schönen gramzuckenden Mund . » Ach , « seufzte sie plötzlich , » Ich habe Den auch vergessen . Ich bin Niemandem gut , Niemandem . « » Danke ! « lächelte er und fuhr mit dem Finger ihre klassisch geschnittene Nase entlang . » Ach , ich meine nicht so .. « flüsterte sie verwirrt , » Nur nicht so wie damals .. « » Nun und der Kohlrausch ? « » Ach , das war nur Spaß . Es kann sein , daß ich hassen werde . « Sie nahm die Lampe , zündete sie langsam und stand , auf den Tisch gelehnt , nachdenklich da . » Wir müssen uns jetzt trennen . Meine Wirthin wird sonst bös . « » Soll ich mitkommen ? « fragte er zum Scherz . » O ja wohl , « lachte sie freundlich . » In der Zeit können Sie ja was zeichnen , wie ? « » Nein , nein . Ich muß fort . Ich muß auch meine Uhr einlösen . « » Ihre Uhr ? « fragte sie rasch mit einem eigenthümlichen Aufblitzen der Augen . » Nun ja , ich war Dir vorgestern untreu , mein Schatz , « sagte er lächelnd . » Dabei mußt ' ich meine Uhr lassen , weil ich zu viel Geld zum Fenster hinauswarf . « Sie schmollte , aber ohne bös zu werden . » Also gut denn , trennen wir uns . Morgen Abend geht ' s fort ? « » Ja . Ach , ich werde an diese Stube zurückdenken , so lange ich lebe , « seufzte sie . » Die thränenreichsten Stunden meines Lebens verbracht ' ich hier . Und dennoch .. mir wird der Ort stets theuer sein . « Beide sahen sich ernsthaft an . » Und unter welchen Umständen geh ich weg - ach Gott ! « Sie sah wieder wie geistesabwesend in die Luft . » Nun , « murmelte sie halb vor sich hin . » Meine Wirthin geduldet sich ja .. « » Wie , brauchst Du Geld ? « fragte er hastig . » Es ist mir nur um die Uhr .. « stammelte sie verwirrt . » Wie , hast Du die noch nicht einlösen können ? Sagen Sie , wieviel Sie dazu brauchen ? « » Ach , nur 42 Mark . « » Hier sind sie . « Er legte zwei Goldstücke auf den Tisch . » O , besten Dank ! Von keinem Andern würd ich einen Pfenning annehmen . Der Eberhart hat auch immer gefragt , ob ich Geld brauchte , und ich hab stets gesagt : Ich brauch nichts . Nur von Ihnen .. « » Nun , das versteht sich doch von selber .