vor sich hin . Die hagere , kränkliche Gestalt mit den hohlen Wangen und den blauen Ringen rings um die Augen , die das Haupt müde gegen einen Baumstamm gelehnt hatte und mit den mageren , weißen Fingern die Hand der Mutter umschlungen hielt , das war seine Pate , die ihm stets wie eine Botin aus dem Jenseits erschienen war . Aber neben ihr - neben ihr die Dame in dem schmucklosen , grauen Kleide , mit dem schlicht zurückgestrichenen Blondhaar - - » Elsbeth , Elsbeth , « jubelte eine Stimme in ihm , und dann plötzlich sank es wie eine Wolkenwand zwischen ihm und ihr hernieder und legte sich frostig um seine Seele und umflorte sein Auge mit feuchten Schleiern . Ihr gegenüber saß ein Herr mit keckem , blondem Bärtchen und noch keckeren , blauen Augen , der sich vertraulich zu ihr hinüberneigte , während ein Lächeln über ihr stilles Antlitz glitt . » Den wird sie heiraten , « sagte er sich mit einer Bestimmtheit , die mehr als eine eifersüchtige Ahnung war . Mit dem Hellsehertum der Liebe hatte er erkannt , daß diese beiden Naturen sich ergänzten und einander suchen mußten . - Und vielleicht , vielleicht hatten sie sich schon gefunden , dieweil er selber seine Tage in nichtigen Träumen vergeudete . Wie erstarrt blieb er stehen und musterte den Mann , der ihm plötzlich klar machte , was er verloren - verloren freilich , ohne es je besessen zu haben . Wie hätte er sich auch jemals mit diesem messen können ! So - auf ein Haar so - war ja das Mannesideal beschaffen , von dem er stets geträumt hatte . Kühn , energisch , siegesbewußt - so wollte auch er einst werden - genauso wie der fremde junge Mann , der mit leichtsinnigem Lächeln zu Elsbeth hinüberschaute . - - Auch trug er Lackstiefel und einen modefarbenen Schlips , und sein Anzug war vom feinsten , schwarzen Glanztuch . Wohl eine Stunde lang stand Paul da , ohne daß er wagte , sich vom Platze zu rühren , Elsbeth und ihr Gegenüber mit den Augen verschlingend . Es wurde Nacht , er merkte es kaum . Lange Reihen von Lampions wurden angezündet und entsendeten einen ungewissen Dämmerschein auf das bunte Menschengewühl . » Wie schön bin ich geborgen ! « dachte Paul und freute sich des Dunkels , in dem er sich verkrochen hatte . Er achtete nicht darauf , daß zwei Männer auf ihn zuschritten und sich in seiner Nähe am Boden zu schaffen machten . - Da plötzlich flammte , kaum drei Schritte von ihm entfernt , ein purpurrotes bengalisches Feuer auf , das alles ringsum in ein Meer blendenden Lichtes tauchte . Rasch wollte er sich in den Schatten eines Baumstammes flüchten , aber es war zu spät . » Steht da nicht Paul ? « rief die Mutter . » Wo ? « fragte Elsbeth , sich neugierig umwendend . » Junge , was lungerst du im Finstern ' rum ? « schrie der Vater . Da mußte er wohl oder übel hervortreten , und hochrot vor Scham , die Mütze in der Hand , stand er vor Elsbeth , die den Kopf in die Hand gestützt hatte und lächelnd zu ihm aufsah . » Ja - so ist es immer - der richtige Schleicher , « sagte der Vater , ihm einen Schlag auf die Schulter gebend , und der fremde junge Herr strich sich das Haar aus der Stirn und lächelte halb gutmütig , halb ironisch . Da stand der alte Douglas auf , trat auf ihn zu und ergriff seine beiden Hände . » Kopf hoch , junger Freund , und Brust ' raus ! « rief er mit seiner Löwenstimme . » Sie haben keine Ursache , die Augen niederzuschlagen - Sie am wenigstens auf der ganzen Welt . Wer mit zwanzig Jahren das leistet , was Sie leisten , der ist ein ganzer Kerl und braucht sich nicht verkriechen . Ich will Sie nicht eitel machen , aber fragen Sie mal , wer Ihnen das nachtäte ! Etwa du , Leo ? « wandte er sich an den jungen Stutzer , der mit lustigem Auflachen erwiderte : » Muß eben verbraucht werden , wie ich bin , Onkelchen . « » Wenn nur etwas an dir zu verbrauchen wäre , du Taugenichts , « erwiderte Douglas . - » Dies ist nämlich mein Neffe , Leo Heller , ein Fritz Triddelfitz in neuer Auflage - - - « » Onkel , ich seng ' dir auf ! « » Ruhig , du Schlingel . « » Onkel - zwanzig Glas - wer zuerst unterm Tisch liegt - « » Das nennt der Respekt . « » Onkel - du kneifst . « » Ruhig - sieh dir mal hier diesen jungen Landwirt an - zwanzig Jahr alt und hält die ganze Wirtschaft am Schnürchen . « » Na , Herr Douglas , ich bin ja auch noch da , « rief Meyhöfer mit etwas langem Gesicht . » Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen , « erwiderte dieser , » aber Sie haben ja so viel mit Ihrer Aktiengesellschaft zu tun - Sie können sich um solche Lappalien natürlich nicht bekümmern . « Meyhöfer verbeugte sich geschmeichelt , und Paul schämte sich für ihn , denn er verstand die Ironie dieser Worte gar wohl . Frau Douglas winkte ihn lächelnd zu sich heran , ergriff seine Hand und streichelte sie . » Groß und hübsch sind Sie geworden , « sagte sie mit ihrer matten , freundlichen Stimme , » und einen schönen Bart haben Sie bekommen - « » Aber nennen Sie ihn doch du , « fiel die Mutter ein , die heute weit freier schien als sonst . » Paul , bitte deine Patin - - - « » Ja , ich - bitte darum , « sagte Paul stammelnd , indem er aufs neue errötete . » Gott wird dich segnen , mein Sohn , « sagte Frau Douglas . » Du hast es dir verdient « - und dann sank ihr Kopf aufs neue gegen den Baumstamm . Paul stand nun hinter der Bank und wußte nicht , was beginnen . Es geschah zum erstenmal , seitdem er erwachsen war , daß er sich in fremder Gesellschaft befand . Sein Blick fiel auf Elsbeth , die , den Kopf auf die Ellbogen gestützt , sich nach ihm umschaute . » Mir willst du wohl gar nicht guten Tag sagen ? « fragte sie mit leiser Schelmerei . Das vertrauliche » Du « machte ihm Mut . Er streckte ihr die Hand entgegen und fragte , wie es ihr ergangen sei die ganze lange Zeit . Ein trüber Schein flog über ihr Gesicht . » Nicht gut , « sagte sie leise , » aber davon später , wenn wir allein sind . « Sie rückte ein wenig zur Seite und sagte : » Komm ! « Und als er sich neben sie setzte , streifte sein Ellbogen ihren Nacken . Da ging ein Schaudern durch seinen Leib , wie er es nie im Leben gefühlt hatte . Leo Heller reichte ihm über den Tisch weg die Hand und sagte lachend : » Auf gute Freundschaft , Sie Musterknabe , Sie ! « » Ich bin leider nicht wert , daß man mich zum Muster nähme , « erwiderte er in seiner Unschuld . » Dann seien Sie glücklich - ich auch nicht . - Nichts ist mir ekelhafter , als so ein Musterknabe - - « » Warum nannten Sie mich denn so ? « Leo sah ihn verblüfft an . » Ach , Sie scheinen alles für Ernst zu nehmen , « sagte er dann . » Verzeihen Sie - ich bin so wenig an Scherz gewöhnt , « erwiderte er , und die Schamröte stieg ihm ins Gesicht . Wie er sich hierbei nach Elsbeth wandte , bemerkte er , daß sie ihm mit eigentümlich tiefem , ernstem Blicke in die Augen schaute . Da stieg ein jähes Glücksgefühl in seiner Seele auf . Er ahnte , daß hier jemand war , der ihn nicht für dumm und lächerlich hielt , der seine Natur verstand und die Gesetze , nach denen sie wirkte . Während die dreie stillschwiegen , fuhr der Vater am anderen Ende des Tisches fort , Herrn Douglas den Plan seiner Aktiengesellschaft auseinanderzusetzen . » Und wenn Sie Vertrauen zu mir haben , Herr ! - aber nein ! das brauchen Sie nicht einmal - ich will sagen , wenn Sie Ihr eigen Glücke nicht leichtsinnig verscherzen wollen - man soll seinem Glücke nicht im Wege stehen , Herr ! - wenn Sie nur ein Quentchen Unternehmungsgeist in sich verspüren - o dann , ja dann - ! Sie wissen , Hunderttausende sind hier zu verdienen , das Moor ist unerschöpflich - wozu wollen Sie andere an Ihrer Stelle reich werden lassen , Herr ? Vorwärts - durch Nacht zum Licht , heißt meine Devise - ich will streben und kämpfen bis zum letzten Atemzug - nicht mein eigenes Interesse ist es , was hier auf dem Spiele steht , mir erscheint es als eine Frage der ganzen Menschheit ! Es gilt , diese wüsten Ländereien der Kultur zu gewinnen , es gilt , diesem ganzen Distrikte neues Lebensblut zuzuführen , es gilt , die Armut dieser Strecken in Wohlstand umzuwandeln - Wohltäter der Menschheit gilt es zu werden , Herr ! « Und in diesem Tone schwadronierte er weiter . Dann plötzlich rückte er Douglas ganz nah auf den Leib , und als wollte er ihm die Pistole auf die Brust setzen , schrie er : » Werden Sie also partizipieren , Herr ? « Douglas fing einen Blick seiner Frau auf , die heimlich nach Frau Elsbeth hinwies und ihm dabei bittend zublinzelte , dann sagte er , halb belustigt , halb ärgerlich : » Meinetwegen . « Paul schämte sich wieder , denn er las auf dem Gesichte von Douglas , daß es sich für ihn um weiter nichts handelte als den Scherz , ein paar hundert Taler zum Fenster hinauszuwerfen . Er wußte selbst nur allzu gut , daß kein vernünftiger Mensch die Pläne seines Vaters ernsthaft nehmen konnte . » Hast du unsere Mädchen nicht gesehen , Paul ? « fragte die Mutter , die nun nicht minder beklommenen Mutes schien als er . Nein , er hatte sie nirgends gesehen . » So geh - schau dich nach ihnen um - sie sind zum Tanzplatz gegangen - sag ihnen , sie möchten nicht zu sehr jagen - sie erkälten sich sonst . « Paul erhob sich . » Ich werde dich begleiten , « sagte Elsbeth . » Darf ich nicht auch mitkommen , Cousinchen ? « fragte Vetter Leo . » Bleib du nur hier , « erwiderte sie leichthin , worauf er erklärte , sich vor Gram den Tod geben zu müssen . » Ein lustiger Vogel , « sagte Paul mit einem Seufzer des Neides , als er neben ihr durch das Gedränge schritt . » Ja aber mehr auch nicht , « erwiderte sie . » Hast du ihn gern ? « » Gewiß - sehr . « Sie wird ihn doch heiraten , dachte Paul . Ringsum schrie und johlte die Menge . Ein Lampion war in Flammen aufgegangen , und eine Schar junger Burschen bemühte sich , es von der Schnur herunterzureißen . Flammende Papierfetzen flogen in die Luft , und der flüssige Stearin spritzte in die Runde . Elsbeth legte ihren Arm in den seinen und schmiegte den Kopf an seine Schulter . Wiederum durchrieselte ihn jener wonnige Schauer , den er sich nicht zu erklären vermochte . » So - jetzt bin ich geborgen , « sagte sie flüsternd . » Komm hernach in den Wald , Paul , ich habe dir so viel zu erzählen - dort sind wir ungestört . « Und wie sie das sagte , wurde ihm ganz angst vor lauter Freude . Nun waren sie am Tanzplatz angelangt . Die Trompeten lärmten , und die Tänzer wirbelten in die Runde . » Wollen wir auch tanzen ? « fragte sie lächelnd . » Ich kann ja nicht , « erwiderte er . » Schadet nichts , « sagte sie , » in solchen Fällen ist ja Leo da . « Die törichten Träume fielen ihm ein , die er heute unter dem Wacholderbusch geträumt hatte . - » So geht ' s mit allem , was ich mir ausmale , « dachte er . » Ich hab ' noch ein Buch von dir , Elsbeth , « sagte er dann . » Ich weiß , ich weiß , « erwiderte sie , indem sie lächelnd zu ihm aufschaute . » Verzeih , daß ich - « » Was bist du für ein Kleinkrämer ! « scherzte sie . » Leo hat mir inzwischen meine ganze Bibliothek zunichte gemacht und verlangt nun , ich soll sie ihm ersetzen - er habe nichts mehr zu lesen . « Leo - und immer wieder Leo ! - » Hast du viel Schönes herausgelesen ? « fragte sie dann . » Ich konnte einmal alles auswendig . « » Und jetzt ? « » Jetzt , ach , du lieber Gott ! - ich habe an so viel Alltägliches zu denken - es paßt nicht mehr in meinen Kopf . « » In meinen auch nicht , Paul ! - Das macht , wir haben zu viel vom Leben erfahren - die Poesie ist uns verloren gegangen . « » Dir auch ? « Sie seufzte . » Die arme Mutter ! « sagte sie dann . » Was ist ' s ? « » Sieh , seit fünf Jahren bin ich nun Krankenpflegerin , « sagte sie , » da gibt es manche trübe Stunde , und wenn die Nachtlampe brennt und die Augen einem schmerzen vom vielen Wachen und draußen der Sturm an den Läden rüttelt - da kommen einem mancherlei Gedanken über Leben und Sterben , über Liebe und Verlassenheit - na , kurz und gut - da macht man sich im Kopf sein eigen Liederbuch zurecht und liest nicht mehr in fremden . - Aber komm heraus aus dem Lärm - ich möcht ' dich so viel fragen - und man versteht hier ja kaum sein eigen Wort . « » Sogleich , « sagte er , » ich will nur erst - - « Seine Augen glitten spähend über den Platz , da hörte er hinter sich eine lachende Männerstimme sagen : » Du - sieh mal dort die beiden mannstollen kleinen Kröten . « Unwillkürlich wandte er sich um und bemerkte die Gebrüder Erdmann , die er seit Jahren nicht zu Gesicht bekommen hatte . Sie waren inzwischen auf der Ackerbauschule gewesen und große Herren geworden . » Mit denen wollen wir ulken , « sagte der andre . Darauf schlüpften sie lachend in den Kreis der Tanzenden . Gleich darauf bemerkte Paul auch seine Schwestern . Der braune Lockenwald hing ihnen wirr ins Gesicht , ihre Wangen flammten , ihr Busen wogte , und ihre Augen blickten verliebt und verwildert . » Wie glücklich sie aussehen - die holden Geschöpfe , « sagte Elsbeth . Paul hielt ihnen eine kleine Strafpredigt - sie achteten seiner kaum , sondern guckten mit einem girrenden Kichern an seinen Schultern vorüber . Und als er sich umwandte , gewahrte er die beiden Erdmänner , die sich hinter dem Podium der Musikanten verborgen hatten und von dort aus verstohlene Zeichen machten . Die Zwillinge waren ihm unterdessen entschlüpft , und auch die Erdmänner verschwanden . » Komm hier fort , « sagte Elsbeth . Er bejahte , blieb war wie angewurzelt stehen . » Was hast du ? « fragte sie . Er wischte sich mit der Hand über die Stirn - das böse Wort , das er gehört , wollte ihm nicht aus dem Kopfe gehen . Die Schwestern waren jung - übermütig - unerfahren - niemand bewachte sie - wie , wenn sie sich etwas vergäben ? - wenn sie - - ? eiskalt rieselte es ihm über den Leib . Und er - der sich geschworen hatte , ihnen ein treuer Wächter zu sein , er ging hier seinen Freuden nach , er - » Komm zum Walde , « bat Elsbeth noch einmal . » Ich kann nicht , « stieß er hervor ... Verwundert sah sie ihn an ... » Ich muß - - die Schwestern - niemand ist bei ihnen - sei nicht böse . « » Führ mich zum Tisch zurück , « sagte sie . Er tat es . Beide sprachen kein Wort mehr . Fünf Minuten später überraschte er die Schwestern , wie sie Arm in Arm mit den Erdmännern nach dem Walde entschlüpfen wollten . » Wohin ? « fragte er , zwischen sie tretend . Sie schlugen verlegen die Augen nieder , und Käthe stammelte : » Wir - wollten ein bißchen spazieren gehen ... « Die Gebrüder Erdmann stimmten einen Biedermannston an , schüttelten ihm herzhaft die Hand und wünschten dringend die Freundschaft der Jugendjahre zu erneuern . - Hinterher zeigten sie ihm die Fäuste . » Ihr geht jetzt zur Mutter , « sagte er zu den Zwillingen , und als sie zu schmälen begannen , zog er sie an den Armen mit sich fort ... Der Tisch war zur Hälfte leer ... Die Familie Douglas hatte das Fest verlassen . Da ging er in den Wald und dachte darüber nach , was er Elsbeth wohl alles hätte sagen können . - Aber es sollte ja nicht sein - - es kam immer was dazwischen . 11 Es war Johannisnacht . Der Holunder duftete . - In silbernen Schleiern hing der Mondenglanz über der Erde . Im Dorfe gab ' s großen Jubel . - Teertonnen wurden angezündet , und auf dem Anger tanzten Knechte und Mägde . Weithin lohten die Flammen über die Heide , und die quäkenden Töne der Fiedel zogen melancholisch durch die Nacht . Paul stand am Gartenzaun und schaute in die Weite . Die Knechte waren zum Johannisfeuer gegangen , und auch die Schwestern waren noch nicht daheim . Sie hatten sich Erlaubnis ausgebeten , Pfarrers Hedwig , ihre Gespielin , zu besuchen , ein schlichtes , stilles Mädchen , dessen Gesellschaft er sie gern anvertraute . Nun wollte er warten , bis alle heimgekehrt waren . Der Mondschein zog ihn auf die Heide hinaus . - In mitternächtlichem Schweigen lag sie da ; nur in den Erikabüschen zirpte bisweilen eine Grasmücke wie aus dem Schlafe heraus . - Die Lichtnelken neigten ihre rötlichen Häupter - und die Königskerze leuchtete , als wollte sie dem Mondenglanz den Rang ablaufen . Langsam , mit schlürfenden Schritten schritt er weiter , bisweilen über einen Maulwurfshügel stolpernd oder sich im Blättergewinde verwickelnd . In leuchtenden Fünkchen sprühte der Tau vor ihm her . - So kam er in die Region der Wacholderbüsche , die noch gnomenhafter dreinschauten als sonst . Gleich einer schwarzen Mauer ragte der Wald vor ihm empor , und der Mondenglanz ruhte darauf wie frischgefallener Schnee . Er fand den Platz , an dem vor Jahren die Hängematte gehangen - in gespenstischem Dämmerschein schimmerte die Lichtung durch das schwarze Gezweig . - Weiter und weiter zog ' s ihn . - Wie ein Palast aus flimmerndem Marmor stieg das » weiße Haus « mit seinem Erker und seinen Giebeln vor seinem Blick empor . - Tiefes Schweigen lag auf dem Gutshof , nur hin und wieder schlug ein Hund an , um sofort zu verstummen . Er stand vor dem Gittertor , ohne zu wissen , wie er hingekommen war . - Er faßte die Stäbe mit beiden Händen und guckte ins Innere . In Mondenglanz gebadet , lag der weite Hofplatz vor ihm da - in schwarzen Konturen hoben sich die Wirtschaftswagen ab , die in Reih und Glied vor den Ställen standen - eine weiße Katze schlich am Gartenzaun vorbei - sonst lag alles im Schlafe . Längs dem Zaune ging er weiter . In dem Aschenhaufen hinter der Schmiede lag ein Häuflein glimmender Kohlen , die wie brennende Augen aus dem Dunkel guckten . Jetzt begann der Garten . Hochstämmige Linden neigten ihre Zweige über ihn , und ein Duft von Goldregen und frühen Rosen wogte durch die Gitterstäbe betäubend über ihn her . Durch das Gezweig hindurch erglänzten wie silberne Bänder die kiesbestreuten Pfade , und die Sonnenuhr , die der Traum seiner Kindheit gewesen , ragte düster dahinter empor . Das » weiße Haus « kam näher und näher . Jetzt konnte er fast in die Fenster gucken . Auch hier schien alles zu schlafen . Er hatte hie und da - auch in dem » Liederbuch « davon gelesen , daß der Geliebte in Mondscheinnächten seiner Herzensdame eine Serenade zu bringen pflegt - mit Gitarren- und Mandolinenbegleitung , wenn ' s angeht . So war ' s in den schönen Ritterzeiten gewesen und in Spanien oder in Italien vielleicht noch heute . Das fiel ihm ein , und er malte sich aus , wie es sich wohl machen würde , wenn er , Paul , der Dumme , hier als irrender Ritter die Leute zu schlagen begänne , sehnsuchtsvolle Liebeslieder dazu krähend . Er mußte laut auflachen bei dem Gedanken , und dann kam ihm zu Sinn , daß er ja sein Musikinstrument zu allen Zeiten bei sich trüge . Er setzte sich auf den Grabenrand , lehnte den Rücken gegen einen Zaunpfahl und fing zu pfeifen an - erst scheu und leise , dann immer kühner und lauter , und wie immer , wenn er seinen Empfindungen ganz überlassen war , vergaß er zu guter Letzt alles um sich her . Wie aus tiefen Träumen wachte er auf , als er jenseits des Zaunes die Zweige rauschen und knacken hörte . - Erschrocken wandte er sich um . Drüben stand Elsbeth in weißem Nachtanzuge - einen dunklen Regenmantel flüchtig darüber geworfen . Im ersten Augenblicke war ihm zumute , als müsse er auf und davon laufen , aber die Glieder waren ihm wie gelähmt . » Elsbeth - was machst du hier ? « stammelte er . » Ja , was machst du hier ? « fragte sie lächelnd zurück . » Ich - ich - pfiff ein bißchen . « » Und dazu bist du hierher gekommen ? « » Warum soll ich nicht ? « » Da hast du Recht - ich werd ' s dir nicht verbieten . « Sie hatte die Stirn gegen die Gitterstäbe gepreßt und schaute ihn an . Beide schwiegen . » Willst du nicht näher treten ? « fragte sie dann - wahrscheinlich im unklaren über das , was sie sagte . » Soll ich über den Zaun klettern ? « fragte er ganz unschuldig zurück . Sie lächelte . » Nein , « sagte sie dann kopfschüttelnd , » man könnte uns vom Fenster aus sehen , und das wäre nicht gut . - Aber sprechen muß ich dich - warte - ich komm ' zu dir hinaus und begleite dich ein Stück . « Sie schob eine lockere Stakete zur Seite und schlüpfte ins Freie , dann reichte sie ihm die Hand und sagte : » Es ist recht von dir , daß du gekommen bist , es hat mich oft verlangt , mit dir zu reden , aber dann warst du niemals da . « Und sie seufzte tief auf , als übermannte sie die Erinnerung an schwere Stunden . Er zitterte am ganzen Leibe . Der Anblick der jungfräulichen Gestalt , die in ihrem Nachtgewande so keusch und unbefangen vor ihm stand , raubte ihm fast den Atem . In seinen Schläfen hämmerte es - seine Blicke suchten den Boden . » Warum sprichst du nichts zu mir ? « fragte sie . Ein irres Lächeln flog über sein Gesicht . » Sei nicht böse , « preßte er hervor . » Warum sollt ' ich böse sein ? « fragte sie , » ich freue mich ja , daß ich dich einmal ganz für mich hab ' . Aber seltsam ist ' s - ganz wie in einem Märchen . Ich steh ' am Fenster und guck ' in den Mond - Mama ist eben eingeschlafen , und ich denk ' bei mir , ob ich ' s wohl wagen soll , auch zu Bette zu gehen - aber mein Kopf ist mir so unruhig und meine Stirn brennt - so friedlos ist mir zumute . Da mit einem Male hör ' ich vom Garten her jemanden pfeifen , so schön , so klagend , wie ich ' s nur ein einzig Mal in meinem Leben vernommen hab ' , und das ist lange her . Das kann nur Paul sein , sag ' ich mir , und je länger ich höre , desto klarer wird ' s mir . Aber wie kommt der hierher ? frag ' ich mich , und da ich mir durchaus Gewißheit verschaffen will , nehm ' ich meinen Mantel um und schleich ' mich hinunter - so - da bin ich nun - und jetzt komm - wir wollen zum Walde gehen - dort kann uns keiner sehen . « Sie legte ihren Arm in den seinen . Schweigend schritten sie über die mondhellen Wiesen . Und dann plötzlich schlug sie beide Hände vors Gesicht und fing bitterlich zu weinen an . » Elsbeth , was ist dir ? « rief er erschrocken . Sie wankte , ihre weiche Gestalt erbebte in lautlosem Schluchzen . » Elsbeth , kann ich dir nicht helfen ? « bat er . Sie schüttelte heftig den Kopf . » Laß nur , « preßte sie hervor , » es ist gleich vorüber . « Sie versuchte weiterzuschreiten , aber die Kräfte versagten ihr . Aufseufzend ließ sie sich an einem Grabenrain ins feuchte Gras niedersinken . Er blieb vor ihr stehen und schaute auf sie nieder . » Ausweinen lassen , « das war die Regel , die er schon oft im Leben erprobt hatte . - All sein Bangen war von ihm gewichen . Hier gab es etwas zu trösten , und im Trösten war er Meister . Als sie sich ein wenig beruhigt hatte , setzte er sich neben sie und sagte leise : » Willst du nicht dein Herz ausschütten , Elsbeth ? « » Ja , das will ich , « rief sie , » hab ' ich doch drauf gewartet volle drei Jahre lang . So lang ' hab ' ich ' s mit mir herumgetragen , Paul , und bin fast erstickt unter der Last und hab ' keinen Christenmenschen gefunden , dem ich ' s hätt ' anvertrauen können . Unten in Italien , auf dem schönen Capri , wo alles lacht und jubelt , da bin ich oftmals mitten in der Nacht ans Meer ' runtergeschlichen und hab ' aufgeschrien in meiner Qual , und bin morgens wieder zurückgekehrt und hab ' gelacht , mehr noch wie die andern , denn die Mutter - o Mutter - Mutter ! « rief sie , aufs neue laut aufschluchzend . » Sei ruhig , du hast ja jetzt mich , dem du ' s sagen kannst , « flüsterte er ihr zu . » Ja , dich hab ' ich - dich hab ' ich , « preßte sie hervor und lehnte das Antlitz gegen seine Schulter . » Sieh , das hab ' ich immer gewußt ; aber was half ' s mir ? - Du warst ja weit weg - und oftmals war ich auch nahe daran , dir zu schreiben , aber ich fürchtete , du seiest mir fremd geworden und würdest es übel auslegen ... Und seitdem wir wieder zurück sind , hab ' ich nur einen Gedanken : Ihm mußt du dich anvertrauen , er ist der einzige , der den Kummer kennt - er wird dich verstehn . « » Sag , was ist ' s , Elsbeth ? « bat er . » Sie muß sterben ! « stieß sie laut aufschreiend hervor . » Deine Mutter ? « » Ja ! « » Wer hat dir das gesagt ? « » Der Professor in Wien , von dem sie sich untersuchen ließ . Ihr hat er ein vergnügtes Gesicht gemacht und gesagt : Wenn Sie sich schonen , können Sie hundert Jahre alt werden , aber hinterher hat er mich holen lassen und hat mich gefragt : Sind Sie stark , mein Fräulein , können Sie die Wahrheit vertragen ? - Ich bitte Sie darum , hab ' ich geantwortet . Ihnen muß ich ' s anvertrauen , sagte er da , denn Sie sind die einzige , die hier über sie wacht . Und darauf hat er mir mitgeteilt , daß sie jeden Tag wegsterben könne - , wenn nicht - und dann hat er mir eine Menge Maßregeln an die Hand gegeben , die sie alle beobachten muß , mit Essen und Trinken und Klima und Gemütsaufregung und mehr noch . Sieh , seit diesem Tage zitterte ich um sie von früh bis spät und sorge und wache und finde keine Ruh . Manchmal kommt ' s dann über mich , daß ich mir sage : Du bist jung und willst leben , und dann versuch ' ich zu jubeln und zu singen , aber der Ton erstickt mir in der Kehle , und ich sinke wieder zusammen . Freilich , der Mutter muß ich ein fröhlich Gesicht zeigen und dem Vater auch . « » Aber warum hast du dich ihm nicht anvertraut ? « fiel er ihr ins Wort . » Soll auch sein