Carlos . Aber muß denn alles aus der Jungfrau sein ? « Das schlug ein , und die zwei jüngeren kicherten , obwohl sie bloß das Stichwort verstanden hatten . Isabeau dagegen , die bei solcher antippenden und beständig in kleinen Anzüglichkeiten sich ergehenden Sprache groß geworden war , blieb vollkommen würdevoll und sagte , während sie sich zu den drei anderen Damen wandte : » Meine Damen , wenn ich bitten darf : wir sind jetzt entlassen und haben zwei Stunden für uns . Übrigens nicht das schlimmste . « Damit erhoben sie sich und gingen auf das Haus zu , wo die Königin in die Küche trat und unter freundlichem , aber doch überlegenem Gruße nach dem Wirte fragte . Dieser war nicht zugegen , weshalb die junge Frau versprach , ihn aus dem Garten abrufen zu wollen , Isabeau aber litt es nicht , » sie werde selber gehn « , und ging auch wirklich , immer gefolgt von ihrem Drei-Damen-Cortège ( Balafré sprach von Klucke mit Küken ) , nach dem Garten hinaus , wo sie den Wirt bei der Anlage neuer Spargelbeete traf . Unmittelbar daneben lag ein altmodisches Treibhaus , vorne ganz niedrig , mit großen schrägliegenden Fenstern , auf dessen etwas abgebröckeltes Mauerwerk sich Lene samt den Töchtern Thibaut d ' Arcs setzte , während Isabeau die Verhandlungen leitete . » Wir kommen , Herr Wirt , um wegen des Mittagsbrots mit Ihnen zu sprechen . Was können wir haben ? « » Alles , was die Herrschaften befehlen . « » Alles ? das ist viel , beinah zu viel . Nun , dann bin ich für Aal . Aber nicht so , sondern so . « Und sie wies , während sie das sagte , von ihrem Fingerring auf das breite , dicht anliegende Armband . » Tut mir leid , meine Damen « , erwiderte der Wirt . » Aal is nicht . Überhaupt Fisch ; damit kann ich nicht dienen , der ist Ausnahme . Gestern hatten wir Schlei mit Dill , aber der war aus Berlin . Wenn ich einen Fisch haben will , muß ich ihn vom Köllnischen Fischmarkt holen . « » Schade . Da hätten wir einen mitbringen können . Aber was dann ? « » Einen Rehrücken . « » Hm , das läßt sich hören . Und vorher etwas Gemüse . Spargel ist schon eigentlich zu spät , oder doch beinah . Aber Sie haben da , wie ich sehe , noch junge Bohnen . Und hier in dem Mistbeet wird sich ja wohl auch noch etwas finden lassen , ein paar Gurken oder ein paar Rapunzeln . Und dann eine süße Speise . So was mit Schlagsahne . Mir persönlich liegt nicht daran , aber die Herren , die beständig so tun , als machten sie sich nichts daraus , die sind immer fürs Süße . Also drei , vier Gänge , denk ich . Und dann Butterbrot und Käse . « » Und bis wann befehlen die Herrschaften ? « » Nun , ich denke bald , oder doch wenigstens so bald wie möglich . Nicht wahr ? Wir sind hungrig , und wenn der Rehrücken eine halbe Stunde Feuer hat , hat er genug . Also sagen wir um zwölf . Und wenn ich bitten darf , eine Bowle : ein Rheinwein , drei Mosel , drei Champagner . Aber gute Marke . Glauben Sie nicht , daß sich ' s vertut . Ich kenne das und schmecke heraus , ob Moët oder Mumm . Aber Sie werden schon machen ; ich darf sagen , Sie flößen mir ein Vertrauen ein . Apropos , können wir nicht aus Ihrem Garten gleich in den Wald ? Ich hasse jeden unnützen Schritt . Und vielleicht finden wir noch Champignons . Das wäre himmlisch . Die können dann noch an den Rehrücken , Champignons verderben nie was . « Der Wirt bejahte nicht bloß die hinsichtlich des bequemeren Weges gestellte Frage , sondern begleitete die Damen auch persönlich bis an die Gartenpforte , von der aus man bis zur Waldlisière nur ein paar Schritte hatte . Bloß eine chaussierte Straße lief dazwischen . Als diese passiert war , war man drüben im Waldesschatten , und Isabeau , die stark unter der immer größer werdenden Hitze litt , pries sich glücklich , den verhältnismäßig weiten Umweg über ein baumloses Stück Grasland vermieden zu haben . Sie machte den eleganten , aber mit einem großen Fettfleck ausstaffierten Sonnenschirm zu , hing ihn an ihren Gürtel und nahm Lenens Arm , während die beiden andern Damen folgten . Isabeau war augenscheinlich in bester Stimmung und sagte , sich umwendend , zu Margot und Johanna : » Wir müssen aber doch ein Ziel haben . So bloß Wald und wieder Wald is eigentlich schrecklich . Was meinen Sie , Johanna ? « Johanna war die größere von den beiden d ' Arcs , sehr hübsch , etwas blaß und mit raffinierter Einfachheit gekleidet . Serge hielt darauf . Ihre Handschuh saßen wundervoll , und man hätte sie für eine Dame halten können , wenn sie nicht , während Isabeau mit dem Wirte sprach , den einen Handschuhknopf , der aufgesprungen war , mit den Zähnen wieder zugeknöpft hätte . » Was meinen Sie , Johanna ? « wiederholte die Königin ihre Frage . » Nun dann schlag ich vor , daß wir nach dem Dorfe zurück gehn , von dem wir gekommen sind . Es hieß ja wohl Zeuthen und sah so romantisch und so melancholisch aus , und war ein so hübscher Weg hierher . Und zurück muß er eigentlich ebenso hübsch sein oder vielleicht noch hübscher . Und an der rechten , das heißt also von hier aus an der linken Seite war ein Kirchhof mit lauter Kreuzer drauf . Und ein sehr großes von Marmohr . « » Ja , liebe Johanna , das ist alles ganz gut , aber was sollen wir damit ? Wir haben ja den Weg gesehen . Oder wollen Sie den Kirchhof ... « » Freilich will ich . Ich habe da so meine Gefühle , besonders an solchem Tage wie heute . Und es ist immer gut , sich zu erinnern , daß man sterben muß . Und wenn dann der Flieder so blüht ... « » Aber , Johanna , der Flieder blüht ja gar nicht mehr , höchstens noch der Goldregen , und der hat eigentlich auch schon Schoten . Du meine Güte , wenn Sie so partout für Kirchhöfe sind , so können Sie sich ja den in der Oranienstraße jeden Tag ansehen . Aber ich weiß schon , mit Ihnen ist nicht zu reden . Zeuthen und Kirchhof , alles Unsinn . Da bleiben wir doch lieber hier und sehen gar nichts . Kommen Sie , Kleine , geben Sie mir Ihren Arm wieder ! « Die Kleine , die durchaus nicht klein war , war Lene . Sie gehorchte . Die Königin aber fuhr jetzt , indem sie wieder voraufging , in vertraulichem Tone fort : » Ach , diese Johanna , man kann eigentlich nicht mit ihr umgehn ; sie hat keinen guten Ruf und is eine Gans . Ach , Kind , Sie glauben gar nicht , was jetzt alles so mitläuft ; nu ja , sie hat ' ne hübsche Figur und hält auf ihre Handschuh . Aber sie sollte lieber auf was andres halten . Und sehen Sie , die , die so sind , die reden immer von sterben und Kirchhof . Und nun sollen Sie sie nachher sehn ! Solang es so geht , geht es . Aber wenn dann die Bowle kommt und wieder leer is und wieder kommt , dann quietscht und johlt sie . Keine Idee von Anstand . Aber wo soll es auch herkommen ? Sie war immer bloß bei kleinen Leuten , draußen auf der Chaussee nach Tegel , wo kein Mensch recht hinkommt und bloß mal Artillerie vorbeifährt . Und Artillerie ... Nu ja ... Sie glauben gar nich , wie verschieden das alles ist . Und nun hat sie der Serge da rausgenommen und will was aus ihr machen . Ja , du meine Güte , so geht das nicht , oder wenigstens nicht so flink ; gut Ding will Weile haben . Aber da sind ja noch Erdbeeren . Ei , das ist nett . Kommen Sie , Kleine , wir wollen welche pflücken ( wenn nur das verdammte Bücken nicht wär ) , und wenn wir eine recht große finden , dann wollen wir sie mitnehmen . Die steck ich ihm dann in den Mund , und dann freut er sich . Denn Sie müssen wissen , er ist ein Mann wie ' n Kind und eigentlich der Beste . « Lene , die wohl merkte , daß es sich um Balafré handelte , tat ein paar Fragen und frug unter anderm auch wieder , warum die Herren eigentlich die sonderbaren Namen hätten . Sie habe schon früher danach gefragt , aber nie was gehört , was der Rede wert gewesen wäre . » Jott « , sagte die Königin , » es soll so was sein und soll keiner was merken und is doch alles bloß Ziererei . Denn erstens kümmert sich keiner drum , und wenn sich einer drum kümmert , is es auch noch so . Und warum auch ? Wen soll es denn schaden ? Sie haben sich alle nichts vorzuwerfen , und einer ist wie der andre . « Lene sah vor sich hin und schwieg . » Und eigentlich , Kind , und Sie werden das auch noch sehn , eigentlich is es alles bloß langweilig . Eine Weile geht es , und ich will nichts dagegen sagen und will ' s auch nicht abschwören . Aber die Länge hat die Last . So von fuffzehn an und noch nich mal eingesegnet . Wahrhaftig , je bälder man wieder raus ist , desto besser . Ich kaufe mir denn ( denn das Geld krieg ich ) ' ne Dest ' lation und weiß auch schon wo , und denn heirat ich mir einen Witmann und weiß auch schon wen . Und er will auch . Denn das muß ich Ihnen sagen , ich bin für Ordnung und Anständigkeit und die Kinder orntlich erziehn , und ob es seine sind oder meine , is janz egal ... Und wie is es denn eigentlich mit Ihnen ? « Lene sagte kein Wort . » Jott , Kind , Sie verfärben sich ja ; Sie sind woll am Ende mit hier dabei « ( und sie wies aufs Herz ) » und tun alles aus Liebe ? Ja , Kind , denn is es schlimm , denn gibt es ' nen Kladderadatsch . « Johanna folgte mit Margot . Sie blieben absichtlich etwas zurück und brachen sich Birkenreiser ab , wie wenn sie vorhätten , einen Kranz daraus zu flechten . » Wie gefällt sie dir denn ? « sagte Margot . » Ich meine die von Gaston . « » Gefallen ? gar nich . Das fehlt auch noch , daß solche mitspielen und in Mode kommen ! Sieh doch nur , wie ihr die Handschuh sitzen . Und mit dem Hut is auch nicht viel . Er dürfte sie gar nicht so gehn lassen . Und sie muß auch dumm sein , sie spricht ja kein Wort . « » Nein « , sagte Margot , » dumm ist sie nicht ; sie hat ' s bloß noch nich weg . Und daß sie sich gleich an die gute Dicke ranmacht , das is doch auch klug genug . « » Ach , die gute Dicke . Geh mir mit der . Die denkt , sie is es . Aber es is gar nichts mit ihr . Ich will ihr sonst nichts nachsagen , aber falsch ist sie , falsch wie Galgenholz . « » Nein , Johanna , falsch is sie nu grade nich . Und sie hat dir auch öfter aus der Patsche geholfen . Du weißt schon , was ich meine . « » Gott , warum ? Weil sie selber mit drinsaß und weil sie sich ewig ziert und wichtig tut . Wer so dick ist , ist nie gut . « » Jott , Johanna , was du nur redst . Umgekehrt is es , die Dicken sind immer gut . « » Na meinetwegen . Aber das kannst du nicht bestreiten , daß sie ' ne lächerliche Figur macht . Sieh doch nur , wie sie dahinwatschelt ; wie ' ne Fettente . Und immer bis oben ran zu , bloß weil sie sich sonst vor anständigen Leuten gar nicht sehen lassen kann . Und , Margot , das laß ich mir nicht nehmen , ein bißchen schlanke Figur ist doch die Hauptsache . Wir sind doch noch keine Türken . Und warum wollte sie nicht mit auf den Kirchhof ? Weil sie sich jrault ? I bewahre , sie denkt nich dran , bloß weil sie sich wieder eingeknallt hat und es vor Hitze nicht aushalten kann . Und is eigentlich nich mal so furchtbar heiß heute . « So gingen die Gespräche , bis sich die beiden Paare schließlich wieder vereinigten und auf einen mit Moos bewachsenen Grabenrand setzten . Isabeau sah öfter nach der Uhr ; der Zeiger wollte nicht recht vom Fleck . Als es aber halb zwölf war , sagte sie : » Nun , meine Damen , ist es Zeit ; ich denke , wir haben jetzt gerade genug Natur gehabt und können mit Fug und Recht zu was andrem übergehen . Seit heute früh um sieben eigentlich keinen Bissen . Denn die Grünauer Schinkenstulle kann ich doch nicht rechnen ... Aber Gott sei Dank , alles Entsagen , sagt Balafré , hat seinen Lohn in sich , und Hunger ist der beste Koch . Kommen Sie , meine Damen , der Rehrücken fängt an wichtiger zu werden als alles andre . Nicht wahr , Johanna ? « Diese gefiel sich in einem Achselzucken und suchte die Zumutung , als ob Dinge wie Rehrücken und Bowle je Gewicht für sie haben könnten , entschieden abzulehnen . Isabeau aber lachte . » Nun , wir werden ja sehn , Johanna . Freilich der Zeuthner Kirchhof wäre besser gewesen . Aber man muß nehmen , was man hat . « Und damit brachen allesamt auf , um aus dem Wald in den Garten und aus diesem , drin sich ein paar Zitronenvögel eben haschten , bis in die Front des Hauses , wo gegessen werden sollte , zurückzukehren . Im Vorübergehen an der Gaststube sah Isabeau den mit dem Umstülpen einer Moselweinflasche beschäftigten Wirt . » Schade « , sagte sie , » daß ich grade das sehen mußte . Das Schicksal hätte mir auch einen besseren Anblick gönnen können . Warum gerade Mosel ? « Vierzehntes Kapitel Eine rechte Heiterkeit hatte nach diesem Spaziergange trotz aller von Isabeau gemachten Anstrengungen nicht mehr aufkommen wollen , was aber , wenigstens für Botho und Lene , das schlimmere war , war das , daß diese Heiterkeit auch ausblieb , als sich beide von den Kameraden und ihren Damen verabschiedet und ganz allein , in einem nur von ihnen besetzten Kupee , die Rückfahrt angetreten hatten . Eine Stunde später waren sie , ziemlich herabgestimmt , auf dem trübselig erleuchteten Görlitzer Bahnhof eingetroffen , und hier , beim Aussteigen , hatte Lene sofort und mit einer Art Dringlichkeit gebeten , sie den Weg durch die Stadt hin allein machen zu lassen , » sie seien ermüdet und abgespannt und das tue nicht gut « , Botho aber war von dem , was er als schuldige Rücksicht und Kavalierspflicht ansah , nicht abzubringen gewesen , und so hatten sie denn in einer klapprigen alten Droschke die lange , lange Fahrt am Kanal hin gemeinschaftlich gemacht , immer bemüht , ein Gespräch über die Partie , und » wie hübsch sie gewesen sei « , zustande zu bringen - eine schreckliche Zwangsunterhaltung , bei der Botho nur zu sehr gefühlt hatte , wie richtig Lenens Empfindung gewesen war , als sie von dieser Begleitung in beinahe beschwörendem Tone nichts hatte wissen wollen . Ja , der Ausflug nach » Hankels Ablage « , von dem man sich soviel versprochen und der auch wirklich so schön und glücklich begonnen hatte , war in seinem Ausgange nichts als eine Mischung von Verstimmung , Müdigkeit und Abspannung gewesen , und nur im letzten Augenblick , wo Botho liebevoll , freundlich und mit einem gewissen Schuldbewußtsein sein » Gute Nacht , Lene « gesagt hatte , war diese noch einmal auf ihn zugeeilt und hatte , seine Hand ergreifend , ihn mit beinah leidenschaftlichem Ungestüm geküßt : » Ach , Botho , es war heute nicht so , wie ' s hätte sein sollen , und doch war niemand schuld ... Auch die andern nicht . « » Laß es , Lene . « » Nein , nein . Es war niemand schuld , dabei bleibt es , daran ist nichts zu ändern . Aber daß es so ist , das ist eben das Schlimme daran . Wenn wer schuld hat , dann bittet man um Verzeihung , und dann ist es wieder gut . Aber das nutzt uns nichts . Und es ist auch nichts zu verzeihn . « » Lene ... « » Du mußt noch einen Augenblick hören . Ach , mein einziger Botho , du willst es mir verbergen , aber es geht zu End . Und rasch , ich weiß es . « » Wie du nur sprichst . « » Ich hab es freilich nur geträumt « , fuhr Lene fort . » Aber warum hab ich es geträumt ? weil es mir den ganzen Tag vor der Seele steht . Mein Traum war nur , was mir mein Herz eingab . Und was ich dir noch sagen wollte , Botho , und warum ich dir die paar Schritte nachgelaufen bin : es bleibt doch bei dem , was ich dir gestern abend sagte . Daß ich diesen Sommer leben konnte , war mir ein Glück und bleibt mir ein Glück , auch wenn ich von heut ab unglücklich werde . « » Lene , Lene , sprich nicht so ... « » Du fühlst selbst , daß ich recht habe ; dein gutes Herz sträubt sich nur , es zuzugestehen , und will es nicht wahrhaben . Aber ich weiß es : gestern , als wir über die Wiese gingen und plauderten und ich dir den Strauß pflückte , das war unser letztes Glück und unsere letzte schöne Stunde . « Mit diesem Gespräche hatte der Tag geschlossen , und nun war der andre Morgen , und die Sommersonne schien hell in Bothos Zimmer . Beide Fenster standen auf , und in den Kastanien draußen quirilierten die Spatzen . Botho selbst , aus einem Meerschaum rauchend , lag zurückgelehnt in seinem Schaukelstuhl und schlug dann und wann mit einem neben ihm liegenden Taschentuche nach einem großen Brummer , der , wenn er zu dem einen Fenster hinaus war , sofort wieder an dem andern erschien , um Botho hartnäckig und unerbittlich zu umsummen . » Daß ich diese Bestie doch los wäre . Quälen , martern möcht ich sie . Diese Brummer sind allemal Unglücksboten und so hämisch zudringlich , als freuten sie sich über den Ärger , dessen Herold und Verkündiger sie sind . « In diesem Augenblicke schlug er wieder danach . » Wieder fort . Es hilft nichts . Also Resignation . Ergebung ist überhaupt das beste . Die Türken sind die klügsten Leute . « Das Zuschlagen der kleinen Gittertür draußen ließ ihn während dieses Selbstgesprächs auf den Vorgarten blicken und dabei des eben eingetretenen Briefträgers gewahr werden , der ihm gleich danach , unter leichtem militärischen Gruß und mit einem » Guten Morgen , Herr Baron « , erst eine Zeitung und dann einen Brief in das nicht allzu hohe Parterrefenster hineinreichte . Botho warf die Zeitung beiseite , zugleich den Brief betrachtend , auf dem er die kleine , dichtstehende , trotzdem aber sehr deutliche Handschrift seiner Mutter unschwer erkannt hatte . » Dacht ich ' s doch ... Ich weiß schon , eh ich gelesen . Arme Lene . « Und nun brach er den Brief auf und las : » Schloß Zehden . 29. Juni 1875 Mein lieber Botho . Was ich Dir als Befürchtung in meinem letzten Briefe mitteilte , das hat sich nun erfüllt : Rothmüller in Arnswalde hat sein Kapital zum 1. Oktober gekündigt und nur aus alter Freundschaft hinzugefügt , daß er bis Neujahr warten wolle , wenn es mir eine Verlegenheit schaffe . Denn er wisse wohl , was er dem Andenken des seligen Herrn Barons schuldig sei . Diese Hinzufügung , so gut sie gemeint sein mag , ist doch doppelt empfindlich für mich ; es mischt sich soviel prätentiöse Rücksichtnahme mit ein , die niemals angenehm berührt , am wenigsten von solcher Seite her . Du begreifst vielleicht die Verstimmung und Sorge , die mir diese Zeilen geschaffen haben . Onkel Kurt Anton würde helfen , wie schon bei frührer Gelegenheit , er liebt mich und vor allem Dich , aber seine Geneigtheit immer wieder in Anspruch zu nehmen hat doch etwas Bedrückliches und hat es um so mehr , als er unsrer ganzen Familie , speziell aber uns beiden , die Schuld an unsren ewigen Verlegenheiten zuschiebt . Ich bin ihm , trotz meines redlichen mich Kümmerns um die Wirtschaft , nicht wirtschaftlich und anspruchslos genug , worin er recht haben mag , und Du bist ihm nicht praktisch und lebensklug genug , worin er wohl ebenfalls das Richtige treffen wird . Ja , Botho , so liegt es . Mein Bruder ist ein Mann von einem sehr feinen Rechts- und Billigkeitsgefühl und von einer in Geldangelegenheiten geradezu hervorragenden Gentilezza , was man nur von wenigen unsrer Edelleute sagen kann . Denn unsre gute Mark Brandenburg ist die Sparsamkeits- und , wo geholfen werden soll , sogar die Ängstlichkeitsprovinz , aber so gentil er ist , er hat seine Launen und Eigenwilligkeiten , und sich in diesen beharrlich gekreuzt zu sehen hat ihn seit einiger Zeit aufs ernsthafteste verstimmt . Er sagte mir , als ich letzthin Veranlassung nahm , der uns abermals drohenden Kapitalskündigung zu gedenken : Ich stehe gern zu Diensten , Schwester , wie du weißt , aber ich bekenne dir offen , immer da helfen zu sollen , wo man sich in jedem Augenblicke selber helfen könnte , wenn man nur etwas einsichtiger und etwas weniger eigensinnig wäre , das erhebt starke Zumutungen an die Seite meines Charakters , die nie meine hervorragendste war : an meine Nachgiebigkeit ... Du weißt , Botho , worauf sich diese seine Worte beziehen , und ich lege sie heute Dir ans Herz , wie sie damals , von Onkel Kurt Antons Seite , mir ans Herz gelegt wurden . Es gibt nichts , was Du , Deinen Worten und Briefen nach zu schließen , mehr perhorreszierst als Sentimentalitäten , und doch , fürcht ich , steckst Du selber drin , und zwar tiefer , als Du zugeben willst oder vielleicht weißt . Ich sage nicht mehr . « Rienäcker legte den Brief aus der Hand und schritt im Zimmer auf und ab , während er den Meerschaum halb mechanisch mit einer Zigarette vertauschte . Dann nahm er den Brief wieder und las weiter . » Ja , Botho , Du hast unser aller Zukunft in der Hand und hast zu bestimmen , ob dies Gefühl einer beständigen Abhängigkeit fortdauern oder aufhören soll . Du hast es in der Hand , sag ich , aber , wie ich freilich hinzufügen muß , nur kurze Zeit noch , jedenfalls nicht auf lange mehr . Auch darüber hat Onkel Kurt Anton mit mir gesprochen , namentlich im Hinblick auf die Sellenthiner Mama , die sich , bei seiner letzten Anwesenheit in Rothenmoor , in dieser sie lebhaft beschäftigenden Sache nicht nur mit großer Entschiedenheit , sondern auch mit einem Anflug von Gereiztheit ausgesprochen hat . Ob das Haus Rienäcker vielleicht glaube , daß ein immer kleiner werdender Besitz , nach Art der Sibyllinischen Bücher ( wo sie den Vergleich herhat , weiß ich nicht ) , immer wertvoller würde ? Käthe werde nun zweiundzwanzig , habe den Ton der großen Welt und verfüge mit Hilfe der von ihrer Tante Kielmannsegge herstammenden Erbschaft über ein Vermögen , dessen Zinsbetrag hinter dem Kapitalsbetrag der Rienäckerschen Heide samt Muränensee nicht sehr erheblich zurückbleiben werde . Solche junge Dame lasse man überhaupt nicht warten , am wenigsten aber mit soviel Beharrlichkeit und Seelenruhe . Wenn es Herrn von Rienäcker beliebe , das , was früher darüber von seiten der Familie geplant und gesprochen sei , fallenzulassen und stattgehabte Verabredungen als bloßes Kinderspiel anzusehn , so habe sie nichts dagegen . Herr von Rienäcker sei frei von dem Augenblick an , wo er frei sein wolle . Wenn er aber umgekehrt vorhabe , von dieser unbedingten Rückzugsfreiheit nicht Gebrauch machen zu wollen , so sei es an der Zeit , auch das zu zeigen . Sie wünsche nicht , daß ihre Tochter in das Gerede der Leute komme . Du wirst dem Tone , der hieraus spricht , unschwer entnehmen , daß es durchaus nötig ist , Entschlüsse zu fassen und zu handeln . Was ich wünsche , weißt Du . Meine Wünsche sollen aber nicht verbindlich für Dich sein . Handle , wie Dir eigene Klugheit es eingibt , entscheide Dich so oder so , nur handle überhaupt . Ein Rückzug ist ehrenvoller als fernere Hinausschiebung . Säumst Du länger , so verlieren wir nicht nur die Braut , sondern das Sellenthiner Haus überhaupt und , was noch schlimmer , ja das schlimmste ist , auch die freundlichen und immer hilfebereiten Gesinnungen des Onkels . Meine Gedanken begleiten Dich , möchten sie Dich auch leiten können . Ich wiederhole Dir , es wäre der Weg zu Deinem und unser aller Glück . Womit ich verbleibe Deine Dich liebende Mutter Josephine von R. « Botho , als er gelesen , war in großer Erregung . Es war so , wie der Brief es aussprach , und ein Hinausschieben nicht länger möglich . Es stand nicht gut mit dem Rienäckerschen Vermögen , und Verlegenheiten waren da , die durch eigne Klugheit und Energie zu heben er durchaus nicht die Kraft in sich fühlte . » Wer bin ich ? Durchschnittsmensch aus der sogenannten Obersphäre der Gesellschaft . Und was kann ich ? Ich kann ein Pferd stallmeistern , einen Kapaun tranchieren und ein Jeu machen . Das ist alles , und so hab ich denn die Wahl zwischen Kunstreiter , Oberkellner und Croupier . Höchstens kommt noch der Troupier hinzu , wenn ich in eine Fremdenlegion eintreten will . Und Lene dann mit mir als Tochter des Regiments . Ich sehe sie schon in kurzem Rock und Hackenstiefeln und ein Tönnchen auf dem Rücken . « In diesem Tone sprach er weiter und gefiel sich darin , sich bittre Dinge zu sagen . Endlich aber zog er die Klingel und beorderte sein Pferd , weil er ausreiten wolle . Und nicht lange , so hielt seine prächtige Fuchsstute draußen , ein Geschenk des Onkels , zugleich der Neid der Kameraden . Er hob sich in den Sattel , gab dem Burschen einige Weisungen und ritt auf die Moabiter Brücke zu , nach deren Passierung er in einen breiten , über Fenn und Feld in die Jungfernheide hinüberführenden Weg einlenkte . Hier ließ er sein Pferd aus dem Trab in den Schritt fallen und nahm sich , während er bis dahin allerhand unklaren Gedanken nachgehangen hatte , mit jedem Augen blicke fester und schärfer ins Verhör . » Was ist es denn , was mich hindert , den Schritt zu tun , den alle Welt erwartet ? Will ich Lene heiraten ? Nein . Hab ich ' s ihr versprochen ? Nein . Erwartet sie ' s ? Nein . Oder wird uns die Trennung leichter , wenn ich sie hinausschiebe ? Nein . Immer nein und wieder nein . Und doch säume und schwanke ich , das eine zu tun , was durchaus getan werden muß . Und weshalb säume ich ? Woher diese Schwankungen und Vertagungen ? Törichte Frage . Weil ich sie liebe . « Kanonenschüsse , die vom Tegler Schießplatz herüberklangen , unterbrachen hier sein Selbstgespräch , und erst als er das momentan unruhig gewordene Pferd wieder beruhigt hatte , nahm er den früheren Gedankengang wieder auf und wiederholte : » Weil ich sie liebe ! Ja . Und warum soll ich mich dieser Neigung schämen ? Das Gefühl ist souverän , und die Tatsache , daß man liebt , ist auch das Recht dazu , möge die Welt noch so sehr den Kopf darüber schütteln oder von Rätsel sprechen . Übrigens ist es kein Rätsel , und wenn doch , so kann ich es lösen . Jeder Mensch ist seiner Natur nach auf bestimmte , mitunter sehr , sehr kleine Dinge gestellt , Dinge , die , trotzdem sie klein sind , für ihn das Leben oder doch des Lebens Bestes bedeuten . Und dies Beste heißt mir Einfachheit , Wahrheit , Natürlichkeit . Das alles hat Lene , damit hat sie mir ' s angetan , da liegt der Zauber , aus dem mich zu lösen mir jetzt so schwerfällt . « In diesem Augenblicke stutzte sein Pferd , und er wurde eines aus einem Wiesenstreifen aufgescheuchten Hasen gewahr , der dicht vor ihm auf die Jungfernheide zujagte . Neugierig sah er ihm nach und nahm seine Betrachtungen erst wieder auf , als der Flüchtige zwischen den Stämmen der Heide verschwunden