sie den Mädchen in entschiedenem Tone zu , » daß ihr wieder anfangen wollt , während die Sonne untergegangen ist und wir bald fortgehen werden ? Kommt nur gleich mit und nehmt euere Sachen zusammen ! « Die Mädchen ließen ihre Knaben ohne sichtbare Trauer gehorsam fahren ; die letzteren aber erröteten und waren verlegen , was der Frau nicht entging und sie ein bißchen ärgerte ; denn es schien ihr nicht schicklich , daß die Bürschchen rot zu werden brauchten . Sie spielten mit ihren silbernen Uhrkettchen , folgten aber den Frauen zu den Tischen . Ihre Mutter empfing sie mit leuchtenden Blicken . » Was ist das für eine Aufführung , ihr Tausendkerle , « rief sie ihnen zu , » mit den Jungfern zu tanzen , und wo habt ihr es nur gelernt ? « » Hei , das weißt du ja wohl , Mama , in der Tanzstunde ! « » Schweigt ! Freilich weiß ich ' s ! Danket Gott , daß ihr Eltern habt , die soviel für euch tun und alles aufwenden , was sie vermögen ! Und der Vater arbeitet von früh bis spät ; jahraus und -ein plagt er sich , kauft Land und pflanzt und schwitzt , und im Winter läßt er es aus Frankreich und bis aus Algier kommen ! Denn er sagt , die Kosten gehen erst recht an , wenn ihr Studenten seid , da müsse es zu Tausenden parat liegen ! Herr Salander , ich hab gehört , daß Ihr jeden Augenblick Ratsherr werden könntet , wenn Ihr wolltet . Nun , Ihr seid Kaufherr , das ist auch schön , und eine Art milder Ratsherr noch dazu ! Aber ein paar so studierte Räte oder Fürspreche oder Pfarrherren , wie die zwei Schlingel da , ist doch auch nicht übel ? « Mit glückseligen Augen blinzelte sie die Söhne an , welche sich den Wein eingeschenkt hatten , der noch in der Flasche gewesen , und sich weidlich den Durst löschten . » Trinkt und eßt , « rief sie , » und mög es euch gut tun ! Soll ich noch eine Halbe befehlen ? « Die Knaben verneinten es , da sie noch nicht einmal in das Alter vorgerückt , in welchem man über Durst zu trinken gelernt hat . » Nun denn , so wollen wir aufbrechen , die Suppe wird bald fertig sein und der Vater die Milch auch besorgt haben . Dann geht er noch zum Sonntagsschöppchen , und das ist ihm wohl zu gönnen ! Kommt , macht vorwärts , ihr Sapperlöter ! Ich will wetten , wenn ihr einmal die weißen Mützen tragt , oder auch rote , so denkt ihr , die halben Nächte lang nicht heimzukommen ! Aber wartet nur , wartet nur ! Man wird euch die Schneckentänze vertreiben ! Jetzt empfehle ich mich höflich dem Herrn und der Frau , und freut mich sehr der werten Bekanntschaft , hoffentlich nicht das letzte Mal , und denen Jungfern - heda , ihr Buben , bedankt ihr euch nicht für die schöne Unterhaltung , und steht dort wie Opferstöcke ? « Die Knaben ließen sich blöder und unbeholfener herbei , als sich nach ihrem kecken Tanzen hätte vermuten lassen , um den Mädchen die Hände zu geben und gute Nacht zu sagen . Endlich zog die glückliche Mutter mit den Söhnen von dannen , und es wurde nun stiller . Martin Salander wünschte noch ein wenig auszuruhen , da er einen dreistündigen Marsch hinter sich hatte ; der Sohn Arnold , der mit einer buschigen Handvoll Waldpflanzen eintraf , warf sie auf den Tisch , um sie zu ordnen , und entdeckte , daß er mit Trank und Speise zu kurz gekommen sei , wodurch er den Vorteil erreichte , mit dem Vater extra einen Schoppen auszustechen , da Mutter und Schwestern nur Milch mit eingebrocktem Brot gegessen hatten . Salander fragte , wie sie denn in die Gesellschaft dieser Familie Weidelich geraten seien ? » Das weiß ich selber kaum ! « sagte Frau Marie , » wir hatten soeben hier Platz genommen , als wir auf einmal mittendrin waren . Arnold kennt , wie es scheint , die jungen Herren ! « » Ich habe sie früher schon im Scherz gefragt , « erzählte nun Arnold , » ob sie auch noch wüßten , wie sie als kleine Buben am Brunnen im Zeisig einen andern mit Wasser gespitzt haben , weil er zu seiner Mutter nicht Mama sagte . Das dünkte sie sehr lustig , und sie haben es ohne Zweifel zu Hause wiedererzählt , wo man sich der Begebenheit auch erinnert haben mag . Heute haben sie , wie ich bemerkte , ihrer Mutter sogleich zugesteckt , ich sei jener Junge , und wir alle seien die Leute von der Kreuzhalde , von denen nachher soviel die Rede gewesen . « » Dann kam sie heran , « fuhr die Mutter fort , » machte sich an mich und hatte keine Ruhe , als die armen Musikanten laut wurden , bis ihre Knaben ihre Tanzkunst zeigen durften , was unsern beiden Springmäusen da , versteht sich , ganz genehm war ! « » Sie tanzen aber auch schon sehr gut « , riefen Setti und Netti , » und nehmen jetzt noch Tanzstunden ! « » Gott sei Dank ! « versetzte Frau Marie , » ich sehe sie deswegen doch noch , wie sie die Mäuler aussperrten damals , als wir hungerten , und die Reste verschlangen , auf die wir so sehnlich harrten ! « » Ach , es waren ja Kinder ! Wir hätten ' s auch hinuntergeschluckt , wenn man uns Butterbrötchen mit Honig in den Mund steckte ! « meinten die Mädchen . » Solche Zwillinge sind doch unbequem und vexierlich , « sagte der Vater , » ich kann diese wenigstens gar nicht voneinander unterscheiden ! « » Oh , sie haben doch ihre Abzeichen ! « rief Netti fast vorlaut ; » das linke Ohrläppchen des Julian ist ein bißchen in sich gewickelt , etwa wie ein Stücklein Spritzkuchen , ganz appetitlich ! Ich sah es , wenn sein welliges Haar auf und nieder schlug . « » Das ist ja merkwürdig ! « fiel Setti ein , » der andere , Isidor heißt er , glaub ich , hat das rechte Ohrläppchen genauso wie ein Eiernudelchen ! « » Wissenschaftlich höchst merkwürdig ! « erklärte der Bruder mit schalkhafter Trockenheit , » das sind einfach entweder die Überbleibsel einer untergegangenen Form oder die Anfänge einer neuen , zukünftigen ! Laßt eure Ohrläppchen untersuchen , Mädchen ! Wenn ihr Ähnliches aufweiset , so nehmt euch in acht , sonst wählen euch die Zwillinge zu ihren Frauen , um nach der Selektionstheorie eine neue Art von wickelohrigen Menschen zu stiften ! Oder heiratet sie lieber gleich freiwillig ! « Die Mutter hielt ihm die Hand über den Mund , da er neben ihr saß , und rief : » Schweig , du Nichtsnutz , wenn du nichts Gescheiteres aus der Schule zu schwatzen weißt als solche Possen ! « Der Vater aber lachte und sagte : » Das hast du gut gemacht , Arnold ! Und jetzt wollen wir auch heimwandern , sonst wird es zu dunkel ; denn wir haben Neumond , aber die Sterne kommen schön , seht doch , einer nach dem andern ! « VIII Die Söhne Weidelich fuhren fort , kräftig emporzuwachsen und leiblich zu gedeihen ; sie gingen in guter Haltung einher , voll sichtlicher Zufriedenheit mit dem Aufsehen , das sie erregten , wenn sie beisammen waren . Auch an geistigen Gaben litten sie nicht eben Mangel , wohl aber an der Ausdauer , die vorgenommenen Studien zu vollenden . Als sie in die oberen Klassen rückten und das Leben und Lernen ihnen täglich ernster und tiefsinniger wurde , war Julian der erste , der nicht mehr » wollte « . Er sprang ab und ging auf die Schreibstube eines Notars . Isidor hielt aus , bis zum Schlusse , machte aber die Prüfungen zum Übergang an die Hochschule nicht mehr mit , sondern besuchte als sogenannter Zuhörer ein halbes Jahr lang einige juristische Vorlesungen und stand dann auch auf einer Notariatskanzlei unter . Beide besaßen eine regelmäßig schöne Handschrift , wie sie der angehenden Gelehrsamkeit , die andere Bedürfnisse hat , sonst nicht eigen zu bleiben pflegt , und beide liebten gleichmäßig , sich im Malen kalligraphischer Kunststücke zu ergehen . Sie erwiesen sich als sehr brauchbar in den vorkommenden Geschäften und eigneten sich durch die tägliche Erfahrung beinahe spielend die diesem Kanzleiwesen zugrunde liegenden Kenntnisse an . Dem Vater Weidelich wollte ein solcher Ausgang zwar nicht gefallen ; er fragte , ob das die ganze Herrlichkeit sei , die man habe erreichen wollen ? Die Mama hingegen war höchlich zufrieden . » Die Buben sind klüger als wir , « sagte sie , » die wissen schon , wo sie hinaus müssen ! Können sie nicht alles , was man ihnen zu tun gibt ? Warum sollen sie sich ihre jungen Köpfe zerbrechen wie andere Narren ? « Und weil sie nun , anstatt fernere unabsehbare Kosten zu verursachen , bereits selber etwas Geld verdienten , fand sich auch der Vater zufriedengestellt und blieb es , als im Alter von knapp zwanzig Jahren die Zwillinge von den Vorgesetzten zu ihren Amtsvertretern befördert wurden und demgemäß bereits gerichtliche Zeugnisse über ihre Wahlfähigkeit als Notare besaßen . Um diese Zeit ungefähr ereignete es sich , daß ein seltsames Phänomen verliebter Leidenschaft mehr in der Welt war oder ruchbar wurde . Martin Salander glaubte wahrzunehmen , daß seine zwei Töchter und deren Mutter nicht mehr in einem vertraut unbefangenen Verhältnis zueinander standen , daß die Töchter in einer geheimnisvollen Übereinstimmung zusammenhielten und lebten , die Mutter dagegen von einem tiefen Ernst , wo nicht Kummer , erfüllt schien , den sie nicht immer zu verhehlen wußte , besonders seit sie nicht mehr in ihrer Handlung beschäftigt war . Denn Salander , dessen Hauptverkehr ohne besondere Anstrengung fortwährend ordentlich blühte , vielleicht gerade weil er nicht künstelte und spekulierte , mehr von seinen bürgerlichen Liebhabereien oder Pflichtleistungen eingenommen : Salander mochte nicht länger ansehen , wie Frau Marie ohne alle Not sich als Handelsfrau plagte . Er hatte daher das Filialwesen einem tätigen jungen Kaufmann um gutes Geld überlassen und die treffliche Gattin zur Ruhe gesetzt , was sie sich ohne überflüssige Reden gefallen ließ . Den ganzen Gewinn , der ein schönes Kapital ausmachte , hatte er , ohne Widerspruch zu dulden , zu ihrem längst versicherten Frauengute geschlagen , damit sie unabhängig von ihm selbst und seinem Stern oder Unstern , und im Falle seines Todes auch unabhängig von den Kindern sein sollte in einer unsichern Zeit . Da sie also nun mit Gedanken und Sorgen , die sie drückten , nicht mehr hinter dem Kaufmannspult untertauchen konnte , lag ihr Angesicht offen vor dem Manne , und dieser fragte , was vorgehe ? Wenn die gute Frau reden mochte , so hätte sie es ja von selbst getan . Sie sah vor sich nieder , rieb sich die Hände als ob es sie frösteln würde . Dann sagte sie : » Ein Ziegel ist uns auf den Kopf gefallen ! « » Ein Ziegel ? Von welchem Dache denn ? « fragte Martin betreten , da er aus dem Ernste der Gattin auf etwas Bedenkliches , ja Gefährliches schließen mußte . » Ich kann es doch nicht länger für mich allein verwinden ! Unsere Töchter haben eine Liebschaft ! « » Zusammen dieselbe ? « fragte der Mann lächelnd , etwas erleichtert , daß es nicht auf Schrecklicheres hinauslief . Die Frau verharrte in strengem Ernste . » Nein , es ist eine Doppelliebschaft , kurz und gut , sie haben sich mit den Zwillingsschreibern aus dem Zeisig verlobt ! « » Die Hexen ! Wie kommt denn das , wann , wie , wo denn ? Da muß ich mich allerdings langsam hineinfinden ! Das ist fast eine Nachricht wie ein Dachziegel , wenn es auch nicht gleich ein Loch in den Kopf macht ! « » Mir hat es den Kopf genug durchlöchert . Denke dir doch , zwei Mädchen von fünf- und sechsundzwanzig Jahren wollen zwei zwanzigjährige Zwillinge heiraten ! Das ist ein ungehöriges Abenteuer , beides , das Alter und die Zwillinge ! Wären es alte Weiber , die sich junge Männer nehmen , so kommt das ja oft vor , man lacht , und damit ist ' s gut ! Aber Mädchen , in der Blüte ihrer Jahre und doch an der Grenze ihrer Jugend stehend , eine solche Wahl treffen , flaumbärtige Gecklein , zwei Schwestern zwei Zwillinge ! « » Nun , es ist schon eine Art Roman und auch mir nicht just angenehm ; allein die Liebe macht ja stets fort solche Streiche ; sagt man nicht hundertmal , was man erlebe , sei oft krasser als alles , was man erfinde ? « » Ja , ja ! Es ist dann auch meistens danach , ich danke dafür ! Ach , liebster Mann , wir haben gewiß gefehlt , daß wir die Kinder nirgends in die Welt geschickt haben und auch nichts erlernen ließen , was einem Berufe ähnlich war ! Du sagtest , wer Töchter im Hause zu behalten vermöge , der solle es tun , und von Pensionen wolltest du nichts wissen , noch weniger von Berufssachen . Das nanntest du den Ärmeren das Brot vor dem Munde wegnehmen und eine Hungerschluckerei , wo es sich nicht um bestimmte Talente handle , die zu pflegen seien . Du schwärmtest für die freien Töchter des Hauses und für die freien Hausfrauen , welche nicht der Dienstbarkeit zu verfallen brauchen , und ich stimmte dir bei , weil ich selbst von unserm Glück betört war , obgleich ich wußte , wie gut es mir gekommen wäre , wenn ich einstmals einen Beruf gelernt hätte ! Du mußt das nicht übelnehmen , es soll nicht der leiseste Vorwurf sein ! « » Ich versteh es auch nicht so , mein liebes Weib , weil ich genau weiß , wie gut du dich durch die Welt schlägst ! Daß sie dir auf der Kreuzhalde die Bäume weggeschlagen haben , war nicht deine oder meine Schuld ! « » Lassen wir das ; ich will nur sagen , hätten die Mädchen nicht über eine so vollkommene Muße und Freiheit verfügt , so hätten sie schwerlich das widerwärtige Abenteuer zusammen ausspintisiert ! Jetzt , was sollen wir mit dem Zwillingsgemüse anfangen ? Und die aufgeblasene Waschfrau obendrein ! « » Ei , was die betrifft , so ist es gewiß eine rohe Muschel ; aber auch sie birgt die Perle der Muttertreue ! Doch mit alledem , erfahre ich nicht , was eigentlich vorgeht . Haben sie sich dir offenbart ? « » Gott bewahre , sie sind ja volljährig ! Sie würden die Eltern allerdings zur gutfindenden Zeit begrüßt haben ; auch wäre , wie ich sicher glaube , keines der Kinder für sich allein so verschlagen , so rücksichtslos gegen uns gewesen , aber das verwünschte Doppelgespann hat die traurige Geschichte zu einer verschworenen Heimlichkeit gemacht - « » Liebe Marie , « unterbrach Martin , » wir wollen die Frage der Zulässigkeit einstweilen ruhen lassen ! Du kannst doch nicht im Ernste behaupten , daß Zwillinge sich nicht verehelichen dürfen , und ebensowenig , daß es zwei Schwestern , denen sie gefallen , verboten sei , sie zu nehmen . « » Das behaupte ich alles nicht , ich sage nur , daß es mir in unserem Falle nicht gefällt , nicht konveniert , mich bekümmert , weil es eine ungesunde Laune ist ! Denke dir , wie ein paar unreife Knaben unsere erwachsenen Töchter aufs Korn gefaßt und sie förmlich erobert haben , während die törichten Mädchen im Besitze des schönen Geheimnisses die besten Anlässe verschmähten , zu Männern zu kommen ! Und wir freuten uns bald ihrer Zurückgezogenheit , wenn sie wie Nonnen hausten und in dunklen Kleidern , verschleiert , einhergingen , bald bedauerten wir , daß sie das junge Leben nicht froher genießen wollten ! Freilich , sie haben es auf ihre Weise genossen - du mußt wissen daß die jungen Leutchen Zusammenkünfte halten , wenn es ihnen beliebt ; Mondscheinnächte , Sonnenaufgänge im Sommer , lange Spaziergänge im Frühling , im Winter die Eisbahn - unsere alte Magd hat mir alles hinterbracht , nachdem sie jahrelang geschwiegen . Und warum ? Weil sie sich mit der Weidelichsfrau auf dem Markte gezankt hat , die ihr schon von obenherab aufspielen wollte . Sie klatschte nämlich , unsere Töchter seien jedenfalls eine halbe Million wert , das Stück , das höre man allenthalben sagen ! Diese Schwätzerei und Vertraulichkeit wollte sich die Magdalene doch nicht gefallen lassen , sie gab eine ablehnende Antwort , sie forsche nicht nach , was die Herrschaft besäße und dergleichen , worauf die andere entgegnete , da möge sie als Dienstbote recht haben , sie , die Frau Weidelich , sei eben im Falle , sich eher darum zu kümmern , was diese oder jene Leute für Vermögen hätten . Sie solle nicht zu neugierig sein , sagte wiederum unsere Magd , noch sei nicht aller Tage Abend . Wenn eine Waschfrau aus dem Kalten waschen wolle , so möge sie immerhin zwei Zuber in den Regen hinausstellen , das gebe ein schönes Wasser zum Reinspülen ; wenn sie aber eine Million auffangen wolle , so genüge es nicht immer , zwei Zwillinge auf die Welt zu stellen und auf die Suche zu schicken ! Worauf sie sich ausschalten , bis es hinreichte und die Magdalene ganz erhitzt nach Hause gelaufen kam und mir alles hinterbrachte und beichtete . Als ich ihr natürlich die Leviten las und sie fortzuschicken drohte , weil sie uns so schmählich und fortgesetzt hintergangen , redete sie sich damit aus , daß die Kinder ihr heilig versprochen hätten , bei erster Gelegenheit die Sache den Eltern selbst zu entdecken , womit sie ja ganz aus dem Spiele käme . Ich habe aber aus dem Zanke auf dem Markte erfahren und bin überzeugt , daß die Mutter der Zwillinge die Urheberin und das Triebrad des ganzen Elendes ist . Geschwiegen habe ich bis jetzt , weil ich mich schämte , mich von den eigenen Kindern so beiseite gesetzt zu sehen ! « » Du hast da wohl recht , arme Marie , « versetzte der Mann mit trüber Miene , » nur teile ich dies Schicksal mit dir . Aber doch möchte ich sagen , es sei nicht die Gesinnung oder übler Charakter , was die Mädchen zu ihrem kuriosen Wandel getrieben , sondern das Bewußtsein des Auffälligen und Untunlichen des ganzen Verlaufes , den ihr dummer Liebeshandel genommen hat . Eh ich sie nun zur Rede stelle , wünschte ich nur zu wissen , welcher Art eigentlich der intime Verkehr des artigen Quartetts ist ; ich möchte mich nicht im Tone vergreifen , du wirst mich verstehen ? « » Die Magdalene hat mir geschworen , daß es in aller ehrbaren Sitte zugehe . Sie sähen sich höchstens des Monats einmal , und die Mädchen hielten die jungen Menschen streng in den Schranken eines sogar pedantischen Verkehrs . Wenn man nicht wie ein Sperber aufpasse , so merke man kaum , daß zwei Liebespaare zusammen seien . Die willfährige Person hat die Kinder nämlich schon mehrmals auf nächtlichen Ausgängen begleitet und bewacht , während wir ahnungslos schliefen . « » Ich muß einer solchen Zusammenkunft unbemerkt beiwohnen und glaube , das beste wäre , alsdann je nach den Umständen mitten unter das Völkchen zu treten und die Sache zum Austrag zu bringen , jedenfalls die Burschen nach Hause zu schicken und die Mädchen gleich mit heimzunehmen . « » Wenn es damit getan ist ! « sagte Frau Salander ; » es ist mir aber jedenfalls lieb , wenn du die Sache nun rasch an die Hand nimmst und zum Rechten siehst . Ich bin dem Handel nicht gewachsen , es beklemmt mir die Brust , mit Töchtern , die keine Kinder mehr sind , von Dingen zu sprechen , die nicht sein sollten . Wenn nur unser Arnold hier wäre , so wüßte ich schon , was ich täte ! « » Nun , was denn ? « » Er müßte mir als ein flotter Student , der er ist , die Schreiberlein verjagen und seinen Schwestern die tollen Ideen austreiben ! « » Ach , du gute Frau , da bist du nicht auf dem rechten Wege ! Tolle Ideen sind leider ein zäheres Herz als die heißeste Leidenschaft . Übrigens kommt er ja nicht mehr als Student , sondern als Doctor juris zurück , und ich fürchte , er würde nicht mehr die frühere Laune dazu haben . « Die Gelegenheit , einer Schäferstunde der verratenen Liebesleute beizuwohnen , ergab sich nach wenigen Tagen . Martin Salander hatte vor einiger Zeit die Töchter genötigt , aus ihrer nonnenhaften Haltung herauszutreten und sich in einen Gesangchor aufnehmen zu lassen , welcher jeweilig größere Tonwerke einübte und in Verbindung mit einem zahlreichen Orchester in einer der Stadtkirchen hören ließ . Sie hatten gute Stimmen und konnten auch ordentlich singen . Es sei barbarisch , sagte er , solcher Übung aus dem Wege zu gehen , anstatt durch dieselbe anderen Freude bereiten zu helfen und sich selbst für die späteren Jahre die Fähigkeit zu erwerben , mit Verständnis zu hören und zu genießen , wenn man nicht mehr mittun könne . Um die gleiche Zeit traten auch die Brüder Isidor und Julian in den Chor . Jetzt hatte Magdalene der Frau Salander die Kunde zugeraunt , daß in der morgigen Konzertprobe , welche bis spät in die Nacht dauern werde , die Salanderschen Fräulein mit ihrer Leistung ziemlich früher fertig würden und mit den Liebhabern eine Zusammenkunft verabredet hätten . » Rate , wo sie hingehen ! « sagte Marie zum Manne , als sie ihm die Ankündigung hinterbrachte . » Du errätst es nicht , und doch sind sie oft dort gewesen : in dem großen Garten , der sich hinter dem Hause deines Geschäftslokales erstreckt ! « » Die Wetterhexen ! Wie kommen sie hinein ? Sie werden mir doch nicht die Haus- und Kontorschlüssel ausführen und die fremden Bursche überall durchlassen ? « » Bewahre ! Sie haben den alten rostigen Schlüssel gefunden , der die kleine Hintertüre in der Gartenmauer aufschließt , der Mauer , welche das große Grundstück an der entlegenen Seitenstraße eingrenzt . Die Mädchen gehen zuerst hin , zehn Minuten später machen sich die Zwillinge aus der Probe fort . « An dem betreffenden Tage hielten sich die Töchter still zu Hause bis am Abend , rollten dann ihre Singstimmen zusammen und begaben sich richtig in die Konzertprobe . Der Vater hatte sie am Mittagtische beobachtet , etwas verlegen , denn es waren ja stattliche Frauenzimmer von guter Haltung und lang nicht mehr Kinder . Er hatte auch nichts Besonderes an ihnen gewahrt , als daß sie dem musikalischen Abend mit einiger Spannung entgegensahen , der schwierigen Aufgabe wegen . Das Haus , in welchem er seine Geschäftsräume gemietet , war im übrigen zur Zeit unbewohnt , und Salander ging zuweilen mit dem Gedanken um , das alte Wesen zu kaufen und umzubauen , kam aber immer wieder bescheidentlich davon ab . Inzwischen hatte er einen Buchhalter und den Gewerbsknecht darin untergebracht ; die hausten aber auf einer anderen Seite , als wo der Garten lag . Salander begab sich am vorgerückten Abend unbemerkt auf sein Kontor , machte bei verschlossenen Läden Licht und verweilte so lange , bis er die Stunde für gekommen hielt . Dann zog er Gummischuhe über die Füße und ging leise über den mondhellen Hof weg bis an das Gittertor des parkartigen Gartens . Vorsichtig guckte er eine Weile durch das krause Eisenzeug , hörte und sah jedoch weder einen Laut noch eine Bewegung von Menschen . Also öffnete er sachte das Gitter und betrat den Garten , der überall mit schlanken hohen Bäumen besetzt war , wie sie jetzt nicht mehr gepflanzt wurden . Ungefähr in der Mitte stand ein altes , in Sandstein gearbeitetes und verwittertes Brunnenwerk mit Delphinen und Tritonen , von einem spärlichen Wassergeträufel umflüstert . Vor dem Brunnen dehnte sich ein geräumiger Rundplatz , von mächtigen Akazien umstanden , und da die Bäume noch unbelaubt waren , schien der Vollmond ungehindert auf den Platz wie auch auf die Alleewege , die in denselben mündeten . Dicht hinter dem Brunnen stand ein neues Gebüsch von Nadelhölzern . Martin Salander schlüpfte hinein ; es verbarg ihn vollkommen . Diesen Platz beschloß er besetzt zu halten , da dem Brunnen gegenüber eine halbrunde Steinbank den zu dieser Jahreszeit einzigen Ruhesitz darbot . Es war auch Zeit , daß der lauschende Vater seinen Standort eingenommen . In wenig Minuten hörte er ganz nahe gedämpfte , aber rasche Schritte , und die dunklen Gestalten seiner Töchter glitten wie Nachtschatten an dem Brunnen vorüber und umwandelten nebeneinander den runden Platz , ohne ein Wort zu sprechen , zwei- oder dreimal , bis sie plötzlich vor dem Brunnenbecken anhielten . Salander konnte sie nicht erkennen , sie hatten die Schleier tief über die Gesichter und um Hals und Kinn gezogen . Sie streiften die Handschuh ' ab , suchten die hohle Hand unter den Delphinen mit Wasser zu füllen und schlürften es begierig in sich hinein . Zwar wehte eine milde Aprilnacht in der Luft , fast wie eine Mainacht so lau , aber doch nicht so warm , den Durst der Jungfrauen zu erklären . Himmel , da brennt ' s , daß sie so löschen ! dachte Martin Salander hinter seinen Koniferen ; natürlich , trägt doch jede ein Elmsfeuer im Herzen ! Sie schöpften abermals Wasser und kühlten die Stirnen , nachdem sie die Schleier etwas gelüftet . Die armen Würmer ! dachte der Vater wiederum , das ist eine schwierige Geschichte ! Jetzt erkannte er auch die jüngere , Nettchen , an der Stimme , als sie nicht laut , aber vernehmlich sagte : » O Setti , ich fürchte , unser Glück hat am längsten gedauert ! « » Warum ? Wegen der schlechten Madlene ? « erwiderte die ältere Schwester , freilich auch nicht ohne einen unfreiwilligen Seufzer . » Ach , schilt sie deswegen nicht , sie ist unserer Mutter doch auch etwas schuldig ! Und einmal mußte es doch kommen , jetzt ist es da ! « » Nun ist es freilich da oder wird bald kommen , ja ! Nun heißt es eben kämpfen und ausharren ! Oder sollen wir die liebsten Menschen , dies Wundergeschenk des Himmels , leichten Sinnes fahrenlassen und verstoßen ? « » Und kannst du dich so leichten Kaufes im Unfrieden von den besten Eltern trennen ? Wenn nur die Mutter die armen Knaben für brav halten könnte ! Aber ich weiß , sie tut es nicht und tut es nicht ! « » Sie hat gut sagen , weil sie alle mit unserem Vater vergleicht , der freilich ein Ausbund ist , dem nicht jeder das Wasser reicht ! Und doch ist er vielleicht nicht minder ein kleiner Springinsfeld gewesen , so gut wie unsere blonden Schätze , die Goldköpfe ! Und sind sie nicht jetzt schon so fleißig wie die Bienen , ehe sie nur die Nahrungssorgen kennen ? Ich verlasse mich auf die nie ganz versiegende Güte der Mutter und hauptsächlich aber auf den freieren Sinn des Vaters ! Ich habe neulich ein gewiß wahres Wort gelesen , daß nur ein Mann im vollen Sinne des Wortes human sein könne , human in allen Lagen des Lebens ! Ich fühle wenigstens , ich als Weib bin es nicht imstande , ich will nichts weiter sagen ! « Salander war von solch ungeheuerlichen Reden seiner Ältesten so verwundert und zugleich erschüttert , daß er sich unwillkürlich an einer jungen Tanne festhielt und so ein Geräusch in dem Busche verursachte . Die Schwestern schwiegen mäuschenstill , voll Schrecken in die Finsternis hineinstarrend . Als nichts weiter erfolgte , sagte Setti : » Es ist der Wind oder ein Vogel gewesen , den wir aus dem Schlafe geweckt haben . Wir wollen uns niedersetzen ! « Sie wandten sich nach der Steinbank , hatten sie aber noch nicht erreicht , als im Hintergrunde die Mauerpforte knarrte . Die Mädchen standen wie gebannt und sahen die Zwillingsherren auf den Fußspitzen die mondhelle Allee einhersäuseln . Auf dem Brunnenplatze angelangt , breiteten sie ohne Säumen die Arme nach den Liebhaberinnen aus , wurden jedoch zurückgewiesen . » Halt , ihr Herren ! « schalt Setti mit verhaltener , aber entschiedener Stimme , » es ist ausgemacht , daß ihr bei solcher Gelegenheit ungleiche Hüte tragen sollt , damit jede Dame ihren Ritter erkennen kann ! Nun kommt ihr mit Hüten , die sich so gleich sehen wie zwei Eier ! Welcher ist denn nun der Isidor ? « » Und welcher der Julian ? « fügte Netti bei . Beide riefen gleichzeitig : » Ich ! « offenbar aus Mutwillen . » Laßt sehen ! « befahl Setti unwillig , » die Ohrläppchen her ! « Sie ging auf den einen zu und griff nach seinem rechten Ohre , während Netti das gleiche mit dem linken Ohre des andern tat . Aha ! sagte Salander bei sich selbst , das Eiernudelchen und das Zuckerschneckchen ! und wieder mußte er an sich halten , um sich nicht durch lautes Gelächter zu verraten . Soll ich diese meine zwei Meisterstücke mit ihren Liebhabern nicht um Geld sehen lassen ? Inzwischen hatten die Schwestern richtig herausgefunden , was ihnen gehörte , ohne sich von den Schäkern länger hänseln zu