gleichsam von der Tiefe einer Theaterloge aus ! Es galt einen Versuch ! - Sie ging durch die Hausflur in die Wohnstube . Da war es sehr dämmerig ; das Gaslicht kam schwach durch die Fenster herein und warf nur einen intensiveren Lichtfleck auf die eine Wandfläche , auch auf das Zifferblatt der schönen großen , wohlbekannten Standuhr . Das behäbig langsame Ticken des alten Inventarstückes berührte die Heimkehrende herzbewegend wie ein Gruß von lieber Menschenstimme . Tante Sophie war nicht da , sie hatte selbstverständlich oben » alle Hände voll zu thun « ; dafür war das ganze , große Zimmer von dem Duft ihrer Lieblingsblumen erfüllt - auf dem Eßtisch stand ein mächtiger Strauß Levkojen und Reseda , wohl der letzte für dieses Jahr aus Tante Sophiens eigenem kleinen Garten vor dem Thore - wie das alles anheimelte ! - Margarete warf Hut und Mantel auf einen Stuhl , schwang sich auf den hohen Fenstertritt und sah hinaus über den gashellen Markt hin ... Alles wie sonst , da sie noch in den Kinderschuhen gesteckt und die scharfen Steinkanten des holprigen Pflasters unter den Sohlen gefühlt , da der kleine , zum Teil noch von uralten Verteidigungsmauern eifersüchtig umschlossene Straßenkomplex , Stadt B. genannt , für sie die Welt bedeutet hatte , in der sie um jeden Preis leben und sterben gewollt ! ... Alles wie sonst , der bemooste Neptun auf dem Marktbrunnen , das Eckhaus schräg gegenüber mit seinem Steinbild über der gewölbten Thüre - welches besagte , daß der Hausbesitzer zum Bierbrauen berechtigt sei - , die schrille , kleine Glocke auf dem Rathaustürmchen , die eben halb acht schlug , das ferne Klingeln verschiedener Schellen an den Ladenthüren , und auch die edle Wißbegierde der guten Landsmänninnen , die dort in einem Trupp an der Straßenecke standen und , schlafende Kinder in ihre weiten , runden Kattunmäntel gewickelt , lange Hälse machten ; sie konnten sich nicht satt sehen an dem Kronleuchter , der droben in Lamprechts guter Stube brannte , und zischelten wacker durcheinander - der richtige , rechtschaffene Klatsch an der Straßenecke . Die junge Dame verließ ihren hohen Standpunkt am Fenster und lachte - sie machte es ja nicht besser als die schnatternde Gesellschaft da drüben , sie huschte ja jetzt auch hinauf , um zu sehen , was alles dieser Kronleuchter beschien ... 8 Das lautlose Huschen wurde ihr nicht schwer . Ein neuer , breiter Läufer von dickflaumigem Teppichstoff verschlang jeden Fußtritt auf der Treppe . Vor Margarete her eilte der Livreebediente mit einer Platte voll Selterswasserflaschen hinauf ; er bemerkte die junge Dame nicht , und droben ließ er achtlos die Thüre offen , weit genug für einen Flederwisch wie sie , meinte sie und huschte durch den Spalt . Der Flursaal war spärlich beleuchtet ; nur aus der weit offenen Salonthüre strömte der Kerzenglanz und teilte als breiter Streifen den mächtigen Raum in zwei Hälften , und in dem Moment , wo der Bediente mit seinen Flaschen in die offene Salonthüre trat , schlüpfte Margarete hinter ihm weg in den dunkelnden Hintergrund und trat in eine der Fensternischen . Sie konnte einen großen Teil des Salons überblicken ; und es war wirklich , als säße sie in der Theaterloge und sähe ein interessantes Lustspiel ... Der ersten Liebhaberin - das war die junge Fremde dort an der Tafel zweifellos - konnte sie gerade in das Gesicht sehen ; es war ein hübsches , volles , ruhig lächelndes Gesicht auf schneeweißem , rundem Halse und breiten , üppigschönen Schultern . Die junge Dame saß so , daß für die Beschauerin draußen der alte berühmte Lamprechtsche Tafelaufsatz , ein mächtiges , mit Früchten und frischen Blumen beladenes Kauffahrteischiff von gediegenem Silber , dicht neben ihr zu stehen schien - das gab ein farbenprächtiges Bild ; frischer waren die Blumen auch nicht als der blonde Mädchenkopf mit seinem strahlenden Teint ... Also , das war sie , diese Heloise von Taubeneck , die gegenwärtig eine so dominierende Rolle bei » Amtsrats « spielte ! ... Nun , verwunderlich war es gerade nicht , daß die Großmama über diese neue Beziehung so » ganz und gar aus dem Häuschen « sein sollte , wie Tante Sophie sich in Berlin ausgedrückt hatte . Eine Nichte des Herzogs - sei es auch nur die Tochter des verstorbenen apanagierten Prinzen Ludwig aus einer unebenbürtigen Ehe - dereinst Schwiegertochter nennen zu dürfen , das übertraf ja weit , weit Großmamas kühnste Wünsche ! Wie sie wohl dies unmenschliche Glück trug ? - Nun , die ehrgeizige alte Dame lehnte denn auch dort an der Schmalseite der Tafel , mit stolzseligem Gesichtsausdruck und die Hände fast andächtig gefaltet , in ihrem Stuhl und verwandte kein Auge von der blonden Schönheit neben dem Sohn , dem einzigen , vergötterten , der in rapider Geschwindigkeit Staffel um Staffel im Staatsdienst erstieg und mit neunundzwanzig Jahren schon » ein Herr Landrat « war . Wie oft hatte ihn Margarete als Kind aus Papas Munde spottweise » unser zukünftiger Minister « nennen gehört ! Nun war er in der That dem hochgesteckten Ziel nahe , wie Tante Sophie in Berlin erzählt . Sie hatte gesagt , man munkele bereits im Lande , daß ein Wechsel in Sicht sei - der bisherige Chef des Ministeriums kränkele und habe den Wunsch , nach dem Süden zu gehen . Schlechte Leute aber behaupteten , Seiner Exzellenz thue keine Ader weh ; die Diagnose rühre nicht vom Arzt , sondern von einer hohen Persönlichkeit her , und der Herr Landrat Marschall würde , trotz seiner wirklich ausgezeichneten Fähigkeiten , keinesfalls den Harrassprung in die hohe Stellung machen , wenn nicht eben - jenes Fräulein Heloise von Taubeneck wäre . » Ja , die Welt ist gar schlecht mit ihrer losen Zunge ! « Damit waren diese neuesten Nachrichten aus der Heimat unter bedauerlichem Achselzucken geschlossen worden ; aber der Schalk hatte der Tante aus jedem Augenwinkel gelacht . Uebrigens sei Herbert wirklich ein vornehmer Mann geworden - hatte sie sich beeilt hinzuzusetzen - , wie geboren zu einer hohen Beamtenstellung , wo man sich gegen Krethi und Plethi abschließen müsse ... Nun ja , er war ein hübscher Mann geworden , eine rechte Diplomatenfigur mit seiner vornehmen Sicherheit in Thun und Wesen . Wenn sie ihm in der Fremde plötzlich begegnet wäre , da hätte sie vielleicht gestutzt , aber auf den ersten Blick ihn sicher nicht erkannt ... Sie hatte ihn lange nicht gesehen , es mochten wohl sieben Jahre darüber vergangen sein . Als Student hatte er seine Ferienzeit meist auf Reisen verlebt , und wenn er ja einmal nach Hause gekommen , da war sie dem » eingebildeten Studiosus « , der immer noch keinen Bart und deshalb auch kein Anrecht auf den diktatorisch geforderten Onkeltitel gehabt , klüglich aus dem Wege gegangen , und er hatte nie gefragt , wo sie stecke - selbstverständlich ! - Nun war ihm aber der Bart gewachsen , ein schöner , dunkler , am Kinn leicht geteilter Vollbart , und aus dem mißachteten Studenten war ein Herr » Landrat « geworden , der noch dazu mit vollen Segeln auf seine Verheiratung lossteuerte und binnen kurzem eine Tante an seiner Seite haben würde ; da konnte man mit gutem Gewissen » Onkel « sagen - ja wohl , unbedenklich ! Das junge Mädchen in der dunklen Fensterecke lächelte schelmisch und ließ die Augen weiter schweifen . Bei Betreten des Flursaales war ihr ein lautes Stimmendurcheinander entgegengekommen ; man hatte sehr lebhaft gesprochen , und sie meinte auch , Großpapas geliebte , rauhe Stimme herausgehört zu haben . Mit dem Eintritt des Bedienten jedoch war es stiller geworden , und jetzt sprach nur eine einzige , ganz angenehme , wenn auch etwas fette Frauenstimme ; sie schien gewissermaßen zu dominieren , und in der Modulation lag , besonders wenn es galt , eine eingeworfene Frage zu beantworten , eine merkliche Herablassung . Margarete konnte die Sprecherin nicht sehen ; sie mochte dem Papa zur Rechten sitzen , während Fräulein von Taubeneck links seine Nachbarin war . Die unsichtbare Dame erzählte einen Vorfall bei Hofe , hübsch und anschaulich , und unterbrach sich nur manchmal mit einem » nicht wahr , mein Kind ? « - was die schöne Heloise stets mit der Antwort » gewiß , Mama ! « prompt und gleichmütig bestätigte . So war es also Frau Baronin von Taubeneck , die Witwe des Prinzen Ludwig , welche neben dem Papa saß ... Wie stolz er aussah ! Die finstere Melancholie , welche die Tochter bei jedem Wiedersehen aufs neue erschreckt hatte , schien heute wie weggewischt von den schönen , wenn auch stark alternden Zügen . Die Großmama war somit nicht die einzige , die sich in den Strahlen des über der Familie aufgehenden Glücksgestirnes sonnte ... Frau von Taubeneck beschrieb eben mit gesteigerter Lebendigkeit , wie das Pferd des Herzogs alle Anstrengungen gemacht , seinen Reiter abzuwerfen , als sie plötzlich aufhorchend verstummte . Ueber ihre ziemlich laute Stimme hinweg schwebte ein Klang in das Zimmer herein , ein langausgehaltener Ton - er schwoll und schwoll und blieb doch geisterhaft zart und unirdisch , bis er plötzlich abriß , um eine Terz tiefer einzusetzen . » Magnifique ! Was für eine Stimme ! « rief Frau von Taubeneck halblaut . » Bah - ' s ist ein Junge , gnädige Frau , ein aufdringlicher Bengel , der einem seine Kehltöne an den Kopf wirft , wo man geht und steht ! « sagte Reinhold , der an der Tischecke neben der Frau Amtsrätin saß - seine schwache , knabenhafte Stimme bebte im verhaltenen Aerger . » Ei nun ja , du hast recht - die Singerei im Packhause wird auch mir nachgerade zu viel ! « bestätigte die Großmama und sah ihn besorgt von der Seite an . » Aber es fällt mir doch im ganzen Leben nicht ein , mich darüber zu ärgern ! Hübsch ruhig , Reinhold ! Die Familie im Packhause ist für uns ein notwendiges Uebel , an welches man sich mit der Zeit gewöhnt - du wirst es auch lernen . « » Nein , Großmama , grundsätzlich nicht ! « versetzte der junge Mann , während er mit nervöser Hast seine Serviette zusammenfaltete und sie auf den Tisch warf . » Puh , wie heftig ! « lachte Fräulein von Taubeneck - was für herrliche Zähne sie hatte ! - » Viel Lärm um nichts ! - Es ist mir nicht erfindlich , wie sich Mama durch die paar Töne unterbrechen lassen konnte , noch weniger aber begreife ich Ihren Zorn , Herr Lamprecht - so etwas höre ich gar nicht . « Sie hob den weißen , bis an die Schulter entblößten Arm , nahm eine schöne Orange von dem Tafelaufsatz und fing an , sie zu schälen . Reinholds bleiches Gesicht rötete sich ein wenig - er schämte sich seiner Heftigkeit . » Ich ärgere mich nur , « entschuldigte er sich , » daß man den Singsang so widerspruchslos hinnehmen muß . Der eitle Bursch sieht jedenfalls , daß wir Gesellschaft haben , und meint , er gehöre auch dazu - unverschämt ! - Er will um jeden Preis bewundert sein . « » Wenn du das denkst , da bist du aber stark auf dem Holzwege , Reinhold ! « sagte Tante Sophie eben hinter ihm weggehend . Sie hatte bisher an der Kaffeemaschine ihres Amtes gewaltet und einen starkduftenden Trank gebraut , dessen erste Tasse sie auf einem Silbertellerchen der Frau von Taubeneck persönlich präsentierte . Sie war in ihrem schweren , schwarzseidenen Ripskleide ; das volle , graue Haar saß wie immer in zwei glänzenden Scheitelpuffen zu beiden Seiten der hellen Stirn , und darüber her fiel eine schöne schwarze Spitze . Sie sah ganz vornehm aus , die mittelgroße , gut konservierte Gestalt mit ihrem sicheren Auftreten . Und die Zuckerschale von der Tafel nehmend , setzte sie hinzu : » Der Kleine fragt viel nach unsereinem ; der singt für sich selber wie der Vogel auf dem Zweig . Das quillt ihm nur so aus der Brust , und ich hab ' zu jeder Stund ' meine Freude dran - ' s ist die reine Pracht und Herrlichkeit , eine wahre Gottesstimme : Hören Sie ' s ? « Sie sah sprechend über die Tafelrunde hin und neigte den Kopf nach der Richtung des Hofes . » Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre ! « sang der Knabe drüben im Packhause - eine lieblichere Stimme hatte wohl noch nie zur Ehre Gottes gesungen . Reinhold warf der Tante einen Blick zu , der die Lauscherin im Fensterwinkel empörte . » Wie kannst du dich unterstehen , in diesem auserwählten Kreise mitzureden ? « Diese Frage lag deutlich genug in den hochmütigen , fast farblosen Augen , und daneben sprühte die tiefste Erbitterung . Margarete kannte ja das schmale , fleischlose Gesicht , auf welchem das Muskelspiel so harte , scharfe Linien zog , in jeder Regung ; sie hatte es als Kind ängstlich studieren gelernt , aus schwesterlicher Liebe und auch , weil man gewohnt war , sie für jeden Heftigkeitsausbruch des schwächlichen Knaben verantwortlich zu machen . Geändert hatte er sich nicht ; er war immer gewohnt gewesen , um seines Leidens willen in allem seinen Kopf durchsetzen zu dürfen ; auch jetzt trieb ihm sein bodenloser Eigensinn das Blut dunkel nach dem Gesicht ; nervös unruhig griff seine Hand nach verschiedenem Gerät auf der Tafel und stieß es durcheinander , bis ein scharfes Klirren die unwillkürlich Lauschenden aufschreckte . » Pardon , ich war sehr ungeschickt ! « stammelte er kurzatmig . » Aber die Stimme macht mich ganz nervös - - sie klingt mir im Ohr , wie wenn ein Trinkglas mit nassem Finger bestrichen wird . « » Nun , dem ist ja abzuhelfen , Reinhold , « sagte Herbert beruhigend . Er stand auf und kam heraus in den Flursaal , um die der Salonthüre gegenüberliegenden offenen Fensterflügel zu schließen ... Also auch darin hatte sich nichts geändert . Reinhold war stets Herberts Portégé und Liebling gewesen , und wie einst der Primaner und Student beeifert gewesen war , dem kränklichen Neffen alles Aergerliche und Verstimmende aus dem Wege zu räumen , so that es auch zu dieser Stunde noch der Herr Landrat ... Den Flursaal entlang gehend , inspizierte er auch die anderen Fenster und kam an Margaretens Versteck heran . Sie drückte sich tiefer in die finstere Ecke , und dabei rieb sich ihr Seidenkleid knisternd an der Wand . » Ist jemand hier ? « fragte er aufhorchend . Sie lachte in sich hinein . » Ja , « sagte sie halblaut , » aber kein Dieb oder Mörder , auch nicht die Ahne Dorothee aus der Spukstube - du brauchst dich nicht zu fürchten , Onkel Herbert - es ist nur die Grete aus Berlin ! « Damit trat sie aus dem Fensterwinkel - ein schlankes Mädchen , das sich lächelnd mit lässiger Grazie ein wenig vorbog , um sich zur Bestätigung von dem letzten Schrägstreifen des Kerzenlichtes bescheinen zu lassen . Er war unwillkürlich zurückgewichen und sah sie an , als traute er seinen eigenen Augen nicht . » Margarete ? « wiederholte er ungewiß , fragend und reichte ihr etwas zögernd die Hand hin ; sie legte die ihre kühl hinein , und er ließ sie ohne Druck wieder fallen - eine recht steife Begrüßung , aber ganz in der Ordnung . » So bei Nacht und Nebel kommst du heim ? « fragte er wieder . » Und niemand im Hause weiß um dein Kommen ? « Ihre dunklen Augen blitzten ihn mutwillig an . » Ja , weißt du , einen Kurier wollte ich nicht vorausschicken - das kommt ein bißchen zu teuer für meine Einkünfte ; und da dachte ich mir , unterbringen werden sie dich schon zu Hause , auch wenn du unverhofft kommst . « » Nun , wenn ich einen Augenblick im Zweifel war , ob die junge Dame da wirklich die übermütige Grete sei , so weiß ich ' s jetzt - du kommst zurück , wie du gegangen bist ! « » Ich will ' s hoffen , Onkel ! « Er wandte das Gesicht halb zur Seite , und da war ' s , als gehe ein leises Lächeln durch seine Züge . » Was soll aber nun werden ? « fragte er . » Willst du nicht hereinkommen ? « » O , beileibe nicht ! Die Herbstkühle in den Kleidern , Staub und Ruß auf dem Gesicht ; dazu eine heruntergetretene Falbel am Rock und ein Paar zerplatzter Handschuhe in der Tasche - ein schönes Debüt vor dem Staatsfrack und brillanten Hofschleppen ! « - Sie deutete nach dem Salon , wo bereits wieder eine laute , lebhafte Konversation im Gange war . » Auf keinen Fall , Onkel ! du wirst dich doch nicht so mit mir blamieren wollen ? ! « » Nun , wie du willst , « sagte er kühl und zuckte die Schultern . » Wünschest du , daß ich dir den Papa oder Tante Sophie herausschicke ? « » Gott behüte ! « Sie trat unwillkürlich weiter vor und streckte die Hand aus , um ihn zurückzuhalten ; dabei tauchte ihr Kopf für einen Moment tief in das herüberströmende Licht - ein feiner , anziehender Kopf , den dunkle Locken umwogten - » Gott behüte - was denkst du ? Zu einer Begrüßung im Dunkeln sind mir die beiden viel zu lieb ! - Ich muß ihre Gesichter klar vor mir haben , muß sehen , ob sie sich auch freuen ... Und müssen denn die da drüben durchaus wissen , daß du mich als Horcherin an der Wand ertappt hast ? - Ich schäme mich ohnehin genug . Aber das Licht hier oben lockte zu verführerisch , und da taumelte die dumme Motte hinein ! ... Nun gehe ich wieder - ich habe genug gesehen ! « » So ? Und was hast du denn gesehen ? « - » O , sehr viel Schönheit , wirkliche , bewunderungswürdige Schönheit , Onkel ! Aber auch viel Vornehmheit , viel - Herablassung - zu viel für unser Haus ! « » Die Deinen finden das nicht ! « sagte er scharf . » Es scheint so , « gab sie achselzuckend zu . » Die sind aber auch viel gescheiter als ich . Mir hat von jeher der Dünkel meiner Ahnen , der alten Leinenhändler , im Blute gesteckt - ich lasse mir nicht gern etwas schenken . « Er trat von ihr weg . » Ich werde dich wohl nun deinem Schicksal überlassen müssen , « sagte er trocken , mit einer leichten steifen Neigung des Kopfes . » O , bitte - nur noch einen Augenblick ! Wäre ich die Frau mit den Karfunkelsteinen , dann könnte ich ungefährdet verschwinden und brauchte dich nicht zu inkommodieren ; so aber muß ich dich bitten , für einen Moment die Salonthüre zu schließen , damit ich vorüber kann . « Er schritt rasch nach der Thüre , ergriff beide Flügel und zog sie hinter sich zu . Margarete flog durch den Flursaal ; sie hörte , wie drinnen einstimmig gegen das Schließen der Thüre protestiert wurde , und ehe sie die äußere Thüre hinter sich zudrückte , sah sie noch , wie die beiden Flügel langsam wieder aufgingen , wie sich der bärtige Männerkopf noch einmal verstohlen herausbog , jedenfalls um zu sehen , ob der Eindringling den Ausweg gefunden habe - lustig ! Der steifnackige Herr Landrat und die übermütige Grete im Komplott ! Das hätte er sich wohl zehn Minuten zuvor auch nicht träumen lassen ! ... Ein Aufschrei empfing sie , als sie wieder in die dämmerdunkle Wohnstube trat . Die nach der Küche führende Thüre wurde aufgerissen , und Bärbe rannte hinaus , daß ihr die Röcke flogen . » Sei gescheit , Bärbe ! « rief Margarete lachend und ging ihr nach bis auf die Schwelle der hellerleuchteten Küche . » Ich sehe ihr ja gar nicht ähnlich , der im roten Salon , und so durchsichtig wie die spinnwebige Frau Judith bin ich doch wahrhaftig auch nicht ! ... Komm her und gib mir eine Hand , alte , treue Seele - hab ' mich gar manchmal nach dir gesehnt ! Da « - sie streckte ihre schöne , schmale Hand hin - » sie ist warm und von Fleisch und Bein ! Du kannst sie getrost anfassen ! « Und » die alte , treue Seele « war plötzlich wie närrisch vor Freude . Sie faßte nicht nur die Hand , sie schüttelte sie auch , daß dem jungen Mädchen Hören und Sehen verging , und die Thränen stürzten ihr aus den Augen ... Ja , da waren nun fünf Jahre nur so verflogen , der Mensch wußte nicht wie ! Und aus dem Gretel war eine Dame geworden , fix und fertig , wie ein Döckchen ! Aus dem Ausbund ! - » Wie eine kleine , wilde Katze ist sie mir gar manches Mal von hinterrücks auf meinen breiten Buckel ' naufgesprungen , wenn ich kein Arg hatte und in meinen Aufwasch vertieft war , « - sagte sie zu der Küchenmagd und wischte sich lachend die Augen - » ja , zum Umstürzen war der Schreck allemal ! - Aber « - ihre laute , grelle Stimme sank zum Flüstern herab - » das sollten Sie doch nicht , Fräulein - ich mein ' , mit solchen , wie die oben im Gange , soll sich der Mensch nicht vergleichen ! ' s ist ein Aber dabei , und Sie sind ohnehin so blaß , gar so blaß ! « Margarete verbiß mit Mühe das Lachen . » Also auch da alles beim alten ! Nun ja , « - ihre Mundwinkel zuckten in leiser Ironie - » an uns ist kein Tadel , gut konservativ sind wir ' , sagte Tante Sophie immer , wenn Reinhold die abgerissenen Arme und Beine meiner Puppen sorgfältig sammelte und als alten Besitz respektierte ... Hast recht , Bärbe , blaß bin ich , aber doch frisch genug , um mich meines Leibes und Lebens gegen deine Gespenster zu wehren . Und du sollst sehen , in unserer starken Thüringer Luft werden meine Backen bald rund und rot wie Borsdorfer Aepfel sein ... Aber horch ! « - durch das offene Küchenfenster klang wieder die Knabenstimme herein - » jetzt sage mir , wer singt denn drüben im Packhause ? « » ' s ist der kleine Max , ein Enkelchen von den alten Lenzens . Seine Eltern sollen gestorben sein , und da haben ihn die Großeltern zu sich genommen . Er geht hier auf die Schule und muß wohl das Kind von einem Sohn sein - er heißt auch Lenz . Sonst kann ich nichts sagen . Sie wissen ' s ja , es sind so stille Leute ; ob sie Freud ' oder Leid erleben , ein anderer Christenmensch erfährt ' s nicht . Und unser Herr Kommerzienrat und die Frau Amtsrätin können ' s partout nicht leiden , wenn unsereiner auch nur thut , als wohnten Leute im Packhause . ' s ist von wegen der Klatscherei , wissen Sie , Fräulein ; und richtig ist ' s ja , so gemein darf sich ein Haus wie unseres nicht machen ... Der Kleine freilich fragt viel danach , was bei uns Brauch ist - ' s ist ein schönes Kind , Fräulein Gretchen , ein Staatsjunge ! - Aber der ist vom ersten Tage an mir nichts dir nichts in den Hof ' runtergestiegen , und da spielt er wie von Rechts wegen , akkurat wie Sie und der junge Herr Reinhold klein da ' rumgetollt haben . « » Brav , mein Junge ! Ein tapferer kleiner Kerl ! Da ist Kraft und Selbstbewußtsein drin ! « - nickte Margarete vor sich hin . » Was sagt denn aber die Großmama ? « » Ja , die Frau Amtsrätin , die ist freilich toll und böse , und der junge Herr erst - ach , ach ! « sie fuhr mit der Hand durch die Luft - » da gibt ' s viel böses Blut ! Aber es hilft alles nichts , und wenn ' s noch so deutlich durch die Blume gegeben wird , der Herr Kommerzienrat hat keine Ohren ... Ich glaube , im Anfang hat er ' s gar nicht gesehen , daß das fremde Kind da ' rumgelaufen ist , wo ' s nicht hingehört - er ist ja immer so in tiefen Gedanken - das kömmt vom schwarzen Geblüt , Fräulein , nur davon ! Nun ja , und solche Leute sehen manchmal nicht rechts und nicht links , und andere Menschen sind für sie nicht auf der Welt . Wie ' s ihm aber doch endlich beigebracht worden ist , da hat er gesagt , sie sollten das Kind nur spielen lassen , wo es wollte , der Hof wär ' groß genug - und dabei ist ' s geblieben , und der Aerger muß ' nuntergewürgt werden . « Sie nahm eine Stecknadel aus ihrem Halstuch und steckte eine halbgelöste Schleife am Kleid der jungen Dame fest ; dann zupfte sie die Spitze am Halsausschnitt zurecht und strich mit beiden Händen glättend über den etwas zerknitterten Seidenrock . » So , nun kann ' s losgehen ! « sagte sie zurücktretend . » Die werden gucken da oben ! so unverhofft und so mitten hinein in die große Gesellschaft - « Margarete schüttelte den Kopf , daß die Locken flogen . Das war nun freilich nicht nach dem Sinn der alten Köchin . Es sei heute » extra schön « oben , meinte sie , und beim Champagner würde es wohl richtig gemacht worden sein zwischen der vom Hofe und dem Herrn Landrat ... » Ein paar schöne Menschen , Fräulein , und eine große Ehre für die Familie ! « schloß sie ihre Mitteilungen . » Gesehen hab ' ich freilich von der ganzen Herrlichkeit noch nichts , ich in meiner Küche hier unten ; aber die Leute sagen ' s , und die Neidhammel in der Stadt sagen auch , die Frau Amtsrätin würde ja wohl noch zerplatzen vor lauter Hochmut ... Ja , die losen Mäuler ! Der Mensch kann sich nicht genug in acht nehmen ! « ... Mit diesen Worten nahm sie eine Tischlampe vom Sims , um sie für Margarete anzubrennen ; aber die junge Dame verbat sich alle Beleuchtung . Sie wollte im Dunkeln warten , bis droben alles vorüber sei und stieg wieder auf den Fenstertritt in der Wohnstube . Da saß sie nun und sann ; und zu allem , was durch den jungen Kopf flog , sagte die alte Uhr ihr ruhiges , gleichmäßiges Ticktack und ebnete gleichsam die hochgehenden Wogen in der Seele . Reinholds Gehässigkeit und sein und der Großmama Hochmut machten ihr das Blut wallen ; aber es wurde niedergekämpft - nein , die Heimkehr in das väterliche Haus ließ sie sich absolut nicht verbittern ! Fort mit der unerquicklichen Wahrnehmung ! ... Da war das Gesicht der schönen Dame vom Hofe , das hatte nichts Aufregendes ! Sie mußte sehr überlegenen Verstandes oder eine phlegmatische Natur sein , diese herzogliche Nichte mit der unbeschreiblichen Ruhe und Gelassenheit in Zügen und Gebärden ... Früher hatte man kaum um die Existenz der schönen Heloise von Taubeneck gewußt . Prinz Ludwig hatte einen hohen preußischen Militärposten bekleidet und seinen Wohnsitz in Koblenz gehabt . Nur selten war er an den heimischen Hof gekommen , und das den apanagierten Prinzen des herzoglichen Hauses zur Verfügung gestellte Landschlößchen , der Prinzenhof , hatte lange Jahre unbewohnt gestanden . Es lag außerhalb der Stadt am Fuße eines ehemaligen Burgberges , den noch einzelne Mauertrümmer krönten , und war ein einstöckiger Rokokobau mit Mansarde und den nötigen Remisen und Stallungen , die unter dem Laubdach herrlicher alter Nußbäume völlig verschwanden , während sich vor der geschnörkelten Vorderfront ein hübsches , mit Blumengruppen und Statuen geschmücktes Rosenparterre hinzog . Vom Dambacher Pavillon aus konnte man ja den Prinzenhof fast greifbar nahe liegen sehen . Nun war er wieder bewohnt , und Tante Sophie hatte in Berlin viel von dieser Veränderung gesprochen . Die Witwe des Prinzen Ludwig war froh gewesen , nach seinem Tode hier » unterkriechen « zu können , wie sich der Kleinstädter insgeheim drastisch genug ausdrückte ; denn an Barem hatte der Verstorbene so gut wie nichts hinterlassen , und die Witwenpension war keine allzugroße . Wie man aber wußte , hatte das herzogliche Paar eine warme Zuneigung zu der jungen verwaisten Nichte gefaßt , und vorzugsweise aus dem Grunde mochte es wohl geschehen , daß den beiden Damen Subsistenzmittel zuflossen und Vorrechte zugestanden wurden , auf die sonst nur Ebenbürtige Anspruch hatten . Nun , die Equipage , die eben über den Markt heranbrauste , und draußen vor der Thüre hielt , war elegant genug , um ein fürstliches Geschenk zu sein . Der offene Wagen funkelte und glitzerte im Gaslicht , und das feurige Gespann schnaubte und stampfte vor Ungeduld . Es währte geraume Zeit , bis man sich droben entschloß , aufzubrechen , bis das Stimmengeräusch der Gesellschaft die Treppe herabkam , und der große Flügel des Hausthores zurückgeschlagen wurde , um den starken Lichtschein der Flurlampen auf das Trottoir draußen strömen zu lassen . In diese grelle Beleuchtung trat zuerst die Baronin Taubeneck und watschelte an Herberts Arm nach dem Wagen . Sie war von einer übermäßigen Korpulenz , und die Tochter , die ihr folgte , mochte ihr später darin ähnlich werden . Jetzt freilich hatte ihre hohe , volle Gestalt noch schöne , ebenmäßige Linien .