die Versuchung an uns heran , so merken wir bald , daß wir nicht anders sind als andere ; die Weltlust reißt uns hin und nicht zum wenigsten der Ehrgeiz . Ja , der Ehrgeiz ist ein großer Versucher . « » Aber nicht der größte . « » Welcher andere ? « » Sag es dir selbst . « In diesem Augenblick hörten beide , daß draußen die Glocke gezogen wurde , zweimal , aber nicht stark , und Hannah ging , um nachzusehen . Ein Diener gab ohne weitere Bemerkung ein Bouquet ab , in das eine Karte gesteckt war . Auf der Karte selbst aber stand : » Egon Graf Asperg . « Franziska wurde rot . Wußte der junge Graf schon von dem Geschehenen ? Oder war es ein Spiel des Zufalls ? Dreizehntes Kapitel Die Nachricht von einer stattgehabten Verlobung zwischen dem Grafen und Franziska machte viel von sich reden ; als aber einen Monat später erst in der Augustiner- und dann in der protestantischen Kirche der Gumpendorferstraße die Doppeltrauung stattgefunden hatte , beruhigte man sich um so rascher , als alles , was von medisanten Bonmots in Kurs gesetzt werden konnte , schon in den Tagen vorher verausgabt worden war . Unter allen Umständen kam nichts davon zur Kenntnis des gräflichen Paares , das sich unmittelbar nach der Trauung , nur in Begleitung von Andras und Josephinen , einem neu engagierten und echt wienerischen Kammermädchen , zu mehrwöchentlichem Aufenthalte nach Oberitalien begeben hatte . Von dort aus sollte dann die Rückreise direkt nach Schloß Arpa hin angetreten werden , wohin Hannah in Begleitung einiger anderen Dienerschaften schon gleich nach der Hochzeit aufgebrochen war . Franziska hatte sich schwer von ihr getrennt , aber gerade bei der Vertraulichkeit , die zwischen ihnen herrschte , diese Trennung doch auch wieder als nötig angesehen . Der Aufenthalt in Oberitalien begann am Gardasee , woran sich dann ein Besuch von Venedig schloß , von Venedig , das Franziska noch viel schöner fand , als sie gedacht und geträumt hatte . Nichtsdestoweniger war sie , nachdem sie zehn Tage lang alles Gefrorene durchgekostet und eine Legion von Erbsendüten an die Markusplatztauben verfüttert hatte , am elften Tage froh , den Aufenthalt abgebrochen zu sehen , und zwar um so mehr , als der Graf willens war , auf der Rückreise noch Etappen zu machen , vor allem in Verona , das vor länger als einem halben Jahrhundert sein Garnisonsort und der Schauplatz seiner ersten Triumphe gewesen war . Franziska hatte lachend eingewilligt , aber doch nur unter dem Zugeständnis , daß ihr das Haus und Grab der Julia Capulet gezeigt werde , » weil Liebesgeschichten mit tragischem Ausgange nun mal ihre Passion seien « . Und nach diesem Programm war die Rückfahrt auch wirklich angetreten und ausgeführt worden , erst in kleinen , oft unterbrochenen Tagereisen , bis man endlich , von Station Bozen aus den Eilzug benützend , in zwölfstündiger Fahrt die Südspitze des großen Arpasees erreicht hatte . Hier an der Südspitze lag Nagy-Vasar , ein Flecken , von dem aus dreimal täglich ein Dampfschiff bis zu dem am Nordufer des Sees und zugleich zu Füßen von Schloß Arpa gelegenen Städtchen Szegenihaza ging . Das Schiff hatte sich eben in Bewegung gesetzt , denn die Abfahrtszeit , zwei Uhr , war schon vorüber ; als aber der auf seiner Kommandobrücke stehende Kapitän des Schiffes des Grafen ansichtig wurde , gab er Contredampf , legte noch einmal an und empfing respektvoll die Herrschaften . Franziska sah auf der Stelle , wie beliebt der Graf war und welches Ansehen er bei hoch und niedrig genoß . Es war ein glühheißer Tag , aber das ausgespannte Zeltdach und mehr noch der Wind , der ging , ließen die Hitze nicht unangenehm empfinden . Am wenigsten empfand sie Franziska , die nicht müde wurde , die prächtigen Bilder , die der See bot , in sich aufzunehmen . Wohl war der Gardasee schöner gewesen , aber alles interessierte sie hier mehr , weil sie berufen war , zu dem allem in eine nähere Beziehung zu treten . Der alte Graf las nicht eigentlich , was in ihrer Seele vorging , aber er freute sich doch lebhaft ihrer aufrichtigen und ganz unverkennbaren Teilnahme . » Nun , glaub ich « , hob er an , » wird es an der Zeit für mich sein , den Cicerone zu machen . Sieh , das da drüben ist Szent-Görgey . Und dies hier unten am Abhang mit den zwei Windmühlen , das ist Mihalifalva . « » Mihalifalva ! Wie schön das klingt ! « » Und ist doch das Prosaischste von der Welt . Was meinst du wohl , was sich hinter diesem Mihalifalva verbirgt ? Mihalifalva heißt Michelsdorf . Alles hier herum ist falva , sehr natürlich , denn falva heißt Dorf . Und damit hast du den Schlüssel , der dir den ganzen poetischen Zauber aufschließt . Das da mit dem Schindelturm ist Iwanifalva . Wundervoll , denkst du . Nicht wahr ? Aber bei Lichte besehen heißt es Hansdorf . « Unter allerlei Fragen , die Franziska tat , wurde der Graf immer beredter und begleitete die Namen der umherliegenden Dörfer und Städte bald auch mit Anekdoten , unter denen einige nicht nur pikant genug , sondern auch ganz darauf berechnet waren , Franziska die Gesellschaftskreise kennenzulehren , in die sie nun binnen kurzem eintreten sollte . Gegen sechs legte das Dampfschiff an der weit vorgebauten Landungsbrücke von Szegenihaza an , das Endstation und für die Nordhälfte des Sees genau dasselbe wie Nagy-Vasar für die Südhälfte war . Etwas landeinwärts erhob sich Schloß Arpa steil und mächtig und überblickte den See . » Sieh « , sagte der Graf und wies hinauf . Andras und Josephine blieben des Gepäckes halber zurück , und in einem leichten Korbwagen , dessen Trittbrett sich nur handhoch über der Erde befand , fuhren jetzt Graf und Gräfin von der Landungsbrücke her auf das Schloß zu . Die Sonne stand hinter einem alten , halb abgebrochenen Steinturm , an dem anscheinend zwei nach außen hin an einem Balken oder einer Welle hängende Glocken gezogen wurden und sich schattenhaft hin- und herbewegten , während ihr immer mächtiger werdender Klang die Luft erfüllte . Der Weg war wie eine Tenne , zu beiden Seiten stand der Mais übermannshoch , und dazwischen dehnten sich große Beete mit Wassermelonen , die durch einen vom Schloßberg herabkommenden Bach bewässert wurden . Im Fluge ging es daran vorüber , die kleinen Pferde schüttelten ihre Mähnen , und in das tiefe Geläut der Glocken klang der Ton ihrer Glöckchen . Aber nun kam die Steigung , und die Pferde fielen wie von selbst aus dem Trab in den Schritt . Auch das Läuten oben wurde schwächer und schwieg endlich ganz , so daß der Graf den Kutscher auf ungrisch fragte , was es sei . Bevor dieser aber antworten konnte , begann das Läuten wieder ; es waren indes nicht zwei Glocken mehr , die gingen , sondern nur eine . Franziska ihrerseits hatte bei der Fülle von Bildern , die sich ihr boten , des Zwischenfalles nicht acht . Alle hundert Schritte waren Laubgirlanden gezogen , an denen die Petöfyschen Farben flatterten , und auf einzelnen Felsvorsprüngen standen Männer und Frauen und schwenkten ihre Tücher und Hüte . So kamen sie bis an das Tor und fuhren unter seinem Wappenstein fort in den Schloßhof ein . Der Graf sprang aus dem Wagen , bot Franziska den Arm und führte sie von der Rampe her in die große dunkle Flurhalle . Hier hatten zahlreiche Dienerschaften Spalier gebildet und grüßten und knicksten , während Graf und Gräfin an ihnen vorüber in den oberen Stock hinaufstiegen , in dem eine Reihe Zimmer für Franziska hergerichtet war . Der Graf , wie wenn sie sein Gast gewesen wäre , verneigte sich vor der Entreetür und sagte mit einem ihm sonst uneigenen Ernste : » Gesegnet sei dein Ein- und Ausgang ... ! Ich schicke dir nun Hannah ... Sie hat sich , seh ich , nicht vordrängen wollen , aber du wirst ihrer bedürfen . « Und nach diesen Worten empfahl er sich und ging in das Erdgeschoß zurück , wo die von ihm bewohnten Räume gerade unter den ihrigen lagen . In Franziskas Zimmer dämmerte das Licht des scheidenden Tages . Was sie zunächst sah , war ein Muttergottesbild über ihrem Schreibtisch . Es gab ihr im ersten Augenblick einen Schreck , und als Hannah gleich darnach eintrat , ging sie rasch auf diese zu und umarmte sie . Hannah ihrerseits machte sich los , um ihrer Freundin , die sie jetzt verlegen und doch zugleich auch mit einem Anfluge von Schelmerei » ihre liebe Gräfin « nannte , die Hand zu küssen . Aber Franziska schloß ihr den Mund und sagte : » Was Gräfin ! Gräfin bin ich vor den Leuten . Hier bin ich deine Franziska . Wie ' s war , so bleibt es ... Gott , liebe , liebe Hannah , wie du mir gefehlt hast ! Jede Stunde . Sieh , der Graf ist so gut gegen mich , zu gut ... Aber erst nimm mir den Mantel ab und dies noch , und nun gib mir ein Glas Wasser , damit will ich anfangen im schönen Ungarland . Ich bin so benommen , so verschmachtet ... so , das hat mich erquickt ... , verschmachtet von der Hitze , von dem vielen Sehen und der Aufregung und Fremdheit . Sieh doch nur . « Und sie wies auf das Muttergottesbild . » Ich mußt es lassen , Fränzl , und auch den Rosenkranz , den sie dem kleinen Christus über den Arm gehängt haben . Aber das große weiße Lilienbouquet , das drunter stand , das hab ich dem alten Gärtner wieder abdisputiert und ihm gesagt , die Gräfin kriege Kopfweh . « » Da hast du recht getan . Und nun geh vorauf und zeige mir die Räume , darin ich wohnen soll . « Es waren nur wenige Zimmer . An das Wohnzimmer , darin sich beide zunächst befanden , schloß sich ein Toiletten- und Schlafzimmer . Dann aber kam ein Treppchen , nur drei , vier Stufen , das zu Hannahs Gelaß , einem eingebauten Alkoven , hinaufführte . » Das ist nun also mein neues Heim « , sagte Franziska . » Weißt du , Hannah , es gefällt mir und gefällt mir auch namentlich um deshalb , weil es nicht größer ist , als es ist ; nicht so endlos . Und nun zeige mir auch , was wir nach der andern Seite hin haben . Oder sage mir ' s wenigstens . « » Da haben wir erst den Saal mit dem großen Balkon und hinter dem Saal ein Billardzimmer und die Bibliothek . Und hinter der Bibliothek die Bildergalerie . « Hier wurde Hannah durch das Eintreten eines alten und kränklich aussehenden Dieners unterbrochen , der mit vieler Förmlichkeit meldete , daß der Graf die Frau Gräfin erwarte , so ' s der Frau Gräfin genehm sei ... Auf der Veranda . » Wer war der Alte ? « fragte Franziska . » Das war Herr Koloman Czagy , des Grafen erster Kammerdiener . Er kränkelt seit einiger Zeit und war deshalb letzten Winter nicht mit in Wien , sonst hätten wir seine Bekanntschaft schon früher machen müssen . Ja , Herr Koloman ist mit dem Grafen jung gewesen und gilt fast noch mehr als der Andras . « » Ah , ich versteh . Aber unter allen Umständen will ich den Grafen , seinen Herrn , nicht warten lassen ! Arrangiere mir nur das Haar ein wenig , es ist so zerzaust vom Wind , und erzähle mir dabei . Du mußt ja während dieser drei Wochen eine ganze Welt von Dingen erlebt haben , und wenn ich dich so stehen sehe , kommst du mir schon halb ungrisch vor . Bring mir nur ein paar Worte bei , daß ich wenigstens Guten Tag oder Wie geht es Ihnen ? sagen kann . Ich will dem Grafen eine Freude machen . Er ist so dankbar für Kleinigkeiten . « Der Tee ward auf der Veranda genommen und dabei lebhaft und in heiterem Tone geplaudert . » Ich hoffe , daß nichts fehlt « , sagte der Graf . » Im Gegenteil « , scherzte Franziska . » Mehr ist da , als ich erwarten durfte , selbst eine Muttergottes über dem Schreibtisch . « Er lachte . » Ja , Fränzl , ohne das tun wir ' s halt nit , und a bissel fürs Haus ist auch in alle Wege gut , wie Riechsalz oder Melissengeist . Ehe man ' s sich versieht , braucht man ' s und fragt nicht lang , ob es aus einer Klosterapotheke stammt oder aus einer andern . Konfession ! Bah , das bedeutet nicht viel . Es gibt so vieles , was drübersteht und sich unmittelbar an den Menschen wendet , er sei so oder so . Sieh , ich glaub eigentlich nichts und überlaß es meiner Schwester-Gräfin , mich aus dem Fegfeuer oder auch noch von woandersher freizubeten , aber unsere schwache Natur ist doch schließlich immer stärker als unser stärkster Unglaube , der au fond bloß renommiert und keine Courage hat , das weiß ich von mir selbst , und sowie was auf dem Spiele steht oder auch bloß eine Gicht oder ein Zwicken kommt , so schiel ich nach meinem heiligen Stephan hinüber , der über meinem Schreibtisch steht , gerad so wie das Muttergottesbild über dem deinen , und sage : Nun hut dich und sput dich , Stephanerl , und tu was für einen Magyar und ehrlichen Christenmenschen . Und sieh , Fränzl , ich denke mir , so was steckt in jedem und am End auch in einer kleinen , lieben Ketzerseele . « So ging das Gespräch , ganz wie der Graf es liebte , pointiert und an Klippen hin , aber so munter und gut gelaunt es zu sein trachtete , der Ton voller Unbefangenheit wollte doch nicht aufkommen . Ihn beschäftigte die Frage , wie sie sich in dieser ihr fremden Welt wohl zurechtfinden werde , während sie von der Sorge beherrscht blieb , daß eine tiefe Verlegenheit , die sie fühlte , sich doch vielleicht in ihrem Auge verraten haben möchte . Der Abend brach endlich herein , und ein kühlerer Luftstrom kam vom See her , aber es war kein Wind , die Lampe flackerte nicht , und der lang herabhängende Schleier derselben bewegte sich nur , wenn sich einer der Nachtschmetterlinge darin verfing . Endlich wurde der Mond über dem Gebirge sichtbar und stand so licht und klar da , wie wenn er den Frieden besiegeln wolle , der drunten ausgebreitet lag . Franziska blickte still und tief aufatmend hinauf , und auch der Graf schwieg , als er sah , wie das Bild sie berührte . Dann erhob sie sich und bot ihm eine gute Nacht . Oben fand sie Hannah , die die Fenster geöffnet hatte . » Wonach siehst du ? « » Nach dem Gießbach , der hier links vom Schloßberg kommt . Er sickert jetzt bloß so hin und wartet auf die Regenzeit . Da soll ' s dann eine Pracht sein . « » Ist aber doch besser so . Der Regen macht immer trüb und sperrt alles ein . Ich bin für Sonne , Licht und freie Bewegung , nur freilich heute nicht mehr . Es war doch ein anstrengender Tag , der mich müde gemacht hat . Komm , kleide mich aus und erzähle mir ; ich hab ohnehin noch allerlei Fragen . Sage , spukt es hier ? « » Ich habe noch nichts gesehen . « » Das beruhigt mich nicht ganz . An dich können sie nicht heran , du bist wie das leibhaftige Vaterunser . Aber jedes alte Schloß hat nun mal einen Spuk . Ich weiß es aus unserer Gegend , und es wird hier nicht anders sein . Auf jede hundert Jahre kommt ein Gespenst . « » Aber wie du nur sprichst . Da müßten wir hier ja zwei haben . « » Und haben wir gewiß auch . « » Ein schwarzes und ein weißes « , lachte Hannah . » Und du willst eine Protestantin sein und eine Pastorstochter ? Nein , das hat mir mein Vater selig mit dem Stock ausgetrieben . Und ich dank es ihm noch . Das ist so für Wilde . So wie hier . « » Wilde ? Das darfst du nicht sagen ; ich werde dich beim Grafen verklagen . In Ungarn ist alles gut und hohe Kultur . Aber nun geh , ich werde sehen , was ich träume . Was man in der ersten Nacht träumt , das bedeutet was . « » Schlafe nur überhaupt , das bedeutet dir das Beste . « Damit trennten sie sich , und nur die Türen bis zu Hannahs Schlafzimmer hin sollten offenbleiben . Franziska hörte noch , wie Hannah die Stufen zu dem Alkoven hinaufstieg ; dann wurd es still . Aber nicht auf lange . Rechtshin , im Gebirge , mocht es gewittert haben , und heftige Windstöße , die jetzt über den See kamen , umlärmten das Schloß so heftig , daß Franziska trotz aller Müdigkeit davon geweckt wurde . Was sie besonders erschreckte , war ein Rasseln wie von Eisenstäben , und so stand sie denn auf und trat in den ihrem Wohnzimmer vorgelegenen großen Saal ein , um hier nach der Ursache zu sehen . Alsbald bemerkte sie , daß es ein weit vorgebauter alter Balkon sei , dessen vom Winde gerütteltes Gitterwerk solchen unheimlichen Ton gab . Ihre Beängstigung schwand jetzt , aber zu noch weiterer Beruhigung ging sie doch bis zu Hannahs Alkoven und horchte hier auf das Atemholen der fest und ruhig Schlafenden . » Ein gutes Gewissen « , sagte sie . » Warum bang ich mich ? Ich war doch sonst nicht so furchtsam . « Und sie tappte sich wieder zurück und schlief endlich ein . Vierzehntes Kapitel Franziska war früh wach , setzte sich an das offene Fenster und sah auf den See hinaus , den von rechts her hohe Berge , von links her Hügelzüge mit Dörfern und Weingärten einfaßten . Einer aus der Reihe dieser Hügel aber , der höchste , war der Schloßberg , dessen steiler Abfall ihn , in der Front wenigstens , noch höher und stattlicher erscheinen ließ , als er war . Er bezeichnete genau die Stelle , wo die Hügellandschaft in das gebirgige Terrain überzugehen anfing . Am Fuße wand sich ein Bach , und Franziska , die gerne sehen wollte , woher er komme , bemerkte , nachdem sie seinen Lauf auch nach aufwärts hin verfolgt hatte , daß es derselbe von der Schloßberghöhe herabkommende Gießbach sei , nach dem Hannah am Abend vorher ausgeschaut hatte . Sobald sie sich in dem allem zurechtgefunden , wandte sie sich wieder in das Zimmer zurück , um sich hier allmählich und mußevoll mit dem Raum vertraut zu machen , darin sie nun leben sollte . Die Möbel waren alt , aber wohlerhalten , und jedes Stück interessierte sie , zumeist eine Rokokokommode , die mit Schildpatt und großen goldenen Griffen reich ausgestattet war . Über dieser Kommode befand sich eine Bücheretagère von Nußbaumholz , auf deren oberstem Bord allerlei Meißner und chinesisches Porzellan stand , links und rechts zwei kleine Pagoden . Sie setzte dieselben in Bewegung und sah ihrem gravitätischen Kopfnicken zu . Dann aber nahm sie neugierig einige Bände . » Was mag man nur früher hier gelesen haben ? « Es waren deutsche , französische , namentlich aber englische Bücher in buntester Reihenfolge . » Werthers Leiden « und Thomas a Kempis ' » Nachfolge Christi « standen friedlich nebeneinander ; dann kamen die » Canterbury Tales « in einer illustrierten Prachtausgabe , zuletzt aber Rousseau , mehrere Bände . Nichts war da , was auf einen bestimmten Geschmack hingedeutet hätte , nur auf jene literarisch gebildete Teilnahme , wie sie während der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in der Mode war . Um neun Uhr wurde das Frühstück genommen , und Franziska begab sich auf die Veranda . Der Graf , als er sie kommen sah , warf die Morgenzigarette fort , legte die Zeitung aus der Hand und erhob sich aus seinem Schaukelstuhl , um die neue Schloßherrin zu begrüßen . Sie trug ein Morgenkleid von weißem Kaschmir und empfing Schmeicheleien und Huldigungen von seiten des Grafen , der einen ausgebildeten Sinn für Toilettendinge hatte . Sie setzte sich ihm gegenüber , und keinen Augenblick im Zweifel , welcher Ton anzuschlagen sei , begann sie von ihrer ausgestandenen Angst und Unruhe zu berichten . » Und nun sage mir , Petöfy , habt ihr wirklich keine Gespenster ? « » Nein , Fränzl , in dem einen Stücke sind wir durchaus modern . Ein paarmal hat uns der Toldy dergleichen aufreden wollen ; aber es kam nicht . Ich vermute , aus Respekt vor meinen Pistolen . « » Und doch glaub ich an Spuk und dergleichen . « » Ich auch . Aber es muß was vorausgegangen sein , und dies alte Schloß Arpa , soweit ich seine Geschichte zurückverfolgen kann , ist einfach nur aus Stein und Mörtel aufgebaut worden und ist nichts dazwischen . Und sieh , wo die Dinge so schlicht und alltäglich liegen , da fehlen die Vorbedingungen für den Spuk . Ich möchte sagen , die Petöfys haben der Gespensterwelt nicht genug zu Gefallen getan und sich viel zu sehr als prosaisch ordentliche Leute geriert . « » ... So daß ich also behaupten darf , in eine durchaus respektable Familie gekommen zu sein . « » Darfst du « , lachte der Graf . » Und wirklich , ein paar Kleinigkeiten , ein paar sehr läßliche Sünden abgerechnet , wie Schwester Judith sagen würde , sind wir über das Hausbackenste nicht hinausgekommen . Eigentlich nie . Mein Urgroßvater ließ sich anfänglich gut an und entführte von Brüssel her eine Comtesse Damremont , aber es hielt nicht lange vor , er heiratete sie gleich nach der Entführung und strich also die Schuld aus seinem Schuldbuche wieder aus . Darnach kam mein Großvater , der in der Struenseezeit als Gesandter in Kopenhagen einen Grafen Schimmelmann im Duell über den Haufen schoß . Aber das ist auch alles . « » Und am End auch gerade genug . « » Vielleicht . Nur nicht genug , um dir oder mir oder irgendwem anders durch Erscheinung einer Dame blanche die Nachtruhe zu stören . Und nun erlaube mir , dir von dieser Lachsforelle vorzulegen , eine Delikatesse , neben der selbst die Felchen im Bodensee verschwinden . Natürlich Spezialität von Schloß Arpa . Aber nun Pardon , wenn ich dich schon verlasse ; meine Leute graben mir im Park einen artesischen Brunnen und sind schon , glaub ich , über den Mittelpunkt der Erde hinaus . Alles , was Magyar ist , ist eigensinnig und will sein Ziel und Glück allemal da finden , wo er ' s zu suchen angefangen hat . Und wenn ' s eine Handbreit daneben liegt , so läßt er ' s liegen . « » Was mir , beiläufig , gefällt . Man muß das Glück zu zwingen wissen . « » Gewiß , aber seine Launen auch zu respektieren verstehen . Und nun au revoir . « Auch Franziska erhob sich und ging in ihr Zimmer zurück . Oben fand sie Josephinen . » Ach , laß es heut , Josephine ; Hannah soll kommen . « Josephine knickste verdrossen und einigermaßen pikiert darüber , sich durch eine Rivalin verdrängt zu sehen , gleich darnach aber erschien Hannah mit dem Toilettenmantel und stellte sich hinter den Stuhl ihrer Herrin . » Weißt du , Hannah , mir ist , als hätt ich dich fünf Jahre lang nicht gesehen , und doch ist es , laß mich rechnen , erst neunzehn Tage , daß wir von Wien nach Italien abreisten . Ich hätte dich so gerne mitgehabt . Und dann dacht ich auch wieder , es sei besser so . « » Das war es auch . « » Vielleicht . Aber jede Stunde hast du mir gefehlt . « » Und doch soll es in Italien so wunderschön sein und so viel zu sehen , daß man gar nicht weiß , wie man damit zu Ende kommt . « » Das ist es ja , Hannah , und eben deshalb ist es am besten , man fängt gar nicht erst an . Du hast keine Vorstellung , wie müd ich immer war . Und dabei mußt ich in einem fort bewundern und alles schön finden und glücklich sein . « » Ja , glücklich sein ; warst du ' s denn nicht ? « » Oh , gewiß war ich ' s. Er ist ja so gut gegen mich und überschüttet mich mit Aufmerksamkeiten und Freundlichkeiten . Und auch mit Geschenken . Aber sieh , es ist ein Unglück , ich hänge nicht an Geschenken ; ich finde sie beschwerlich und langweilig . Und nun denke dir , immer Ketten und Gehänge , daraus man sich nichts macht , und zehntausend Bilder , die man nicht versteht . « » Zehntausend ? « » Oder sage die Hälfte , meinetwegen , aber das macht gar keinen Unterschied . Einer von den berühmten Malern hat das Paradies gemalt , auf dem tausend Figuren sind ; ich glaube , so viele kommen gar nicht ins Paradies hinein . Der Graf war auch der Meinung und freute sich , als ich ' s sagte , denn ich muß es dir wiederholen , er ist von einer beständigen Güte gegen mich und findet alles hübsch und reizend , was ich sage , so daß es mich geradezu beschämt . Aber während ich das von dem Paradiese so scherzhaft und zu seiner wirklichen Erheiterung hinsagte , war er doch zugleich auch ein wenig ärgerlich auf mich , und warum ? Weil es wie Kritik klang und er in einem fort immer nur Bewunderung , immer nur Kunstbewunderung von mir verlangte . « » Du bist doch aber selbst eine Künstlerin . « » Eben weil ich es bin oder es zu sein mir wenigstens einbilde , gerade deshalb bin ich so sehr gegen Überspanntheiten auf diesem Gebiet . Immer nur die , die von Kunst wenig wissen und verstehen , finden alles himmlisch und göttlich . Auch der Graf hat mehr Begeisterung als Verständnis . Erinnere dich nur , genau genommen , wußt er auch vom Theater nicht viel , trotzdem er die Wolter elfmal als Messaline gesehen hatte . Das sieht wie Studium aus , bedeutet aber wenig oder nichts . Er kennt eigentlich nur Personen , die ihm gefallen , und solche , die ihm mißfallen . Und das nennt er dann Kunst und Kritik ! Und nun gar Bilder ... Aber stelle dich hierher , daß ich den Blick auf den See frei habe ... Nun , also Bilder , sagt ich . Ja , was tat er ? Er nannte die Namen , und diese Namen gingen ihm glatt genug über die Lippen , denn er spricht recht gut Italienisch . Aber das ist auch alles . Und weil er zufällig viele Jahre lang in Verona gestanden hat , so sprach er am liebsten .. . Aber kennst du Paul Veronese ? « » Gott , Franziska , wir sind doch aus einem gebildeten Lande . « » Nun gut also . Da hättest du nun hören sollen , was er mir alles vorschwärmte von Kolorit und pastos und satten Farben . Ja , du lachst , aber wirklich von satten Farben . Und das alles , wenn man elend und hungrig ist und kaum noch stehen kann , denn sie haben nirgends Stühle , bloß Bilder und immer wieder Bilder . Ach , da hieß es dann sich zusammennehmen , und mir war oft das Weinen nahe . Und doch ist er so gut , und ich muß und will ihm zuliebe leben , auch in kleinen Dingen . Denn an kleinen Dingen hängt ja das Glück und in der Ehe erst recht . Und ich bin doch nun in der Ehe . « » Versteht sich , bist du . « Franziska errötete . Dann faßte sie sich wieder und sagte : » Ja , Hannah , da hast du mir gefehlt und bei hundert anderen Gelegenheiten . Denn die Josephine dalberte nur immer , erst mit dem Zimmerkellner und dann mit dem Andras , trotzdem er noch ein halbes Kind ist und erst sechzehn wird ... Aber , o Gott , was schwatz ich da von Venedig und Josephinen , all das bedeutet ja nichts , und nur das bedeutet was , wie dir ' s ergangen ist , dir , meiner lieben Hannah . Denn darin spiegelt sich mein eigenes Leben und wie mir ' s in Zukunft ergehen wird . Und nun sage mir , wie die Leute hier sind . Alles , was du mir gestern erzählt hast , war lange nicht genug und nur so notdürftig drüber hin . Ich will aber alles wissen , alles , ob sie freundlich und entgegenkommend sind oder zurückhaltend , offen oder verschlagen , gewitzt oder abergläubisch , mit einem Wort , gut oder böse . Verschweige mir nichts . Und nun sprich und stelle sie mir vor , einen nach dem andern , als ob sie leibhaftig vor mir stünden . « » Also der alte Czagy ... « Franziska nickte . » Der ist der Erste , daran ist kein Zweifel . Er hat mehr Einfluß als alle anderen