neben der Schopftür « , sagte das Kind , immer noch nach allen Seiten mit den Augen herumsuchend . Der Wind war unterdessen stärker geworden ; eben klapperte er an der Schopftür herum und warf sie auf einmal krachend gegen die Wand zurück . » Großvater , der Wind hat ' s gemacht ! « rief das Heidi und seine Augen blitzten auf bei der Entdeckung . » O , wenn er den Stuhl bis ins Dörfli hinabgejagt hätte , dann bekäme man ihn erst viel zu spät wieder und wir könnten gar nicht gehen . « » Wenn er dorthinunter gerollt ist , so kommt er gar nicht mehr zurück , dann ist er in hundert Stücken « , sagte der Großvater , um die Ecke tretend und den Berg hinabschauend . » Aber kurios ist ' s doch zugegangen « , setzte er hinzu , indem er auf das Stück zurücksah , das der Stuhl erst um die Ecke der Hütte herum zu machen hatte . » O , wie schade , jetzt können wir gar nicht gehen und vielleicht gar nie « , jammerte Klara ; » nun muß ich gewiß heimgehen , wenn ich keinen Stuhl mehr habe . O , wie schade ! Wie schade ! « Aber das Heidi schaute ganz vertrauensvoll zu seinem Großvater auf und sagte : » Gelt , Großvater , du kannst schon etwas erfinden , daß es nicht so geht , wie die Klara meint , und daß sie nicht auf einmal heim muß ? « » Jetzt gehen wir für einmal auf die Weide , wie wir uns vorgenommen haben ; dann wollen wir sehen , was weiter kommt « , sagte der Großvater . Die Kinder jubelten . Er trat nun wieder in die Hütte zurück , holte einen guten Teil der Tücher heraus , legte sie auf den sonnigsten Platz an die Hütte hin und setzte Klara darauf . Dann holte er den Kindern ihre Morgenmilch und führte Schwänli und Bärli vor den Stall hinaus . » Warum der nur so lang nicht von da unten heraufkommt « , sagte der Öhi vor sich hin , denn Peters Morgenpfiff war ja noch gar nicht ertönt . Jetzt nahm der Großvater Klara wieder auf den einen Arm , die Tücher auf den andern . » So , nun vorwärts ! « sagte er vorangehend ; » die Geißen kommen mit uns . « Das war dem Heidi eben recht . Einen Arm um Schwänlis und einen um Bärlis Hals gelegt , wanderte das Heidi hinter dem Großvater her , und die Geißen hatten solche Freude , einmal wieder mit dem Heidi auszuziehen , daß sie es fast zusammendrückten zwischen sich vor lauter Zärtlichkeit . Oben auf dem Weidplatz angelangt , sahen die Kommenden mit einemmal da und dort an den Abhängen die friedlich grasenden Geißen in Gruppen stehen , und mitten drin den Peter , der Länge nach auf dem Boden liegend . » Ein ander Mal will ich dir das Vorbeigehen vertreiben , Schlafpelz ; was heißt das ? « rief ihm der Öhi zu . Der Peter war bei dem Ton der bekannten Stimme aufgeschossen . » War noch niemand auf ! « gab er zurück . » Hast du etwas von dem Stuhl gesehen ? « frug der Öhi wieder . » Von welchem ? « rief der Peter störrisch zurück . Der Öhi sagte nichts mehr . Er breitete seine Tücher an dem sonnigen Abhang hin , setzte Klara darauf und fragte , ob ' s ihr so bequem sei . » So bequem wie im Stuhl « , sagte sie dankend , » und am schönsten Platz bin ich da . Da ist ' s so schön , Heidi , so schön ! « rief sie , rings um sich blickend , aus . Der Großvater schickte sich zur Rückkehr an . Er sagte , sie sollten sich ' s nun wohl sein lassen miteinander , und wenn die Zeit da sei , sollte Heidi das Mittagsmahl herbeiholen , das er , in den Sack verpackt , drüben in den Schatten gelegt hatte . Dann sollte der Peter ihnen Milch dazu geben , so viel sie trinken wollten , aber das Heidi sollte gut aufpassen , daß er sie vom Schwänli nehme . Gegen Abend wollte der Großvater wiederkommen ; jetzt wollte er vor allem dem Stuhle nachgehen und sehen , was aus ihm geworden sei . Der Himmel war dunkelblau und um und um war nicht ein einziges Wölkchen zu sehen . Auf dem großen Schneefeld drüben blitzte es wie von tausend und tausend Gold- und Silbersternen . Die grauen Felsenhörner standen hoch und fest an ihrem Platz , wie vor alter Zeit , und schauten ernsthaft ins Tal hinab . Der große Vogel wiegte sich oben im Blau und über die Höhen strich der Bergwind hin und wehte kühl rings um die sonnige Alp . Den Kindern war es unbeschreiblich wohl . Hier und da kam ein Geißlein heran und ließ sich ein wenig nieder bei ihnen ; am öftersten kam das zärtliche Schneehöppli und legte sein Köpfchen an das Heidi heran und wäre da wohl gar nicht mehr weggegangen , hätte es nicht ein anderes von der Herde wieder vertrieben . So lernte Klara jetzt eine um die andere von den Geißen so nahe kennen , daß sie niemals mehr eine mit der andern verwechselte , denn jede hatte ja auch ein ganz besonderes Gesicht und ihre eigene Art. Sie wurden jetzt auch so zutraulich zu Klara , daß sie ihr ganz nahe kamen und ihre Köpfe an ihren Schultern rieben ; das war immer das Zeichen ihrer nahen Bekanntschaft und Zuneigung . So waren schon einige Stunden vergangen ; da kam es dem Heidi in den Sinn , wenn es doch einmal hinübergehen könnte an den Platz , wo die vielen Blumen waren und sehen , ob sie auch alle offen stehen und so schön seien , wie vor dem Jahr . Erst am Abend , wenn der Großvater wieder kam , konnte man auch mit Klara hinübergehen , und dann machten die Blumen vielleicht schon wieder die Augen zu . Das Verlangen stieg immer höher im Heidi , es konnte nicht mehr widerstehen . Ein wenig zaghaft fragte es : » Wirst du nicht bös , Klara , wenn ich geschwind von dir fortlaufe und du allein sein mußt ? Ich möchte so gern sehen , wie die Blumen sind ; aber wart « - dem Heidi war ein Gedanke gekommen . Es sprang auf die Seite und riß ein paar schöne Büschel von den grünen Kräutern aus ; dann nahm es das Schneehöppli um den Hals , das ihm gleich zugelaufen war , und führte es der Klara zu . » So , jetzt mußt du doch nicht allein sein « , sagte das Heidi , indem es auf seinen Platz neben Klara das Schneehöppli ein wenig hindrückte , was das Geißlein gleich gut verstand und sich niederlegte . Dann warf Heidi seine Blätter der Klara in den Schoß , und diese sagte erfreut , das Heidi solle jetzt nur gehen und die Blumen recht ansehen , sie wolle gern allein mit dem Geißlein bleiben ; das hatte sie ja noch gar nie erlebt . Das Heidi rannte fort und Klara fing nun an , Blättchen für Blättchen dem Schneehöppli hinzuhalten , und dieses wurde so zutraulich , daß es sich ganz an seine neue Freundin anschmiegte und die Blättchen ihr langsam aus den Fingern fraß . Man konnte auch gut sehen , wie wohl es ihm war , daß es da so ruhig und friedlich in gutem Schutz liegen durfte , denn draußen bei der Herde hatte es immer viele Verfolgungen auszustehen von den großen und starken Geißen . Der Klara kam es so köstlich vor , so ganz allein auf einem Berge zu sitzen , nur mit einem zutraulichen Geißlein , das ganz hilfsbedürftig zu ihr aufsah ; ein großer Wunsch stieg auf in ihr , auch einmal ihr eigener Herr zu sein und einem andern helfen zu können und nicht nur immer sich von allen anderen helfen lassen zu müssen . Und es kamen der Klara jetzt so viele Gedanken , die sie gar nie gehabt hatte , und eine unbekannte Lust , fortzuleben in dem schönen Sonnenschein und etwas zu tun , mit dem sie jemand erfreuen konnte , wie sie jetzt das Schneehöppli erfreute . Eine ganz neue Freude kam ihr ins Herz , so , als ob alles , was sie wußte und kannte , auf einmal viel schöner und anders sein könnte , als sie es bis jetzt gesehen hatte , und es wurde ihr so schön und wohl zumute , daß sie das Geißlein um den Hals nehmen und ausrufen mußte : » O Schneehöppli , wie schön ist es hier oben ; wenn ich nur immer da bei euch bleiben könnte ! « Das Heidi war unterdessen an dem Blumenplatz angekommen . Es stieß einen Freudenschrei aus . Von leuchtendem Gold bedeckt lag die ganze Halde da . Das waren die schimmernden Cystusröschen . Dichte , dunkelblaue Büsche von Glockenblumen wiegten sich darüber , und ein so starker gewürziger Duft wogte um die sonnige Halde , als wären die köstlichsten Balsamschalen da oben ausgeschüttet worden . Der ganze Wohlgeruch kam aber von den kleinen , braunen Kolbenblümchen her , die ihre runden Köpfchen hier und da bescheiden zwischen den Goldkelchen emporstreckten . Das Heidi stand und schaute und zog den süßen Duft in langen Zügen ein . Auf einmal kehrte es um und kam außer Atem vor Erregung zu Klara zurück . » O du mußt gewiß kommen ! « rief es ihr schon von weitem zu ; » sie sind so schön und alles ist so schön , und am Abend ist es vielleicht nicht mehr so . Ich kann dich vielleicht tragen , meinst du nicht ? « Klara schaute das erregte Heidi mit Verwunderung an ; sie schüttelte aber den Kopf . » Nein , nein , was denkst du , Heidi ; du bist ja viel kleiner als ich . O , wenn ich nur gehen könnte ! « Jetzt schaute das Heidi suchend um sich , es mußte etwas Neues im Sinne haben . Dort oben , wo der Peter vorher auf dem Boden gelegen hatte , saß er jetzt und starrte auf die Kinder herunter . So hatte er schon seit Stunden gesessen und immerzu herabgestarrt , so , als könne er nicht fassen , was er vor sich sah . Er hatte den feindlichen Stuhl zerstört , damit alles aufhören und die Fremde sich gar nicht mehr bewegen könne , und eine ganze Weile nachher erschien sie da oben und saß vor ihm auf dem Boden neben dem Heidi . Das konnte ja nicht sein , und doch war es immer noch so , er konnte hinsehen , wann er wollte . Jetzt schaute das Heidi zu ihm auf . » Komm hier herunter , Peter ! « rief es sehr bestimmt . » Komme nicht ! « rief er zurück . » Doch , du mußt ; komm , ich kann es nicht allein machen , du mußt mir helfen ; komm schnell ! « drängte das Heidi . » Komme nicht ! « ertönte es wieder . Jetzt sprang das Heidi eine kleine Strecke den Berg hinan , dem Angeredeten entgegen . Da stand es mit flammenden Augen und rief hinauf : » Peter , wenn du nicht auf der Stelle kommst , so will ich dir auch etwas machen , das du dann gewiß nicht gern hast ; das kannst du glauben ! « Diese Worte gaben dem Peter einen Stich , und eine große Angst packte ihn an . Er hatte etwas Böses getan , das kein Mensch wissen sollte . Bis jetzt hatte es ihn gefreut ; aber nun redete das Heidi , wie wenn es alles wüßte , und was es wußte , sagte es alles seinem Großvater , und vor dem fürchtete der Peter sich ja , wie vor keinem andern . Wenn der nun vernähme , was mit dem Stuhl vorgegangen war ! Den Peter würgte die Angst immer ärger . Er stand auf und kam dem wartenden Heidi entgegen . » Ich komme , aber dann mußt du das nicht machen « , sagte er , so zahm vor Furcht , daß das Heidi ganz mitleidig wurde . » Nein , nein , das tu ' ich nun schon nicht « , versicherte es ; » komm jetzt nur mit mir , es ist nichts zum Fürchten , was du tun mußt . « Bei Klara angelangt , ordnete nun das Heidi an , auf der einen Seite sollte der Peter , auf der andern wollte es selbst Klara fest unter dem Arm fassen und aufheben . Das ging nun ziemlich gut , aber jetzt kam das Schwierigere . Klara konnte ja nicht stehen , wie sollte man sie nun festhalten und vorwärts bringen ? Das Heidi war zu klein , um ihr mit seinem Arm eine Stütze zu bieten . » Du mußt mich jetzt um den Hals nehmen , ganz fest - so . Und den Peter mußt du am Arm nehmen und ganz fest darauf drücken , dann können wir dich tragen . « Aber der Peter hatte noch nie jemandem den Arm gegeben . Klara umfaßte diesen wohl ; der Peter aber hielt ihn ganz steif am Leib herunter , wie einen langen Stecken . » So macht man es nicht , Peter « , sagte das Heidi sehr bestimmt . » Du mußt mit dem Arm einen Ring machen , und dann muß die Klara mit dem ihrigen durchfahren , und dann muß sie ganz fest aufdrücken und du mußt um keinen Preis nachgeben , dann kommen wir schon vorwärts . « Das wurde nun so ausgeführt . Man kam aber nicht gut vorwärts . Klara war nicht so leicht und das Gespann zu ungleich in der Größe ; auf der einen Seite ging es herab und auf der andern hinauf , das gab eine ziemliche Unsicherheit in den Stützen . Klara probierte es hier und da ein wenig mit den eigenen Füßen , zog aber einen nach dem andern immer bald wieder zurück . » Stampf einmal recht herunter « , schlug das Heidi vor , » dann tut es dir gewiß nachher weniger weh . « » Meinst du ? « sagte Klara zaghaft . Sie gehorchte aber und wagte einen festen Tritt auf den Boden und dann mit dem zweiten Fuß ; sie schrie aber ein wenig auf dabei . Dann hob sie den einen wieder und setzte ihn leiser hin . » O , das hat schon viel weniger weh getan « , sagte sie voller Freude . » Mach ' s noch einmal « , drängte eifrig das Heidi . Klara tat es und dann noch einmal und noch einmal , und auf einmal schrie sie auf : » Ich kann , Heidi ! O ich kann ! Sieh ! sieh ! Ich kann Schritte machen , einen nach dem andern . « Jetzt jauchzte das Heidi noch viel mehr auf . » O ! o ! Kannst du gewiß selbst Schritte machen ? Kannst du jetzt gehen ? Kannst du gewiß selbst gehen ? O wenn nur der Großvater käme ! Jetzt kannst du selbst gehen , Klara , jetzt kannst du gehen ! « rief es ein Mal ums andere in jubelnder Freude aus . Klara hielt sich wohl fest an auf beiden Seiten ; aber mit jedem Schritt wurde sie ein wenig sicherer , das konnten alle drei empfinden . Das Heidi kam ganz außer sich vor Freude . » O , nun können wir alle Tage miteinander auf die Weide gehen und auf der Alp herum , wo wir wollen « , rief es wieder aus , » und du kannst dein Lebtag gehen , wie ich , und mußt nie mehr im Stuhl gestoßen werden und wirst gesund . O , das ist die größte Freude , die wir haben können ! « Klara stimmte mit dem ganzen Herzen ein . Gewiß kannte sie gar kein größeres Glück auf der Welt , als auch einmal gesund zu sein und herumgehen zu können , wie die anderen Menschen , und nicht mehr elend die ganzen Tage lang in den Krankensessel gebannt zu sein . Es war nicht weit zu der Blumenhalde hinüber . Dort sah man schon das Glitzern der Goldröschen in der Sonne . Jetzt waren sie bei den Büschen der blauen Glockenblumen angekommen , wo zwischendurch der sonnige Boden so einladend aussah . » Können wir nicht hier niedersitzen ? « fragte Klara . Das war ganz nach Heidis Wunsch , und mitten in die Blumen hinein setzten sich die Kinder ; Klara zum erstenmal auf den trockenen , warmen Alpenboden hin ; das gefiel ihr unbeschreiblich wohl . Und nun rings um sie die wiegenden blauen Glockenblumen , die schimmernden Goldröschen , das rote Tausendgüldenkraut und um und um der süße Duft der braunen Kolbenblümchen , der würzigen Prünellen . Alles war so schön ! so schön ! Auch das Heidi neben ihr meinte , so schön sei es noch nie gewesen da oben , und es wußte gar nicht , warum es eine solche Freude im Herzen hatte , daß es nur immer hätte laut jauchzen mögen . Aber auf einmal kam es ihm dann wieder in den Sinn , daß Klara gesund geworden war ; das war zu allem Schönen ringsumher noch die allergrößte Freude . Klara wurde ganz still vor Wonne und Entzücken über alles , was sie sah , und über alle die Aussichten , die ihr aufgegangen waren durch das eben Erlebte . Das große Glück hatte fast nicht Platz in ihrem Herzen , und der Sonnenglanz und Blumenduft dazu überwältigten sie mit einem Wonnegefühl , das sie völlig verstummen machte . Auch der Peter lag still und regungslos mitten in dem Blumenfeld , denn er war fest eingeschlafen . Leise und lieblich wehte hier der Wind hinter den schützenden Felsen hervor und säuselte oben in den Büschen . Von Zeit zu Zeit mußte das Heidi wieder aufstehen und dahin laufen und dorthin , denn es war immer irgendwo noch schöner , die Blumen noch dichter , der Wohlgeruch noch stärker , weil ihn da der Wind hin- und herwehte ; überall mußte es wieder hinsitzen . So vergingen die Stunden . Die Sonne war längst über den Mittag hinaus , als ein Trüppchen der Geißen ganz ernsthaft auf die Blumenhalde zu geschritten kam . Es war nicht ihr Weideplatz , sie wurden nie dahin geführt , denn es gefiel ihnen nicht , in den Blumen zu grasen . Sie sahen aus wie eine Gesandtschaft , der Distelfink voran . Die Geißen waren sichtlich ausgegangen , ihre Gesellschafter zu suchen , die sie so lange im Stich gelassen hatten und über alle Ordnung hinaus fortgeblieben waren , denn die Geißen kannten ihre Zeit wohl . Als der Distelfink die drei Vermißten in dem Blumenfeld entdeckte , stieß er ein überlautes Meckern aus , und auf der Stelle stimmte der ganze Chor ein , und fortmeckernd kamen sie alle dahergetrabt . Jetzt erwachte der Peter . Er mußte sich aber stark die Augen reiben , denn es hatte ihm geträumt , der Rollstuhl stehe wieder schön rot gepolstert und unversehrt vor der Hütte und noch im Erwachen hatte er die goldenen Nägel um das Polster herum in der Sonne blitzen gesehen ; aber jetzt entdeckte er , daß es nur die gelben Glitzerblümchen auf dem Boden gewesen waren . Jetzt kam dem Peter die Angst zurück , die er beim Anblick des unbeschädigten Stuhles ganz verloren hatte . Denn wenn auch das Heidi versprochen hatte , nichts zu machen , so war doch nun die Furcht im Peter lebendig geworden , die Sache könnte auch sonst noch auskommen . Er ließ sich jetzt ganz zahm und willig zum Führer machen und tat alles perfekt so , wie das Heidi es haben wollte . Als sie nun auf dem Weideplatz angekommen waren , holte das Heidi hurtig seinen vollen Speisesack herbei und schickte sich an , sein Versprechen zu lösen , denn auf den Inhalt des Sackes hatte seine Drohung sich bezogen . Es hatte wohl bemerkt am Morgen , wie viel gute Sachen der Großvater da hineinpackte , und mit Freuden hatte es vorausgesehen , daß dem Peter davon ein gutes Teil zufallen werde . Als er dann aber so störrig war , wollte es ihm zu verstehen geben , daß er nichts bekomme , was der Peter aber anders gedeutet hatte . Nun holte das Heidi Stück für Stück aus seinem Sack heraus und machte drei Häufchen davon , die wurden so hoch , daß es voller Befriedigung vor sich hin sagte : » Dann bekommt er noch alles , was wir zu viel haben . « Jetzt trug es jedem sein Häufchen zu , und mit dem seinigen setzte es sich neben Klara hin , und die Kinder ließen sich ' s wohlschmecken nach der großen Anstrengung . Es ging aber , wie das Heidi vorausgesehen hatte : als sie beide völlig satt waren , blieb noch so viel übrig , daß dem Peter noch einmal ein Häufchen , so groß wie das erste , zugeschoben werden konnte . Er aß still und beharrlich alles auf und dann noch die Krumen , aber er vollzog sein Werk nicht mit der gewohnten Befriedigung . Dem Peter lag etwas auf dem Magen , das nagte und würgte ihn und klemmte ihm jeden Bissen zusammen . Die Kinder waren so spät zu ihrer Mahlzeit gekommen , daß schon gleich nachher der Großvater zu sehen war , der die Alm hinanstieg , um sie abzuholen . Das Heidi stürzte ihm entgegen ; es mußte ihm zuerst sagen , was sich ereignet hatte . Es war indes so erregt von seiner beglückenden Nachricht , daß es die Worte fast nicht fand , sie dem Großvater mitzuteilen ; er verstand aber sogleich , was das Kind berichtete , und eine helle Freude kam auf sein Gesicht . Er beschleunigte seinen Schritt und bei Klara angekommen , sagte er fröhlich lächelnd : » So , haben wir ' s gewagt ? Nun haben wir ' s auch gewonnen ! « Dann hob er Klara vom Boden auf , umfaßte sie mit dem linken Arm und hielt ihr seine Rechte als starke Stütze für ihre Hand hin , und Klara marschierte , mit der festen Wand im Rücken , noch viel sicherer und unerschrockener dahin , als sie vorher getan hatte . Das Heidi hüpfte und jauchzte nebenher , und der Großvater sah aus , als sei ihm ein großes Glück widerfahren . Jetzt nahm er aber Klara mit einemmal auf seinen Arm und sagte : » Wir wollen ' s nicht übertreiben , es ist auch Zeit zur Heimkehr « , und er machte sich gleich auf den Weg , denn er wußte , daß nun der Anstrengungen für heute genug waren und Klara der Ruhe bedurfte . - Als der Peter später am Abend mit seinen Geißen nach dem Dörfli herunter kam , stand eine Menge von Leuten an einem Knäuel zusammen , und eins stieß das andere ein wenig weg , um besser sehen zu können , was mitten drin am Boden lag . Das mußte der Peter auch sehen ; er drückte und drängte rechts und links und bohrte sich hinein . Da , jetzt sah er ' s. Auf dem Grase lag das Mittelstück vom Rollstuhl , und noch ein Teil des Rückens hing daran . Das rote Polster und die glänzenden Nägel zeugten noch davon , wie prächtig der Stuhl in seiner Vollkommenheit ausgesehen hatte . » Ich war dabei , als sie ihn hinauftrugen « , sagte der Bäcker , der neben dem Peter stand ; » wenigstens 500 Franken war er wert , das wett ' ich mit jedem . Es nimmt mich nur wunder , wie es zugegangen ist . « » Der Wind kann ihn heruntergejagt haben , das hat der Öhi selbst gesagt « , bemerkte die Barbel , die nicht genug das schöne rote Zeug bewundern konnte . » Es ist gut , daß es kein anderer ist , der ' s getan hat « , sagte der Bäcker wieder ; » dem ging ' s schön ! Wenn es der Herr in Frankfurt vernimmt , wird er schon untersuchen lassen , wie ' s zugegangen ist . Ich für mich bin froh , daß ich seit zwei Jahren nie mehr auf der Alm war ; der Verdacht kann auf jeden fallen , der um die Zeit dort oben gesehen wurde . « Es wurden noch viele Meinungen ausgesprochen , aber der Peter hatte genug gehört . Er kroch ganz zahm und sachte aus dem Knäuel heraus und lief aus allen Kräften den Berg hinauf , so , als wäre einer hinter ihm drein , der ihn packen wollte . Die Worte des Bäckers hatten ihm eine furchtbare Angst eingejagt . Er wußte ja jetzt , daß jeden Augenblick ein Polizeidiener aus Frankfurt ankommen konnte , der die Sache untersuchen mußte , und dann konnte es doch auskommen , daß er es getan hatte , und dann würden sie ihn packen und nach Frankfurt ins Zuchthaus schleppen . Das sah der Peter vor sich , und seine Haare sträubten sich vor Schrecken . Ganz verstört kam er daheim an . Er gab keine Antwort , auf gar nichts , er wollte seine Kartoffeln nicht essen ; eilends kroch er in sein Bett hinein und stöhnte . » Der Peterli hat wieder Sauerampfer gegessen , er hat ' s im Magen , daß er so ächzen muß « , meinte die Mutter Brigitte . » Du mußt ihm ein wenig mehr Brot mitgeben , gib ihm morgen noch ein Stücklein von dem meinen « , sagte die Großmutter mitleidig . - Als die Kinder heut ' von ihren Betten in den Sternenschein hinausschauten , sagte das Heidi : » Hast du nicht heut ' den ganzen Tag denken müssen , wie gut es doch ist , daß der liebe Gott nicht nachgibt , wenn wir noch so furchtbar stark beten um etwas , wenn er etwas viel Besseres weiß ? « » Warum sagst du das jetzt auf einmal , Heidi ? « fragte Klara . » Weißt , weil ich in Frankfurt so stark gebetet habe , daß ich doch auf der Stelle heimgehen könne , und weil ich das immer nicht konnte , habe ich gedacht , der liebe Gott habe nicht zugehört . Aber weißt du , wenn ich so bald fortgelaufen wäre , so wärest du nie gekommen und du wärest nicht gesund geworden auf der Alp . « Klara war ganz nachdenklich geworden . » Aber , Heidi « , fing sie nun wieder an , » dann müßten wir ja um gar nichts beten , weil der liebe Gott ja schon immer etwas viel Besseres im Sinn hat , als wir wissen und wir von ihm erbitten wollen . « » Ja , ja , Klara , meinst du , es gehe dann nur so ? « eiferte jetzt das Heidi . » Alle Tage muß man zum lieben Gott beten und um alles , alles ; denn er muß doch hören , daß wir es nicht vergessen , daß wir alles von ihm bekommen . Und wenn wir den lieben Gott vergessen wollen , so vergißt er uns auch ; das hat die Großmama gesagt . Aber weißt du , wenn wir dann nicht bekommen , was wir gern hätten , dann müssen wir nicht denken : der liebe Gott hat nicht zugehört , und ganz aufhören , zu beten , sondern dann müssen wir so beten : Jetzt weiß ich schon , lieber Gott , daß du etwas Besseres im Sinn hast , und jetzt will ich nur froh sein , daß du es so gut machen willst . « » Wie ist dir das alles so in den Sinn gekommen , Heidi ? « fragte Klara . » Die Großmama hat mir ' s zuerst erklärt und dann ist es auch so gekommen und dann hab ' ich ' s gewußt . Aber ich meine auch , Klara « , fuhr das Heidi fort , indem es sich aufsetzte , » heute müssen wir gewiß dem lieben Gott noch recht danken , daß er das große Glück geschickt hat , daß du jetzt gehen kannst . « » Ja gewiß , Heidi , du hast recht , und ich bin froh , daß du mich noch erinnerst ; vor lauter Freude hätte ich es fast vergessen . « Jetzt beteten die Kinder noch und dankten dem lieben Gott jedes in seiner Weise für das herrliche Gut , das er der so lange krank gewesenen Klara geschenkt hatte . Am andern Morgen meinte der Großvater , nun könnte man einmal an die Frau Großmama schreiben , ob sie nicht jetzt nach der Alp kommen wolle , es wäre da etwas Neues zu sehen . Aber die Kinder hatten einen andern Plan gemacht . Sie wollten der Großmama eine große Überraschung bereiten . Erst sollte Klara das Gehen noch besser lernen , so daß sie , allein auf das Heidi gestützt , einen kleinen Gang machen könnte ; von allem aber müßte die Großmama keine Ahnung haben . Nun wurde der Großvater beraten , wie lang das noch währen könnte , und da er meinte , kaum acht Tage , so wurde im nächsten Brief die Großmama dringend eingeladen , um diese Zeit auf die Alp zu kommen ; von etwas Neuem wurde ihr aber kein Wort berichtet