einmal stören darfst du mich , um mir Lebewohl zu sagen . « » Nicht einmal Lebewohl ? ... Fräulein Feßler , ist das nicht hart , nicht unerträglich ? ... Und diesen Zustand zu verewigen , soll ich noch beitragen , oh , wenn ich das bedenke ... « » Agathe « , rief er heftig und gequält , » du weißt doch ... mein Gott , was willst du denn ? Geh , liebes Kind « , setzte er bittend hinzu , » du mußt ruhen , ein wenig schlummern , wenn du abends in Gesellschaft sollst . Geh . « Sie sah ihn traurig und gekränkt an und sprach nach kurzem Schweigen zu Lotti : » Er ist ein Tyrann , und ich gehorche . Liebstes Fräulein , schenken Sie ihm eine Tasse Kaffee ein und ein Gläschen Chartreuse und bleiben Sie noch ein wenig bei ihm . « Sie drückte Lottis Hände , bat sie , recht bald , unendlich bald , spätestens morgen wiederzukommen , und schritt dem Ausgang zu . Aber an der Tür blieb sie stehen , wandte sich , preßte die Finger an ihren Mund und warf mit einer Gebärde voll Innigkeit Hermann einen Kuß zu . Er erwiderte ihren liebevollen Gruß , und als sie das Zimmer verlassen hatte , starrte er ihr nach , schien wie unwiderstehlich angezogen , ihr folgen zu wollen ... aber nach kurzem Kampfe trat er zurück , warf sich in einen Sessel und versank in dumpfes Hinbrüten . » Sie haben mir noch nichts von dem Erfolg Ihrer heutigen Unterredung gesagt « , begann Lotti zögernd , » und ich wünschte doch sehr ... « » Was Sie soeben gesehen haben - das war der Erfolg « , rief Halwig aus . » Der Ehrenmann , über den Agathe so herzlich gelacht hat , ist derselbe , zu dem ich sagen mußte : Ich kann Ihnen nicht Wort halten , Herr ... « » Und was hat er ... « » Gleichviel ... ich habe mich losgekauft . Ich bin frei ... frei « , wiederholte er mit einer Beklommenheit , die zu jedem anderen Worte besser gepaßt hätte . » Halwig - Halwig - womit haben Sie sich losgekauft ? « » Beruhigen Sie sich , beste Freundin ! - Auf die einfachste Art. Ich habe ihm ein Manuskript ausgeliefert , das schon vor Jahren in seinen Händen war und das ihm damals abgerungen wurde - durch den tugendhaften Schweitzer , dem ich nebenbei ganz gern ein Zeichen von Unabhängigkeit gebe . « » Warum hat der es ihm abgerungen ? ... Antworten Sie nicht ! Ich tu ' s für Sie - und mit mehr Wahrhaftigkeit , als Sie es täten : weil es Ihrer unwürdig ist , unwürdig eines Dichters , eines Priesters , wie der Dichter sein soll , dem ein heiliges Amt hier auf Erden anvertraut ist ... « Eine ungewohnte Strenge sprach aus ihrer Stimme und aus ihren flammenden Zügen . » Oh , glauben Sie nicht , eine verschämte alte Jungfer zu hören , die sich einbildet , ein Mann , ein Schriftsteller , der seine Zeit schildern will , werde die Feder immer nur in Blütenduft und Morgentau tauchen . Ihr habt Furchtbares zu zeichnen , zeichnet es denn mit furchtbarer Kraft und Deutlichkeit , aber auch mit dem tiefinnerlichen Schauder , den euer Schüler , euer Leser bebend mitempfindet . Nur nicht mit dem eklen , im Häßlichen wühlenden Behagen , das sich auf jenen überträgt ... Mit dem Behagen , Halwig , das mich - verzeihen Sie mir , es muß ausgesprochen werden - , das mich anwiderte aus dem ersten Buch , das Sie nach unserer Trennung geschrieben haben . « » Aus dem - « rief er , kämpfend zwischen Bestürzung und Hohn . » Sie begreifen das nicht « , fuhr Lotti unerbittlich fort , » jenes Buch ist von Ihnen seither so vielfach überboten worden , es ist ein Buch für Kinder im Vergleich zu denen , die ihm folgten . Ich weiß das ! « beantwortete sie den Einwurf , den er machen wollte , » aus Anzeigen Ihrer Buchhändler , aus lobpreisenden Kritiken , die ich hie und da , so wenig ich danach suchte , in Zeitungen las ... Ich weiß es , können Sie es leugnen ? « Er schwieg und starrte sie mit einem schwachen Lächeln an . Plötzlich warf er sich in seinen Sessel zurück und sagte : » Wissen Sie , was Sie tun ? Sie sprechen zu mir wie mein eigenes künstlerisches Gewissen . Aber ich darf die Stimmen nicht hören , nicht die Ihre , nicht die seine . Ich habe einmal den Pegasus vor den Pflug gespannt , und er muß pflügen , muß erwerben . Kann ich dafür , daß die Menschen von jeher die Giftmischer besser zahlten als die Ärzte ? ... Wär ' s umgekehrt , ich reichte ihnen Arzenei . « » Halwig ! « schrie Lotti in schmerzlichem Entsetzen auf . Er richtete sich empor , ein unterdrücktes Schluchzen hob seine Brust . Lotti sah sein Herz pochen gegen sein Gewand . » Beste Freundin , ich bin verloren , machen Sie das Kreuz über mich ... Sie schütteln den Kopf , Sie verstehen mich nicht . Der Luxus , der uns umgibt , täuscht Sie , der Luxus lügt , wir leben eigentlich von der Hand in den Mund , ich verdiene viel , aber wir brauchen noch mehr , und ich stehe manchmal ratlos vor kleinen Verlegenheiten . - Ist ' s nötig , Ihnen das zu beichten ? ... Sie haben ja den sichtbaren Beweis davon erhalten . Das muß anders werden « , setzte er nach einer Pause peinlichen Nachsinnens hinzu . » Morgen verschreib ich mich dem Teufel . Ich tu es nur deshalb heute noch nicht , weil eine kindische Hoffnung auf ein Wunder sich in mir festgenistet hat ... « » Vielleicht braucht ' s kein Wunder « , unterbrach ihn Lotti und erhob sich mit einer seltsamen Hast . » Leben Sie wohl . « » Wie gern möchte ich Sie zurückhalten , aber da « , er deutete auf die Schriften , die seinen Schreibtisch bedeckten , » da ist Gesellschaft , die jede andere verdrängt . « Sie hörte ihn kaum , sie war mit einem Gedanken beschäftigt ... Der Gedanke , der war das Wunder - ein anderes gab es nicht . Eine Möglichkeit war ihr erschienen - eine Möglichkeit ... Alles , was man unfaßbar und widersinnig nennt , wäre Lotti noch vor einer Stunde als selbstverständlich erschienen im Vergleich zu dieser Möglichkeit . 12 Lotti ging heim , und als der Friede ihres stillen Hauses sie wieder umfing , atmete sie befreit auf . Sie trat rasch in ihr kühles , von einer Hängelampe freundlich erleuchtetes Stübchen und geradenweges auf die Uhrensammlung zu . Eine Weile stand sie sinnend davor und wiederholte mehrmals im leisen Selbstgespräch : » Nein , nein , das könnt ich doch nicht , das nicht . « Agnes trug das Abendessen auf und erzählte , daß Gottfried dagewesen sei und sich über das lange Ausbleiben des Fräuleins sehr gewundert habe . Er hatte etwas mitgebracht , ein Buch , ein neues , noch unaufgeschnittenes Buch - Halwigs letztes Werk . Mit einer Empfindung des Mißmuts nahm es Lotti in Empfang . Sie hätte sich jetzt gar zu gern des Gedankens an Halwig und alles , was sich auf ihn bezog , entschlagen . Warum mußte sie von neuem an ihn gemahnt werden ? Warum mußte sogar die liebevollste Hand sie in ein Bereich der Sorge und Peinlichkeit zurückgeleiten , aus dem sie sich eben erst , mühsam genug , losgemacht ? Sie legte das Buch auf einen Schrank am Ende des Zimmers , doch holte sie es von dort wieder , aus Rücksicht auf Gottfried . Sie wollte ihm wenigstens sagen können , daß sie versucht , darin zu lesen . Sie tat es mit widerstrebendem Gefühl , aber mit stets wachsender Spannung . Sie war gefesselt , umstrickt , aber mit beengenden , mit unlauteren Banden . Ihr Blut erstarrte bei manchen Schilderungen . Da war dem Tier im Menschen jede Regung abgelauscht und mit schamloser Genauigkeit auseinandergesetzt . Da war eine erzwungene , erlogene Sinnlichkeit , aus der die offenbare Ohnmacht mit bleicher Fratze hervorgrinste . Da war die Fülle niederer Wirklichkeit aus dem seichten Strom des gemeinen Lebens geschöpft , da fehlte alle höchste Wahrheit , die der Poesie . Da war endlich der Notbehelf , der armselige , einer lahmen Phantasie : das mit photographischer Treue und Verzerrung gezeichnete Porträt ; Persönlichkeiten , aus dem Schutz des Hauses gerissen und an den Pranger gestellt , zur Augenweide eines Publikums , demjenigen verwandt , das sich zu den Hinrichtungen drängt . Im großen ganzen - die klägliche Mißgeburt des schreiblustigen Jahrhunderts : der Sensationsroman . Und dennoch ! durch diese unreine Atmosphäre , diese matte , erschlaffende Luft , durch dieses fahle Farbenspiel der Fäulnis , brach es manchmal herein wie ein zitternder Strahl sonnigen Lichtes . Das mißbrauchte , zugrunde gerichtete Talent besann sich einen Augenblick auf sich selbst ... Du armes Talent ! dachte Lotti , wie hat sich an dir versündigt , der zu deinem Hüter bestellt worden ! Der Morgen begann zu grauen , und sie wachte noch über ihrem Buche . Ihre Stirn , ihre Augen brannten , und ihre Hände bebten vor Frost . Die Lampe knisterte und flackerte ; vom verkohlten Docht stiegen Funken im angerauchten Zylinder empor . Lotti löschte das sterbende Licht und suchte ihr Lager auf . Wie wohltätig wäre ein wenig Schlaf gewesen . Sie schloß die Augen und bemühte sich , regungslos zu liegen ; da begannen alle ihre Pulse zu pochen , eine fürchterliche Beängstigung beklemmte ihr den Atem . Ihr war , als riefe eine flehende Stimme um Rettung zu ihr , die klagte , die sprach : Du hast mich gekannt in meiner Reinheit , rette eine verlorene Seele ! ... Verloren , weil du dich von ihr gewandt . Du warst die Starke , und ich war schwach , du hättest mich nicht verlassen sollen . Aber du suchtest Ruhe , du rangst nach Frieden und gabst mich auf , und ich sank und sinke immer tiefer ohne dich ... Beweine mich nicht nur - rette mich ! Eine lange Zeit verfloß - eine wie lange ? ... Die Uhren schwiegen alle , standen alle still ... Lotti hatte vergessen , sie aufzuziehen - zum ersten Male , seitdem es ihr überhaupt oblag , für Uhren Sorge zu tragen , ihrer vergessen ... Wie spät war es denn ? Wollte der Tag heute gar nicht kommen ? Wollte eben heute die sonst so rührige Agnes nicht erwachen ? Ja , wenn man die Zeit an Pulsschlägen abzählen könnte , wie die Alten getan ... oder wenn Lotti die Sanduhr besäße , welche sich dereinst das Fräulein in Schlesien verfertigt hatte , das Fräulein , das seine Lebenszeit abmaß an der verrinnenden Asche des verstorbenen Verlobten ... an diese Sanduhr erinnerte Lotti sich jetzt , und wie paßte der Einfall in das Gewirre von ganz anders wichtigen Gedanken in ihrem fiebernden Hirn ? ... Endlich wird die bange Stille im Hause unterbrochen . Agnes ist auf den Beinen und schaltet mit gewohnter Energie in ihrem Küchenbereiche . Lotti erhebt sich , zieht die Vorhänge hinauf , ruft die Alte ins Zimmer und fragt nach der Zeit . Es ist noch sehr früh am Morgen , noch unmöglich , die Dienerin auszusenden , um die Wohnung des Advokaten Schweitzer zu erfragen - des Advokaten Schweitzer , den Lotti besuchen will . » Eines Advokaten ! ? « - Agnes fällt fast um vor Schrecken - das ist ja einer vom Gericht , was hat ihr Fräulein mit dem Gericht zu tun ? Und zwei Stunden später , nachdem Agnes die gewünschte Adresse richtig zustande gebracht und Lotti schweigend und eilends das Haus verlassen hatte , wurde die Magd von solchen Qualen der Neugier erfaßt , daß sie - sie konnte sich nicht anders helfen - in Tränen ausbrach . Der Weg Lottis war nicht weit , bald schellte sie an Schweitzers Tür . Eine ältliche Dame öffnete und erklärte mit höflichem Bedauern , daß ihr Bruder jetzt nicht zu sprechen sei . Allein nachdem Lotti sich genannt , und auf ihre dringende Bitte , entschloß die Dame sich dennoch nachzufragen , und wenige Sekunden später erschien Schweitzer selbst . » Fräulein Feßler ! « rief er , » Sie kommen wie ein Schutzgeist . « Er führte sie durch ein einfach eingerichtetes Wohnzimmer in eine große Stube mit tiefem , dunklem Alkoven . In der Mitte des weitläufigen Gemaches stand ein riesiger Schreibtisch und neben demselben ein ebensolcher geöffneter Geldschrank . In hohen Stößen waren darin Wertpapiere aufgehäuft , hinter eisernen Gittern Geldsäcke und Rollen geschichtet . Er schien gewaltige Reichtümer zu bergen und glich mit seinen schweren Angeln und seinen kunstvollen Schlössern einem Ungeheuer , das Schätze hütet und sie , trotz seines lockend aufgesperrten Rachens , zu verteidigen sehr gesonnen ist . Schweitzer bot Lotti seinen eigenen Lehnstuhl an , und sie nahm am Schreibtische Platz , während der Advokat , dessen ganzes Wesen die äußerste Aufregung verriet , vor ihr stehenblieb . » Ich hätte mir Ihren Besuch nicht träumen lassen « , sprach er , » aber weil Sie nun da sind , weiß ich auch , was Sie hierhergeführt ... Es ist die Sorge um Halwig . « Er beantwortete ihr bestätigendes » Ja « mit dem Ausrufe : » Und sie hat guten Grund ! « Der erwartete Brief war eingetroffen , Halwigs gerechter Anspruch abgewiesen . » Es ist die schmählichste Niederlage meines Lebens ! « rief Schweitzer . » Ich habe diesen Ausgang für unmöglich gehalten und deshalb gestern noch - Sie waren Zeuge - nicht jede Hoffnung auf eine günstige Lösung der Sache vernichtet , der Sache , für die ich mich aus eigenem Antrieb begeistert ... Ich , der vorsichtige , peinliche Geschäftsmann ... Halwig hätte an die alte , vergessene Geschichte nie gedacht . « Er stieß unzusammenhängende Worte hervor , er verwünschte sich als den Urheber der Enttäuschung , die seinem Freunde bevorstand . » Wissen Sie denn , was diese Enttäuschung bedeutet ? « rief er . » Ich will es Ihnen sagen ... « » Ich weiß es « , unterbrach ihn Lotti beschwichtigend . » Halwig ist nur noch auf sein Talent angewiesen , und dieses ist erschöpft ... Sprechen wir ruhig , ich bitte ... Nehmen wir an , Herr Doktor , der Prozeß wäre günstig für ihn entschieden worden . Die Summe , deren er bedarf , um das Gut seiner Schwiegereltern zu erwerben , läge da in diesem Schranke , was dann ? « » Was dann ? « » Würden Sie sagen : Schließe den Kauf , ziehe dich auf das Land zurück mit deiner jungen verwöhnten Frau ? - Ich kenne sie nicht , aber ich glaube , sie wird die Freuden der Geselligkeit , der Stadt , nicht missen können . « Schweitzer lachte auf . » Nein , Sie kennen sie nicht . Die Stadt hat ihr nichts zu bieten ; sie tanzt nicht ... Theater , Konzerte , Kunstsammlungen , was bedeuten ihr die ? Sie ist ja blind , sie ist ja taub , sie hat vor allem andern keine Seele und kein Herz , außer für ihren Mann , für Papa und Mama , und für die sauberen Brüder , den Kiki und den Koko , oder wie man sie nennt ... Sie hat ja nichts als die ganz tierische , ganz unmündige und gedankenlose Zärtlichkeit für das Nest , aus dem sie hervorgegangen ist ... für eine Familie - welche Familie ! mehr noch als jede andere eine Brutstätte des Vorurteils , das Grab der Nächstenliebe , denn was nicht zu ihr zählt , zählt überhaupt nicht ... Oh , was gäbe ich , um Halwig aus dieser Familie zu lösen ! ... Ein Opfer wäre seinen Peinigern entrissen , das ihnen überantwortet ist für die Dauer des ganzen Lebens . - Fort nach England mit Papa und Mama , und auf das Land mit der Tochter und mit den seidenen Vorhängen , und mit der Menagerie , und mit den Reitpferden , und mit den Zigaretten ... Fort « , brach er plötzlich aus , » wenn ich wieder frei atmen soll , fort - aus meiner Nähe ! « Er beugte sich zurück und drückte die geballten Fäuste an seine Augen . Eine Pause tiefen Schweigens trat ein . » Was wird geschehen ? « sprach Lotti endlich . » Er wird den Kontrakt unterschreiben , ihn nicht einhalten können , das Gut wird unter den Hammer kommen , und Halwig und die schöne Frau ... nun , er kann immerhin noch taglöhnern gehen bei irgendeinem publizistischen Unternehmen , und sie wird sich an das Nadelgeld einer Taglöhnersfrau gewöhnen oder zu Papa und Mama nach England reisen müssen , wenn sie es nicht vorzieht , das Nächstliegende zu ergreifen und die teuflische Macht , die ihr innewohnt , auszuüben . - Oh ! Führe uns nicht in Versuchung ! das heißt , bringe uns nie in Gelegenheit , all das Schlechte , dessen wir im Fall der Not fähig wären - zu tun ... Eine nichtswürdige Empfindung in der Brust eines braven Menschen - Sie ahnen nicht , was die gebiert - Sie ahnen nicht einmal , daß es die geben kann . Gräßlich ! « stöhnte er , nahm sich zusammen und fügte in scharfem Tone hinzu : » Sehen Sie , Fräulein , in diesem Schranke liegen Schätze . Wirklich , respekteinflößende Schätze . Und doch sind sie nur Bruchteile des Besitzes ihrer Eigentümer . Diese Eigentümer haben unbedingtes Vertrauen zu mir , sie haben mir noch niemals nachgerechnet ... Wenn ich einmal irrte , in einem Ausweis , beim Addieren , und das Unwahrscheinlichste geschähe , gerade der fehlerhafte Ausweis würde eingesehen , je nun ! der gute Schweitzer hätte eben einmal seinen Kopf nicht beisammen gehabt . Sind die Papiere nicht bei ihm ? überhaupt nicht aufzutreiben ? ... Je nun , der gute Schweitzer hat sie aus Versehen in den Ofen oder in das Kehricht geworfen , aber gestohlen , daß er sie gestohlen hat , würden seine Klienten nicht glauben . Und wenn er selbst es ihnen erzählte , würden sie denken , daß er ein Narr , aber nicht , daß er ein Dieb geworden ist . Wenn ich mich denn irrte ... wenn ich mich genau um die Summe irrte , um die es sich handelt , was hätte ich dann getan ? ... Etwas , das mich vielleicht zum Wahnsinn oder zum Selbstmord treiben würde , ein Verbrechen , das größte , das ich begehen kann , denn es wäre ein Verbrechen gegen meine eigenste , angeborne Natur , und doch nichts im Vergleiche zu dem Elend , das über den unglückseligen Halwig hereinbricht , wenn ich ihn seinem Schicksale überlasse . « » Was denken Sie ? « fragte Lotti , » sagen Sie es mir offenherzig , Herr Doktor ... « » Offenherzig ? « rief er . » Ich könnte das Geld stehlen , das er braucht , und als Sie an meiner Tür schellten « , seine Stimme sank zu einem fast unhörbaren Flüstern herab , » war ich halb und halb entschlossen , es zu tun . « » Lieber Doktor « , sprach Lotti , merkwürdig wenig erschüttert durch diese furchtbare Selbstanklage , » machen Sie sich nichts weis . Den Vorsatz hätten Sie nicht ausgeführt . Es muß auf andere Art geholfen werden ... « Sie seufzte tief auf : » Und jetzt sagen Sie mir , wieviel kostet das Gut ? « Schweitzer nannte den Preis , fügte aber hinzu : » Der Wert ist mindestens das Doppelte ... Wollen Sie es kaufen ? « rief er plötzlich aus , » ich höre , daß Sie im Besitz eines Nibelungenhortes sind , einer Uhrensammlung « , er lächelte gutmütig , aber doch auch sehr spöttisch , » ein totes Kapital , das ist heutzutage fast eine Sünde . Fräulein Feßler , verkaufen Sie Ihre Uhren und kaufen Sie das Gut ! Es wäre nicht völlige Hilfe , aber es wäre viel , die Eltern würden wir dadurch los ... und dann ließe sich weiterdenken . Kaufen Sie das Gut ! Für die Administration will ich sorgen . Kaufen Sie das Gut ! Vom alleinigen Standpunkte des Nutzens aus , ohne jeden Nebengedanken , kann ich Ihnen nicht genug dazu raten . « Der praktische Geschäftsmann in ihm kam mit einem Male zum Vorschein und führte eine Zeitlang ausschließlich das Wort . Die offenbaren , auf der Hand liegenden Vorteile jedoch , für die er sich bereit erklärte gutzustehen , schienen Lotti kein Interesse abzugewinnen . Sie wollte etwas ganz anderes wissen . Sie fragte : » Wenn Sie jetzt zu Halwig gingen und ihm ankündigten , daß sein Prozeß gewonnen ist , würde er nicht erfahren wollen , wie das zugegangen , den Brief nicht sehen wollen , der die Nachricht brachte ? « Schweitzer starrte sie mit aufgerissenen Augen an : » Was soll das ? « » Antworten Sie mir ! Ist er ein solches Kind in Geschäftssachen , daß man ihn glauben machen könnte ... « » Den ? « unterbrach sie Schweitzer , » alles kann man dem aufbinden . Geschäftssachen ! noch ganz andere Leute sind Kinder in Geschäftssachen ... aber um Gottes willen ... Sie haben einen Rettungsplan , ich seh ' s. Sie werden helfen , Sie ! ... « Er faltete die Hände , er vermochte nicht weiterzusprechen . » Ich schaffe Ihnen in einigen Tagen das nötige Geld « , sagte Lotti , » Ihre Sache ist es dann , Halwig damit zu betrügen . Aber - nicht einmal der Tod hebt das Versprechen auf , das ich von Ihnen fordere : Sie schweigen , Sie bewahren mir für immer das Geheimnis . « Sie erhob sich und streckte ihm die Hand entgegen , die er feierlich ergriff . » Ich frage Sie nicht « , sprach er , » welches Opfer bringen Sie ? Auf welche Lebensfreude leisten Sie Verzicht , um das möglich zu machen ? Ich frage : Vermögen Sie die Wohltat zu ermessen , die Sie erweisen ? « Lotti schüttelte den Kopf : » Vielleicht nicht . Ich tue nur , was ich nicht lassen kann : ich gebe ein im Grunde doch entbehrliches Gut hin , um die Seele eines Menschen zu retten , der mir einst teuer war . « Damit nahm sie Abschied . Sie begab sich nach dem Laden Gottfrieds , fragte dort vergeblich nach ihm - er war nicht zugegen , war schon vor geraumer Zeit fortgegangen . Als sie nach Hause kam , fand sie ihn , ihrer in sehnsüchtiger Ungeduld wartend . » Was geht vor ? « fragte er und stellte sich eilends in seine Fensterecke . » Ein merkwürdiges Leben führst du seit einigen Tagen . « Er verfolgte mit den Augen jede ihrer Bewegungen . Sie hatte den Hut abgenommen und beschäftigte sich mit dem Zusammenlegen ihres Tuches . Jetzt kam sie langsam auf den Tisch zugeschritten und ließ einen zerstreuten Blick über die ihrer harrende Arbeit gleiten . Gottfried hatte diese so appetitlich hergerichtet , daß ein echtes Uhrmacherherz dabei aufgehen mußte ; allein dasjenige Lottis verleugnete sich in dem Momente gänzlich . Sie nahm Platz , schob die kleinen Glasglocken samt ihrem zarten Inhalt beiseite und stützte die Ellbogen auf den Tisch . Mit trüben , etwas geröteten Augen betrachtete sie lange , wehmütig und wie fragend , das Bild ihres Vaters . Endlich wandte sie sich zu Gottfried . Aber nicht wie um gewöhnlich Auskunft zu erhalten über den Gang einer Pendeluhr , über die Leistung eines Echappements und ähnliche angenehme Dinge , sondern mit einer Erkundigung nach dem ihr unangenehmsten Menschen - dem Agenten des Amerikaners . Der war noch da und behelligte Gottfried nur zu oft mit seinen Besuchen . Er kam unter allerlei Vorwänden , hatte jedoch nur einen Zweck , den unerreichbarsten . Gottfried lächelte mitleidig . » Die Uhrensammlung möcht er an sich bringen . « » Er soll sie haben . Ich verkaufe die Uhren . « Gottfried stieß einen Schrei des Erstaunens aus . Das war nicht im Scherz , war auch nicht obenhin wie die Andeutung einer Möglichkeit gesagt , das war ein ernster , wohlüberlegter Entschluß , den Gottfried mit innerster Empörung vernahm . » Das tust du für Halwig ! « brach er plötzlich los , und Lotti senkte bejahend das Haupt . » Ich kann nicht anders . Ich werde dir alles erklären , aber nicht jetzt . Jetzt möchte ich nur den Abschied von meinen armen Uhren schon überstanden haben . Du wirst - ich bitte dich - mit dem Agenten sprechen . Es bleibt bei dem Preis , den der Amerikaner damals dem Vater angeboten . Weißt du , ob er den noch bezahlen will ? « » Das will er gewiß . « » Bestelle ihn also ... und gleich , wenn du mir eine Wohltat erweisen willst . « Er blickte in ihr schmerzlich verzogenes Gesicht . » Ich werde dir die Wohltat erweisen , ihn nicht zu bestellen . « » Gottfried ! ... « » Lotti , Lotti ! ... Wie kannst du - und für den ? ... Warum denn alles für den ? « Sein ganzes Innere war im Aufruhr , und Lotti verlor fast das Gefühl ihres eigenen Leids über der Teilnahme mit der bitteren Qual , mit welcher er rang und die auszusprechen ihm nicht gegeben war . » Ich muß , siehst du ! « sagte sie , » ich darf nicht anders . « » Überleg ' s. Mir zuliebe ... versuch einmal , etwas mir zuliebe zu tun , überleg ' s ! ... Es wird dich gereuen . « » Es ist nicht mehr Zeit zu überlegen , ich habe mein Wort verpfändet - und gereuen ? Ich glaube , daß es mich nie gereuen wird . « » Auch dann nicht , wenn du erfahren wirst , daß du es umsonst getan hast ? - Und das wirst du erfahren ! « Lotti widersprach ihm nicht , und Gottfried fuhr eifrig fort : Ein solches Opfer ... » o wahrhaftig , der ein solches Opfer annimmt , der ist ' s nicht wert ! « » Er würde es nicht annehmen , wenn er davon wüßte . Geh jetzt und komm bald wieder , mit dem - Käufer . « Sie wollte sich erheben , aber die Knie versagten ihr den Dienst , und sie lehnte sich erschöpft in den Sessel zurück . Gottfried trat näher . » Du kannst nicht helfen , glaube mir , es ist hier nicht zu helfen . « » Aber eine Frist zu gewinnen , und in dieser Frist die Gelegenheit ... « » Zu einem Wunder ? « fiel Gottfried ein . » Vielleicht . « Er wandte sich unwillig ab , und Lotti sagte entschlossenen Tons : » Darf der Arzt , der einen Kranken aufgegeben hat , ein Mittel , ihn zu retten , unversucht lassen ? Er darf es nicht - wegen seines eigenen Seelenfriedens , wegen dieses furchtbaren vielleicht , das dich böse gemacht hat . « » Mich böse ? ! « rief Gottfried . Mit unbeholfener Zärtlichkeit erfaßte er ihre Hand , und wie ein Erstickender flüsterte er : » Was würde der Vater sagen ? ... Lotti , denk an ihn . « » Ich habe zuerst an ihn gedacht und sage dir : er hätte es auch getan . « Sie suchte ihm ihre Hand zu entziehen , er hielt sie fest und rief : » Mag sein ... aber der Vater hätte dabei auch ein Wort für mich gehabt ... Mißverstehe mich nicht ! ... ich hab ja gar kein Recht - ich meine nur , er hätte zu mir gesprochen : Das geschieht für einen andern - deshalb brauchst du nicht zu denken , daß mir der andere lieber ist als du . « Er stockte , wie erschrocken über seine eigene Kühnheit , und gab die Hand Lottis plötzlich frei . Sie sah ihn an , bestürzt und angstvoll , mit Schamröte übergossen . Der Schmerzensschrei des schweigsamen Mannes erweckte in ihrer Brust einen Sturm von Selbstanklagen . Ihre Verwirrung vergrößerte noch die seine . » Verzeih « , stotterte er , » ich gehe « , und wandte sich zur Flucht mit einer so ratlosen und hastigen Eile , daß Lotti - es schien ihr selbst unglaublich - über ihn lachen mußte . Er blieb stehen , halb empört , halb erfreut : » Du lachst ? « » Ich lache - « sie brach in Tränen aus : » Wir sind zwei alte , erbärmliche Weichlinge . « » Weichlinge ... « wiederholte er und näherte sich ihr schüchtern - » Lotti - « » Gottfried - « Und die » Geschwister Feßler « umarmten sich . 13 Am Nachmittage fand in der Wohnung des Fräuleins Charlotte Feßler eine feierliche Handlung statt . Das Fräulein übergab Herrn C.B. Fischer , Agenten des Hauses F.O. Wagner-Schmid in New York , in Gegenwart der Herren G. Feßler , Uhrenmachermeister , und W. Schweitzer , Advokat , eine Sammlung , bestehend aus dreihundert altertümlichen Taschenuhren . Durchschnittspreis per Stück fünfhundert Gulden . Summe des Kaufpreises : Einmalhundertundfünfzigtausend Gulden . Herr C.B. Fischer , ungewöhnlich lang ,