so mußt du warten hier unten , ich weiß jetzt den Weg nicht mehr zurück , du mußt mir ihn dann zeigen . « » Was gibst du mir dann ? « » Was muß ich dir dann wieder geben ? « » Wieder zwanzig Pfennige . « Jetzt wurde das alte Schloß inwendig umgedreht und die knarrende Tür geöffnet ; ein alter Mann trat heraus und schaute erst verwundert , dann ziemlich erzürnt auf die Kinder und fuhr sie an : » Was untersteht ihr euch , mich da herunterzuklingeln ? Könnt ihr nicht lesen , was über der Klingel steht : Für solche , die den Turm besteigen wollen ? « Der Junge wies mit dem Zeigefinger auf Heidi und sagte kein Wort . Heidi antwortete : » Eben auf den Turm wollt ' ich . « » Was hast du droben zu tun ? « fragte der Türmer ; » hat dich jemand geschickt ? « » Nein « , entgegnete Heidi , » ich möchte nur hinaufgehen , daß ich hinuntersehen kann . « » Macht , daß ihr heimkommt , und probiert den Spaß nicht wieder , oder ihr kommt nicht gut weg zum zweitenmal ! « Damit kehrte sich der Türmer um und wollte die Tür zumachen . Aber Heidi hielt ihn ein wenig am Rockschoß und sagte bittend : » Nur ein einziges Mal ! « Er sah sich um , und Heidis Augen schauten so flehentlich zu ihm auf , daß es ihn ganz umstimmte ; er nahm das Kind bei der Hand und sagte freundlich : » Wenn dir so viel daran gelegen ist , so komm mit mir ! « Der Junge setzte sich auf die steinernen Stufen vor der Tür nieder und zeigte , daß er nicht mit wollte . Heidi stieg an der Hand des Türmers viele , viele Treppen hinauf ; dann wurden diese immer schmäler , und endlich ging es noch ein ganz enges Treppchen hinauf , und nun waren sie oben . Der Türmer hob Heidi vom Boden auf und hielt es an das offene Fenster . » Da , jetzt guck hinunter « , sagte er . Heidi sah auf ein Meer von Dächern , Türmen und Schornsteinen nieder ; es zog bald seinen Kopf zurück und sagte niedergeschlagen : » Es ist gar nicht , wie ich gemeint habe . « » Siehst du wohl ? Was versteht so ein Kleines von Aussicht ! So , komm nun wieder herunter und läute nie mehr an einem Turm ! « Der Türmer stellte Heidi wieder auf den Boden und stieg ihm voran die schmalen Stufen hinab . Wo diese breiter wurden , kam links die Tür , die in des Türmers Stübchen führte , und nebenan ging der Boden bis unter das schräge Dach hin . Dort hinten stand ein großer Korb und davor saß eine dicke graue Katze und knurrte , denn in dem Korb wohnte ihre Familie und sie wollte jeden Vorübergehenden davor warnen , sich in ihre Familienangelegenheiten zu mischen . Heidi stand still und schaute verwundert hinüber , eine so mächtige Katze hatte es noch nie gesehen ; in dem alten Turm wohnten aber ganze Herden von Mäusen , so holte sich die Katze ohne Mühe jeden Tag ein halbes Dutzend Mäusebraten . Der Türmer sah Heidis Bewunderung und sagte : » Komm , sie tut dir nichts , wenn ich dabei bin ; du kannst die Jungen ansehen . « Heidi trat an den Korb heran und brach in ein großes Entzücken aus . » O , die netten Tierlein ! die schönen Kätzchen ! « rief es ein Mal ums andere und sprang hin und her um den Korb herum , um auch recht alle komischen Gebärden und Sprünge zu sehen , welche die sieben oder acht jungen Kätzchen vollführten , die in dem Korb rastlos übereinanderhin krabbelten , sprangen , fielen . » Willst du eins haben ? « fragte der Türmer , der Heidis Freudensprüngen vergnügt zuschaute . » Selbst für mich ? für immer ? « fragte Heidi gespannt und konnte das große Glück fast nicht glauben . » Ja , gewiß , du kannst auch noch mehr haben , du kannst sie alle zusammen haben , wenn du Platz hast « , sagte der Mann , dem es gerade recht war , seine kleinen Katzen los zu werden , ohne daß er ihnen ein Leid antun mußte . Heidi war im höchsten Glück . In dem großen Hause hatten ja die Kätzchen so viel Platz , und wie mußte Klara erstaunt und erfreut sein , wenn die niedlichen Tierchen ankamen ! » Aber wie kann ich sie mitnehmen ? « fragte nun Heidi und wollte schnell einige fangen mit seinen Händen , aber die dicke Katze sprang ihm auf den Arm und fauchte es so grimmig an , daß es sehr erschrocken zurückfuhr . » Ich will sie dir bringen , sag nur , wohin « , sagte der Türmer , der die alte Katze nun streichelte , um sie wieder gut zu machen , denn sie war seine Freundin und hatte schon viele Jahre mit ihm auf dem Turm gelebt . » Zum Herrn Sesemann in dem großen Haus , wo an der Haustür ein goldener Hundskopf ist mit einem dicken Ring im Maul « , erklärte Heidi . Es hätte nicht einmal so viel gebraucht für den Türmer , der schon seit langen Jahren auf dem Turm saß und jedes Haus weithin kannte , und dazu war der Sebastian noch ein alter Bekannter von ihm . » Ich weiß schon « , bemerkte er ; » aber wem muß ich die Dinger bringen , wem muß ich nachfragen , du gehörst doch nicht Herrn Sesemann ? « » Nein , aber die Klara , sie hat eine so große Freude , wenn die Kätzchen kommen ! « Der Türmer wollte nun weitergehen , aber Heidi konnte sich von dem unterhaltenden Schauspiel fast nicht trennen . » Wenn ich nur schon eins oder zwei mitnehmen könnte ! Eins für mich und eins für Klara , kann ich nicht ? « » So wart ein wenig « , sagte der Türmer , trug dann die alte Katze behutsam in sein Stübchen hinein und stellte sie an das Eßschüsselchen hin , schloß die Tür vor ihr zu und kam zurück : » So , nun nimm zwei ! « Heidis Augen leuchteten vor Wonne . Es las ein weißes und dann ein gelb und weiß gestreiftes aus und steckte eins in die rechte und eins in die linke Tasche . Nun ging ' s die Treppe hinunter . Der Junge saß noch auf den Stufen draußen , und als nun der Türmer hinter Heidi die Tür zugeschlossen hatte , sagte das Kind : » Welchen Weg müssen wir nun zu Herrn Sesemanns Haus ? « » Weiß nicht « , war die Antwort . Heidi fing nun an zu beschreiben , was es wußte , die Haustür und die Fenster und die Treppen , aber der Junge schüttelte zu allem den Kopf , es war ihm alles unbekannt . » Siehst du « , fuhr dann Heidi im Beschreiben fort , » aus einem Fenster sieht man ein großes , großes , graues Haus und das Dach geht so « - Heidi zeichnete hier mit dem Zeigefinger große Zacken in die Luft hinaus . Jetzt sprang der Junge auf , er mochte ähnliche Merkmale haben , seine Wege zu finden . Er lief nun in einem Zug drauf los und Heidi hinter ihm drein , und in kurzer Zeit standen sie richtig vor der Haustür mit dem großen Messing-Tierkopf . Heidi zog die Glocke . Bald erschien Sebastian , und wie er Heidi erblickte , rief er drängend : » Schnell ! Schnell ! « Heidi sprang eilig herein , und Sebastian schlug die Tür zu ; den Jungen , der verblüfft draußen stand , hatte er gar nicht bemerkt . » Schnell , Mamsellchen « , drängte Sebastian weiter , » gleich ins Eßzimmer hinein , sie sitzen schon am Tisch . Fräulein Rottenmeier sieht aus wie eine geladene Kanone ; was stellt aber auch die kleine Mamsell an , so fortzulaufen ? « Heidi war ins Zimmer getreten . Fräulein Rottenmeier blickte nicht auf ; Klara sagte auch nichts , es war eine etwas unheimliche Stille . Sebastian rückte Heidi den Sessel zurecht . Jetzt , wie es auf seinem Stuhl saß , begann Fräulein Rottenmeier mit strengem Gesicht und einem ganz feierlich-ernsten Ton : » Adelheid , ich werde nachher mit dir sprechen , jetzt nur so viel : du hast dich sehr ungezogen , wirklich strafbar benommen , daß du das Haus verlässest , ohne zu fragen , ohne daß jemand ein Wort davon wußte , und herumstreichst bis zum späten Abend ; es ist eine völlig beispiellose Aufführung . « » Miau « , tönte es wie als Antwort zurück . Aber jetzt stieg der Zorn der Dame : » Wie , Adelheid « , rief sie in immer höheren Tönen , » du unterstehst dich noch , nach aller Ungezogenheit einen schlechten Spaß zu machen ? Hüte dich wohl , sag ' ich dir ! « » Ich mache « , fing Heidi an - » Miau ! Miau ! « Sebastian warf fast seine Schüssel auf den Tisch und stürzte hinaus . » Es ist genug « , wollte Fräulein Rottenmeier rufen ; aber vor Aufregung tönte ihre Stimme gar nicht mehr . » Steh auf und verlaß das Zimmer . « Heidi stand erschrocken von seinem Sessel auf und wollte noch einmal erklären : » Ich mache gewiß « - » Miau ! Miau ! Miau ! « » Aber Heidi « , sagte jetzt Klara , » wenn du doch siehst , daß du Fräulein Rottenmeier so böse machst , warum machst du immer wieder miau ? « » Ich mache nicht , die Kätzlein machen « , konnte Heidi endlich ungestört hervorbringen . » Wie ? Was ? Katzen ? junge Katzen ? « schrie Fräulein Rottenmeier auf . » Sebastian ! Tinette ! Sucht die greulichen Tiere ! schafft sie fort ! « Damit stürzte die Dame ins Studierzimmer hinein und riegelte die Türen zu , um sicherer zu sein , denn junge Katzen waren für Fräulein Rottenmeier das Schrecklichste in der Schöpfung . Sebastian stand draußen vor der Tür und mußte erst fertig lachen , eh ' er wieder eintreten konnte . Er hatte , als er Heidi bediente , einen kleinen Katzenkopf aus dessen Tasche herausgucken gesehen und sah dem Spektakel entgegen , und wie er nun ausbrach , konnte er sich nicht mehr halten , kaum noch seine Schüssel auf den Tisch setzen . Endlich trat er denn wieder gefaßt ins Zimmer herein , nachdem die Hilferufe der geängsteten Dame schon längere Zeit verklungen waren . Jetzt sah es ganz still und friedlich aus drinnen ; Klara hielt die Kätzchen auf ihrem Schoß , Heidi kniete neben ihr und beide spielten mit großer Wonne mit den zwei winzigen , graziösen Tierchen . » Sebastian « , sagte Klara zu dem Eintretenden , » Sie müssen uns helfen ; Sie müssen ein Nest finden für die Kätzchen , wo Fräulein Rottenmeier sie nicht sieht , denn sie fürchtet sich vor ihnen und will sie fort haben ; aber wir wollen die niedlichen Tierchen behalten und sie immer hervorholen , sobald wir allein sind . Wo kann man sie hintun ? « » Das will ich schon besorgen , Fräulein Klara « , entgegnete Sebastian bereitwillig ; » ich mache ein schönes Bettchen in einem Korb und stelle den an einen Ort , wo mir die furchtsame Dame nicht dahinterkommt , verlassen Sie sich auf mich . « Sebastian ging gleich an die Arbeit und kicherte beständig vor sich hin , denn er dachte : » Das wird noch was absetzen ! « und der Sebastian sah es nicht ungern , wenn Fräulein Rottenmeier ein wenig in Aufregung geriet . Nach längerer Zeit erst , als der Augenblick des Schlafengehens nahte , machte Fräulein Rottenmeier ein ganz klein wenig die Tür auf und rief durch das Spältchen heraus : » Sind die abscheulichen Tiere fortgeschafft ? « » Ja wohl ! Ja wohl ! « gab Sebastian zurück , der sich im Zimmer zu schaffen gemacht hatte in Erwartung dieser Frage . Schnell und leise faßte er die beiden Kätzchen auf Klaras Schoß und verschwand damit . Die besondere Strafrede , die Fräulein Rottenmeier Heidi noch zu halten gedachte , verschob sie auf den folgenden Tag , denn heute fühlte sie sich zu erschöpft nach all ' den vorhergegangenen Gemütsbewegungen von Ärger , Zorn und Schrecken , die ihr Heidi ganz unwissentlich nacheinander verursacht hatte . Sie zog sich schweigend zurück , und Klara und Heidi folgten vergnügt nach , denn sie wußten ihre Kätzchen in einem guten Bett . Im Hause Sesemann geht ' s unruhig zu Als Sebastian am folgenden Morgen dem Herrn Kandidaten die Haustür geöffnet und ihn zum Studierzimmer geführt hatte , zog schon wieder jemand die Hausglocke an , aber mit solcher Gewalt , daß Sebastian die Treppe völlig hinunterschoß , denn er dachte : » So schellt nur der Herr Sesemann selbst , er muß unerwartet nachhause gekommen sein . « Er riß die Tür auf - ein zerlumpter Junge mit einer Drehorgel auf dem Rücken stand vor ihm . » Was soll das heißen ? « fuhr ihn Sebastian an . » Ich will dich lehren , Glocken herunterzureißen ! Was hast du hier zu tun ? « » Ich muß zur Klara « , war die Antwort . » Du ungewaschener Straßenkäfer du ; kannst du nicht sagen Fräulein Klara , wie unsereins tut ? Was hast du bei Fräulein Klara zu tun ? « fragte Sebastian barsch . » Sie ist mir vierzig Pfennige schuldig « , erklärte der Junge . » Du bist , denk ' ich , nicht recht im Kopf ! Wie weißt du überhaupt , daß ein Fräulein Klara hier ist ? « » Gestern habe ich ihr den Weg gezeigt , macht zwanzig , und dann wieder zurück den Weg gezeigt , macht vierzig . « » Da siehst du , was für Zeug du zusammenflunkerst ; Fräulein Klara geht niemals aus , kann gar nicht gehen , mach , daß du dahin kommst , wo du hin gehörst , bevor ich dir dazu verhelfe ! « Aber der Junge ließ sich nicht einschüchtern ; er blieb unbeweglich stehen und sagte trocken : » Ich habe sie doch gesehen auf der Straße , ich kann sie beschreiben : sie hat kurzes , krauses Haar , das ist schwarz , und die Augen sind schwarz und der Rock ist braun , und sie kann nicht reden wie wir . « » Oho « , dachte jetzt Sebastian und kicherte in sich hinein , » das ist die kleine Mamsell , die hat wieder etwas angestellt . « Dann sagte er , den Jungen hereinziehend : » ' s ist schon recht , komm mir nur nach und warte vor der Tür , bis ich wieder herauskomme . Wenn ich dich dann einlasse , kannst du gleich etwas spielen ; das Fräulein hört es gern . « Oben klopfte er am Studierzimmer und wurde hereingerufen . » Es ist ein Junge da , der durchaus an Fräulein Klara selbst etwas zu bestellen hat « , berichtete Sebastian . Klara war sehr erfreut über das außergewöhnliche Ereignis . » Er soll nur gleich hereinkommen « , sagte sie , » nicht wahr , Herr Kandidat , wenn er doch mit mir selbst sprechen muß . « Der Junge war schon eingetreten , und nach Anweisung fing er sofort seine Orgel zu drehen an . Fräulein Rottenmeier hatte , um dem Abc auszuweichen , sich im Eßzimmer allerlei zu schaffen gemacht . Auf einmal horchte sie auf . - Kamen die Töne von der Straße her ? Aber so nahe ? Wie konnte vom Studierzimmer her eine Drehorgel ertönen ? Und dennoch - wahrhaftig - sie stürzte durch das lange Eßzimmer und riß die Tür auf . Da - unglaublich - da stand mitten im Studierzimmer ein zerlumpter Orgelspieler und drehte sein Instrument mit größter Emsigkeit . Der Herr Kandidat schien immerfort etwas sagen zu wollen , aber es wurde nichts vernommen . Klara und Heidi hörten mit ganz erfreuten Gesichtern der Musik zu . » Aufhören ! Sofort aufhören ! « rief Fräulein Rottenmeier ins Zimmer hinein . Ihre Stimme wurde übertönt von der Musik . Jetzt lief sie auf den Jungen zu - aber auf einmal hatte sie etwas zwischen den Füßen , sie sah auf den Boden : ein grausiges , schwarzes Tier kroch ihr zwischen den Füßen durch - eine Schildkröte . Jetzt tat Fräulein Rottenmeier einen Sprung in die Höhe , wie sie seit vielen Jahren keinen getan hatte , dann schrie sie aus Leibeskräften : » Sebastian ! Sebastian ! « Plötzlich hielt der Orgelspieler inne , denn diesmal hatte die Stimme die Musik übertönt . Sebastian stand draußen vor der halboffenen Tür und krümmte sich vor Lachen , denn er hatte zugesehen , wie der Sprung vor sich ging . Endlich kam er herein . Fräulein Rottenmeier war auf einen Stuhl niedergesunken . » Fort mit allem , Mensch und Tier ! Schaffen Sie sie weg , Sebastian , sofort ! « rief sie ihm entgegen . Sebastian gehorchte bereitwillig , zog den Jungen hinaus , der schnell seine Schildkröte erfaßt hatte , drückte ihm draußen etwas in die Hand und sagte : » Vierzig für Fräulein Klara , und vierzig fürs Spielen , das hast du gut gemacht « ; damit schloß er hinter ihm die Haustür . Im Studierzimmer war es wieder ruhig geworden ; die Studien wurden wieder fortgesetzt , und Fräulein Rottenmeier hatte sich nun auch festgesetzt in dem Zimmer , um durch ihre Gegenwart ähnliche Greuel zu verhüten . Den Vorfall wollte sie nach den Unterrichtsstunden untersuchen und den Schuldigen so bestrafen , daß er daran denken würde . Schon wieder klopfte es an die Tür , und herein trat abermals Sebastian mit der Nachricht , es sei ein großer Korb gebracht worden , der sogleich an Fräulein Klara selbst abzugeben sei . » An mich ? « fragte Klara erstaunt und äußerst neugierig , was das sein möchte ; » zeigen Sie doch gleich einmal her , wie er aussieht . « Sebastian brachte einen bedeckten Korb herein und entfernte sich dann eilig wieder . » Ich denke , erst wird der Unterricht beendet , dann der Korb ausgepackt « , bemerkte Fräulein Rottenmeier . Klara konnte sich nicht vorstellen , was man ihr gebracht hatte ; sie schaute sehr verlangend nach dem Korb . » Herr Kandidat « , sagte sie , sich selbst in ihrem Deklinieren unterbrechend , » könnte ich nicht nur einmal schnell hineinsehen , um zu wissen , was drin ist , und dann gleich wieder fortfahren ? « » In einer Hinsicht könnte man dafür , in einer anderen dawider sein « , entgegnete der Herr Kandidat ; » dafür spräche der Grund , daß , wenn nun Ihre ganze Aufmerksamkeit auf diesen Gegenstand gerichtet ist - « ; die Rede konnte nicht beendigt werden . Der Deckel des Korbes saß nur lose darauf , und nun sprangen mit einemmal ein , zwei drei und wieder zwei und immer noch mehr junge Kätzchen darunter hervor und ins Zimmer hinaus , und mit einer so unbegreiflichen Schnelligkeit fuhren sie überall herum , daß es war , als wäre das ganze Zimmer voll solcher Tierchen . Sie sprangen über die Stiefel des Herrn Kandidaten , bissen an seinen Beinkleidern , kletterten am Kleid von Fräulein Rottenmeier empor , krabbelten um ihre Füße herum , sprangen an Klaras Sessel hinauf , kratzten , krabbelten , miauten ; es war ein arges Gewirre . Klara rief immerfort voller Entzücken : » O die niedlichen Tierchen ! die lustigen Sprünge ! sieh ! sieh ! Heidi , hier , dort , sieh dieses ! « Heidi schoß ihnen vor Freude in alle Winkel nach . Der Herr Kandidat stand sehr verlegen am Tisch und zog bald den einen , bald den andern Fuß in die Höhe , um ihn dem unheimlichen Gekrabbel zu entziehen . Fräulein Rottenmeier saß erst sprachlos vor Entsetzen in ihrem Sessel , dann fing sie an aus Leibeskräften zu schreien : » Tinette ! Tinette ! Sebastian ! Sebastian ! « denn vom Sessel aufzustehen konnte sie unmöglich wagen , da konnten ja mit einemmal alle die kleinen Scheusale an ihr emporspringen . Endlich kamen Sebastian und Tinette auf die wiederholten Hilferufe herbei , und jener packte gleich eins nach dem andern der kleinen Geschöpfe in den Korb hinein und trug sie auf den Estrich zu dem Katzenlager , das er für die zweie von gestern bereitet hatte . Auch am heutigen Tage hatte kein Gähnen während der Unterrichtsstunden stattgefunden . Am späten Abend , als Fräulein Rottenmeier sich von den Aufregungen des Morgens wieder hinlänglich erholt hatte , berief sie Sebastian und Tinette ins Studierzimmer herauf , um hier eine gründliche Untersuchung über die strafwürdigen Vorgänge anzustellen . Nun kam es denn heraus , daß Heidi auf seinem gestrigen Ausflug die sämtlichen Ereignisse vorbereitet und herbeigeführt hatte . Fräulein Rottenmeier saß weiß vor Entrüstung da und konnte erst keine Worte für ihre Empfindungen finden . Sie winkte mit der Hand , daß Sebastian und Tinette sich entfernen sollten . Jetzt wandte sie sich an Heidi , das neben Klaras Sessel stand und nicht recht begriff , was es verbrochen hatte . » Adelheid « , begann sie mit strengem Ton , » ich weiß nur eine Strafe , die dir empfindlich sein könnte , denn du bist eine Barbarin ; aber wir wollen sehen , ob du unten im dunkeln Keller bei Molchen und Ratten nicht zahm wirst , daß du dir keine solchen Dinge mehr einfallen lässest . « Heidi hörte still und verwundert sein Urteil an , denn in einem schreckhaften Keller war es noch nie gewesen ; der anstoßende Raum in der Almhütte , den der Großvater Keller nannte , wo immer die fertigen Käse lagen und die frische Milch stand , war eher ein anmutiger und einladender Ort , und Ratten und Molche hatte es noch keine gesehen . Aber Klara erhob einen lauten Jammer : » Nein , nein , Fräulein Rottenmeier , man muß warten , bis der Papa da ist ; er hat ja geschrieben , er komme nun bald , und dann will ich ihm alles erzählen , und er sagt dann schon , was mit Heidi geschehen soll . « Gegen diesen Oberrichter durfte Fräulein Rottenmeier nichts einwenden , um so weniger , da er wirklich in Bälde zu erwarten war . Sie stand auf und sagte etwas grimmig : » Gut , Klara , aber auch ich werde ein Wort mit Herrn Sesemann sprechen . « Damit verließ sie das Zimmer . Es verflossen nun ein paar ungestörte Tage , aber Fräulein Rottenmeier kam nicht mehr aus der Aufregung heraus , stündlich trat ihr die Täuschung vor Augen , die sie in Heidis Persönlichkeit erlebt hatte , und es war ihr , als sei seit seiner Erscheinung im Hause Sesemann alles aus den Fugen gekommen und komme nicht wieder hinein . Klara war sehr vergnügt ; sie langweilte sich nie mehr , denn in den Unterrichtsstunden machte Heidi die kurzweiligsten Sachen ; die Buchstaben machte es immer alle durcheinander und konnte sie nie kennen lernen , und wenn der Herr Kandidat mitten im Erklären und Beschreiben ihrer Formen war , um sie ihm anschaulicher zu machen und als Vergleichung etwa von einem Hörnchen oder einem Schnabel sprach dabei , rief es auf einmal in aller Freude aus : » Es ist eine Geiß ! « oder : » Es ist ein Raubvogel ! « Denn die Beschreibungen weckten in seinem Gehirn allerlei Vorstellungen , nur keine Buchstaben . In den späteren Nachmittagsstunden saß Heidi wieder bei Klara und erzählte ihr immer wieder von der Alm und dem Leben dort , so viel und so lange , bis das Verlangen darnach in ihm so brennend wurde , daß es immer zum Schluß versicherte : » Nun muß ich gewiß wieder heim ! Morgen muß ich gewiß gehen ! « Aber Klara beschwichtigte immer wieder diese Anfälle und bewies Heidi , daß es doch sicher dableiben müsse , bis der Papa komme ; dann werde man schon sehen , wie es weiter gehe . Wenn Heidi alsdann immer wieder nachgab und gleich wieder zufrieden war , so half ihm eine fröhliche Aussicht dazu , die es im stillen hatte , daß mit jedem Tage , den es noch da blieb , sein Häuflein Brötchen für die Großmutter wieder um zwei größer würde , denn mittags und abends lag immer ein schönes Weißbrötchen bei seinem Teller ; das steckte es gleich ein , denn es hätte das Brötchen nicht essen können beim Gedanken , daß die Großmutter nie eines habe und das harte , schwarze Brot fast nicht mehr essen konnte . Nach Tisch saß Heidi jeden Tag ein paar Stunden lang ganz allein in seinem Zimmer und regte sich nicht , denn daß es in Frankfurt verboten war , nur so hinauszulaufen , wie es auf der Alm getan , das hatte es nun begriffen und tat es nie mehr . Mit Sebastian drüben im Eßzimmer ein Gespräch führen durfte es auch nicht , das hatte Fräulein Rottenmeier auch verboten , und mit Tinette eine Unterhaltung zu probieren , daran kam ihm kein Sinn ; es ging ihr immer scheu aus dem Wege , denn sie redete nur in höhnischem Ton mit ihm und spöttelte es fortwährend an , und Heidi verstand ihre Art ganz gut , und daß sie es nur immer ausspottete . So saß Heidi täglich da und hatte alle Zeit , sich auszudenken , wie nun die Alm wieder grün war und wie die gelben Blümchen im Sonnenschein glitzerten und wie alles leuchtete rings um die Sonne , der Schnee und die Berge und das ganze , weite Tal , und Heidi konnte es manchmal fast nicht mehr aushalten vor Verlangen , wieder dort zu sein . Die Base hatte ja auch gesagt , es könne wieder heimgehen , wann es wolle . So kam es , daß Heidi eines Tages es nicht mehr aushielt ; es packte in aller Eile seine Brötchen in das große rote Halstuch zusammen , setzte sein Strohhütchen auf und zog aus . Aber schon unter der Haustür traf es auf ein großes Reisehindernis , auf Fräulein Rottenmeier selbst , die eben von einem Ausgang zurückkehrte . Sie stand still und schaute in starrem Erstaunen Heidi von oben bis unten an , und ihr Blick blieb vorzüglich auf dem gefüllten roten Halstuch haften . Jetzt brach sie los . » Was ist das für ein Aufzug ? Was heißt das überhaupt ? Habe ich dir nicht streng verboten , je wieder herumzustreichen ? Nun probierst du ' s doch wieder und dazu noch völlig aussehend wie eine Landstreicherin . « » Ich wollte nicht herumstreichen , ich wollte nur heimgehen « , entgegnete Heidi erschrocken . » Wie ? Was ? Heimgehen ? Heimgehen wolltest du ? « Fräulein Rottenmeier schlug die Hände zusammen vor Aufregung . » Fortlaufen ! Wenn das Herr Sesemann wüßte ! Fortlaufen aus seinem Hause ! Mach nicht , daß er das je erfährt ! Und was ist dir denn nicht recht in seinem Hause ? Wirst du nicht viel besser behandelt , als du verdienst ? Fehlt es dir an irgendetwas ? Hast du je in deinem ganzen Leben eine Wohnung , oder einen Tisch , oder eine Bedienung gehabt , wie du hier hast ? sag ! « » Nein « , entgegnete Heidi . » Das weiß ich wohl ! « fuhr die Dame eifrig fort . » Nichts fehlt dir , gar nichts , du bist ein ganz unglaublich undankbares Kind , und vor lauter Wohlsein weißt du nicht , was du noch alles anstellen willst ! « Aber jetzt kam dem Heidi alles oben auf , was in ihm war , und brach hervor : » Ich will ja nur heim , und wenn ich so lang nicht komme , so muß das Schneehöppli immer klagen und die Großmutter erwartet mich , und der Distelfink bekommt die Rute , wenn der Geißenpeter keinen Käse bekommt , und hier kann man gar nie sehen , wie die Sonne gute Nacht sagt zu den Bergen ; und wenn der Raubvogel in Frankfurt obenüber fliegen würde , so würde er noch viel lauter krächzen , daß so viele Menschen bei einander sitzen und einander bös machen und nicht auf den Felsen gehen , wo es einem wohl ist . « » Barmherzigkeit , das Kind ist übergeschnappt ! « rief Fräulein Rottenmeier aus und stürzte mit Schrecken die Treppe hinauf , wo sie sehr unsanft gegen den Sebastian rannte , der eben hinunter wollte . » Holen Sie auf der Stelle das unglückliche Wesen herauf ! « rief sie ihm zu , indem sie sich den Kopf rieb , denn sie war hart angestoßen . » Ja , ja , schon recht , danke schön « , gab Sebastian zurück und rieb sich den seinen , denn er war noch härter angefahren . Heidi stand mit flammenden Augen noch auf derselben Stelle fest und zitterte vor innerer Erregung am ganzen Körper . » Na , schon wieder was angestellt ? « fragte Sebastian lustig ; als er aber Heidi , das sich nicht rührte , recht ansah , klopfte er ihm freundlich auf die Schulter und sagte tröstend : »