Bruder von ihm , von einem alten Prokuristen des Hauses begleitet , war zu rascher Etablierung des Zweiggeschäfts herübergekommen , und ihren gemeinschaftlichen Anstrengungen gelang es denn auch wirklich , in den ersten Oktobertagen eine Filiale des großen Frankfurter Bankhauses ins Leben zu rufen . Van der Straaten nahm an all diesen Hergängen den größten Anteil und sah es als ein gutes Zeichen und eine Gewähr geschäftskundiger Leitung an , daß Rubehns Besuche seltener wurden und in den Novemberwochen beinahe ganz aufhörten . In der Tat erschien unser neuer » Filialchef « , wie der Kommerzienrat ihn zu nennen beliebte , nur noch an den kleinen und kleinsten Gesellschaftstagen und hätte wohl auch an diesen am liebsten gefehlt . Denn es konnt ihm nicht entgehen und entging ihm auch wirklich nicht , daß ihm von Reiff und Duquede , ganz besonders aber von Gryczinski , mit einer vornehm ablehnenden Kühle begegnet wurde . Die schöne Jacobine suchte freilich durch halb verstohlene Freundlichkeiten alles wieder ins gleiche zu bringen und beschwor ihn , ihres Schwagers Haus doch nicht ganz zu vernachlässigen , um ihretwillen nicht und um Melanies willen nicht , aber jedesmal , wenn sie den Namen nannte , schlug sie doch verlegen die Augen nieder und brach rasch und ängstlich ab , weil ihr Gryczinski sehr bestimmte Weisungen gegeben hatte , jedwedes Gespräch mit Rubehn entweder ganz zu vermeiden oder doch auf wenige Worte zu beschränken . Um vieles heiterer gestalteten sich die kleinen Reunions , wenn die Gryczinskis fehlten und statt ihrer bloß die beiden Maler und Fräulein Anastasia zugegen waren . Dann wurde wieder gescherzt und gelacht , wie damals in dem Stralauer Kaffeehaus , und van der Straaten , der mittlerweile von Besuchen , sogar von häufigen Besuchen gehört hatte , die Rubehn in Anastasias Wohnung gemacht haben solle , hing in Ausnutzung dieser ihm hinterbrachten Tatsache seiner alten Neigung nach , alle dabei Beteiligten ins Komische zu ziehen und zum Gegenstande seiner Schraubereien zu machen . Er sähe nicht ein , wenigstens für seine Person nicht , warum er sich eines reinen und auf musikalischer Glaubenseinigkeit aufgebauten Verhältnisses nicht aufrichtig freuen solle , ja die Freude darüber würd ihm einfach als Pflicht erscheinen , wenn er nicht andererseits den alten Satz wieder bewahrheitet fände , daß jedes neue Recht immer nur unter Kränkung alter Rechte geboren werden könne . Das neue Recht ( wie der Fall hier läge ) sei durch seinen Freund Rubehn , das alte Recht durch seinen Freund Elimar vertreten , und wenn er diesem letzteren auch gerne zugestehe , daß er in vielen Stücken er selbst geblieben , ja bei Tische sogar als eine Potenzierung seiner selbst zu erachten sei , so läge doch gerade hierin die nicht wegzuleugnende Gefahr . Denn er wisse wohl , daß dieses Plus an Verzehrung einen furchtbaren Gleichschritt mit Elimars innerem verzehrenden Feuer halte . Wes Namens aber dieses Feuer sei , ob Liebe , Haß oder Eifersucht , das wisse nur der , der in den Abgrund sieht . In dieser Weise zischten und platzten die reichlich umhergeworfenen van der Straatenschen Schwärmer , von deren Sprühfunken sonderbarerweise diejenigen am wenigsten berührt wurden , auf die sie berechnet waren . Es lag eben alles anders , als der kommerzienrätliche Feuerwerker annahm . Elimar , der sich auf der Stralauer Partie , weit über Wunsch und Willen hinaus , engagiert hatte , hatte durch Rubehns anscheinende Rivalität eine Freiheit wiedergewonnen , an der ihm viel , viel mehr als an Anastasias Liebe gelegen war , und diese selbst wiederum vergaß ihr eigenes , offenbar im Niedergange begriffenes Glück in dem Wonnegefühl , ein anderes hochinteressantes Verhältnis unter ihren Augen und ihrem Schutze heranwachsen zu sehen . Sie schwelgte mit jedem Tage mehr in der Rolle der Konfidenten , und weit über das gewöhnliche Maß hinaus mit dem alten Evahange nach dem Heimlichen und Verbotenen ausgerüstet , zählte sie diese Winterwochen nicht nur zu den angeregtesten ihres an Anregungen so reichen Lebens , sondern erfreute sich nebenher auch noch des unbeschreiblichen Vergnügens , den ihr au fond unbequemen und widerstrebenden van der Straaten gerade dann am herzlichsten belachen zu können , wenn dieser sich in seiner Sultanslaune gemüßigt fühlte , sie zum Gegenstand allgemeiner und natürlich auch seiner eigenen Lachlust zu machen . In der Tat , unser kommerzienrätlicher Freund hätte bei mehr Aufmerksamkeit und weniger Eigenliebe stutzig werden und über das Lächeln und den Gleichmut Anastasias den eigenen Gleichmut verlieren müssen ; er gab sich aber umgekehrt einer Vertrauensseligkeit hin , für die , bei seinem sonst soupçonnösen und pessimistischen Charakter , jeder Schlüssel gefehlt haben würde , wenn er nicht unter Umständen , und auch jetzt wieder , der Mann völlig entgegengesetzter Voreingenommenheiten gewesen wäre . In seiner Scharfsicht oft übersichtig und Dinge sehend , die gar nicht da waren , übersah er ebensooft andere , die klar zutage lagen . Er stand in der abergläubischen Furcht , in seinem Glücke von einem vernichtenden Schlage bedroht zu sein , aber nicht heut und nicht morgen , und je bestimmter und unausbleiblicher er diesen Schlag von der Zukunft erwartete , desto sicherer und sorgloser erschien ihm die Gegenwart . Und am wenigsten sah er sie von der Seite her gefährdet , von der aus die Gefahr so nahe lag und von jedem andern erkannt worden wäre . Doch auch hier wiederum stand er im Bann einer vorgefaßten Meinung , und zwar eines künstlich konstruierten Rubehn , der mit dem wirklichen eine ganz oberflächliche Verwandtschaft , aber in der Tat auch nur diese hatte . Was sah er in ihm ? Nichts als ein Frankfurter Patrizierkind , eine ganz und gar auf Anstand und Hausehre gestellte Natur , die zwar in jugendliche Torheiten verfallen , aber einen Vertrauens- und Hausfriedensbruch nie und nimmer begehen könne . Zum Überflusse war er verlobt und um so verlobter , je mehr er es bestritt . Und abends beim Tee , wenn Anastasia zugegen und das Verlobungsthema mal wieder an der Reihe war , hieß es vertraulich und gutgelaunt : » Ihr Weiber hört ja das Gras wachsen und nun gar erst das Gras ! Ich wäre doch neugierig , zu hören , an wen er sich vertan hat . Eine Vermutung hab ich und wette zehn gegen eins , an eine Freiin vom deutschen Uradel , etwa wie Schreck von Schreckenstein oder Sattler von der Hölle . « Und dann widersprachen beide Damen , aber doch so klug und so vorsichtig , daß ihr Widerspruch , anstatt irgend etwas zu beweisen , eben nur dazu diente , van der Straaten in seiner vorgefaßten Meinung immer fester zu machen . Und so kam Heiligabend , und im ersten Saale der Bildergalerie waren all unsre Freunde , mit Ausnahme Rubehns , um den brennenden Baum her versammelt . Elimar und Gabler hatten es sich nicht nehmen lassen , auch ihrerseits zu der reichen Bescherung beizusteuern : ein riesiges Puppenhaus , drei Stock hoch , und im Souterrain eine Waschküche mit Herd und Kessel und Rolle . Und zwar eine altmodische Rolle mit Steinkasten und Mangelholz . Und sie rollte wirklich . Und es unterlag alsbald keinem Zweifel , daß das Puppenhaus den Triumph des Abends bildete , und beide Kinder waren selig . Sogar Lydia tat ihre Vornehmheitsallüren beiseit und ließ sich von Elimar in die Luft werfen und wieder fangen . Denn er war auch Turner und Akrobat . Und selbst Melanie lachte mit und schien sich des Glücks der andern zu freuen oder es gar zu teilen . Wer aber schärfer zugesehen hätte , der hätte wohl wahrgenommen , daß sie sich bezwang , und mitunter war es , als habe sie geweint . Etwas unendlich Weiches und Wehmütiges lag in dem Ausdruck ihrer Augen , und der Polizeirat sagte zu Duquede : » Sehen Sie , Freund , ist sie nicht schöner denn je ? « » Blaß und angegriffen « , sagte dieser . » Es gibt Leute , die blaß und angegriffen immer schön finden . Ich nicht . Sie wird überhaupt überschätzt , in allem , und am meisten in ihrer Schönheit . « An den Aufbau schloß sich wie gewöhnlich ein Souper , und man endete mit einem schwedischen Punsch . Alles war heiter und guter Dinge . Melanie belebte sich wieder , gewann auch wieder frischere Farben , und als sie Riekchen und Anastasia , die bis zuletzt geblieben waren , bis an die Treppe geleitete , rief sie dem kleinen Fräulein mit ihrer freundlichen und herzgewinnenden Stimme nach : » Und sieh dich vor , Riekchen . Christel sagt mir eben , es glatteist . « Und dabei bückte sie sich über das Geländer und grüßte mit der Hand . » Oh , ich falle nicht « , rief die Kleine zurück . » Kleine Leute fallen überhaupt nicht . Und am wenigsten , wenn sie vorn und hinten gut balancieren . « Aber Melanie hörte nichts mehr von dem , was Riekchen sagte . Der Blick über das Geländer hatte sie schwindlig gemacht , und sie wäre gefallen , wenn sie nicht van der Straaten aufgefangen und in ihr Zimmer zurückgetragen hätte . Er wollte klingeln und nach dem Arzte schicken . Aber sie bat ihn , es zu lassen . Es sei nichts , oder doch nichts Ernstes , oder doch nichts , wobei der Arzt ihr helfen könne . Und dann sagte sie , was es sei . Vierzehntes Kapitel Entschluß Erst den dritten Tag danach hatte sich Melanie hinreichend erholt , um in der Alsenstraße , wo sie seit Wochen nicht gewesen war , einen Besuch machen zu können . Vorher aber wollte sie bei der Madame Guichard , einer vor kurzem erst etablierten Französin , vorsprechen , deren Confections und künstliche Blumen ihr durch Anastasia gerühmt worden waren . Van der Straaten riet ihr , weil sie noch angegriffen sei , lieber den Wagen zu nehmen , aber Melanie bestand darauf , alles zu Fuß abmachen zu wollen . Und so kleidete sie sich in ihr diesjähriges Weihnachtsgeschenk , einen Nerzpelz und ein Kastorhütchen mit Straußenfeder , und war eben auf dem letzten Treppenabsatz , als ihr Rubehn begegnete , der inzwischen von ihrem Unwohlsein gehört hatte und nun kam , um nach ihrem Befinden zu fragen . » Ah , wie gut , daß Sie kommen « , sagte Melanie . » Nun hab ich Begleitung auf meinem Gange . Van der Straaten wollte mir seinen Wagen aufzwingen , aber ich sehne mich nach Luft und Bewegung . Ach , unbeschreiblich ... Mir ist so bang und schwer ... « Und dann unterbrach sie sich und setzte rasch hinzu : » Geben Sie mir Ihren Arm . Ich will zu meiner Schwester . Aber vorher will ich Ballblumen kaufen , und dahin sollen Sie mich begleiten . Eine halbe Stunde nur . Und dann geb ich Sie frei , ganz frei . « » Das dürfen Sie nicht , Melanie . Das werden Sie nicht . « » Doch . « » Ich will aber nicht freigegeben sein . « Melanie lachte . » So seid ihr . Tyrannisch und eigenmächtig auch noch in eurer Huld , auch dann noch , wenn ihr uns dienen wollt . Aber kommen Sie . Sie sollen mir die Blumen aussuchen helfen . Ich vertraue ganz Ihrem Geschmack . Granatblüten ; nicht wahr ? « Und so gingen sie die Große Petristraße hinunter und vom Platz aus durch ein Gewirr kleiner Gassen , bis sie , hart an der Jägerstraße , das Geschäft der Madame Guichard entdeckten , einen kleinen Laden , in dessen Schaufenster ein Teil ihrer französischen Blumen ausgebreitet lag . Und nun traten sie ein . Einige Kartons wurden ihnen gezeigt , und ehe noch viele Worte gewechselt waren , war auch schon die Wahl getroffen . In der Tat , Rubehn hatte sich für eine Granatblütengarnitur entschieden , und eine Direktrice , die mit zugegen war , versprach , alles zu schicken . Melanie selbst aber gab der Französin ihre Karte . Diese versuchte den langen Titel und Namen zu bewältigen , und ein Lächeln flog erst über ihr Gesicht , als sie das » née de Caparoux « las . Ihre nicht hübschen Züge verklärten sich plötzlich , und es war mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Glück und Wehmut , daß sie sagte : » Madame est Française ... ! Ah , notre belle France . « Dieser kleine Zwischenfall war an Melanie nicht gleichgiltig vorübergegangen , und als sie draußen ihres Freundes Arm nahm , sagte sie : » Hörten Sie ' s wohl ? Ah , notre belle France ! Wie das so sehnsüchtig klang . Ja , sie hat ein Heimweh . Und alle haben wir ' s. Aber wohin ? wonach ... ? Nach unsrem Glück ... Nach unsrem Glück ! Das niemand kennt und niemand sieht . Wie heißt es doch in dem Schubertschen Liede ? « » Da , wo du nicht bist , ist das Glück . « » Da , wo du nicht bist « , wiederholte Melanie . Rubehn war bewegt und sah ihr unwillkürlich nach den Augen . Aber er wandte sich wieder , weil er die Träne nicht sehen wollte , die darin glänzte . Vor dem großen Platz , in den die Straße mündet , trennten sie sich . Er , für sein Teil , hätte sie gern weiter begleitet , aber sie wollt es nicht und sagte leise : » Nein , Ruben , es war der Begleitung schon zuviel . Wir wollen die bösen Zungen nicht vor der Zeit herausfordern . Die bösen Zungen , von denen ich eigentlich kein Recht habe zu sprechen . Adieu . « Und sie wandte sich noch einmal und grüßte mit leichter Bewegung ihrer Hand . Er sah ihr nach , und ein Gefühl von Schreck und ungeheurer Verantwortlichkeit über ein durch ihn gestörtes Glück überkam ihn und erfüllte plötzlich sein ganzes Herz . Was soll werden ? fragte er sich . Aber dann wurde der Ausdruck seiner Züge wieder milder und heitrer , und er sagte vor sich hin : » Ich bin nicht der Narr , der von Engeln spricht . Sie war keiner und ist keiner . Gewiß nicht . Aber ein freundlich Menschenbild ist sie , so freundlich , wie nur je eines über diese arme Erde gegangen ist ... Und ich liebe sie , viel , viel mehr , als ich geglaubt habe , viel , viel mehr , als ich je geglaubt hätte , daß ich lieben könnte . Mut , Melanie , nur Mut . Es werden schwere Tage kommen , und ich sehe sie schon zu deinen Häupten stehen . Aber mir ist auch , als klär es sich dahinter . Oh , nur Mut , Mut ! « Eine halbe Woche danach war Silvester , und auf dem kleinen Balle , den Gryczinskis gaben , war Melanie die Schönste . Jacobine trat zurück und gönnte der älteren Schwester ihre Triumphe . » Superbes Weib . Ägyptische Königstochter « , schnarrte Rittmeister von Schnabel , der wegen seiner eminenten Ulanenfigur aus der Provinz in die Residenz versetzt worden war und von dem Gryczinski zu sagen pflegte : » Der geborene Prinzessinnentänzer . Nur schade , daß es keine Prinzessinnen mehr gibt . « Aber Schnabel war nicht der einzige Melanie-Bewunderer . In der letzten Fensternische stand eine ganze Gruppe von jungen Offizieren : Wensky von den Ohlauer kaffeebraunen Husaren , enragierter Sportsman und Steeple-Chase-Reiter ( Oberschenkel dreimal an derselben Stelle gebrochen ) , neben ihm Ingenieur-Hauptmann Stiffelius , berühmter Rechner , mager und trocken wie seine Gleichungen , und zwischen beiden Lieutenant Tigris , kleiner , kräpscher Füsilieroffizier vom Regiment Zauche-Belzig , der aus Gründen , die niemand kannte , mehrere Jahre lang der Pariser Gesandtschaft attachiert gewesen war und sich seitdem für einen Halbfranzosen , Libertin und Frauenmarder hielt . Junge Mädchen waren ihm » ridikül « . Er schob eben , trotzdem er wahre Luchsaugen hatte , sein an einem kurzen Seidenbande hängendes Pincenez zurecht und sagte : » Wensky , Sie sind ja so gut wie zu Haus hier und eigentlich Hahn im Korbe . Wer ist denn dieser Prachtkopf mit den Granatblüten ? Ich könnte schwören , sie schon gesehen zu haben . Aber wo ? Halb die Herzogin von Mouchy und halb die Beauffremont . Un teint de lis et de rose , et tout à fait distinguée . « » Sie treffen es gut genug , mon cher Tigris « , lachte Wensky , » ' s ist die Schwester unsrer Gryczinska , eine geborne de Caparoux . « » Drum , drum auch . Jeder Zoll eine Französin . Ich konnte mich nicht irren . Und wie sie lacht . « Ja , Melanie lachte wirklich . Aber wer sie die folgenden Tage gesehen hätte , der hätte die Beauté jenes Ballabends in ihr nicht wiedererkannt , am wenigsten wär er ihrem Lachen begegnet . Sie lag leidend und abgehärmt , uneins mit sich und der Welt , auf dem Sofa und las ein Buch , und wenn sie ' s gelesen hatte , so durchblätterte sie ' s wieder , um sich einigermaßen zurückzurufen , was sie gelesen . Ihre Gedanken schweiften ab . Rubehn kam , um nach ihr zu fragen , aber sie nahm ihn nicht an und grollte mit ihm wie mit jedem . Und ihr wurde nur leichter ums Herz , wenn sie weinen konnte . So vergingen ein paar Wochen , und als sie wieder aufstand und sprach und wieder nach den Kindern und dem Haushalte sah , schärfer und eindringlicher als sonst , war ihr der energische Mut ihrer früheren Tage zurückgekehrt , aber nicht die Stimmung . Sie war reizbar , heftig , bitter . Und was schlimmer , auch kapriziös . Van der Straaten unternahm einen Feldzug gegen diesen vielköpfigen Feind und im einzelnen nicht ohne Glück , aber in der Hauptsache griff er fehl , und während er ihrer Reizbarkeit klugerweise mit Nachgiebigkeit begegnete , war er , ihrer Caprice gegenüber , unklugerweise darauf aus , sie durch Zärtlichkeit besiegen zu wollen . Und das entschied über ihn und sie . Jeder Tag wurd ihr qualvoller , und die sonst so stolze und siegessichere Frau , die mit dem Manne , dessen Spielzeug sie zu sein schien und zu sein vorgab , durch viele Jahre hin immer nur ihrerseits gespielt hatte , sie schrak jetzt zusammen und geriet in ein nervöses Zittern , wenn sie von fern her seinen Schritt auf dem Korridore hörte . Was wollt er ? Um was kam er ? Und dann war es ihr , als müsse sie fliehen und aus dem Fenster springen . Und kam er dann wirklich und nahm ihre Hand , um sie zu küssen , so sagte sie : » Geh . Ich bitte dich . Ich bin am liebsten allein . « Und wenn sie dann allein war , so stürzte sie fort , oft ohne Ziel , öfter noch in Anastasiens stille , zurückgelegene Wohnung , und wenn dann der Erwartete kam , dann brach alle Not ihres Herzens in bittre Tränen aus , und sie schluchzte und jammerte , daß sie dieses Lügenspiel nicht mehr ertragen könne . » Steh mir bei , hilf mir , Ruben , oder du siehst mich nicht lange mehr . Ich muß fort , fort , wenn ich nicht sterben soll vor Scham und Gram . « Und er war mit erschüttert und sagte : » Sprich nicht so , Melanie . Sprich nicht , als ob ich nicht alles wollte , was du willst . Ich habe dein Glück gestört ( wenn es ein Glück war ) , und ich will es wieder aufbauen . Überall in der Welt , wie du willst und wo du willst . Jede Stunde , jeden Tag . « Und dann bauten sie Luftschlösser und träumten und hatten eine lachende Zukunft um sich her . Aber auch wirkliche Pläne wurden laut , und sie trennten sich unter glücklichen Tränen . Fünfzehntes Kapitel Die Vernezobres Und was geplant worden war , das war Flucht . Den letzten Tag im Januar wollten sie sich an einem der Bahnhöfe treffen , in früher Morgenstunde , und dann fahren , weit , weit in die Welt hinein , nach Süden zu , über die Alpen . » Ja , über die Alpen « , hatte Melanie gesagt und aufgeatmet , und es war ihr dabei gewesen , als wär erst ein neues Leben für sie gewonnen , wenn der große Wall der Berge trennend und schützend hinter ihr läge . Und auch darüber war gesprochen worden , was zu geschehen habe , wenn van der Straaten ihr Vorhaben etwa hindern wolle . » Das wird er nicht « , hatte Melanie gesagt . - » Und warum nicht ? Er ist nicht immer der Mann der zarten Rücksichtsnahmen und liebt es mitunter , die Welt und ihr Gerede zu brüskieren . « - » Und doch wird er sich ' s ersparen , sich und uns . Und wenn du wieder fragst , warum ? Weil er mich liebt . Ich hab es ihm freilich schlecht gedankt . Ach , Ruben , Freund , was sind wir in unserem Tun und Wollen ! Undank , Untreue ... mir so verhaßt ! Und doch ... ich tät es wieder , alles , alles . Und ich will es nicht anders , als es ist . « So vergingen die Januarwochen . Und nun war es die Nacht vor dem festgesetzten Tage . Melanie hatte sich zu früher Stunde niedergelegt und ihrer alten Dienerin befohlen , sie Punkt drei zu wecken . Auf diese konnte sie sich unbedingt verlassen , trotzdem Christel ihren Dienstjahren , aber freilich auch nur diesen nach , zu jenen Erbstücken des Hauses gehörte , die sich , unter Duquedes Führung , in einer stillen Opposition gegen Melanie gefielen . Und kaum , daß es drei geschlagen , so war Christel da , fand aber ihre Herrin schon auf und konnte derselben nur noch beim Ankleiden behilflich sein . Und auch das war nicht viel , denn es zitterten ihr die Hände , und sie hatte , wie sie sich ausdrückte , » einen Flimmer vor den Augen « . Endlich aber war doch alles fertig , der feste Lederstiefel saß , und Melanie sagte : » So ist ' s gut , Christel . Und nun gib die Handtasche her , daß wir packen können . « Christel holte die Tasche , die dicht am Fenster auf einer Spiegelkonsole stand , und öffnete das Schloß . » Hier , das tu hinein . Ich hab alles aufgeschrieben . « Und Melanie riß , als sie dies sagte , ein Blatt aus ihrem Notizbuch und gab es der Alten . Diese hielt den Zettel neben das Licht und las und schüttelte den Kopf . » Ach , meine gute , liebe Frau , das ist ja gar nichts ... Ach , meine liebe , gute Frau , Sie sind ja ... « » So verwöhnt , willst du sagen . Ja , Christel , das bin ich . Aber Verwöhnung ist kein Glück . Ihr habt hier ein Sprichwort : Wenig mit Liebe . Und die Leute lachen darüber . Aber über das Wahrste wird immer gelacht . Und dann , wir gehen ja nicht aus der Welt . Wir reisen bloß . Und auf Reisen heißt es : Leicht Gepäck . Und sage selbst , Christel , ich kann doch nicht mit einem Riesenkoffer aus dem Hause gehn . Da fehlte bloß noch der Schmuck und die Kassette . « Melanie hatte , während sie so sprach , ihre Hände dicht über das halb niedergebrannte Feuer gehalten . Denn es war kalt , und sie fröstelte . Jetzt setzte sie sich in einen nebenstehenden Fauteuil und sah abwechselnd in die glühenden Kohlen und dann wieder auf Christel , die das wenige , was aufgeschrieben war , in die Tasche tat und immer leise vor sich hin sprach und weinte . Und nun war alles hinein , und sie drückte den Bügel ins Schloß und stellte die Tasche vor Melanie nieder . So verging eine Weile . Keiner sprach . Endlich aber trat Christel von hinten her an ihre junge Herrin heran und sagte : » Jott , liebe , jnädige Frau , muß es denn ... Bleiben Sie doch . Ich bin ja bloß solche alte , dumme Person . Aber die Dummen sind oft gar nicht so dumm . Und ich sag Ihnen , meine liebe Jnädigste , Sie jlauben jar nich , woran sich der Mensch alles jewöhnen kann . Jott , der Mensch jewöhnt sich an alles . Und wenn man reich ist und hat so viel , da kann man auch viel aushalten . Un vor mir wollt ich woll einstehn . Un wie jeht es denn ? Un wie leben denn die Menschen ? In jedes Haus is ' n Gespenst , sagen sie jetzt , un das is so ' ne neumodsche Redensart ! Aber wahr is es . Und in manches Haus sind zweie , un rumoren , daß man ' s bei hellen , lichten Dage hören kann . Un so war es auch bei Vernezobres . Ich bin ja nu fufzig , und dreiundzwanzig hier . Und sieben vorher bei Vernezobres . Un war auch Kommerzienrat un alles ebenso . Das heißt beinah . « » Und wie war es denn ? « lächelte Melanie . » Jott , wie war es ? Wie ' s immer is . Sie war dreißig un er war fufzig . Un sie war sehr hübsch . Drall und blond , sagten die Leute . Na , un er ? Ich will jar nich sagen , was die Leute von ihm alles gesagt haben . Aber viel Jutes war es nich ... Un natürlich , da war ja denn auch ein Baumeister , das heißt eigentlich kein richtiger Baumeister , bloß einer , der immer Brücken baut for Eisenbahnen un so , un immer mit ' n Gitter un schräge Löcher , wo man durchkucken kann . Un der war ja nu da un wie ' n Wiesel , un immer mit ins Konzert un nach Saatwinkel oder Pichelsberg , un immer ' s Jaquette übern Arm , un Fächer un Sonnenschirm , un immer Erdbeeren gesucht un immer verirrt un nie da , wenn die Herrschaften wieder nach Hause wollten . Un unser Herr , der ängstigte sich un dacht immer , es wäre was passiert . Un was die andern waren , na , die tuschelten . « » Und trennten sie sich ? Oder blieben sie zusammen ? Ich meine die Vernezobres « , fragte Melanie , die mit halber Aufmerksamkeit zugehört hatte . » Natürlich blieben sie . Mal hört ich , weil ich nebenan war , daß er sagte : Hulda , das geht nicht . Denn sie hieß wirklich Hulda . Und er wollt ihr Vorwürfe machen . Aber da kam er ihr jrade recht . Un sie drehte den Spieß um un sagte : was er nur wolle ? Sie wolle fort . Un sie liebe ihn , das heißt den andern , un ihn liebe sie nicht . Un sie dächte gar nicht dran , ihn zu lieben . Und es wär eijentlich bloß zum Lachen . Und so ging es weiter , und sie lachte wirklich . Un ich sag Ihnen , da wurd er wie ' n Ohrwurm und sagte bloß : sie sollte sich ' s doch überlegen . Un so kam es denn auch , un als Ende Mai war , da kam ja der Vernezobresche Doktor , so ' n richtiger , der alles janz genau wußte , der sagte , sie müßte nach ' s Bad , wovon ich aber den Namen immer vergesse , weil da der Wellenschlag am stärksten ist . Un das war ja nu damals , als sie jrade die große Hängebrücke bauten , un die Leute sagten , er könnt es alles am besten ausrechnen . Un was unser Kommerzienrat war , der kam immer bloß sonnabends . Un die Woche hatten sie frei . Un als Ende August war oder so , da kam sie wieder und war ganz frisch un munter un hatte orntlich rote Backen un kajolierte ihn . Und von ihm war gar keine Rede mehr . « Melanie hatte , während Christel sprach , ein paar Holzscheite auf die Kohlen geworfen , so daß es wieder prasselte , und sagte : » Du meinst es gut . Aber so geht es nicht . Ich bin doch anders . Und wenn ich ' s nicht bin , so bild ich es mir wenigstens ein . « » Jott « , sagte Christel , » en bißchen anders is es immer . Un sie war auch bloß von Neu-Cölln ans Wasser , un die Singuhr immer jrade gegenüber . Aber die war nich schuld mit Üb immer Treu und Redlichkeit . « » Ach , meine gute Christel , Treu und Redlichkeit ! Danach drängt es jeden , jeden , der nicht ganz schlecht ist . Aber weißt du , man kann auch treu sein , wenn man untreu ist . Treuer als in der Treue . « » Jott , liebe Jnädigste , sagen Se doch so was nich . Ich versteh es eigentlich nich . Un das muß ich Ihnen sagen , wenn einer so was sagt un ich versteh es nicht , denn is es immer schlimm . Un Sie sagen , Sie sind anders . Ja , das is schon richtig , un wenn es auch nich janz richtig is , so is es doch