die Dicke , den ganzen Kopf voll mit Papierlocken . Höre , sagt er , du hast es nicht erkannt , aber ich bin selbst ein Jude . Freilich aus einem anderen Land , aus Preußen . Aber nicht darum allein möchte ich mich gern deiner annehmen , sondern weil du höchst wahrscheinlich ein großes Talent bist . Ob du es bist , ob du wirklich für das Theater taugst oder nicht , weiß ich nicht gewiß . So , wie du jetzt bist , kann es dir niemand mit Gewißheit sagen . Aber bei Gott und auf Ehre ! - soweit ich es jetzt beurteilen kann , taugst du vortrefflich dazu , mehr als ich , mehr als jemand von meinen Leuten . Wenn du schon älter wärst oder in einem guten , angenehmen Leben , ich möchte dir das vielleicht nicht sagen . Aber als Fuhrknecht hast du nichts zu verlieren . Und darum will ich , wenn dein Entschluß feststeht , dein Rater und Helfer sein . Mir sind die Tränen in die Augen gekommen , wie er so gut zu mir geredet hat . Ich dank ' Ihnen tausendmal ! - ich hab ' s sagen wollen , aber es ist mir nicht über die Lippen getreten . Endlich fass ' ich mich und sage : Übermorgen komm ' ich wieder und bleibe ! Nein , ruft er , jetzt darfst du noch nicht in das lustige , unsichere Leben hinein ! - Um Gottes willen nicht ! Bleibe zwei Jahre an einem Ort und lerne Deutsch - das ist das Wichtigste - lesen , schreiben , sprechen . Ferner mußt du so das Notwendigste wissen , das übrige findet sich . Hast du in Barnow Gelegenheit dazu ? Wenn es sein muß , mein ' ich , so wird sich alles finden . Gut , sagt er , ich bin jeden Winter hier , vom Oktober bis zum März . Aber vor Ablauf von zwei Jahren will ich dich nicht sehen . Wenn du mir schreiben willst , so wird ' s mich freuen . Ich heiße Nadler , Adolf Nadler . Und nun - Gott mit dir ! Und mit Ihnen , Sie guter Mensch , sag ' ich unter Tränen , und : Sie werden von mir hören ! Und geh ' fort und lade meinen Schmule auf und fahr ' zurück nach Barnow ... « Siebentes Kapitel Als ein veränderter Mensch kam Sender in sein armseliges Heimatstädtchen zurück . Wohl trieb er noch zuweilen seine tollen Possen , aber wahrlich nur als Deckmantel für seine Pläne . Es war eine wilde Energie in ihm wach geworden , die er selbst einige Tage vorher nimmer in sich geahnt hätte , noch minder ein anderer . Alle Sehnen seiner Seele spannten sich , so jäh , so stark , daß er es fast schmerzlich empfand , fast unheimlich , wie den Eingriff einer fremden , übermächtigen Hand . Aber trotz dieser jähen Gluten im Herzen - und dies ist vielleicht der beste Beweis , daß sie echt gewesen - ward er nach außen schlau , vorsichtig , bedächtig . Von seiner Unterredung mit dem Direktor erfuhr zunächst niemand . Vielleicht sagte es ihm der Instinkt , noch mehr als die Überlegung , daß ihn dies nur hemmen müsse . Und dann - » Vor der Thora in der Betschul ' hängt ja auch ein Vorhang « , pflegte er später darüber zu sagen , » mein Plan war meine Thora ... « Er begriff , daß er als Fuhrknecht die » deutsche Weisheit « nicht erlernen könne , und trat vor die Mutter - das unstete Leben freue ihn nicht mehr . Frau Rosel vernahm es erfreut und stimmte eifrig zu . Aber als er nun bat , nach Czernowitz gehen zu dürfen , schlug sie dies rund ab . Was er in der unheiligen Stadt wolle , fragte sie . Er erwiderte : er gedenke bei einem geschickten Meister denn doch wieder die Uhrmacherei zu erlernen . » Gut , werde Uhrmacher « , entschied sie . » Aber hier in Barnow . « Sender widersprach nicht . Und als ihm die Mutter am nächsten Tage mitteilte , daß sie ihn bei Jossele Alpenroth , dem geschicktesten Uhrmacher des Städtchens , in die Lehre getan habe , sträubte er sich auch dagegen nicht und trat in die Werkstätte ein . Aber sein Entschluß stand fest : fand er in Barnow keinen Lehrer des Deutschen , so mußte er auf eigene Faust hinaus - in die Fremde ... Da griff abermals ein seltsamer Zufall in sein Leben , oder doch etwas , was wir armen , kurzsichtigen Menschen gemeiniglich so nennen ... Am Eingang des Städtchens , abseits der Heerstraße , stand damals ein großes , hölzernes Haus , von Ställen und Fruchtschobern umgeben . Die Türen der Baracke waren schwarzgelb angestrichen , und über dem Tore prangte ein kaiserlicher Adler . Das war das k.k. Verpflegsmagazin von Barnow , welches man drei Jahre vorher , im Spätherbst 1849 , in größter Eile gezimmert hatte . Der Unternehmer dieser Bauten , Leib Rosenstengel aus Tluste , war so reich daran geworden , daß er sich im nächsten Jahr bereits Leo nannte , aber dies war auch der einzige Segen , den die Baracke brachte . Denn das armselige Gebäude bot keinen Schutz vor Kälte , Wind und Regen , und im April 1854 , als man es am nötigsten brauchte , stürzte es nachts im Frühlingssturm zusammen . Zwei Soldaten blieben tot , einige andere wurden zu Krüppeln geschlagen und meilenweit trug der Sturmwind die Vorräte über die Heide , daß die Bauern um Barnow noch lange schmunzelnd von dem unverhofften Manna erzählten . Zwei Monate darauf bekam Leo Rosenstengel den Franz-Josephs-Orden . Ob aber nur um dieses oder auch noch einiger ähnlicher Verdienste willen , steht jedoch nicht fest . Zur Zeit , da Sender einen Mentor suchte , im Frühling 1852 , stand dieses Haus noch , und darin wohnten die Beamten der Verpflegskanzlei und ein » Flügel Fuhrwesen « , was , aus der k.k. österreichischen Militärsprache übersetzt , eine Abteilung Trainsoldaten bedeutet . Es ist dies gerade kein Elitekorps . Der » Fahrer « , wie der Gemeine heißt , ist mehr Pferdeknecht als Soldat und wird schon darum von den Kameraden anderer Waffen über die Achsel angesehen . Er muß Dienstleistungen verrichten , gegen welche sich der soldatische Stolz sträubt , er ist gleichsam nur ein Anhängsel der streitbaren Macht . Darum geht niemand freiwillig zum Fuhrwesen , sondern diese Truppe setzt sich zum Teil aus jenen Rekruten zusammen , die für eine andere Waffengattung körperlicher oder geistiger Gründe wegen untauglich scheinen , zum Teil aus Soldaten , welche sich durch unziemliche Aufführung diese Versetzung als Strafe zugezogen . Der » Furbes « ist der Prügelknabe der Armee , er gilt , bis das Gegenteil erwiesen ist , als Dummkopf oder Spitzbube . Heute ist dies übrigens besser als in jenen Tagen , da die » Fünfundzwanzig « blühten , insbesondere sind wohl derzeit die Offiziere des Korps Männer anderer Artung , als ihre Vorgänger in den Flitterjahren der Reaktion . Das waren stramme , rohe Grauköpfe , welche vom Gemeinen aufwärts gedient , zwanzig Jahre Feldwebel gewesen und schließlich das Leutnantspatent bei dieser Truppe erhalten , weil sie bei der ihrigen nicht recht in die Offiziersgesellschaft gepaßt hätten . Oder auch sehr junge Herrchen , welche so lange leichtfertige Schulden gemacht oder sonstige Streiche verübt , bis sie endlich vor der Alternative standen : Fuhrwesen oder Quittierung des Dienstes ! Wie das Verhältnis solcher Vorgesetzten zu einer solchen Mannschaft sich gestaltete , braucht kaum gesagt zu werden . Die Disziplin wurde leidlich aufrecht erhalten , aber wahrlich nur durch jene Wunder , welche ein wahrhaft österreichischer Heiliger jener Tage verrichtete : » Der heilige Haslinger ( Haselstock ) « . Es war an einem Sabbatnachmittag im Frühjahr , da unser Sender gedankenvoll aus dem Städtchen wandelte und dann über die Seredbrücke . Auf der » Promenade « , unter den Linden , welche längs des Flusses stehen , spazierten die geputzten Leute aus der » Gasse « langsam und vergnüglich auf und nieder , er aber eilte an ihnen vorbei , er wollte allein sein . Seine Gedanken waren gerade nicht heiter , und tröstlichere wollten ihm nicht kommen , so sehr er sich auch sein Hirn zerquälte . Seit zwei Wochen war er nun Lehrling bei Jossele , aber einen Meister der » deutschen Weisheit « hatte er bisher nicht gefunden . In der Klosterschule freilich wurde sie gelehrt , er selbst hatte bei dem Sohne des Doktor Schlesinger eine Fibel gesehen , und dieser Knabe hatte ihn stolz versichert , das sei zwar nur der Anfang der Weisheit , doch wer diesen Anfang erst erfaßt habe , verstehe eigentlich schon alles übrige . Aber an diese Schule konnte er ja nicht ernstlich denken . Des Doktors Sohn freilich durfte straflos zu den Dominikanern gehen ; sein Vater war zwar auch ein Jude , aber zugleich ein » Deutsch « , ein angesehener Mann . Ihn aber hätte für die bloße Absicht sein Lehrherr entlassen , der Rabbi gezüchtigt , die Mutter verstoßen und die Gemeinde halb tot geschlagen . So war es denn seine einzige und ach ! sehr karge Hoffnung , einen Menschen zu finden , der ihn heimlich lehren könne , wonach ihn dürstete . Aber einen solchen Weisen kannte er nicht , mindestens keinen , an den er sich hätte heranwagen mögen . Da war der reiche Grünstein , Schlome Grünstein , der » Meschumed « ( Abtrünnige ) , wie sie ihn nannten , weil er in seiner Jünglingszeit aus deutschen Büchern sündiges Wissen gesogen . Der wußte gewiß viel , aber er war ein kranker , gebrochener Mann , der sich heute ängstlich von ähnlichen Sünden fernhielt und wohl kaum an die Bestrebungen seiner Jugend erinnert sein wollte . Da war ferner der einzige christliche Privatlehrer des Ortes , Herr Osner , ein hageres , bewegliches Männchen , welches jahraus , jahrein denselben gelblichen Rock trug und in der Rechten eine riesige Tabaksdose . Aber dieser Herr war erstens sehr geschwätzig und konnte kaum ein Geheimnis bewahren , zweitens lebte er ja vom Unterrichten und verlangte vielleicht zwanzig Kreuzer für die Stunde - wie sollte Sender das viele Geld aufbringen ! Noch schlimmer lagen die Dinge bei Luiser Wonnenblum , dem Gemeindeschreiber , und bei Dovidl Morgenstern , dem » Privatagenten « , das heißt Winkelschreiber . Sie konnten Deutsch , weil sie es fürs Geschäft erlernt , waren aber sehr habgierig . Kurz , je länger der arme Junge darüber nachdachte , desto trauriger ward er , desto mehr festigte sich in ihm der Entschluß , nach Czernowitz zu fliehen - das war sein Mekka , dort war ja jeder Jude ein » Deutsch « . Der Gedanke , die Mutter zu verlassen , ihr Schmerz zu bereiten , war ihm wohl peinlich , aber er hinderte ihn nicht . » Sie hat viel für mich getan « , dachte er , » aber das war ja ihre Pflicht , ich bin ja ihr Fleisch und Blut ! Es wird sie anfangs sehr schmerzen , aber bin ich nur einmal erst ein großer Komödiant , so wird sie ja auch viel Freude und Ehre davon haben und ein sorgenfreies Leben ! « Während er sich all dies wieder einmal in Gedanken zurechtlegte , wohl zum tausendsten Male in den Tagen , seit er heimgekehrt , hatte er absichtslos einen Pfad eingeschlagen , den er sonst sicherlich vermieden hätte . Am linken Ufer des Sered , in der Vorstadt Wygnanka , die von Bauern und den ärmsten Juden bewohnt wird , erhebt sich ein Hügel , welchen sie im ganzen Kreise den » Barnower Berg « nennen ; der mäßige Hügel ist eben in dieser ungeheuren Ebene auf Meilen sichtbar . Auf dem Gipfel stehen die Trümmer einer Burg , des Stammhauses der Grafen Bortynski , der Besitzer von Barnow . Nur die mächtigen Quadern der Ringmauer stehen noch aufrecht und im Schloßhof die Strebepfeiler der Kapelle und der Brunnenrand , sonst liegt alles in Schutt und Staub , und manche unheimliche Sage knüpft sich an die düstere Ruine . Da wandelt , nicht etwa um Mitternacht , sondern im hellen Sonnenschein , ein Weib im Schlosse herum , ein hohes , schlankes Weib , in der Tracht verschollener Tage und wiegt , leise singend , ein Kind , das sie in den Armen trägt . Das Kind aber hat eine rote Blutspur um den Hals und schlägt nimmer die Augen auf , obwohl die Mutter es innigst herzt und küßt . Auch ein lustiges Gespenst ist dort zu sehen , gleichfalls am hellen Mittag , ein junger Leibeigener , der aber seinen Kopf statt auf dem Halse unter dem Arm trägt und die Begegnenden gern um etwas bittet . So hat er einmal den alten , reichen Bauer Fedko Czunteliak aus Altbarnow um eine Pfeife Tabak ersucht - ganz freundschaftlich , wie ein Bruder den anderen . Der alte Fedko war damals sehr betrunken , aber als das Gespenst ihn antrat , da erschrak er so heftig , daß er in zehn Sätzen den Berg hinabsprang und unten nüchtern ankam . Auch kann man oft eine Glocke im Gemäuer hören - bim , bam - es klingt hell und klar , man kann es weithin hören . Aber wer es vernimmt , soll sich schnell die Ohren zustopfen . Denn die Glocke hat einen merkwürdigen Klang ; wer ihm lange zuhört , hat keine Freude mehr auf Erden und sehnt sich nach dem Tode . Einer hat auch gesehen , wer die Glocke läutet : ein junger Mönch mit einem bleichen , müden Gesichte ... Um all diesen Spuk zu bannen , haben die Bauern im Schloßhofe ein großes , rotes Kreuz aufgerichtet mit dem Bilde des Erlösers und einem Täfelchen , auf dem in russinischer Sprache geschrieben steht : » Herr , erbarme dich des Sünders ! « Aber trotz des Kreuzes meiden sie doch ängstlich die Ruine , und die Juden tun eben wegen des Kreuzes dasselbe . Auch Sender zuckte zusammen , als er sich plötzlich am Eingang der Ruine fand , und wandte sich eilig zur Flucht . Dann aber schämte er sich , auch trieb ihn die Neugier , doch mindestens einen Blick in den Burghof zu tun . » Der Pojaz fürchtet sich nicht ! « murmelte er , um sich Mut zu machen , halblaut vor sich hin . Er machte sich auf vieles gefaßt , aber beim besten Willen konnte er zuerst nichts Unheimliches gewahren . Über dem verfallenen Gemäuer war tiefste Einsamkeit , und breit und voll legte sich die Sonne auf die Steine und das Gras , das lustig dazwischen emporschoß . Tausend Mücken schwirrten wie ein Goldregen durch die Frühlingsluft , weiße Falter kreisten langsam um das Gesträuch im Hofe und auf den Pfeilern der Kapelle zwitscherten die Sperlinge . Der Jüngling trat weiter vor , aber als er nun den ganzen Burghof übersehen konnte , unterdrückte er mit Mühe einen Schreckensruf und blieb wie erstarrt stehen : Da saß ja im Winkel hinter der Kapelle das kopflose Gespenst , und neben ihm blitzte ein breites Schwert im Grase ! ... » Gott der Heerscharen , laß zerstieben , was nicht auf die Erde gehört « , murmelte er mühsam . Es war der Stoßseufzer , welcher dem Gläubigen in so sonderbarer Lage vorgeschrieben ist . Aber das Gespenst zerstob nicht , und als er genauer hinblickte , mußte er sich sagen , daß es mindestens nicht gar zu unheimlich gekleidet sei . Das Gespenst trug einen braungrauen Waffenrock mit blauen Aufschlägen , eine k.k. Reithose und gespornte Stiefel . Auch lag neben dem Schwerte ein Tschako , und das ließ beruhigend den dazu gehörigen Kopf ahnen . Und als Sender nun ermutigt schärfer hinblickte , entdeckte er , daß dieser Kopf in der Tat an der rechten Stelle saß , nur war er so tief gesenkt , daß man ihn kaum gewahrte . » Ein Furbes « , murmelte Sender erleichtert , » da ist gewiß auch eine Köchin in der Nähe . « Aber von einem weiblichen Geschöpf war nichts zu gewahren . Der Soldat war allein und saß unbeweglich da , das Haupt tief hinabgeneigt . Neugierig schlich Sender näher und stieß unwillkürlich einen leisen Schrei der Verwunderung aus , der Mann hielt ein Büchlein im Schoße ! » Der Furbes liest ! « Sender konnte sich vor Erstaunen nicht fassen , bei einem Furbes hätte er solche Kunst und Beschäftigung nimmer vermutet ... Der einsame Leser hatte in seiner Versunkenheit den leisen Ruf überhört , er fuhr fort , Blatt um Blatt hastig zu überfliegen . In dem schmalen , kränklichen Gesicht glühten die Wangen , die Augen leuchteten , und nun erhob er die Stimme und las in seltsamem , ergreifenden Ton , fast wie man ein Gebet spricht : » Ja , ja , die deutsche Fahne siegt , Die halbe Aula ist ja dort - Der Windischgrätz , trotz allem Mord , Er hat sie doch nicht untergekriegt , Die braven Wiener Studenten ! Will ' s Gott , so wird nun wieder bald Die teure Fahne aufgerollt Im Aulahofe : Schwarz-Rot-Gold , Und lustig bald das Lied erschallt Von den braven Wiener Studenten ! « Er hatte immer lauter gelesen , immer voller und fester klang die Stimme und die letzten Worte hatte er jubelnd gerufen . Aber nun entsank das Buch seinen Händen , er starrte vor sich hin , dann schlug er jählings die Hände vors Gesicht und begann heftig zu weinen . Sender ward immer erstaunter - von den Worten des Gedichtes hatte er natürlich nichts verstanden . Aber noch mehr als die Rührung des Mannes interessierte ihn die Tatsache , daß dieser lesen konnte . Zögernd trat er auf den Schluchzenden zu . » Verzeihen Sie zur Güte « , sagte er schüchtern , » ich möchte Sie gerne etwas fragen tun ! « Die Wirkung dieser Worte war eine ungeheure und solchen Effekt hatte Sender jedenfalls nicht erwartet . In tödlichem Schreck zuckte der Soldat empor , sein Antlitz ward leichenfahl und die starren Augen drängten fast aus den Höhlen . » Was wollen Sie ? « rief er endlich und die zitternden Hände krampften sich um das Büchlein zusammen , als müßte er es beschützen . » Gott ! « stammelte Sender nun selber erschreckt . » Nur eine Frage möcht ' ich Sie fragen ! « » Was ? Wer sind Sie ? « Der Mann war noch immer schreckensfahl und schob das Buch mit zitternder Hand in den Stiefelschaft . Das gab unserem Sender den Mut zurück . » Warum erschrecken Sie ? « fragte er mit überlegenem Lächeln . » Bin ich ein Räuber ? Will ich Sie erschlagen ? Nur eine Frage - « » Was wollen Sie ? « Aber Sender zog es vor , zuerst beruhigend zu wirken . » Gewiß nichts Böses , Herr Furbes ! Sie haben einen Säbel , ich nicht - ich bin wirklich froh , wenn Sie mir nichts tun ! Sehen Sie , ich bin so spazieren gegangen , weil heute Sabbat ist , und auf einmal habe ich Sie gesehen , wie Sie sitzen und lesen . Da war ich sehr verwundert . Denn was tut gewöhnlich ein Furbes , wenn er keinen Dienst hat ? Geht zu Roth-Moschele , dem Lumpen , in die Schenke , weil man ihn anderswo gar nicht hineinläßt , und trinkt , bis er unter den Tisch fällt . Denk ' ich mir , der da ist ein merkwürdiger Furbes , den muß ich in der Nähe anschauen . « » Nun - das haben Sie jetzt getan ! « » Ja - und Sie haben wirklich kein Gesicht , wie die anderen . Ein feines Gesicht haben Sie - ein gutes Gesicht - auf Ehre ! Sie werden nicht böse werden , wenn ein armer Jung ' Sie etwas fragt ! Sie werden mir in Güte antworten ! « Der Soldat hatte sich allmählich beruhigt . » Fragen Sie ! « sagte er milder . » Gleich ! ... Aber warum sagen Sie Sie zu mir ? Sie sind wirklich der erste Mensch , der das tut ! Ich bin Fuhrknecht gewesen und jetzt bin ich Lehrling bei einem Uhrmacher , und Sender heiß ' ich und ein jüdischer Jung ' bin ich - zu mir sagt man du ! « » Zu mir auch ! « erwiderte der Mann und lächelte bitter . » Ich bin ein gemeiner Soldat beim Fuhrwesen ! « » Gott behüte ! « wehrte Sender ab . » Sie sind ja ein Mann , welcher lesen kann ! Lesen ! Und eben deswegen möchte ich Sie ja etwas fragen - nämlich - also - ist es schwer ? « » Was ? « » Nun - in deutschen Büchern zu lesen ! Und in welcher Zeit könnte man es erlernen , wenn man sich sehr viele Mühe gibt ? « Wieder lächelte der Mann , aber es war ein anderes , gutmütiges Lächeln . » In wenigen Wochen « , sagte er . » Wollten Sie es lernen ? « » Ich ? Ob ich es will ? « rief Sender leidenschaftlich . » Was gibt es auf der Welt , was ich mehr wollte ? Nichts ! Nichts ! « » Warum ? « » Weil ich ja Komödiant werden muß - « » Wa-as ? « rief der Soldat erstaunt . Das Wort war dem armen Sender nur so entfahren . Aber nun blickte er dem Mann ins Gesicht - trotz aller Düsterkeit und Trauer blickten die blauen Augen hell und offen , wie die eines Kindes . Und darum faßte sich nun Sender ein Herz . » Ja « , sagte er , » Komödiant ! Mit einem Menschen wenigstens muß ich davon reden , es drückt mir ja sonst das Herz ab . « Und er sagte dem wildfremden Menschen alles , alles . Der Soldat hörte ernst und ruhig zu , nur zuweilen glitt , rasch wie ein Blitz , ein Lächeln über sein bleiches , müdes Antlitz . Aber als Sender endlich fertig war , seufzte er tief auf . » Gut , mein Junge « , sagte er , » dir ist zum Glück leichter zu helfen als mir ! « Sender wollte fragen , aber er traute sich nicht - auf dem Antlitz des Soldaten lag ein so tiefes Weh . » Werden Sie mich nicht verraten ? « wagte er endlich zu bitten . » Nein - aber du mich auch nicht ? « » Ich ? « fragte Sender , » was kann ich von Ihnen verraten ? ! Sie sind gesessen und haben gelesen und geweint - Ihre Kameraden sitzen bei Roth-Moschele und treiben es wie die Schweine - das ist ja nur eine Ehre für Sie - wirklich ! « » Und wenn du davon erzählst und mein Rittmeister hört es durch einen Zufall , was meinst du , wie er mich dafür belohnt ? « » Weiß ich ? - Er wird Sie dafür beloben ... « » Beloben ? « Der Soldat lachte bitter und sagte dann langsam , zähneknirschend : » Er läßt mich auf die Bank legen und halb tot prügeln ! « » Beschütz uns Gott ! « rief Sender erschreckt . » Ich werde schweigen wie das Grab ! Aber « , fuhr er zögernd fort , » verzeihen Sie zur Güte - nämlich , ich verstehe das nicht . Bei uns Juden darf man keine deutschen Bücher lesen , weil die Chassidim sagen , daß es eine Sünde gegen Gott ist . Aber Sie sind ja kein Jude - oder ist es auch den Soldaten verboten ? « » Den Soldaten ? Nein ! Wenigstens den meisten nicht . Aber mir ist es verboten ! « » Ihnen allein ? « » Mir und noch einigen hundert anderen , die derselbe Fluch getroffen hat , wie mich ! « » Ein Fluch ? ... Wer hat Sie denn verflucht ? Bei uns verflucht der Rabbi - hat Sie auch ein Geistlicher verflucht ? « » Nein ! « » Wer sonst ? « » Die Reaktion ! « » Wer ist das ? « fragte Sender . » Es scheint - ein Frauenzimmer - Aha ! gewiß eine Liebschaft ... « Der Soldat mußte lächeln , trotz seiner tiefen Betrübnis . Er schüttelte den Kopf . » Nein ? ! Dann müssen Sie es zur Güte entschuldigen « , bemerkte der Jüngling schüchtern , » aber ich hab ' s wirklich geglaubt . « » Es war keine Liebschaft « , sagte der Soldat , » und die Reaktion ist kein Weib . Aber wollte man sie so abbilden , man müßte eine häßliche Hexe hinmalen , Schlangen ums Haupt und Torturwerkzeuge in den Händen ... « » Das versteh ' ich nicht - verzeihen Sie zur Güte ... « » Und du würdest es auch nicht verstehen , wenn ich es dir auch noch so genau erklären wollte . « » Hm ! « meinte Sender selbstbewußt , » ich bin gar nicht dumm - auf Ehre ! - ganz gescheit bin ich . Probieren Sie ' s nur - ich werd ' s schon verstehen . Und dann - vielleicht geht es Ihnen so wie mir , Sie müssen wenigstens einen Menschen haben , mit dem Sie so reden können , wie Ihr Herz will ... « Der Soldat nickte traurig . » Das wäre allerdings ein großes Glück « , sagte er leise , » ein Glück , nach dem ich mich schon lange schmerzlich sehne ... Also höre ! Hast du nie etwas von der Aula gehört ? « » Es klingt wieder wie der Name von einem christlichen Frauenzimmer « , sagte Sender zögernd . » Nein , ich habe nie etwas von ihr gehört ! « » Und von der Revolution ? « » Natürlich ! Das war ja erst vor vier Jahren . Der Kaiser hat die große Revolution gegeben , - alle Leute haben Lichter in die Fenster gestellt . « » Das war die Konstitution - « » Kann sein , daß die auch dabei war , bei uns hat man gesagt : Die Revolution . Ich bin damals als Kutscher im Lande herumgefahren und hab ' mir die Sach ' überall angeschaut , ich erinnere mich , als wär ' s gestern geschehen . So gegen das Frühjahr sind die Leute auf einmal verrückt geworden vor Freude . Warum ? Die Studenten in Wien haben dem Kaiser die Fenster eingeworfen , aber er hat ihnen verziehen und ihnen noch obendrein dafür die große Revolution geschenkt . Alle Bauern sollen freie Menschen sein , die Juden sollen gleiche Rechte haben wie die Christen , und jeder Mensch darf Schnaps verkaufen und Tabak bauen ! Und die Steuern , hat man erzählt , werden kleiner und hören mit der Zeit ganz auf . Was das für ein Jubel war - nicht zu erzählen ! Haben Sie nichts davon gehört ? ! « » O doch ! « » Nu also ! Auch die Polen sind herumgeritten mit großen Bändern um den Leib und haben geschrieen : Jetzt wird Polen wieder einig ! Da kommt ein Schreiber vom Kreisamt und bringt den Befehl : Alle müssen sich bewaffnen , damit sie den Kaiser beschützen , und damit sie die Revolution beschützen , denn die Polen wollen vom Kaiser abfallen und der Revolution etwas antun ! Was sie ihr antun wollen , hat eigentlich niemand gewußt , aber alle haben sich bewaffnet - mit Säbel , mit Flinten oder mit Heugabeln , und obwohl die Säbel stumpf waren und die Flinten nicht geladen , so hat sich doch jeder vor seiner eigenen Waffe gefürchtet . Aber täglich hat die ganze Gemeinde in der Frühe ausrücken müssen zur Übung , die Nazenal hat das geheißen - « » Die Nationalgarde ? « » Ja - die Nazenal . Viel hätten sie nicht gegen die Polen ausgerichtet , aber zum Glück waren die Bauern da , und haben ihre Sensen gerade gehämmert und gesagt : Wer sich gegen unseren Kaiser rührt , den schlagen wir tot . Da sind die Polen plötzlich sehr demütig geworden und haben gesagt : Es ist alles nur ein Spaß gewesen ! Und im Herbste hat sich gezeigt , daß leider auch alles andere ein Spaß gewesen ist - die ganze kaiserliche Revolution , über die man sich so gefreut hat . Der Jud ' ist Jud ' geblieben , so rechtlos wie früher ; die Steuern haben nicht aufgehört , sondern sind im Gegenteil größer geworden als je zuvor ; wer Tabak gebaut hat , hat ihn an das kaiserliche Magazin abliefern müssen , und das Recht , Schnaps zu verkaufen , hat den Gutsherren gehört , so wie früher . Nur die Bauern sind frei geblieben und haben die Robot nicht mehr leisten müssen . Man hat erzählt , der Kaiser hat die Revolution wieder zurückgenommen , weil die Studenten noch einmal keck gegen ihn waren . Und dann hat man gehört , die Ungarn schlagen sich mit unseren Soldaten herum , und darauf sind die Russen gekommen , und wie sie zurück sind , ist alles in Ordnung gewesen und ganz still und ganz ruhig ... « » Ja « , sagte der Soldat mit bitterem Lächeln . » Ganz ruhig - die Ruhe eines Friedhofs . Aber wenn ein Gott im Himmel lebt , so wird es einmal wieder laut werden , sehr laut - und dann